Erstes Kapitel.
Unter der weiten Halle des Zentralbahnhofs der rheinischen Garten-
und Künstlerstadt schritt in früher Spätsommermorgenstunde ein junges
Paar den Bahnsteig auf und ab. Reisefreude leuchtete in den Augen
des Mannes -- doch er dämpfte sie um der Abschiedswehmut willen, die
durch des Mädchens Worte zitterte und immer wieder von Zeit zu Zeit in
raschen Perlen aus den hellen Augen auf das Spitzengewoge des lichten
Sommergewandes niedertropfte.
Zwei schlanke Gestalten, so recht für einander gewachsen! Sie im Glanz
ihres Sommerschmucks, in der zierlichen Grazie ihrer zwanzig Jahre das
gehütete, gepflegte Kind einer von den Schranken der Satzung umhegten
Welt. Er -- nun ja, er ...
Die Uniform stammte aus dem ersten Schneideratelier, die Lackschuhe
blitzten. Die Mütze, keck auf das rechte Ohr gesetzt, war neuesten
Modells, die Haltung soldatisch straff.
Und dennoch: selbst ein nicht gerade militärisch geschultes Auge
erkannte von weitem schon, daß der Träger dieser blinkenden
Herrlichkeiten doch -- kein so ganz richtiger Leutnant war. Es war
nicht das helle Kolorit der Gesichtsfarbe allein -- denn zu Anfang
August weisen die berufsmäßigen Träger der Leutnantsuniform allesamt
schon ein tiefes Braun auf -- es war nicht allein eine gewisse
Gezwungenheit der Haltung, die verriet, daß diese elegante Gestalt
des Uniformtragens seit längerm entwöhnt sein mußte. Es waren nicht
allein die lebhaften Bewegungen der vielfach mitredenden, energisch
gestikulierenden Hände, es war auch in dem feurigen Gesicht mit dem
militärisch verschnittenen Schnurrbart und dem vorschriftsmäßig
durchgescheitelten Blondhaar ein Ausdruck von Selbständigkeit
und kühnem Lebensdrang -- all das miteinander verriet dem feiner
beobachtenden Auge, daß dieser Leutnant eben ein Leutnant der Reserve
war.
Das blieb auch den Soldaten nicht verborgen, die in dieser Morgenfrühe
auf dem Bahnhof der Garnisonstadt zu schaffen hatten. Da waren
Burschen, Ordonnanzen, Vizefeldwebel, die zu den Schießständen
hinauswollten. Alle diese Uniformträger erwiesen dem Offizier
pflichtschuldigst die Ehrenbezeugung, und zwar stramm; denn der in der
Leutnantsuniform sah nicht aus, als ob er mit sich spaßen ließe. Aber
wenn sie an dem Vorgesetzten vorüber waren und in ihren Schlendertrott
zurückfielen, dann spielte doch um eines jeden Lippen ein gewisses
Schmunzeln, das die Erkenntnis andeutete, man nähme diesen Offizier
eigentlich nicht so ganz ernst.
Und auch das junge Weib an der Seite des Mannes schien die
Uniformherrlichkeit ihres Erkorenen nicht allzu tragisch zu nehmen;
denn jedesmal, wenn ein Unteroffizier oder Soldat in die maskenhaft
erstarrte Haltung der Ehrenbezeugung vor ihrem Gefährten zusammenfuhr,
konnte sie nur mit Mühe ein Lächeln verbergen, das plötzlich ihr
tränenzuckendes Gesichtchen überzog; und diesem Gefühl gab sie
Ausdruck: »Weißt du, Martin, ich will ja nicht behaupten, daß dir die
Uniform nicht stände, aber -- sei mir nicht böse -- in Zivil gefällst
du mir zehnmal besser!«
»Das glaub' ich«, lachte ihr Verlobter. »Ich hab' den Rock Seiner
Majestät fünf Jahre lang nur mal gelegentlich zu Offizier- und
Kontrollversammlungen getragen! -- aber laß mich nur erst mal ein paar
Wochen wieder drin stecken! Gib acht, wenn ich nächstens auf Urlaub zu
dir komme, dann sollst du dich deines Reservemannes nicht zu schämen
brauchen.«
»Ach ja,« sagte das Mädchen, »komm recht bald, sonst halt' ich's nicht
aus ... du gehst ja fort, Liebster, du gehst fort ... ach, ich darf gar
nicht dran denken, sonst --«
»Aber Mädel,« sagte Martin, »aber Mädel --«
Wieder blitzten Tränen aus den leuchtenden Augen der Braut.
»Weißt du denn nicht,« fuhr er fort, »was morgen in acht Wochen ist?!«
Da schlug Agathe die Augen nieder unter dem hoffenden, verlangenden
Blick, der sie getroffen, und konnte nicht wehren, daß ein feines Rot
immer tiefer ihre flaumigen Bäckchen überzog. »Ach, Martin, ich glaub's
ja nicht eher, als bis wir endlich so weit sind ... eher glaub' ich's
nicht ...«
»Na freilich, lang genug hat's gedauert, bis die Herren Eltern
eingesehen haben, daß ein Maler nicht notwendig der Antichrist in
Person ist --!«
Eine Wolke finstern Unmuts lag auf einmal unter dem blitzenden
Lackschirm der Offiziermütze. Sie sprach von kaum verwundenen
Bitterkeiten ... von harten Kämpfen um ein endlich doch ertrotztes
Glück ... Die lachenden Lippen hatten sich jählings fest geschlossen,
und unwillkürlich stieß die Linke die Säbelscheide klirrend auf die
Fliesen des Bahnsteigs.
»Laß, Liebster,« mahnte die Braut erschrocken, »jetzt nicht daran
denken ... ist ja nun alles überstanden!«
»Ach, Mädel,« sagte der Maler, »das alles vergess' ich erst, wenn ich
dich hab' ... wenn ich dich ganz hab' ...«
»In acht Wochen,« hauchte die Braut, »morgen in acht Wochen!«
Sie richtete rasch das glühende Köpfchen auf, sah dem Geliebten tief
ins Auge und sagte voll eindringlichen Ernstes: »Martin, ich weiß, was
für ein toller Bursch du bist! -- Versprich mir eines: Verspar dich für
mich ... nicht zu wilde Sachen machen, verstehst du mich? ... keine zu
unruhigen Pferde reiten ... nicht wieder durch jeden See schwimmen,
der am Ruhetage gerade zu erreichen ist, und« -- mit halb mütterlich
besorgtem, halb schwesterlich schwärmerischem Lächeln -- »nicht zu
viel trinken, verstehst du? ... Jedesmal, wenn du eine Flasche Sekt
bestellen willst, denk: ich werd' sie mir sparen, um sie hernach mit
meiner kleinen Frau auf der Hochzeitsreise zu trinken! Willst du mir
das versprechen, Schlingel du ...?«
Martin hätte in diesem Augenblick weit mehr versprochen, wenn es hätte
sein müssen ...
Ach, wie rasch war dies Aufflackern schelmischer Mädchenlust von dem
zierlichen Gesichtchen verflogen, als nun eine Bewegung unter der
harrenden Menge der Fahrgäste, als ein hurtiges Rollen von Gepäckkarren
und ein fernes Brausen die Ankunft des Zuges verkündete, der ihr den
Ersehnten auf acht Wochen entführen sollte!
Fest schmiegte sich das liebe Kind an den blauen Überrock ihres
Reserveleutnants. Wieder standen Tränen in ihren Augen, als sie mit dem
Ausdruck rücksichtsloser Sehnsucht ihr Antlitz zu ihm emporhob: »Behalt
mich lieb, du ... hörst du ... behalt mich lieb ...!«
Da faßte er ihre beiden Hände und gab ihr den Abschiedskuß. »Morgen in
acht Wochen, du, morgen in acht Wochen!«
* * * * *
Als eine Wendung des Zuges den Bahnhof und den weißen, winkenden Fleck
inmitten wimmelnder Menschenmenge dem Blick entrückt hatte, ließ der
Reisende sich mit einem tiefen Aufatmen in die grausammetnen Polster
fallen. Er war zum Glück allein -- dehnte sich und streckte alle
Glieder in einem Gefühl unbeschreiblichen Behagens. Herrgott, war er
glücklich ...!
Endlich überstanden, dieser zweijährige Kampf um dies Mädchen, das
er, er, der Verwöhnte, der vielgefeierte junge Künstler, aus den
hundert Gestalten, die ihn werbend umdrängten, sich ersehen hatte zur
Gesellin seines ruhelosen Daseins. Nach einer harten Jugend voller
Kampf, die ihn aus der behaglichen Enge des evangelischen Pfarrhauses
einer kleinen bergischen Stadt hinausgeführt hatte in das wogende
Dasein eines werdenden, machtvoll sich aufwärts ringenden Künstlers,
war er seit kurzem an einem ersten Ziel ... Im Hauptsaal der Sezession
in Berlin hingen seit dem Frühjahr allbestaunt nebeneinander zwei
große Damenporträts von seiner Hand, die er mit weisem Bedacht als
verblüffende Pendants für die Ausstellung in gleichem Format und Stil
geschaffen hatte, obwohl sie bestimmt waren, an ganz verschiedene
Plätze zu gelangen. Zur Linken die blonde Brünhildengestalt der Gräfin
Amalie von der Schulenburg, einer Vollblutgermanin, eines Sterns
der niederrheinischen Aristokratie, und neben ihr: die tiefbrünette
und ebenso tief dekolletierte Rasseschönheit der Frau Kommerzienrat
Mannheimer, der elegantesten und interessantesten Frau der Börsenkreise
in Frankfurt am Main ...
Die Kritik hatte beide Bilder schlechthin als meisterlich gefeiert. Das
Publikum wurde nicht satt, die Werke zu bestaunen, die ihren Schöpfer
zum berufensten Verkünder des modernen weiblichen Schönheitstypus
stempelten und in die vorderste Reihe der zeitgenössischen
Porträtmalerei geführt hatten.
Den ganzen Sommer über war Martin Flamberg von einem Hochsitz des
Kapitals zum andern gezogen und hatte die erlesensten Exemplare
glänzender Weiblichkeit mit einer Kunst festgehalten, die, weit
entfernt von weichlicher Schmeichelei und Schönfärberei, doch ihre
Gegenstände über die Sphäre gemeiner Wirklichkeit in eine Region
idealer Kultur hineinzuheben verstand.
Und erst dieser junge Ruhm und seine notwendige Folge, das elementare
Anschwellen seines Bankkontos, hatten den langjährigen Widerstand des
Oberlandesgerichtspräsidenten, Geheimen Oberjustizrats Doktor van den
Bergh und seiner freiherrlichen Gattin gebrochen und so dem trotzigen
Zueinanderwollen zweier Menschen den Sieg gebracht, deren Verbindung
ein Schlag ins Gesicht des Schicksals zu sein schien.
Der alte Präsident war der Typus eines starren ostelbischen
Bureaukraten, und ihm wie seiner Frau war der Gedanke, ihre Einzige an
der Seite eines Künstlers zu sehen, fast gleichbedeutend geworden mit
dem völligen Verzicht auf die Liebe ihres Kindes.
Sie hatten es mit ansehen müssen, wie ihr Mädchen sich angesichts ihrer
Weigerung schrittweise völlig von ihnen loslöste und in eine andere
Welt hinüberwuchs, für deren Lebensgesetze ihnen auch der Schatten des
Verständnisses abging. Sie hatten sich bis zur Verzweiflung gegen diese
Schickung gewehrt und sich erst besiegt gegeben, als der Erwählte ihrer
Tochter ihnen ziffermäßig beweisen konnte, daß seine Kunst wenigstens
nicht eine brotlose sei, und daß sie für die materielle Zukunft ihres
Kindes nichts zu befürchten haben würden, wenn sie schon seiner Seelen
Seligkeit und das beglückende Bewußtsein innerer Zusammengehörigkeit in
den Kauf hatten geben müssen.
Wie oft hatte sich Martin Flamberg in diesen Jahren der Kämpfe gefragt,
ob es nicht richtiger sei, von dem raschen Bündnis, das eine Ballnacht
besiegelte, zurückzutreten und sich den entsetzlich kraftvergeudenden
Kämpfen nicht länger auszusetzen, die ihm jahrelang die Ruhe seines
Lebens geraubt hatten -- diese Ruhe, die er doch für seine Kunst so
nötig brauchte.
Aber schließlich war es der gleiche zähe Künstlertrotz, der ihn in
raschem Aufstieg zu der heute erklommenen Höhe geführt hatte --
dieser selbe unbeugsame Trotz war es gewesen, der ihn an der einmal
getroffenen Wahl hatte festhalten lassen, so oft auch in lockendster
Gestalt von rechts und links die Versuchung an ihn herangetreten war,
das Ziel seines Lebens auf mühelosere Weise zu erreichen.
Ach -- das alles lag ja nun hinter ihm -- das alles war verwunden --
mußte und durfte vergessen werden. Der Termin seiner Hochzeit war
festgesetzt. Auch hier hatte er den Sieg erzwungen, im Leben, wie in
der Kunst.
Nun wollte er noch einer lange aufgeschobenen Pflicht genügen und seine
vierte Reserveoffizierübung machen, um dann am Arme der Liebe die
zweite Hälfte seines Lebens zu beginnen. Ja, diese achtwöchige Übung
--! Er war ein begeisterter Soldat gewesen. Es hatte ihm Vergnügen
gemacht, sich durch Luft und Sonne im Waffendienst herumzutummeln -- es
war ihm eine Wonne gewesen, von Zeit zu Zeit in die bunte Schlangenhaut
des Kriegers zu schlüpfen und auch hier seinen Mann zu stellen.
Aber als nun langsam der Erfolg -- als endlich jählings der Ruhm
gekommen war -- als er sich ganz durchdrungen hatte mit Künstlertum,
da hatte er geglaubt, die militärische Phase seiner Jugend endgültig
überwunden zu haben, und es war ihm schier ein unerträglicher Gedanke
gewesen, sich nochmals für acht Wochen in den Zwang einer so ganz und
gar anders gerichteten Lebensführung fügen zu sollen.
Oftmals hatte er vor dem Schritte gestanden, sich aus der Reserve
des Regiments, dem er angehörte, gleich in die Landwehr zweiten
Aufgebots überschreiben zu lassen und damit ein für allemal sich seinen
militärischen Verpflichtungen zu entziehen ... und dann hatte er's
doch nicht übers Herz gebracht; denn das Monogramm seines Regiments
bedeutete für ihn zugleich die Erinnerung an fast zwei Jahre seines
Lebens, denen er, das wußte er gar wohl, als Künstler sehr viel
verdankte.
Verdankte vor allen Dingen seine genaue Bekanntschaft mit dem Wesen des
Volkes, das sich ihm im erzwungenen Verkehr mit den Mannschaften und
Unteroffizieren seines Regiments spielend erschlossen hatte.
Aber noch mehr verdankte er seinem Soldatentum:
Die sich dem Kulturmenschen sonst nur auf Reisen zu »kalt staunendem
Besuch« erschließt ... die Natur ... zu ihr hatte er just als Soldat
ein persönliches Verhältnis gewonnen, das seiner Kunst die reichsten
Früchte getragen hatte. Er war ja nicht Landschafts-, sondern
Porträtmaler, und die Richtung seines Strebens bannte ihn an den
Salon, bannte ihn an eine Menschensphäre hoher Kultur, äußerster
Verfeinerung und Naturentfremdung des gesamten Daseinsbetriebes -- und
so war es ihm geradezu ein Glück geworden, daß sein Dienstjahr und die
Pflichtübungen in der Reserve ihn durch Jahre hindurch immer wieder
in Zusammenhang mit dem Leben des Volkes und mit dem geheimnisvollen
Wirken der Natur gebracht hatten. Er hatte fünf Manöver mitgemacht, und
diese kriegerischen Übungen hatten ihm zahllose Bilder in die Seele
geprägt, Bilder von taufrischen Sonnenaufgängen auf grüner Heide, in
den Gebirgen der Eifel und des Hunsrücks -- brütende Sonnenschwüle über
flimmernden Ackerbreiten -- traumstille Mondnächte -- nebelverhangene,
regentriefende Waldeinsamkeiten.
