gesunde Metallsärge zurückgezogen. Die Tante Reichsgräfin und der
Onkel Exzellenz erschienen nur noch als mythische Personen in Ethels
Erzählungen. Aber der Sagenkranz, der sich langsam um sie bildete,
(oder eigentlich: den Ethel persönlich um die verklärten Häupter der
teueren Verstorbenen legte) erhielt mit jedem Jahre neue strahlende
Blüten. Und wer den leise bebenden Herzenston vernahm, mit dem Ethel
die Namen dieser Heimgegangenen aussprach, der konnte unmöglich eine
Ahnung gewinnen von der durch Harthörigkeit bedingten Absonderlichkeit
der seligen Exzellenz und der Unleidlichkeit der geizigen und boshaften
Reichsgräfin. Vor dem ebenfalls längst zu seinen Vätern versammelten
Onkel Oskar freilich, der einst als Kommis des Hauses Seligsohn den
alten Fürsten Lichtenstein geduzt hatte, machte der Totenkultus Ethels
Halt. Sein Name wurde seltsamerweise nur von Klaus Joachim, der den
Lebenden wenig geschätzt hatte, zuweilen erwähnt und -- das muß gesagt
werden -- eigentlich nur, wenn er, überreizt von den ewigen Festen in
seinem Hause, einmal das nervöse Bedürfnis hatte, Ethel zu ärgern.
Einige Male hatte er ja versucht, seine Gicht vorzuschützen, um den
festlichen Veranstaltungen zu entgehen, die sein Haus zum Tummelplatz
fremder Leute machten, die seinen Sekt tranken, seine Zigarren rauchten
und von ihm eigentlich nur Notiz nahmen, wenn sie ihn wegen des
kürzesten und verstecktesten Weges nach einem geheimen Ort um seinen
Rat fragten. Aber an Schlafen wäre bei dem Lärm auch nicht zu denken
gewesen, wenn die Lohndiener nicht, lieber Gewohnheit folgend, alle
fünf Minuten in sein Schlafzimmer gestürzt wären, um die merkwürdigsten
Dinge hier zu suchen, die sich noch niemals in einem Schlafzimmer
befunden haben. So erschien er denn resigniert, auf seinen Stock
gestützt, wieder in den Salons und heuchelte höflich eine freudige
Anteilnahme an einen neuen amerikanischen Tanz, bei dem der Bauch
herausgestreckt wurde, an dem Klaviervortrag eines sechsjährigen
Wunderkindes, das allerdings spielte als ob es vierzehn wäre, oder an
der Soloszene einer talentvollen Bühnennovizen, die aus unbekannten
Gründen plötzlich händeringend in gereimten Versen jammerte, daß sie
ihr Kind erwürgt habe, weil es dem Vater ähnlich sah.
In solchen Lustbarkeiten waren bald fünf Jahrzehnte hingegangen.
Man hatte vorübergehend mal für irgend einen Kriegsschauplatz heftig
Charpie gezupft und um irgend einen Fürsten in der Weise getrauert,
daß man -- die Damen in geschlossenen Kleidern -- bei Birkowitzens
sechs Wochen lang nur Kammermusik, Harmoniumstücke und ernste
Balladenvorträge anhörte.
In sonsten hatte sich nicht viel verändert.
Tobby XIII ein knochiger Rattler von großer Munterkeit belebte Klaus
Joachims einsame Morgenstunden, wenn er seine Exlibris ordnend und
klebend am Erkerfenster saß und den stillen Wunsch nährte, Ethel, die
im Coupé Besuche machte, möge +alle+ zu Hause treffen, denen sie die
Freude ihres Gespräches zugedacht. Tobby XIII litt nur, als echter Sohn
seiner Rasse, unter dem durch nichts bestätigten Vorurteil, daß Mäuse
in der Wohnung sein müßten. Er erschreckte wohl ein Dutzend mal im
Vormittag seinen Herrn aufs heftigste dadurch, daß er plötzlich einen
ganz unmotivierten Luftsprung machte, mit beiden Vorderpfoten schwer
auf irgendeine Stelle des Teppichs schlug und emsig zu scharren begann;
als müsse er unter der dunkelroten Blume des Persers unbedingt ein
Mauseloch finden.
