Zischlaut, wie ihn ungeduldige Lokomotiven knapp vor der Abfahrt hören
lassen. Dann bildete der Sprechapparat Worte, tonlos, mechanisch, wie
einem Uhrwerk gehorchend und ohne seelische Beteiligung:
„Mutter +dafür+ bin ich ausgewandert, +dafür+ hab’ ich +Latein+ gelernt
und die punischen Kriege und habe Kegelschnitte berechnet, damit
mir ...“
„Geh’, Alter!“ Die Mutter legte ihm den Arm um den Hals. „Wenn er sie
doch +gar+ so gern hat!“
Aber Anton Brömmelmann dachte in diesem Augenblick nicht an den Sohn.
Er sah mit seines Geistes Augen den Vater, +seinen+ Vater voll Stolz
ein Zeitungsblatt auseinander falten. Eine ganzseitige Annonce im
Tageblatt: „Urteile von Hygienikern, Professoren, Künstlern über Anton
Brömmelmanns weltberühmte ...“
„Wir wollen ihm telegraphieren,“ mahnte die Mutter.
„Ja, ja.“
Anton Brömmelmann ermannte sich.
„Ich will einen -- Glückwunsch aufsetzen. Gib mir ein Stückchen
Porzellan -- wollt’ ich sagen: ein Stück Papier.“
Und Anton Brömmelmann sandte an die Adresse seines alten Geschäftes dem
beinah studierten Sohne seinen väterlichen Segen.
[Illustration]
[Illustration: Der rote Esel
Ein lyrisches Intermezzo]
Christian Fürchtegott Gellert hat eine sehr schöne Geschichte von einen
grünen Esel zu erzählen gewußt. Ich maße mir durchaus nicht an, mit
Christian Fürchtegott Gellert in der Kunst zu fabulieren, konkurrieren
zu können. Aber eine Geschichte von einem Esel kann ich auch erzählen.
Gewöhnliche Esel sind, wenn ich mich nicht täusche, alle grau.
Christian Fürchtegott Gellerts Esel ist grün. Mein Esel aber ist rot.
Das mag einem Skeptiker -- und wer ist in unserer Zeit nicht Skeptiker?
-- ein bißchen unwahrscheinlich vorkommen, und Brehms Tierleben gibt
seinem Zweifel in der kleinen wie in der großen Ausgabe scheinbar
recht. Trotzdem ist, wie ich nachdrücklich bemerke, ein ungläubiges
Lächeln meiner Angabe gegenüber äußerst frivol und tadelnswert, denn
ich spreche nicht von einem wirklichen, lebendigen Esel, sondern meine
Geschichte handelt von einem Gummiesel. Und wer kann der Phantasie
eines Gummispielzeugfabrikanten Vorschriften machen? Warum, frage ich,
soll sich ein erfinderischer Kopf nicht nach Analogie eines +grauen+
Esels auch einen +roten+ Esel denken können?
Ja, wenn ich mir die Sache recht überlege, muß ich sagen, ein roter
Esel hat ebensogut seine Existenzberechtigung wie ein grauer Esel,
und es erscheint mir unter gewissen Gesichtspunkten als ein Loch
im Schöpfungsplan, daß diese liebreiche und gern zu Vergleichen
herangezogene Tierklasse nicht auch eine rote Spielart aufwies, als
sie im Paradiesgarten erschien. Doch lassen wir die theologischen
Spitzfindigkeiten, die uns das Vergnügen an meiner kleinen Geschichte
verderben könnten, ehe sie begonnen.
Es gibt also einen roten Gummiesel, eine kleine und zierliche
Miniaturausgabe des ergötzlichen Haustiers. Dieser kleine rote
Gummiesel ist vor nicht allzulanger Zeit in den Besitz meiner einzigen
Erbin übergegangen, die ihre Bewunderer noch jeden Morgen empfangen
darf, wenn sie selbst in der -- Badbütte sitzt und sich damit
unterhält, ihre Umgebung so naß zu machen, als es sich in zehn Minuten
heißen Bemühens durch heftige Bewegungen zweier runder Beinchen und
zweier ebensolcher Ärmchen irgend bewerkstelligen läßt. Meine Erbin
ist nämlich noch kein Jahr alt. Und das nimmt der Historie jeden
unmoralischen Beigeschmack.