Und nun -- da er wieder den bunten Rock angezogen -- fühlte er
wieder jene seltsame Wirkung, der er schon früher immer so gern sich
hingegeben hatte -- er fühlte sich plötzlich verwandelt werden --
fühlte, wie er auf einmal ein anderer Mensch wurde -- fühlte, wie das
Gewand, das die Zugehörigkeit zu einer andern Kaste bedeutete, in ihm
plötzlich Möglichkeiten seiner Seele freimachte, die unentwickelt
geblieben wären in dem Leben seines eigentlichen und wahren Berufs.
Ach, wie schön, dachte Flamberg, nun einmal für acht Wochen nicht mehr
der berühmte und umstrittene Künstler zu sein, sondern ganz wer anders!
Ein kleiner Leutnant -- eine Nummer -- ein Rad im großen Betrieb eines
ungeheuren, wuchtig und sicher arbeitenden Mechanismus.
Untersinken in einer Menge -- nicht mehr wollen dürfen, sondern einfach
müssen -- sich korrigieren und anschnauzen lassen müssen -- hinter sich
ein Fähnlein grobknochiger Söhne des Volkes -- um sich herum die Bilder
eines bunten und fremden Lebens.
Wieder im Gefecht sprungweise über den Stoppelacker und durch
Waldesdickicht vorgehen müssen -- umbrüllt vom rollenden Hurra und
knatternden Schnellfeuer, umschrillt vom vorwärtsdrängenden Kreischen
der Signalhörner, vom dumpfen Sturmmarsch der Tambours, um dann am
Ziel, Auge in Auge mit dem friedlichen Feind, sich lachend und keuchend
an die Erde zu werfen und in rasch gefundenem Schlummer zwischen
braunen Schollen und gelbblühenden Ginsterstauden auszuruhen -- und
dann gestärkt und genesen heimzukehren -- ein erneuter, verjüngter
Mensch, wie Antäus aus der Umarmung seiner Mutter, um wieder zum Pinsel
zu greifen und aufs neue Schönheitswelten aus dem Nichts zu schaffen.
Ach, und dann galt es ja bei dieser Heimkehr den Einzug in das Land
des Menschenglücks -- galt es die Vereinigung mit ihr, die er sich
zur Gesellin seines Daseins erlesen -- mit ihr, die er trotzig
herausgerissen aus einer fremden, starren Welt, um sie mit sich
hineinzuführen in die glückselige, heitere Region, in der sein eigenes
Dasein sich sonnig entfaltete.
Mit ihr, von der seine Gefühle ihm beim ersten Anblick gesagt hatten,
daß sie die Kameradin sei, die er brauche, sie der Mensch, der seinem
wilden Herzen den Frieden schenken würde, die große Ruhe, in der allein
das große Werk zur Reife gedeihen kann.
Wie schön das alles -- wie reich und schön! Wie reich und schön dies
selbstgeschaffene Leben mit all seinen wechselnden Gestaltungen!
Wie hell um ihn die Hoffnungsfülle -- wie golden vor ihm die Zukunft in
Nähe und Weite!
Welches Glück, ein Künstler zu sein!
Welches Glück aber auch, Soldat zu sein -- von Zeit zu Zeit einmal
untertauchen zu können von der flimmernden Oberfläche der Menschheit
her in die ruhig treibende Tiefe hinab, dorthin, wo im Waffendienst
ein Volk geschult wurde zur Wehrhaftigkeit in Krieg und Frieden,
zu geschlossen starkem Ineinanderwirken, zu elementarischer
Zusammenballung eines ungeheuern Kräftevorrats!
Und endlich, zu lieben und geliebt zu werden -- welch ein Glück --
welch eine Schönheit -- welch überschwengliche Hoffnung und Gnade!
Ihm war's, als sitze sein Mädchen ihm gegenüber, als seien die
tränenschweren, güteschweren braunen Augen auf ihn gerichtet mit der
innigen Mahnung: Komm wieder -- komm bald wieder -- du weißt ja, ich
harre dein!
Der reisende Mann legte den Kopf tief in die Kissen zurück, schloß die
Augen und sprach leise vor sich hin: »Agathe -- Agathe!« -- --
* * * * *
Ratternd und fauchend hielt der Zug auf einer Kreuzungsstation. Martin
fuhr auf, steckte den Kopf zum Fenster hinaus in der Absicht, die
Einsamkeit seiner Fahrt gegen jeden Eindringling mit einem wahren
Menschenfressergesicht zu verteidigen.
Da sah er in der Menge der andrängenden Fahrgäste eine abenteuerliche
Gestalt. Seine erste Empfindung war: Aha, ein Kamerad -- aber was für
einer!
Ein lang und dürr aufgeschossener Herr mit goldgefaßter, funkelnder
Brille und einem langen, struppigen roten Bart, die hagern Glieder
umschlossen von einem Offizierüberrock, der, bei völlig unmodernem
Schnitt, noch immer die schwarze Farbe zeigte, während Blau seit
einigen Jahren Vorschrift war, auf dem Kopfe eine Mütze, wie er selber
sie in seiner einjährig-freiwilligen Dienstzeit vor zehn Jahren
getragen. Die Linke fuhrwerkte unbeholfen mit dem Säbel umher, der ihm
jeden Augenblick zwischen die stelzengleichen, unruhig trippelnden
Beine zu geraten drohte.
Neben dem Uniformierten stand mit kaum verhohlenem Grinsen ein
rotbemützter Dienstmann, der einen ungeheuern, stark verschlissenen
Handkoffer und eine Helmschachtel trug.
Nun hatten die hilflos hinter den Brillengläsern flackernden
grauen Augen des Uniformierten den Maler erspäht. Die Rechte im
Uniformhandschuh legte sich grüßend an den Schirm der vorsintflutlichen
Mütze, und wie schutzsuchend steuerte die lange Gestalt auf den Wagen
zu, an dessen Fenster Martin stand.
Der Dienstmann riß die Wagentür auf, stieg zuerst hinein und verstaute
das Gepäck in den Netzen. Mühsam kletterte der Offizier hinterher,
jeden Augenblick in Gefahr, über seinen Säbel zu stolpern. Nun
suchte die ungelenke Linke des Herrn nach dem Portemonnaie, fand
aber die Tasche nicht gleich, weil die langen Schöße des Rocks und
der Riemen des Säbelkoppels den Zugang hemmten; aber endlich war die
Börse doch erwischt, der Dienstmann bekam seine Vergütung, die nicht
allzu reichlich ausgefallen zu sein schien; denn ohne Gruß mit einem
knurrenden Laut verließ der Träger das Abteil.
Und nun wollte sich der Ankömmling dem Kameraden vorstellen; in
demselben Augenblick aber zog der Zug an -- und mit einem Ruck flog der
schwarze Überrock gegen den hellblauen, so daß beide Herren auf die
Polster plumpten.
In hilfloser Verlegenheit stotterte der Ankömmling eine Entschuldigung,
und nachdem beide Herren ihre Säbel und Beine wieder aufgesammelt
hatten, stellte er sich nun endlich vor, selbstverständlich ohne daß
Martin den Namen des Kameraden verstand.
Tiefaufatmend lehnte sich der fremde Herr auf seinen Sitz zurück,
nahm die Mütze ab, unter der ein nur noch von einem dürftigen braunen
Haarkranz umsäumter kahler Schädel zum Vorschein kam, und tupfte mit
einem gelbseidenen Taschentuch die quellenden Schweißtröpfchen von
Stirn und Platte.
»Schauerliche Hitze --!« meinte er und fächelte sich mit dem
Taschentuch.
Rasch kam das Gespräch in Gang. Es stellte sich heraus, daß der
Ankömmling Privatdozent der Literaturgeschichte an der Universität Bonn
sei, und als Flamberg ihm seinen Namen deutlicher wiederholte, wußte
der andere sofort Bescheid. Respektvoll fragte er: »Flamberg? etwa gar
der Schöpfer der beiden Porträts in der Berliner Sezession?«
»Ich kann's nicht länger verheimlichen,« lächelte Martin.
»Alle Wetter,« sagte der andere, »das nenn' ich ein glückliches Omen
... da ich doch nun wieder einmal sehr gegen meinen Geschmack aus
meiner stillen Studierklause unter das Kriegsvolk verschlagen werde.
Ich bin entzückt, gleich beim ersten Eintritt in diese langentfremdete
Welt einem Vertreter sanfterer Regionen der Menschlichkeit zu begegnen
... Übrigens werden Sie meinen Namen auch nicht verstanden haben. Ich
heiße Frobenius.«
Martin dachte einen Augenblick nach und sagte: »Frobenius, Wilhelm
Frobenius ... ich habe vor kurzer Zeit eine Sammlung von Studien über
Goethes Faust von einem Wilhelm Frobenius gelesen -- wären das gar
Sie?«
»Ich kann's nicht länger verheimlichen,« schmunzelte Frobenius.
Martin streckte ihm die Hand hin: »Ich freue mich,« sagte er, »Ihre
Analyse der Gretchengestalt hat auf mich so stark gewirkt, daß ich kurz
vor meiner Abreise ein Gretchen gemalt habe.«
»Schau -- schau,« sagte Frobenius, »wo haben Sie das Modell
aufgetrieben?«
»Da hab' ich nicht lang zu suchen brauchen,« lachte Martin, »meine
Braut!«
»Ei der Tausend, dann freilich! -- gratuliere, Herr Kamerad!«
»Sagen Sie, Herr Frobenius,« fragte der Maler, »Sie scheinen von der
Aussicht, wieder mal acht Wochen im bunten Rock zubringen zu müssen,
nicht so erbaut zu sein wie ich?«
»Ja,« sagte Frobenius, »das ist eine sehr berechtigte Frage. Ich kann
mir wohl vorstellen, daß Sie mir es an der Nase ansehen, daß meine
Liebe zum Kommiß eine einigermaßen unglückliche ist. -- Sehen Sie, ich
bin von Natur so etwas wie ein Pechvogel, fühle mich eigentlich nur
hinter meinen Büchern so recht behaglich --«
»Dann verstehe ich nicht recht -- Sie müssen doch schon in höhern
Semestern sein und haben doch keinesfalls mehr die Pflicht zu üben --
warum tun Sie's also?«
»Sie haben ganz recht zu fragen,« erwiderte der Privatdozent, »ich
könnte längst außer Dienst sein. -- Ich habe mich überhaupt erst in der
Landwehr zum Offizier wählen lassen und mit Zittern und Zähneklappern
vor sechs Jahren meine einzige achtwöchige Pflichtübung gemacht. Damals
aber habe ich gefunden, daß mir diese Übung vorzüglich bekam, nicht nur
körperlich, auch -- ich möchte sagen -- was meinen Charakter anbetrifft
-- -- Wissen Sie, ein so fürchterlich ungewandter Mensch, wie ich nun
leider Gottes einmal einer bin, für den sind solche acht Wochen beim
Kommiß eine wahre Dressur. Wenn ich auch im bunten Rock eine ganz
miserable Figur mache -- ich weiß das leider nur zu gut -- so hab'
ich entdeckt: als ich damals nach Hause kam, da war für einige Zeit,
etwa für zwei bis drei Jahre, jene lächerliche Scheu vor öffentlichem
Auftreten und gesellschaftlichem Umgang von mir gewichen, die mich
sonst zu einem wahren Einsiedlerdasein zwingt.«
»Aha, und darum sind Sie also in der Landwehr I geblieben -- und wollen
jetzt mal wieder acht Wochen 'ran, um sich sozusagen wieder mal ein
bissel zurechtstutzen zu lassen!«
»Ja, allerdings, das war die Absicht«, meinte der Privatdozent.
»Eigentlich ist die Übung für mich ein Martyrium, dem ich nur mit
Grauen und Entsetzen entgegensehe -- und ich weiß schon, daß ich
während der ganzen Zeit aus einer Katastrophe in die andere taumeln
werde -- aber was hilft's -- es muß nun einmal sein.«
»Ja,« lachte der Maler, »dann sind Sie allerdings zu bedauern -- ich
für meine Person freue mich, offen gestanden, ganz kolossal auf die
Übung.«
»Das glaube ich,« sagte Frobenius, »Sie sehen auch so aus, als ob Sie
Grund dazu hätten. Wenn mich der Schein nicht trügt, so sind Sie ein
gerade so netter Kerl, wie Sie ein großer Künstler sind, und ich werde
Ihnen etwas sagen: Sie werden mir einen Gefallen tun. Sie werden sich
gelegentlich meiner ein bißchen erbarmen, wenn es mir gar zu jämmerlich
geht, nicht wahr, Herr Kamerad?!«
Er streckte dem Maler die haarige Rechte hin, von der er den weißen
Uniformhandschuh abgezogen hatte, und schallend schlug Martin ein.
»Das soll ein Wort sein, Herr Frobenius -- ich denke, es soll recht
nett werden, die acht Wochen hindurch -- ich sehe gar nicht ein, was
uns hindern könnte, uns die zwei Monate, die vor uns liegen, zu einem
rechten Fest zu machen.«
Zweites Kapitel.
In dem hellen, luftigen Speisesaal des Offizierkasinos des
Füsilier-Regiments Prinz Heinrich der Niederlande (14. Rheinischen)
Nr. 186 war der Kasinovorstand, Oberleutnant Menshausen, damit
beschäftigt, die Anordnungen für die Mittagstafel einer letzten Prüfung
zu unterziehen. Er legte an der Hand eines Zettels, auf dem er die
Tischordnung entworfen hatte, persönlich die Tischkarten, instruierte
die Ordonnanzen und warf ab und zu einen Blick auf den Kasernenhof
hinaus, wo im Schatten der Kasernengebäude die Bataillonsadjutanten
die Befehlsempfänger der Kompagnieen um sich versammelt hatten, um die
Tagesbefehle auszugeben. Drüben aber, im prallen Sonnenschein, trat
die Wache an, und der Offizier vom Ortsdienst nahm die Meldungen der
Wachhabenden entgegen.
Säbelklirrend kam Leutnant Blowitz herein, der neue Adjutant des ersten
Bataillons, erst seit kurzem aus dem fernen Osten in das rheinische
Regiment versetzt: »Morgen, Menshausen -- nanu, gibt's denn heute
mittag ein größeres Zauberfest?«
»Allerdings,« erwiderte Menshausen kurz, »Regimentsmusik!«
»Was ist denn los?«
»Die Herren Kameraden der Reserve und Landwehr werden in unserer Mitte
begrüßt.«
»Ah -- richtig, richtig -- aber warum machen Sie denn dazu so'n saures
Gesicht, Menshausen?«
»Ich weiß nicht,« brummte der Kasinovorstand, »kann die Herren nun mal
nicht verknusen -- verderben den ganzen Eindruck des Offizierkorps --
untergraben die Disziplin.«
»Na, hören Sie mal,« lächelte Blowitz, »ich habe mich bei meinem
frühern Regiment mit den Herren ganz vorzüglich gestanden. Ist 'ne ganz
nette Abwechslung -- man bekommt doch mal was anderes zu hören, als
ewig Kommiß- und Avancementsgeschichten. Übrigens sind die Herren nun
einmal doch ein notwendiges Übel.«
»Ob sie notwendig sind, weiß ich nicht -- übel sind sie jedenfalls.«
Leutnant Blowitz stand gerade an der Wand unter einem mächtigen Rahmen,
der eine große Anzahl einzelner Photographien von Offizieren umschloß.
