Der Besucher verstand. »Ich darf die Damen nicht länger aufhalten!«

»Ich hoffe, Sie werden mir noch mehr von Schiller erzählen, Herr

Frobenius,« sagte das Mädchen, indem es sich erhob.

»Ich fürchte,« meinte Frobenius, »dazu wird kaum Gelegenheit sein!«

»Aber gewiß! -- erstens sehen wir uns doch nächstens auf dem

Regimentsfest -- und zweitens werden wir doch hoffentlich bald einmal

das Vergnügen haben -- nicht wahr, Mama? -- Herrn Frobenius bei uns zu

sehen!?«

»Ich hoffe das gleiche,« sagte Frau von Sassenbach in einem Ton, der

wenig mit dem Inhalt ihrer Worte stimmte ..

»Leben Sie wohl, Herr Frobenius, und seien Sie nochmals bedankt ... ja

... seien Sie bedankt ...! Auf Wiedersehn, Herr Frobenius!«

Beim Aufstehen kamen Beine und Säbel abermals in Konflikt.

Was tat's! -- -- Auf Wiedersehn! hatte sie gesagt -- auf Wiedersehn --

--

* * * * *

In dem Kreise der Gleichgültigen und Zurückhaltenden, in dem Frobenius

sich bewegte, hatte er, ohne es zu wissen und zu ahnen, einen

geschworenen verbissenen Feind.

Major von Sassenbach hatte sich beim Hauptmann Goll genau nach den

Umständen erkundigt, unter denen der Reitunfall des Landwehroffiziers

zustande gekommen war.

Goll hatte ihm erzählt, wie besorgniserregend sich der Gaul bereits

auf dem Kasernenhof benommen -- wie er sich dann beim Ausreiten zum

Exerzierplatz zur Ruhe gegeben habe, beim Klang der ersten Schüsse aber

plötzlich wie wahnsinnig geworden und nach kurzem Widerstande seines

Reiters in besinnungsloser Karriere mit ihm davongerast sei.

Der Major hatte sich erinnert, daß Leutnant von Finette ihm erzählt,

es handle sich um ein notorisch verdorbenes Pferd, und er hielt sich

für verpflichtet, festzustellen, wie es zusammenhängen mochte, daß die

Verwaltung des Tattersalls einen solchen Schinder einem Offizier zu

dienstlicher Verwendung an die Hand zu geben gewagt habe.

Zufällig kam er in den nächsten Tagen an der Reitbahn vorbei, suchte

den Direktor auf und beschwerte sich sehr energisch.

Der schien untröstlich, ließ sofort den Stallaufseher kommen. Dieser

war sehr erstaunt, daß ihm eine Rüge zugedacht war; just dieses Pferd

sei ausdrücklich verlangt worden.

Von wem denn?

Ja, das wisse er nicht mehr. Er müsse in der Liste nachsehen.

Er kam zurück, meldete: der Bursche des Oberleutnants Menshausen habe

das Pferd bestellt -- anzuschreiben für Herrn Leutnant der Landwehr

Frobenius.

Nun wußte der Major genug.

Er sprach dem Direktor der Reitbahn sein Bedauern über das

Mißverständnis aus, empfahl sich und überlegte ...

Was tun? -- Offenbar hatte der kaltherzige Geselle, den der Major

ohnedies nicht leiden konnte, dem harmlosen Landwehrfritzen einen

infamen Streich gespielt -- Was war nun anzufangen --? Frobenius

Mitteilung machen --? Aber dann mußte es ja Mord und Totschlag geben --

-- Nein -- er wollte sich den intriganten Herrn privatim vorbinden.

Bei nächster Gelegenheit stellte er Menshausen: »Herr Oberleutnant, Ihr

Bursche hat am vergangenen Donnerstag vormittag im Tattersall ein Pferd

abgeholt -- war das für Sie oder für jemand anders?«

Das fahlbraune Gesicht des Oberleutnants wurde noch um einen Ton fahler

... die aufgedrehten Schnurrbartspitzen zuckten leise ... »Das war --

für jemand anders, Herr Major!«

»Für wen denn?«

»Für den Leutnant der Landwehr Frobenius!«

»Wie kamen Sie dazu?«

»Der Bursche des Herrn Frobenius wußte noch nicht Bescheid im

Tattersall!«

»So -- und da haben Sie ihm also freundlicherweise den Ihrigen zur

Verfügung gestellt?«

»Zu Befehl, Herr Major!«

»Und -- wie war es denn möglich, daß der Bursche mit dem notorisch

unbrauchbaren und gemeingefährlichen Viech angezogen gekommen ist?«

»-- -- Woher soll ich das wissen, Herr Major!? -- ich bedaure das

selbst aufs lebhafteste -- ist eben 'ne kolossale Schweinerei von den

Stallburschen im Tattersall.«

»Hm -- also ~Sie~ hatten dem Burschen keine Anweisung gegeben,

welches Pferd er bringen solle?«

»Ich, Herr Major? -- --«

In diesem Augenblick stieg eine dunkle Welle in das schnauzbärtige

Antlitz des Stabsoffiziers ... die starken Kinnmuskeln begannen

mächtig zu arbeiten ... zwischen den zusammengepreßten Lippen drang

keuchend der Atem hervor und blies die lang herabhängenden grauen

Schnurrbartborsten in die Höhe ...