Der rote Gummiesel ist ein sinniges Weihnachtsgeschenk, das meiner
Tochter von ihrem leiblichen Vater gemacht wurde.
Ich hatte vier Wochen vor Weihnachten angefangen, für das damals
sieben Monate alte Baby ein passendes Präsent auszuwählen. Spielzeug
von Holz, Stein, Wolle und Papier hatte ich schon in fünf Läden prüfend
durcheinander geworfen, ohne mich für ein bestimmtes entscheiden zu
können. Mein zärtliches Vatergemüt litt nämlich unsägliche Qualen
unter der fixen Idee, daß diese Spielzeuge alle +abfärben+ müßten,
wenn das Kind sie nach Kinderart in den Mund steckte. Daß diese
Farben furchtbare Giftstoffe enthielten, war für meine Phantasie eine
ausgemachte Sache; und daß ich mein Baby durch mein Weihnachtsgeschenk
in Lebensgefahr bringen könnte, war ein Gedanke, der mir fortgesetzt
den Hirnkasten umstülpte und den kalten Schauder über den Rücken laufen
ließ.
Einmal träumte ich sogar, ich sei des verbrecherischen Versuches
angeklagt, meinem Kind einen ausgestopften Vogel, an dem Arsenik
klebte, in den Mund gesteckt zu haben, um das Vermögen des Onkels Ignaz
allein verprassen zu können. Nun hat Onkel Ignaz zwar kein Vermögen,
aber drei Kinder, die es erben würden, +wenn+ er’s hätte. Mein Traum
war also so dumm als möglich. Aber, wenn schon ich am nächsten Morgen
meiner Frau gegenüber mein Gestöhn in der Nacht ins Lächerliche zu
ziehen suchte, gab ich doch Befehl, daß die beiden ausgestopften Möwen
von dem Schrank im Eßzimmer unverzüglich entfernt und auf den Boden
geschafft würden.
Meine Frau sprach zwar schüchtern die Vermutung aus, das in der
nächsten Zeit unser Baby noch kaum auf den Schrank klettern werde, um
an den Möwen zu lutschen, aber ich blieb fest. Die beiden Möwen kamen
auf den Speicher; und ich bin erst vor einigen Tagen maßlos über die
dummen Vögel erschrocken, als ich die Dachfenster schließen wollte und
plötzlich die weißen, gespensterhaften Tiere unbeweglich in einer Ecke
sitzen sah.
Weihnachten rückte immer näher.
Es roch schon verdächtig nach verbranntem Lebkuchen, und meine Frau
duftete immer nach Zitronat, wenn ich sie küßte. Aber ein Geschenk
für mein Baby hatte ich noch immer nicht. Für die Bekleidung und den
Putz sorgten sicherlich die beiden Großelternpaare. Der unvermeidliche
silberne Löffel war ihm auch sicher.
+Mein+ Geschenk aber sollte das Kind erfreuen, wahrhaft beglücken.
Das tut doch ein silberner Löffel nicht! Es mußte etwas ganz
Außergewöhnliches sein.
Ich lief sehr aufgeregt mit heißem Kopf und kalten Füßen durch die
verschneiten Straßen und sann dem „Außergewöhnlichen“ nach.
Eine Peitsche -- eine Puppe -- ein Pferdelos -- ein Glasschränkchen --
eine Taschenuhr -- eine Gartenschippe -- eine Stehlampe -- ein Freßkorb
-- ein Kanarienvogel -- eine Niobe -- ein Tintenfaß -- ein Album -- ein
Kistchen Zigarren -- das ging doch alles nicht! Gott, was für herrliche
Präsente fielen mir ein für Nichtraucher und Raucher, für alte Jungfern
und hypochondrische Junggesellen, für Primaner und höhere Töchter, für
Kavallerieleutnants und Urgroßmütter! Nur für mein siebenmonatiges
Töchterchen fiel mir um die Welt nichts ein; und ich stand auf dem
Punkte, mir selbst einige auserlesene Grobheiten zu widmen.
