Als der Major die Zügel des Ausreißers ergriffen hatte, ließ Nelly
den rechten Arm schlaff heruntersinken -- ihr war's, als seien alle
seine Sehnen wacklig geworden und baumelten schlapp herunter, wie die
ausgezerrten Kugelgelenke einer Gliederpuppe ... mit leisem Stöhnen zog
sie die Luft durch die Zähne ...
»Tut's weh?« fragte der Vater nochmals besorgt.
»Haarsträubend!« gestand Nelly, »aber du siehst: aus dem Leim ist er
noch nicht ... sehen wir also zunächst mal nach dem da im Graben! ...«
Frobenius war weich gefallen ... zu seinem Glücke war just neben dem
Platz der Katastrophe ein Froschwässerlein im Chausseegraben, das hatte
wie ein elastisches Kissen seinen Sturz aufgefangen ... die Frösche
hatten dabei mehr Schaden genommen als ihr unfreiwilliger Gast ...
Nun saß Frobenius mit der Rückseite seines Körpers in dem Tümpel,
während die Beine noch auf dem Rande der Chaussee lagen. Er hatte
sich aufgerichtet, und seine Arme standen hinter seinem Rücken in dem
Wässerchen ... so sah er drein mit dem Unschuldsblick eines Kindes, das
eben vom Himmel gefallen wäre ... seine Augen suchten, wie aus tiefem
Traum erwachend, nach dem Urheber seines Unglücks ...
Auf einmal sah er neben dem keuchenden und schnaubenden Kuno den
Oberkörper einer Dame ...
Eine Dame? ... wie kam denn die hierher? ... Das war doch nicht etwa
gar ... nein ... das durfte nicht sein ... das wäre zu ungeheuerlich
gewesen ...
Er, ein Mann ... und von einem jungen Mädel gerettet ... das wäre gar
nicht wieder gut zu machen ...
Und -- -- Teufel ... kam da nicht eben gar sein Bataillonskommandeur
herangesprengt, mit dem er sich gestern abend bei der letzten Flasche
Sekt so glänzend unterhalten --?
Und der war sorglich um das junge Mädchen bemüht ... fragte nach ihrem
Befinden -- --
Ja ... gab's denn so was überhaupt? ... war eine solche Blamage denn
überhaupt faßbar? ...
Der Major nannte das junge Mädchen du ... sie sagte Vater zu ihm ...
Gerettet von der Tochter seines Bataillonskommandeurs! ...
Das war so ungeheuerlich ... so unwahrscheinlich -- -- daß es schon
fast nicht mehr ernst zu nehmen war ...!
Und wie nun Wilhelm Frobenius an sich selber herunterschaute und sich
rücklings in dem Froschtümpel sitzen sah, da verschwand jede Spur
persönlicher Beschämung vor der reinen Freude an der haarsträubenden
Komik der Situation ...
Als der Major sich überzeugt hatte, daß seine Tochter heil sei, und
beide sich dem Opfer der Katastrophe zuwandten ... da saß dies Opfer in
seinem Überzug von Schlamm und Algen ... und lachte ... lachte selig
wie ein Kind, das einen fabelhaft gelungenen Streich ausgeführt hat und
nun auf allgemeine Dankbarkeit Anspruch macht ...
Einen Augenblick waren die Retterin und ihr Vater völlig verblüfft
... dann aber stimmten auch sie erlöst und überwältigt ein in die
erdentrückte Heiterkeit des langen Menschen im Froschpfuhl ...
»Donnerwetter! -- Sie scheinen sich in Ihrem Tümpel da ja ganz
behaglich zu fühlen! -- Wie lange wollen Sie denn da eigentlich noch
sitzen bleiben?«
Und die junge Dame fragte: »Soll ich vom Pferde runterkommen und Ihnen
die Hand geben?«
Da kam Wilhelm Frobenius denn doch zu Besinnung.
Er versuchte aufzuspringen ... aber das war nicht so leicht ...
Es blieb ihm nichts übrig, als die Beine, die bisher so schön
auf dem Trocknen gelegen hatten, von ihrem hochgelegenen Platze
herunterzudirigieren.
Und so, am ganzen Leibe triefend und mit grünem Schlamm überzogen,
richtete Wilhelm Frobenius seine lange Gestalt auf, stieg auf die
Chaussee und machte eine tragikomische Verbeugung.
