Todesfalls, gebrauchte alsbald heftige Ausdrücke gegen „miserable
Tierquäler“, „mitleidlose Barbaren“ und „unerzogene Menschen“.
Bemerkungen, die der Herr mit dem Geflügelknochen leider auf +sich+
beziehen mußte. Er wischte sich denn auch sofort die fetten Finger an
der Serviette ab, sah durch eine sanftblaue Brille die erzürnte Dame
von der Seite an und gab ihr -- natürlich ohne sich vorzustellen -- den
wohlmeinenden Rat, ihren Köter besser zu erziehen.
Eleonore, die gerade auf Flockis Erziehung sehr stolz war, setzte
leider, aufs neue gereizt, das unersprießliche Gespräch durch die
spitze Bemerkung fort, daß es mehr unerzogene Geschöpfe auf +zwei+
Beinen, als auf vier Beinen gebe. Und obschon Eleonore, als sie diesen
allgemeinen Vorwurf aussprach, dem Herrn mit dem Geflügelknochen
dicht am Ohr vorbei sah, bezog dieser ungemütliche Mann die Äußerung
doch wiederum auf sich. Er nannte nunmehr Flocki „eine unglückliche
Kreuzung von einer Fischotter und einem Schaukelpferd“ und sprach den
Verdacht aus, daß diese Mißgeburt beträchtliches Ungeziefer habe.
Seine von keinerlei Sympathie getragenen Betrachtungen über Flocki
und Flockis Geschlecht gipfelten in dem mit apodiktischer Sicherheit
abgegebenen Spruch, derartige Geschöpfe gehörten in keine anständigen
Lokale, und es sei noch zweifelhaft, ob man den Wirten, die sie zur
Unbequemlichkeit ihrer Gäste dennoch hereinließen, nicht juristisch und
strafrechtlich beikommen könne.
Das war der Moment, in dem der Wirt sich in das Gespräch mischte.
Nicht eigentlich in den Streit. Denn das Gebot solonischer Weisheit,
daß der Athener in jedem Streit zwischen Zweien Partei ergreifen müsse,
schien ihm außerhalb des alten Athens keine Geltung zu besitzen. Oder
er kannte es überhaupt nicht. Er beschränkte sich also darauf, milde,
beruhigende Worte an Eleonore zu richten und ähnliche Ermahnungen an
den Herren mit dem Geflügelknochen.
Als dieser ihn aber ärgerlich einen „alten Trottel“ nannte, ohrfeigte
er unverzüglich den Pikkolo, der sich an dieser häßlichen Bemerkung des
Herrn mit dem Geflügelknochen unziemlich erfreut hatte. Dann ging er
nach dem Büfett, um das rothaarige Büfettfräulein anzuschreien, was ihm
die am meisten ungefährliche Art erschien, seinen Ärger los zu werden,
ohne dabei einen zahlungsfähigen Gast zu kränken.
In Emils Seele wallten während dieser Szene allerlei ritterliche
Gefühle. Von dem Entschluß, dem Herrn mit dem Geflügelknochen
Ohrfeigen anzubieten, hielt ihn die kluge Einsicht zurück, daß dieser
unangenehme Mensch einen geradezu athletischen Körperbau zeigte. Eine
Pistolenforderung schien ihm aussichtslos. Und dann, er hatte niemand
zur Hand, der sie überbracht hätte. Auch wußte er nicht, ob der Herr
mit dem Geflügelknochen nicht etwa ein Kunstschütze war. Und da er nun
so gar nicht ahnte, was er in dieser peinlichen Situation unternehmen
sollte, machte er sich wichtig und umständlich mit Flocki zu schaffen,
der sich immer noch in der Rolle des Gekränkten gefiel.
„Gehen wir,“ sagte Eleonore plötzlich. Und Emil war herzlich froh, daß
die unerquickliche Unterhaltung zu Ende war.
Der Pikkolo, der an seinen Tränen schluckte, riß ihnen die Türe
auf. Und hinter der wie eine siegreiche Königin einherschreitenden
Eleonore gewann Emil sehr zu seiner Erleichterung die freie Luft. Eine
neugierige Wendung hatte ihm noch gezeigt, daß der Feind, der sie
vertrieb, bereits seinen Geflügelknochen wieder ergriffen hatte und an
ihm herumnagte, als sei gar nichts geschehen.