Da plötzlich geschah „das Wunderbare“, wie Ibsens Nora sagen würde. Das
Wunderbare, um das ich mich nun seit Wochen unter ernster Gefährdung
meiner Gesundheit bemühte. Mit großen, lichtvollen Buchstaben stand
plötzlich über dem Chaos in meinem Gehirn der erlösende Satz: Ich
schenke ihr einen roten Esel, einen roten Gummiesel!
Wie diese Erleuchtung mir so plötzlich kam? Dafür gibt es eine
übernatürliche Erklärung und eine natürliche. Die übernatürliche
Erklärung lautet: „Wahre Erleuchtungen kommen immer plötzlich und von
oben,“ die natürliche aber besagt: „Ich hatte den roten Esel eben
gesehen.“
Ja, er stand in ganzer Wildheit und Schönheit zwischen Püppchen mit
kurzen Röcken, Hampelmännern, Klistierspritzen und anderem, teils
erfreulichem, teils nützlichem Hausgerät im Erker eines Gummigeschäfts.
Wie Romeo seine Julia liebte vom ersten Augenblick süßen Schauens an,
so wußte ich vom ersten Blick, der dieses Abbild bescheidener Sanftmut
gefunden: Dieser rote Esel ist das einzige wahrhaft würdige Geschenk,
das ein Vater seiner einzigen und darum auch ältesten Tochter machen
kann!
Als ich in dem Laden stand, erwies sich’s, daß dem liebenswürdigen
Verkäufer das Hervorkramen des roten Freundes aus dem Erker viele
Mühe und wenig Freude bereiten mußte. Er empfahl mir darum einen
gelben Ziegenbock mit vieler Wärme, ja, er war sogar geneigt, mir zwei
Gummistöpsel drein zu geben, wenn ich mein Gelüste nach dem roten Esel
bezwingen und mich für den Ankauf des gelben Ziegenbocks entscheiden
könnte.
Aber wer kennt die Gefühle eines Vaters, der für sein Kind den Freund
gewählt hat! Ich +hatte+ gewählt und ließ mich selbst durch die
glänzende Offerte dieses koulanten Geschäftsmannes, der elastisch war
wie sein Gummi und beständig lächelte, wie ein Äginet, nicht umstimmen.
„Ich bitte um den roten Esel,“ sagte ich fest.
Der Jünger Merkurs kroch nun seufzend in den geräumigen Erker.
Sehr zur Belustigung der draußen versammelten Jugend fielen ihm
zunächst einige bunte Kopfbälle auf den Schädel und ergingen sich
dann in scherzhaften Sprüngen über den Boden. Dann trat er in eine
Bettpfanne, aus der sich der Fuß nicht ohne Schwierigkeit befreien
ließ, und stieß einige Rollen Linoleum gegen die Scheiben, was ihm
von draußen geräuschvolle Ovationen eintrug, die er mit verächtlichen
Worten ablehnte.
Ziemlich ergrimmt, mit derangierter Frisur und sehr staubigen Händen,
aber noch immer lächelnd, entstieg er schließlich dem Schaukasten und
brachte meinen roten Esel richtig mit.
Es stellte sich zu meinem namenlosen Entzücken heraus, daß das
seltene Gummitier, dank einer sinnreichen Mechanik, wenn man ihm den
Bauch einquetschte, sogar einen kurzen, pfeifenden +Ton+ von sich
geben konnte, der zwar jeder Lieblichkeit entbehrte, auch den Eseln
sonst nicht eigentümlich ist, aber trotzdem meinen Stolz auf dieses
merkwürdige Geschenk ins Ungemessene steigerte.
Ein Siegerlächeln auf den Lippen, kam ich, meinen Schatz behutsam in
ein verschwenderisch großes Stück Papier gehüllt, nach Hause.
Die Suppe schmeckte seltsamerweise heute nach Zitronat, was bei Suppen
kein sympathischer Geschmack ist.
„Aber, Eduard, denke doch, vor Weihnachten!“ sagte meine Frau
vorwurfsvoll, da sie mein wohl nicht allzu entzücktes Gesicht gesehen.
