Ärgerlich über diese ziemlich deutliche Frozzelei, die sich Flockis

Pflegevater gestattete, stand Adelgunde auf. „Und Ihr Bild, lieber

Freund, der ‚Wilde Jäger‘, wie ist’s mit ihm? Es ist eine allerliebste

Idee von Ihnen, Ihren teuren Pflegling gleich in so vielen Exemplaren

künstlerisch zu verherrlichen. Und wenn auch im großen Publikum sich

wohl niemand dieses Zartsinns recht erfreuen wird, die Verewigte würde

gewiß Genugtuung empfinden über Ihr Werk. Sie war ja früher schon die

einzige, die in ihrem Kunstempfinden fortgeschritten genug war, Ihre

Bilder bewundern zu können.“

Es war Zeit geworden, daß sich Adelgunde empfahl. Sie tat es nicht,

ohne noch einmal auf die besorgniserregenden Symptome in Flockis

Aussehen und Benehmen mit schmerzlichem Nachdruck hinzuweisen und

allerlei gute Ratschläge von einer ganz außerordentlichen Unsinnigkeit

zu geben.

Als aber Emil gar von der Treppe her noch das laut und vernehmlich

abgegebene Versprechen empfangen hatte, daß sie nicht versäumen

werde, in der nächsten Woche wieder vorbeizukommen und hoffe, dann

den gemeinsamen Liebling wohler und munterer anzutreffen, drängte

der angesammelte Ingrimm in dem Herzen des unglücklichen Malers zu

gewaltsamer Entladung, die allemal in der Weise erfolgte, daß er sein

Malgerät wütend an die Wand und sich selbst stöhnend auf den Diwan warf.

Die teure Lisette aber hielt das dumpfe Geräusch der wider die Wand

fliegenden Pinsel und Paletten für ein stillschweigend mit ihr

verabredetes Zeichen, ihrem Herrn einen Punsch zu bereiten.

* * * * *

Eines Morgens, ich goß gerade die Geranien auf dem Balkon, erschien

Emil plötzlich bei mir.

Er war echauffiert und sehr aufgeregt und trug einen nassen Hut in der

Hand.

„Regnet’s,“ fragte ich erstaunt.

„Nein, nein. Als ich in dein Haus trat, hat mich jemand von oben voll

gegossen. Es gibt doch rücksichtslose Kerle. Man sollte sich’s nicht

gefallen lassen, was? Dem Wirt schreiben? Aber wer hat Zeit? Es ist

wohl Wasser, was?“

„Ja, es scheint so.“ Ich untersuchte mit vollendeter Heuchelei. Da mein

Balkon über dem Entree lag, so war es klar, daß +ich+ es gewesen, der

den guten Emil begossen hatte. „Und das hat dich so aufgeregt?“

„Aber nein!“ Er rannte im Zimmer umher, und nahm alle möglichen kleinen

Nippes in die Hand, als suche er etwas ihm Gestohlenes.

Ich kannte diese merkwürdige Angewohnheit und ließ ihn -- nicht ohne

Angst -- gewähren. „Aber was ist dir denn eigentlich?“

Er trat dicht vor mich hin. „Flocki --“

„Richtig, Flocki! Wo ist er denn?“ Ich hätte eher Apollo ohne Leier,

Fortuna ohne Füllhorn und den Perseus ohne das Medusenhaupt bei mir

erwartet, als Emil ohne seinen merkwürdigen Hund.

„Das ist’s ja,“ sagte er dumpf. „Flocki ist zu Hause. Flocki hat sich

heute nacht übergeben. Mehrmals und reichlich.“

„Hm. Auf den Teppich?“

„Nein, auf meinen Gehrock, der auf einem Stuhl lag. Aber das ist

durchaus Nebensache. Aber das Schreckliche: Flocki ist +krank+.

Zweifellos! Denn das hat er noch nie getan. Er hat auch eine warme

Nase. Er hat -- -- --“

„Ja, Lieber, ich bin aber doch kein Tierarzt.“

„Der Tierarzt war schon da. Er sagt, er weiß nicht ... er kann noch

nichts sagen. Ich habe ihn natürlich in der Nacht holen lassen.

