Der Lethemischer unterbrach alsobald seine rührende Tätigkeit und

stand plötzlich einen sehr lieblichen Geruch nach Kognak und Rotspohn

verbreitend neben mir:

„Das wissen Sie wirklich nicht? Aber, Mensch, wo +leben+ Sie? Maruschka

Anastasia ist eine Frau, nicht fern dem Ende der zwanziger, man kann

schon sagen Anfang der dreißiger. Eine verheiratete Frau --“

„Natürlich +un+glücklich verheiratet?“ warf ich ein.

„Na--tür--lich.“

Und irgendwoher aus dem Zigarettenrauch kam eine müde Stimme:

„Haben Sie überhaupt schon einmal eine +glückliche+ Ehe gesehen?“

„Nun -- ich dächte zum Beispiel meine Eltern ...“

Der Lethemischer roch mitleidig lächelnd an seinem Glase:

„Es liegt mir fern, die Ehe Ihrer geschätzten Eltern hier auf die

von Ihnen behauptete Trivialität untersuchen zu wollen. Wäre ja auch

eine fruchtlose Bemühung. Ich kenne von dieser Ehe auch nichts, als

ihr Produkt: +Sie+. Im Anblick dieses Produkts kann ich mich aber --

ohne ihren vielleicht verborgenen Qualitäten nahetreten zu wollen --

+nicht+ zu dem freudigen Glauben durchringen, daß die dazu nötige

Ehegemeinschaft eine glückliche war.“

„Danke,“ ich verneigte mich. „Aber auf meine belanglose Person wollte

ich wirklich das durch Ihre gütige Mitwirkung so interessante Gespräch

nicht bringen. Ich fragte in aller Bescheidenheit nach den näheren

Verhältnissen der hier so geschätzten Dichterin Anna Maruschka. Fragte,

weil es mich interessiert, ob da persönliche Erlebnisse vielleicht den

Grund zu dieser düsteren Lebensanschauung gelegt haben, oder ...“

Jetzt nahm der kleine Egon Felix Gundelmann das Wort. Ein äußerst

merkwürdiger Jüngling, den ich, so lang ich ihn kenne, nie etwas

anderes habe betrachten sehen, als seine eigenen Fingernägel; ohne

daß er aus dieser Betrachtung einmal das naheliegende Bedürfnis

geschöpft hätte, diese Objekte seiner ungeteilten Aufmerksamkeit zu

reinigen. Er fiel durch eigene Produktion in diesem Kreise niemals

lästig. Aber er war, um mit Hamlet zu reden, so etwas wie der

Spiegel und die abgekürzte Chronik des Zeitalters. Allerdings Spiegel

und Chronik ganz im Sinne der anregenden Gesellschaft, die seine

mehr auf Sammeleifer als auf Gedanken beruhende Weisheit umgab. Er

hatte ein geradezu phänomenales Gedächtnis für Namen und Zahlen, war

wegen dieser letzteren Eigenschaft bei den Kellnern sehr unbeliebt,

erschien aber als der geborene Literaturhistoriker, ein wandelndes

Nachschlagewerk. Wann der oder jener giftige Vierzeiler auf der 387sten

Seite der Zeitschrift „Marsyas“ rechts oben in der Ecke gestanden

hatte; wieviel an Honorar die genannte Zeitschrift -- der anerkannte

Sammelpunkt der „Jüngsten“ -- dem oder jenen Neutöner für seine

tiefempfundenen „Elegien in freien Rhythmen“ schuldig geblieben war;

wie hoch die unheimlichen Saarweine, die der Lethefreund vor drei

Jahren in die Frühlingsbowle geschüttet hatte, auf der Karte notierten

und mit welchem Aufschlag sie der verbrecherische Kellner in Rechnung

gestellt hatte -- all solche schwierigen Fragen und erstaunlichen

Gedächtniskunststücke bewältigte Egon Felix Gundelmann spielend. Sobald

Namen, Taten, Zahlen in Frage kamen, blickten aller Augen fragend

und wißbegierig auf ihn. Die seinen aber verweilten nach wie vor auf

seinen unsauberen Fingernägeln, und aus diesen unschönen Ausläufern

seiner Persönlichkeit schien er all sein verblüffendes Wissen mühlos

herauszulesen.