Eleonore war schweigsam auf dem Weg zu den Ateliers. Nur einmal machte
sie plötzlich die, wie es schien, mehr für sich selbst als für Emil
bestimmte Bemerkung, sie habe vor drei Jahren in der Schweiz am Genfer
See einen Herrn aus St. Gallen an der Table d’hote getroffen, der das
zarte Geflügelfleisch so unmanierlich von dem Knochen abgelutscht habe,
daß sie sowohl, wie zwei alte holländische Damen die Pension gekündigt
hätten. Aber noch in Basel habe sie von diesem Menschen und seiner
barbarischen Art, zu essen, geträumt.
Emil, der froh war, daß ein Gespräch in Fluß kommen sollte, wollte die
spaßhafte Geschichte erzählen vom Schah Nasr-eddin, der beim Galadiner
in London die Spargelreste hinter sich warf. Aber Eleonore belehrte ihn
mit einem strengen Blick, dies sei eine Geschichte, die nicht hierher
passe. Sie rede von europäischer Flegelei und von Geflügelknochen.
Einem asiatischen Despoten verzeihe sie viel, einem Mitteleuropäer
wenig.
Und Emil dachte im Weitergehn darüber nach, wie dieses milde Urteil
Eleonorens wieder einmal den alten Erfahrungssatz bestätige, daß die
Stellung eines asiatischen Despoten ihre großen Annehmlichkeiten habe.
Nur Flocki hatte sichtlich alle trüben Erinnerungen von seiner Seele
geschüttelt und war von erfrischender Spaßhaftigkeit. Er erschreckte
artige Schulkinder durch Sprünge und unmotiviertes Gebell bis zu
Tränen, begleitete eine gelbe Postkutsche eine Strecke weit mit
beträchtlichem Lärm durch viele Pfützen, interessierte sich für die an
einem Laden in Körben ausgelegten Schellfische mehr, als dem Besitzer
lieb war, und mischte sich dann arglos unter das Publikum.
Im Atelier, als ihn Eleonore streicheln wollte, erwies es sich, daß
er auch Zeit gefunden hatte, an einer offenbar frischgestrichenen
Laterne zu rasten und daß ein nicht unbeträchtlicher Teil seiner linken
Körperseite dick mit grüner Ölfarbe bestrichen war.
* * * * *
Am folgenden Tag kam Eleonore nicht ins Atelier.
Der Portier, der bereits wieder bewundernd vor einem erst angefangenen
aber schon sehr violetten Bilde in Emils Malerwerkstatt stand, als
der junge Künstler, ein wenig verkatert von einem üblen Trunk, den
er am Abend zuvor getan, die Türe öffnete, überbrachte ihm ein
Billettchen der Freundin. Ein halbwüchsiges Mädchen, das in der kleinen
Privatwohnung Eleonorens die Aufwartedienste tat und in Erfüllung
dieser Obliegenheiten für dreimal soviel Geld zerschlug, als ihr
Lohn ausmachte, hatte das Briefchen gebracht. Es war mit Bleistift
geschrieben und enthielt nur diese wenigen Zeilen:
„Lieber Freund!
Ängstigen Sie sich nicht. Mir ist nicht wohl. Vielleicht war es die
Aufregung gestern. Aber ich fühle, daß ich fiebere und habe häßliche
Gliederschmerzen. Ich will einen Tag im Bett bleiben und denken, es
macht sich rasch wieder. Vielleicht nehmen Sie Flocki heute mit zum
Mittagessen?
Das Mädchen wird Sie pünktlich um ein Uhr mit dem lieben Tier vor der
Haustür erwarten. Sie holt ihn dann gegen Abend bei Ihnen im Atelier
ab. Aber wenn’s Ihnen Mühe macht oder Verdruß -- dann natürlich nicht.
Lüften Sie bitte ein bißchen in meinem Atelier. Und seien Sie schön
bedankt und gegrüßt von Ihrer
Eleonore Eikötter.“
An diesem Tag also aß Emil mit Flocki allein zu Mittag.