„Natürlich! Vor Weihnachten!“ gab ich vergnügt zurück, dachte an meinen
köstlichen Gummiesel und löffelte die Suppe, die immer noch nach
Zitronat schmeckte, bedächtig aus.
Weihnachten kam.
Ich hatte goldene Finger vom Nüssevergolden und ging den ganzen Tag
sehr wichtig und sehr zwecklos mit dem Christbaumanzünder im Arm mit
feierlichen Schritten umher, mich immer auf meine schwierige Aufgabe
vorbereitend.
Eine Menge Verwandter aller Jahrgänge lief in den Zimmern eilfertig und
geräuschvoll durcheinander. Sie waren alle erschienen, um zu sehen,
„was Baby für Augen machen wird“. Ich sah ihnen aber an ihren Augen
an, daß jedes von ihnen überzeugt war, +sein+ Geschenk werde Baby am
meisten zusagen.
Ich lächelte hochmütig. Stand doch schon der rote Gummiesel bereit, und
der -- das wußte ich, als ob’s im Katechismus stände -- war einfach
nicht zu übertreffen, einmal durch seine ureigene Schönheit, durch die
Reize von Figur und Farbe, und zum zweiten als Geschenk des leiblichen
Vaters!
Die Sache kam leider anders!
Baby in langem Spitzenkleidchen auf dem Arm der Mutter ins Festzimmer
eingeführt, betrachtete eine Weile mit sichtlichem Erstaunen den hohen,
lichtergeschmückten Baum -- was beide Großmütter, die in atemloser
Spannung, mir den Platz versperrend, dabeistanden, als ein untrügliches
Zeichen unerhörter geistiger Befähigung begrüßten. Dann aber griff es
seiner Mutter meuchlings in die Haare -- was sofort als Betätigung
einer in so zartem Alter bewunderungswürdigen Energie gedeutet wurde.
Und schließlich gewahrte es +mich+ und -- +lachte+.
Ich war natürlich sehr stolz, bahnte mir einen Weg zu dem lieben
Blondköpfchen und begann ihm mit großer Beredsamkeit in zuvorkommender
Weise seine Geschenke zu erläutern.
„Hier, mein Goldkind, die Windelhöschen von der Großmama, und hier die
hübsche Veilchenwurzel mit silbernem Griff, auch von der Großmama.
Ja, du hast eine gute -- nein, was sag’ ich, du hast +zwei+ gute
Großmamas! Hier, mein Liebling, Kleidchen von der anderen Großmama. Und
der Löffel, natürlich auch da, der schöne silberne Löffel. Und hier das
Hütchen von der guten Mama und -- ja, jetzt paß auf, mein Schatz, sieh
hier das prächtige, rote Eselchen! Das -- ist -- von -- Papa!“
Der Kreis der Verwandten nickte beifällig.
„Er hat’s ganz allein ausgesucht,“ kommentierte meine Frau.
Ein Gemurmel bewundernden Beifalls über mich und den roten Esel drang
mir wohltuend ans Ohr.
Und das Baby?
Ja, das war merkwürdig mit dem Kind. Nicht einen Blick warf es auf die
Herrlichkeiten, die ihm das Christkind bescherte. Es hatte auf meinem
Vorhemd den goldenen Hemdenknopf entdeckt und ging auf in Bewunderung
dieses merkwürdigen, glitzernden Phänomens.
Ich ließ den Esel quietschen, bis meine Damen sich die Ohren zuhielten
und mein Schwiegervater mich im Namen aller Heiligen beschwor, den
Unfug sein zu lassen, weil er sonst Zahnschmerzen bekäme, noch bevor er
von unsern Lebkuchen gekostet. Das Baby aber hörte nicht auf die Töne,
sondern beobachtete unausgesetzt den interessanten Hemdenknopf, der die
Brust seines Vaters zierte.
Als ich Miene machte, mich und damit zugleich das Objekt seiner
Bewunderung von dem Baby zu entfernen, begann das Kind ein
jämmerliches Geschrei. Beide Großmütter fanden mein Benehmen dem Kind
gegenüber „barbarisch“, eines zivilisierten Mannes durchaus unwürdig.