Da Klaus Joachim seit einiger Zeit Anzeichen eines Herzleidens spürte
-- Sie haben zuviel „gefeiert“, hatte der Hausarzt gesagt und Klaus
Joachim hatte nicht ohne Bitterkeit gelächelt -- so war die fixe Idee
Tobbys XIII für seinen Herrn doppelt störend. Aber da dieser den
amüsanten und liebenswürdigen Hund sonst lieb hatte, so schickte er
sich seufzend in seine aufregende Eigentümlichkeit; ja er hielt sie vor
seiner Frau geheim, die sonst vermutlich auf schleunigen Ersatz Tobbys
XIII durch Tobby XIV gedrungen hätte, da die Zahl Dreizehn ihr sowieso
unbehaglich war.
Und gerade jetzt war sie bemüht, alles Unbehagliche von sich und Klaus
Joachim fernzuhalten, denn die Vorbereitungen zu dem größten Fest ihres
Lebens, zu dem Fest, in dessen Mittelpunkt nur +sie+ -- natürlich
+mit+ Klaus Joachim -- verständigerweise stehen konnte, nahmen sie
völlig in Anspruch. Ihre goldene Hochzeit nahte. Und mit dem Näher- und
Näherkommen dieses weihevollen Tages nahm dieser fast siebzigjährigen
Frau wunderbare Elastizität, die in den letzten Jahren ein ganz, ganz
klein wenig nachgelassen hatte, von Tag zu Tag wieder zu.
Sie fühlte, daß das der Glanzpunkt ihres Lebens werden mußte.
Man würde Szenen aufführen, Reden halten, Trinksprüche ausbringen,
alles ihr zu Ehren. Berühmte Dichter, die oft bei ihr gegessen
hatten, würden eigens für diesen Tag wundervolle Lieder schreiben,
in denen ihr Name von einem Blütenkranz unsterblicher Gedanken
umrahmt erschien. Zukunftsreiche Maler, die +ebenfalls+ oft bei ihr
gegessen hatten, würden lebende Bilder stellen aus ihrer Jugendzeit.
Bedeutende Komponisten, die +ebenfalls+ oft bei ihr gegessen, würden
sich ans Klavier setzen. Und +sie+ würde, in ihre schneeweißen Haare
(ein bischen half ja der Puder nach) die goldene Myrthe gesteckt,
neben Klaus Joachim sitzen -- wenn er nur nicht einschlief! -- und
die feierlichen Deputationen empfangen von all den Vereinen, für die
bei ihr gegessen, getrunken, geredet, musiziert, Charpie gezupft
und getanzt worden war in einem langen, halben Jahrhundert. Und die
Zeitungen würden -- Gott, Herren von der Presse hatten ja auch bei ihr
gegessen -- sympathische Artikel bringen, im „Vermischten“ oder an der
Spitze des Lokalen; würden sie mit der Madame de Rotschild vergleichen,
am Ende gar mit der Fürstin Metternich und würden das Bild „der noch
immer schönen Frau von Birkowitz“ in einer sinnigen Phantasieumrahmung
von Lorbeer und Myrthen bringen. Natürlich Klaus Joachim daneben. Und
Bilder ihres „Heims“ werden in den Wochenschriften gezeigt. Die Ecke
im blauen Salon mit den Vasen, die ihr der Vizekönig Ching-Chung-Gho,
der die Fischgräten unter den Tisch spuckte, geschenkt. Die Wand
im Speisezimmer mit den ehrwürdigen Ahnenbildern der Reichsgräfin
und des Onkels Exzellenz. Der Kamin im Gobelinzimmer mit dem
laubfroschgrünen seidenen Wandschirm, auf dem die steinalte Prinzeß
Binzheim-Sprendlingen die gräßlichen, roten Levkoyen eigenhändig
gemalt. Und das mußte alles in Fußnoten gesagt werden ...
Ethel von Birkowitz war wieder ganz jung, wenn sie an diverse Fußnoten
dachte.