Es waren die Toten des Offizierkorps des Regiments aus dem Feldzuge
1870/71.
»Ja, sehen Sie mal, lieber Menshausen,« meinte er, »schau'n Sie sich
doch mal hier die Regimentstafel der Gefallenen von Siebzig an -- da
ist ein Hauptmann der Reserve und drei Leutnants der Reserve drunter.«
»Na ja,« lenkte der Ältere ein, »im Kriege mögen die Herren ja an
ihrem Platze sein, und daß sie brav gefochten haben und als ehrenhafte
Soldaten gestorben sind, will ich ja nicht bezweifeln -- aber im
Frieden tun sie nichts weiter, als den Betrieb stören. Wir sind doch
hier wahrhaftig nicht zusammen, um ein bißchen Räuber und Gendarm
miteinander zu spielen -- wir haben hart zu arbeiten -- wir haben
die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, binnen zwei Jahren die
Hanakenbande, die uns jeden Oktober hierher geschickt wird, zu halbwegs
brauchbaren Soldaten zu erziehen -- und dabei sind die Herren von der
Reserve und Landwehr höchstens hinderlich!«
Blowitz lachte still in sich hinein. Er hatte den Charakter des neuen
Regimentskameraden schon einigermaßen durchschaut und wußte, daß es
nicht leicht war, ihm irgend etwas recht zu machen.
»Wie viel Herren kommen denn?« fragte Blowitz.
»Ganze sechs!«
»Na, was für Geisteskinder sind es denn?«
»Geben Sie mal acht,« sagte der Oberleutnant und zog den Jüngern ans
Fenster, »da hinten unterm Torbogen da versammeln sie sich gerade.
Wissen Sie, ich teile die Herren Sommerleutnants in zwei Kategorien
ein: die einen sind die, die wenigstens von weitem wie Offiziere
aussehen -- die andern sind glattweg wandelnde Karikaturen. Nun sehen
Sie sich mal die Gesellschaft da hinten an. Ich werde Ihnen zunächst
die Karikaturen vorstellen. Also betrachten Sie mal diese Tonne da
hinten: das ist der Oberleutnant der Reserve, Herr Brassert, im
Zivilverhältnis Gymnasialoberlehrer. Wenn Sie dem einen Stich ins Herz
versetzen wollen, dann müssen Sie ihn ›Herr Professor‹ anreden.«
»Warum soll ich ihm denn einen Stich ins Herz versetzen?« erwiderte
Blowitz, »er hat mir ja gar nichts getan -- aber weiter! Wer ist denn
dieser merkwürdig dünne Herr mit dem zapfenartig herunterhängenden
Schnurrbart?«
»Ja,« sagte Menshausen, »das ist die Obervogelscheuche unter den Herren
-- das ist der Forstassessor Troisdorf, ein Rauhbein im Quadrat; ich
behaupte, er kann überhaupt kein Wort Hochdeutsch sprechen.«
»Nanu,« meinte Blowitz, »wie ist denn das möglich? Ein Forstassessor
...«
»Na, Sie werden ja hören,« entgegnete Menshausen, »mag sein, daß er
im Verkehr mit seinen Waldwärtern und Treibern völlig verbauert ist,
jedenfalls spricht er das fürchterlichste Kölnisch, das ich jemals
gehört habe.«
»Übrigens wimmelt da ja noch eine dritte Karikatur 'rum.«
»Den Herrn kenn' ich nicht -- das ist also jedenfalls der
Landwehronkel, der uns angekündigt worden ist -- irgend so'n gelehrtes
Haus von der Universität -- Gehirnfatzke, wie der Simplizissimus sagt!«
»Na, und nun also die halbwegs vernünftig Aussehenden!«
»Ja sehn Sie -- da ist zunächst der einzige, der für mich mitzählt, der
blonde Herr im Dienstanzug -- er macht seine erste Offizierübung -- er
ist aus dem Regiment hervorgegangen -- ein Referendar namens Dormagen
-- ein einigermaßen tadelloser Herr!«
»So, also das ist Ihr Genre,« sagte Blowitz, »für meinen Geschmack hat
er eine ziemliche Ohrfeigenvisage -- und der andere daneben, mit dem
riesigen, hochaufgedrehten Schnurrbart?«
»Hm -- das ist wieder 'ne andere Nummer -- das ist der Leutnant Klocke
-- seines Zeichens das, was ein aktiver Offizier in der Regel erst
später zu werden pflegt -- nämlich Versicherungsagent! -- Na -- er
macht wenigstens 'ne leidlich militärische Figur -- über seine sonstige
Persönlichkeit müssen Sie sich selbst ein Urteil bilden!«
»Wer aber«, fragte Blowitz, »ist der blonde Herr, der da eben so
strahlend heranfegt?«
Menshausen zögerte einen Augenblick mit der Antwort. »Tja -- -- das ist
sozusagen unser Renommierreserveleutnant -- ein sogenanntes berühmtes
Tier -- das ist der Maler Flamberg --«
»Flamberg?« sagte Blowitz nachsinnend, »woher kenn' ich denn den Namen?
-- Richtig, jetzt fällt mir's ja ein: auf der Durchreise war ich doch
in Berlin und hab' da in einer Ausstellung ein paar gemalte Weiber
gesehen -- aber -- deliziös, sag' ich Ihnen -- eine stramme Germanin --
und daneben eine fabelhaft pikante Jüdin mit Schultern -- Schultern --
sag' ich Ihnen! Teufel, die Bilder machen ja ein kolossales Aufsehen!
-- und das ist also dieser Flamberg?«
»Weiß ich nicht,« sagte Menshausen, »ich verstehe nichts von Kunst
-- und ob er eine Germanin und eine Jüdin in Berlin aufgehängt hat,
ist mir höchst wurscht. Für meine Person kann ich nur behaupten, daß
dieser Herr Flamberg mir unter all den Herren von der Reserve der
fatalste ist. -- Was der Bruder sich schon einbildet auf sein bißchen
Pinselei! und dann, wissen Sie: Ansichten! Ich begreife nicht, was so'n
sogenannter Künstler überhaupt im preußischen Offizierkorps zu suchen
hat. -- Der sollte doch ruhig mit seinen Übermenschen und Überweibern
zusammenhocken und uns hier in Frieden lassen -- na, Sie werden ihn ja
kennen lernen.«
»Ich weiß nicht -- ich finde, er sieht ausgezeichnet aus!«
In diesem Augenblick standen die Ordonnanzen stramm; denn ein neuer
blauer Überrock erschien in der Tür zum Rauchzimmer.
»Morgen, meine Herren!«
»Guten Morgen, Herr Hauptmann!« Die beiden Offiziere verneigten sich.
»Ah, Herr Hauptmann schenken uns die Ehre heute,« sagte der
Kasinovorstand, »ist ja wohl das erstemal, seitdem Herr Hauptmann der
Tischgesellschaft auf so überaus angenehme Weise entfremdet worden
sind!?«
»Tja,« meinte Hauptmann von Brandeis, »alles den Herren Kameraden von
der Reserve zu Ehren! -- Da ist nämlich der Maler Flamberg dabei, den
hab ich seinerzeit als Rekruten ausgebildet. -- Ich habe bei Herrn von
Schoenawa durchgesetzt, daß er in meine Kompagnie kommt.«
»So,« meinte Menshausen, »also der ist Herrn Hauptmanns Fall?«
»Warum nicht?« entgegnete Hauptmann von Brandeis, »und übrigens --
wissen Sie, wir gehen doch nächstens ins Manöver, und da weiß ich aus
Erfahrung -- Flamberg hat nämlich schon einmal bei meiner Kompagnie
während des Manövers geübt -- der ist unschätzbar als Menagenchef. Wenn
ich die Manöververpflegung dem Windhund, meinem kleinen Carstanjen,
überlasse, dann bekomm ich während der drei Manöverwochen nichts
Vernünftiges zu essen und zu trinken -- da halt' ich mich schon lieber
an Flamberg -- das ist ein Genießer vor dem Herrn! -- Außerdem hab' ich
auch noch andere Absichten mit ihm: er soll meine Frau malen!«
»So,« meinte der Oberleutnant gedehnt, »wissen Sie denn auch, Herr
Hauptmann, daß Flamberg in dem Ruf steht, von den Damen sehr -- hm, hm!
-- verwöhnt zu werden?«
»Na, wennschon,« sagte Brandeis phlegmatisch, »er ist verlobt! --
Übrigens war das eine ziemlich geschmacklose Bemerkung von Ihnen,
lieber Menshausen.«
Der Hauptmann machte kurz kehrt und ging ohne Gruß in das Rauchzimmer
zurück.
»Kennen Sie Frau von Brandeis, lieber Blowitz?« fragte Menshausen
leise.
»Wenigstens +par renommée+,« erwiderte der andere, »soll 'ne
Schönheit sein, wie?«
»Schönheit --? viel zu wenig! Die Frau, wissen Sie, das ist -- einfach
'ne Sache, verstehen Sie. -- -- Wie die an dieses schlafmützige
Dusseltier, den Brandeis geraten ist, das wissen die Götter! --
Stammt aus 'ner schwerreichen Düsseldorfer Fabrikantenfamilie --
fabelhaft musikalisch -- und ein Temperament --! Wenn ich Brandeis
wäre, die ließ ich nicht fünf Minuten aus den Fingern! Na, schließlich
so'n Reserveonkel -- davor wird sie hoffentlich ihr guter Geschmack
bewahren. -- Wenn schon -- dann soll's wenigstens in der Familie
bleiben --!«
In diesem Augenblick trat der Stabshoboist, der Königliche
Obermusikmeister Herr Biesicke ein, schritt stramm auf den
Kasinovorstand zu und meldete: »Regimentsmusik zur Stelle!«
»Danke, lieber Biesicke! Na, nun können die Herren Kameraden der
Reserve und Landwehr meinetwegen anrücken!« -- --
* * * * *
Draußen auf dem Kasernenhof lag die Augustsonne in breiten goldenen
Flächen ausgegossen -- immerfort tauchten in diese gelbe Fläche
glitzernde, flimmernde Punkte hinein.
Jetzt kam bei lustigem Pfeifen- und Trommelklang eine Kompagnie mit
Staub und Schweiß bedeckt von der Felddienstübung zurück. Der Hauptmann
an der Spitze setzte seinen Gaul in Galopp, sprengte bis auf die Mitte
des Kasernenhofes vor und kommandierte, daß es schallend an den langen
Fronten der Kasernengebäude widerhallte: »Augen -- rechts!«
Hei! Da richteten sich all die marschmüden Gestalten noch einmal
stramm auf -- mit einem Ruck flogen die Köpfe rechts herum, und in
flottem Parademarsch zog die gleißende, waffenrasselnde Schar an ihrem
Häuptling vorüber.
»Kompagnie -- halt! -- Mit Gruppen links schwenkt -- marsch! Halt!
Gewehr -- ab! -- Rührt euch!«
Schon erschien, aus seiner behaglichen, kühlen Kompagniestube
hervorgekrochen, der behäbige Feldwebel, erschienen Mannschaften vom
Arbeitsdienst in Drillichzeug, Feldmützen und blauen Schürzen, um
die vom Gefecht übrig gebliebenen Platzpatronen und Patronenhülsen
abzunehmen -- einige Befehle wurden noch ausgegeben -- dann hieß es:
»Stillgestanden! -- Weggetreten!«
Und nach strammer Kehrtwendung ergoß sich die Schar der jungen Krieger
wie eine heiße Flutwelle schweißdunstiger, wangenbrauner Jugend in der
Richtung auf die Kaserneneingänge und verlor sich schwatzend, lachend,
stiefelpolternd in die hallenden Korridore.
Der Hauptmann warf seinem Burschen die Zügel seines Kleppers zu,
voltigierte so elastisch, als ihm seine zweiundvierzig Jahre dies
gestatteten, vom Pferde herunter und wandte sich zu seinen Offizieren.
Die standen, Hand am Helm, Säbel angefaßt, seiner Befehle gewärtig:
»Ich danke Ihnen, meine Herren -- wie wär's mit einem Schoppen im
Kasino?«
»Selbstverständlich, Herr Hauptmann!«
Da standen in der geräumigen Eingangshalle des Kasernengebäudes die
sechs eingezogenen Offiziere des Beurlaubtenstandes: »Ah, sieh da --
die Herren von der Reserve und Landwehr!«
Der Hauptmann und die beiden jungen, schmucken aktiven Leutnants traten
auf die eingezogenen Herren zu und begrüßten die alten Bekannten. Von
den sechs Angekommenen gehörten fünf zur Reserve des Regiments und
waren den aktiven Herren von frühern Übungen her bereits bekannt. So
war die Begrüßung sehr herzlich und kameradschaftlich.
Etwas hilflos stand der Leutnant der Landwehr Frobenius im
Hintergrunde, aber Flamberg, eingedenk seines Versprechens, sich des
Kameraden anzunehmen, winkte ihn heran: »Gestatten Herr Hauptmann, Herr
Leutnant der Landwehr Frobenius -- Herr Hauptmann Haller, Chef der
dritten Kompagnie -- die Herren Leutnants von Finette und Krummacher.«
Herr Frobenius faßte den Säbel in die Linke und legte die
weißbehandschuhte Rechte wie eine große Flosse an den Helm mit einer
so altväterlich unbeholfenen Handbewegung, daß der lustige, hellblonde
Leutnant von Finette es sich nicht versagen konnte, gleich loszuulken:
»Sagen Sie, Herr Frobenius, Sie haben wohl schon unter Albrecht dem
Bären gedient, wie?«
»Warum meinen Sie, Herr Kamerad?« fragte Frobenius errötend.
»Das schließe ich aus dem Schnitt Ihres Kollers und aus dem Modell
Ihres Turnierhelms.«
»So -- sind die Sachen so auffallend unmodern?« stammelte Frobenius.
»Ja,« entgegnete Finette, »wenn Ihre Kenntnis des Exerzierreglements
im selben Maße mit der Neuzeit fortgeschritten ist, dann werden ja die
Herren Füsiliere viel Vergnügen an Ihnen erleben!«
Flamberg kam ihm wiederum zu Hilfe: »Lieber Finette, wenn Sie mal ein
so altes Patent haben werden wie der Herr Kamerad Frobenius, dann haben
Sie längst wegen unheilbarer Revolverschnauze den Abschied -- -- und
kommen also gar nicht in die Verlegenheit, sich von einem jungen Dachs
wegen Auftragens älterer Garnituren anulken lassen zu müssen,« sagte er
mit liebenswürdigem Lächeln, doch scharf genug, daß Finette verstand.
Der aber war nicht aus der Fassung zu bringen. Im echtesten Tonfall
seiner Heimatstadt Köln erwiderte er: »Is ja halb so schlimm gemeint,
nit wahr, Herr Frobenius? lohß mer uns widder verdrage, nit?«
Er streckte dem Privatdozenten die schlanke Hand hin, die dieser
krampfhaft schüttelte.
Immer mehr Kompagnien kamen jetzt von der Morgenarbeit zurück. Die
Offiziere, von ihren Hauptleuten verabschiedet, traten einer nach dem
andern heran und begrüßten die eingezogenen Herren.
