kaum nötig. Verwandte außer mir hatte die gute Eleonore nicht. Das
müßte ich wissen, da ich die Schwester bin.“
Das leuchtete Emil ein. Adelgunde +mußte+ das wissen. Das heißt ... Ihm
zuckte ein Gedanke durch den Kopf. Der Herr mit den Tiefquarten im Kinn
-- die zerknitterten Tanzkarten -- die staubigen Veilchen -- -- Sollte
etwa irgendwo ...? Man hörte zuweilen solche verblüffenden Sachen oder
las davon im „Vermischten“ der Zeitungen. Bei seiner Tante Barbara in
Limburg hatte eine schwächliche Köchin fünf Jahre gedient, und niemand
hatte eine Ahnung, daß diese mürrische und kränkliche Person in einem
Dorf der Wetterau zwei hervorragend gesunde Jungen hatte ... Aber das
war ja Unsinn. Eleonore, dieses treuherzige Wesen mit allen kleinen
Eigenheiten eines späten Mädchens. Nimmermehr!
Adelgunde war, als Emil wieder zuhörte, in ihren Bemerkungen zu diesem
überflüssigen Testament gerade zu einem kühnen Schluß gekommen. „Es muß
vielmehr dieses versiegelte Papier irgendeinen besonderen Wunsch der
Pietät enthalten. Vielleicht eine Bestimmung über die Bilder, die sie
gemalt hat --“ Selbst die Trauer vermochte nicht ganz ein malitiöses
Lächeln von den Lippen Adelgundens zu scheuchen, als sie vollendete:
„Vielleicht hat sie nicht gewünscht, daß gerade diese Werke ihrer
Hand in meinen Besitz übergehen und mich so zwingen, aus Pietät für
die Tote, täglich Dinge um mich zu sehn, deren Vorbilder ich im Leben
nicht zu entdecken vermag. Vielleicht hat sie die Schwäche gehabt,
diese Malereien einer Galerie als Erbschaft anzubieten -- wovon wir
allerdings Scherereien haben könnten -- oder sie hat bestimmt, daß ein
oder das andere davon -- Ihnen ...“
„Mir?“ ...
An +diese+ Möglichkeit hatte Emil absolut nicht gedacht. Er fühlte,
er war ganz blaß geworden. Für ihn war der Gedanke, im Testament
irgend eines Menschen erwähnt zu sein, und sei’s auch nur mit einem
mittelmäßigen Ölbild bedacht (von welchem einzigen Artikel er
eigentlich reichlich genug hatte), ein so Außergewöhnliches, daß ihn
die bloße Andeutung wie ein großer Schreck berührte. Wenn ihm plötzlich
ein makedonischer Landgensdarm die weißbehandschuhte Rechte wuchtig auf
die Achsel hätte fallen lassen und ihn angebrüllt hätte: „Im Namen des
Sultans, Sie sind verhaftet!“ er hätte -- obschon sich keiner Freveltat
bewußt -- nicht heftiger bis in die Knochen erschrecken können.
„Es wäre immerhin möglich,“ fuhr Adelgunde fort, indem sie das
geheimnisvolle Kuvert gegen das Licht hielt, als ließe sich dadurch
sein Inhalt leichter feststellen, „wäre möglich, daß sie Ihnen
mindestens die zwei Bilder wieder vermacht hätte, die sie Ihnen einst
abgekauft hat. Daß ich Ihren aparten violetten Geschmack nicht teile,
wußte sie vielleicht --“
„Sie haben mit Ihrem Urteil ja nicht zurückgehalten,“ wagte Emil, dem
die unerquickliche Szene in seinem Atelier deutlich vor Augen stand,
schüchtern einzuwerfen.
Adelgunde sah ihn durchbohrend an. „Allerdings. Ich habe, wie immer,
meiner Meinung zwar in schonender, aber in nicht mißzuverstehender
Weise Ausdruck verliehen. Übrigens reden wir in dieser ernsten Stunde
nicht von Ihren Bildern.“
Emil stimmte lebhaft zu. Da niemand sonst zu irgend einer Zeit von
seinen Bildern redete, so konnte er auch Adelgundes lieblose Erwähnung
in dieser Stunde entbehren.