+Und+ an die Geschenke! Denn darin war sie ein Kind geblieben. Sie
liebte es sich beschenken zu lassen. Weniger der Gabe wegen, als
wegen des Namens des Spendenden. Und wenn nur der kleinste Teil
der Zelebritäten, die gut und viel bei ihr gegessen, sich an ihrem
Ehrentage mit einem sinnigen Präsentchen einstellte, so hatte sie aus
dem Gothaschen Kalender, aus dem Kürschner, aus dem Bühnenalmanach
und aus dem städtischen Adreßbuch -- kurz aus jedem Namensammelbuch
von einigem Kulturwert mit Ausnahme des Verbrecheralbums -- die
herrlichsten Stichproben. Ethel von Birkowitz schwamm im Glück der
Hoffnung.
Klaus Joachim sah dem festlichen Tage mit geringerer Lust entgegen.
Ganz davon abgesehen, daß sein neues Gebiß ihm den Unterkiefer wund
rieb, wenn er es während eines langen Diners im Munde behalten
mußte, hatten sich letzter Zeit, nicht unbeeinflußt von Tobby XIII
phantastischen Jagdvergnügungen heftige Herzaffektionen bei ihm
gezeigt. Schwächeanwandlungen waren häufig; und mehrfach war er mitten
in Ethels interessanten Mitteilungen über das Programm des Festes und
über die Plätze für den Bürgermeister und den Polizeipräsidenten und
den berühmten X. und die noch berühmtere Y. eingeschlafen. Und beim
Erwachen hatte er minutenlang geglaubt, er sitze an der Saline in
Nauheim. Oder hatte mit schwacher Stimme Weisung gegeben, man solle das
Halbblut nicht verkaufen. Sein Lieblingspferd aus der Leutnantszeit,
das seit vier Jahrzehnten gewiß in dem Pferdehimmel war, an den die
Araber glauben.
Zwei Tage vor der goldenen Hochzeit besserte sich Klaus Joachims
Zustand.
Er konnte den neuen Frack probieren und der Ansprache Ethels an die
fünf Lohndiener beiwohnen.
Als er aber an dem Morgen seines Ehrentages in denselben Frack
geschlüpft war, um ans Fenster zu treten und dem Choral der
Regimentsmusik zu lauschen, die der Oberst, der lieber gut aß als
Felddienstübungen leitete, in Dankbarkeit zur Überraschung gesandt
hatte, befiel ihm eine kleine Schwäche. Und gerade als er sich, von
Ethel gestützt, die schon in großer Toilette war, auf das Sopha
niedergelassen, unternahm Tobby XIII mit plötzlichem Siegesgeheul einen
plötzlichen Jagdausflug unter einen ehrwürdigen friesischen Schrank,
der sich zu knacken erlaubt hatte.
Klaus Joachim erschrak heftig, griff mit den langen, immer noch
aristokratischen Fingern der linken Hand nach der Herzgegend,
verdrehte die Augen, fragte, ob er in der Neujahrsnacht zum Bleigießen
aufbleiben müsse, erkundigte sich dann mit leiser werdender Stimme
ob die Seitenlinie derer von Rorschach-Kitzingen berechtigt sei
die Freiherrnkrone zu führen, gab, als die erschreckte Ethel ihre
Unwissenheit gestand, stockend die Anweisung, darüber sogleich
telegraphisch das Heroldsamt in Berlin zu befragen, lächelte sonderbar,
bekam eine ganz spitze weiße Nase und -- war tot.
Unten spielte die Regimentskapelle den Pilgerchor aus dem Tannhäuser.
Ein Lohndiener steckte den glattrasierten Kopf herein und meldete: der
Koch lasse fragen, ob der Fasan +nach+ dem Wildschwein serviert werden
solle oder +vor+ dem Wildschwein.
Ethel zuckte zusammen, warf einen Blick auf die seltsam gespitzten
Lippen Klaus Joachims, von denen kein Atem mehr kam und die pfeifen zu
wollen schienen, und entschied:
„+Nach+ dem Wildschwein.“
Es war ein außergewöhnliches Fest. In jeder Beziehung.
Die Gratulanten kamen in dichten Scharen.
Honoratioren in vortrefflich sitzenden Fräcken, Deputationen in minder
sehenswürdigen Gehröcken, Künstler in fliegenden Kravatten, Damen
der Aristokratie in kostbaren Pariser Roben, Konservatoristinnen in
phantastischen Fähnchen. Die Diener in Eskarpins mit silbernen Ketten
und dem Gönnerlächeln ihres wichtigen Standes.