»Darf ich Herrn Major ganz gehorsamst bitten, mich vorzustellen?!«
Abermals platzte Nelly heraus.
»Ja,« sagte der Major, »als was soll ich Sie denn nun vorstellen -- als
Leutnant der Landwehr? -- Das geht doch nicht gut; denn augenblicklich
haben Sie mit allem Möglichen Ähnlichkeit ... aber mit einem Leutnant
... Also, sagen wir schlechtweg: Herr Frobenius -- meine Tochter
Nelly!«
»Na, nun bedanken Sie sich mal schön bei mir!« sagte Nelly und rieb den
schmerzenden Arm, »wer weiß, wo Sie jetzt schon wären, wenn ich mich
nicht über Sie erbarmt hätte!«
»Eigentlich müßte ich Ihnen böse sein, mein gnädiges Fräulein ...
stellen Sie sich vor, welch ein Schicksal meiner wartet! -- Meinen Sie
nicht auch, daß mir besser wäre, dieser infame Schinder hätte mich da
hinten irgendwo gegen einen Baum gerannt? ... Dann wäre jetzt alles
vorbei und ich läge friedlich und entseelt irgendwo an der Landstraße
... aber jetzt: -- so ein Lachen, wie über mich anheben wird, ist doch
überhaupt noch gar nicht dagewesen. Das habe ich Ihnen zu verdanken,
mein gnädiges Fräulein!«
Dabei strahlten hinter den funkelnden Brillengläsern die braunen Augen
des Mannes zu dem Mädchen empor, mit einem Ausdruck, der just das
Gegenteil seiner Worte sagte:
Ahnst du, Mädchen, wie lieb ich das Leben hab? ... ahnst du, wieviel
ich noch wirken und schaffen möcht' auf dieser Erde? ... ahnst du, was
für ein krauses, sehnsüchtiges, umgetriebenes Herz das ist, das nun
weiter schlagen darf dank deiner schnellen Tat?
Einen Augenblick lang hatte dies geheimnisvolle Leuchten der braunen
Augen die stahlblauen der Retterin festgehalten ... dann aber ließ sie
ihre Blicke an der hageren Gestalt herabgleiten ...
Nein, so eine Karikatur! ...
Von den grün überkleisterten Rockschößen ... von den Ärmelaufschlägen
hernieder triefte es in den Staub der Chaussee ... Die dürren Beine in
den schlammüberkrusteten Reitstiefeln schlotterten vor Nässe und Frost
...
Der Instinkt der Soldatentochter lehnte sich auf gegen dieses Zerrbild
... Der Herr trug doch nun mal des Königs Rock ... nun galt's vor
allem, die unmögliche Situation zu retten ...
Mit Überraschung sah Frobenius, daß das Zucken des Lächelns und der
Teilnahme plötzlich, wie weggeweht, vom Gesicht des jungen Mädchens
verschwand.
»Herr Leutnant,« sagte sie mit unüberhörbarer Ironie, »mein Vater war
gerade im Begriff, zum Bataillon zu reiten -- Gehn Sie bitte dort
irgendwo in den Wald und legen Sie sich in die Sonne zum Trocknen ...
meine Schwester und ich werden Ihr Pferd mit zum Tattersall nehmen und
Ihnen einen Wagen herausschicken ... So können Sie ja unmöglich in die
Stadt zurück!«
»Ah, das ist ja 'ne ausgezeichnete Idee!« stimmte der Major zu.
Zerschmettert sah Wilhelm Frobenius an seiner jammervollen Erscheinung
herunter ... »Allerdings -- Sie haben wohl recht, gnädiges Fräulein!
Ich danke Ihnen! -- Den Dank für meine ... Rettung ... hoffe ich Ihnen
... in etwas schicklicherer Verfassung ...«
»Schon gut, schon gut!« sagte Nelly, »nur schnell von der Chaussee
herunter, Herr Leutnant ... Da hinten kommt schon eine Kompagnie vom
Exerzierplatz zurück ...!«
»Ah, gut, gut!« sagte der Major, »also schnell, Herr Leutnant,
verschwinden Sie! -- Und ihr, Mädels,« -- das galt Nelly und der soeben
herankommenden Molly -- »macht, daß ihr nach Hause kommt ... Ich halte
den Schinder so lange und werde ihn der Kompagnie dort übergeben; die
kann ihn zur Stadt zurückschaffen ...!«
Mit kurzem, herbem Kopfnicken verabschiedete sich die junge Dame von
ihrem Schützling, der barhaupt im prallen Sonnenschein vor ihr stand
und mit schlotternden Gliedern eine hilflos befangene Verbeugung machte
... In schlankem Galopp stoben die beiden Reiterinnen nach rechts der
Stadt zu.