Adelgunde wog das Kuvert in der Hand. „Es scheint ein einziger Bogen
ihres gewöhnlichen Briefpapiers zu sein. Gleichviel ein Bogen oder zehn
-- wir müssen die Gesetze beachten und tun, was sie vorschreiben.“
Dieser Ausspruch gefiel Emil so gut, daß er ihn, gewichtig mit dem
Kopfe nickend, zweimal wiederholte. Leider stellte sich aber heraus,
daß dieser von beiden gebilligte Vorsatz zunächst eine lobenswerte
Theorie bleiben mußte, da sie beide nicht wußten, was nun eigentlich
die zu beachtenden Gesetze in diesem Falle vorschrieben.
Unbemerkt von den beiden, die in tiefe Gedanken versunken standen,
war Flocki hereingekommen, der ein gewisses Unbehagen nicht verbergen
konnte, daß man sich so wenig mit ihm beschäftigte. Er war zu gewissen
Stunden an kleine neckische Spiele gewöhnt, an geistige Anregungen, wie
sie die vortreffliche Eleonore in ihrer unendlichen Güte immer wieder
für den Liebling zu ersinnen pflegte. Die Nichtachtung, die er jetzt in
diesem Trauerhause erfuhr, verdroß ihn heftig. Den Kopf auf die linke
Seite gelegt, mit dem Schwanz in leiser Erregung den Boden fegend,
stand er zwischen den beiden Sinnenden und schnüffelte mißtrauisch
hinauf nach dem Kuvert in Adelgundens Hand.
„Aber das ist doch einfach,“ sagte plötzlich Adelgunde und sah dabei
Emil strafend an, als habe sie es die ganze Zeit gewußt und nur, um
seinen Scharfsinn auf eine notwendige Probe zu stellen, für sich
behalten, „Sie gehen mit dem Papier sofort zu ~Dr.~ Neumann.“
Emil begriff. ~Dr.~ Neumann war der Rechtsanwalt, von dem Eleonore
mehrfach gesprochen. In drei Prozessen, die ihr Flockis Ungebühr
eingetragen, hatte dieser tüchtige Advokat zwei Termine versäumt und
einen für Eleonore im Wortlaut sehr ehrenvollen, aber pekuniär recht
schmerzlichen „Vergleich“ zustande gebracht. Aber der guten Eleonore,
die eine fanatische Verehrerin des „Paragraphen“ im allgemeinen und
der Rechtswissenschaft im besonderen war, vermochte er gewaltig zu
imponieren durch allerlei dicke und alte Bücher, die er mit großer
Fixigkeit von den Regalen nahm und nachschlug, und aus denen er ihr
nicht ohne schönes Pathos sehr lange und merkwürdige Sätze vorlas, von
denen sie den Anfang längst vergessen hatte, wenn der Anwalt die Stimme
melancholisch zum Schlußpunkt sinken ließ. Sie war der Ansicht, das
seien Reichsgerichtsentscheidungen; und sie fand es sehr scharmant von
dem liebenswürdigen Juristen, daß er sich dazu hergab, ihr vorzulesen,
was selbst klügere Laien als sie vermutlich nimmermehr beim ersten Male
begriffen ...
Daß also dieser Dr. Neumann, der als Eleonorens Rechtsbeistand
zweifellos von diesem Testament Kenntnis hatte, um Rat gefragt
werden sollte, leuchtete Emil durchaus ein. Aber warum sollte gerade
+er+, Emil, zu diesem Mann hingehn. Lag es eigentlich nicht näher,
daß die Schwester der Erblasserin selbst -- --?
Adelgunde unterbrach seine Erwägungen mit den knappen Worten: „Ich
halte das für eine reine Formsache. Geschehen +muß+ das aber. Ich fühle
mich nicht wohl genug, auch noch diesen Gang zu tun. Also gehen Sie.
Aber besser +gleich+. In solchen Dingen versäumt man gar leicht etwas.
