gehängt worden wäre; wenn sein Großvater beim Rastatter Gesandtenmord
eine üble Rolle gespielt und seine Großmutter im berüchtigten
Hirschpark von Versailles zeitweise unrühmlichen Aufenthalt genommen
hätte -- das wäre alles kein so trauriges Ehehindernis für Anton
Brömmelmann gewesen, als der fatale Umstand: daß sein fleißiger und
rechtlicher Vater gar so viel Lobendes über seine vortrefflichen
Fabrikate veröffentlicht hatte.
Und außerdem: mitten in der Hauptstraße, zwischen der appetitlichen
Konditorei von Grötschel und der poesievollen Blumenhandlung der stets
in tiefe Trauer gekleideten Witwe Schwiebus -- die drei verletzend
naturalistischen Riesenerker des Brömmelmannschen Geschäfts! Welche
Frauenseele in jenem glücklichen Alter, da man sich Verse von Lenau ins
Album schreibt und mit Leutnants tanzt und Lieder von Schumann singt,
bebte nicht scheu zurück vor einem noch so braven Mann, der ein so
absonderliches Geschäft sein eigen nennt?
Anton Brömmelmann hätte von den Körben, die er sich seufzend in guten
Bürgerfamilien geholt, ganz bequem einen Korbhandel eröffnen können.
Aber er sah mit Goethe, den er übrigens nicht las, in der Ehe „Anfang
und Gipfel aller Kultur“; und er war betrübt, ja niedergeschlagen, daß
gerade +ihm+ weder Anfang noch Gipfel beschieden sein sollte, obschon
oder gerade +weil+ er als Geschäftsmann just der Sohn seines Vaters und
ein Kulturträger von nicht zu unterschätzender Bedeutung war.
Endlich aber fand er in Annemarie Bickebach doch noch ein weibliches
Wesen, das großherzig genug war, über die ganzseitigen Annoncen und
die Riesenerker in der Hauptstraße und schließlich auch über manche
negativen Vorzüge seiner Erscheinung mit ihren leidlich hübschen Augen
hinwegzusehen.
Annemarie war die Tochter eines Oberpostsekretärs, der pensioniert
werden mußte, weil sich in ihm die fixe Idee entwickelte, er müsse
der Welt die Unsinnigkeit der Ansichtspostkarte beweisen; und der in
diesem Sinne eine Reihe von Broschüren im Selbstverlag erscheinen
ließ und zahlreiche Eingaben an den Reichstag und „Offene Briefe“
an die vorgesetzte Behörde richtete. Das langaufgeschossene, magere
Mädchen war zweimal verlobt gewesen. Einmal mit einem melancholischen
Bergassessor, der leider bald darauf mit einer Dame vom Variété
nach London gegangen war; und einmal mit einem sommersprossigen
Predigtamtskandidaten, der ihr eines Tages eine „frivole Auslegung
paulinischer Briefe“ vorgeworfen, ihren Ring, zwei gestickte
Schlummerrollen und einen gebrannten Haussegen zurückgeschickt und
drei Monate später eine vermögliche aber reizlose Witwe aus Kottbus
standesamtlich und kirchlich geheiratet hatte.
Annemarie hatte das stille Wesen aller Mädchen, die zweimal verlobt
waren und einmal am Variété und einmal an den paulinischen Briefen
gescheitert sind. Sie sah zwar, daß Anton Brömmelmann keineswegs
eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem jungen Griechengott, nicht
einmal mit einem melancholischen Bergassessor zeigte; aber er war
schließlich ein Mann, der seine hübschen Einnahmen hatte und dessen
mit der Erinnerung an zahlreiche Körbe belastetes Herz die Unzartheit
nicht besitzen würde, sie an ihr entschwundenes Liebesglück zu
erinnern. Und sie hatte es satt, immerzu „Eingaben an eine hohe k. k.
Oberpostdirektion“ ins reine zu schreiben.
Der Oberpostsekretär a. D. machte seine Einwilligung zur Verehelichung
davon abhängig, daß Anton Brömmelmann sich eidlich verpflichte,
niemals in seinem Leben eine Ansichtskarte zu benützen. Ein Schwur,
den Anton Brömmelmann um so eher ablegen und halten konnte, als er
überhaupt keine privaten Mitteilungen ernsten oder neckischen Inhalts
jemals zu Papier brachte, sondern +nur+ Geschäftsbriefe schrieb und im
Geschäftsverkehre die Ansichtskarte für durchaus unstatthaft hielt.
