Sonnenschein Rechnung tragend, sich sehr hell gekleidet. Er sah
überhaupt in seinem modischen dunkelgelben Herbstpaletot, dem blanken
Zylinder und den rostroten dänischen Handschuhen elegant, ja fast
stutzerhaft aus. Jedenfalls so, wie man einen Maler, der violette
Bilder anfertigt, ohne zunächst den Geschmack des zahlungsfähigen
Publikums für seine Nuance zu gewinnen, nicht häufig trifft. Sogar
einen sehr ausgeprägten Kneck trug er in den diskret karrierten
Hosen, und seine schmalen amerikanischen Knopfstiefel zeigten spitze
spiegelnde Lackkappen.
„Emil, alter Junge, wie geht’s denn?“
„Na ich danke, so pflaumenweich. Man lebt so.“
„+Gut+ lebt man, scheint’s, lieber Sohn. +Sehr+ gut, was? Du bist ja
auf deine alten Tage ein veritabler Dandy geworden.“
„Ach geh! Man kann doch schließlich nicht den ganzen Tag im
bekleckerten Sammetkittel herumlaufen, um der Welt zu zeigen, daß man
ein sogenannter Künstler ist.“
„Du bist wohl verheiratet, Emil?“
„Ich? Ach nein. Du meinst wegen ... Das täuscht. Ich bin bloß ... ich
habe bloß ... Aber findest du nicht, daß es hier +zieht+?“
„Na, ein Mailüfterl kannst du schon nicht verlangen. Wir sind ja
schließlich nicht an der Riviera und schreiben seit ein paar Tagen
November. Übrigens du siehst doch blühend gesund aus. So ein bißchen
Herbstwind -- --“
Emil lächelte etwas verlegen. „Ach ja. +Ich+ schon. Es ist auch nicht
meinetwegen, verstehst du. Es ist wegen -- --“
Ich folgte seinem besorgten Blick und entdeckte jetzt erst einen Hund,
den Emil an einer aus feinen Lederstreifchen geflochtenen gelben
Führleine befestigt hatte.
„Ach, du hast einen Hund?“
„Ja. Ich habe -- ich habe einen Hund.“
Das kam etwas gepreßt heraus, fast als wollte er sagen: Ich wollte,
+du+ hättest den Hund und nicht ich.
„Wie heißt er denn?“ forschte ich teilnahmsvoll.
„Flocki.“
„Du, weißt du, ich hätte ihn doch schon anders genannt. Flocki -- das
klingt so verdächtig nach einer alten Jungfer.“
„+Ich+ hab’ ihn auch nicht so genannt. Er heißt nun einmal so. Ich
finde den Namen ja selbst gräßlich. Zum Übelwerden. Aber ich fürchte,
wenn ich das Tier plötzlich umtaufe -- nun ist es doch schon so sehr
daran gewöhnt -- er könnte am Ende Schaden nehmen -- z. B. denke dir:
ich hätte ihn Nero genannt, sagen wir Nero: Und nun gehe ich mit ihm
auf der Leipzigerstraße und sehe, daß so ein gräßlicher Omnibuskasten
-- sagen wir ‚Lützowplatz-Rosentaler Tor‘ -- dabei ist, mit seinem
Riesenrad den Hund zu zerquetschen. Er ist unvorsichtig, verstehst du.
Ich rufe also: Nero! Nero! Aber er -- er ist’s noch nicht gewöhnt,
Nero gerufen zu werden. Er bezieht es durchaus nicht auf sich. Er
hört’s nicht. Rrrrtsch -- das Riesenrad Lützowplatz-Rosentaler Tor geht
mitten über seinen Bauch hinweg. Maria und Josef! Ich darf’s gar nicht
+aus+denken!“
Ich hatte mit wachsendem Befremden dieser lebhaften Phantasie des
Freundes gelauscht. War er so nervös? Er schien das Schreckliche schon
wie eine Fata Morgana vor sich zu sehen und den schmerzlichen Grimassen
nach zu urteilen, die er schnitt, verursachte ihm diese Erzählung
geradezu seelische Qualen.