Übrigens hat mir Lisette gekündigt heut früh. Sie war wütend, daß sie

zum Arzt mußte mitten in der Nacht. Ein Betrunkener hat sie um die

Taille gefaßt auf dem Nürnberger Platz. Sie sagt, sie sei bei einem

Maler im Dienst und nicht bei einem Hundevieh. Sie brauche sich nicht

nachts von einem Betrunkenen umarmen zu lassen -- du, +wie+ betrunken

muß +der+ gewesen sein! -- weil ein Hund, der nicht einmal echt sei,

Leibweh habe.“

„Du, Emil -- eigentlich hat sie recht.“

„Natürlich hat sie Recht. Das ist ja das Gräßliche. +Sie+ hat recht,

und +ich+ habe recht, und +Alle+ haben recht. Für mich aber steht doch

mein Leben auf dem Spiel --“

„Ein +Wohl+leben, Lieber, nichts sonst.“

„Ja aber +denke+ dir doch -- ich bin jetzt so daran gewöhnt. Und aus

der Malerei bin ich ganz heraus. Ich kann doch mein Leben lang nicht

Flocki malen und immer Flocki. Ich gehe zugrunde, körperlich, seelisch,

menschlich, künstlerisch. Ich vertrottele und versimple. Mich wundert’s

lange schon, daß ich nicht eines Tages aufwache und nur noch Wau-wau

sagen kann.“

„Armer Freund!“

„Es gibt nur +einen+ Ausweg. Das schreckliche Tier muß fort von mir,

und ich darf +doch+ die Rente nicht verlieren.“

„Wie aber das? Adelgunde wird das +nie+ zugeben, daß du die Nutznießung

des Geldes hast und ...“

„Ich weiß, ich weiß. Und deshalb bin ich entschlossen ... Aber setz

dich erst ... nein wirklich, +setz+ dich dort in den Stuhl .. So.

Also ich bin seit heute nacht -- um 3 Uhr 45 heute nacht kam mir der

Gedanke -- bin entschlossen --“

„Nu +ja+ doch! Zu +was+ denn?“

„Ich +heirate+ Adelgunde.“

Ich nahm unwillkürlich den doppelgeschliffenen Somalidolch, der mir als

friedliches Papiermesser diente, fester in die Hand. Das konnte ein

Tobsuchtsanfall werden. Eine schwere Nervenstörung war’s jedenfalls.

Oder ein Spaß von +seltener+ Kühnheit. Aber so sah kein Spaßender aus.

Eine finstere Entschlossenheit lagerte auf Emils übernächtig blassem

Kopf. Jetzt erst sah ich, daß er keinen Schlips anhatte, was den

Eindruck dieser Verstörung erhöhte. Er sah aus, als sei er direkt aus

einem Erdbeben gerettet.

„Emil, du wolltest -- --?“

„Adelgunde heiraten. Ja. Ich weiß, was du sagen willst.“ (Ich wollte

gar nichts sagen.) „Sie ist älter, wie ich, gewiß. Josefine war auch

älter als Napoleon. Aspasia war älter als Perikles.“

„Ja -- +liebst+ du sie denn?“

Er lachte hell auf. „+Auch noch+! Man braucht doch nicht alle

Dummheiten auf einmal zu machen. Nein, ich liebe sie nicht. Aber --

ich hasse Flocki. Die Sache steht einfach so. Heirate ich Adelgunde,

so behalte ich meine Rente und kann Flocki in Pension geben. Stirbt

er wirklich, so haben wir immer noch die Hälfte der Rente und was wir

dazu verdienen. Adelgunde ist ja unleidlich. Aber sie ist viel aus dem

Hause. Unterrichtsstunden, Freundinnen und all so was. Und ich denke,

sie ist vielleicht nur unleidlich wenn -- weil -- solange -- --“

„Solange sie nicht die +Deine+ ist.“

„Die Meine oder die Deine oder die Seine“, brummte Emil ärgerlich.

„Solange sie eben nicht verheiratet ist. Die Ehe wirkt veredelnd auf

den Menschen. Es liegt oft ein Schatz von Liebe in solchen späten

Mädchen. Doch wie’s auch kommt -- sie ist wenigstens ein Mensch und

gewiß nicht ohne menschliche Vorzüge. Aber Flocki! Siehst du, wenn

ich ein Nilpferd geerbt hätte -- das hat wenigstens eine robuste

Gesundheit. Oder einen Orang-Utang -- der ist wenigstens amüsant.