Frobenius beobachtete mit Genugtuung, daß das kameradschaftliche
Verhältnis zwischen den aktiven Herren und denen der Reserve ein sehr
gutes zu sein schien -- nur er, der allein nicht die Regimentschiffre
trug, das Monogramm des Chefs, des Prinzen Heinrich der Niederlande,
nur er allein wurde mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt, zu
der allerdings, wie er sich selbst nicht verhehlte, sein verbotenes
Exterieur einigermaßen beitragen mochte.
Auch die Stabsoffiziere fanden sich ein: der martialisch
kurzangebundene Oberstleutnant Rautz -- dann der Kommandeur des ersten
Bataillons, Major von Sassenbach, ein alter Troupier mit ausgewettertem
Gesicht und langflatternden grauen Schnurrbartzipfeln -- Major
Blasberg, der das zweite Bataillon führte, ein hagerer reservierter
Diplomat -- und endlich kam gar mit klingendem Spiel der Regimentsmusik
das ganze dritte Bataillon von der Felddienstübung zurück, voran
der Kommandeur: der kleine rauhbeinige Major von Czigorski, der mit
hellkrähender Stimme den Parademarsch befahl, auf seinem riesigen
Schimmel, den seine dicken Beinchen kaum umspannen konnten, und mit
behaglichem Stolz den Vorübermarsch sämtlicher Kompagnieen ansah, bis
hinunter zur zwölften, der Kompagnie der ganz kleinen Kerle, die aber
als die strammste im ganzen Regiment galt.
So rollte sich vor den Augen der eingerückten Herren das ganze,
vertraute, farbenfrohe Schauspiel des militärischen Lebens ab, und mit
Freude sogen Martin Flambergs Malersinne den glitzernden Schmelz, die
schmetternden Geräusche, den herben Duft des kriegerischen Bildes ein.
Vom Kasino her kam der Hauptmann von Brandeis, des Malers alter Freund
und Gönner, und schritt geradenwegs auf ihn zu. Flamberg hatte bereits
auf dem Regimentsbureau in Erfahrung gebracht, daß er wieder bei der
Ersten üben würde, und freute sich dessen; denn er hatte sich während
jener ersten acht Wochen unter Brandeis vorzüglich mit ihm vertragen.
In dienstlicher Haltung trat er dem Kapitän entgegen: »Melde mich ganz
gehorsamst zur achtwöchigen Übung eingezogen und der ersten Kompagnie
zugeteilt.«
»Danke Ihnen, lieber Flamberg,« lächelte Brandeis und streckte ihm
freundschaftlich die Hand entgegen, »seien Sie mir wieder einmal
willkommen bei der Königlichen Ersten! Na, wir werden ja hoffentlich
ein schönes Manöver haben -- der Hunsrück ist nicht das Schlimmste --
erinnern Sie sich, was wir vor vier Jahren haben in der Eifel ausstehen
müssen?«
»Jawohl, Herr Hauptmann -- Köttelbach -- Katzwinkel -- Beinhausen --
und Gefell -- schöne Gegend!«
»Stimmt! -- wenn Ihre Kochkunst und Ihre wohlassortierte Wein- und
Menagekiste nicht gewesen wäre, wär's uns dreckig gegangen -- habe
später oft Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Flambergs gehabt.«
»Herr Hauptmann wissen, daß ich ein Feldsoldat bin und auch mal das
Koppel enger schnallen kann, ohne gleich die Nase in den Dreck hängen
zu lassen, wenn's sein muß -- aber wenn's nicht sein muß, dann bin ich
allerdings mehr für Luxus und Wohlleben, offen gestanden.«
»Ganz Ihrer Meinung, lieber Flamberg, und um gleich einen guten Anfang
zu machen, bitte ich Sie, heut mittag bei der Begrüßungstafel mein Gast
zu sein.«
»Ich danke gehorsamst, Herr Hauptmann!«
»Und im übrigen: nochmals willkommen und auf gute Freundschaft! -- Aber
da kommt unser neuer Herr Regimentskommandeur -- die Herren werden sich
melden müssen. Auf Wiedersehn also hernach im Kasino!«
Mit rascher Prüfung, nicht ohne einige Spannung, schauten die sechs
Augenpaare der eingezogenen Offiziere des Beurlaubtenstandes der
Ankunft des neuen Regimentskommandeurs entgegen. Von den aktiven Herren
hatten sie bereits genug über ihn gehört, um zu wissen, daß er keinen
Spaß verstehe.
Der Oberst Freiherr von Weizsäcker war aus der hessischen Armee
hervorgegangen und trug zwischen seinen Rippen noch zwei preußische
Kugeln, die er am 13. Juli 1866 als hessischer Leutnant im Gefecht bei
Frohnhofen und Lauffach erhalten hatte. Dazu schmückte ihn das Eiserne
Kreuz erster Klasse, das er als Führer einer preußischen Kompagnie bei
Gravelotte erworben. So verkörperte er in seiner Person ein ganzes
Stück der Geschichte deutscher Einigungskämpfe.
Als Flamberg ihm ins Auge sah, war sein erster Gedanke der Wunsch: »Den
möchtest du malen!«
Auf der noch jugendlich elastischen, gertenschlanken Reiterfigur
ein bronzener Kopf mit scharfgezogener Nase, darunter zwei graue
Schnurrbartflämmchen; der Kopf, die ganze Gestalt beherrscht von
tiefliegenden, doch hell und groß gezeichneten grauen Augen; die
hatten die Gewohnheit, mit zwei raschen Blicken die Gestalt dessen,
der vor ihnen erschien, gleichsam abzustreifen; dann bohrten sie sich
mit bannender Gewalt in die Augen des Gegenübers ein, drangen mit
unwiderstehlichem Leuchten bis in die Tiefe.
Die Reserveoffiziere hatten sich in einer Reihe aufgestellt.
Oberleutnant der Reserve Brassert, der behäbige Gymnasialprofessor,
war dem Dienstgrad nach der älteste, und so war es denn an ihm, dem
Obersten entgegenzutreten und ihm die sechs eingezogenen Herren zu
melden.
Der Oberst überflog mit den zwei raschen Blicken die Gestalt des
Vertreters der Herren des Beurlaubtenstandes; dabei zuckten die beiden
Schnurrbartflämmchen und der herrische Mund darunter einen Augenblick,
aber eisern blieb das Gesicht, nur die Augen lachten, als er mit
leichtem Dank der weißbehandschuhten Hand erwiderte: »Ihren Namen, Herr
Oberleutnant, wenn ich bitten darf!«
Als Brassert sich genannt, ließ er sich dessen Stand angeben, und
seine Antwort: »Ah so!« schien darzutun, daß er nun den Duft der
Studierstube, welcher der Erscheinung des Angeredeten anzuhaften
schien, begreife.
Der Oberst ging die Reihe entlang und wiederholte die Frage nach Namen
und Stand. Dann trat er mit ein paar raschen Schritten vor die Mitte
der Herren, streifte noch einmal kreuz und quer mit den Augen ihre
Front ab und sprach:
»Meine Herren, ich begrüße Sie. Ich habe mir erzählen lassen, daß
das Regiment, das zu führen ich seit kurzem die Ehre habe, einen
überaus tüchtigen Ersatz an Reserveoffizieren sein eigen zu nennen
das Glück hat. Ich kann also mit vollem Vertrauen Ihrer Mitwirkung an
unserer gemeinschaftlichen Arbeit entgegensehen. Wer, wie ich, zwei
Feldzüge mitgemacht hat, weiß, was die Armee an den Offizieren des
Beurlaubtenstandes besitzt. -- Sie kommen zu uns, um bei uns zu lernen
-- ich bin aber überzeugt, daß Sie uns auch etwas mitbringen: Sie
bringen uns einen Gruß des Volkes, zu dessen Schutz wir bestimmt sind.
-- Sie bringen uns einen Gruß der Geistesarbeit, die unterm Schirm
unserer Waffen gedeihen soll. -- In diesem Sinne begrüße ich Sie alle
-- als das lebendige Band zwischen dem aktiven Offizierkorps und dem
Volk, um dessentwillen wir alle da sind. -- Ich wünsche Ihnen, daß Sie
sich wohl fühlen in unserer Mitte, und daß Sie nach Ablauf Ihrer acht
Wochen nicht nur gebräunt und gekräftigt, sondern auch an militärischen
Kenntnissen bereichert und durch freudige Erinnerungen gefördert an die
Stätte Ihrer Lebensarbeit zurückkehren mögen. Ich danke Ihnen, meine
Herren!«
Er grüßte, und wiederum flogen die Hände der eingezogenen Herren an die
Helmschienen.
Nun wandte er sich zu den Stabsoffizieren, welche bisher, von den
Hauptleuten und aktiven Leutnants umringt, den Worten des Obersten
zugehört hatten, und schritt im Geplauder dem Korridor zu, der auf das
Regimentsbureau führte.
Kaum war er verschwunden, da löste sich die feierliche Erstarrung, und
die Gruppen der aktiven und Reserveoffiziere vermischten sich zu lautem
Gelächter, schnarrendem Geplauder -- und säbelrasselnd, sporenklirrend
schritten die Herren über den hallenden Kasernenhof zum Kasino hinüber.
An allen Fenstern der endlosen Fronten wurden neugierige Köpfe sichtbar
-- an allen Waschtrögen standen Gruppen von Soldaten in Feldmützen
und Drillichzeug, die nun ihre Arbeit unterbrachen und, Bürsten und
Monturstücke in der Hand, zur vorgeschriebenen Haltung erstarrten, bis
die Gruppe der Offiziere an ihnen vorüber war.
Und als nun die ersten der Herren die Stiegen der Treppe zum
Kasino betraten, da scholl von drinnen der schmetternde Klang der
Regimentsmusik, die den Einzugsmarsch der Gäste aus Tannhäuser den
einrückenden Kameraden entgegensandte.
Nach wenigen Minuten, die man harrend und plaudernd im Rauchzimmer
zugebracht, erschien der Kasinovorstand Oberleutnant Menshausen und bat
die Herren zu Tisch.
In breiten Güssen fiel die langsam sinkende Nachmittagssonne durch die
hohen Fenster des Speisesaales über die hufeisenförmig aufgestellten
Tische, auf denen heute zur Feier des Tages der reiche Silberschmuck
des Regiments blinkte, umgeben von einer wahren Überlast bunter
Herbstblumensträuße, die dem Garten des Kasinos entstammten -- und
um die Tafel gruppiert etwa vierzig blühende Jugendgestalten -- von
dem Kommandeur des ersten Bataillons, Major von Sassenbach, der
als einziger Stabsoffizier an der Tafel teilnahm, bis herunter zum
blutjungen Fahnenjunker, der kaum der Presse entschlüpft war und sich
im Rock des Füsiliers und angesichts so vieler Vorgesetzter kaum zu
rühren -- kaum den Mund aufzutun getraute.
Allen diesen Erscheinungen gemeinsam war der vorschriftsmäßige
Schnitt des Haars, soweit sich dies nicht schon verflüchtigt hatte
und spiegelnde Stirnen oder Glatzen freiließ -- war gemeinsam der
modische Bürstenschnitt des Schnurrbarts, gemeinsam die straffe
Haltung, die lebhaften und doch gemessenen Bewegungen, der scharfe
Klang der Stimmen, die gewohnt waren, im Gelände weite Entfernungen
zu beherrschen oder sich durch das Rollen des Schnellfeuers hindurch
Geltung zu verschaffen.
Auf den ersten Blick aber waren die Herren des Beurlaubtenstandes an
der bleichern Hautfarbe, der etwas nachlässigern oder steifern Haltung,
dem mehr ins Geistige gewandten Ausdruck der Gesichter und Augen zu
unterscheiden. Doch das alles würde sich nun bald verwischen -- waren
doch diese sechs Männer nur hierhergekommen, um wieder Soldaten zu
werden, um sich wieder einzufügen in den gewaltigen Organismus, in dem
auch sie nichts als dienende Räder sein sollten und sein wollten.
Diese Einfügung und diese Anpassung, so sagte Flamberg sich
stillsinnend, diese Verschmelzung würde ihnen der Geist der
Kameradschaft erleichtern. Der Geist der Kameradschaft, der alle,
denen Seine Majestät Epaulettes und Schärpe verliehen hatte, zu einer
großen Schar von Verbrüderten zusammenschloß, in der ungeachtet aller
Abstufungen der Begabung und militärischen Befähigung, ungeachtet aller
Klüfte der Herkunft und der Anschauungen, jeder gleichberechtigt war,
in der es keine andern Unterschiede gab, als die der Dienststellung
-- und auch diese Unterschiede galten nur im Dienst -- außerhalb des
Dienstes gab es nicht Vorgesetzte, nicht Untergebene -- gab es nur
ältere und jüngere Kameraden -- gab es nicht aktive Offiziere und
nicht Offiziere des Beurlaubtenstandes -- gab es nur Offiziere, das
heißt: Träger des einen preußischen Soldatengeistes, der inmitten
aller Wandlungen der Weltanschauung und der sittlichen Begriffe das
alte Ideal der Ritterlichkeit verkörperte, das die Heere des Großen
Kurfürsten, des Alten Fritzen, das Heer der Befreiungskämpfer, wie die
Scharen Wilhelms des Siegreichen durch Nacht zum Licht, durch Kampf zum
Siege geführt hatte.
Und dieser Geist der Kameradschaft, so ernst er sich betätigte im
Dienst und in dem, was dem Dienste gleich galt: in der Auffassung jeder
großen Lebenspflicht -- in der Sphäre der Geselligkeit erwies er sich
als ein heiterer Geist, ein Geist freudiger Lebenslust.
Munter schwirrten die Gespräche hinüber und herüber -- noch war kaum
der erste Gang serviert, da traten an die Stelle der hellgrünen
Moselflaschen die goldbekapselten der Sektspezialmarke des Kasinos.
Munter knallten die Pfropfen -- und in den Spitzgläsern perlte der
weiße Schaum: »Luxus und Wohlleben griffen um sich.«
Major von Sassenbach schlug ans Glas. Er war kein großer Redner vor
dem Herrn -- es fiel ihm schwer, selbst nur ein paar formelhafte
Begrüßungsworte zusammenzustottern, und sein Adjutant, der Leutnant
Blowitz, den er mit diesem ausdrücklichen Auftrage sich gegenüber
gesetzt hatte, mußte ihm soufflieren.
Aber aus den ungefügen Worten des alten Soldaten leuchtete herzliches
Wohlwollen, und obwohl manches Lächeln der Hörer seine gewaltigen
Kraftanstrengungen begleitete, klang doch das dreifache Hurra auf die
eingezogenen Herren, in das er seine Rede ausmünden ließ, kräftig und
munter durch den Saal. -- Die Begrüßten beeilten sich, mit dem Major
anzustoßen, und nun die letzte offizielle Handlung des Begrüßungstages
überstanden war, atmete alles auf, und es löste sich der letzte Rest
von Förmlichkeit und Zurückhaltung.
Kreuz und quer durch den Saal schollen die Rufe der Tafelnden, die
einander zutranken. Mit vorschriftsmäßigem Ruck schnellten die
Angerufenen in die Höhe, wenn der Major oder einer der anwesenden
Hauptleute einem der Leutnants oder gar der zur Tafel zugezogenen
Vizefeldwebel der Reserve, Fähnriche oder Fahnenjunker zutrank; aber
regelmäßig winkte der Anrufende, Platz zu behalten -- nur die Pflicht
blieb bestehen, als Dank für den Zutrunk des Vorgesetzten sein Glas bis
auf die Nagelprobe zu leeren.
Flamberg saß zwischen seinem Kapitän, dem semmelblonden Herrn
von Brandeis, und dem flaumbärtigen Kompagniekameraden, Leutnant
Carstanjen, dem Sohn einer reichen niederrheinischen
Fabrikantenfamilie.
