Also wirklich, es ging »um die Wurst!«

Ach ... und dabei war Hans Friesen heute so ganz und gar nicht dazu

aufgelegt, seine Gedanken auf den Königlichen Dienst zu konzentrieren

... Auf halb zwölf war er zu Frau Hauptmann von Brandeis befohlen, um

dort den Damen des Regiments, die bei der Festaufführung im Kasino

mitwirken sollten, und dem Herrn Bataillonsadjutanten das Festspiel

vorzulesen, das -- er selbst -- Hans Friesen, verfaßt hatte ...

Er, Hans Friesen, seiner bürgerlichen Hantierung nach Königlich

preußischer Gerichtsreferendar und Doktor beider Rechte -- zurzeit

Seiner Majestät jüngster Unteroffizier ...

Wahrlich ... es war keine Kleinigkeit gewesen, unmittelbar nach

bestandenem Referendarexamen ... unmittelbar nach dem Übergang aus

dem heitern Studentenleben in Amt und Würde hinein ... plötzlich ein

gemeiner Füsilier zu werden und unter der Fuchtel roher Unteroffiziere

inmitten derber Söhne des Volkes die Geheimnisse des langsamen Schritts

und des Infanteriegewehrs zu erlernen! ...

Und das nun gar, wenn man nicht nur ein alter Korpsstudent und

königlicher Justizbeamter, sondern außerdem -- ein werdender Dichter

war.

Ach, noch zwei Monate ... dann würde die Schinderei zu Ende sein, und

Hans Friesen würde wieder zu seinen geliebten Manuskripten und seinen

weniger geliebten, aber um so ehrwürdigern Akten zurückkehren

dürfen ...

Vorher aber galt's noch mancherlei Fährnis zu bestehen ...

Das Manöver war in Aussicht, und Hans Friesen war Korporalschaftsführer

... hatte das Vergnügen, jedes Kommißbrot und jede Unterhose für seine

Korporalschaft in Empfang zu nehmen ... Samstags die Ausgehgarnitur

auf Kammer zu empfangen ... und Montags sie wieder in tadellosem

Zustande abzuliefern ... und dazu kamen all die tausend jämmerlichen

und doch so notwendigen Pflichten der Fürsorge für zwanzig stramme

Burschen ...

Das alles zog durch des jungen Soldaten Hirn, als er die ihm

anvertrauten zwei Gruppen in langer Schützenlinie durch den blumigen

Talgrund führte ...

Ach, dieser Talgrund schien so gar nicht geschaffen zum Tummelplatz

für nägelbeschlagene Kommißstiefel ... Hier mußte man mit einem süßen,

braunäugigen Kind engumschlungen wandeln ... und von holden und

freudigen Dingen reden ... holde und freudige Dinge tun ...

Gott, heute mittag würde er ja endlich einmal wieder Mensch sein,

Kavalier sein, würde mit richtigen Damen reden! -- Ob er das nicht

überhaupt schon verlernt hatte im seelenmordenden Gamaschendienst? --

Nun, an ihm sollte es jedenfalls nicht fehlen!

Zwar auf sein Festspiel bildete er sich verdammt wenig ein ... Da

hatte er dem Dichtertum in seinem Busen ganz gründlich Zaum anlegen

müssen ... Er wußte wohl: es war eine schrecklich langweilige, frostige

Allegorie geworden ... Aber Frau Major von Sassenbach hatte ihm durch

Leutnant Blowitz mitteilen lassen, daß sie entzückt sei ... Und das war

ja schließlich doch der Zweck der Übung ...

Und heute mittag würde er von der schönen Frau von Brandeis empfangen

werden ... würde plaudern und studieren dürfen mit ihr und den

schlanken Töchtern des Majors ...

Es war fast wie ein Traum ... so ausgehungert wie man war nach

Schönheit und Glanz in dieser verfluchten Kasernenatmosphäre, in dieser

ekelhaften Tretmühle des Dienstes, in dem verblödenden Milieu der

Unteroffiziere und Füsiliere ...