Oder einen Karpfenteich -- diese Tiere springen einem wenigstens

nicht auf die Möbel, ins Bett, ins Gesicht. Aber dieser Malefizköter!

Siehst du, wenn ich’s geahnt hätte, damals, wie ich ihm im Atelier

das Fell kraute .... Wie ich den Herrn mit dem Geflügelknochen ...

wie mir der ~Dr.~ Neumann mit dem Testament ... Nach Amerika wär ich

ausgewandert, mein Wort darauf! nach Alaska meinetwegen, ja in die

Südsee zu den Kanibalen. Wahrhaftig! Aber jetzt --! Die Gewohnheit

hat mich unterjocht. Ich kann nicht mehr Gummikragen umbinden und für

fünf Groschen ‚mit Bier‘ zu Mittag essen. Wen der Himmel für die Kunst

verderben will, den macht er zum Rentier! Denn malen -- siehst du --

malen kann ich auch nicht mehr. Du hast’s ja selbst gesehn. Ich muß

erst wieder Flocki los werden. Aus meiner Nähe, aus meinen Gedanken,

aus meiner Kunst muß die Bestie. Das Hundeleben muß aufhören. Ich will

wieder ein +Mensch+ sein. Ergo: ich heirate Adelgunde. Und der erste

Paragraph unseres Ehevertrages heißt: Es ist keinem der Ehegatten

erlaubt, ohne Zustimmung des andern Ehegatten einen Hund irgendwelcher

Größe in der ehelichen Wohnung zu halten.“

„Hm. Aber schließlich gewisse Verpflichtungen hast du doch auch gegen

Flocki. Es wäre doch eine zwar pfiffige aber ein bißchen rohe Umgehung

des letzten Willens deiner Freundin, wenn du das Tier nun irgendwo in

Pension gibst, wo es geprügelt wird und hungern muß und von den Kindern

an den Ohren gezogen wird.“

Emil unterbrach seinen Spaziergang längs meines Bücherschranks,

richtete stolz das blasse Haupt empor und sah mich mit einem Blick an,

in dem tiefe Mißbilligung nicht zu verkennen war.

„Wo denkst du hin?! Was traust du mir zu! Bin ich ein Kongoneger? Sehe

ich aus wie ein Feuerländer? Natürlich Flocki, soll es gut haben.

Das wird meine erste Sorge sein. Ich habe schon an den Zoologischen

Garten gedacht. Wenn ich diesem Institut den Hund schenkte? Er ist

eitel, ich kenne ihn. Es würde ihn beglücken, an seinem Käfiggitter

ein blaues Schildchen mit seinem Namen und seiner Rasse -- -- ja, da

liegt die Schwierigkeit. Ich fürchte der Zoologische Garten verweigert

solcher ziemlich willkürlichen Kreuzung die Aufnahme. Nein, nein, es

muß Privatversorgung erwogen werden. Eine Witwe vielleicht. Kinderlos

natürlich. Kinder hat Flocki nie geliebt, und dann fühlen sie sich

zur Erziehung berufen, die Flocki immer abgelehnt hat. Es würden sich

daraus Konflikte schlimmster Art entwickeln. Also eine kinderlose

Witwe. Witwen sind voll Zärtlichkeit und verstehn sich auf Pflege.

Das heißt --“. Wie von einem bezaubernden Einfall geblendet wich Emil

plötzlich einen Schritt zurück, dann trat er ganz rasch drei Schritte

auf mich zu, legte mir die Hand auf die Schulter und lieh seiner

vorzüglichen Eingebung die guten Worte: „Das heißt -- hättest +du+

vielleicht Lust, Flocki zu nehmen: Ich will ihn dir schenken.“

* * * * *

Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich Emils hochherziges Angebot

dankend ablehnte.

Woher ihm eigentlich die Sicherheit gekommen war in der Voraussetzung

daß ihn Adelgunde, sobald er ihr einen Antrag machte, auch nehmen

würde, weiß ich nicht. Aber einen andern Ausgang der Angelegenheit

hatte er keinen Augenblick ernstlich erwogen.