Also -- hier!“
Mit diesem „hier!“ wollte sie Emil das Kuvert überreichen. Die
Handbewegung aber, in die sie wohl Entschluß, Energie, Vertrauen und
anderes Schöne hineinlegen wollte, fiel +so+ energisch aus, daß Flocki
die Sache mißverstand. Er hielt diese Handbewegung für den Beginn eines
seinem Frohsinn gewidmeten Spiels; und da sich in diesen düstern Tagen
eine erkleckliche Portion Übermut in ihm angesammelt hatte, so ging er
mit erstaunlicher Behendigkeit auf den vermeintlichen Spaß ein. Er tat
einen kleinen, aber zielbewußten Sprung in die Höhe, faßte Eleonorens
Testament mit den Zähnen, riß es, ehe der verblüffte Emil zupacken
konnte, der solchen Überfalls nicht gewärtigen Adelgunde aus der Hand
und verschwand damit in tollen Sprüngen, die das Erwachen all seiner
lang gedämpften Munterkeit bezeugten, nach dem Korridor.
Einen Augenblick standen Adelgunde und Emil wie versteinert ob solcher
maßlosen Frechheit.
Dann begann über die auf dem Vorplatz ausgebreiteten Kränze, über
Veilchen, Tuberosen, Farn, Efeu und Rosen eine sehr peinliche Jagd
auf den miserablen Köter, der die Karikatur auf jede Pietät so weit
trieb, den letzten Willen seiner Herrin wie eine tote Ratte im Maule
hin und her zu schütteln und sich in Sprüngen zu gefallen, die mit der
Situation im denkbar peinlichsten Widerspruch standen.
Während Adelgunde mit einem Regenschirm den unsinnigen Flocki listig
in eine Ecke drängte, ihm seinen Raub zu entreißen, warf Emil durch
die leicht klaffende Tür einen Blick in das Zimmer, in dem lang und
schmal unter dünner seidener Decke die arme Eleonore lag. Und seinem
Malerauge kam es vor, als ob ihr Gesicht in der freundlichen Umrahmung
des schmalen Seidentuches, das ihr das Kinn band, im wächsernen Ton des
Todes ein leises Lächeln sehen ließe. Ein Lächeln, wie es wohl, die
Züge der Lebendigen zu verschönen, sich um Mund und Augen gestohlen,
wenn sie von der erstaunlichen Klugheit Flockis Altes und Neues
berichtete ...
In diesem Moment heulte Flocki laut auf.
Adelgundens Regenschirm war ihm unsanft über die Rückengegend geflogen.
Adelgunde, hochrot im Gesicht mit wogender Brust und krachenden
Kleidernähten, hielt den übel zugerichteten letzten Willen der
Schwester in der Hand.
Wut und Triumph bebten durch ihre Stimme, als sie dem winselnd über die
Kränze nach der Küche retirierenden Flocki nachzischte:
„Infame Bestie!“
* * * * *
Ungefähr anderthalb Stunden hatte Emil, das unschöne Kuvert wie eine
Reliquie in beiden Händen haltend, in Dr. Neumanns Schreibzimmer
gewartet.
In dem Zimmer war eine schreckliche Atmosphäre. Es schien hier nie
gelüftet zu werden. Der jüngere der beiden Schreiber hatte sich zum
Überfluß an diesem Tage die Haare schneiden lassen und trug den Kopf
mit einer billigen Pomade gesalbt, die einen unerträglichen Geruch
nach ranzigem Fett ausströmte. Der ältere Schreiber schien taubstumm
zu sein -- er hatte wenigstens den höflichen Gruß Emils nur mit
mürrischem Kopfnicken erwidert und die Antwort auf die Fragen: ob
der Herr Rechtsanwalt anwesend sei und ob wohl Aussicht sei, ihn zu
sprechen, dem pomadisierten Jüngling überlassen. Auch die Arbeit schien
er durchaus dieser jüngeren Kraft zuzumuten. Er schob dem Pomadisierten
von Zeit zu Zeit ein Aktenbündel über den hohen Pultaufsatz zu,
niemals ohne dabei die weiße Streusandbüchse umzuwerfen. Seine eigene
Tätigkeit bestand ausschließlich darin, daß er sich mit einem in
Zeitabständen von etwa zehn Minuten neugespitzten Hölzchen umständlich
die Fingernägel reinigte und die Zähne stocherte. Dazwischen sah er
zu seiner Erfrischung zum Fenster hinaus und schien nach seinem sich
plötzlich in breitem Grinsen erhellenden Gesichtsausdruck zu schließen,
zarte Beziehungen zu irgend einem weiblichen Wesen an irgend einem
Küchenfenster des nächsten Hinterhauses anzuknüpfen.