„Maruschka Anastasia“, sagte er jetzt, „ist geboren vor dreiunddreißig

Jahren am neunzehnten Juli, d. h. an dem Tage, an dem im Jahre 1796

der Buchhändler Georg von Cotta geboren wurde, der später, auf den

Ungeschmack der Menge bauend, den Werken der sogenannten Klassiker

eine heute noch schädlich nachwirkende Verbreitung leihen zu müssen

glaubte. An demselben Tage wurde fünfundzwanzig Jahre später der

Dichter Gottfried Keller in Zürich geboren, dessen Werke ich zwar

nicht hoch einschätze, der aber durch die knorrige Grobheit seines

Wesens und durch die bis ins späte Alter bewährte Vorliebe für starke

gegorene Getränke verriet, daß vielleicht etwas in unserem Sinne aus

ihm geworden wäre, wenn er sich entschlossen hätte weiter zu hungern,

anstatt sich als Staatsschreiber in die schmachvolle Abhängigkeit des

Kantons Zürich zu begeben. Daß an diesem selben Tage dann im Jahre 1870

Frankreich an Preußen den Krieg erklärte, erwähne ich noch nebenbei.

Dieser Krieg hat für das geistige Deutschland eine tiefe Demütigung

gebracht, indem der Singsang der sogenannten patriotischen Dichter

zu einem Ansehen gelangte, das jeden ästhetisch reifen Beurteiler,

der an die große Zukunft der ungereimten, abstrakten Gedankenpoesie

glaubt, mit tiefster Beschämung erfüllen muß. Wir haben durch diesen

Krieg einige Schlachten und einige Kriegervereine gewonnen und dafür

auf Jahrzehnte das Bewußtsein unserer in blöden Siegesfesten ersäuften

Kulturmission verloren. Erst dadurch, daß vor dreiunddreißig Jahren

Maruschka Anastasia als Tochter eines durch seelische Verirrungen

zum Winkelkonsulenten herabgesunkenen ehemaligen Notars und einer

echten Tochter des Volkes geboren wurde, hat dieser Julitag für das

intellektuelle Deutschland der Zukunft wieder einen Klang und eine

Bedeutung gewonnen.“

Egon Felix Gundelmann las diese letzten Worte vom Nagel des Daumens

seiner linken Hand mit sichtlicher Befriedigung ab. Ich dankte mit

einigen unbedeutenden Worten für die gütige Belehrung, gab aber der

Ansicht Ausdruck, daß meine Frage eigentlich damit nicht beantwortet

sei, da ich zu wissen verlangte, ob Maruschka Anastasia der richtige,

in den Standesbüchern eingetragene Name dieser erstaunlichen Frau sei,

und ob sie selbst die von ihr so glühend gehaßten Ehefesseln jemals

getragen und -- wie ich fast vermuten müsse -- mit all der Kühnheit,

die ihre Gesänge durchbrauste, hohnlachend abgeschüttelt habe.

Egon Felix Gundelmann betrachtete eingehend den Nagel seines mit einem

häßlichen Geschwür aus kupfrig glänzendem Gold geschmückten Ringfingers

und gab -- immer im Ton einer wissenschaftlichen Vorlesung -- die

überraschende Auskunft:

„Maruschka Anastasia heißt eigentlich mit ihrem Mädchennamen Anna

Kuntze -- mit tz. Auf das tz legt sie Wert. Die letzten Nachrichten,

die wir von ihr hatten, stammen vom 21. Juli des Vorjahres. Sie

dankte uns damals für ein in der Nacht ihres Geburtstages aufgegebenes

Nachttelegramm, das sie selbst, wie sie schrieb, herzlich erfreut

und ihrem offenbar sehr schreckhaften Mann eine kleine Nervenattacke

eingetragen. Sie nennt sich jetzt Maruschka Anastasia Monkebach-Kuntze

und lebt körperlich +neben+, seelisch aber weit getrennt von einem

Mann, der ein kleiner Rentier sein soll und sie, ohne ihre Bedeutung

irgendwie mit ethischem Verständnis zu durchdringen, mit gebührender

Verehrung behandelt.“

„Monkebach-Kuntze. -- Monkebach -- Monkebach ...“ Ich wiederholte den

Namen immer wieder. Wo hatte ich ihn bloß schon gehört? und in welchem

Zusammenhang? Ich dachte an eine Menagerie, die ich als Kind besucht --

aber nein, die hieß Münsterbach. Dann dachte ich an einen Zahnarzt, der

mir -- schrecklichen Angedenkens -- einen ganz gesunden Zahn mit Gold

plombiert hatte. Aber nein, der hieß -- ja, wie +hieß+ der? Und jetzt

war ich +ganz+ konfus, und meine erregten Gedanken pendelten zwischen

Maruschka Anastasia und einem verbrecherischen Zahnarzt hin und her,

ohne einen Halt zu finden.

Egon Felix Gundelmann hatte mittlerweile noch ein ganzes Taschenlexikon

biographischer Details über mich ausgeschüttet. Ich hörte nicht zu. Da

traf plötzlich die trockene Anmerkung mein Ohr:

„Die Tragikomödie dieser Ehe eines lächerlichen Philisters mit

einer ganz eigenartigen weiblichen Psyche mit einem von der

leidenschaftlichen Liebe zum großen Erlebnis genährten Genie vollzieht

sich in der Stadt mit dem unsagbar trivialen Namen Bimmlingen.“

Ich stutzte.

„In Bimmlingen sagten Sie? Seltsam, dorthin muß ich spätestens Anfang

nächster Woche in Vermögensangelegenheiten.“

„Vermögensangelegenheiten!“ Der Lethetrinker sprach das Wort mit

tiefer Verachtung mehr in sein halbgeleertes Stengelglas, als zu mir.

„Vermögensangelegenheiten! Für solche Trivialitäten ist Bimmlingen gut.

Aber als Leidenswiege für die zerrüttete Seele einer großen Poetennatur

...“ Der Satz war auf bedeutungsvolle Steigerung angelegt. Aber der

Reformator hatte den Schluckser und mußte sich sehr zu seinem Ärger

hier unterbrechen.

Mein Geständnis, daß ich nach Bimmlingen reisen mußte, hatte Bewegung

in die dichten Zigarettenwolken des nie gelüfteten Raumes gebracht. Man

sah sogar wieder Gesichter. Erstaunte, interessierte Gesichter.

Alle redeten durcheinander.

Egon Felix Gundelmann gab, wie mir schien, in seiner leidenschaftlichen

Art einen kurzen Abriß aus der Stadtgeschichte von Bimmlingen. Ein

hier hochgeschätzter Romancier, der seine Bücher erst nach seinem Tode

weiteren Kreisen bekannt zu geben wünschte, spendete mir den dringenden

Rat, sofort von der Bahn aus zu Maruschka Anastasia zu fahren, um

sie meiner und seiner Verehrung zu versichern. Ein bereits zweimal

verbotener Dramatiker hoffte, daß ich in Bimmlingen ein zuverlässiges

„Tagebuch“ führen werde. Andere hatten noch weitergehende Wünsche

in Beziehung auf meine Reise nach dem durch Maruschka Anastasia

interessant gewordenen Nest.

Das Mädchen mit den tiefblauen Augen aber setzte die Teetasse hin,

legte mir die spitzen, schlanken Finger ihres reizvollen Händchens mit

noch nie geübter Vertraulichkeit auf den Unterarm und tat, was sie

eigentlich noch nie getan: sie sprach einen zusammenhängenden Satz. Ich

weiß heute, nach elf Jahren! noch ganz genau, wie er lautete:

„Darf ich Sie bitten, lieber Herr Doktor, Frau Maruschka Anastasia zu

sagen, daß ich sie liebe,“ (wenn sie dieses „sie“ damals im Sprechen

+groß+ geschrieben hätte, so hätte ich zweifellos „die“ Dummheit meines

Lebens gemacht!) „und daß es mich beglücken würde, ein paar Zeilen von

ihrer Hand zu besitzen in meiner Selbstschriftensammlung, die fast alle

Neueren von Atzler bis auf Zülferich umfaßt.“

Ich gestehe beschämt, daß ich damals weder wußte, wer Atzler noch

wer Zülferich war. Aber ich tröste mich damit, daß es heute auch

+die+ wieder vergessen haben, die es einmal gewußt hatten. Denn die

literarischen Taten von Atzler und Zülferich meldet kein Lied, kein

Heldenbuch; und sie sind, wie alle Mitglieder jener festlichen Abende

um den Reformator der Rezitationskunst, wie der seltsame Romancier, der

für seinen Nachlaß arbeitete, und wie der unwahrscheinliche Polyhistor

Egon Felix Gundelmann längst untergetaucht im ruhmlosen Gewoge des

Alltags, der Trivialitäten ...