Der Oberpostsekretär holte übrigens für diese Gelegenheit seinen alten
Galadegen aus dem Schrank, eine sehr merkwürdige Waffe, die nach
halbstündigem sorgsamen Einfetten und anstrengendem Ziehen endlich auch
aus der Scheide fuhr. Auf die rostige Klinge mußte Anton Brömmelmann
feierlich die Schwurhand legen und den vom Oberpostsekretär persönlich
vorgesprochenen ebenso umständlichen als konfusen Eid mit lauter Stimme
wiederholen. Dann erst bekam er von der tief errötenden Annemarie den
Verlobungskuß und jenen gebrannten Haussegen, den der sommersprossige
Predigtamtskandidat unbegreiflicherweise verschmäht hatte.
Die Ehe war nicht unglücklich.
Annemarie hielt ihren Haushalt gut in Ordnung; und wenn Anton
Brömmelmann aus dem Geschäfte kam, so war sie bereit, seinen gehabten
Ärger mit aufmerksamer Teilnahme anzuhören, und schmierte ihm
Käsebrötchen dazu.
Jeden Sonntag aß der Oberpostsekretär a. D. bei den beiden zu Mittag.
Es gab dann „falschen Hasen“ -- weil dem Oberpostsekretär die
Vorderzähne fehlten -- und der Geladene würzte das bescheidene Mahl
durch heftiges Schimpfen auf die k. k. Regierung, die keine seiner
Eingaben, die er nun selber schrieb, jemals beantwortete.
Als er an einem Sonntag im Herbst wieder zum falschen Hasen kam, teilte
ihm Anton freudestrahlend mit, daß sie beide heute +allein+ essen
müßten, da Annemarie ihn heute morgens durch die Geburt eines Sohnes
erfreut habe und noch der Schonung bedürftig sei.
Obgleich der Oberpostsekretär, wie er sich recht wohl erinnerte, bei
der Eheschließung der beiden mit einer solchen Möglichkeit gerechnet
hatte, kam ihm die Nachricht nun, da er, mit seinen Angelegenheiten
beschäftigt, die natürlichen Anzeichen des kommenden Ereignisses
völlig übersehen hatte, doch sehr überraschend. In der Freude seines
Herzens ging er eiligst einen notwendigen Einkauf zu machen; und da er
nicht recht wußte, was zu dieser Gelegenheit am passendsten erscheinen
könnte, kam er eine halbe Stunde später wieder mit einer Mandeltorte
und einem Bilderbuch, das für den ersten Leseunterricht sehr
zweckentsprechend eingerichtet war. Dieses Buch legte die Wartfrau,
die wenig von Pietät hielt, unter das Gestell der Kinderbadewanne, das
einen zu kurzen Fuß hatte. Die Mandeltorte aber teilte sie mit der
Hebamme, die zufällig gerade, wie dies bei Hebammen das übliche ist,
ihren Geburtstag hatte.
Im Nebenzimmer aber saß der Oberpostsekretär, dämpfte seine Stimme
zu einem diskreten Piano, das kaum mehr hörbar war, und fragte den
glücklichen Vater, der sehr wichtig und sehr zwecklos bald eine
Zuckerdose, bald einen Aschenbecher umhertrug:
„Anton, +wem+ sieht’s ähnlich?“
„Die Wartfrau meint: +mir+,“ gab Anton schüchtern zurück.
Er mochte nicht gestehen, daß er persönlich bei einer ersten Begegnung
mit seinem Sohn, die allerdings im Halbdunkel der Wochenstube
stattfand, keinerlei Ähnlichkeit hatte wahrnehmen können, vielmehr den
Eindruck gewonnen, anstatt eines Kopfes eine runzliche, nicht mehr ganz
frische Tomate auf dem Kissen zu sehen.