Im Blauen Salon zwischen den beiden Vasen des Vizekönigs
Ching-Chung-Gho stand Ethel, im weißgepuderten Haar die goldene
Myrthe, den Smaragdschmuck derer von Birkowitz am immer noch
präsentablen Hals, die wundervollen Rosen des Prinzen Kux-Beckenried in
der Hand, der mit seinem Freund, dem ~Dr.~ v. Heiduck -- in Wahrheit
war es sein Arzt, der Prinz war seit Jahren entmündigt -- als Erster
gekommen war.
Jetzt hielt er sich, töricht vor sich hinlächelnd, im Gobelinzimmer
unter dem Bild von Onkel Exzellenz auf und konsumierte das vierzehnte
Kaviarbrödchen; wozu ~Dr.~ Heiduck nachdenklich den dem Prinzen
verbotenen Sherry trank.
Im kleinen gelben Salon aber stand die Türe auf, die nach dem
Ankleideraum neben dem Schlafzimmer Klaus Joachims führte.
Eine rotseidene Schnur war, den Eintritt wehrend, in Kniehöhe im
offenen Türrahmen gespannt. Durch das halbdunkle Ankleidezimmer
hindurch sah man in das noch um eine Nuance dunklere Schlafzimmer.
Von dessen Tür nicht weit saß Klaus Joachim von Birkowitz in einem
dunkelgrünen Sessel aus der Biedermeierzeit, den Kopf leicht an die
linke Seitenklappe der hohen Rücklehne gelehnt.
Er saß aufrecht im Frack und hatte, das konnte man gut erkennen, ein
blühendes Sträußchen in der blassen rechten Hand, die unbeweglich auf
der leichten bunten italienischen Decke lag, die seine Beine verhüllte.
Im Knopfloch trug er einen Myrthenbüschel ...
Alle Kommenden mußten durch diesen gelben Salon. Allen Kommenden
wiederholte der Diener an der Türe mit diskreter Stimme:
„Herr von Birkowitz befindet sich nicht ganz wohl. Er hat sich bei den
ersten Gratulationen in der Frühe überanstrengt. Der Herr Baron ist
deshalb in seinem Zimmer geblieben. Die Frau Baronin empfängt im Blauen
Salon. Wenn die Herrschaften vielleicht dem Herrn Baron einen Gruß
zunicken wollen ...“
Und die Herrschaften wollten das. Und sie nickten durch das halbdunkle
Zimmer dem befrackten Manne zu, der dort im Sessel saß.
Einige wollten beobachtet haben, daß er freundlich wieder genickt habe.
Andere hatten nichts dergleichen wahrgenommen.
Alle waren einig darin, daß es nicht gut um den alten Herrn stehe, und
daß er vielleicht doch schlauer zu Bett gegangen sei.
Aber Ethel von Birkowitz im blauen Salon zwischen den beiden Vasen des
Vizekönigs Ching-Chung-Gho versicherte:
„Er hat’s nicht anders haben wollen. Wenigstens aus der Entfernung
wollte er sich mit uns freuen.“
Und der Polizeipräsident, der besonders scharfe Augen hatte bemerkte
dazu:
„Und, meine Gnädige -- er +freut+ sich. Als ich ihm zunickte, spitzte
er die Lippen -- ich sah es deutlich -- als ob er +pfeifen+ wollte.
Vermutlich: ‚Freut Euch des Lebens‘ -- -- oder so was.“
„So tut er immer, wenn er vergnügt ist“ lächelte Ethel.
Einer aber war nicht vergnügt. Tobby XIII.
In die Schuhkammer neben der Küche eingesperrt heulte er. Heulte
unaufhörlich, obschon ihn die dürre Kochmamsell, die sehr nervös war,
unter Zuhilfenahme eines Birkenholzkochlöffels eindringlich vermahnt
hatte. Heulte laut und kläglich.
Und das Spülmädchen, das vom Lande und sehr blond und sehr dumm war,
sagte zu dem Konditor, der das Pastetenhaus brachte:
„Bei uns zu Haus heulen die Hunde so, wann mer e Leich’n hab’n.“
An dem Diner nahm Klaus Joachim +nicht+ teil.
