Die Luft war dicht, und die Berge — auch die nahen — waren blau. Die

Sonne war des Morgens rot wie das verdorrte Blatt einer Buche, dann

blaß und glanzlos, so daß man ihr ins Gesicht sehen konnte. Matt kroch

sie hin über die graue Wüste des Himmels, als wäre sie erschöpft vor

Durst. Gegen Abend stiegen häufig scharfgeränderte, glänzende Wolken

auf; die Leute fingen zu hoffen an, aber es kam ein Luftzug, und am

anderen Morgen waren die Wolken vergangen und der nächtliche Tau

aufgesogen.

Draußen im Dorfe wurde ein Bittag um Regen angeordnet. Da strömten

aus unserem Walde die Leute davon, nur der alte Knecht Markus und ich

blieben im einsamen Hause, und der Knecht sagte zu mir: „Wenn das

schön Wetter gar ist, wird’s regnen, was hilft der Bittag! Wenn uns ein

Herrgott hergesetzt hat, so wird er keinen schwachen Kopf haben und

unser vergessen. Und hat er keinen Kopf, so daß er die Welt nur mit den

Händen zusammenstellt und mit den Füßen auseinandertritt, nun, so hat

er auch keine Ohren. Wofür hernach das Geschrei! Sagst du nicht auch

dasselb’, Bübel?“

Leute, was läßt sich drauf sagen! „Der Knecht Markus ist ein alter

Spintisierer“ — das läßt sich drauf sagen.

Jetzt sprang der Riegelberger Halter zur Tür herein. Er war vor

Aufregung sprachlos, durch das Fenster wies er mit beiden Zeigefingern

auf den Rücken des Filnbaumwaldes hin. Der Knecht sah es und schlug die

Hände zusammen.

Dort hinter dem Waldrücken stieg ein riesiger Wirbel von rotem Rauch

auf und verfinsterte den Himmel.

„Das kann ein Unglück geben!“ rief der Markus, langte nach einer Axt

und eilte davon.

Der Rauch flutete immer heftiger auf und wurde immer breiter und

dichter. Ich fing doch das Geschrei an, dem der Knecht keine Bedeutung

beilegen wollte. Es hatte auch keine, wie sich’s wies.

An den sonnigen Lehnen des Filnbaumschlages war’s gewesen, wo das

dürre Gestrüppe lag. Nahe, wo der halbverdorrte Lärchenanwuchs begann,

war die Flamme entstanden, kein Mensch wußte wie. Zuerst mochte sie

leicht hingehüpft sein von Reisig zu Reisig, dann empor von Ast zu

Ast mit flatternden Flügeln. Plötzlich entfaltet das Element seine

wilde Gewalt, seine roten, siegreichen Fahnen. Der Wald wird höher

und dichter, an dem Geäste hängen lange Moosflechten nieder, und

die vor wenigen Jahren von einem schweren Hagelschlage geschädigten

Stämme sind harzig bis hinauf zu den Wipfeln. Hei, wie die feurigen

Zungen lechzen und emporlodern! Und in den Gründen züngeln sie wie ein

Schlangengezücht, und allerseits beginnt sich ein fürchterliches Leben

zu entwickeln.

Die wenigen Holzhauer rennen in Verwirrung herum und fluchen und rufen

nach Hilfe. Aber der Wald und seine Hütten sind menschenleer, alles

ist bei der Bittprozession. Bis sie nach Stunden endlich kommen, ist

der Hochwald im Brande. Das ist ein Fiebern und Zittern in der Luft,

ein Krachen und Prasseln weithin; Äste stürzen nieder, Stämme brechen

zusammen und sprühen noch einmal auf in den wogenden Rauch. Hohl

brüllend, blasen glühende Luftströme durch das Gehölz; die Flammen

erzeugen sich selbst den Sturm, auf dem sie fahren. O gewaltiges,

nimmersattes Element! Es zehrt, solange es lebt, und lebt, solange es

zehrt, es verzehrt die Welt und, wenn sie erreichbar, tausend Welten

und hat nimmer genug. Keine Macht kann so ins Unendliche wachsen als

das Feuer, darum stellt es der Seher als den letzten Sieger über alles

dar, als den Herrscher in Ewigkeit.