Mein Blick ruhte auf dem Köter, dem diese offenbar innige Liebe galt.
Ich sah einen kurzbeinigen, gedrungenen Hund, in dessen schwarzem
Kopf Ähnlichkeiten mit einem Mops und mit einem Pudel unverkennbar
waren, ohne daß man gewagt hätte, sich für eine von beiden Rassen
zu entscheiden. Der schraubenförmig gedrehte Schwanz war durchaus
Mops; die lockige grauschwarze Behaarung wies hingegen wieder auf die
aristokratische Familie der Pudel. So stellte er sich meinem Empfinden
als eine sehr unglückliche Kreuzung von Mops und Pudel dar, mit welcher
Vermutung ich ja, ohne Kynologe zu sein, so ziemlich das Richtige
getroffen hatte.
„Es ist jetzt unsere Stunde zur ersten Abendmahlzeit,“ unterbrach Emil
meine stillen Beobachtungen. „Wir essen nämlich immer in Abständen von
drei Stunden eine kleine Mahlzeit --“
„Wir -- wer ist das ‚wir‘?“
„Nun -- Flocki und ich. Das ist viel gesünder als eine größere
Mahlzeit, bei der man alles so gierig mit hinunterschlingt, Knochen und
all so was, sagt der Arzt.“
„Ja, ums Himmels willen, welcher Arzt kommt auf den Gedanken, daß man
Knochen ...“
„Der Tierarzt natürlich. Weißt du, ich -- ich bin gottlob gesund und
bei der Hand. Das bißchen, was +mir+ mal fehlt, da kann schließlich der
Tierarzt auch raten. Ein sehr netter Mann. Er kommt -- Flockis wegen --
wöchentlich zweimal.“
Er sah auf die Uhr und verfärbte sich. „Teufel noch mal! Es ist schon
ein Viertel über 5 Uhr. Bis wir zu Hause sind, ist es bestimmt halb
sechs. Wenn ihm das nur nichts schadet. Er ist seit zwei Tagen mit der
Verdauung nicht ganz in Ordnung.“
„Flocki?“
„Natürlich. Der Arzt sagt zwar, es hätte nichts auf sich. Aber weißt
du, ich bin da sehr mißtrauisch. Eine Stiefschwester meines Vaters hat
mit sechzig Jahren ... Aber weißt du, das könnten wir alles bei mir zu
Hause besprechen. Du hast doch nichts Wichtiges vor? Nein? Also komm’,
wir nehmen ’ne Droschke ... He, Kutscher, +Sie+ da, Kutscher!“
Emil hatte einen Taxameter herangewinkt.
Flocki war der erste, der hineinsprang mit der behenden Fröhlichkeit
eines Hundes, der dieses angenehme Verkehrsmittel sehr wohl kennt und
schätzt.
Als letzter stieg Emil ein. Er saß sehr unbequem, da er seine Beine
fast an den Leib ziehen mußte, um Flocki, der behaglich zur Kugel
gerollt auf dem Boden des Wagens lag, nicht zu inkommodieren.
Es dauerte nicht lange, so erklang vom Wagenboden ein abscheuliches
sägendes Geräusch. Flocki schlief fest und schnarchte.
„Er schläft sonst erst +nach+ der Mahlzeit,“ meinte Emil besorgt. Und
da er meine vielleicht belustigte Miene sah, so fügte er zögernd hinzu:
„Er ist ein so sonderbarer Hund, weißt du, +so+ sonderbar. Und dann für
+mich+ -- schließlich, er ist nicht wie ein anderer Hund. Manchmal --“
Schien es mir nur so oder flammte wirklich ein leichter Ingrimm in
diesen Augen, die auf den schlafenden Flocki gerichtet waren, als der
Freund den unterbrochenen Satz wie im Traum vollendete: „Manchmal
möchte ich fast lieber einen robusten Geißbock am Bändel haben, als
diesen sonderbaren Hund!“
* * * * *
Zu Hause hatte mir Emil die ganze Geschichte erzählt von Leonore, von
Flocki und ihm selbst.