Von Emil nahm nach Erledigung der ersten Fragen niemand mehr die
geringste Notiz. Nebenan hörte er zuweilen eine sehr erregte
Frauenstimme und dann eine gedämpfte Männerstimme. Offenbar berieth
~Dr.~ Neumann in diesem Raume eine nervöse Klientin. Emil
hatte den dringenden Wunsch, daß der Fall nicht allzu verwickelt
liegen möge. Denn die Aussicht noch eine weitere Stunde hier den
Pomadengeruch auszuhalten und an des Bureauvorstehers sorgfältigen
Toiletteverrichtungen teilzunehmen, hatte nichts Verlockendes.
Endlich hörte man nebenan Stühle rücken und die Türe nach dem Korridor
gehn.
Emil faßte den letzten Willen Eleonorens fester in beide Hände und
wartete. Es dauerte immerhin noch einmal eine starke Viertelstunde.
~Dr.~ Neumann mußte sich wohl von dem Besuch erholen.
Endlich flog die Verbindungstür nach dem Allerheiligsten des Anwalts
auf, und ~Dr.~ Neumann winkte mit einer Kopfbewegung: „Der
Nächste!“
Da Emil der einzige war, der wartete, so hatte er wohl ein Recht, das
unbedenklich auf sich zu beziehn, sah sich aber zur Vorsicht noch
einmal um, ob nicht etwa einer der Schreiber ... Der Pomadenkopf lag
tief über den Akten; und auch der Bureauvorstand hatte sein Hölzchen
hingelegt und verglich zwei mit vielen Stempeln und Unterschriften
gezierte Papiere mit einem Eifer, als habe er auf der Welt kein anderes
Interesse, als den Inhalt dieser merkwürdigen Blätter bis aufs letzte
Pünktchen in sich aufzunehmen.
Emil saß ~Dr.~ Neumann in seinem Arbeitszimmer gegenüber.
Der Anwalt war nicht gerade ein schöner Mann. Aber er hatte, wie Emil
sich gestand, einen interessanten Kopf. Der Hinterkopf wuchs aus einem
bescheidenen Kränzlein schwarzer Haare spiegelblank und in der Form
eines Straußeneis. Die Nase saß ein bißchen nach links geneigt und
konnte sich bei leicht ironischen Bemerkungen zu einem merkwürdigen
Bogen ziehen, wobei der Mund eine listige Stellung annahm, als ob er
pfeifen wollte.
„Ich erkenne Sie sofort wieder,“ sagte ~Dr.~ Neumann, indem er
wohlgefällig, sich seines vorzüglichen Physiognomiengedächtnisses
freuend, nickte. „Sie sind der Herr, dem im vorigen Jahre der
Blumentopf in der Lietzenburgerstraße auf den Kopf fiel.“
Emil verneinte. Ihm sei Gott sei Dank noch nie etwas auf den Kopf
gefallen. Sein Name sei -- -- --
Aber schon unterbrach ihn der Rechtsanwalt, der den Widerspruch
zunächst stirnrunzelnd angehört hatte. Sein Gesicht hellte sich auf,
als er Emil abwehrend mit schöner Vertraulichkeit aufs Knie schlug und
meinte:
„Pardon, nein. +Nun+ weiß ich’s. Sie waren im Vorjahre bei mir wegen
des Wasserklosetts. Richtig! Nun, hat unser gepfefferter Brief an den
Hauswirt genützt, was?“
Emil beteuerte, auch mit dem Wasserklosett nicht dienen zu können. Sein
Name sei Emil Steinbrink. Von Beruf Maler. Er käme auch eigentlich
nicht in einer eigenen Angelegenheit, sondern ...
„Wegen des Kegelklubs?“
Nein, er kegele leider nicht, oder doch so schlecht, daß sich ein Klub
schwer dazu verstehen würde, ihn aufzunehmen. Die Sache sei vielmehr
die: Seine vortreffliche Freundin, -- er dürfe sie wohl so nennen --
Eleonore Eikötter sei plötzlich gestorben ...