Zunächst mußte natürlich Flamberg erzählen.
»Na, Flamberg, Sie sind ja inzwischen sowas wie'n berühmtes Tier
geworden -- alle Augenblicke hat man im Lesezimmer in den illustrierten
Zeitschriften irgend so'ne Pinselei von Ihnen abgebildet gesehen --
natürlich immer die schönsten Weiber des europäischen Kontinents -- Sie
Schlemmer, Sie ...«
»Haben Herr Hauptmann etwas anderes von mir erwartet?«
»Ne, ne -- ich weiß wohl, Sie hatten ja damals schon 'nen starken
Hang fürs ewig Weibliche! Erinnern Sie sich noch, wie wir damals in
Mechernich in der Eifel mit der ganzen Kompagnie in der schauderhaften
Kneipe einquartiert wurden und für Sie und für -- na, wer war's doch
damals? Quincke wohl ...?«
»Jawohl, ganz recht, Quincke, Herr Hauptmann!«
»Na also -- für Sie beide nur dadurch Quartier zu schaffen war, daß
die beiden Töchter des Wirts aus ihrem Jungfernstübchen 'rausgewiesen
wurden und oben auf dem Heuboden kampieren mußten. Damals haben Sie
die beiden Mädels gezeichnet. Erinnern Sie sich noch? Na, nachher
waren sie nicht von Ihnen wegzuschlagen -- alle beide -- was? Ja, an
sowas läßt man sich natürlich nicht gern erinnern, wenn man inzwischen
Bräutigam geworden ist!«
»Oh, was das anbetrifft, Herr Hauptmann: das Wort ›bereuen‹ kommt in
meinem Lexikon nicht vor.«
Der kleine Carstanjen spitzte die Ohren und rief dazwischen:
»Donnerwetter, Herr Hauptmann, das scheint ja 'ne verflucht
interessante Geschichte gewesen zu sein! Wollen Herr Hauptmann die
nicht etwas ausführlicher erzählen?«
»Knöpfen Sie sich die Ohren zu, Sie Kiekindiewelt,« antwortete
Brandeis, »sind noch viel zu klein für -- für solche Geschichten!«
»Herr Hauptmann unterschätzen mich!« lachte Carstanjen.
Brandeis fragte seinen Gast: »Wissen Sie auch schon, daß wir nächstens
im Kasino ein feenhaftes Zauberfest in Aussicht haben?«
Flamberg erbat genauere Auskunft, und der Hauptmann berichtete:
»Also am 18. August feiert doch das Regiment die siebenunddreißigste
Wiederkehr des Tages von Gravelotte ... Na, das wissen Sie doch aus der
Regimentsgeschichte?!«
»Ei gewiß: Sturm auf Point du jour, 118 Tote, 326 Verwundete! 2 Eiserne
Kreuze erster und 18 zweiter Klasse ins Regiment!«
»Alle Achtung!« meinte Carstanjen, »so hab ich's ja nicht mal am
Schnürchen!«
»Eh ... wie oft hab ich das schon meinen Kerlen in der
Instruktionsstunde eingebläut ... da werd ich's doch selber nicht
vergessen haben! -- So ... und das wird also diesmal in großem Stile
gefeiert?«
»Ja,« erklärte Brandeis, »Sie wissen: der neue Kommandeur ist erst vor
vierzehn Tagen angekommen, und so soll das alljährliche Regimentsfest
diesmal zugleich als Begrüßung für die neue Kommandeuse im Kreise der
Damen gefeiert werden ... es gibt 'ne große Gartenfête im Kasino --
Diner -- Theatervorstellung -- zuletzt natürlich Tanz!«
»Theatervorstellung?« fragte Flamberg interessiert. »Nanu ... das kann
ja interessant werden ... was gibt's denn?«
»Bei der zweiten Kompagnie steht ein einjährig-freiwilliger
Unteroffizier, ein Referendar seines Zeichens, zugleich in seinen
zahlreichen Mußestunden Reiter auf dem Musenklepper ... den hat
Frau von Sassenbach -- die ist nämlich Patroneß der Veranstaltung
-- 'rangebändigt und zum Dichten kommandiert. Er hat sowas wie 'n
allegorisches Festspiel verübt ... ihre beiden Töchter spielen
natürlich mit; das war wohl auch der Hauptzweck der Übung, die zwei
Mädels mal wieder gehörig in Szene zu setzen -- übrigens meine Frau
wirkt auch mit --«
»Herr Hauptmann sind verheiratet? ... das erste, was ich höre ... seit
wann denn, wenn ich fragen darf?«
»Seit eineinhalb Jahren!« sagte der Hauptmann, »übrigens eine
Landsmännin von Ihnen, ein Fräulein Cäcilie Imhof ... na -- der Name
wird Ihnen ja nicht unbekannt sein!« --
Cäcilie Imhof ... Bei diesem Namen stieg in Martin Flamberg
eine Erinnerung auf, die Erinnerung an ein braunes, kapriziöses
Mädchenköpfchen, das durch seine Jugend hingehuscht war wie so viele
andere, ohne just eine dauernde Spur in seiner Seele zu hinterlassen
... Immerhin war seine Erinnerung lebhaft genug, daß ihn die
Vorstellung, dieses Gesichtchen neben dem platt-behaglichen Puppenkopf
des Hauptmanns von Brandeis auftauchen zu sehen, mit seltsamen
Empfindungen erfüllte ...
In Gesellschaft hatte der junge Maler, damals noch ein völlig
Namenloser, zuweilen das junge Mädchen getroffen und war von ihr ganz
und gar nicht beachtet worden ... das war kein Wunder; denn sie war
ein gefeiertes und damals schon, in ihrer zartesten Backfischjugend,
vielumworbenes Geschöpfchen ... die Tochter einer alten Familie reicher
Bankiers und Industrieller ... und er, Martin Flamberg, mußte sich
damals noch zu jeder Gesellschaft für zwei Mark fünfzig einen Frack
ausleihen ...
In den Tagen seines jungen Ruhms war er ihr nicht mehr begegnet.
Ihr Vater hatte sich von den Geschäften zurückgezogen und war nach
Wiesbaden übergesiedelt, um den heilkräftigen Quellen nahe zu
sein, deren beständige Einwirkung seine Gicht verlangte ... und
nun war das verwöhnte Kind die Gattin eines braven, unbedeutenden
Infanteriekapitäns ... merkwürdig ...
»Na? entsinnen Sie sich meiner Frau noch?« fragte Herr von Brandeis.
»Herr Hauptmann sehen, ich versuche mich zu besinnen, aber ich finde
nur eine sehr blasse Reminiszenz.«
»Na, is ja auch egal,« meinte der Hauptmann, »Sie werden ja nächstens
Ihre Erinnerungen auffrischen können; denn selbstverständlich hoffe ich
doch, Sie recht bald in meinem Hause zu sehen ... meine Frau wird sich
jedenfalls sehr freuen ...«
Flamberg verneigte sich.
»Na, und nun erzählen Sie mal von sich ... Sie haben sich ja inzwischen
auch verankert ... hoffentlich recht vorsichtig gewesen in der Wahl
Ihres Herrn Schwiegerpapas?«
»Mein Schwiegervater ist Beamter!« sagte Flamberg, »übrigens, ich bin,
Gott sei Dank, seit einiger Zeit auf besondere Vorsicht in dieser
Beziehung nicht mehr angewiesen.«
»Aha ... na natürlich ... verdienen jetzt aasige Däuser .. das versteht
sich ... Porträtmaler -- Portemonnaiemaler -- alte Geschichte! -- Ja,
sehen Sie, so gut geht's unsereinem nun nicht ... das ist noch das
einzig Schöne an unserm Beruf, daß es uns kein Mensch übelnehmen kann,
wenn wir unserer Zukünftigen nicht nur in die Augen, sondern auch ein
bißchen ins Portemonnaie sehen ... Na, und in der Beziehung kann ich ja
nicht klagen, wie Sie sich denken können ... übrigens auch in anderer
Hinsicht hab ich direkt märchenhaften Dusel gehabt ... meine Frau heißt
nicht umsonst Cäcilie ... die sollen Sie mal Klavier spielen hören --
und singen ... Na, ich sag Ihnen ja: Den Seinen gibt's der Herr im
Schlaf!«
Er füllte sich und dem Gaste die Sektkelche und hob ihm das Glas
entgegen. »Na also in diesem Sinne, lieber Flamberg: unsere Damen! --
So ... Sie wollen auch mittrinken, kleiner Carstanjen ... ach Unsinn
... verstehen Sie ja noch gar nichts von ... aber mit anstoßen dürfen
Sie doch ... Kommen Sie mal her mit Ihrem Pokal!«
»Ich kann nur noch einmal wiederholen: Herr Hauptmann unterschätzen
mich!« schmunzelte Carstanjen mit spitzbübischem Lächeln auf seinem
verwöhnten Geckengesichtchen.
»Sie, Flamberg,« sagte der Hauptmann, »ich hoffe, Sie werden mich bei
der Erziehung dieses kleinen Windhundes da ein wenig unterstützen --
das ist auch einer von denen, mit denen 's der Herrgott gar zu gut
gemeint hat -- und das ist ihm zu Kopf gestiegen -- wenn er also üppig
wird, dann hauchen Sie ihn nur gehörig an -- meinen Segen haben Sie --
und einen Gotteslohn verdienen Sie sich überdies!«
»Na, wir zwei werden uns schon vertragen! -- Was meinen Sie, Herr
Carstanjen?«
Das herzliche, offene Lachen, mit dem der Reserveoffizier dem jungen,
aktiven Kameraden das Glas entgegenhielt, verscheuchte den Ausdruck
von anmaßender Gekränktheit, der das hübsche, eitle Gesicht überhuscht
hatte. Und so leerte die Königliche Erste eine Flasche Spezialmarke
nach der andern in ungestörter Harmonie.
Weniger heiter sah es in der Gruppe der Königlichen Zweiten aus:
Herr Leutnant der Landwehr Frobenius saß stumm und einsilbig zwischen
dem stummen und einsilbigen Kompagniechef, dem Hauptmann Goll, und dem
Oberleutnant Menshausen, dem Kasinovorstand, während ihnen gegenüber
als dritter Offizier der Kompagnie der Leutnant Quincke saß, ein
junger, blasierter Bursch mit glattrasiertem Gesicht -- verlebten Zügen
-- die Scherbe ins rechte Auge geklemmt. Menshausen und Quincke nahmen
von dem Kameraden der Landwehr kaum Notiz -- unterhielten sich über den
Tisch hinüber geflissentlich über Personen und Fragen, an denen der
eingezogene Herr nicht das geringste Interesse nehmen konnte.
Und der Hauptmann, ein finsterer Junggesell mit starrem, schwarzem
Haar und struppigem Schnurr- und Vollbart, sprach überhaupt nichts,
füllte nur zuweilen die Gläser seiner Untergebenen und trank dem Gaste
schweigend zu.
Als Frobenius erst gemerkt hatte, daß man ihn schlecht behandeln
wolle, tat er instinktiv das einzige, was in dieser Situation für ihn
möglich war -- er schwieg nämlich ebenfalls vollständig und machte
nicht den leisesten Versuch, die Zurückhaltung der aktiven Herren durch
entgegenkommende Liebenswürdigkeit zu überwinden.
Schließlich bemerkte der Oberleutnant, daß die rücksichtslose
Nichtachtung, mit der die aktiven Herren den Gast behandelten, dessen
Hilflosigkeit immerhin ein gewisses Mitleid erregte, allgemein auffiel,
und ließ sich nunmehr herab, ein Gespräch mit ihm zu beginnen.
»Sagen Sie mal, Herr Leutnant Frobenius,« hub er an, »was sind denn Sie
eigentlich im Zivilverhältnis?«
»Ich bin Privatdozent an der Universität Bonn.«
»Hm -- was dozieren Sie denn also privat?«
»Ich lese deutsche Literaturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts bis
zur Gegenwart.«
»Aha,« sagte Menshausen, »ich kann mir zwar dabei nichts Rechtes
denken -- aber es ist ja jedenfalls was sehr Gelehrtes! Nun sagen Sie
mal, was wollen Sie denn nun eigentlich bei uns? Macht Ihnen das denn
wirklich Vergnügen, hier so acht Wochen lang in Uniformen von vor
fünfzehn Jahren herumzulaufen und sich mit Ihrer Unkenntnis des neuen
Exerzierreglements vor hundertzwanzig Bauernlümmels und Fabrikarbeitern
lächerlich zu machen?«
Frobenius richtete sich ein wenig auf: »Herr Oberleutnant Menshausen
-- ich bin mir wohl bewußt, daß ich hierherkomme, um zu lernen -- ich
habe aber auf der andern Seite während meiner früheren Übungen die
Beobachtung gemacht, daß Bauernjungens und Fabrikarbeiter ein ziemlich
feines Gefühl dafür haben, wer vor ihnen steht, -- und hinter der
vielleicht etwas veralteten Uniform und der mangelhaften Dienstkenntnis
des Landwehroffiziers die überlegene Intelligenz respektieren, die
ihnen in der Person eines Mannes der Wissenschaft gegenübertritt.
Diese einfachen Leute wissen sehr wohl zu unterscheiden zwischen der
formgewandten Nullität und dem Geist, der sich im Notfall -- daß heißt
im Falle der wirklichen Not, meine ich -- von selbst die Form schafft,
die der Augenblick verlangt.«
»Ja, verzeihen Sie, Herr Leutnant Frobenius,« sagte der Oberleutnant,
»Sie drücken sich so gewählt aus, daß ich nicht zu folgen vermag -- was
wollen Sie eigentlich mit Ihrem Erguß sagen?«
»Ich will versuchen, mich Ihnen deutlich zu machen«, erklärte
Frobenius. »Wir Landwehroffiziere sind, das erkenne ich ja an,
im Frieden scheinbar ein wenig deplaciert inmitten der jungen,
dienstkundigen aktiven Herren -- aber wir sind auch gar nicht hier,
um in Ihrer Mitte gute Figur zu machen -- wir wollen lernen --
lernen einzig und allein für den Krieg -- und glauben Sie mir, Herr
Oberleutnant, im Kriege kommt es weder auf gutsitzende Uniform noch
auf die Kenntnis jeder neuesten Phase der Taktik der Saison an -- da
entscheiden ganz andere Faktoren. Da möchte vielleicht plötzlich mit
dem Mobilmachungstage eine Umwertung der Werte stattfinden, und diesem
Tage entgegen bewegt sich alle Hoffnung, die ich mit meinem Aufenthalt
im Kreise des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande verbinde.«
»Ah so,« sagte Menshausen, »ich verstehe -- Sie haben militärischen
Ehrgeiz -- wollen womöglich noch gar Hauptmann der Landwehr werden?«
»Allerdings will ich das,« erwiderte Frobenius ruhig, »zurzeit übe ich
auf Beförderung zum Oberleutnant.«
»Allen Respekt!« meinte Menshausen, »das hätt ich Ihnen nun nicht
angesehen -- können Sie denn auch reiten?«
»Gewiß kann ich reiten,« erklärte der Privatdozent. »Ich meine,
das versteht sich wohl von selber, da ich Ihnen sagte, daß ich die
Beförderungsübung zum Oberleutnant mache.«
Aber er konnte nicht wehren, daß ihm bei der Erwähnung des Reitens
selber ein wenig bänglich zumute wurde. Er hatte erst im Frühjahr
mit Zittern und Zagen zum ersten Male einen Gaul bestiegen, war beim
ersten Antraben vom Woilach heruntergekugelt wie eine Klammer von der
Wäscheleine und hatte sich das Schultergelenk dermaßen ausgerenkt,
daß er den linken Arm drei Wochen lang hatte in der Binde tragen
müssen. Nach Ablauf dieser drei Wochen hatte er mit noch hörbarerm
Zähneklappern den Reitunterricht wieder aufgenommen, und seine
Scheu vor dem wilden, gefährlichen Tier, das dem Menschen nach dem
Leben trachtet, endlich soweit überwunden, daß er mit der Zeit in
der Reitbahn sich wenigstens auf den allerfrömmsten Kleppern hatte
halten können. Ja, in den letzten Wochen vor der Übung hatte er
sogar in Gesellschaft des Reitlehrers und einiger Damen der Bonner
Gesellschaft einige Ausritte ins Gelände unternommen und war stets mit
heiler Haut davongekommen, mit Ausnahme einer unangenehmen Begegnung,
die er mit einem vorüberbrausenden Eisenbahnzuge gehabt hatte, und
nach deren Verlauf er sich mit zerschundenem Gesicht, zerbeultem Hut
und zerschlagenen Knochen in einem Chausseegraben wiedergefunden
hatte, während seine Rosinante ohne seine Leitung ihre Futterstelle
wiedergefunden hatte.