Der Major ergriff die Zügel Kunos des Schrecklichen, der wie ein
Lämmchen folgte, grüßte kurz mit der Linken und sprengte der
anmarschierenden Kompagnie entgegen.
Wilhelm Frobenius aber stapfte an seinem Tümpel vorüber ... durch
den Chausseegraben ... in den Wald ... und suchte sich ein sonniges
Plätzchen aus ...
Fünftes Kapitel.
Die Kompagnie, die auf der Chaussee vom Exerzierplatz sich näherte, war
die dritte.
Hauptmann Haller, der vorschriftsmäßig an der Queue ritt, sah seinen
Bataillonskommandeur herankommen und galoppierte an, überholte seine
Kompagnie und meldete dem Major: »Dritte Kompagnie auf dem Rückmarsch
vom Exerzierplatz!«
»Danke, lieber Haller! -- Hier bring ich Ihnen etwas Schönes mit!«
»Ich hab mich schon gewundert, Herr Major.«
»Haarsträubende Geschichte! -- Hat den Leutnant der Landwehr Frobenius
abgeworfen -- der Satan!«
Die Kompagnie war inzwischen herangekommen. Staubbedeckt, lustig seine
Zigarette rauchend, marschierte an ihrer Spitze der schlanke, blonde
Leutnant von Finette. Er hatte die letzten Worte gehört, und nachdem
er vor seinem Bataillonskommandeur salutiert, erlaubte er sich zu
bemerken: »Darf ich Herrn Major darauf aufmerksam machen, daß das Kuno
der Schreckliche ist?!«
»Kuno der Schreckliche -- wer ist denn das?«
»Ein total aus dem Leim gerittener Schinder aus dem Tattersall! Wer hat
denn bloß dem unglücklichen Herrn von der Landwehr diese Kreatur unter
den Leib gesteckt? ... Die ist doch eigentlich nur noch zu Beefsteak
zu gebrauchen!«
»So,« sagte der Major, »das begreife ich allerdings auch nicht ... Ich
werde doch mal an den Direktor telephonieren ... So was darf nicht
wieder vorkommen ... das ist ja 'ne Infamie geradezu!«
Hauptmann Haller hatte inzwischen seinen Burschen herangewinkt, der dem
Major die Zügel des unglücklichen Gaules aus der Hand genommen hatte.
»Haben Sie die Erste und Zweite gesehen?« erkundigte sich der Major.
»Zu Befehl, Herr Major! Die Zweite hat das Kastanienwäldchen besetzt --
die Erste greift von der Hohen Tanne her an!«
»Danke vielmals! -- Guten Morgen, meine Herren!«
* * * * *
Am Kreuzweg traf Sassenbach, wie verabredet, mit seinem Adjutanten
zusammen.
»Was macht der Brummschädel?«
»Danke gehorsamst, Herr Major -- durchaus vorschriftsmäßig!«
»Langt's zu 'nem Galopp?«
»Selbstverständlich, Herr Major! -- Hohe Zeit! Die Erste und Zweite
müssen schon aneinander sein!«
* * * * *
Hauptmann von Brandeis hatte frühmorgens am Rande des Exerzierplatzes
seine Kompagnie in Züge auseinandergezogen und Übungen im
Entfernungsschätzen durch die Zugführer vornehmen lassen. Nach einer
Stunde hatte er die Kompagnie zusammengezogen und sie fünf Kilometer
weit nordwärts geführt, um auf Grund einer mit Hauptmann Goll
vereinbarten einfachen Gefechtsannahme eine kleine Felddienstübung
anzuschließen ...
Einer von den üblichen »Türken«, die mit tödlicher Sicherheit sich
immer wiederholten und denselben typischen Verlauf nahmen.
Rot, so lautete die Annahme, war gestern nördlich der Garnison
geschlagen worden ... Die Dunkelheit hatte das Gefecht unterbrochen,
und infolge Erschöpfung von Blau hatte die Verfolgung nicht mit voller
Energie aufgenommen werden können, so daß die Fühlung mit dem Feinde
verloren gegangen war ... Früh morgens hatte die Kavallerie gemeldet,
daß der Feind in der Nacht durch die Stadt hindurch gen Süden abgezogen
sei und nur noch schwache Abteilungen Versprengter sich in den Wäldern
südlich des Exerzierplatzes sammelten ...