Die Hebamme, die aus unbekannten Gründen immer heftig nach altem
Rotwein roch, kam herein und verkündete:
„+Neun+ und ein Viertelpfund! Eben gewogen. Es ist ein Mordskerl!“
„Das soll er erst +werden+!“
Anton Brömmelmann hatte dieses vortreffliche Wort gefunden und damit
stolz und tüchtig ~in nuce~ ein ganzes Erziehungsprogramm entrollt.
Das +eine+ stand bei Anton Brömmelmann fest: der Junge sollte es mal in
jeder Beziehung +besser+ haben, wie er; sollte sich nicht selbst die
Zehen abtreten beim Gehen, keine lächerliche Figur in einem schwarzen
Gehrock spielen und seinen Namen nicht am Tage wie eine Last und nachts
wie einen Alp tragen. Das Geschäft -- Gott behüte! -- das war nichts
für den Jungen. Diese Überzeugung stand schon bei Anton Brömmelmann
fest, wenn er des Abends, aus dem Comptoir heimgekehrt, zusah, wie im
Soxhletapparat die sechs appetitlichen Fläschchen für Nacht und Morgen
hergerichtet wurden. Immer ein Strich Milch und zwei Striche Wasser.
Und jedesmal setzte seine besorgte Frage ein:
„Kriegt der Junge auch nicht zu wenig Milch und zu viel Wasser?“
Berthold wurde er getauft.
Niemand in der Familie hieß so. Der Erfinder des Schießpulvers,
Berthold Schwarz, war der einzige dieses Namens, den Anton Brömmelmann
-- natürlich nicht persönlich -- kannte. Aber das war’s gerade: Der
Junge sollte einen +aparten+ Namen haben. Und wer konnte das wissen
-- die Sache mit dem Schießpulver! ... Der Junge konnte ein verdammt
kluges Gesichtchen machen und hatte eine Art, das rosig marmorierte
Fäustchen in den Mund zu stecken, die +hohe+ Intelligenz bewies. Und
das +Geschäft+ sollte ihm nicht den schönen Namen und das schöne Leben
verderben -- das war immer der Schluß von Anton Brömmelmanns reiflichen
Erwägungen. Und damit all dieses nicht geschehe, sollte der Bub’ keine
Ahnung davon haben, welcher +Art+ seines Vaters Geschäft war. Bis er
dann zur Schule kam, würde man schon sehen.
Von nun an dachte Anton Brömmelmann nur daran, sein Geschäft zu
verkaufen.
Er trat sich im Nachdenken noch emsiger auf die Füße, schlenkerte noch
heftiger mit den Affenarmen als früher und wechselte bogenlange Briefe
mit Reflektanten.
An der verlangten Kaufsumme scheiterte es nie. Er hatte genug geerbt
und zurückgelegt und forderte einen Betrag, der für das flottgehende
Geschäft ein Spottpreis genannt werden mußte. Eben erst hatte der
Landtag eine größere Bestellung gemacht, und mit einer anonymen
Gesellschaft, die das öffentliche Wohl im Auge hatte, stand er in
Verhandlung.
Aber +eines+ schreckte die Bewerber: Anton Brömmelmann stellte die
Bedingung, daß innerhalb fünf Jahren die +Firma+ geändert werden
und +sein+ Name mithin von Firmenschild, Briefbogen und Porzellan
+verschwinden+ müsse. Hier lag der Haken. Denn die Firma „Anton
Brömmelmann“ war eben als solche weit berühmt; und ob die Änderung des
Namens nicht einen beträchtlichen Rückgang des Geschäftes bedeuten
würde .... Zudem -- man hatte das zum Beispiel bei Johann Maria Farina
erlebt -- es könnte eine Konkurrenz plötzlich einen Strohmann Namens
Brömmelmann auftreiben, der nun die Früchte jahrelanger Reklame anderer
mühlos pflückte....
Schließlich aber wurde der Verkauf +doch+ perfekt.
Ein Herr Heinrich +Hinzelmann+ hatte, wie er schrieb, „eine weitläufige
Tante beerbt“ und strebte, sich selbständig zu machen. Er glaubte das
nicht besser tun zu können, als indem er das Geld der weitläufigen
Tante in Anton Brömmelmanns weitberühmte Fabrikate steckte.