Es war ein trübseliges Diner. Er kam sich ganz vereinsamt vor. Um so
vereinsamter, als Flocki viel an andern Tischen hospitierte. Auch
der Herr mit dem Geflügelknochen war wieder da. Er aß aber diesmal
Sardellenklopps, was die Situation erleichterte.
Als das Mädchen am Abend kam, Flocki zu holen, berichtete sie, Eleonore
friere und mache gar merkwürdige Sprüche. Der Arzt sei dagewesen und
habe auf einem langen schmalen Zettel eine Medizin verschrieben. Sie
sehe aus wie Himbeersaft und koste 3,50 Mk., was sie -- Dortchen --
für eine Gemeinheit des Apothekers halte. Eleonore solle alle Stunde
einen Eßlöffel nehmen, und sie -- Dortchen -- müsse deshalb sofort
mit Flocki nach Hause. Für die Nacht habe sie ernste Befürchtungen,
da Eleonore die sonderbarsten Reden über eine Hummerschere und einen
Geflügelknochen führe. Sie -- Dortchen -- gehe deshalb stark mit dem
Gedanken um, den Laufburschen vom Bäcker gegenüber, der übrigens ein
sehr anständiger Mensch sei und eine derartige Bitte gewiß nicht
mißverstehen würde, zu ersuchen, mit ihr in der Nähe der Kranken zu
wachen. Augenblicklich sei die dicke Portiersfrau bei Eleonore, eine
unangenehme, geschwätzige Frau, die, wie man sich in der ganzen Straße
erzähle, mit dem Portier gar nicht richtig getraut sei, sondern „bloß
so“ zusammenwohne, was besonders deshalb sehr verwerflich sei, weil
der Portier schon morgens früh nach Kornschnaps röche und in ganz
roher Weise selbst auf die Treppen spucke, was doch allen andern im
Treppenhaus Verkehrenden durch Anschlag verboten sei.
Nachdem sie alle diese interessanten Mitteilungen ohne Punkt und
Semikolon gemacht hatte, entfernte sie sich sichtlich erleichtert mit
Flocki und ließ Emil mit sehr violetten Gedanken unter seinen Bildern
zurück.
Am nächsten Tage hörte er nichts von Eleonore. Er konnte es sich nicht
verhehlen, er war ernstlich beunruhigt.
Und als es sechs Uhr abends war und er immer noch ohne Gruß und
Nachricht war, ging er nach ihrer Wohnung. Erst umkreiste er in
gemessenem Schritt das Haus mehrfach, bis er das Mißtrauen sämtlicher
Portiers der Nachbarschaft erweckt hatte. Dann faßte er einen
raschen Entschluß, trat ein und stieg die Treppen. Ein Jüngling mit
vorstehenden grasgrünen Zähnen öffnete ihm die Tür und stellte sich
als der Laufbursche vom Bäcker vor, der eben mal ’rübergekommen sei,
um nach dem Rechten zu sehen. Dortchen, das tüchtige Mädchen, sei in
der Apotheke. Es stehe schlimm mit dem Fräulein. Der Arzt sei sogar
zweimal dagewesen, aber sie halte ihn unbegreiflicherweise für einen
Kaminkehrer -- vielleicht weil er der vielen Trauer wegen, die sein
Beruf bringe, so schwarz angezogen sei -- und wollte gar nichts von
ihm wissen. Auch Flocki erkenne sie nicht mehr. Sie behaupte, er
sei eine sibirische Fischotter und befehle unaufhörlich, ihn mit
lebendigen Sardellen zu füttern. Was den schwarzgekleideten Doktor
anbetreffe, so sei das zweifellos ein sehr gelehrter Herr, aber leider
wenig mitteilsam. Er habe dem Dortchen bloß gesagt, sie solle das
Rezept in die Apotheke tragen und dann schleunigst die Schwester --
nämlich von der Kranken, nicht von Dortchen, die nur einen Bruder
habe -- verständigen, daß es nicht zum Besten um die Kranke stehe.
Übrigens sei das Kranksein für vermögliche Leute nicht mit so vielen
Unannehmlichkeiten verbunden, wie für arme Teufel. Er habe z. B.
eine Tante gehabt, die sei am kurzen Atem gestorben und habe vorher
herzzerbrechend gejammert und geklagt. Und er sei überzeugt, daß sich
das mit dem kurzen Atem gegeben hätte, wenn die Tante zufällig mit
einem Kommerzienrat im Tiergartenviertel verheiratet gewesen wäre,
anstatt mit einem Chausseearbeiter in Alt-Moabit.