Die Menschen arbeiteten und arbeiteten; manchen trugen sie halb

verbrannt von dannen. Der Knecht Markus sah die fürchterlichen Folgen,

aber er jammerte nicht, und er verzagte nicht, er war die stille, die

ruhige Tat. Schon begannen seine harzigen Kleider Feuer zu fangen, da

eilte er hinab zum Bachbett und wälzte sich im Sand, bis sich dieser an

alle Teile seines klebrigen Anzugs gelegt hatte. Nun war er gepanzert.

Äste haute er ab, Bäume hieb er um — o Gott, das schlug nicht an.

Der glühende Strom brauste weiter; die kahlen Äste in der Runde, die

rotnadeligen Zweige harrten schon der nahenden Flammenbraut und huben

noch früher zu brennen an, als sie der erste Kuß erreichte.

Nun suchten die Arbeiter, die von allen Seiten herbeigekommen waren,

den Flammen einen Vorsprung abzugewinnen und ihnen durch breite

Abstockungen eine Grenze zu setzen, aber es teilte sich der Brand in

Arme nach verschiedenen Himmelsgegenden. Zur Abendstunde erhob sich

ein Wind und zerzauste die mächtigen Feuerfahnen in tausend Fetzen und

vervielfältigte überall das Element. Das war ein unheimliches Dröhnen

in den Lüften und ein wunderlich Leuchten hin über das weite, dunkle

Waldland.

Erschöpft und ratlos ließen die Männer ihre Hände sinken, die Weiber

räumten ihre Hütten aus und wußten mit der Habe nicht wohin.

In tiefen Tälern war es noch ruhig, da hörte man nichts als das leise

Flüstern der hohen Tannen, aber der nächtliche Himmel war rosig,

und zuweilen flog hoch oben ein Feuerdrache dahin. Dann wieder kam

eine zwitschernde Vogelschar, und die heimatlosen Tierchen schossen

planlos umher, und die Rehe und Hirsche kamen erschreckt heran zu den

Menschenwohnungen.

„Wie diesen Tieren geht’s uns allen!“ klagte ein Weib; „keine

Menschenmöglichkeit, daß der Wald gerettet wird — alles brennt, alles

brennt! O Christi Heiland, es ist das Jüngste Gericht!“

Tagelang währte der Greuel.

Von unserm hochgelegenen Hause aus sahen wir aus den Wäldern des

Filnbaum und der Felsenleiten die Flammen still und langsam aufsteigen.

Die ganze Gegend lag in einem trüben Schleier, und scharfer Brandgeruch

stach in unsere Nasen. Unser Berg schien eingewölbt von Rauch, daß

es oft schier dunkel war. Und da stand ein großes, trübrotes Rad

über uns, das der Rauch umwirbelte, verdeckte und doch nicht ganz

vertilgen konnte. Es war die Sonne. Wir sahen aber auch, wie das Feuer

allmählich gegen uns heranrückte; es stieg über die Höhen her, und es

stieg in die Täler nieder, und es stieg endlich an unserm Berghange

heran. Wir bedurften des Abends keines Kienspans mehr in der Stube,

wir hatten vollauf Licht, denn zehn Minuten weit vom Hause brannte der

schöne Kienwald.

Das Vieh hatten wir längst auf die Almweide gejagt und die

Einrichtungsstücke des Hauses mitten auf das freie Feld

hinausgeschleppt. Halb wahnsinnige Menschen kamen herbei. Der

Vernünftigsten einer war der uralte Martin, dem die Hütte verbrannt war

und der nun mitternächtig beim Scheine des Waldbrandes Preißelbeeren

pflückte.