Am fünften Geburtstag Bertholds wurde der Vertrag unterschrieben. Es
war ein großer Moment. Anton Brömmelmann war ganz heiser vor Aufregung
und schrieb unter das wichtige Schriftstück zum erstenmal in seinem
Leben seinen eigenen Namen falsch; nämlich mit nur +einem+ „m“ in der
Mitte. Annemarie stand neben ihn und bürstete in tiefer seelischer
Verlorenheit Herrn Hinzelmanns Zylinder sorgfältig +gegen+ den Strich,
was der Besitzer des Hutes mit großem Unbehagen mit ansah. Doch wagte
er es nicht, sie auf das Sinnlose und Unzweckmäßige dieser Betätigung
aufmerksam zu machen, da er befürchtete, irgendeine nicht auf das
Geschäft bezügliche Äußerung könne ihm noch in letzter Stunde den
ganzen vorteilhaften Handel verderben. So schlug er im Geiste den Preis
für einen neuen Zylinder mit auf die Kaufsumme und schwieg.
Im Nebenzimmer aber saß der Oberpostsekretär, das Geburtstagskind auf
den Knien, und las die Korrekturen einer geharnischten Eingabe „an die
k. k. Regierung, betreffend die durch den submissest unterzeichneten
Verfasser eklatant erwiesene Volksverdummung durch die Ansichtskarte“.
Anton Brömmelmann atmete auf. Ihm war zumute wie einem unter dem
Verdachte schweren Raubmordes Verhafteten, der eben sein Alibi
lückenlos beigebracht hat.
Nun galt es noch sein Haus verkaufen -- das tat er mit kleinem Verlust
-- und den Wohnort wechseln. Er zog nach Rasselsheim, einem Städtchen
ohne jeglichen landschaftlichen Reiz, das ihm nur dadurch aufgefallen
war, daß es -- wie aus einer Statistik hervorging -- die geringste
Kindersterblichkeit aufwies. Ein Gymnasium war auch da. Sogar ein
„humanistisches“, was Anton Brömmelmann für eine besondere, vom Staat
verliehene Auszeichnung hielt. Also!
Bei der Wohnungssuche benahm sich Anton Brömmelmann etwas sonderbar. Er
besichtigte zunächst immer ein geheimes Kabinett und erweckte durch die
merkwürdig peinlichen Untersuchungen den Eindruck, als ob er hier die
reichsten und köstlichsten Stunden seines Lebens zu verbringen gedenke.
Mit heimlicher Freude konstatierte er, daß die Rasselsheimer Wohnungen
nur in seltenen Fällen +seine+ Fabrikate mit dem verräterischen Namen
aufwiesen; und er mietete mit ingrimmiger Genugtuung eine Wohnung, für
die, wie das Porzellan an der betreffenden Stelle meldete, seine einst
gefürchtete Konkurrenz das unentbehrliche geliefert hatte ...
Berthold wuchs heran.
Der glückliche Vater ging völlig auf in den Jungen. Er zahnte mit ihm,
er fieberte persönlich, als der Bub die Masern hatte, ja er machte
-- und nicht nur in der Einbildung -- mit ihm den Keuchhusten durch,
konsumierte als leuchtendes Beispiel für den Jungen den abscheulichen
Schneckensaft und war stolz darauf, wenn er, blaurot im Gesicht vom
Husten, die Versicherung des Arztes hörte: das sei ein außerordentlich
seltener Fall, daß ein Erwachsener zum +zweitenmal+ vom Keuchhusten
befallen werde.
Peinlicher als der Keuchhusten war das Latein.
Anton Brömmelmann, der es nie recht vertragen hatte, lernte es mit
dem Sohn, +für+ den Sohn. Er stand mit dem absolutem Ablativ auf und
träumte vom Akkusativ cum Infinitiv; er übte Vokabeln und konsultierte
heimlich Eselsbrücken, war dem Sohn immer um drei Lektionen voraus,
kurz, er tat alles, um die fromme Täuschung aufrecht zu erhalten, daß
er alles das schon +wisse+, was der Sohn unbedingt lernen müsse, um ein
edler Mensch und ein tüchtiger Bürger zu werden. Wenn Berthold längst
seinen gesegneten Kinderschlaf schlief, mußte die mitleidige Annemarie
den unglücklichen Gatten die Punischen Kriege überhören und die
entsetzlichsten, von den Karthagern verübten Greuel über sich ergehen
lassen. Und Sonntag zog sich Anton Brömmelmann in sein Studierzimmer
zurück, um über den „Frühling“ nachzudenken oder über die „Freuden des
Eislaufs“, kurz über lauter Dinge, die seinem früheren Leben sehr fern
gelegen hatten und die jetzt als Aufsatzthemata des Sohnes seine späten
Mannesjahre erschreckten.