Der Gedanke also, demnächst hoch zu Roß vor der Front auftauchen zu
müssen, erfüllte ihn mit einem Unbehagen, das zu überwinden er seines
ganzen Mannesmuts bedurfte. Wenn aber etwas noch gefehlt hätte, um ihn
in dieser Hinsicht zu äußerster Energie aufzustacheln, dann waren es
die spöttischen Blicke und Redensarten des Kasinovorstandes.
Er beschloß in diesem Augenblick, allen Gefahren kühnlich zu trotzen
und zu Pferde zu steigen mit der ruhigen Selbstverständlichkeit, mit
der er sonst alle Morgen auf seinen Katheder kletterte, um seinen
Hörern die Geheimnisse des zweiten Teils von Goethes Faust zu erklären.
Oberleutnant Menshausen bemerkte mit Vergnügen, daß der Landwehronkel
bei der Erwähnung des Reitens, trotz seiner heroischen Worte, still
und um einige Schattierungen blässer geworden war. Über den Kameraden
hinweg fragte er den Hauptmann Goll: »Gestatten Herr Hauptmann
eine Frage: Ist nicht morgen früh Ausbildung der Mannschaften im
Entfernungsschätzen?«
»Allerdings!« grunzte Hauptmann Goll, »was gibt's denn dabei?«
»Ich wollte Herrn Hauptmann nur fragen, ob uns nicht gestattet wäre,
die Übung zu Pferde mitzumachen -- wie ich soeben von Herrn Leutnant
Frobenius höre, legt er ebenfalls Wert darauf, morgen früh zu reiten,
und da ich für meine Person im Manöver als Ordonnanzoffizier zum
Regiment komme und meinen neuen Gaul gern ein wenig an die Truppe
gewöhnen möchte, so würde ich Herrn Hauptmann dankbar sein, wenn Herr
Hauptmann uns gestatten wollten zu reiten!? -- Meines Wissens reiten
Sie ja auch momentan dem Obersten sein Handpferd zu, Quincke, nicht
wahr?«
Leutnant Quincke hatte der Unterhaltung zugehört und bejahte mit
perfidem Grinsen: »Gewiß -- wenn Herr Hauptmann gestatten, komm auch
ich hoch zu Roß!«
»Na schön,« sagte Goll, »ich hab nichts dagegen!«
Frobenius fühlte bei dieser Unterhaltung, wie die wenigen Haare, die
seinen Schädel umsäumten, sich einzeln zu Berge sträubten. -- Herr Gott
im Himmel -- schon morgen früh! -- Was war da zu machen -- Schicksal,
nimm deinen Lauf!
»Wo wollen Sie denn Ihren Gaul herbekommen, Herr Frobenius?« fragte
Menshausen unbarmherzig weiter, »haben Sie sich einen mitgebracht oder
wollen Sie sich einen leihen?«
»Ich habe mich nach den Verhältnissen noch nicht erkundigt,« erklärte
Frobenius, »ich denke, man bekommt in der Reitbahn passende Gäule
geliehen, wie?«
»Selbstverständlich,« sagte der Oberleutnant, »wenn's Ihnen recht ist,
stelle ich Ihnen meinen Burschen zur Verfügung -- der kann ja morgen
früh vor dem Dienst zur Reitbahn gehen und Ihnen ein Pferd besorgen.«
Frobenius ahnte Böses; doch er hatte sich nun einmal vorgenommen, jeder
Gefahr die Stirn zu bieten, und so nahm er mit verbindlichem Lächeln
das Anerbieten des Oberleutnants an.
Als im nächsten Augenblick Hauptmann Goll wieder einmal wortlos dem
Landwehroffizier zutrank, beugte sich Menshausen zu Quincke hinüber und
flüsterte ihm zu: »Sie, Quincke, ich werde meinen Burschen instruieren,
daß er »Kuno den Schrecklichen« besorgt! -- Kennen Sie den Schinder?«
»Na ob!« grinste Quincke, »das ist ja das verrittenste Pferd in der
ganzen Garnison. -- Na, wenn der Landwehronkel auf Kuno überhaupt aus
dem Kasernenhof 'rauskommt, dann garantier ich jedenfalls: 'rein kommt
er nicht wieder!«
In diesem Augenblick hob Major von Sassenbach die Tafel auf, und
alsbald empfahlen sich die Vizefeldwebel der Reserve und die
Avantageure, indem sie in die Mitte des Hufeisens traten und erst
vor dem Tischältesten Front machten, dann nach rechts und links
desgleichen; dabei schlugen die Hacken zusammen, daß es nur so krachte.
Und nun schwirrten die Ordonnanzen von allen Seiten mit den brennenden
Lichtern herein, und das gelbe Flimmern der flackernden Flämmchen
vermählte sich mit dem dunklern Gelbgold der Abendsonne, die gebrochen
durch die leise sich wiegenden Kronen der Bäume des Kasinogartens
in die hohen Bogenfenster strahlte. Bald kräuselten sich bläuliche
Tabakwölkchen hinein -- und noch ungezwungener rauschte nun das
Geplauder, noch lebhafter wogte das Hinüber und Herüber der Scherze
-- des Zutrunks -- und bald war den Offizieren der Reserve wieder
zumute, als seien die Monate und Jahre »im schlichten Gewande der
Bürgerlichkeit«, die seit dem letzten Abschiedstrunk im Kasino
verflossen waren, nur ein Traum gewesen, und als sei dies Leben
im bunten Rock ihre eigentliche Existenz -- als sei die Schar der
Kameraden, in deren Mitte sie nun wieder eingetreten waren, das Milieu
ihres Lebens.
Sie waren riesig vergnügt, die Herren des Beurlaubtenstandes. Der
geschniegelte und pomadisierte Leutnant der Reserve Klocke schwamm
in Seligkeit. Herr Kamerad hier, Herr Kamerad dort, so schmetterte
das nach allen Richtungen hinüber und herüber -- als trüge er eine
Sprungfeder im Leibe, so schnellte er jedesmal empor, wenn ein
Vorgesetzter ihm zutrank, und leerte mit Begeisterung seinen Kelch, nur
daß im Laufe der Zeit seine Augen immer stierer, sein Gesicht immer
röter, seine Bewegungen immer unsicherer und die Scherze, die er zum
besten gab, immer gewagter wurden und je länger je mehr nach dem Coupé
dritter Klasse schmeckten.
Ihm schräg gegenüber saß im Kreise seiner zukünftigen
Kompagniekameraden der Referendar Dormagen. Als Sohn eines rasch
reichgewordenen Industriellen hatte er heute das Gefühl, daß es
eigentlich ein Skandal sei, daß er nicht Kavallerist geworden. Aber
vor sechs Jahren, als er einjährig diente, hatte sein Vater noch nicht
den großen Schlag mit dem neuerfundenen Trockenelement gemacht, und
erst in den letzten Jahren -- leider -- waren die Verhältnisse seiner
Familie so plötzlich emporgeschnellt. Nun blieb nichts übrig, als in
der Mitte der Fußinfanteristen wenigstens nach Kräften mit seinem Gelde
zu imponieren. So ließ er denn eine Flasche Pommery nach der andern
anfahren, und allmählich sammelte sich um ihn eine Gruppe von jüngern
Offizieren, die, mit nicht allzu reichlichem Zuschuß gesegnet, einen
Freitrunk sich nicht gern entgehen lassen mochten. In ihrer Mitte
markierte Dormagen nun den großmütigen Gastgeber, wogegen seine Gäste
sich verpflichtet fühlten, andachtsvoll seinen Schwadronierereien zu
lauschen und ihm eifrig zuzutrinken. Sein Kompagniechef hatte sich
bereits unmittelbar nach Aufhebung der Tafel, peinlich berührt durch
des jungen Herrn siegesgewisses Auftreten, an den mittlern Tisch des
Hufeisens zurückgezogen, wo sich nun allmählich die ältern Herren bei
Kaffee und Münchner Bier konzentrierten.
Inmitten dieser ältern Herren saß auch der Oberleutnant der Reserve
Brassert, ein behäbiger Süddeutscher, und freute sich königlich, daß er
der Pflicht entronnen war, den rüpelhaften Primanern die Geheimnisse
des Äschylos zu erschließen. Er übte seit einem Dezennium nahezu Jahr
um Jahr, teils weil es für ihn, den Beamten, dessen Gehalt während der
Übung weiterlief, eine überaus billige Sommerfrische war, teils weil
sein immer mehr anschwellendes Bäuchlein die scharfe Entfettungskur
dieser acht Wochen sehr notwendig brauchte. Die Hauptleute waren seine
Altersgenossen und überdies auch von gleichem Dienstalter wie er, und
so fühlte er sich in ihrer Mitte behaglicher als zwischen den jungen
Dächsen von Leutnants, deren Charge er teilte, die ihn aber zu peinlich
an seine kaum verlassenen Primaner erinnerten.
Behaglich schmunzelnd und kräftig qualmend saß er inmitten der ältern
Offiziere. Den Kragen seines Überrocks, der übrigens mit Rücksicht
auf sein gewaltiges Doppelkinn ohnehin nicht mehr denn Fingersbreite
hatte, trug er aufgeknöpft, ebenso wie die obersten vier Knöpfe seines
Überrocks, und bedauerte nur im stillen, daß er den Rock nicht ganz
ausziehen konnte, wie auf der heimatlichen Kegelbahn im Kreise seiner
Kollegen.
An einzelnen Tischen waren indessen allmählich große Lücken entstanden
-- manche der Herren hatten sich erhoben, um sich ins Spielzimmer zum
Skat zu setzen -- manche hatten auch die unangenehme Pflicht, noch eine
späte Instruktionsstunde abzuhalten.
Eine kompakte Gruppe hockte indessen noch um das Ende des linken
Hufeisentisches zusammen, wo der Leutnant der Reserve und Forstassessor
Troisdorf mit Leutnant von Finette zusammensaß. Die beiden
Niederrheinländer sprachen seit zwei Stunden nur noch kölnisch-platt
und erzählten einander die haarsträubendsten Anekdoten von Kölner
Marktweibern und »Rheinkadetten«, den lungernden Lastträgern des
kölnischen Rheinhafens. Von hier scholl immerzu schmetterndes
Gelächter in den Saal hinein, so daß ab und zu einer oder der andere
der Hauptleute herantrat und ein Weilchen zuhörte. Auf die Dauer
war indessen eine solche Flut von mehr oder weniger unappetitlichen
Scherzen nur für Leutnantsmägen erträglich.
Immer schneller, fast unbemerkt, entflohen den Zechenden und
Plaudernden die Stunden.
Der Major von Sassenbach hatte seit längerer Zeit beobachtet, daß der
hilflose Landwehroffizier, der mit seiner riesigen, goldenen Brille
und seinem langen, braunroten Bart so gar nicht in die militärische
Umgebung zu passen schien, das wehrlose Opfer der Scherze des
Oberleutnants Menshausen und des Leutnants Quincke war. Sassenbach
liebte die beiden Herren nicht -- ihm, dem schlichten Haudegen, waren
die kalten Spötter und Monokelträger zuwider -- er rief zu der Gruppe
hinüber: »Herr Leutnant Frobenius, wollen Sie mir das Vergnügen machen,
noch eine Flasche mit mir zu trinken?«
Frobenius war seelenvergnügt -- er fuhr diensteifrig in die Höhe,
wobei er den hochlehnigen, gotischen Stuhl umwarf, und schob mit etwas
unsicherm Gange zu seinem Bataillonskommandeur hinüber. -- Bald waren
beide in ein herzliches Geplauder vertieft.
»Aha,« schnarrte Menshausen zu Quincke hinüber, »sehn Sie woll -- ein
neuer Schwiegersohn ist auf der Bildfläche erschienen, der muß gleich
festgenagelt werden -- ja ja, man muß sich dazu halten. Nelly ist
sechsundzwanzig und Molly neunzehn -- und der Landwehrfritze macht 'nen
kolossal heiratsfähigen Eindruck.«
Hauptmann von Brandeis hatte sich schon seit geraumer Zeit empfohlen.
Die üblichen Scherze hatten den Aufbruch des jungen Ehemannes
begleitet, und schmunzelnd hatte er quittiert.
Flamberg schlenderte von einer Gruppe zur andern -- ließ sich bald
hier, bald dort zu einem kurzen Geplauder nieder und sog die Stimmung
der Stunde in sich hinein. -- Mit Wonne verfolgte sein geschulter Blick
das langentwöhnte Schauspiel, wie sich nun das rötlichgelbe Licht der
Kerzen, das tiefe Goldbraun des Sonnenuntergangs, das hellere Gelb der
elektrischen Kronleuchter von droben her, der bläuliche Tabaksdunst,
der in breiten Schwaden über den Gruppen lagerte, mit dem Blau und
Rot der Uniformen, den goldenen Reflexen auf den Monturknöpfen und
der satten Sonnenfarbe der gebräunten Gesichter verwob. -- In seinen
Adern glühte der Sekt, schäumte die freudige Hoffnung auf acht Wochen
eines neuen, verwandelten Lebens voll farbiger Eindrücke, voll harmlos
heiterer Erlebnisse.
Aber als nun mit dem Fortschreiten des Gelages die Kehlen immer
rauher wurden, die Luft immer dicker -- da meinte er den Augenblick
gekommen, sich dem Feste zu entziehen und ungetrübt das erschaute Bild
heimzutragen.
Nach einer kurzen Wanderung durch die stillen Straßen des
Kasernenviertels stand er in der engen Mietbude, deren schäbige,
zerschlissene Trivialität so seltsam kontrastierte gegen den
künstlerischen Reiz seiner verlassenen Junggesellenhäuslichkeit,
kontrastierte auch gegen den süßen Hoffnungstraum von einem künftigen
Daheim, den er seit Wochen mit seinem Schatz gesponnen.
Schwül war die Luft im Stübchen -- er stieß die Fenster auf -- und vom
tiefschwarzen Himmel nieder flammten tausend freundliche Sterne. -- Da
mußte er von seinem Mädchen träumen -- sie hatte ihm das Versprechen
abgenommen, allabendlich zum Himmel aufzuschauen und heimwärts zu ihr
zu denken -- und er dachte heimwärts.
Eine große, tiefe Ruhe war in seiner Seele -- ein Heimatbewußtsein --
das traute Wissen, verankert zu sein im tiefsten Grunde des Erdenseins,
in einem Herzen, das nichts als Liebe war für ihn.
Drittes Kapitel.