Aber meine Fahrt nach Bimmlingen hatte jetzt einen neuen Sinn, einen

ungeahnten Glanz bekommen. Nicht daß ich selbst vor Neugier platzte,

die genialische Maruschka Anastasia von Angesicht zu Angesicht

zu sehen. Aber wenn ich mit einem wundervollen, inhaltreichen

Stammbuchblatt von ihrer Hand wiederkam ... Mir fielen Beispiele

ein, daß Prinzen im Märchen durch ein kühn erstrittenes kostbares

Geschmeide die lang versagte Gunst einer spröden Schönen im Sturme

gewannen. Beispiele ... Beispiele ... Es gehört zu den unbestreitbaren

Merkwürdigkeiten meiner sonst nicht eben komplizierten Natur, daß mir

für +jede+ Dummheit, die ich zu machen im Begriffe stehe, „Beispiele“

einfallen. Viele und vortreffliche Beispiele.

... Als ich einige Tage später -- doch früher, als ich ursprünglich

geplant -- nach Bimmlingen reiste, war meine eigene Angelegenheit ganz

in den Hintergrund getreten.

Es war auch gut. Denn in Bimmlingen zeigte es sich sehr bald, daß

das kleine Grundstück, an dem ich als glücklicher Erbe zusammen

mit drei Vettern, einer Tante und einem Waisenhaus beteiligt war,

so gut wie wertlos war, da es dicht neben dem Viehhof lag und ein

normaler Mensch mit gesunden Geruchsnerven das abscheuliche Terrain

nur bei östlichen Winden, die den Stank der Ställe nach der anderen

Seite entführten, betreten konnte. Die meteorologischen Notizen des

Bimmlinger Tageblatts, dessen drei letzte Jahrgänge ich daraufhin

durchsah, ergaben aber, daß die angenehme Stadt Bimmlingen meist von

+westlichen+ Winden bestrichen wurde; und als ich einem Bimmlinger

Immobilien-Agenten den Kaufpreis nannte, den die miterbende Tante

ersonnen und für den uns das scharmante Grundstück feil sein sollte,

bekam er einen langandauernden Lachkrampf und versicherte mir, daß er

einen so guten Witz nicht mehr gehört habe, seit der letzte Zirkus in

Bimmlingen abgebrannt sei. Da die Tante als Miterbin aber von ihrem

phantastischen Preis nicht heruntergeht, sind wir heute noch im Besitz

des unbebauten Grundstücks und haben die Freude, ein über das andere

Jahr zirka hundert Mark für einen neuen Stachelzaun zu bezahlen, der

einer fröhlichen Jugend Bimmlingens wehren soll, im Unkraut unseres

Besitzes künstliche Festungen zu graben.

Ich hatte mir für die mir inniger am Herzen liegende Aufgabe, die

Selbsteinführung in die Familie Monkebach-Kuntze, einen, wie mir

schien, vorbildlich schlauen Schlachtplan ersonnen. Am Tage meiner

Abreise hatte ich an +Herrn+ Monkebach-Kuntze ein sehr verbindliches

Kärtchen geschrieben. Voller Interesse, seine berühmte Gattin kennen

zu lernen, vom Wunsche beseelt, ihr meine persönliche Verehrung und

die meiner Freunde in einem Handkuß auszudrücken, zugleich aber auch

geängstigt von dem Gedanken, daß ich die Dichterin in ihren die Welt

erleuchtenden Arbeiten in nie entschuldbarer Weise stören könnte, wagte

ich es, bei dem von mir unbekannterweise hochgeschätzten Gatten der

seltenen Frau in aller Bescheidenheit anzufragen, ob ... und wann ...

und wie ...

