Das zweite üble Geschäft, das Michael Monkebach leider machte, bestand

im Ankauf des Patents einer neuen Haarblase- und Mischmaschine, die

zwar außerordentlich schlecht funktionierte, aber den zwei daran

beschäftigten Arbeiterinnen gleichzeitig die kleinen Finger der rechten

Hände verstümmelte. Michael Monkebach wurde in beiden Fällen zur

Zahlung einer lebenslänglichen Rente verurteilt und hatte außerdem noch

unter unausgesetzten Angriffen verschiedener Blätter zu leiden, die das

geschehene Unglück als Folge einer verwerflichen Knauserei und reine

niedrigen Profitwut darstellten.

Der Organismus Michael Monkebachs quittierte über all diese

Anfeindungen mit einem chronischen Magenleiden. Er beschloß, das

Geschäft zu verkaufen, und war glücklich, als er einen Reflektanten

fand, der ihm für die Hälfte des vollen Wertes die Fabrik mitsamt

den zwei verderblichen Patenten und den 50000 nach verdorbenem Fett

riechenden Filzhüten abnahm. Leider zahlte der Käufer die bedungene

Summe zur Hälfte in Bergwerksaktien, die eigentlich nur noch für den

Sammler kolorierter Drucke einen Wert hatten. Ein entrüsteter Protest

hatte die Folge, daß dem Geschädigten als Ausgleich die 50000 Filzhüte

angeboten wurden, die Michael Monkebach, dem beim bloßen Gedanken an

ihren Geruch schon übel wurde, schaudernd zurückwies. Was ihm blieb,

war ein Kapital, groß genug, daß er als Junggeselle sehr behaglich

davon leben und sich im Sommer eine lange und durch unzählige ärztliche

Vorschriften komplizierte Kur für sein chronisches Magenleiden gönnen

konnte.

Als er hier angekommen war -- die Kanzleirätin, die das erzählte,

war damals seine Zimmernachbarin, später zog sie wegen der Mäuse um

-- sah er verhältnismäßig besser aus. Der Anzug, der jetzt seine

Glieder umschlotterte, paßte ihm damals ganz gut. Aber, um diesmal

den teuren Badearzt zu sparen, der für jede mit einer Frage nach

dem werten Befinden verbundene Unterhaltung über diesen Sommer und

über die Reize des Badeortes zehn Mark nahm, hatte er seine Kur nur

nach den Anweisungen seines Hausarztes eingerichtet. Dabei hatte er

unseligerweise die Viktoria-Quelle mit der Augusta-Quelle verwechselt

und sieben Wochen lang, anstatt das für den Magen zuträgliche Wasser zu

trinken, täglich sechs Becher jener berüchtigten Quelle eingeschlürft,

deren Gebrauch als die radikalste Entfettungskur galt und mit vielen

Unbequemlichkeiten und beschleunigten Spaziergängen, besonders nachts,

verbunden war.

Schließlich -- vor einigen Tagen -- war er in seiner Herzensangst,

von dem Gespenst der Cholera gefoltert, +doch+ noch zu einem Badearzt

gegangen und hatte ein Goldstück bezahlt für den guten Rat, allen

Quellen weit aus dem Wege zu gehen, tüchtig Haferschleim zu essen und

alle drei Stunden fünfzehn Opiumtropfen auf Zucker zu nehmen; ein

Mittel, das ihm aus seligen Jugendtagen nach dem Genuß von unreifem

Obst wohlbekannt war, und für dessen nicht seltene Verordnung seine

gute Mutter niemals ein Goldstück genommen hatte.

Durch diese Erzählung der Kanzleirätin gewann ich Interesse für den

vom Pech und den Menschen verfolgten Filzhutfabrikanten a. D. Und mit

der langsamen Besserung seines Leidens wurde er auch gesprächiger. Wir

kamen uns menschlich näher.