Um so peinlicher war sein Erstaunen, als Adelgunde sich drei Tage

Bedenkzeit ausbat. Das Unglück wollte es, daß Flocki noch immer eine

warme Nase hatte; und Emil stand unter dem Bann der fixen Idee, daß

dieser tückische Hund in diesen drei Tagen bestimmt sterben werde, um

ihn zu ärgern und seine Rettung in lebenswerte bürgerliche Verhältnisse

unmöglich zu machen. Der Tierarzt kam täglich dreimal, wurde außerdem

mehrfach telephonisch in seiner Wohnung und in dem Café, in dem er

mittags Domino zu spielen pflegte, angeklingelt und blieb auf Emils

besonderen Wunsch auch nachts telephonisch für ihn erreichbar.

Endlich am dritten Tage nachmittags um zwölf Uhr kam ein Briefchen von

Adelgunde.

Als ich um ein Uhr in seine Wohnung kam, nach dem Freunde zu sehen,

der mir in den letzten Tagen Sorgen gemacht hatte, erzählte mir

Lisette, der Herr habe vorhin durch einen Dienstmann ein Billetchen

bekommen. Darauf habe er sich längere Zeit lächelnd vor dem Spiegel

im Korridor aufgehalten, habe dann telephonisch ein Rosenbukett mit

violetter Schleife für fünf Mark bestellt, habe seinen Friseur kommen

lassen und eine halbe Flasche Veilchenparfüm auf zwei Taschentücher

gegossen, die er in seinen besten schwarzen Rock gesteckt. Dann habe er

ihr -- Lisette -- zehn Mark geschenkt mit der Weisung, sich möglichst

bald eine schöne Granatbrosche dafür zu kaufen (warum gerade eine

Granatbrosche wisse sie nicht) sei vor Flockis Körbchen getreten und

habe den sehr erstaunten Hund ein „Rabenvieh“ genannt, was ja wohl

seine Berechtigung habe, aber doch, so weit sie sich entsinne, zum

ersten Male passiert sei. Dann habe er sich einen Zylinder aufgesetzt,

habe ein paar resedafarbene Handschuhe in die Hand genommen und sei

pfeifend, ohne seiner sonstigen Gewohnheit gemäß detaillierte Weisungen

Flockis Wartung betreffend zu geben, die Treppe hinabgesprungen. Wie

ein Reh. Dies „wie ein Reh“ gefiel Lisette so gut und schien ihr so

erstaunlich charakteristisch, daß sie es noch dreimal mit Nachdruck

wiederholte: „Wie ein Reh -- wenn ich’s Ihnen sage: wie ein Reh!“

Ich wußte genug. Ich empfahl Lisette, beim Ankauf der Granatbrosche

sehr umsichtig vorzugehen, und machte mich auf den Heimweg.

Zu Hause setzte ich mich an den Schreibtisch und schrieb ein

Rohrpostbriefchen. Ich habe es gegen meine Gewohnheit dreimal

aufgesetzt.

Es gibt Glückwünsche die sehr schwer fallen. Man wünscht wohl, aber man

glaubt nicht.

* * * * *

Wenn Emil eine Prinzessin von Trapezunt geheiratet hätte, er hätte sich

in den folgenden Wochen nicht beglückter benehmen können.

Er markierte Verlobungswonne in geradezu vorbildlicher Weise. Er kaufte

Buketts, Lyrik, Marzipan. Er trug zu enge Stiefel und zu hohe Kragen.

Er sann auf zarte Überraschungen und las nachts im Bett eine gräßlich

langweilige Biographie von Johann Sebastian Bach, den Adelgunde sehr

verehrte. Von Kontrapunkt und Fuge sprach er jetzt so viel, wie er

früher von Flocki und seinen Magenverhältnissen gesprochen hatte.

Eines Tages erwarb er in einer Versteigerung bei Lepke sogar ein sehr

mäßiges Ölbild, das den großen Meister darstellen sollte, das sich aber

leider später als das Porträt seines Vaters, des Hof- und Ratsmusikus

Johann Ambrosius Bach erwies.

Mit der Ungeduld eines Romeo drängte Emil auf Beschleunigung der

ehelichen Verbindung. Blos standesamtlich wünschte Adelgunde. Emil war

einverstanden.