Er wohnte jetzt am Viktoria-Luisenplatz. In einem Gartenhaus
allerdings. Drei Treppen, aber sehr behaglich. Ein Atelier, vier
hübsche Zimmer, das größte und schönste war das Schlafzimmer. In der
Ecke ein Körbchen mit violetter Seidendecke; offenbar für Flocki.
„Schläft er bei dir im Zimmer?“
„Ja. Der Tierarzt sagt, ihm schadet’s nicht. Und mir -- das ist
ziemlich egal. Ich höre dann besser, wenn er hustet und all so was.
Auch träumt er zuweilen recht lebhaft. Ich stehe dann auf und massiere
ihm die Vorderpfoten.“
Der ganze Haushalt war für Flocki eingerichtet. An allen Fenstern
eiserne Gitterstäbe in halber Manneshöhe, wie sie ängstliche Mütter
wohl in den Kinderstuben anbringen lassen.
„Flocki könnte auf so ein Fensterbrett springen, verstehst du, und dann
das Übergewicht bekommen und in den Hof stürzen. Das wäre ...!“
Wieder betrachtete ich, wie vorhin im Taxameter, die schreckliche
Erregung, die sich des Freundes bemächtigte bei der Erwägung solchen
möglichen Unglücksfalles, den seine rastlose Phantasie ausspann.
„Ja, warum ziehst du denn nicht parterre?“
„+Hab+’ ich gewohnt. Getrennt vom Atelier. Erst im Vorderhaus. Da regte
sich Flocki furchtbar über jeden vorübergehenden Hund auf. Dann im
Gartenhaus. Da neckten Bäcker und Metzger und die rüden Schätze der
Dienstmädchen im Haus und was sonst da vorüberkam und Zeit hatte, das
arme Tier so sehr, daß ich, ohne den Kontrakt auszuhalten, wegzog.“
„Ja, Lieber, da bist du eigentlich, genau besehen, der Sklave deines
Hundes.“
„Viel anders ist’s schon nicht,“ seufzte Emil. „Ich kalkuliere so. Wenn
er gut gepflegt wird und rationell lebt -- er hat einen ganz kleinen
Herzfehler --, so kann er, sagt der Tierarzt, noch zehn bis zwölf
Jahre leben. In zwei, drei Jahren aber schon hoffe ich mein großes
Bild fertig zu haben; und dann wird es mich in weiteren zwei, drei
Jahren bekannt machen. So erreiche ich die pekuniäre Unabhängigkeit von
Flocki. Und dann --!“
Wieder leuchtete ein ingrimmiger, fast grausamer Zug in des Freundes
sonst so mildem Gesicht. So mögen die Sklaven um Spartacus gelächelt
haben, als sie in den Kellern der Fechtschule zu Capua sich heimlich
versammelnd von dem furchtbaren Blutbad träumten, in dem ihre römischen
Unterdrücker ersaufen sollten.
„Und was stellt das Bild dar?“
„Die wilde Jagd. Den wilden Jäger auf dem Gespensterroß, hinter
ihm die Meute über niedrig hängende Wolkenfetzen fegend. Alles bei
Mondbeleuchtung.“
„Natürlich violett?“
„Woher weißt du das?“
„Ich habe mal vor Jahren Kühe von dir gesehen. Daraus war eine gewisse
Vorliebe zu erkennen -- --“
„In diesem Bild der wilden Jagd ist sie aber berechtigt.“
„Kann man’s mal sehen?“
„Ja eigentlich ...“ er wurde verlegen, „es steckt noch ganz in den
Anfängen. Aber wenn du dir eben das Nötige dazu denkst.“
Das versprach ich, und so nahm er einen sehr schönen, leicht violett
getönten Lappen von einer respektablen Leinwand.