Dr. Neumann schlug sich mit beiden flachen Händen heftig auf die
Schenkel. Vielleicht, daß dies seine Art war, tiefe, schmerzliche
Anteilnahme zu bezeugen. Vielleicht auch, daß er nur damit ausdrücken
wollte: „Ist’s die Menschenmöglichkeit! +So+ was kommt vor!“
Emil sprach weiter. Er erzählte von seiner Bekanntschaft mit der
vortrefflichen Eleonore, rühmte ihr schönes Talent, ihren Seelenadel,
ihr echt weibliches Empfinden und ging, da dieser Teil seiner Erzählung
den Anwalt nur mäßig zu interessieren schien, auf ihren plötzlichen Tod
über, auf sein und Adelgundes Wirken in der Wohnung und kam schließlich
auf den zufälligen Fund des merkwürdigen Kuverts mit dem letzten
Willen.
„Wie war doch der werte Name?“ fragte der Anwalt und putzte seinen
Kneifer.
Emil wiederholte den werten Namen sehr langsam und deutlich.
Das Angesicht des Anwalts hellte sich auf, wie vorhin, als er Emil
zweimal „erkannt“ hatte. In Emil stieg die leise Befürchtung auf, es
werde als ganzes Resultat seiner wohlgesetzten Erzählung etwa eine
neue Erkennungsszene mit Verwechslung stattfinden. Aber zu seinem
Erstaunen schlug sich der Anwalt wieder mit beiden flachen Händen auf
die Schenkel -- eine Bewegung, die ihm offenbar zum Ausdruck vieler und
widersprechender Gemütsbewegungen diente -- und wiederholte, als ob
ihm damit eine ungemein köstliche Erleuchtung aufgehe: „Steinbrink --
richtig: Emil Steinbrink!“
Da Emil nicht recht wußte, was er nun sagen sollte, verbeugte er sich
höflich und reichte dem Anwalt das Testament.
Der aber legte es achtlos auf die Tischplatte und indem er Emil
fixierte, als wolle er ihn hypnotisieren, fragte er:
„Sie kennen natürlich den Inhalt?“
„Ich? Nein.“
„Wirklich nicht?“
„Ich wußte nicht, daß ein solches Testament überhaupt existiert.
Fräulein Eleonore und ich sprachen meist nur über Kunst.“
„Nur über Kunst -- natürlich.“ ~Dr.~ Neumann lächelte ein wenig
ironisch, wie es Emil vorkam, als er dies „natürlich“ zweimal mit
Nachdruck wiederholte. Entweder er hielt von der Kunst nicht viel oder
gar nichts von Emils Aufrichtigkeit.
„Und, mein verehrter Herr Steinbock --“
„Bitte, Steinbrink.“
„Richtig, ja. Also, mein verehrter Herr Steinbrink, wenn ich Ihnen nun
sage, daß Fräulein Eleonore Eikötter dieses Testament erst ganz kurz
vor ihrem Tode gemacht hat. Vor ein paar Tagen erst. Hier bei mir.
Unter meinem Beistand. Am -- warten Sie.“ Er kramte in einer Schublade
und holte einen gefalzten Kanzleibogen heraus: „Hier haben wir’s: am
24. Mai gemacht. Nachmittags. Fräulein Eikötter kam sehr erregt zu mir
und bestand darauf, sofort ein rechtskräftiges Testament aufzusetzen.
Hier ist das Duplikat.“ ~Dr.~ Neumann versenkte interessiert seinen
Blick in das Papier. „Und hier -- richtig -- ich irre mich +nie+ in
solchen Dingen -- hier steht’s --“ Er sah wieder auf von dem Blatt:
„Sie also sind dieser Herr Emil Steinbrink.“
Emil wurde verlegen. Es war klar, von +ihm+ mußte etwas in diesem
Testament geschrieben stehen. Was denn wohl? Er faßte sich ein Herz.
„Hat Fräulein Eikötter vielleicht -- --“ er tippte sich fragend auf die
Brust ... „vielleicht auch +meinen+ Namen?“
„Allerdings, mein verehrter Herr Steinbrink.“
„Es handelt sich wohl um ein -- ein Bild.“
„Nicht bloß um ein Bild“.
Emil fühlte, daß ihm die Kehle trocken wurde.