Sein mit Myrthen bekränzter Platz wurde nach dem Fisch von einem
aufgeräumten Konsistorialrat eingenommen, der viel Rauentaler trank
und drei verschiedene Reden hielt, von denen die erste keine rechte
Veranlassung, die zweite keine Pointe und die dritte überhaupt keinen
Sinn hatte.
Zwischen dem Wildschwein und dem Fasan ging Ethel hinaus, um nach
Klaus Joachim zu sehen, der sich nur von ihr betreuen ließ und keine
Bedienung sehen wollte.
„Welch eine Ehe,“ rühmte der Konsistorialrat als sie ging.
Und „pfeift er noch?“ fragte der gutgelaunte Polizeipräsident, als sie
wiederkam.
Ethel war etwas blaß.
Der Besuch bei dem Gatten schien sie angestrengt zu haben. Aber sie
erinnerte sich sofort wieder ihrer Pflichten als Mittelpunkt und
Hausfrau und dem Polizeipräsidenten über die volle Obstschale zunickend
lächelte sie:
„Ja, er pfeift noch ...“
Am Abend des nächsten Tages erschien in allen Blättern eine breit
schwarzumränderte Anzeige, daß es in der Nacht nach seinem schönen Fest
dem Allmächtigen gefallen habe, den vielgeliebten Herrn Klaus Joachim
von Birkowitz und so weiter ... Tiefe Ergriffenheit sprach schon aus
dem Konstruktionsfehler dieser Annonce. Denn nach +ihr+ war es der
liebe Gott, der das schöne Fest gefeiert hatte.
Der Konsistorialrat aber, der an diesem Tag heftigen Kopfschmerz
hatte, äußerte, daran erkenne er wieder die große Gnade des Himmels,
daß dieser wahrhaft christliche Mann noch habe das herrliche Fest
mitansehen dürfen, ehe er von hinnen ging.
Nur Tobby XIII wußte Bescheid.
Er hatte die ganze Nacht geheult. Selbst als ihn das sehr blonde und
sehr dumme Spülmädchen gegen Morgen mitleidig in sein Bett nahm, hatte
er immerzu leise weiter gewinselt.
Tobby wurde deshalb auch dem Milchmann geschenkt.
Gerade als dieser brave Mann den heftig Widerstrebenden an einer
Zuckerschnur die Hintertreppe hinunterzerrte, wurden die sechs riesigen
silbernen Leuchter gebracht, die den Katafalk flankieren sollten.
Sie waren umflort und mit armdicken Kerzen besteckt und sahen wirklich
festlich aus.
Das Beerdigungsinstitut „Pietät“ hatte sie geliehen.
Sie brannten am anderen Morgen bei einer kleinen Hausandacht, die der
Konsistorialrat abhielt, zwischen den ebenfalls umflorten Vasen des
Vizekönigs Ching-Chung-Gho.
[Illustration]
[Illustration: Der Mann mit dem persönlichen Einfluß]
Es ist meine heilige Überzeugung, daß es sonst sehr achtbare, ja
vortreffliche Menschen gibt, in deren Gebaren und Gesichtszügen
eine ununterbrochene heimliche Aufforderung für alle großen und
kleinen Gauner liegt, sie als geschätzte „Versuchsobjekte“ ihrer
unsympathischen Kunst zu behandeln; schlicht gesagt: sie zu betrügen.
Ohne die flehendste Bitte des schönsten Gebets: „Führe uns nicht in
Versuchung ...“ erfüllen zu wollen, scheint der liebe Gott solche
merkwürdigen Leute hilflos in seine sonst so hübsch ausgedachte
Schöpfung gestellt zu haben. Sie wandeln umher, freundlich und
zutraulich, aber als fleischgewordener Fallstrick des Bösen. Und am
Ende sind diese Guten von allem, was sie unternehmen, enttäuscht;
denn sie haben bei jeder ihrer von besten Absichten geleiteten
Unternehmungen mehr Lehrgeld bezahlt, als jeder andere; haben bei
jedem Mißgeschick einen größeren Schaden besehen, als irgendwo sonst
und finden -- und das ist vielleicht das Betrübendste -- mit den
Erzählungen ihres Mißgeschicks statt inniger Teilnahme oft nur jenes
durchaus pietätlose Gelächter, wie es böse Menschen, die keine Lieder
haben, im Anblick fremder Ungelegenheiten anzustimmen lieben ...