Gerade als der Jüngling mit den grünen Zähnen dabei war, Emil auch
noch von diesem Onkel Rührendes zu erzählen, der dann als Witwer sehr
interessante Erlebnisse mit einer Obstfrau am Spittelmarkt hatte,
leuchtete Adelgundes kanariengelber Hut die Treppe hinauf. Hinter ihr
keuchte Dortchen, die sehr erhitzt aussah und in einemfort redete, ohne
zu verlangen, daß ihr jemand zuhörte.
Adelgunde war zunächst der Ansicht, daß Eleonore bestimmt gewußt
habe, daß sie -- Adelgunde -- heute abend ihr Whistkränzchen bei der
einäugigen Steuerrätin habe, und daß sie sich deshalb diesen Tag zum
Krankwerden ausgesucht habe. Rein aus Schikane.
Als aber Adelgunde nach kurzer Zeit aus dem Krankenzimmer auf den
Flur trat, wo Emil im Dunkeln auf einer hügeligen Holzkiste sitzend
voll Unruhe auf ihre Mitteilungen gewartet hatte, da war sie doch
recht ernst. Eleonore hatte die Schwester in ihren Phantasien für die
merkwürdige George Sand gehalten, deren Lebensbeschreibung sie kurz
vorher gelesen hatte, und mit Beziehung auf ihren gelben Hut gesagt,
sie finde es sehr lustig, daß so eine große Schriftstellerin einen
Eierkuchen auf dem Kopfe trage.
Sehr bekümmert schlich Emil davon. Er hätte so gern irgend etwas für
die kranke Freundin unternommen. Aber es blieb da nichts zu tun. So
ging er in sein Heim, legte sich ohne Abendessen zu Bett und warf
sich den größten Teil der Nacht von einer Seite auf die andere,
ohne schlafen zu können. Als er aber gegen Morgen doch noch etwas
einduselte, träumte er, Flocki sitze mitten auf seiner Brust und knurre
ihn, den struppigen Kopf auf die Seite gelegt, boshaft und feindselig
an. Und Flocki wurde immer schwerer; schon wie ein Kalb, wie ein
Pferd, wie ein Elefant. Emil spürte deutlich, wie seine Rippen im
Brustkorb krachend zersprangen unter der wachsenden Last von Flockis
märchenhaftem Gewicht ...
Als er um 9 Uhr aufwachte, stand der Jüngling mit den grünen Zähnen an
seinem Bett. Wie er hineingekommen, bleibt ein Rätsel. Der angenehme
junge Mann trug keinen Kragen und roch bedenklich, als ob er sich statt
mit Kaffee mit einem nicht zu knappen Schluck Branntwein erfrischt
hätte. Das Wesentlichste seines etwas verworrenen Berichtes lautete:
Es gehe Eleonore sehr übel, und der schwarzgekleidete Arzt gebe
wenig Hoffnung. Dortchen habe gemeint, der Herr Maler interessiere
sich dafür, und so sei er rasch hergekommen. Er habe übrigens die
Elektrische benutzen müssen -- auch auf dem Rückweg könne er dieses
Verkehrsmittel nicht entbehren --, wodurch ihm Unkosten von zwanzig
Pfennigen entstanden seien.
Emil entließ den Jüngling, der ihm antipathisch war, mit einem
50-Pfennigstück als Belohnung und zog sich rasch an. Ihm war sehr
seltsam zumute. Eleonore war ihm ein lieber Kamerad gewesen, und es
schien ihm, als ob er sie zu seiner Kunst brauche, wie sie ihn.
Er hatte sich an sie gewöhnt, und es hatte ihm auch geschmeichelt, daß
diese selbständige, pekuniär unabhängige Dame, die schließlich Verkehr
genug gefunden hätte, gerade auf sein Urteil, sein Gespräch und seine
Gesellschaft besondere Stücke zu halten schien. Etwas in seinem Leben
war aus dem Gleichgewicht gekommen durch ihre Krankheit; und es kam ihm
vor, als ob er ihr irgendwie helfen könne und müsse.