Ich war Emils Trauzeuge. Adelgunde hatte sich für die feierliche

Handlung ihren Hauswirt mitgebracht. Dieser brave Mann, in seinem

Privatleben ein Schneidermeister, dessen Anzüge eine gewisse

Berühmtheit genossen, weil sie jedem Besteller die Figur ihres

Verfertigers gaben, hatte leider zur Vorfeier des Tages sehr heftig

gefrühstückt und kämpfte während der Zeremonie so tapfer wie vergeblich

gegen einen Schluckser. Adelgunde hielt dies mühsam gedämpfte Geräusch

für einen Ausdruck tiefer, seelicher Ergriffenheit und hat später dem

Gatten gestanden, daß diese Feierlichkeit den lange von ihr gehegten

Verdacht als begründet erwiesen habe; daß nämlich der ehrsamliche

Schneidermeister selbst ein Auge auf sie geworfen habe, ohne den Mut zu

finden, zu tun, was Emil getan hatte ...

Im Separatzimmerchen eines kleinen aber guten Restaurants der

Potsdamerstraße war das festliche Frühstück, das dem standesamtlichen

Akt folgte. Nur wir vier. Und ein sehr diskreter Kellner, der die

Speisen immer erst brachte, wenn sie kalt waren.

Ich hielt eine kleine Rede auf das Brautpaar, sprach von der ehelichen

Liebe, die das Leben adelt, jede Freude erhöht, jeden Schmerz gemeinsam

tragen lehrt -- kurz ich gab, der Situation angemessen, eine Anzahl von

Gemeinplätzen zum besten, die jedem lateinischen Übungsbuch für Quinta

Ehre gemacht hätten.

Dann erhob sich der Trauzeuge Adelgundes. Er erzählte mit etwas

schwerer Zunge sehr merkwürdige Dinge, die nur leider keinen rechten

Zusammenhang mit der festlichen Veranlassung dieses gemeinsamen Mahles

zeigten. Er sagte unter anderem, er sei bei einer alten Tante erzogen

worden, die ihm früh den Spruch eingeschärft habe: Üb’ immer Treu

und Redlichkeit -- bis an dein kühles Grab. So gedenke er’s auch zu

halten. Die Wohnung im dritten Stock seines Hauses habe früher 1000

Mark gekostet. Nun aber habe er die Toilette neu tapezieren und den

Herd umsetzen lassen. Auch sei ihm eine Hypothek gekündigt worden, was

ihn sehr verdrieße. Vom nächsten Quartal an müsse er 1100 Mark für

diese Wohnung verlangen, was er als Ehrenmann heute schon ankündigen

wolle. Zumal da in einem fort darin Klavier gespielt werde; was zwar

immer noch nicht so schlimm sei, wie Waldhorn. Was die Ehe anbetreffe,

so habe darüber der Apostel Paulus ein sehr gutes Wort gesagt, das ihm

jetzt nicht einfalle. Und wenn die Pute nicht so kalt werden solle,

wie der Rehrücken leider vorhin gewesen, so müsse er seine Rede jetzt

schließen.

Diese letzte Wendung wurde von uns als Scherz gedeutet. Wir riefen

hoch und stießen an. Der Meister war sehr geschmeichelt und nahm drei

Bruststücke von der Pute.

Nach dem Eis erhob sich Adelgunde und verabschiedete sich von uns mit

einem verschämten Lächeln, das ihr gar nicht übel stand. Mit diesem

Lächeln konnte sie für fünfunddreißig gelten. Sie fuhr in einem

Taxameter nach Hause, um ein Reisekleid anzulegen, da eine kurze

Hochzeitsreise nach Potsdam beschlossen war.

Als Adelgunde gegangen war, offerierte Emil mit dem strahlenden

Lächeln, das ihm selbst bei des Trauzeugen Rede nicht verlassen hatte,

sehr schwarze Zigarren mit sehr roten Leibbinden.

„Sagen Sie, lieber Herr Steinbrink“, fragte der Meister, indem er sich

drei Zigarren auswählte und neben seine Kaffeetasse legte, „was wird

nun eigentlich aus ihrem +Hund+, solange sie auf der Reise sind --

--? Es ist wegen der Wohnung. Ich bin da etwas unruhig. So ein Vieh

ruiniert leicht mancherlei, nagt und schabt und kratzt -- --“

Emils Gesichtsausdruck verlor an Fröhlichkeit. Und der meine war in

diesem Augenblick kaum sehr intelligent.