Ein harmloser, liebenswürdiger Mensch, von fast mädchenhafter

Schüchternheit, die sich auch in den stets erstaunt blickenden Augen

und den verlegenen Handbewegungen ausdrückte, ging er umher als der

Typus jener menschgewordenen Versuchung für alle pfiffigen Profitmacher

und skrupellosen Gauner. Wenn er mit einem Fünfmarkstück zahlte, bekam

er stets nur auf einen Taler heraus. Wenn er eine Droschke mittags um

zwölf Uhr benutzte, hatte er stets die +Nacht+taxe zu bezahlen. Wenn er

ein Scheibchen Schweizerkäse zu sich genommen, fand er bestimmt einen

halben Camembert auf der Rechnung. Wenn er sich ein Berliner Abendblatt

am Bahnhof kaufen wollte, war es sicherlich die Mittagsnummer der

Magdeburger Zeitung vom Tage zuvor. Und wenn er seinen Hut vertauschte

-- ja, da ist’s ihm doch passiert, daß er in einem Restaurant

des Badeortes, hundert Kilometer entfernt von seiner ehemaligen

Fabrik, seinen schönen, neuen, silbergrauen Wiener Filzhut an den

Garderobenhalter hängte und beim Weggehen einen der gräßlichen, nach

ranzigem Fett riechenden Hüte eigener Fabrikation vorfand. Einen der

+ganz+ wenigen, die damals durch ein Versehen in den Handel gekommen

waren.

Durch peinliche Häufung solcher Erlebnisse war Michael Monkebach auf

melancholische Gedanken gekommen, die sich vom Haferschleim nicht

verscheuchen ließen. Er fühlte, daß da mit tröstlichen Redereien von

Pech und Zufall nichts zu machen sei; daß es ihm vielmehr an Qualitäten

des +Charakters+ fehlen müsse, die ihren Besitzer ein für allemal vor

solchen an Verhöhnung grenzenden Angriffen schützen mußten.

Da hatte er eines Tages, als es in Strömen regnete und ihm gerade sein

neuer Regenschirm gestohlen worden war, beim Auf- und Abwandeln in den

gedeckten Kolonnaden beim Buchhändler zwei Bücher entdeckt, die ihn

durch ihre Titel lockten. „Wie wird der Mensch energisch“ hieß das

eine, und „Wie erlange ich die Macht des persönlichen Einflusses“ das

andere.

Mittags im Lesezimmer -- er hatte natürlich den einzigen

+un+gepolsterten Stuhl erwischt -- sah ich ihn eifrig bald in dem

einen, bald in dem andern Buch lesen. Und als sich gegen Abend das

Wetter aufhellte und er in fremden Gummischuhen -- die seinen waren

ihm gegen zwei, merkwürdigerweise unter sich verschiedene, ihm viel zu

große Überschuhe vertauscht worden -- neben mir her durch die Pfützen

des Kurparks schritt, sprach er hochbefriedigt von seiner Lektüre.

Er sehe jetzt ein, daß es ihm eigentlich nur an „Persönlichkeit“

gefehlt habe, äußerte er in schöner Offenheit. Die „Persönlichkeit“

aber sei durchaus nichts Angeborenes, das wisse er jetzt, sondern etwas

Erwerbbares, etwas Erlernbares. Vor allem müsse man sich gewöhnen, die

Dinge und Menschen mit festem Blick ins Auge zu fassen.

Indem er so sprach, übte er den Blick an verschiedenen Laternen des

Kurparks, die ungerührt weiter ihr spärliches Licht in die Regenluft

streckten ...

Als ich am nächsten Morgen an seinem Zimmer vorbeikam, hörte ich

Michael Monkebach singen. Falsch aber laut und mit einer gewissen

trotzigen Freudigkeit. Das war gegen seine Gewohnheit.

Ich klopfte an, steckte den Kopf durch die Tür und fand ihn, nur mit

Hose und Hemd bekleidet, sehr merkwürdige und nie gesehene Freiübungen

mit einer gefüllten Waschkanne machen.

„Ein Stuhl ist mir doch zu schwer dazu,“ erklärte er, „aber sehen Sie

nur, wie mir diese Übungen schon gelingen. Erst Kniebeuge -- sehen Sie:

+so+ -- uff, mein Kreuz -- jetzt -- jetzt: leichtes Zehenwippen und

Strecken des Rumpfs und nun wieder, passen Sie auf -- eins -- zwei --

Kniebeuge -- drei -- vier Vorstoßen der Wasserkanne.“

Er stieß so energisch vor, daß ihm die Wasserkanne aus den Händen

glitt, fiel und zerbrach, wobei auch seine Beinkleider durchnäßt wurden.