„So. Hm. Also um -- mehrere Bilder.“
„Die Bilder sind natürlich einbegriffen.“
„Verzeihen Sie, Herr Doktor, was heißt, das ‚einbegriffen‘. In +was+
einbegriffen?“
„Nun in die Erbschaft.“
„Aha. Das heißt -- verzeihen Sie, ich bin darin Laie -- in +meine+
Erbschaft.“
~Dr.~ Neumann schlug sich nun gleich mehrmals rasch hintereinander auf
die Schenkel, was ein ziemlich beträchtliches Getöse gab.
„Aber, verehrtester Herr Steinbrink, wissen Sie das nun wirklich nicht?
Fräulein Eleonore Eikötter hat sie unterm 24. Mai unter Übergehung
ihrer Schwester, die nur Kleider und Schmuck, das Bett und den
Nachtschrank erben soll und zur Hälfte die von ihr gemalten Bilder --
zum Haupterben eingesetzt.“
„+Mich+?“
Wenn dem guten Emil in diesem Augenblick ein aus der Wand
herausspringender herkulisch gebauter Neger gemeldet hätte, S. M. der
Kaiser von Abessynien habe ihn zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem
Prädikat Exzellenz ernannt und bitte ihn einstweilen als Zeichen seiner
Gunst ein halbes Dutzend junger Leoparden als Geschenk anzunehmen, --
gewundert hätte ihn das weiter auch nicht mehr.
Er -- ein „Erbe“. Er -- ein „Haupterbe“.
„Das heißt,“ ~Dr.~ Neumann zog wieder das Papier zu Rate, „ganz so
einfach ist die Sache nicht.“
Emil hatte die Sache keinen Augenblick für „ganz einfach“ gehalten. Er
saß mit maßlosem Erstaunen da und wartete, wie sich die Angelegenheit
komplizieren sollte.
„Es muß da ein Köter sein -- ein Hund, nicht wahr? Ein Hund männlichen
Geschlechts?“
Emil nickte: „Flocki.“
„Richtig, Flocki. So ist er auch hier bezeichnet.“ Wiederum steckte
~Dr.~ Neumann die merkwürdige Nase in das Papier, dann las er --
mehr zu seiner Information, wie es schien, als für seinen mit offenem
Munde lauschenden Hörer das Folgende vor:
„Da ich die unverständige und unedle Lieblosigkeit meiner älteren
Schwester Adelgunde meinem Liebling Flocki gegenüber, der lange mein
bester und einziger Freund war, genugsam kenne, und da ich dieses
herzige Tier, das an Verstand und Güte manchen Menschen beschämt,
auch nach meinem Tode zum besten betreut wissen will, so bestimme ich
hierdurch: daß als mein +Haupterbe+ der mir befreundete Kunstmaler
Emil +Steinbrink+ zu betrachten sein soll. Und zwar soll genannter
Kunstmaler Emil Steinbrink die Nutznießung der Zinsen meines
Gesamtvermögens, dessen Kapital nicht angegriffen werden darf, so
lange haben, als mein Hund +Flocki+, den ich seiner sorgsamen Pflege
anvertraue, +am Leben ist+. An dem Tage, an dem mein guter Flocki
stirbt, gehört das Kapital zur Hälfte meiner einzigen Schwester
Adelgunde, zur andern Hälfte soll es der Kunstgenossenschaft zufallen
mit der Auflage, alljährlich von den Zinsen einen hierfür besonders
begabten Stipendiaten nach Holland zu schicken, um die herrlichen Werke
von Melchior d’Hondecoeter, Jan Davidy de Heem, Rachel Ruysch und Jan
Weenix mit Fleiß zu studieren.“
* * * * *
Wie Emil aus dem Zimmer des Anwalts herausgekommen war, das wußte er
selbst später nicht mehr zu sagen. Selbst daß er in der Verwirrung
vom Kleiderhaken im Vorzimmer einen falschen Hut abgehängt hatte,
dem Geruch nach offenbar die fettige Kopfbedeckung des pomadisierten
Schreibers, merkte er erst einen Tag später.
Sein Herz strömte über von Dankbarkeit. Haupterbe -- Zinsen --
Nutznießung -- all diese neuen Begriffe wirbelten ihm nur so im Kopf
herum. Er wußte, Eleonore war so gestellt gewesen, daß sie ganz
behaglich leben konnte, auch ohne je eins ihrer Bilder zu verkaufen.