Er konnte +nicht+ helfen.
Auf der Treppe von Eleonorens Wohnung begegnete er dem Arzt. Der
betrachtete auf seine ängstliche Frage erst längere Zeit Emil
aufmerksam durch seine Brillengläser, dann nicht minder aufmerksam
seine eigenen Fingernägel, um schließlich mit einem: „Ja, ja,
Verehrtester, +hoffen+ wir!“ an ihm vorbei die Treppe hinunter zu
steigen.
Aus diesem Ausspruch, dem auch ein medizinisch besser Vorgebildeter
keine klare Diagnose hätte entnehmen können, schöpfte Emil nichts
weniger als Hoffnung und Zuversicht. Wenn keine Gefahr war, hätte
der Doktor gewiß nicht solange schweigend seine eigenen Fingernägel
betrachtet, an denen nicht die geringste anatomische oder ästhetische
Besonderheit zu bemerken war.
Oben wirkte Adelgunde. Das heißt, da die Kranke selbst im Fiebertraum
liegend eigentlich sehr wenig Gelegenheit gab, eine energische
Wirksamkeit, die zu üben Adelgunde gekommen war und den kanariengelben
Hut abgelegt hatte, zu betätigen, so beschränkte sich die Hilfreiche
darauf, unzählige Gegenstände von ihrem offenbar sinnvoll gewählten
Platz zu entfernen und an einen andern zu stellen. Wobei sie mit jener
gedämpften Behutsamkeit zu Werke ging, die in ihrer Absichtlichkeit
einen Kranken, der das Bewußtsein noch nicht ganz verloren hat,
besonders heftig erregen muß.
Auch Emil mußte sofort helfend zur Hand gehn. Es tat ihm in seiner
Besorgnis wohl, daß er irgend etwas in der Nähe der Kranken tun konnte,
ohne allerdings recht einzusehen, warum er gerade die kümmerlichen
kleinen Palmen und fast entblätterten Geranien aus dem engen Wohnzimmer
auf den Vorplatz tragen und das eiserne Schirmgestell vom Vorplatz
auf den bescheidenen Balkon setzen mußte. Aber Adelgundes gedämpfte
Feldherrnstimme ordnete das alles mit solcher Sicherheit an, daß wohl
ein tiefbedeutungsvoller Plan diesen wunderlichen Verrichtungen
zugrunde liegen mußte.
Als sich Emil bei solcherlei Geschäften, immer auf den Zehen
schleichend wegen der Kranken, tüchtig in Schweiß gearbeitet hatte,
erwies es sich, daß es Zeit war, Flocki an die frische Luft zu
führen. Eine Aufgabe, zu der sich wieder niemand besser eignete als
Emil. Als er Flocki, der Veranlassung genommen hatte, am Rade eines
Flaschenbierwagens sich reichlich das Fell mit Teer zu besudeln, wieder
oben ablieferte, erfuhr er, daß Eleonorens Fieberthermometer unter der
Achselhöhle 40,1 anzeige. Also sehr hohes Fieber.
Er hörte auch durch die halbgeöffnete Tür die kranke Freundin
phantasieren. Sie erzählte in heiseren, abgehackten Sätzen, daß sie,
sobald die Tage schöner würden, nach Delft zu Pieter de Hooch reisen
wolle, um dem Verschmitzten seine Beleuchtungseffekte abzugucken.
„Wer ist denn das?“ fragte Adelgunde leise den Maler.
„Das ist ein Maler aus Rembrandts Schule. Mehr als zweihundert Jahre
tot.“
Adelgunde nickte nur. Sie hatte vermutet, daß der Mann tot war. Nach
einer Weile forschte sie weiter.
„Sie hat vorhin auch immer von einem gewissen Hundeköter gesprochen?
Ich dachte erst, sie meint Flocki, aber es scheint fast -- --“
Der Maler nickte. „Ganz recht. Melchior d’Hondecoeter, der feine
Geflügelmaler aus dem Haag ...“
Und als hätte sie’s gehört, schrie plötzlich die Kranke: „Ich will auch
Enten malen, wie Hondecoeter. Und Flocki soll die Knochen haben. Alle
Knochen soll Flocki haben -- alle!“
* * * * *
Eleonore Eikötter hat keine Enten mehr gemalt. Weder wie Hondecoeter,
noch minder talentvoll.