Während er sie mit einem Handtuch trocknete, rief ich das

Stubenmädchen. Sie hieß Adele, hatte rote, selten gekämmte Haare und

war weder schön, noch höflich. Mit Michael Monkebach war sie aber

direkt grob, was mir auffiel. Sie wußte offenbar noch nichts von seiner

neugewonnenen „Persönlichkeit“.

Als die rothaarige Adele gegangen war, fragte ich ihn, warum er sich

diesen Ton nicht verbeten und die Kecke kräftig angehaucht habe.

„Das lohne nicht“, meinte er, „bei Untergebenen.“ Aber bei

Gleichgestellten -- na, ich werde ja sehen! Man müsse den „Mut zum

Widerspruch“ haben und um der „Persönlichkeit“ willen „verharren“

-- nämlich auf der einmal eingenommenen Stellung -- sie geistig

verteidigen, wie eine Festung und dabei die Macht des persönlichen

Einflusses spielen lassen durch das Auge.

„Es ist der Trick aller Dompteure,“ sagte er zuversichtlich,

„die fixieren die Bestie; und das Tier, instinktiv die Macht der

Persönlichkeit fühlend, duckt -- und gehorcht.“

Beim Mittagstisch saßen wir -- Michael Monkebach und ich -- einem

Rittmeister in Zivil gegenüber, der sich gern reden hörte und dazu

erstaunliche Quantitäten billigen Moselweins trank.

Michael Monkebach schien von dieser hellen Kommandostimme aufgeregt

zu werden. Er wippte auf dem Stuhl hin und her, nahm sich fünf Stücke

Schweinebraten, den ihm der Arzt strengstens verboten hatte und den er

auch liegen ließ; fertigte Brotkugeln, die er dann in der Zerstreuung

aß, und fühlte dazwischen nach der Brusttasche, aus der ich den

majonnaisegelben Umschlag des interessanten Werkes „Wie wird der Mensch

energisch“ feindlich hervorlugen sah.

Der Rittmeister hatte gerade an der Hand eigener, sehr aufregender

Manövererlebnisse einer dicken Rentiere aus Stettin, die sich Tag und

Nacht nicht von einem pfundschweren Bernsteinschmuck zu trennen schien,

den unvergleichlichen Nutzen der Kavallerie für den Aufklärungsdienst

erläutert, da vernahm ich Michael Monkebachs fremdartig schrill

klingende Stimme, die hervorstieß:

„+Ich+ bin der Ansicht -- bin der Ansicht, daß beim nächsten Krieg die

Kavallerie einfach eine +tote+ Waffe sein wird.“

Er war sichtlich stolz auf den unsinnigen Ausdruck „tote Waffe“ und

sehr erregt. Schweiß stand in reichen Perlen auf seiner Stirn.

Ich begriff, es war die „Energie“-Probe.

Ich sah seinen Blick starr, als wolle er ein Huhn hypnotisieren, auf

den Rittmeister gerichtet, der schweigend sein Monokel einklemmte, ein

Lächeln verbiß und dann sehr höflich sagte:

„Der Herr ist ohne Zweifel Kavallerist gewesen?“

„Nein, ich bin -- bin Landsturm -- ja wohl Landsturm +mit+ Waffe. Aber

meine Ansicht ist deshalb +doch+ wohlbegründet. In einem Zukunftskrieg

nämlich -- in einem Zukunftskrieg --“ Seine Vorstellungen über den

Zukunftskrieg schienen leider doch nicht so klar und übersichtlich

geordnet, wie es für diese Unterhaltung wünschenswert gewesen wäre.

Plötzlich aber verbreitete sich ein Ausdruck der Entrüstung über sein

nervöses, blasses Gesicht und die sieghaften Worte überstürzten sich

schier: „Die Pferde werden totgeschossen, ja. Und die Reiter -- und die

Reiter -- liegen +unter+ den toten Pferden ...“

Der Rittmeister glaubte es offenbar mit einem gelinde Verrückten zu tun

zu haben. Er ließ das Monokel in die hohle Hand fallen und wandte sich

ruhig zu seiner bernsteingeschmückten Nachbarin.