Das erste, was ich sah, war -- +Flocki+. Flocki nicht in einer, sondern
in dreißig, vierzig Gestalten. Die ganze Meute hinter dem anatomisch
sehr merkwürdigen Gespensterroß war Flocki und Flockis Geschlecht.
„Du, Emil, weißt du -- die Hunde ...“
„Ja? Fällt dir das +auch+ auf. Es ist mir so gekommen. Ich weiß nicht
wie. Ich wollte natürlich Jagdhunde malen, Bracken. Hatte auch mal ein
Modell hier. Aber Flocki hat sich wie wahnsinnig angestellt hinter der
Tür dort. Dann hab ich eben mehr aus dem Kopf ... Nun ist das Unglück,
verstehst du, ich beschäftige mich innerlich soviel mit Flocki -- er
bedeutet mir soviel, +muß+ mir soviel bedeuten -- daß unwillkürlich
seine Züge und seine Eigenart ... Es ist mir im Grunde gräßlich. Soll
das Malefizvieh mir auch noch meine Kunst ruinieren!! Satanspest noch
einmal!“
Wie ein Sturm der Leidenschaft war’s plötzlich über ihn gekommen. Er
griff eine Handvoll Pinsel aus einer alten Blechdose und warf sie
wütend wider die Wand. Dann setzte er sich auf einen in kräftigen
Farben leuchtenden kleinen Gebetsteppich, der einen alten Diwan deckte,
vergrub seinen Kopf in die Hände und schien nicht übel Lust zu haben,
zu weinen.
Ich wußte in meiner Überraschung nicht recht, was ich machen oder
sagen sollte. Schließlich fand ich den mir selbst nicht sonderlich
einleuchtenden Trost: „Mein Gott, vielleicht findet man das sehr
originell. Die Rasse ist wenig bekannt.“
„Schöne Rasse,“ knirschte Emil aus seiner Ecke. „Ist gar keine Rasse,
ist eine Gemeinheit, ist eine Parodie auf das Hundegeschlecht. Himmel,
wie mir das wohltut, mich einmal gehen lassen zu dürfen! Flocki
schläft, und du bist ein ehrlicher Kerl. Immer diese Komödie der
Zärtlichkeit. Und die Freiheit beim Teufel. Und die Kunst beim Teufel.
Und der Mut beim Teufel; der Mut, diese faule, träge, dumme, widerliche
Bestie persönlich am Griebs zu packen und in den Landwehrkanal zu
werfen mitsamt der verdammten Rente von sechstausend Mark, die mir das
lebendige Scheusal trägt.“
„Sechs-tau-send Mark. Donnerwetter! Das ist allerdings ..!“
„Ja siehst du: +das+ ist allerdings!.. Da sagst dus selbst. Das ist
eben auch +mein+ Trost, daß neunzig von hundert ganz dieselben Esel
wären, wie ich, und nicht den Mut hätten, dieses Rabenvieh ...“ Er
unterbrach sich plötzlich, legte den Finger an den Mund und lauschte.
„Hat -- hat Flocki nicht eben -- eben geniest? Richtig -- eben schon
wieder!“ Er eilte nach der Tür und rief nach der Küche: „Lisette,
Lisette! Verbinden Sie mich -- du entschuldigst -- verbinden Sie mich
mal gleich Amt VI Nr. 3079.“
„Wen willst du sprechen?“
„Den Tierarzt.“
* * * * *
Nein, hier war nicht zu helfen. Dies Gefühl gewann ich, je öfter und je
länger ich Emil sah.