In der Nacht ist sie eingeschlafen, so gegen drei Uhr, was die bei
ihr wachende Adelgunde so sehr beruhigte, daß sie bald ebenfalls
einschlief. Nur mit dem Unterschied, daß Adelgunde kurz nach sieben
wieder aufwachte. Eleonore aber wachte nicht mehr auf.
Sie lag ganz blaß und mit einer seltsam zugespitzten Nase, ein wenig
jenem Jugendbilde wieder ähnlich, das die Erbtante entzückt hatte, in
ihren reinlichen Kissen und war bereits mehrere Stunden tot, wie der
rasch gerufene Arzt konstatierte ...
Das Benehmen Flockis war durchaus pietätlos in diesen trüben Stunden.
Man erzählt, daß edle Hunde tief und ehrlich, wie Menschen, um ihren
Herrn trauern, ja, daß sie keinen Bissen annehmen tagelang. Und
mehr als ein Fall gilt als gutbeglaubigt, in dem so ein treues Tier
auf dem frischen Hügel seines Herrn in Wind und Wetter Wache hielt
und schließlich elend verhungerte. Solchen erschütternden Neigungen
war Flocki durchaus nicht unterworfen. Verschiedene Kränze, die
am Morgen abgegeben wurden, genierten ihn zwar sichtlich, und die
scharfriechenden Tuberosen brachten ihn zum Niesen. Das war aber auch
alles, was an Veränderungen an ihm zu merken war. Im übrigen war er
gefräßig wie nur je, verfolgte nach wie vor den Briefträger mit seinem
Haß und machte sich bei den Zimmerleuten, die wegen des Sarges kamen,
angenehm, da er das Wurstfrühstück roch, das die Männer in der Tasche
hatten.
Emil half Adelgunde bei all den trübseligen Verrichtungen, die der Tod
eines Menschen seinem Nächsten aufbürdet.
Der zur standesamtlichen Meldung nötige Geburtsschein Eleonores war
lange nicht zu finden. Adelgunde, die ein zu enges Trauerkleid gekauft
hatte und die Arme nicht bewegen konnte, ohne daß es in allen Nähten
krachte, bat Emil, in den tiefen Schubladen des Schreibtisches mit
seinen langen und an keiner Bewegung gehinderten Armen danach zu
fischen.
Während sie ernst beaufsichtigend dabei stand, zog Emil die seltsamsten
Dinge aus diesen peinlich sauber mit blauem Seidenpapier ausgelegten
Fächern. Fast kam es ihm wie ein Unrecht an der toten Freundin vor,
daß er hier so offen ausbreitete, was sie in all ihren Gesprächen
schamhaft verschwiegen. Da war das schon vergilbte Bild eines Herrn,
der sich durch ein paar vorbildlich schöne Tiefquarten im hübsch
ausrasierten Kinn als akademischer Bürger auswies. In der Nähe dieses
Porträts, an dessen Rand eine Dedikation ausradiert schien, fanden sich
ein paar getrocknete Blumen vor, die in Emils Fingern leise knisternd
zu Staub zerfielen. Ein Gedichtsbändchen: Rückerts Liebesfrühling,
der viel angestrichene Verse zeigte. Ein paar geknickte Tanzkarten,
die in Schmuck und Druck die ganze Geschmacklosigkeit einer kleinen
Stadt und in der Kritzelschrift die Autogramme vieler unbekannter
Kavaliere aufwiesen ... Wieviel Freude und Weh mochte für die Tote an
all diesem wertlosen Kram gehaftet haben, daß sie ihn so lange unter
sauberem Seidenpapier, von bunten Bändchen umschlossen, bewahrte! Die
traurig-sehnsüchtige Weise des alten Volksliedes zog Emil durch den
Sinn: Lang, lang ist’s her -- lang ist’s her ...