Ein Musterbeispiel für diese meine aus sorgfältiger und liebevoller
Betrachtung der Zeitgenossen gewonnene Lehre scheint mir noch heute der
ehemalige Filzhutfabrikant Michael Monkebach zu sein, den ich vor einer
Reihe von Jahren in einem süddeutschen Bade kennen lernte.
Schon die Art der Bekanntschaft war seltsam.
An der Mittagstafel in der „Quisisana“ saß ein Herr in mittleren Jahren
neben mir, dem sein in Stoff und Schnitt sonst die Herkunft aus einer
nicht billigen Schneiderwerkstatt verratender Anzug durchaus nicht zu
passen schien. Das Tuch schlotterte an ihm herum, als habe er Rock und
Weste von einem vermögenden Verwandten geerbt, der ihn an Leibesfülle
ums Doppelte übertraf. Ein gewisser vergrämter Zug um die nicht
unbedeutende Nase sowie ein traurig verschleierter Blick ließen mich
erraten, daß es sich um einen der Schwerkranken, die sonst in diesem
ziemlich harmlosen Bade selten waren, handeln müsse.
Ich reichte ihm deshalb bei den Mahlzeiten die Schüsseln mit besonderer
Freundlichkeit; ja, ich ertappte mich auf der edlen Anwandlung, ihm,
wenn der Braten mir zuerst angeboten wurde, die weniger knorpligen
Stücke des Hammels zu lassen, der hier einen unerläßlichen Bestandteil
des mehr zeitraubenden als sättigenden Diners bildete.
Einem Gespräch schien mein scheuer Nachbar auszuweichen. Einige
-- wie ich zugebe -- nicht allzu geistreiche Bemerkungen über die
fluchwürdige Unbeständigkeit des Wetters, mit denen sich eine
elegantere Konversation einzuleiten dachte, beantwortete er nur mit
dem Hinweis darauf, daß er im Besitz von Gummischuhen sei und von mir
das gleiche hoffe. Auf eine bescheidene Anfrage, ob er das Kurtheater
häufig besuche, und wie er es finde, entgegnete er ausweichend, er
habe jüngst einer Vorstellung des „Tropfens Gift“ beigewohnt, aber
schon nach dem zweiten Akt den Saal verlassen, da er seinen Platz
unmittelbar neben dem Eingang zu den Toiletten erhalten habe und durch
eine fehlerhafte Konstruktion des Türschlosses die Verbindungstür nach
diesen minderwertigen Räumen sich fortwährend von selbst geöffnet habe.
Eine alte Kanzleirätin aus Bückeburg gab mir nähere Aufschlüsse über
den betrübten Tischnachbar.
Ich war mit der körperlich gebrechlichen Dame, die ein großes
Mitteilungsbedürfnis besaß, dadurch bekannt geworden, daß sie meine
Zimmernachbarin war und unter der fixen Idee litt, Mäuse in ihrem
Zimmer zu haben. Die Klingel, die angeblich dazu bestimmt war, bei
einmaligem Läuten den Zimmerkellner, bei zweimaligem Läuten das
Mädchen, bei dreimaligem Läuten aber den Hausknecht zu zitieren,
funktionierte leider so mangelhaft, daß weder der Kellner, noch das
Mädchen, +noch+ der Hausknecht kam; und so war die alte Dame darauf
verfallen, sich vertrauensvoll an +mich+ zu wenden, wenn sie wieder
den bestimmten Eindruck gewonnen hätte, daß Mäuse unter ihrem Bett oder
hinter ihrem Schrank ihr neckisches Spiel trieben.