Die erste Kompagnie, als linke Seitendeckung des auf der großen
Chaussee marschierenden Gros von Blau, bekam den Befehl, die Nachzügler
zu vertreiben ...
Die beiden Hauptleute hatten miteinander verabredet, daß ihre ältesten
Zugführer die Kompagnieen führen sollten.
Hauptmann von Brandeis hatte den weißen Helmbezug und die weiße
Armbinde der Schiedsrichter angelegt, und zu ihm war von der Zweiten
Leutnant Quincke als Schiedsrichtergehilfe getreten ... Oberleutnant
Menshausen führte die Zweite ... Leutnant der Reserve Flamberg die
Erste ... Hauptmann Goll, als der Ältere, markierte den Leitenden
und hatte den Leutnant der Landwehr Frobenius als Zuschauer zu sich
befohlen.
Bei der Zweiten wurden infolgedessen sämtliche Züge von
Unteroffizieren: einem aktiven und einem Reserve-Vizefeldwebel und
dem ältesten Sergeanten geführt ... Bei der Ersten standen Leutnant
Carstanjen und zwei Vizefeldwebel als Zugführer.
Der Oberleutnant Menshausen besetzte mit allen drei Zügen den Rand des
Kastanienwäldchens und ließ die Mannschaften sich eingraben ...
Dann hielt er Musterung unter den Unteroffizieren ...: »Der
einjährig-freiwillige Unteroffizier Friesen!«
»Hier!«
»Kommen Sie mal her ... Für Sie hab' ich heute eine Spezialaufgabe:
Sehn Sie sich mal rechts da das Gebüsch an! -- Sehn Sie?«
»Zu Befehl, Herr Oberleutnant!«
»Nehmen Sie sich die beiden rechten Flügelgruppen vom ersten Zuge und
suchen Sie, in das Gehölz hineinzukommen ... aber gedeckt ... verstehn
Sie!? -- auch wenn Sie einen größern Umweg machen müssen! -- Und daß
Sie mir nicht eher zum Vorschein kommen, als bis die Erste über den
Exerzierplatz zum Angriff ansetzt ... sie muß ja selbstverständlich von
der Hohen Tanne herkommen ... Wenn dann die vorhergehenden Züge auf der
Höhe Ihres Gehölzes angekommen sind, dann erscheinen Sie plötzlich mit
Ihren zwei Gruppen am Waldrand und schießen der Ersten in die linke
Flanke hinein ... Haben Sie begriffen?«
»Zu Befehl, Herr Oberleutnant!«
»Na, nun nehmen Sie sich mal zusammen und beweisen Sie, daß Sie würdig
sind, nächstens die Offizierqualifikation zu bekommen -- Sie Vertreter
der Intelligenz! Los, treten Sie an!«
Der einjährig-freiwillige Unteroffizier Friesen begab sich an die
rechte Flanke der ausgeschwärmten Kompagnie und befahl: »Erste und
zweite Gruppe vom rechten Flügel des ersten Zuges -- sammeln!«
Im selben Augenblick galoppierte auch schon der Kompagnieführer heran:
»Donnerwetter, Friesen, wozu wollen Sie denn Ihre zwei Gruppen sammeln?
Lassen Sie die doch ausgeschwärmt ... Wir sind im Gefecht! Einfach
kehrt marsch und dann in Schützenlinie 'runter in den Grund ... so
schnell wie möglich ...«
Der Einjährige stand stramm, zog dann mit dem Befehl »Schwärmen!« seine
beiden Gruppen wieder auseinander und führte sie in den waldbestandenen
Grund, der sich zur Rechten des Kastanienwäldchens hinzog ...
Alle Wetter, heute galt's aufpassen!
Oberleutnant Menshausen leitete die Ausbildung der Einjährigen und ihre
Vorbereitung zum Offizierexamen, und von seinem Wohlwollen hing es sehr
wesentlich ab, ob man bei der Entlassung zur Reserve die Qualifikation
zum Offizier des Beurlaubtenstandes bekommen würde ... Übrigens war er
ein harter Instruktor gewesen, der eine tiefe, grundsätzliche Abneigung
gegen die »Intelligenz im Heere« besaß und sich gar keine Mühe gab, das
zu verbergen ...