„Sie müssen sich vorstellen, meine Gnädige ...“

Michael Monkebach ließ das starre Auge -- er dachte offenbar an den

„Dompteur“ und fühlte die Wichtigkeit des Augenblicks dieser Probe --

nicht von dem Rittmeister, der nach einer Weile den stierenden Blick

unbehaglich empfand, sein Monokel wieder einklemmte und eine merkwürdig

ernste Falte über dem Nasenrücken sehen ließ. Die kerzengerad

aufliegende Falte, die wie eine Fortsetzung des nur durch die recht

knapp bemessene Stirn unterbrochenen Scheitels aussah, gab dem Gesicht

etwas Hartes, Drohendes.

Ich fühlte: die Katastrophe nahte.

Die Rosinen und Krachmandeln wurden gerade herumgereicht -- es waren

immer dieselben, da niemand jemals davon aß -- und die alte Engländerin

am Kopf der Tafel erhob sich, lang und dürr wie eine entlaubte Pappel

im Winter, und schritt, wie immer als die Erste an dem galant die

Tür aufreißenden Oberkellner vorbei nach dem Lesezimmer, wo sie

täglich ihre sieben bis neun Stunden an dem einzigen Schreibtisch

saß und mittels einer goldenen Füllfeder geheimnisvolle Briefe in

Riesenbuchstaben schrieb.

Die Tafel leerte sich.

„Kommen Sie, Herr Monkebach,“ flüsterte ich besorgt, da mir für den

Filzhutfabrikanten unbehaglich wurde, „+gehen+ wir schon!“

Ich suchte durch eine besonders liebenswürdige Verbeugung gegen die

Bernsteindame aus Stettin und den Rittmeister die Aufmerksamkeit von

Monkebach ab und auf +mich+ zu lenken:

„Mahlzeit.“

„Mahlzeit!“

Der Rittmeister schmetterte es heraus, als ob er eigentlich etwas ganz

anderes sagen wollte, etwa: „Hol euch der Henker!“ oder so etwas.

Wir waren noch nicht im Vestibül, da kam der Rittmeister hinter uns her:

„Pardon, wenn ich die Herren störe. Ich möchte Herrn Fabrikanten

Monkebach -- ich irre mich doch nicht? -- um zwei Worte unter vier

Augen bitten.“

Er sagte das mit einer sehr höflichen Verbeugung nach mir hin; und

ich beeilte mich zu versichern, daß ich die Herren in ihrer privaten

Besprechung keinesfalls zu stören wünsche.

Als ich mich empfahl, schweifte mein Blick über Michael Monkebachs

Angesicht. Er sah aus, als habe er seit drei Tagen seine Beerdigung

hinter sich. Die Rechte krampfte sich in die Brustseite, wo der Rock

das köstliche Buch mit allen schönen Lehren über die „Persönlichkeit“

verhüllte. Die Beine aber, die ihn hinter dem vorausschreitenden

Rittmeister nach dem Rauchzimmer, dem Ort der Unterredung, trugen,

knickten und tänzelten und schlenkerten, als ob sie durchaus nicht

mehr von der Zentrale des Nervensystems eines ~homo sapiens~

zweckentsprechend dirigiert würden, sondern vielmehr einer Puppe im

Kasperletheater angehörten, deren schlotternder Leib voll Sägespäne und

deren zerbeulter Kopf von lakiertem Holz ist ...

Zwei Stunden später ging ich zu Michael Monkebachs Zimmer hinauf.

Die gesprächige Kanzleirätin hatte mich mit Mitteilungen über einen mir

gänzlich unbekannten Baron Montecatanio aufgehalten, der, allen Gästen

unsichtbar, die teuersten Zimmer im Hotel bewohnte und früher, wie sie

behauptete, in ganz verwerflicher Weise mit Sklaven am Kongo gehandelt,

dann in Alexandrien eine berüchtigte Spielbank gehalten haben sollte.

Lauter Dinge, die gewiß sehr unschön und tadelnswert, mir aber im

Moment furchtbar gleichgiltig waren.

Ich traf Michael Monkebach beim Packen der Koffer, eine Tätigkeit, der

er mit einer fast fanatischen Hast oblag.