Merkwürdig nur, daß dies Tälchen sich so endlos lang hinzog. Schon

eine halbe Stunde mußte verflogen sein, seit er sich von der Kompagnie

losgelöst und nun als eine Art kleiner Cäsar, als selbständiger

Detachementsführer, in der Welt herumgondelte.

Allmählich fing's an, unheimlich zu werden.

Er drehte sich um. Schweigsam trotteten seine Füsiliere hinter ihm her,

das Gewehr im Arm, die Nase zum grünen Waldboden gesenkt.

»Sagt mal, Kerls, weiß einer von euch, wo das Gehölz liegt?«

Die Füsiliere sahen einander an. »Wat für en Jehölz?« sagte einer der

alten Leute, »mir wisse nix von eme Jehölz.«

»Na, das Gehölz, wo wir uns aufbauen sollen, zum Donnerwetter!«

»Da hann mir doch nix von gehört -- dat hat dä Herr Oberleu'nant doch

em Herr Unner'ffzier selbst jesagt!« grinste der Füsilier.

»Nä, da wisse mer nix von,« wiederholten grinsend die übrigen Kerle.

Verflucht! -- das war ja 'ne schöne Bescherung.

»Halt!« kommandierte Friesen und überlegte.

Ringsum Bäume, nichts als Bäume, Buchen und Eichen gemischt --

Waldfriede -- Waldfriede -- wunschlose Sommerseligkeit.

Was tun? -- Offenbar war er zu lange geradeaus gegangen, statt nach

links abzubiegen, um den Saum des Wäldchens nach dem Exerzierplatz hin

zu erreichen.

»Ja, zum Donnerwetter, Kerls, weiß denn hier keiner von euch Bescheid?«

»Nä, hier wisse mir kei' Bescheid -- wo will der Herr Unner'ffzier denn

hin?«

»Na, doch natürlich zum Exerzierplatz hinüber, an den Waldrand!«

Die Füsiliere freuten sich königlich. »Dä Exerzierplatz? -- dä litt so

janz do hinne!«

»Himmelkreuzmillionen! -- Also links schwenkt -- marsch!«

Na, vielleicht würde die Erste nicht gar zu früh angreifen, und man kam

noch zur rechten Zeit.

Bäume -- Bäume -- nichts als Bäume. -- Doch ... noch etwas anderes als

Bäume -- unter den Bäumen dichtes Dorngestrüpp ... immer dichter ...

immer dichter ...

Bei jedem Schritt schlugen den Vorwärtsdringenden Brombeerranken und

Tannenzweige ins Gesicht.

Die Füsiliere wurden ungemütlich: »Dat is ja en Schweinerei -- hä kütt

jo ke' Mensch nit dörch -- --«

Das mußte Hans Friesen schließlich selber einsehen. -- Also

zurück -- --

Bautz! -- da fiel in der Ferne der erste Schuß -- plautz! ein zweiter

-- bautz -- bautz -- ein dritter und vierter ... Das Gefecht mußte

begonnen haben -- --

Himmel -- und nun verließ sich der Oberleutnant Menshausen darauf,

daß im entscheidenden Augenblick aus dem Hinterhalt das wohlgezielte

Feuer der zwei detachierten Gruppen dem Feind in die Flanke fallen und

seinen Ansprung über das Blachfeld des Exerzierplatzes lahmlegen würde

...

Ade, Leutnantsqualifikation ... ade, Epaulettes und Schärpe.

Ade, holdselige Hoffnung auf ein paar Stunden eines höhern Daseins ...

Nach dieser Blamage, in dieser Elendstimmung vor die schöne Frau von

Brandeis, vor die schlanken Majorstöchter treten, die ihm gewiß seine

schauderhafte militärische Unzulänglichkeit am Gesicht ansehen und ihn

im tiefsten Grund ihrer Seele verachten würden ... das war eine Hölle

statt des erträumten Paradieses!