Es war wirklich ein sehr anständiger Brief. Der Rabe mußte meiner

Berechnung nach den Käs fallen lassen, wie in der hübschen alten Fabel.

Er +ließ+ ihn fallen. Als ich ins Hotel kam, lag schon ein Briefchen

da. Unterschrift: Michael Monkebach.

Monkebach, Mon--ke--bach -- wieder rollte mir der Name wie eine

Billardkugel im Kopfe herum; und nach einer nicht sehr geistreichen

Gewohnheit trat ich erst eine Weile ans Fenster, stierte über die

reichlich schmutzige Straße auf das schiefhängende Schild einer Woll-

und Strumpfwarenhandlung und dachte emsig nach. Dann erst las ich den

Brief.

„Sehr geehrter Herr Doktor, mich freut’s herzlich Sie nach so

langer Zeit wiederzusehn“ -- +wieder+zusehn, wieso? -- „Ich kann

es ja begreifen, daß Ihr hochgeschätzter Besuch, der uns äußerst

angenehm ist“ -- +uns+? -- auf ihn kam mir weniger an -- „mehr meiner

lieben Frau gilt, als mir“ -- wie käme ich auch wohl dazu, +Herrn+

Monkebach zu beehren? es sei denn, daß er am Viehhof ein Grundstück

suchte -- „Nichtsdestoweniger wird mir die Erinnerung einer lieben

Badebekanntschaft ein nicht gewöhnliches Vergnügen bereiten“ --

Badebekanntschaft? Herr Monkebach wird doch am Ende nicht der Herr

sein, der in Karlsbad einmal neben mir wohnte und früh morgens um halb

sechs immer Lohengrins Abschied sang, bis ich ihm durch den Kellner

sagen ließ ... „Ich bin ja älter geworden, seit wir uns zuletzt gesehen

--“ sehr wahrscheinlich, ich bin ja +auch+ nicht jünger geworden --

„aber ein gewisses ruhiges Glück ist bei mir eingekehrt“ -- nanu, bei

der ewigen Kettensprengerin ein ruhiges Glück? +Der+ Mann mußte Nerven

haben, wie Stahl, oder -- „Und was mich mit Stolz erfüllt, Sie werden

sehen, so wenig ich auch an dem unvergleichlichen Talente meiner lieben

Maruschka Anastasia beteiligt bin“ -- beteiligt; ein geschäftlicher

Ausdruck, der mir sehr mißfiel. Sollte Herr Monkebach etwa jener

schlanke Herr mit dem gefärbten Barte sein, der mir nach einem

harmlosen Tischgespräch auf Rigi Scheideck beim Dessert meuchlings die

Preisliste seiner Naturweine über den Tisch reichte? ... „beteiligt

bin, so darf ich doch ohne häßliches Eigenlob wohl sagen, daß mein

persönlicher Einfluß ...“

„-- +persönlicher Einfluß+!“ ... Wie Schuppen fiel es mir von den Augen.

Monkebach -- natürlich, so +hieß+ er ... Der Mann mit dem persönlichen

Einfluß. Der Turner mit der Wasserkaraffe. Der dankbare Leser des

mayonnaisegelben Büchleins: „Wie werde ich energisch?“ Der Gegner

-- +beinahe+ Gegner des kampflustigen Rittmeisters. Der Liebling der

allwissenden Kanzleirätin. Alles kam mir wieder ins Gedächtnis. Alles.

Und ich war so vergnügt in diesen Erinnerungen, daß ich abends ins

Stadttheater ging, wo ein unsagbar dummes Lustspiel hundeschlecht

gespielt wurde. Ich aber saß unter den ärgerlichen Zuschauern

und lächelte fröhlich vor mich hin. Ich sollte den Mann mit dem

persönlichen Einfluß wiedersehn als Gatten einer intellektuellen

Kettensprengerin.

Am nächsten Morgen hüllte ich mich in eine erlesene Besuchstoilette,

zog meinen poetischsten Schlips an, ließ meinen Zylinder aufbügeln,

kaufte drei purpurrote Rosen an Stielen, so lang wie Spazierstöcke, und

machte mich auf den Weg.