Und die Familie ruhte erst, als ich mich und den heißgeliebten Knopf
wieder vor das Kind postierte und mir von den naßgelutschten Fingerchen
feuchte Bahnen über meine frische Hemdenbrust zeichnen ließ.
Hinter mir blies mein Schwiegervater die Lichter auf den Tannenzweigen
aus. Was mich sehr beunruhigte, da meine Furcht vor einem Gardinenbrand
so groß ist, daß sie sprichwörtlich in unserer Familie werden konnte.
Bis Baby zur Ruhe gelegt wurde, hatte es nur Sinn für meinen
Hemdenknopf, den ich innerlich, obwohl er von Gold war, zu allen
Teufeln wünschte. Ich hatte den verdammten Knopf schon so +oft+
getragen, ohne daß Baby geruhte, ihn zu bemerken. Und nun gerade an
Weihnachten mußte dieser alberne, protzige Kerl da auf meiner Brust dem
Kinde ins Auge stechen! +Zu+ dumm!
Einsam und verlassen aber stand drin im Bescherzimmer unter dem
Tannenbaum mein Stolz, meine Freude, mein genialer Einfall, mein Retter
aus Nöten, mein außerordentliches Festgeschenk, diese Seltenheit mit
Musik: der rote Gummiesel ...
Für jeden, der logisch denken gelernt hat, ist es ganz
selbstverständlich, daß ich an den folgenden Festtagen den miserablen
Knopf durch eine üppige Krawatte verdeckte und das Baby nunmehr mit
seinem roten Esel zu befreunden suchte. Ich ahnte nicht, welchen
Schmerz mir das ungetreue Tier, das ich ins Herz meiner Tochter zu
schmeicheln emsig bemüht war, noch bereiten sollte!
Baby machte in diesen Tagen die ersten Sprechversuche. Mutter und Vater
lauschten verhaltenen Atems entzückt dem endlosen Kauderwelsch, das
von dem lieben Kindermäulchen aus den einfachen Silben „Pa“ -- „Ma“
und „Da“ zusammengesetzt wurde. Im Wägelchen lag die Kleine unter dem
Christbaum, fast selbst wie ein niedliches Christgeschenk, und übte
sich ohne Ermüden in ihrer Sprache, die allerdings noch für den Satz
des Fürsten Talleyrand, daß die Sprache dazu da sei, die Gedanken zu
verbergen, als Beweis angeführt werden konnte.
Ich benutzte meine freie Zeit eifrig dazu, dem Baby beizubringen,
die schwierige Silbe „Pa“ ohne jede Beimischung anderer phonetischer
Kunststücke zweimal, nur zweimal, rasch hintereinander zu setzen,
wodurch das Wort „Papa“ entstehen sollte. Leider ging das
autodidaktische Bestreben des kleinen Dickkopfs lange seine eigenen
Wege; entweder wiederholte das Baby die verlangte Silbe ~ad infinitum~
oder es stieß sie zum mindesten fünfmal rasch hintereinander hervor.
Beides war unerwünscht.
Da ließ endlich mein erfinderischer Geist den roten Gummiesel in die
Belehrung und Erziehung tätig eingreifen. Immer wenn das schöne Wort
beginnen und wenn es enden sollte, ließ ich den Esel durch energisches
Eindrücken seiner Bauchwände mörderisch aufquieksen, und siehe da: es
ging! Baby sagte deutlich: „Pa--pa“.
Das heißt, eigentlich war die Sache so: „Quieks“ machte der Esel,
„Pa--pa“ begann das Kind, „Quie--i--i--i--i--ks“ endigte der Esel. Das
Baby staunte und schwieg. So ward das Wort Papa geboren!
Überrascht und hochbeglückt von dem Erfolg kam ich mit meiner Frau
überein, daß die beispiellose Gelehrsamkeit unseres Kindes noch heute
einem größeren Kreis von Verwandten demonstriert werden müsse. In einer
Großstadt hat man seine Leute ja rasch beisammen! Wozu hat man das
Telephon?