„Ja, erlaube mal, Emil“, warf ich ein, „hast du denn noch niemand

gefunden, den du -- -- Ich meine die Witwe, von der du sprachst, die

kinderlose Witwe ...“

Emil wurde sehr verlegen. Er pickte nervös an dem Bändchen seiner

schwarzen Zigarre herum und, ohne mich anzusehn, sagte er kleinlaut:

„Die Sache ist +die+, Lieber. Ich und Adelgunde -- Adelgunde und ich

-- wir haben’s uns eben überlegt. Eine fremde Pflege ist doch nicht so

sicher. Du weißt, es gehen uns dreitausend Mark verloren, wenn Flocki

stirbt. Das ist schließlich keine Kleinigkeit.“

„Tausend noch mal!“ bestätigte der Meister und knüpfte seine Weste auf.

„Na und siehst du, so kamen wir eben nach reiflichster Überlegung

überein, Flocki zu +behalten+. Gott, er hat ja auch seine Vorzüge. Und

dann: man gewöhnt sich. Es ist merkwürdig, +wie+ man sich gewöhnt.

Während wir in Potsdam sind, wird Lisette -- du weißt, wir übernehmen

sie in den jungen Hausstand. Und wenn wir zurückkommen -- Gott,

Adelgunde hat eine so glückliche Hand in der Pflege. Du sollst mal

sehen, wie die Blumen gedeihn an ihrem Fenster -- und haben doch fast

keine Sonne.“

„Erlauben Sie,“ fiel der Meister ärgerlich ein, „das muß ich denn doch

besser wissen. Vom Mai bis Ende September hat das Fenster von Mittags

zwölf bis nach zwei Uhr Sonne. Wenn’s nicht regnet, natürlich. Aber

dann hat kein Mensch Sonne und kein Fenster.“

Emil hörte ihn nicht. Die erloschene Zigarre im Munde stierte er in

tiefem Sinnen in den riesigen Aschbecher. An seines Geistes Augen

mochte das ganze Martyrium dieser Erbschaft vorüberziehen, das

Martyrium, das hinter ihm lag, das Martyrium, das seiner wartete ...

Wir beiden andern schwiegen und rauchten.

Plötzlich fuhr Emil aus seinen Träumen auf und sah nach der Uhr.

„Himmel, ich muß fort. Höchste Zeit. Entschuldigt die Plötzlichkeit,

Kinder, aber wir versäumen sonst den Zug. Ich muß Adelgunde abholen ...“

„Aber es ist ja noch reichlich anderthalb Stunden. Und zum Potsdamer

Bahnhof habt ihr nur sieben Minuten.“

„Hm. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß man zu zweien immer +mehr+

Zeit braucht, als allein.“

Der Meister rechnete angestrengt an den Fingern: „Und zweimal sieben

macht vierzehn -- nicht wahr? Und eine Stunde und eine halbe macht

neunzig Minuten, und neunzig weniger vierzehn macht sechsundsiebzig ...“

Es war nicht recht einzusehen, warum er sich in die Mühseligkeiten

dieser Rechenaufgaben stürzte; denn von uns beiden hörte ihm keiner zu.

Selbst dann nicht, als er durch eine sehr schwierige und rätselhafte

Division sich tief in die Gefahren der Bruchrechnung verstrickte, die

er dann mit einem befriedigten „Na, und überhaupt!“ abschloß.

Emil hatte seinen Paletot angezogen, den der Meister mit kritischem

Blick maß. Der Reisefertige reichte mir die Hand zum Abschied; und

mir war’s, als legte er eine ganz besondere Bedeutung in sein

Abschiedswort:

„Du hast Recht, wie schon manchmal, lieber Freund. Aber wir müssen

vorher noch Adieu sagen. Adelgunde besteht darauf, daß wir +Flocki+

noch einmal sehen, ehe wir ihn für ein paar Tage verlassen. Schließlich

-- +er+ hat uns doch zusammengeführt! ...“

[Illustration]

[Illustration: Das Verhängnis des Hauses Brömmelmann]

Er hatte nur unter den größten Schwierigkeiten eine Frau bekommen. Es

ist lächerlich, zu behaupten, daß das an seiner Persönlichkeit lag. Es

lag am Namen.