Herrgott, der Major wußte Bescheid! -- Wie? -- das mochte der Teufel

wissen --!

»Ich bitte ganz gehorsamst um Verzeihung, Herr Major -- ich habe die

Unwahrheit gesagt --«

»Das heißt: Sie haben mich unverschämt belogen, Herr! -- Frech und

schamlos belogen haben Sie mich!!«

»Herr Major, ich muß ganz gehorsamst bitten --«

»Gar nichts bitten müssen Sie ... Soll ich Sie dem Ehrenrat melden --?!

Wissen Sie, was dann mit Ihnen passiert?!«

Totenblaß, mit bebenden Lippen stand Menshausen vor dem Vorgesetzten

... die weißbehandschuhte Rechte am Mützenschirm flatterte hin und her

...

»Haben Sie gewußt, daß der Herr von der Landwehr keinen Schimmer vom

Reiten hatte?«

»Nein, Herr Major -- ich habe ihn erst am Tage vorher beim Mittagessen

kennen gelernt.«

»Na, und da haben Sie ihm nicht auf den ersten Blick angesehen, daß er

nicht der Mann ist, einen solchen Racker zur Räson zu bringen?!«

Menshausen schwieg.

»Geben Sie also zu, daß Sie sich einer Infamie schuldig gemacht haben?«

»Herr Major --!«

»Geben Sie's zu --?! Oder wollen Sie's vom Ehrengericht bescheinigt

haben?! -- Nicht nur, daß Sie sich skandalös unkameradschaftlich

benommen haben ... Sie haben ein Menschenleben in Gefahr gebracht ...

Na, und Sie wissen ja auch, wem Sie's zu verdanken haben, daß Sie nicht

als fahrlässiger Mörder dastehen --! Genügt Ihnen das nicht, um einfach

in den Boden zu sinken, Sie -- --? Also noch einmal: geben Sie zu, daß

Sie sich ganz unqualifizierbar benommen haben -- geben Sie's zu --?«

»Es -- es -- -- soll nicht wieder vorkommen, Herr Major!«

»Ich denke in diesem Augenblick daran, daß Ihr verstorbener Herr Vater

ein Kriegsschulkamerad von mir gewesen ist ... dazu können Sie sich

gratulieren ... sonst -- -- Aber ich werde Sie im Auge behalten, Herr

Oberleutnant -- verlassen Sie sich darauf! Danke --!!«

-- -- Für diese Stunde hatte Menshausen Rache geschworen.

Ohne daß Frobenius eine Ahnung davon hatte, umlauerte Menshausen seinen

ganzen Lebenswandel, dienstlichen und außerdienstlichen ... Irgendwo

würde man schon etwas finden, wo man hinterhaken könnte ...

Es war ja doch auch reinweg zum Verrecken ... immer kam aller Ärger von

den verdammten Gehirnfatzken, die dem ehrlichen Soldaten hier in seine

Arbeit hineinkorksten ...

Vor wenig Tagen hatte er draußen bei der Felddienstübung wegen des

versedrechselnden Einjährigen einen Riesenanriß besehen ... und nun

diese gottverfluchte Schweinerei, die ihn das Wohlwollen seines

Bataillonskommandeurs gekostet hatte! --

Das sollte nicht vergessen werden --!

* * * * *

Während die Reserveoffiziere sich bei den höhern Vorgesetzten lediglich

dienstlich zu melden hatten, war es üblich im Regiment, daß sie ihrem

Kompagniechef noch einen gesellschaftlichen Besuch in dessen Wohnung

abstatteten; bei den verheirateten Herren pflegten sie aber zwei Karten

nur dann abzugeben, wenn sie dazu besonders aufgefordert wurden.

Das lag ja bei Martin Flamberg vor ...

Eines Morgens nach dem Dienst warf er sich in Besuchsanzug, um Frau von

Brandeis seine Aufwartung zu machen.

Er hatte, wie täglich bei der Rückkehr von der Kaserne, ein zärtliches

Briefchen seiner Braut vorgefunden, und während er sein zweites

Frühstück verzehrte, überlas er, ein stilles Lächeln um die Lippen, die

beglückenden Zeilen ...

Agathe richtete zurzeit daheim das eheliche Nest ein und meldete

freudestrahlend, daß die Saloneinrichtung aufgestellt sei ...

»Auch noch für ein anderes Zimmer sind die Möbel angekommen. Denk dir

selbst, du Schlimmer, für welches!«

Sommerleutnants · 第 13 / 52 题