Das würde also jetzt +sein+ Los sein. Ein Nabob! Nun konnte er die
+ganze+ Welt violett sehn, so lang es ihm paßte. Das heißt ...
Sinnend stand er an einem Laden still. Es war zufällig ein ganz
bescheidenes, kleines Käsegeschäft und eigentlich an den aufgestapelten
runden und eckigen Käsen nicht viel zu sehen. Emil wollte auch durchaus
nicht seine Schaulust befriedigen. Nur nachdenken wollte er, ungestört.
Er bohrte seinen Blick in einen großen Holländer Käse und überlegte.
Lebenslänglich war die „Nutznießung“ nicht. Nur solange Flocki ...
Hm. Flocki war gesund. Gewiß. Gesundheit war eigentlich seine einzige
Tugend. Sofern man diesen naturgemäßen Zustand eine Tugend nennen kann.
Na ja. Flocki konnte alt werden, ein Hundegreis, ein Patriarch des
Viertels. Er hatte von Hunden gehört, die zwanzig Jahre alt geworden
waren. Allerdings, sie waren taub und blind und rochen sehr übel. Aber
schließlich -- sie +lebten+. Darauf kommt’s an. Normal war freilich
ein solches Alter nicht. Was war wohl das normale Alter eines gesunden
Hundes. War das bei den einzelnen Rassen verschieden, oder --?
Der Besitzer des Käseladens hatte mit Interesse den seltsamen Mann vor
seinem Erker stehen sehen, der nun schon seit zehn Minuten den starren
Blick in den Holländer Käse bohrte. Er war behutsam in die Ladentür
getreten und, entschlossen dem offenbar Unschlüssigen die Entscheidung
zu erleichtern, erläuterte er im herzlichen Ton:
„Echter Edamer. Kann ich Ihnen sehr empfehlen. Darf ich Ihnen
vielleicht ein Viertelchen --?“
Emil fuhr jäh aus seinen Meditationen auf. Er konnte sich nicht ohne
weiteres in die nüchterne Wirklichkeit zurechtfinden und fragte
verwirrt: „Edamer -- was ist Edamer?“
Der Händler lachte. „Nu der Käse da, den Sie die ganze Zeit so verliebt
anstarren. Soll ich Ihnen ein Stück abschneiden?“
In diesem Augenblick kam ein sehr ruppiger schwarzer Spitz aus dem
Laden und rieb sich leise knurrend am Bein seines Herrn.
Wie hypnotisiert starrte Emil auf den Köter. Langsam, wie unter einem
unerklärlichen Zwang, kam es von seinen Lippen:
„Käse -- nein. Aber -- -- aber können Sie mir vielleicht sagen, wie
+alt+ ein gesunder Hund werden kann?“
* * * * *
Etwa ein halbes Jahr nach diesem denkwürdigen Nachmittag traf ich
zufällig mit Emil zusammen. Wir waren Schulkameraden gewesen und ein
gemeinsamer tiefer Haß gegen die Mathematik hatte uns einander näher
gebracht. Wenn trigonometrische Klassenarbeiten geschrieben wurden, war
ich sein Trost und er der meine. Und die Note 5 in Verbindung mit einer
Stunde Arrest war uns +beiden+ sicher.
Später hatten wir uns aus den Augen verloren. Ich hatte in
Süddeutschland studiert, er hatte in Norddeutschland gemalt. In einem
„Salon der Zurückgewiesenen“ hatte ich mal zufällig ein Bild von ihm
gefunden, das mir durch eigentümlich violette Kühe auffiel. Dann war
sein Name wieder zurückgesunken in den Nebel, der tausend Dinge und
Menschen umspinnt, die uns einmal etwas bedeutet haben, ja vielleicht
lieb und teuer waren.
Und nun stand er plötzlich leibhaftig vor mir. In der Potsdamerstraße
vor einem unscheinbaren Geschäft, in dem Vogelfutter und Hundekuchen
unter einem Haufen schmutziger Käfige mit ruppigen Waldvögeln, denen
man noch die rohen Griffe der Fallensteller ansah, aufgestapelt lagen.