„Schließen Sie die Tür hinter sich -- den Riegel, bitte, auch,“ rief er

mir flehend zu. „Danke. Sie müssen wissen, der Rittmeister -- übrigens

ein +prächtiger+ Mensch! -- wollte mich fordern -- auf Pistolen. Haben

Sie schon mal eine Pistole in der Hand gehabt? -- Ich nicht ... Wenn

es schließlich noch Säbel gewesen wären. Ich hatte eine Leidenschaft

für Säbel -- als Kind. Aber gleich -- wo sind denn die Socken! aha,

hier unter dem Nachttisch -- aber gleich: Pistolen! -- Ich bin --

bin -- Himmel, jetzt habe ich eine Fußbank eingepackt! -- ich bin

unter +Filzhüten+ groß geworden. Mein Vater -- wollen Sie mir mal die

Zahnbürste reichen? Danke -- ist auch -- ist +auch+ unter Filzhüten

groß geworden. Mein Großvater -- --“

Da ich fürchtete, daß noch +viele+ des Geschlechts „unter Filzhüten“

groß geworden seien, so lenkte ich ab.

„Haben Sie denn eine Entschuldigung schroff abgelehnt --?“

„Den Teufel hab’ ich! Ich habe gesagt, daß ich unter +Filzhüten+ groß

geworden bin, und daß mein Vater ...“

„Unter Filzhüten groß geworden ist, ich weiß. Und war er von diesen

Filzhüten, wollt’ ich sagen: von diesen Erklärungen befriedigt?“

„Das schon. Aber wer weiß, er besinnt sich vielleicht wieder anders.

Gott, so ein Kavallerist. -- Das Handwerk verroht, nicht wahr? ...

Eine Tante von mir hatte ein Dienstmädchen, die hatte bei einem

Scharfrichter gedient ... nein, was die für Sachen erzählte, nicht

zum Wiedergeben. Ich hab’ sie übrigens auch vergessen. Aber +das+ ist

sicher: es gibt Berufe, die das Gemüt verkümmern lassen ... Und dann

wissen Sie, +ich+ bin nicht für die ‚Persönlichkeit‘ geboren. Und das

mit der Erziehung zur Persönlichkeit --“

Er riß plötzlich das majonnaisegelbe Buch, das ihm beim Bücken immer in

die Achselhöhle stach, zornig aus der Tasche und schleuderte es in die

Ecke -- „das ist Unsinn. Wenn man unter Filzhüten groß geworden ist --

-- Sehen Sie nur --“

Er hielt plötzlich inne und zeigte mir die bereits quittierte Rechnung

des Hotels: „Was hab’ ich eigentlich +hier+ bezahlt?“

Er zeigte mit dem Finger auf einen unleserlichen Posten. „Ich kann’s

nicht lesen, der Oberkellner kann’s nicht lesen, Adele kann’s nicht

lesen -- aber es macht zwölf Mark.“

„Und Sie haben --?“

„Bezahlt! Natürlich. Lieber Herr Doktor, ich +bin+ eben keine

‚Persönlichkeit‘. Ich will fort, nach Hause -- Haferschleim kann ich

dort +auch+ essen, nicht wahr? Und Kavallerie-Rittmeister lade ich mir

ganz bestimmt nicht ein ... Würden Sie mir die Gefälligkeit erweisen,

+mit+ zur Bahn zu fahren? Das vorige Mal ist mir der Kutscher so grob

geworden -- ich habe dann gern jemand bei mir.“

Am Bahnhof spendierte sich Michael Monkebach ein Billett +erster+

Klasse. Wegen der Nerven.

Als der Zug ankam -- er hatte Verspätung, und alles mußte sehr eilig

gehen -- erwies es sich, daß das +einzige+ Coupé erster Klasse für

einen Erzbischof mit Bedienung belegt war. Die zweite Klasse aber war

durch den Andrang zu einem Sängerfest in der Umgegend total überfüllt.

So fuhr Michael Monkebach mit seinem teuer bezahlten gelben Billett in

einer dritten Klasse mit fünf jüdischen Viehhändlern, von denen einer

einen struppigen, unappetitlichen Bullenbeißer bei sich hatte, der

einen ungewöhnlich starken Hundegeruch ausströmte.