Und ich sah ihn oft und lang. Denn seit jenem Gefühlsausbruch, dem
ich erschreckt beigewohnt, tat es ihm sichtlich wohl, in meiner
Gesellschaft sich auszusprechen. Immer über Flocki. Und nur über ihn.
Zwei Jockeis, die Analphabeten sind und außer reiten nichts können, als
wetten und trinken, unterhalten sich bestimmt nicht soviel von ihren
Pferden, wie Emil und ich von den Hunderassen, die Flocki zu seinen
Ahnen zählte, und von diesem Köter selbst, der die Zartheit, mit der
er behandelt wurde, in schnödester Weise dadurch vergalt, daß er alle
Untugenden und Laster, die in seiner schwarzen Seele geschlummert
hatten, ins Unerträgliche steigerte.
Wenn er müde war, sprang er auf das weichste Möbel, gleichviel, ob
es ein Bett, ein Sessel oder ein mit Emils Frackanzug belegter Stuhl
war. Wenn er traurig war, knurrte er jeden -- Emil nicht ausgenommen
-- feindlich an. Wenn er fröhlich war, entrollte er seinen sonst
geringelten Schwanz und wedelte damit so energisch, daß kleinere
Tischchen stets in Gefahr waren, umgestoßen zu werden. Bei schlechtem
Wetter war er merkwürdigerweise stets besonders gut aufgelegt. Was
für die Kleider seiner Freunde sehr unangenehm war, da er mit den
schmutzig-nassen Pfoten an ihnen hinaufzuklettern versuchte und
keinerlei Verständnis für die kühle Ablehnung seiner Freundlichkeit
besaß. Energisch angefaßt oder gar geschlagen durfte er nicht werden,
da Emil befürchtete, die zarte Gesundheit des edlen Tieres könne
ernstlichen Schaden nehmen.
So erduldete Emil ein Martyrium. Sein Bild machte ihm keine Freude
mehr, weil jeder Hund, den er der Meute seines Wilden Jägers
hinzufügte, immer wieder Flockis verhaßte Züge annahm. Seine Wohnung
machte ihm keine Freude mehr, denn überall fand er Spuren von Flockis
Fröhlichkeit und Zerstörungssinn. Die freie Natur macht ihm keine
Freude mehr, denn er vermochte sie nicht zu genießen, ohne entweder von
Flocki an der Leine bald an einen Eckstein, bald um einen Baum gezerrt
zu werden, oder, wenn er ihn frei laufen ließ, in beständiger Angst zu
schweben, daß der Unvorsichtige von einem Wagen oder einem Automobil
überfahren werden könnte. Besonders gegen die Automobile hatte er eine
solche Wut in seinem Herzen angesammelt, daß er eines Tages einen
maßlos heftigen Artikel in ein Blättchen gegen die „Stinkdroschken“
schrieb, in dem er die Vorstände sämtlicher Automobilklubs so schwer
beleidigte, daß sie gemeinsam klagten und der Freund -- „in Anbetracht
seines hohen Bildungsgrades“ -- zu einer Geldstrafe von 500 verurteilt
wurde. Das war gerade eine Monatsquote seiner Jahresrente! Er mußte
sich zwei Monate einschränken und teilte nun den ganzen Haß, dessen
sein Herz fähig war, zwischen Flocki und dem Automobil.
Dann peinigte noch eine andere Vorstellung seinen Geist. Man las so oft
davon, daß Hunde von Leuten, die daraus ein verbrecherisches Gewerbe
machten, ihren Besitzern auf der Straße gestohlen wurden. Konnte das
nicht auch Flocki passieren? Flocki -- man konnte sagen, was man wollte
-- war ein auffallender Hund. Konnten nicht solche Gauner, hingerissen
von den körperlichen Vorzügen Flockis und der seltenen Mischung der
Rassenmerkmale, die sein Wuchs aufwies, ihm nachstellen, ihn mit
Frankfurter Würstchen, seiner Leibspeise, anlocken und entführen? Was
dann? Dann +lebte+ der Hund zweifellos noch, aber +er+ konnte sein
Leben nicht beweisen. Wie war’s dann mit der Rente? Adelgunde konnte
behaupten, der Hund sei tot; aber sie konnte seinen Tod so wenig
beweisen, wie Emil das Leben. Das Testament sprach ausdrücklich vom
Todestag. Der war dann nicht zu erfahren.