Schon nach einer halben Stunde waren, obgleich ich mich einmal
irrtümlich längere Zeit mit einem Sargmagazin und ein anderes Mal mit
einem Schweinemetzger, der sehr grob war, verbunden sah, so ziemlich
alle Verwandten zum Tee geladen, mit Ausnahme einer alten Tante, die im
gewöhnlichen Verkehr sehr wenig und am Telephon gar nichts hörte, wenn
schon sie leidenschaftlich gern telephonierte. Diese Tante suchte ich
per Droschke auf und auch sie versprach zu kommen.
Es war ordentlich feierlich, als wir in zwei dichten Reihen am
Nachmittag gegen 5 Uhr um Babys gelben Korbwagen standen.
Ich hatte meinen Platz ganz vorne genommen und wurde von allen sehr
respektvoll behandelt. War ich es doch, der dieses erstaunliche
Erziehungsresultat erzielt hatte und die Vorführung leiten sollte.
Ich befahl allen durch eine gebietende Handbewegung lautlose Stille an
und bat meine Frau, mir den Gummiesel vom Tisch zu reichen, den ich in
meiner Vergeßlichkeit dort hatte liegen lassen.
„Der Gummiesel, wo ist der Gummiesel?“ ging es durch die Zuschauer.
Mein Schwiegervater aber machte die unnütze Bemerkung: „Braucht’s denn
den roten Gummiesel, um -- Papa zu sagen?“
Ich weiß nicht warum, aber dieser Ausspruch berührte mich peinlich.
Doch wurde ich rasch wieder sehr vergnügt gestimmt, als das auserlesene
Kunststück über alles Erwarten prächtig gelang.
„Quieks“ machte der Esel, „Pa--pa--“ begann das Baby,
„Quie--i--i--i--i--ks“ endigte der Esel in schrillem Mißklang rasch den
kurzen, aber ergötzlichen Dialog.
Man beglückwünschte mich stürmisch, küßte mich und das Kind mit viel
Gefühl, bis das Kind schrie und ich große Lust hatte, auch zu schreien.
Ein bildschöner Dompteur in fleischfarbenem Trikot und
Schuppenpanzerhöschen kann nicht +so+ gefeiert werden, wenn er nach der
Dressur den Käfig der Löwen und Königstiger verläßt, die auf seinen
Wink durch brennende Pechreifen gesprungen sind.
Ich war maßlos stolz auf das Kind, auf mich und auf den roten Esel.
Nach dem Tee zog mich mein Schwiegervater mit feierlichem Ernst in eine
Fensternische.
„Sag’ mal, Eduard,“ begann er in einem fast beleidigend mitleidigen
Ton, „glaubst du, daß das Kind auch ‚Papa‘ sagt, wenn es den --
+andern+ nicht sieht?“
„+Welchen+ -- andern?“
„Nun, den roten Gummiesel.“
Ich erschrak, faßte mich aber sofort wieder, und den alten Herrn mit
einer entrüsteten Armbewegung in den Blumentisch schiebend, ging ich an
ihm vorbei und sprach nur die geflügelten Worte: „Es lernt’s!“
Das war nun leider eine Täuschung meinerseits.
Der alte Herr hatte recht gehabt, wie ich am nächsten Morgen erfahren
sollte. Ich hätte es gern noch am Abend erprobt, aber meine Frau
überzeugte mich von der Ruchlosigkeit meines Vorhabens, dem armen Kind
am späten Abend „noch das Gehirn anzustrengen“. Am nächsten Morgen
aber, wie gesagt, stand ich nach wenig erquicklicher Nacht früher auf
und probierte.
Richtig, das Baby sagte zu dem roten Esel „Papa“, sobald es seiner
ansichtig ward. Mich aber ignorierte es gänzlich, wenn ich allein kam.
Ja sogar mein goldener Hemdenknopf machte keinen Eindruck mehr.
Tief bekümmert zog ich meine Frau ins Vertrauen.
Ich war sehr niedergeschlagen und kam mir nicht anders vor, als der
unglückliche König Midas, da ihm die Ohren erstaunlich über den Kopf
wuchsen.
Meine Frau zweifelte noch. Ein Versuch erwies die unumstößliche,
traurige Wahrheit.