Nebenan im Sterbezimmer aber stand die Portiersfrau im ganzen
fassungslosen Schmerz solcher ungebildeten Leute, die in jedem Toten
schon ihr eigenes nahes Ende beklagen, und schluchzte, während sie der
Toten einen Veilchenstrauß in die kalten Finger stopfte, immer wieder:
„Nein doch, nein -- jetzt -- jetzt sieht man’s erst, wie +schön+ sie
einmal gewesen sein muß, das liebe Fräulein!“
Schön --? Wer weiß. Aber jung -- gewiß einmal jung. Mit allen
Torheiten, Hoffnungen, Seligkeiten der Jugend, mit all den Träumen, die
nicht davon wissen, daß dies Leben einmal, kaum beweint und ohne eine
Lücke zu lassen, zwischen schlechten Bildern endigt. Aber weit zurück
lagen die Träume ... Und als Emil den Geburtsschein endlich, in ein in
lila Sammet gebundenes Konfirmationsbüchlein versteckt, gefunden hatte,
las er nicht ohne Erstaunen die Jahreszahl ...
Bei dem Suchen nach dem Geburtsschein war übrigens ein anderes
wichtiges Papier den beiden in die Hände gekommen. Ein mit einem
Rembrandtkopf zugesiegeltes Kuvert, das ganz obenauf in der
Mittelschublade lag und in Eleonorens starker Handschrift, deren
Energie sogar in diesen langen Buchstaben mit einer gewissen stolzen
Absichtlichkeit betont schien, die Aufschrift trug: „+Mein Testament+“.
Als alles auf dem Standesamt, mit Schreiner, Pfarrer und Blumenhändler
für das Begräbnis geordnet war, fand Adelgunde dieses Kuvert auf dem
Topf einer kleinen Dattelpalme wieder, wohin sie es in der Eile beim
Suchen nach dem momentan wichtigeren Geburtsschein gelegt hatte.
Eine Weile betrachtete sie es unschlüssig. Dann ging sie an die Tür
und rief nach Emil, den sie in diesen Tagen wie einen anstelligen
Haushofmeister zu behandeln gelernt hatte, und der in den kleinen und
kleinlichen Besorgungen für das Begräbnis seinen ehrlichen Schmerz
betäubte und die innere Leere zu vergessen suchte, die ihm der Heimgang
der einzigen Freundin seiner Person und seiner violetten Kunst
hinterlassen hatte.
Emil verhandelte gerade an der Flurtüre mit einem etwas angetrunkenen
Herr, der behauptete, früher Kantor an der Simonskirche gewesen
zu sein, und sich eifrig erbot, mit drei andern, ebenfalls sehr
talentvollen Sängern, die einen guten schwarzen Rock besäßen, für 20
Mk., worauf allerdings ein Vorschuß zu zahlen sei, und zwei Flaschen
Weißwein (roten trinke er nicht) einige Quartette zum besten zu geben,
ohne die eine „anständige Leiche“, wie er versicherte, „überhaupt nicht
mehr bestehen könnte“.
Als Adelgunde, einen nicht zu überhörenden strengen Vorwurf im Ton, zum
dritten Male rief, schob Emil den angesäuselten Quartettsänger sanft
aus dem Korridor und schloß die Tür, hinter der man den ehemaligen
Kantor der Simonskirche noch einige sehr kräftige, aber unhöfliche
Worte sprechen hörte, ehe er einige Proben seiner Gesangskunst gratis
spendend die Treppe hinunterstolperte.
„Hier ist eine merkwürdige Sache,“ meinte Adelgunde, als Emil zu ihr
trat und deutete auf das Kuvert. „Lesen Sie die Aufschrift!“
Emil hatte sie schon gelesen. Er war es ja überhaupt gewesen, der das
Papier gefunden hatte.
„Was meinen Sie?“
Emil meinte zunächst +nichts+. Das war so in schwierigen Fällen seine
vorsichtige Gewohnheit.
„Ich denke,“ fuhr Adelgunde etwas ärgerlich über sein Schweigen fort,
„Sie werden mir doch irgendeinen intelligenten Vorschlag machen können.“
Emil konnte keinen intelligenten Vorschlag machen. Sein Gesicht
täuschte in diesem Moment nicht darüber. Er hatte noch nie ein
Testament in der Hand gehabt und hatte sein Gehirn niemals mit ernsten
Erwägungen, was etwa mit solchem wichtigen Papier nach dem Tode des
Erblassers zu geschehen habe, belastet.