Schließlich, da er sogar nachts von diesem fatalen Rechtsstreit
träumte, ging Emil zu ~Dr.~ Neumann, der ihn nach längerer Erwägung
und nachdem er in vielen Büchern nachgelesen und ihm auch aus einigen
Unverständliches mitgeteilt, dahin beschied: Adelgunde könne in diesem
Fall verlangen, daß Flocki nach einer gewissen Zeit „für tot erklärt“
werde, womit Emil ein für allemal jeden Rechtsanspruch an die Zinsen
von Eleonorens Hinterlassenschaft verliere.
Flocki -- für tot erklärt? Das war nun das zweite Schreckgespenst, das
neben dem Gespenst von Flockis wirklichem Tod den armen Freund überall
hin verfolgte.
Er beschloß auf alle Fälle, sich einzuschränken, Ersparnisse zu machen,
damit ihn dieser gräßliche Fall nicht unvorbereitet träfe. Aber das
war nicht so einfach. Flocki war gut gewöhnt. Der Tierarzt rechnete
für jeden Besuch 5 Mk. und kam mindestens zweimal wöchentlich. Die
Hinterbeine Flockis mußten auf seine Anordnung täglich massiert werden,
was jedesmal 2 Mk. kostete. Kamen hinzu die nicht unbeträchtlichen
Unkosten für die Heilung des geprüften Heilgehilfen, den Flocki gleich
bei Beginn der ihm unerwünschten Massagekur in den Daumen gebissen
hatte. Kurz, es läpperte sich bös zusammen. Das Schlimmste aber waren
die Besuche Adelgundes.
Sie kam von Zeit zu Zeit nach Flocki zu sehen ... Denn, wie sie sagte,
wenn sie auch im Testament der Schwester der Gefühllosigkeit gegen
dieses Tier geziehen war, so schien es ihr doch Pflicht des trauernden
Schwesterherzens, sich vom Wohlbefinden der einzigen lebenden Seele, an
der, so schien es, die liebe Entschlafene gehangen habe, zu überzeugen.
Und sie vergaß nie hinzuzufügen, daß sie mit dieser „einzig lebenden
Seele“ durchaus nicht etwa Emil, sondern Flocki meine.
Diese Besuche bedeuteten für Emil eine Stunde der Qual und Prüfung.
Meist erfolgten sie Freitags zwischen fünf und sechs Uhr, zwischen
zwei Klavierstunden, die Adelgunde in der Nähe zu erteilen hatte.
An schönen, sommerhellen Tagen blieb sie manchmal aus; aber wenn es
regnete, kam sie bestimmt. Und da sie prinzipiell niemals Gummischuhe
benutzte, so brachte sie meist ein erkleckliches Quantum Schmutz und
Nässe an ihren nicht zu knappen Sohlen mit in Emils Salon und auf den
farbenprächtigen Bucharateppich, auf den er um so stolzer sein durfte,
als er ihn viel zu hoch bezahlt hatte.
Das Gespräch nahm aber dann meistens den folgenden Verlauf.