Gewiß, er war nicht schön. Die unansehnliche Figur, die etwas

Verbogenes, Geknicktes an sich hatte, sah in dem langen schwarzen

Gehrock, den er immer trug, nicht gut aus. Er erinnerte, wenn er so

daher kam mit dem schief nach links über den altmodischen Kragen

nickenden Kopf und den lang herabhängenden Armen, die immer die Knie

kratzen zu wollen schienen, an einen jener dressierten Urwaldbewohner,

die, ein Zylinderchen auf dem Kopf, auf ein geduldiges Ponychen mit

heimlichen Riemen festgebunden, als erste Nummer unter dem Jubel der

Kinderwelt in melancholischem Galopp die „Abend-Gala-Elite-Vorstellung“

der Affentheater einzuleiten pflegen. Auch waren seine Füße

unverhältnismäßig groß und erweckten beim Gehen den Eindruck, als ob

jeder von ihnen eigensinnig just auf denselben Fleck treten wolle, den

der andere gerade inne hatte; und dies mit solcher Vehemenz, daß es

ein wahres Wunder genannt werden mußte, wenn +Anton Brömmelmann+ sich

bis zu seinem fünfundvierzigsten Jahre noch nicht die Zehen abgetreten

hatte auf seinen Geschäftsgängen.

Denn zum Vergnügen ging er nie. Das Geschäft war ihm alles. Er

arbeitete dafür den ganzen Tag; er erholte sich davon, indem er abends

in alten Geschäftsbüchern blätterte und alte Geschäftsbriefe im

Kopierbuch las; und er träumte davon in der Nacht. Das Geschäft war

sein Glück -- denn es blühte. Und es war sein Unglück -- denn es hatte

seinem Namen einen wenig seriösen Klang gegeben. Und just um dieses

Klanges willen hätte Anton Brömmelmann beinahe keine Frau bekommen.

Eine geschickte Reklame des Vaters -- der auch schon Anton geheißen und

den Ruhm des Geschäftes begründet hatte -- war dem Namen Brömmelmann

verhängnisvoll geworden; insofern als er diesen nicht sinnverwirrend

schönen aber auch nicht ohne weiteres verwerflichen Geschlechtsnamen

braver kleiner Beamten und Pastoren plötzlich laut, heftig und dauernd

mit -- ja, es muß schon gesagt werden: mit Wasserklosetts in Verbindung

brachte.

„Anton Brömmelmanns Wasserklosetts für Privatwohnungen, Klubs, Hotels,

Spitäler, Kasernen und Gefängnisse“ waren weit über Neuenburg hinaus

eine Berühmtheit. Durch unzählige Annoncen in den Tagesblättern hatte

er sie -- wenn das so auszudrücken erlaubt ist -- dem Herzen des

Publikums eingeschmeichelt. Er hatte Gutachten über ihre Diskretion

im Geräusch und Wasserverbrauch und über ihre Unentbehrlichkeit

im Großbetrieb fleißig gesammelt und veröffentlicht; hatte

enthusiastische Zustimmungen von Hygienikern, berühmten Schauspielern,

Anstaltsdirektoren, ja sogar von zwei wirklichen Geheimen Räten mit

dem Prädikat Exzellenz seinem Katalog anheften können. Und so hatte

er mit der Wahrhaftigkeit, wie sie nur die Todesstunde verleiht,

auf dem Sterbebette seinem einzigen Sohn feierlich und nicht ohne

Genugtuung versichern dürfen, daß es in und um Neuenburg, wenigstens in

menschlichen Wohnstätten, die etwas auf sich hielten, keinen geheimen

Ort, den ein guter Mensch betrat, gebe, der nicht an bescheidener

Stelle auf weißem Porzellangrund den Namen „Anton Brömmelmann“ rühmend

dem nachdenklichen Beschauer nenne.

Das aber war das Fatale. Welches junge Mädchen von sittlichem Gefühl

verliebt sich in einen Mann, der mit so unentbehrlichen, aber doch so

ungern genannten Gebrauchsgegenständen handelt? Welches wohlerzogene

Bürgerstöchterlein tauscht froh und reulos seinen mehr oder minder

wohlklingenden Vatersnamen gegen einen Namen, den immer und immer

wieder Annoncen in den Tagesblättern in solch merkwürdige Erinnerung

bringen; der immer und immer wieder von weißem Porzellangrund abzulesen

ist? ...

Von Kindern und jungen Hunden · 第 5 / 15 段