+Zweimal+ waren sie sitzen geblieben.
+Sie.+ Pluralis. Denn der Vater blieb +mit+ sitzen, fühlte sich
+mit+schuldig; obschon er die Tanzstunde, die an der Zerstreutheit
des Sohnes die Hauptschuld trug, nicht mitgenommen hatte und die
Zigaretten, die dem armen Berthold nicht bekamen, persönlich ganz gut
vertragen konnte.
Endlich kam das Maturum.
Berthold, der ein hübscher, schlanker Bengel geworden war, nicht gerade
strotzend von Intelligenz, aber in seiner gesunden Frische ein ganz
lieber Kerl, ging in das Examen mit einer Siegermiene, als könne ihm
nichts passieren. Der Vater aber saß zu Hause und seufzte:
„Die Mathematik -- die Mathematik bricht uns den Hals. Du wirst sehen,
Annemarie, die Mathematik!“
Und er verlangte Papier und berechnete Kegelschnitte stundenlang und
löste Gleichungen mit drei Unbekannten, die -- wenn die Sache fertig
war -- noch immer so gut wie unbekannt blieben, und ließ sich von all
den Aufgaben foltern, die der Sohn vielleicht ...
Aber der Sohn kam nach Hause, strahlend, eine Rose im Knopfloch und
sichtlich erhitzt von einem kleinen Frühschoppen. Er hatte bestanden.
Nicht gerade glänzend, aber was lag daran?
Anton Brömmelmann spendierte deutschen Sekt zum Mittagstisch. Er stieß
mit dem Sohn an und hielt eine Rede, in der er sagte: er sei zwar
der Vater ... aber er müsse denn doch sagen ... und überhaupt habe
Demosthenes ganz recht gehabt, wenn er das schöne Wort gesprochen,
das ihm jetzt nicht einfalle ... und der große Liebig sei +auch+ ein
schlechter Schüler gewesen ... und Henrik Ibsen hätte „kaum genügend“
in der Trigonometrie gehabt ... und das Leben sei zwar schwer, aber
schön ... und der Name Brömmelmann lege Pflichten auf ... jawohl, das
tue er ... und so hoffe er heute ... denn +das+ müsse die Jugend immer
hochhalten ... und dafür könne er keinen Geringeren zitieren, als
Cicero ... aber das +wolle+ er nicht ... denn er sei froh, daß er all
das Zeug jetzt vergessen könne ... denn ehrlich gesagt: zum Halse sei’s
ihm herausgewachsen ... und übrigens sei es Zeit, den Großvater von der
Bahn abzuholen ...
Berthold bezog die Universität.
Der Vater wollte keinen Druck auf ihn ausüben. Er solle studieren,
was er wolle. Theologe -- gut; aber protestantischer. Arzt -- gut;
aber nicht Spezialarzt für ansteckende Krankheiten. Jurist -- gut;
aber nicht „Kameralia“ dazu. +Zweierlei+ zugleich, das gehe nicht. Mit
diesen Einschränkungen erlaubte Anton Brömmelmann alles. Mathematiker
war nicht zu befürchten. Auch für das Sanskrit zeigte sich bei
Berthold keinerlei Neigung. Alle Ermahnungen schlossen:
„Vergiß nicht, daß du mein +Einziger+ bist!“
Berthold Brömmelmann vergaß das nicht.
Als er nach dem ersten Semester seine Schulden beichtete, erwies es
sich, daß er immerzu daran gedacht haben mußte, daß er der „einzige“
war. Außerdem war er „Hasso-Suebe“, trug einen farbigen Bierzipfel,
einen Zwicker und eine Tiefquart im Kinn, die dickrandig und tiefrot
war und an jene alten Wunden erinnerte, die eine Neigung haben „an der
Bidassoa-Brücke“ aufzubrechen. Und er roch nach Jodoform wie ein ganzer
Transportzug des Roten Kreuzes.
