Er schob den Brief in den Ärmel seines Überrocks und machte sich auf
den Weg.
Eine Weile noch spann seine Phantasie die holdseligen Träume weiter.
Dann aber begannen sich seine Gedanken mit dem Ziel seines Besuches zu
beschäftigen.
Er hatte genug im Regiment von Frau von Brandeis gehört, um zu wissen,
daß er einem nicht ganz gewöhnlichen Erlebnis entgegengehe.
Niemand wollte so recht begreifen, wie Herr von Brandeis an diese Frau
gekommen war.
Ein liebenswürdiger Herr von tadellosen Manieren, einigem
Unterhaltungstalent und auch von durchschnittlichen militärischen
Fähigkeiten.
Daß er allerdings einmal im Schießen mit seiner Kompagnie den
Kaiserpreis davongetragen, das schrieb man weniger seinen eigenen
Bemühungen zu, als der Tüchtigkeit seines Kompagnieoffiziers, des
nunmehrigen Regimentsadjutanten, Oberleutnant von Schoenawa. Und so
mißgönnte man ihm ein klein wenig den Roten Adlerorden vierter Klasse,
den er diesem glänzenden Schießresultat seiner Kohorte verdankte.
Was man aber als ganz und gar wohlverdient ansah, das waren die
zahlreichen Frühstücksorden, die ihm zuteil geworden waren, wenn er das
Regiment bei Fürstenbesuchen und Hoffestlichkeiten zu vertreten hatte;
denn seine Repräsentationstalente waren beträchtlich, und Englisch und
Französisch sprach er wie seine Muttersprache.
Aber das alles waren doch keine Qualitäten, die Anspruch auf die Gunst
einer Dame, wie seine Frau war, gewährten!
Frau Cäcilie war vor anderthalb Jahren dem Regiment wie ein Stern
aufgegangen ...
Jeder kannte die Höhe ihrer Mitgift und wußte, daß sie auf ein noch
ganz anderes Vermögen Anwartschaft hatte, wenn sie einmal ihre noch
recht rüstigen Eltern in Wiesbaden beerben würde.
Inmitten eines Offizierkorps, dessen Angehörige weder von Hause aus
noch im großen und ganzen infolge ihrer ehelichen Verbindungen durch
namhafte Vermögen ausgezeichnet waren, gab soviel Geld immerhin die
Folie des Außergewöhnlichen.
Aber mehr noch als diese äußeren Güter war es der Ruf ihrer
eigenartigen Schönheit, ihres Geistes und ihrer Talente, was sie hoch
über das Durchschnittsniveau der im Regiment vertretenen Weiblichkeit
heraushob und die erstaunte Frage berechtigte, wie eine solche Dame
sich mit einer glatten Mittelmäßigkeit wie Fritz von Brandeis habe
begnügen können! --
Es herrschte in den gesellschaftlichen Beziehungen der Herren des
Regiments zu seinen Damen im allgemeinen ein ausgezeichneter Ton. Die
Frauen und Töchter der Kameraden galten auch den ausgesprochensten Don
Juans als Tabu.
Um die schöne Frau von Brandeis aber, die Tochter der Künstlerstadt,
wehte es wie ein geheimnisvoller Hauch von Seltsamem ... geheimnisvoll
Lockendem ... der sie aus der Schar der bieder korrekten Frauen und
Mädchen heraushob, die man sonst an der Seite der Kameraden zu sehen
gewohnt war ...
Und die keckern unter den jüngern Herren hatten denn auch in aller
Vorsicht einmal Fühler ausgestreckt -- aber sie waren rasch und
gründlich enttäuscht worden --