Um die fünfte Morgenstunde dämmerte Wilhelm Frobenius mit wüstem Kopf
aus schwerem Traum empor. Es hatte erst sanft, dann recht energisch an
die Tür geklopft -- er fuhr auf, starrte in dem engen Gelaß umher, daß
ihn umschloß, und konnte sich nicht enträtseln, wie er eigentlich in
diese nüchterne, unbehagliche Umgebung geraten war.
Plötzlich fiel's ihm ein: ach, du lieber Himmel -- du bist ja in der
Garnison -- und -- o Schauder -- gleich geht's zu Pferd!
»Herr Leu'nant -- et is höchste Zeit für uffz'stehn!« mahnte von
draußen eine ihm völlig fremde Stimme.
Das mußte der Bursche sein. Herrgott, wie der Schädel brummte.
Er fuhr mit den dünnen, haarigen Beinen aus der Decke hervor, fühlte
sich geniert durch den ungewohnten Gedanken, nun im Nachthemde vor den
fremden jungen Menschen hintreten zu sollen, zog erst Unterhosen und
Strümpfe an und schlurrte dann zur Tür. Kaum hatte er sie geöffnet, da
schoß mit energischem Ruck ein junger, rotblonder, sommersprossiger
Gesell herein, die Feldmütze auf dem Kopf, die Drillichhose schon in
den langschäftigen Stiefeln steckend. Er schlug krachend die Absätze
zusammen und meldete: »Füselier Schmitz als Bursch bei de Herr Leu'nant
kommediert!«
»Schön, schön,« sagte Frobenius verlegen, »also Sie sind Schmitz,
schön, schön. Was gibt's denn heute morgen?«
»Sechs Uhr fufzehn Abmarsch in't Jelände zur Ausbildung im
Entfernungschätzen!«
»Ach ja -- ganz richtig -- also sehen Sie, da ist mein Koffer -- den
packen Sie mal zuerst aus.«
Und während der Bursche sich anstellig und geräuschlos anschickte, die
Habseligkeiten seines neuen Herrn aus dem vorsintflutlichen Reisekoffer
zu entwickeln, kühlte Wilhelm Frobenius sein schmerzendes Haupt --
immer neue Schwämme drückte er über den Nacken aus, daß das Stübchen
schwamm, aber der dumpfe Druck im Schädel wollte nicht weichen -- und
noch weniger der dumpfe Druck in der Herzgegend -- vor seiner Phantasie
aber stand das Bild des Augenblicks, wo er das wilde, gefährliche Tier
besteigen würde, das dem Menschen nach dem Leben trachtet.
Herrgott, wie die funkelnagelneuen Reitstiefel drückten -- wie
der steife Lederbesatz der Reithose die Schenkel scheuerte -- wie
entsetzlich das war, durch die Stube zu schreiten mit den klirrenden
Sporen, die sich immerfort ineinander verfingen!
Füsilier Schmitz waltete indessen geräuschlos seines Amtes. Er betreute
seinen Herrn wie eine erfahrene Kinderwärterin ihren Säugling.
Als er seinen Herrn in den Waffenrock gesteckt hatte, verschwand er auf
Zehenspitzen und kam nach wenigen Minuten mit dem Frühstückstablett
zurück.
Himmel, aber dieser Kaffee! -- Mit Wehmut gedachte Wilhelm Frobenius
seiner sorgsamen Haushälterin daheim, die ihm denn doch einen ganz
andern Morgentrunk kredenzte -- und verzehrte knurrend die mit einem
Übermaß von Margarine bestrichene Frühstückssemmel, während Füsilier
Schmitz Helm, Feldglas, Säbel und Schützenpfeife zusammensuchte.
Zehn Minuten später schritt Frobenius an dem präsentierenden Posten
vor dem Kasernenportal vorbei in den Hof hinein und sah schon von
weitem die dunkle Masse der in Zugkolonne aufgestellten Königlichen
Zweiten. Noch war kein anderer der Offiziere auf dem Platze, und als
der Leutnant sich der Kompagnie näherte, kommandierte der Feldwebel mit
dröhnender Stimme:
»Stillgestanden! -- Richt' euch! -- Augen gerade -- aus! -- Die Augen
links! -- -- Kompagnie beim Antreten!« meldete er dann dem Offizier.
»Danke, danke!« sagte Frobenius und überlegte, was er nun zu tun
hätte. Das dauerte ungefähr eine Minute, während deren der Feldwebel
regungslos neben ihm stand und ebenso regungslos die Kompagnie mit
Augen links.
Frobenius verfiel in tiefes Sinnen. Herr Gott, was machte man denn nun
jetzt nur?
Der Feldwebel kam ihm zu Hilfe: »Gestatten Herr Leutnant, daß ich
rühren lasse?«
»Bitte, bitte, selbstverständlich -- lassen Sie nur rühren!«
»Augen gerade aus -- rührt euch!«
In diesem Augenblick schollen vom Kasernentor her hallende Pferdehufe,
und Hauptmann Goll kam auf seinem riesigen Rappen herangesprengt,
gerade auf Frobenius zu.
Frobenius riß den Schleppsäbel in die Höhe und salutierte seinen
Kompagniechef. Der hielt dicht vor ihm, sah ihn von oben bis unten an,
staunend, fassungslos.
»Na, Herr Leutnant, wollen Sie mir denn nicht freundlichst die
Kompagnie melden?«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann!« Er fuhr herum und schrie mit einer
Stimme, als sei er von Mördern überfallen und wolle die Welt um Hilfe
zusammenrufen: »Stillgestanden -- Augen links!«
Hauptmann Goll sah seinen Untergebenen abermals von Kopf bis zu Füßen
an: »Herr Leutnant, Sie scheinen sich mit dem neuen Exerzier-Reglement
noch nicht sonderlich beschäftigt zu haben, aber auch Ihre alte
Weisheit haben Sie scheinbar einigermaßen verschwitzt, sonst würden Sie
wohl die Kompagnie zunächst ausgerichtet haben -- und dann heißt das
Kommando nach dem neuen Reglement: die Augen links! -- Also, bitte,
stecken Sie gefälligst die Nase ins Reglement, damit Sie sich nicht vor
den Kerlen blamieren -- danke Ihnen! -- 'Morgen, zweite Kompagnie!«
»'Morgen, Herr Hauptmann!« scholl es aus hundertundzwanzig Kehlen
zurück, daß die Kasernenwände bebten.
»Augen gerade -- aus -- rührt euch!«
Frobenius schielte zur Kompagnie hinüber -- ein fröhliches Grinsen lag
auf allen Gesichtern.
Ja, da war nichts zu machen -- der Respekt war von vornherein zum
Teufel.
Schon nahte ein neues Schrecknis: ein Füsilier, den Frobenius natürlich
nicht kannte, führte einen großen, starkknochigen Goldfuchs mit weißer
Stirnblässe und unruhig schielenden Augen heran, der immerfort heftig
den Kopf in den Nacken warf und von Zeit zu Zeit mit der Hinterhand
nervös zusammenfuhr.
»Pferd für Herrn Leutnant zur Stelle!« meldete er.
Aha, dachte Frobenius, das ist der Bursche vom Oberleutnant Menshausen,
dem muß ich jedenfalls ein Trinkgeld geben. Er suchte in seinem
Portemonnaie, fand nur ein Zweimarkstück und drückte das dem Burschen
in die Hand, obgleich er sich darüber klar war, daß das viel zu viel
sei.
»Wollen Herr Leutnant gleich aufsitzen?«
»Jawohl!«
Der Bursche hielt den rechten Bügel, Frobenius trat an die linke
Seite und hob das Bein, aber es gelang ihm nicht, den Steigbügel zu
erreichen. Himmel, war das ein Elefant! Der Bursche mußte den Bügel
länger schnallen, und nach einigen krampfhaften Anstrengungen saß
Frobenius im Sattel. Im selben Augenblick stieg der Gaul hinten und
vorne, und der Reiter schwankte hin und her -- wie ein Wrack im Sturm.
Zwei Füsiliere sprangen auf Hauptmann Golls Befehl herzu und beruhigten
die Bestie. Nun saß Frobenius steif aufgerichtet und wagte nicht, sich
zu rühren, aus Furcht, der Gaul möchte wieder unruhig werden.
Leutnant Quincke kam und meldete sich beim Kapitän. Sein verkatertes
Gesicht war fahl -- mit einem unverschämten Grinsen begrüßte er den
Reiter und stieß mit der Säbelscheide wie in harmlosem Scherz nach
Kunos Flanken. Kuno machte einen mächtigen Satz zur Seite, und auf ein
Haar hätte Frobenius das Gleichgewicht verloren.
»Donnerwetter -- lassen Sie doch diese Scherze, Herr Quincke!«
»O, entschuldigen Sie, Herr Frobenius, wer konnte auch ahnen, daß der
Schinder so nervös ist -- liegt das an ihm oder an Ihnen?«
Zwei andere Gäule wurden vorgeführt. Der eine gehörte dem Oberleutnant,
der erst im letzten Augenblick heranschoß, sich hastig beim
Kompagniechef meldete und wie der Blitz im Sattel saß; den andern,
einen zierlichen Apfelschimmel, bestieg Quincke, leicht und elegant,
und ließ ihn ein paar kurze Gänge machen. Das begeisterte Herrn
Kuno, sich anzuschließen, und so wurde Frobenius unfreiwillig über
den Kasernenhof spazieren getragen, bis Hauptmann Goll die Kompagnie
formiert hatte.
»Bitte, Herr Leutnant Frobenius, reiten Sie bei mir! Die Herren
Menshausen und Quincke nehmen die Queue.«
Mit Mühe gelang es Frobenius, sich an die Seite seines Kapitäns zu
dirigieren. Die Spielleute traten an die Tête, und der Hauptmann
kommandierte:
»Stillgestanden -- das Gewehr -- über! -- Gruppenkolonne rechts --
erster, zweiter, dritter Zug -- Kompagnie -- marsch!«
Die Spielleute schlugen an. -- Beim ersten Klang der Instrumente machte
Kuno einen fürchterlichen Satz nach links, raste wie toll in weitem
Bogen um den Kasernenhof, beruhigte sich aber dann und setzte sich
wieder neben das Pferd des Hauptmanns.
Die Füsiliere platzten vor Vergnügen.
»Kompagnie -- halt!« schrie der Kapitän. »Wenn ihr unverschämten
Lümmels euch noch einmal untersteht, beim Exerzieren die Fresse zu
verziehen, so reit' ich euch gliederweise in den Dreck -- verstanden!?
-- Kompagnie -- marsch!«
Und dann mit vernichtendem Blick zu dem unglücklichen Reiter an seiner
Seite: »Herr Leutnant, wenn Sie nicht reiten können, dann sagen Sie's
gefälligst gleich! und ruinieren Sie mir hier nicht die Disziplin!«
»Verzeihen Herr Hauptmann, ich weiß selbst nicht, was das ist -- ich
glaube, man hat mir da eine ganz gefährliche Bestie geschickt -- aber
ich werde mich schon gewöhnen!«
Und so kam es auch. Kuno klebte ganz zufrieden an dem ruhig und sicher
schreitenden Rappen des Kapitäns und schien sich in sein Schicksal und
seinen Reiter ergeben zu haben.
Zum muntern Spiel der Trommeln und Pfeifen ging's nun durch die stillen
Straßen hinaus. -- Ab und an schoben sich droben an den Fenstern
die Vorhänge auseinander, und verschlafene Gesichter schauten auf
die ausrückende Schar -- hier ein verdrießliches Matronenantlitz,
von wirren, grauen Haarsträhnen überhangen, dort ein freundliches
Mädchenköpfchen mit süß verträumten Wangen. -- Im Morgensonnenschein
blinkten die frisch geputzten Knopfreihen und Helmbeschläge, blinkten
wie gleißende Schlangenschuppen die taktmäßig leise pendelnden
Gewehrläufe. -- Die Pferde wieherten lustig in die Dunstschwaden der
Frühe hinaus, und Frobenius fing an, sich überaus behaglich zu fühlen
-- wäre Hauptmann Goll etwas gesprächiger gewesen, es hätte sehr lustig
sein können -- aber des Kapitäns Miene dräute Unheil -- er würdigte
seinen Gefährten keines Wortes.
Indessen schließlich -- wer war Hauptmann Goll? -- Irgendein
gleichgültiger Fleck in der spätsommerlichen Morgennatur -- ein
flüchtiger Schatten auf dem Glück der Stunde -- wie konnte so was
Bedeutungsloses ihn, Wilhelm Frobenius, um die frische Wonne dieses
lustigen Frühritts bringen?
Ach, es war doch himmlisch, so auf einem feurigen Roß in die
nebeldampfende Landschaft hinaus sich tragen zu lassen!
Allerhand literarische Erinnerungen fielen ihm ein -- die
Hohenstaufenkaiser auf der Fahrt über die Alpen -- Goethes Besuche bei
Friederike in Sesenheim:
»Es schlug mein Herz: geschwind zu Pferde!
Es war getan fast, eh's gedacht.«
Herrgott, daß man das bloß nicht früher gelernt hatte. -- Ja, ja, da
war die harte Jugend gewesen voll einsamen Schaffens, Grübelns und
Sinnens im tabakdurchwölkten Studierkämmerchen -- fern von den muntern
Kommilitonen, die bei Becher und Schläger ihr Leben auskosteten.
Reiten! -- Du lieber Himmel -- dem Sohn des armen Volksschullehrers aus
dem Westerwalddörfchen war das immer als ein Privileg der hoch droben
hausenden Glückserkorenen erschienen.
Und nun war er, nicht fern den Vierzigen, doch noch auf den Klepper
gekommen -- das hatte sein Faustwerk, das hatten die zwanzig Auflagen
seines Schiller-Volksbuches zum Jubiläum von 1905 zustande gebracht.
Ach ja -- nun gehörte er selbst zu den Glückserkorenen. -- Wie sagte
doch das arabische Sprichwort:
»Alles Glück der Erde
liegt auf dem Rücken der Pferde,
in der Gesundheit des Leibes
und am Herzen des Weibes.«
Ha -- zwei von diesen Dingen nannte er nun sein eigen -- gesund an Leib
und Seele -- beim Himmel! das war er -- und auf dem Rücken des Pferdes
saß er nun ja Gott sei Dank auch.
Nun fehlte nur noch das Ruhen am Herzen des Weibes -- ja, dazu würde
jetzt allerdings allmählich Rat geschafft werden müssen, sonst dürfte
Wilhelm Frobenius am Ende doch den Anschluß verfehlen.
Indessen -- wenn er so viel erreicht hatte, wenn er zwei Drittel alles
Erdenglücks bereits besaß -- warum sollte sich nicht auch noch das
letzte Drittel erringen lassen?
Wilhelm Frobenius meinte, noch niemals eine solche Stunde
leichtsinniger Hoffnungswonne -- eine solche Stunde Versinkens im
Augenblick durchgekostet zu haben.
Immer höher reckte sich seine eingefallene Brust -- immer kecker
warf er die Nase empor, ließ er die Blicke zu den Fenstern der nun
schon spärlicher den Weg einsäumenden Häuser emporschweifen -- und
als schließlich aus dem ersten Stockwerk eines einsamen Forsthauses
am Waldrande gar ein Mädchen hervorlugte, das er mit seinen, durch
die großen, goldgefaßten Brillengläser geschärften Augen für über die
Maßen hübsch hielt, da warf er der Schönen im Überschwang der Stimmung
eine heimliche Kußhand zu, schielte aber gleich darauf erschrocken zu
Hauptmann Goll hinüber.