Wir beratschlagten und sprachen dabei französisch, was zwar die
Verhandlungen nicht vereinfachte, aber immerhin die Garantie bot, daß
unser Kindermädchen, das ab- und zuging, nicht hinter das peinliche
Geheimnis kam.
Zunächst -- darin waren wir einig -- mußte das Baby dieses bedauerliche
Kunststück wieder verlernen. Dazu war eine sofortige Verbannung des
roten Esels die erste, die unerläßliche Bedingung. Dann mußten die
lieben Anverwandten beruhigt werden, die den Repetitionen zweifellos
häufig beiwohnen wollten. Und endlich mußte meinem Schwiegervater eine
Erklärung an Eides Statt abgenötigt werden, daß er lieber sich die
Zunge abbeißen, als die Geschichte von dem roten Esel am Stammtisch zum
besten geben wollte.
Diese drei Verhaltungsmaßregeln wurden denn auch befolgt.
Zur Verwunderung der lieben Anverwandten hatte Baby plötzlich
das schwierige Wort wieder vergessen, und der rote Esel war --
seltsames Zusammentreffen -- zur selbigen Zeit auf rätselhafte Weise
verschwunden ...
* * * * *
Wenn ich im verborgenen Schubfach meines Stehpultes zuweilen den
vergeblichen Versuch mache zu „ordnen“, fällt mir immer der rote Esel
in die Hände.
Die Gefühle des Ärgers und der Enttäuschung sind im Herzen verflogen,
und ich versenke mich lächelnd in den Anblick des seltenen Tieres. Ich
beschaue es mit jener behaglichen Freude, wie sie die Erinnerung an
überstandene schwere Prüfungen zu schenken liebt.
Wenn dann aber plötzlich nebenan die Stimme meines Babys ertönt,
dann klappe ich den Pult zu wie ein ertappter Verbrecher, spähe nach
allen Seiten umher, ob auch niemand meine Gedanken belauscht hat und
betrete dann mit gut gespielter Ahnungslosigkeit, die Hände in den
Hosentaschen, einen Walzer pfeifend, das Kinderzimmer.
Baby streckt die lieben, dicken Händchen nach mir aus und ruft: „Papa!“
Ich aber lächele verschmitzt und bin stolz, daß ich doch recht
hatte, als ich meinen Schiwegervater in den Blumentisch drückte und
zuversichtlich behauptete:
„Es +lernt’s+!“
[Illustration]
[Illustration: Des letzten von Birkowitz letztes Fest]
„... und schließlich: man bekommt doch nicht Kinder, bloß um ihnen
Gutes zu tun.“
Damit schloß er immer seine Beweisführung gegen seine eigene
ungestillte Sehnsucht nach lebendiger Jugend, nach Nachwuchs, nach
Menschlein mit stahlblauen Augen, wie er, und seinetwegen auch mit der
klassischen Nase seiner Frau.
„Man hat ja überhaupt gar keine Ahnung, wie sie wachsen und sich
entwickeln werden. Sind es Jungens -- pfui Deubel, das verdammte Latein
und später ’nen Ekel von Oberst, saudumme Rekruten und hartmäulige
Remonten ... Denn Kavalleristen müssen die Kerls werden. Versteht sich!
Und sind es Mädels, dann diese dämliche Erziehung mit Christkind und
Klapperstorch und französischer Konversation; und nachher wegen eines
aufgewirbelten Schnurrbarts und eines kecken Männerlachens hinter
gesunden Zähnen geht so was -- natürlich nach obligatem Vatersegen,
Trauung und Hochzeitsschmaus im Kaiserhof zu 25 Mark das trockene
Kuvert -- auf und davon. Irgendwohin ans andere Ende der Welt. Und
schließlich ein verzweifelter Brief: Der Kerl trinkt und verjuckert
die Mitgift; und die ganzen schönen Manieren waren bloß Politur des
Bräutigams, hinter der ein roher Rüpel steckte ...“
Klaus Joachim von Birkowitz konnte ganz wütend werden, wenn er sich so
ausmalte, in wie rüde Hände eines seines Töchterlein, die er gar nicht
hatte, fallen konnte.