„Ach, Fräulein Adelgunde! Welche Freude --“ Emil log jedesmal mit
demselben Mißerfolg im Gesichtsausdruck. „Sogar bei dem schlechten
Wetter schenken Sie uns die Ehre. Ich darf vielleicht ein Täßchen
Kaffee ...“
„Nein, ich danke wirklich. Ich habe schon zu Hause ...“
In diesem Augenblick kam gewöhnlich, ungerufen und ihre Pflicht
durchaus kennend, die tüchtige Lisette, ein Mädchen von unbestimmbarem
Alter und ganz außerordentlicher Häßlichkeit, die noch durch Kleider
von einem augenvergiftenden Blaugrün gehoben wurde, mit dem Kaffeebrett
ins Zimmer. Und Adelgunde, die „schon zu Hause getrunken hatte“, trank
nicht +ein+ Täßchen, sondern vier, wozu sie eine größere Anzahl von
Biskuits verzehrte. Dies alles mit der Miene und dem Anstand einer
Europäerin, die etwa bei einem Kaffernhäuptling zu Gast ist und
dessen entsetzliche Nationalgerichte aus einer gewissen mitleidigen
Höflichkeit für den Gastgeber sich gefallen läßt.
Nach dem zweiten Biskuit sah sich Adelgunde suchend im Zimmer um:
„Und unser lieber Flocki, ist er nicht hier? Sie wissen, lieber Freund,
ich würde nimmermehr zu Ihnen kommen -- denn schließlich, wir sind
beide unverheiratet, nicht wahr, und die Welt hat an dem Erfinden
und Kolportieren von Schlechtigkeiten ihre größte Freude -- in den
Gartenhäusern leider noch mehr als in den Vorderhäusern ...“
Hier machte Emil eine Handbewegung, die dreierlei bedeuten konnte.
Entweder sie erklärte: Die Verleumdungen dieser minderwertigen Welt
müssen an so edlen Herzen, wie den unsrigen, spurlos abprallen. Oder
sie besagte: Sie halten mich hoffentlich nicht für fähig, die von Ihrer
Hochherzigkeit geschaffene Situation in unedler Weise auszunützen. Oder
aber sie umschrieb den einfachen Gedanken: Was mir schon an deinem
Gefasel liegt, mit dem du mir alle acht Tage die Ohren füllst!
Adelgunde versuchte gar nicht, hinter den tiefern Sinn dieser
Handbewegung zu kommen. Sie fuhr vielmehr fort:
„Unsere liebe Heimgegangene hat bestimmt, wie sie bestimmt hat. Es ist
an uns, ihren Wunsch zu ehren. Aber sie hat mir unrecht getan. Gewiß,
ich habe einige Unarten Flockis bemerkt und -- ich gesteh’s -- peinlich
empfunden, über die +Sie+, teurer Freund, in der unendlichen Güte ihres
Herzens hinwegsahen.“ (Das war eine satanische Bosheit nach Emils
Dafürhalten; denn Adelgunde wußte ganz gut, daß ihn Flockis zunehmende
Ungebührlichkeit heftig erbitterte.) „Aber gehaßt? -- Nein, gehaßt
hab’ ich das kluge Tierchen +nie+. Der beste Beweis ist, daß ich fast
jede Woche den Weg nicht scheue, nach seinem Befinden zu sehn und mich
zu überzeugen, daß all die Sorgfalt, die unsere liebe Heimgegangene
für ihn erhoffte, ihm auch im vollen Maße zuteil wird. Denn daß ich
+Ihretwegen+ nicht komme, lieber Freund ...“
Emil nickte. „Das hätte ich mir schon selbst in aller Bescheidenheit
eingestanden, auch wenn Sie es mir nicht bei jedem Ihrer freundlichen
Besuche, die mich ehren und erquicken, wiederholt hätten.“
Adelgunde überhörte die Ironie. „Und wo ist unser Liebling?“
„Der Liebling schläft noch.“
„So, so. Er schläft. Nun sehn Sie mal an! Das +liebe+ Tierchen. Lassen
Sie ihn nur nicht zu +lange+ schlafen. Man hat mir erzählt, durch
allzuviel Schlaf stelle sich leicht bei Rassehunden Fettsucht ein. Und
dann kommt plötzlich ein Herzschlag oder -- ein Lungenschlag -- oder
ein Milzschlag -- oder ein ...“
„Oder ein Hirnschlag,“ half Emil freundlich aus.