Kitzlingerstraße 15. Ein bescheidenes Landhaus in einem nicht

übel gepflegten Garten. In den Rasenflächen standen gräßliche

kleine Terrakotta-Gnome mit feuerroten Zipfelmützen umher. Auch

Rehe aus buntem Gips und giftig grüne Riesenpilze als originelle

Sitzgelegenheiten aus derselben Masse erschreckten das Auge. Mir schien

das +sein+ persönlicher Einfluß auf den Garten. Die Dichterin übersah

wohl den kinkerlitzigen Zierat.

Kaum hatte das Mädchen -- ich habe nie wieder solche Mischung von

Unsauberkeit und Stupidität in einer weiblichen Erscheinung beobachtet

-- meine Karte erst selbst mit Aufmerksamkeit gelesen, dann in ein

Zimmer getragen, so hörte ich auch schon Monkebachs frohbewegte Stimme:

„Hier herein, bitte, nur +hier+ herein!“

Grau war er geworden, der gute Michael Monkebach. Den Schneider schien

er noch nicht gewechselt zu haben seit damals. Der Rock schlotterte

immer noch um seinen nicht unansehnlichen Leib, und die Weste sah

immer noch aus, als habe er sie von einem Verwandten geerbt, der

ihn an Leibesfülle ums Doppelte übertraf. Der verblichene Erblasser

mußte allerdings eine Sehenswürdigkeit gewesen sein, die alle in den

Panoptiken vorgestellten Monstra weit hinter sich ließ.

Michael Monkebach schüttelte mir beide Hände. Er war wirklich sichtlich

erfreut. Dann drückte er mich in ein niedriges und erstaunlich hartes

Sofa und begann die Unterhaltung mit einer Flut von teilnehmenden

Fragen nach meinem Wohlbefinden und meinen Geschäften, die mich hierher

führten. Es war dabei eine große Erleichterung für mich, daß er sich

eigentlich alle Fragen selbst beantwortete. Über meine Person, über

einen Onkel von mir, der auf dem Friedhof in Bimmlingen lag und einen

sehr unverständlichen Spruch auf dem Grabstein hatte, über eine Tante

von +ihm+, die ich einmal in Berchtesgaden getroffen, und endlich über

mein übelriechendes Grundstück am Viehhof, das er kannte, weil er

früher -- als Junggeselle -- stets die Wurstpapiere seines Frühstücks

bei Spaziergängen über den bewußten Stachelzaun geworfen, kamen wir

endlich auf seine Frau.

Ich deutete in einer Pause, die ein Hustenanfall in seine Rede riß,

bescheidentlich an, daß es mich interessieren würde, wo sich die

interessante Dame jetzt aufhalte.

„Sie hat heute morgen,“ sagte er, „als sie ein heißes Fußbad nahm, eine

Inspiration gehabt. Eine außerordentliche Inspiration. Sie ließ sich

kaum Zeit, sich abzutrocknen und anzuziehen. Und jetzt --“ er deutete

glücklich lächelnd nach einer grüngepolsterten Türe, die den Nebenraum

abschloß.

„Aha -- sie dichtet?“

Michael Monkebach nickte mit einem selig zustimmenden Lächeln, als

wolle er sagen, daß mein Scharfsinn das einzig passende Wort für die

von ihr geübte Tätigkeit gefunden habe.

„Sie werden sie +sehen+!“ sagte er dann. Wenn es sich um die Königin

von Saba gehandelt hätte, er hätte nicht strahlender dreinschauen

können.

In diesem Sinne sprach ich einige glückwünschende Worte.

Er senkte den vorgeneigten Kopf in die Schultern, als lasse er sich

warmes Wasser wohlig den breiten Rücken herunterlaufen und genoß meine

Teilnahme mit rührendem Behagen.

Als ich geendet, nahm er das Wort; und während er mit der Spitze

des Zeigefingers die kleinen Careaus auf meinem linken Oberschenkel

nachfuhr, was mir gerade nicht sonderlich angenehm war, legte er

in gedämpftem Ton, von Zeit zu Zeit verstohlen nach der unbewegten

grüngepolsterten Türe spähend, die Beichte eines Glücklichen ab.

„Sehn Sie, lieber Freund,“ sagte er, „ich darf Sie doch so nennen?