Über die Richtung seines Studiums war er sich noch nicht schlüssig
geworden. In der Anatomie war ihm schlecht geworden. Bei den Pandekten
noch schlechter. In der Theologie störte ihn der heilige Geist, unter
dem er sich absolut nichts denken konnte. Und Mathematik kam noch immer
nicht in Betracht.
Leider änderte sich dies kaum „positiv“ zu nennende Resultat seiner
Studien auch fürderhin nicht. Er schickte spaßhafte Bierkarten, fidele
Gruppenbilder und unbezahlte Rechnungen, begleitet von humoristischen
Briefen, nach Hause. Über eine Berufswahl aber ließ er sich weiter
nicht aus.
Als ihn der Vater auf Annemaries Drängen einmal besuchte, kam der
alte Herr graugrün aussehend nach drei Tagen wieder. Er erinnerte
sich noch deutlich vieler junger Herren mit gelben Mützen, die ihn
an der Bahn empfingen und mit fast königlichen Ehren auf einen sehr
merkwürdigen Aussichtspunkt kutschierten, wo man -- und hier wurden
seine Erinnerungen undeutlich -- erst eine Pfirsich-, dann eine
Ananasbowle trank. Es konnte aber auch umgekehrt gewesen sein. Wenn er
sich nicht täuschte, hatten sie dann alle ein wunderschönes Lied mit
erstaunlich vielen Versen gesungen, und dann -- -- -- ja, man konnte
ihn totschlagen, aber ihm war’s, als ob dann irgend ein Fackelzug
stattgefunden hätte. Es konnte aber auch eine Beerdigung oder eine
Hochzeit gewesen sein. Ja selbst eine Kindstaufe hielt er manchmal für
nicht ausgeschlossen. Und was die Studienpläne Bertholds anbetraf --
man war +nicht+ dazu gekommen, darüber zu sprechen ....
So war der Stolz des Hauses Brömmelmann im siebenten Semester, ohne daß
sein Studium sichtbare Früchte getragen.
Da begab es sich, daß der vortreffliche Großvater in Neuenburg seinen
siebzigsten Geburtstag feierte. Unglücklicherweise hatte Anton
Brömmelmann sich kurz vorher den Fuß vertreten, das heißt er war mit
dem linken so außergewöhnlich kräftig auf den rechten getreten, daß der
Knöchel gelitten hatte.
Annemarie, die treue Seele, machte ihm kalte Umschläge und konnte nicht
abkommen. Berthold fuhr also allein als bevollmächtigter Abgesandter
der Familie nach Neuenburg, seiner Geburtsstadt, die er noch niemals
betreten.
Als erstes Lebenszeichen kam -- eine Ansichtskarte aus Neuenburg, die
der Großvater +mit+ unterschrieben.
„Zeichen und Wunder!“ sagte Anton. „Der gute alte Herr unterschreibt
+Ansichts+karten. Ja, ja, das Alter macht milder.“ Und eines Zitats
sich erinnernd, das er vor Jahren -- Berthold saß in Ober-Sekunda --
aus einem Spruchbuch als köstliche Perle für den schmückenden Schluß
eines deutschen Aufsatzes gefischt, fügte er hinzu: „Wie sagt doch
Goethe so schön: Was man in der Jugend sich wünscht, das hat man im
Alter die Fülle.“
Annemarie lächelte: „Papa hat sich doch in der Jugend keine
Ansichtskarten gewünscht.“
„Nein aber -- --“ Er fühlte selbst, daß er blödsinnig zitiert und
versuchte hinter einem schalkhaften Lächeln tiefen Sinn zu verbergen.
„Nun +lies+ schon!“ drängte Annemarie.
Und er versuchte zu lesen, was sonst noch auf der merkwürdigen
Karte stand. Aber außer den Worten „kalte Ente“ konnte er nichts
herausbringen.
„Kalte Ente --“ meinte Annemarie kopfschüttelnd, „soll wohl ‚kalte
Hände‘ heißen.“ ...
Anton Brömmelmann glaubte das nicht ....
Mehrere Tage hörte man nichts weiter. Weder von dem Jubilar noch von
dem festlichen Abgesandten. Da plötzlich ein Brief, wahrhaftig ein
+langer+ Brief Bertholds.