Da ihr selbst das Bücken vom Arzt verboten war -- eine Vorschrift, an
die sie sich, immer von der Furcht vor einem Schlaganfall gewarnt,
aufs strengste hielt --, so durfte +ich+ mir durch Herumkriechen unter
ihrem Bett, Abrücken der Schränke usw. Bewegung machen und wurde von
der Kanzleirätin „dirigiert“. Der Erfolg war immer negativ. Wenigstens
was die Mäuse anbetraf. Dafür labte mich die alte Dame mit einem von
ihr sehr geschätzten, selbstgebrauten Nußlikör, den sie in vielen
Flaschen mitgebracht haben mußte, und der mit anderen mir bekannten
Spirituosen nicht die geringste Geschmacksverwandtschaft zeigte und mir
im wesentlichen aus Kandiszucker, Wasser, Lakritz und altem Leim zu
bestehen schien.
Nach jeder vergeblichen Mäusejagd unterhielt mich die vortreffliche
Dame von den Gästen des Hotels aufs anregendste.
Sie wußte, daß die Baronin über mir gar keine Baronin war, sondern
eine gewöhnliche Adlige mit einer ziemlich neuen Fünfzackigen. Sie
sei in einen jungen Badearzt verliebt und lasse sich deshalb auf
Ischias behandeln. Die Kanzleirätin war ferner darüber orientiert,
daß die Ehe des Rechtsanwalts auf Nr. 17 sehr unglücklich sei, weil
der Schwiegervater heute, zehn Jahre nach der Hochzeit, noch immer
nicht mit der Mitgift herausgerückt sei und die junge Frau eine
verhängnisvolle Neigung habe, jede versöhnliche Annäherung ihres
Gatten mit der Geburt von Zwillingen zu beantworten. Sie hatte auch
in Erfahrung gebracht, daß der Tenor auf Nr. 39, der angeblich der
Liebling des kunstverständigen Publikums von Pernambuco war, Amerika
niemals gesehen habe, auch nicht demnächst an der Wiener Hofoper
Probe singe, sondern nächsten Winter vermutlich, wie schon die beiden
vorhergehenden, in Berlin in obskuren, rauchigen Kabarets das Lied
von der Leiche im Landwehrkanal zur Negergitarre vortragen werde.
Es sei denn, daß die dicke Witwe aus Smyrna, die im Vorjahre ihren
mit kandierten Datteln reich gewordenen Gemahl an einem Leberleiden
verloren habe, doch noch auf diesen Tenor hereinfalle, der übrigens
nicht verhungern könne, da er immer einen Knödel im Hals habe ...
Dies alles, wie gesagt, wußte die beredte Kanzleirätin aus Bückeburg
in ihrer charmanten, nur etwas weitläufigen Art zu berichten. Jedes
Mißverstehen meinerseits war übrigens ausgeschlossen, da die alte
Dame viele Jahre -- bis zu seinem Ende -- ihren schwerhörigen Gatten
gepflegt hatte und aus alter Gewohnheit auch die +nicht+ mit dem Leiden
ihres Seligen Behafteten mit ihrer hellen Stimme anschrie, daß es
zunächst schier zum Entsetzen war.
Auch über Michael Monkebach wußte sie das Nötige.
Er hatte vom Vater eine Filzhutfabrik geerbt. Die erste selbständige
Handlung Michael Monkebachs bestand darin, daß er ein neues
patentiertes Verfahren ankaufte, den gewalkten, geformten und
gesteiften Hut anstatt mit Schellack oder Leim mit einer wunderbaren
Flüssigkeit zu „glänzen“, deren Zusammensetzung ein streng bewahrtes
Geheimnis des Erfinders, eines angeblichen Chemikers aus der Bukowina,
war. Als ungefähr 50000 Filzhüte in diesem Verfahren „geglänzt“
waren, erwies es sich, daß die Fabrikate allerdings einen recht
hübschen, spiegelnden Glanz hatten, aber schon nach einigen Wochen
einen unleidlichen und unbekämpfbaren Geruch nach verdorbenem Fett
ausströmten, der sie unverkäuflich machte. So war Michael Monkebach im
Besitz eines wertlosen Patents und 50000 übelriechender Hüte, die er
nicht loswerden konnte, und hatte einen hübschen Batzen Geld verloren.
Der angebliche Chemiker aus der Bukowina war längere Zeit unauffindbar,
bis ihn Monkebachs tüchtiger, aber nicht billiger Anwalt in einem
Zuchthaus der Rheinprovinz auftrieb, wo er sich gerade aufhalten mußte,
weil er einen Geldbriefträger meuchlings in eine Senkgrube geworfen
hatte.