Noch als sich der Zug in Bewegung setzte, rief ich Michael Monkebach zu:

„Sie sollten sich beschweren -- ihr Geld zurückverlangen.“

Ich sah noch sein schmerzliches Lächeln hinter dem Fenster, das, vom

Regen gequollen, nur halb herunterzulassen war:

„Lieber Gott, +ich+ und -- +beschweren+. Dazu gehört

Per--sön--lich--keit. Wenn man, wie ich ...“

Ich hörte nichts weiter, da einer der Viehhändler, auf dessen Fuß

Michael Monkebach wohl unabsichtlich getreten war, ihn sehr hart

anließ. Aber ich ahnte, was er hatte sagen wollen: „Wenn man, wie ich,

unter Filzhüten groß geworden ist ...“

* * * * *

Ich hatte dann jahrelang nichts mehr von ihm gehört. Auch nichts von

seinen Filzhüten.

Menschen, die unter anderen Dingen groß geworden waren, hatten mein

Interesse erweckt. Es waren wohl auch Damen darunter. Kurz, ich vergaß

ihn. Vergaß ihn so sehr, daß ich mich sogar seines Namens nicht mehr

entsann, als er in merkwürdigem Zusammenhang, allerdings nur so als

Appendix, als Mitläufer, zuerst wieder an mein Ohr schlug.

Ich verkehrte damals viel in einem Kreise junger Literaten, die sich

gegenseitig sehr gut gefielen und jeden Freitag in dem Hinterstübchen

eines Restaurants im Westen zusammenkamen, um sich über die Gemeinheit

niedriger Lohnschreiber, die schnödes Geld mit ihren Büchern

verdienten, und über die lächerliche Talentlosigkeit aller nicht

zu ihrem Kreise Gehörigen aufgeregt zu unterhalten. Ich hatte mich

nicht als Mitglied aufnehmen lassen, da ich -- ohne den Rausch an

sich hochmütig zu verwerfen -- nie ein Freund davon war, mir mit

geschwollenen Redensarten Herz und Hirn zu füllen. Aber als Schwester

eines fanatischen Neutöners, der in seinen Gedichten niemals auch nur

das bescheidenste Satzzeichen anbrachte und deshalb von Heine, Lenau

und Mörike wie von sitzengebliebenen Schulbuben aus der Hilfsklasse für

Schwachsinnige sprach, nahm häufig ein sehr schönes Mädchen an diesen

denkwürdigen Sitzungen teil.

Sie redete weder klug, noch töricht. Sie war +da+, das genügte. Denn

die Schönheit braucht eben nur vorhanden zu sein, um ohne weitere

Anstrengung Besonderes zu wirken.

Sie bereitete sich dünnen Tee, während die andern meist geschmierten,

billigen Wein tranken; lauschte den donnernden Tiraden des alle Erfolge

aus der Hochburg seiner Unbekanntheit verachtenden Bruders und seiner

hohnlächelnden, umstürzlerischen Sippe und schlug zuweilen ein paar

große sanfte Kinderaugen zu mir auf, blau und tief, wie ein Märchen.

Wie ein kleiner, zarter Paradiesvogel im ruppigen Krähennest kam

sie mir vor. Und ich begriff es völlig, daß gut die Hälfte aller

sogenannten Gedichte, die diesem kraftgenialischen Kreise entstammten,

an ihre stillen, blauen Augen gerichtet waren. Ich glaube, ich selbst

habe damals ... Aber das gehört nicht hierher. Denn meine Gedichte

reimten sich und gaben zuweilen, wenn man sie aufmerksam las, einen

Sinn. Zwei Eigenschaften, die sie in diesem erleuchteten Kreise dem

grimmigsten Hohn preisgegeben hätten.

Diese künstlerische Vereinigung hatte auch einige durch Akklamation

gewählte und durch Nachtdepeschen, die diese stolze Ehrung meldeten,

erschreckte „korrespondierende Mitglieder“. Deren Briefe ähnelten

sich alle darin, daß sie sehr schlecht auf gelbe Notizbuchblätter,

zerknitterte Telegrammformulare oder benutzte Papiermanschetten

geschrieben waren und eigentlich weniger von den idealen

Angelegenheiten der Poesie und Kultur als von momentanen ärgerlichen

Verlegenheiten, peinlicher Geldnot, schmerzlicher Untreue einer

Kellnerin und solchen Dingen handelten.

Nur +ein+ korrespondierendes Mitglied schien sich in leidlich

geordneten Verhältnissen zu befinden.

+Maruschka Anastasia+ nannte sie sich in ihren Liedern. Sie war es, die

sich einer ganz erstaunlichen Wertschätzung in diesem Kreise erfreute.