„Wie lieb von ihm!“ lobte die Mutter.
Anton Brömmelmann mißtraute. „Er pumpt mich an!“ taxierte er.
Und er las.
„Liebe Eltern! Ihr werdet Euch gewundert haben. ... Eltern wundern sich
immer. Aber das wird noch besser kommen.“ --
„Etwas konfus, was?“ schaltete Anton Brömmelmann ein und sah über die
Brille zu Annemarie; dann las er weiter:
„Ich glaube manchmal, ich habe Euch Sorge gemacht. Vor allem +Dir+,
lieber Vater. Na, du hast kein Geschäft, nicht wahr? Und etwas muß der
Mensch doch haben. So hattest Du +mich+.“ --
„Das ist ja eine Epistel, als sollte er gehenkt werden,“ meinte der
Vater. Aber die Mutter bedeutete ihm, weiter zu lesen.
„Mit dem Studium -- darüber machen wir uns nichts vor -- war es nichts.
Mündlich einmal davon. Als Papa mich besuchte, wollte er durchaus nicht
davon sprechen ....“
„Nanu?“ fragte Annemarie.
Aber Anton Brömmelmann überhörte das und las weiter:
„Ich stamme aus einer Kaufmannsfamilie. Ich weiß zwar nicht, +welcher+
Art dein Geschäft eigentlich war, lieber Papa, aber es war ein
Geschäft, nicht wahr? Nun, ich glaube, ich würde mich auch besser zum
+Kaufmann+ eignen. Und so wirds kommen. Denn, um’s kurz zu sagen, ich
bin +verlobt+.“
Das Ehepaar Brömmelmann sah sich an, als ob ein geflügeltes Krokodil im
Zimmer sei. Keines brachte ein Wort heraus.
Dann ergriff die resolute Mutter den Brief und -- nun las +sie+ zu
Ende; las in einem Tempo, in dem nur eine Frau lesen kann, die der
größten Neuigkeit ihres Lebens auf der Spur ist.
„Ich habe das süßeste, reizendste, entzückendste Mädel von der Welt
kennen gelernt .... Durch Großpapa. Der verkehrt mit den Eltern. Er
sagt, Ihr kennt sie auch und lacht immer ganz verschmitzt dabei.
Übrigens hat er immer noch die Marotte mit den Ansichtskarten ....“
Der Teufel hole seine Ansichtskarten! Was ist das für ein Mädel?
„Die Eltern haben ein Geschäft. Ein sehr +gutes+ Geschäft. ~NB.~ Sie
ist das +einzige+ Kind, heißt Mieze -- ist das nicht reizend? Mieze
+Hinzelmann+. Ihr müßt sie Euch so denken ....“
Anton Brömmelmann saß erstarrt. „Hinzelmann, doch nicht +unser+ ....?“
Der Blick der Mutter war bis zum Schluß des Briefes geflogen.
„Das Geschäft, liebe Eltern, von dem ich oben sprach, ist ja ein
bißchen sonderbar. Lieber Gott, +alles+ kann nicht Poesie sein in
der Welt, nicht wahr? Es gibt auch Dinge, die ... Aber der alte Herr
Hinzelmann -- übrigens ein famoser Kerl; +fast+ so nett, wie +mein+
alter Herr -- der meint: Geschäft ist Geschäft. Ich hab’ mit ihm
gesprochen. Er ist +sehr+ einverstanden. +Seinen+ Segen habe ich schon.
Einzige Bedingung, ich muß später das +Geschäft+ übernehmen....“
Annemarie ließ den Brief sinken. Sie sah nach Anton Brömmelmann, der,
ein Bild schöner aber tiefer Resignation, in seinem Sessel saß.
„Hast du gehört, Vater?“
Er nickte bloß.
Aber die treue Lebensgefährtin schien anzunehmen, daß der Schweigsame
zwar gehört, aber nicht verstanden habe. Sie legte ihm die Hand auf die
Schulter und rüttelte ihn sanft, als wolle sie ihn aus einem erst halb
überwundenen Schlummer zur Wirklichkeit wecken.
„Anton -- das Geschäft -- +unser+ Geschäft -- --“