+Alle+ Leute +beneiden+ mich. Wie ich Ihnen sage! Ich hab aber auch ein

+Glück+, sag’ ich ihnen ... Ich bin kein Jüngling mehr, nicht wahr?

Unter uns: ...zig Jahre. Na, und sie -- erst fünfundzwanzig.“

Er log nicht ohne Grazie. Oder sollte die Dichterin selbst von solch

kleinlichen Eitelkeiten nicht frei sein und ihm erzählt haben, daß ...?

„Die Verlobungszeit hätte ja unangenehm sein können. Abends immer

Theater, Gesellschaft, Konzerte -- gräßlich! Und dann so um neune rum

muß ich immer mal ein Nickerchen machen. Nur ’n paar Minuten, nachher

bin ich für ’ne Stunde wieder ganz mobil. Aber ich +muß+ einfach.

Da hilft nichts. Naturzwang! Na, da war’s nu ’n riesiger Dusel, daß

Maruschka Anastasia schon dreimal verlobt war ... Sie hat keinen großen

Wert mehr auf solche Aufmerksamkeiten gelegt, wie sie sonst unter

Brautleuten ... na, ist ja auch ein gräßlicher Blödsinn! -- Und dann

war ja ihr +Vetter+ da, der von den siebenten Ulanen. Sie erinnern sich

doch -- der Rittmeister.“

„Pardon, der Rittmeister, mit dem Sie +damals+ ...“

„Jawohl, mit dem ich damals -- beinahe ...“ Er zielte mit einer

imaginären Pistole listig mit dem Auge blinzelnd nach dem Bilde einer

stark dekolletierten alten Dame an der Wand. „Komisch ist das Leben,

nicht? +Der+ ist Maruschka Anastasias Vetter. +Zu+ ein netter Mensch.

Er schätzt sie sehr. +Sehr+. Und damals schon -- als wir verlobt

waren -- immer viel Literarisches um sie rum. Sie dichtete ja damals

schon. Das war aber nur so die Ouvertüre, sag’ ich Ihnen. Und jetzt --

Berühmtheit! Ze--le--bri--tät! Achtzehn Auflagen in drei Jahren. Im

Winter oft drei bis fünf Einladungen pro Abend! Ja, sehen Sie, +das+

nennt man ‚Ruhm‘. Und wissen Sie, wessen Verdienst das ist? +Mein+

Verdienst ... Lachen Sie nicht -- +mein+ Verdienst. Ihre Lyrik, um was

dreht sie sich? Lesen Sie nur mal aufmerksam ihre Sachen. Frühling --

is nicht. Sogenannte ‚Liebe‘ -- is nicht. Heimatsklänge -- is nicht.

Und all so was Schönes -- is nicht. Aber +Ehe+, sag’ ich Ihnen, alles

+Ehe+! Großartig, diese Wahrheiten, die sie +mir+ da sagt. Und erst

was +ich+ ihr entgegne -- alles natürlich in Versen, die +sie+ macht.

Ich --? wissen Sie, ab und zu mal ’nen Brief, aber Verse, ach nein.

Niemals nie. Und nun +diese+ Frau! Ich komme zu +dieser+ Frau. Was für

ein Glück, sagen Sie selbst. Sie dichtet für +beide+. Sie schmeißt mit

den Ehefesseln nur so um sich. Ach, und wie sie dabei aussieht! -- Ihr

Vetter von den gelben Ulanen, der Rittmeister -- +zu+ ein lieber Mensch

-- ruft immer ‚Sopha!‘ ... nein, wollt’ ich sagen: ‚Sappho!‘ ruft er,

‚Sappho!‘ ... Und sehen Sie, Gott ja, andere Frauen dichten ja auch

mal. So Blaumblümleinsuppen und solche Sachen. Oder von ‚ihm‘. Sie

dichtet +auch+ von mir, meine Sappho. O ja! aber, sehen Sie, nicht wie

die andern. Sie dichtet mich nicht +an+; sie dichtet mich +ab+.“

„Pardon, sie dichtet Sie +ab+?“

„Ja.“ Er nickte still befriedigt vor sich hin.

„Was verstehn Sie, wenn ich fragen darf, unter ...“

Von Kindern und jungen Hunden · 第 11 / 15 段