Die Freiheit des Weibes wurde in ihren Gesängen gepredigt, gefordert,

gedroht; die Revolution der Ehe, die geharnischte Auflehnung gegen

uralte entehrende Sklaverei.

Diese heftigen Gedichte wurden häufig an den Freitagsabenden

vorgetragen. Ein ziemlich verwahrloster, dicker, kleiner Mann, der,

wie er sagte, an einer „Reformation der Rezitationskunst“ arbeitete,

bestieg dann einen Stuhl, knöpfte umständlich den obersten Knopf seines

Hosenbundes und die beiden untersten Knöpfe seiner originell karierten

Weste auf, „damit die Bauchmuskulatur beim Vortrag nicht gehemmt

werde“, faltete die fettigen Hände über der eingedrückten Brust, schloß

die unschönen verschwommenen Augen, um tiefste seelische Konzentration

zu markieren, röchelte, als ob ihm ein D-Zug über beide Beine gefahren

wäre, und schrie plötzlich unter heftigen Zuckungen die Nächstsitzenden

an:

„Nehmt mir die blut’gen Ketten aus dem Fleische,

Reißt mir die welken Rosen von der Stirn ...!“

Und dann gab er wohl zehn Minuten lang mit ungeheurem Gebrüll noch

unzählige Aufträge ähnlichen Inhalts, deren nähere Beschaffenheit

ich vergessen habe. Alles in wilden, bluttriefenden Versen. Wenn er

unter dem demonstrativen Jubel der Versammlung geendet hatte, stieg

er, sichtlich ermattet, dem Beifall mit den fetten Händen wehrend,

verächtlich lächelnd vom Stuhl, machte sich kalte Umschläge um die

Stirn und trank ein sehr bemerkenswertes Gemisch von rohen Eiern,

Kognak, Rotwein, und Benedektiner, das er „Lethe“ nannte.

Wenn er sechs bis acht Glas Lethe getrunken hatte, nahm er sich einen

Taxameter, gab ihm geheimnisvolle Weisung und fuhr „in die Einsamkeit“,

wie er sagte. Die Mitglieder des Bundes nährten die Überzeugung, der

große Künstler ließe sich dann jedesmal bis zum Waldrand fahren;

dort steige er aus und erwarte schweigend, das Haar dem Spiel der

Morgenwinde preisgegeben, den ergreifenden Anblick des Sonnenaufgangs,

die einzig wahre Sensation, die ihm dies schale Leben noch zu bieten

habe. Seit ich ihn aber einmal, wenige Stunden nach solcher Sitzung,

nach Vortrag und reichlichem Lethegenuß in den Arkadiasälen mit einer

strohblonden Dame sehr heftig und sehr ungraziös Cake Walk tanzend

getroffen habe, war meine ehrfürchtige Bewunderung für das genialische

Einsamkeitsbedürfnis des dicken Lethekonsumenten stark erschüttert. Und

an die Sonnenaufgänge glaubte ich nicht mehr.

Es waren immer Gedichte von Maruschka Anastasia, die der Reformator

der Rezitationskunst vortrug. Mir kamen sie wie lauter gereimte

Beschimpfungen des Mannes vor; und ich hätte, selbst wenn ich ihren

poetischen Gehalt an Bildern, schönen Wendungen, Blüten der Phantasie

höher eingeschätzt hätte, nicht recht begriffen, warum sich diese

Gesellschaft von flaumbärtigen Literaten just daran berauschte, ihr

eigenes Geschlecht vom Geifer des Hasses einer exaltierten Dame emsig

bespien zu sehn.

Eines Abends -- der Lethetrinker saß nach getaner Arbeit gerade wieder

mit einer kalten Kompresse um die Reformatorenstirne in der Ecke und

rührte mit stimmungsvollem Ernst eine halbe Pulle rubinroten Rotwein

an drei verklepperte Eier -- sprang mir eine neugierige Frage auf die

Lippen.

„Sagen Sie, liebes Fräulein“ ich wandte mich an die schweigend neben

mir mit dem Teekessel hantierende Besitzerin der blauen Märchenaugen,

„heißt Ihre Lieblingsdichterin -- ich muß sie doch wohl so nennen --

diese Maruschka Anastasia nun +wirklich+ Maruschka Anastasia oder ...“

Von Kindern und jungen Hunden · 第 10 / 15 段