Doch der hatte zum Glück nichts gemerkt -- verschlafen blinzelten seine
stechenden Augen zwischen den Pferdeohren hindurch in den Staub der
Landstraße -- verständnislos für all die Herrlichkeiten der Morgenfrühe
-- verständnislos für das süße Lebensglück, das wie ein feuriger junger
Wein durch die Adern seines Gefährten rieselte.
Viertes Kapitel.
»Na, Alter -- wie wär's mit 'nem Galöppchen?«
Nelly von Sassenbach ritt zur Rechten ihres Vaters. Sie war heute
morgen gar nicht mit ihrem Alten zufrieden -- sonst waren er und sie
immer für scharfes Tempo, und Molly, die um sieben Jahre jüngere
Schwester, die sich auf dem Gaul weit weniger zu Hause fühlte, war
immer wie zerschlagen, wenn sie vom gemeinsamen Ritt mit Vater und
Schwester heimkam.
Aber heute war der Major nicht aus dem Schritt zu bringen -- und auch
jetzt brummte er auf die Zumutung seiner Ältesten zum Angaloppieren
irgend etwas Unverständliches in die melancholisch niederhängenden
Schnurrbartzipfel hinein, nahm gleichzeitig die Mütze ab und tupfte den
Schweiß von der Stirn, obgleich die Spätsommersonne kaum die Frühnebel
zu besiegen begann.
»Aha,« sagte Nelly, »du hast Kater, Alter, ich merk's schon -- was war
denn gestern los im Kasino?«
»Na, was wird los gewesen sein -- die Herren von der Reserve und
Landwehr wurden angefeiert -- das war alles!«
»So,« sagte Nelly, »und deshalb war der Oberst zu Tisch gekommen?«
»Der Oberst -- wieso -- wie kommst du denn auf ~die~ Idee, Mädel?«
»Aber Alter!« lachte Nelly verschmitzt, »ich hab doch gestern selbst
gehört, wie du Mama erklärt hast, du kämest nicht zum Mittagessen, weil
der Oberst im Kasino speise und dich zu Tisch eingeladen habe.«
»Ei verflucht --« knurrte der Major, »na also, daß ihr's wißt, Kinder
-- das war geschwindelt, weil ich sonst -- hm, hm -- schwerlich Urlaub
bekommen hätte. Daß ihr mir aber reinen Mund haltet! -- besonders du,
Nesthäkchen!«
Die blonde Molly antwortete nicht, verzog den Mund in einer Manier,
die der Vater gar zu gut kannte; denn sie war restlos von der Mutter
auf die Tochter vererbt worden -- nur daß es doch ein Unterschied war,
ob die bewußte Falte rechts und links von einer Neunzehnjährigen oder
einer Achtundvierzigjährigen Munde stand.
»Also wirklich -- mit dem Galopp wird's heute nichts! -- Na, dann
erzähl uns wenigstens was von gestern.«
»Ja, was ist da viel zu erzählen -- ist eben mal wieder 'ne Anzahl
fragwürdiger Gestalten, als Leutnants und Oberleutnants verkleidet,
auf der Bildfläche erschienen -- haben sich mit uns betrunken und uns
allerhand höchst gleichgültige Geschichten von den merkwürdigsten
Zivilberufen erzählt.«
»Was sind's denn für Leute?« fragte Nelly unverdrossen weiter,
»bekommen wir sie auch mal zu sehen?«
»Na, doch natürlich -- sind ja noch im Regiment, wenn nächstens die
große Fête vom Stapel läuft!«
»Erlaube mir, bei dieser Gelegenheit zu bemerken, lieber Papa,« warf
Molly ein, »daß wir heute spätestens um halb elf zu Hause sein müssen;
denn wir sind auf Punkt elf Uhr zu Frau von Brandeis gebeten, wo die
erste Probe für das Festspiel stattfinden soll.«
»Wat is det?« grunzte der Vater, »Festspiel? -- Hab ich ja noch gar
nichts von gehört!«
»Wir haben angenommen, das interessierte dich nicht, lieber Papa,«
meinte Molly spitz. Dann aber ließ sie sich doch herab, etwas genauere
Angaben zu machen. Es würden also lebende Bilder gestellt werden, und
zwar drei -- dazu verbindender Text, dialogisch gesprochen von Frau von
Brandeis, Schwester Nelly, ihr selbst und Herrn Leutnant Blowitz -- den
Text habe ein Einjähriger des Regiments verbrochen.
Das letztere war schließlich das einzige, was den Major ernstlich
interessierte. Ein Einjähriger des Regiments -- von welcher Kompagnie
der denn sei und wie er heiße?
Das wußten die Mädchen nicht -- sie hatten ihn noch nicht kennen
gelernt.
»Gnade Gott, wenn er von meinem Bataillon ist -- dem werd ich die
Hammelbeine langziehen -- jedenfalls werd ich ihn mir mal vorbinden
und ermitteln, ob er auch im Exerzierreglement und in Dienstkenntnis
auf der Höhe der Situation ist -- wenn nicht, dann treib ich ihm das
Dichten aus -- aber gründlich!«
»Also die Reserveoffiziere kommen auch zum Regimentsfest?« fragte Nelly
weiter, »das ist ja 'n wahrer Segen -- dann bekommt man doch endlich
mal 'n paar andere Gespräche zu hören, als ewig Avancement -- Kommandos
-- Vorderleute -- und den übrigen Kommißtratsch. Wenn man das, wie ich,
bereits sieben Saisons hindurch genossen hat, dann lechzt man geradezu
nach Abwechslung.«
»Tja, Mädel,« knurrte der Major, »warum hast du nicht längst
geheiratet?«
»Warum ich nicht geheiratet habe? -- Na, Vater, ich meine, das müßtest
~du~ doch wissen!«
»Is ja wahrhaftig 'ne Schande,« brummte der Major, »Mädel wie 'ne Tanne
-- firm auf dem Gaul und in der Küche -- Kommißvermögen dreidoppelt
vorhanden, dank meiner seinerzeitigen Vorsicht in der Auswahl des
Schwiegerpapas -- mit einem Worte: alles da! -- Und ihr Mädels bleibt
liegen wie die trocknen Semmeln!«
»Na, an mir hat's doch wahrhaftig nicht gelegen,« schmollte Nelly.
»Ne, ich weiß schon -- du kannst nichts dazu!« Der Major griff sich mit
drei Fingern in den Rockkragen, als sei der zu eng geworden. »Du kannst
nichts dazu!«
Molly rückte ungeduldig auf ihrem Sattel hin und her: »Möchtest du mir
nicht den Gefallen tun, Papa, und in meiner Gegenwart von Mama nicht so
respektlos sprechen -- du weißt, das schmerzt mich.«
»Nanu -- hab ja kein Wort gesagt!«
»O -- ich hab dich sehr gut verstanden. Wenn Mama zuweilen etwas
abwehrend gegenüber gewissen Herren gewesen ist, die sich um uns bemüht
haben, so hat sie es jedenfalls sehr gut gemeint -- und soweit ich's
beurteilen kann, ist es immer zu unserm Glück gewesen, daß aus den
Partien nichts geworden ist, die Mama abgelehnt hat.«
Nelly warf dem Vater einen verständnisvollen, der Schwester einen
bitterbösen Blick zu.
Der Vater und seine Älteste wußten sich einig in dem Gedanken: der
Freier, der Mama von Sassenbachs Beifall fände, der sollte noch
geboren werden. Unter den jungen Leuten von heute hatte Mama von jeher
fürchterliche Musterung gehalten -- und keinen gerecht befunden.
Nelly hatte auch längst die Hoffnung aufgegeben, daß einer der
Herren des Regiments Gnade vor Mamas Augen finden könnte. Sie hatte
in ihren sechsundzwanzig Jahren und sieben durchtanzten Saisons gar
manchen Flirt gehabt, und der eine oder andere war verflucht ernst
geworden, aber im richtigen Augenblick war es Mama stets gelungen, den
betreffenden Bewerber derart kopfscheu zu machen, daß er abschnappte.
Jedesmal, wenn ein Herr in entsprechenden Jahren, Hauptmann oder
Oberleutnant, der noch zu haben war, von auswärts ins Regiment versetzt
worden war, hatten der Vater und seine Älteste sich in geheimen
Hoffnungen gewiegt, aber nie war's etwas geworden -- und so exklusiv
war der Verkehr des Regiments, daß Bewerber aus nicht militärischen
Kreisen für eine ernsthafte Annäherung kaum in Frage kamen.
Molly, Mamas Ebenbild und getreue Schildhalterin, war bisher mit ihrem
Schicksal vollkommen zufrieden geblieben -- Nelly aber hatte sich
allmählich in einen Zustand ständiger, latenter Empörung wider ihr Los
hineingelebt.
Den unverbrauchten Energieüberschuß ihrer stählernen Leiblichkeit tobte
sie in halsbrecherischen Ritten, stundenlangen Radpartien, endlosen
Tennistournieren aus -- ihre lebenshungrige Seele aber lag völlig
brach.
Dies Gefühl der Inhaltslehre ihres Daseins preßte ihr oft in der
Einsamkeit draußen -- in schlummerlosen Nächten daheim -- heiße,
ächzende Tränengüsse ab.
Sie war verstummt. Den Kopf in den Nacken zurückgeworfen, spornte sie
ihren Gaul, hielt ihn aber fest an der Kandare, daß er schäumend und
kopfschleudernd nach rechts und links aussprang, ohne vom Fleck zu
können.
Trüben Blicks verfolgte der Major das Tun seines Lieblings. -- Ja, ja
-- so lagen sie alle drei an der Kandare -- der Gaul, das Mädel und er
selber auch.
Das war nun achtundzwanzig Jahre her, seit der junge, leichtsinnige
Leutnant sich durch die Heirat mit der Tochter eines reichgewordenen,
baronisierten niederrheinischen Großindustriellen aus dem chronischen
Dalles herausgeholfen hatte, dem auch er verfallen war, wie seine
ganze altfeudale Familie ... aber für diese Rettung hatten seine
achtundzwanzig Ehejahre ihm die Quittung präsentiert ... Ein reiches
Mädel heiraten! -- Soll's der Deubel holen -- den Drachen bekommt man
gratis!
Der Major zog die Uhr. Es fiel ihm ein, daß er sich auf Punkt neun
Uhr am Wegekreuz mit seinem Adjutanten, dem Leutnant Blowitz,
verabredet hatte, um sich dort von seinen Töchtern zu trennen und zur
Inspektion der Morgenarbeit seines Bataillons nach dem Exerzierplatz
hinüberzureiten.
»Ja, Kinder, nun wird uns doch nichts übrig bleiben, als ein kleines
Träbchen zu riskieren, sonst geraten die Erste und die Zweite
aneinander, ehe der Kommandeur zur Stelle ist!«
Und in der Tat -- vom Exerzierplatz herüber klangen vereinzelte
Schüsse, die bald lebhafter wurden: die beiden Kompagnieen, welche
heute Gefechtsübung miteinander vereinbart hatten, mußten also bereits
Fühlung gewonnen haben.
Schweigend trabte der Major inmitten seiner Töchter die Chaussee
entlang.
Die Sonne hatte sich inzwischen durchgekämpft ... das Bild der
Landschaft entrollte sich in leuchtender Lieblichkeit ... zur Rechten
die dunkeln Waldberge ... zur Linken die abgeernteten fahlgelben
Ackerbreiten, die sich zum Tal herniedersenkten, wo längs des
blinkenden Flußstreifs die Türme und qualmenden Schornsteine der
Garnisonstadt aus fahlem Dunste stiegen, der noch drunten lagerte ...
Geradeaus vor den Reitern zog sich die Chaussee in schnurgerader Linie
einen Hügel hinan, hinter dem das Wegekreuz lag und weiterhin der
Exerzierplatz sich dehnte ...
Jetzt schollen aus der Ferne rasche Hufschläge.
»Aha -- hört ihr?« sagte der Major, »das muß Blowitz sein! Gewiß kommt
er mir entgegen, um mich zur Eile anzuspornen, weil's dahinten schon
losgeht!«
In diesem Augenblick tauchte ganz, ganz hinten, wo die Chausseebäume
sich zu einem dunkeln Strich längs des gelben Wegstreifens
zusammenschlossen, ein Reiter auf ... nein ... ein Reiter schien's
nicht zu sein ... ein herrenloses Pferd, das in rasender Karriere den
sanft sich senkenden Hang heruntertobte.
Aber nein ... der Sattel war ja nicht leer ... es sah aus, als baumele
ein dunkler Sack auf dem Pferderücken hin und her ...
Nun auf einmal enthüllte sich das ganze Schrecknis ... der Gaul mußte
durchgegangen sein und der Reiter die Herrschaft völlig verloren haben
...
Wahrhaftig! ... Ein Offizier! ...
Der Säbel schlenkerte hoch in der Luft ... nun flog in weitem Bogen
der Helm vom Kopfe des Reiters in den Chausseegraben, und verzweifelt
umklammerte der Reiter den Hals des Pferdes ... immer näher heran raste
die tolle Jagd ...
Ein Schrei war aus den Kehlen beider Mädchen erklungen, ein dumpfer
Fluch kam aus den Zähnen des Majors, als den dreien der Vorgang
klar geworden war. Während aber der Vater und die jüngste Tochter
wie gelähmt auf das unbegreifliche Schauspiel starrten, warf Nelly
plötzlich ihren Gaul herum und raste in der entgegengesetzten Richtung
von dannen.
Der Major gaffte einen Augenblick verständnislos hinter seiner Ältesten
drein ... Dann hatte er begriffen ... Nelly, die leidenschaftliche
Reiterin, hatte den einzig richtigen Weg eingeschlagen ... Schon warf
auch er den Gaul herum und galoppierte hinterdrein ...
In diesem Augenblick fegte schon der durchgegangene Gaul an ihm vorbei,
und der Major erkannte in dem Reiter den Landwehronkel, mit dem er sich
gestern abend so fabelhaft gebildet unterhalten ...
Mit wütendem Sporenhieb stachelte der Major sein Pferd, aber der
Vorsprung, den der Durchgänger erlangt, schien nicht mehr
einzuholen ...
Nun hatte der Flüchtling Nellys Pferd erreicht, und beide Tiere rasten
in gleichem Tempo die Chaussee entlang ... immer mehr näherte sich das
Mädchen dem Durchbrenner ... nun neigte sie sich im Reiten nach rechts
hinüber und suchte die flatternden Zügel des rasenden Tieres zu fassen.
»Nelly -- Nelly!« schrie der Major.
Das konnte ja nun und nimmer gut gehen! ...
Doch jetzt hatte das Mädchen die Zügel gepackt ...
Im vollen Dahinstürmen riß sie drei-, viermal mit ganzer Kraft den Kopf
des Gaules zu sich herüber ...
Das Tempo verlangsamte sich ... abermals riß das Mädchen den Kopf des
Durchbrenners herum ... noch schossen beide Gäule dicht Seite an Seite
vorwärts ... aber der Ansturm erlahmte ...
Nun stieg der Fuchs ein paarmal in die Höhe, machte noch einen
vergeblichen Versuch, auszubrechen, stieg abermals ... und stand
plötzlich wie angemauert, flankenzitternd, schnaubend, über und über
mit flockigem Schaum und Schweiß bedeckt ...
Der Reiter hatte bei diesem letzten plötzlichen Halt den Zusammenhang
mit seinem Gaul vollends verloren und war in den Graben gekugelt.
Als der Major herankam, hatte sein Mädchen den Flüchtling bereits
vollständig in ihrer Gewalt und beruhigte ihn mit Klopfen und Zuspruch
...
»So ein Satan von Mädel!« keuchte Sassenbach, »hast du denn nichts
mitbekommen?«