„Ganz recht, oder ein +Hirn+schlag,“ bestätigte Adelgunde mit
unverminderter Liebenswürdigkeit. „Und dann ist das Tierchen weg --
Eins, zwei, drei -- und es ist weg!“
Das könnte dir so passen, dachte Emil, ich hätte dann 6000 Mark Rente
minus, du hättest 3000 Mark Rente plus und obendrein die Freude, mich
wieder hungern und schuften zu sehen. Und seine Züge zu einem Lächeln
frohster Zuversicht zwingend, tröstete er: „Sie können versichert sein,
verehrte Freundin, daß unserm gemeinsamen Liebling an Pflege nichts
abgeht.“
Und schon ließ die tüchtige Lisette durch die nur eben geöffnete Türe
den Liebling herein.
„Komm, Flocki,“ lockte Emil und schnalzte ermunternd mit den Fingern,
„sag der guten Tante mal schön guten Tag.“
Und mit einem Satz war Flocki auf Adelgundes Schoß. Das späte
Mädchen machte den schwachen Versuch, herzliche Freude über diese
Zutraulichkeit zu heucheln. In Wahrheit war Adelgunde wütend; denn
Flocki hatte, wie immer bei ihren Besuchen, ganz nasse und ziemlich
schmutzige Pfoten. Was daher kam, daß ihn Emil immer, wenn die „gute
Tante“ kam, von Lisette wecken und rasch mal auf die Straße führen
ließ, damit er sich die oben beschriebenen Pfoten hole. Dies war Emils
einzige heimliche Rache für die erschreckende Genußlosigkeit dieser
unvermeidlichen Kontrollbesuche.
Aber schon war Adelgunde im Zuge. „Mir scheint, lieber Freund, er hat
heute etwas trübe Augen, der brave, kleine Flocki. Zeig’ mal deine
Guckelchen. Ru--hig halten, Darling. Ja, wahrhaftig, recht trüb.“
„Das ist die Beleuchtung.“
„Nein, nein. Ich täusche mich nicht. Eine gewisse Mattigkeit in der
Pupille. Er wird doch nicht die Staupe bekommen? Das fängt so an.“
„Aber dazu ist er doch viel zu alt.“
Adelgunde schüttelte in täuschend geheuchelter Besorgnis den Kopf: „Und
eine warme Nase hat er +auch+, unser liebes Hündchen! Eine +ganz+ warme
Nase.“
„Das hat er öfter.“
„Um so schlimmer! Ich fürchte, er hat zu wenig Bewegung. Sie sollten
radfahren und ihn ein bißchen hinterherlaufen lassen.“
Das könnte dir so passen! Damit er mir unter die Elektrische kommt,
nicht wahr? dachte Emil.
„Wie oft wird er wohl gebadet?“
„Alle drei Tage.“
„Das scheint mir nicht oft genug. Ein meinen Eltern befreundeter
Oberförster hatte einen Setter, den er jeden Tag ins Wasser gehen ließ.
Er ist in hohem Alter gestorben.“
„Der Oberförster?“
„Der auch. Aber ich meinte den Setter. Dieser sehr erfahrene Forstmann
pflegte zu sagen: Jedes Bad bedeutet einen Monat längeres Leben für so
ein Vieh.“
„Wenn also der Oberförster den Hund jeden Tag, wie Sie sagen, zwei
Bäder nehmen ließ und das auch nur +ein+ Jahr durchführte, so hatte
er dem Setter schon eine Lebensdauer garantiert von -- von warten Sie
einen Augenblick --“ (Emil nahm ein Papierchen und rechnete:) „zweimal
365 macht 730, also 730 Bäder. 730 dividiert durch 12 macht -- macht 60
Jahre 10 Tage.“