* * * * *

Martin Flamberg ärgerte sich ein wenig, als beim Beginn der

Felddienstübung Hauptmann von Brandeis ihm die Führung der Kompagnie

übergab ... Das hätte der Hauptmann ihm doch auch vorher sagen können

... dann hätte er sich einen Gaul zwischen die Beine geklemmt ...

Na, es mußte nun auch so gehn!

Mit ruhiger Sicherheit wiederholte er die Spezialidee und den Befehl,

den ihm der Hauptmann mitgeteilt, traf noch unter den Augen seines

Kompagniechefs sachgemäß die erforderlichen Anordnungen für die

Unteroffiziere, die er im Kreise um sich versammelt hatte ...

»Sehr gut, sehr gut!« lobte Hauptmann von Brandeis, »vollkommen

einverstanden! ... Na, und nun viel Vergnügen!« Und damit galoppierte

er von dannen.

Die Kompagnie hatte die Gewehre auf der Chaussee zusammengesetzt ...

die Mannschaft rastete im Graben ...

»An die Gewehre!«

Hui, da kam ein Leben in den Ameisenhaufen ...

»Stillgestanden!«

Und mit drei kurzen Sätzen teilte Flamberg den Mannschaften mit, was

sie zum Verständnis der Kriegslage wissen mußten ...

»Herr Leutnant Carstanjen, treten Sie an!«

Der Kleine salutierte: »Erster Zug -- Gewehr in die Hand ... die

vorderste Gruppe als Spitze -- schwärmen -- der Rest des Zuges folgt

unter dem Sergeanten Clausen!«

Und der Vormarsch der ersten Kompagnie gegen den Feind begann ...

Flamberg schritt in munterm Geplauder mit dem jüngern Kameraden fünf

Schritt vor der Spitze ...

Hei ... welche Lust, Soldat zu sein ...!

Welche Lust ... zu friedlichem und doch so ernstem und wichtigem

Waffenspiel in die blauen Morgennebel hineinzupilgern ...

Nach einer halben Stunde war der Saum des Exerzierplatzes erreicht.

Selbstverständlich brauchte kein Geist vom Himmel herabzusteigen, um

dem Kompagnieführer zu sagen, daß der Feind am Kastanienwäldchen liege

... das war ja doch natürlich seit Jahrzehnten immer so gewesen ...

Und glatt und reglementsmäßig entwickelte sich der Angriff der Ersten

unter den Augen der Schiedsrichter von der Hohen Tanne her auf das

Kastanienwäldchen zu ... das Gelände wurde trefflich ausgenutzt ...

bald zugweise, bald gruppenweise ging die Kompagnie im Sprung über

die kahle Tenne des Platzes gegen den heftig feuernden Gegner vor ...

Und Flamberg begriff nur das eine nicht: daß die ganze Sache so glatt

vonstatten ging.

Er war darauf gefaßt gewesen, einen Flankenangriff von links zu

erleben, und hatte infolgedessen in das Gehölz zu seiner Linken eine

starke Gefechtspatrouille geschickt ... Jeden Augenblick erwartete

er deren Warnungsschüsse zur Linken zu vernehmen ... aber nichts

erfolgte. Und hundert Meter vorm Kastanienwäldchen setzte Flamberg

zum Sturmangriff an ... Mit gezogenem Säbel sprang er zwanzig Schritt

seiner Kompagnie voran beim Sturmmarsch der Tambours und dem dröhnenden

Hurra seiner Füsiliere.

Gerade auf die Mitte des Wäldchens rannte er los, wo die berittenen

Offiziere hielten, denen sich inzwischen, das sah er schon von weitem,

der Bataillonskommandeur mit seinem Adjutanten beigesellt hatte ...

Im Augenblick, als er auf zehn Schritte an die Gruppe herangekommen

war, winkte der Major seinem Hornisten, und: »Das Ganze -- halt!« klang

schmetternd das erwünschte Signal zur Beendigung der Übung über den

weiten Plan.

Sommerleutnants · 第 6 / 52 题