Mein Vater kletterte auf den Dächern unseres Gehöftes herum, und mit

einer langen Stange, an deren Ende er einen nassen Lappen gebunden

hatte, schlug er die Funken tot, die herangeflogen kamen und sich auf

das Dach gesetzt hatten.

In der fünften Nacht, als wir, in einer Ecke unserer ausgeräumten

Stube kauernd, schliefen, wurden wir plötzlich von einem lauten Tosen

geweckt, und der alte Markus, der auf dem Dache Nachtwache hatte, rief:

„Das ist schon recht! Das ist schon recht!“

Ein Wettersturm hatte sich erhoben und wütete in dem brennenden

Walde, daß es eine schreckbare Pracht war. Als ob ein wüstes Gewässer

dahinbrauste zwischen den Stämmen, so toste und dröhnte es. Aber das

Feuer wurde in die entgegengesetzte Richtung von unserm Hause geworfen,

und das war es, was dem alten Markus so recht schien. Die Flammen waren

wie auf wilder Flucht; sie übersprangen ganze Waldpartien und zündeten

an neuen, entlegenen Stellen.

„’s ist vorbei, jetzt sind wir fertig!“ sagten die Leute, waren ratlos

und taten den Mund auf. Ja wahrlich, es fielen gebratene Vögel aus der

Luft. Etliche, als sie die kahlgebrannten Hänge sahen, gewannen sogar

ihren Humor wieder und meinten, es müsse schon ein gar besonderes Fest

kommen, daß sich gar die Berge rasierten.

Aschermittwoch, wie sich’s zeigte.

Als sich der Orkan gelegt hatte, kam ein Regenguß. Der Regen währte

tagelang, und die Wolken stiegen träge auf und nieder. Lange noch

mischte sich mit ihnen der Rauch der kohlenden Strünke — endlich

aber war alles Feuer ausgelöscht. Über alles legte sich der feuchte,

frostige Nebel — es war die herbstliche Zeit.

So ist die Begebenheit hier erzählt. Der Brand unserer Wälder war so

großartig, daß er nur mit den glühendsten Farben einer wilden Phantasie

recht dargestellt werden könnte. Da mir diese nicht zur Hand sind,

blieb nichts anderes übrig, als mit dem halbverblaßten Stifte der

Erinnerung einfach zu skizzieren.

Doch endet der Wald mit seinem Untergange nicht, und nach jedem Ende

kommt ein Anfang.

Der Nebel des Herbstes spann den Schnee; im Winter sahen wir von

unsern Fenstern aus weit mehr weiße Flächen als sonst. Aber erst als

der Lenz kam, sahen wir, was der Waldbrand angerichtet hatte. Überall

verkohlter Grund, rostfarbige Steine, halbverbrannte Wurzeln, und

darüber ragten die schwarzen Strünke einzelner Baumstämme. — Nun kamen

die Leute und rodeten. Sie stachen den schwarzen Rasen um, sie säeten

Korn in das Erdreich; den Obdachlosen wurden neue Hütten gebaut.

Und als der Frühherbst kam, war’s eine Herrlichkeit. Kein Mensch in

unserem Waldlande hatte je eine so große goldgelbe Pracht gesehen,

als es das Kornfeld war, das sich über die Berge hinzog. Wir mußten

alle zusammenhalten, die Flut der Halme, wovon einer sein schweres

Haupt auf die Achsel des andern legte, einzuheimsen. Ich erinnere mich

noch an das Wort, das bei dieser Gelegenheit der Pfarrer sprach: „Der

Herr schlägt die Wunden, aber er spendet auch den Balsam, sein Name

sei gelobt!“ — Am nächsten Tage schickte er seine Knechte, um von der

reichen Ernte den Zehent zu holen, und er hat recht getan.

Nach diesen Tagen war vom Filnbaumschlag bis zu unserm Hause heran

Feld um Feld, und gegen dreißig Jahre lang gab der Grund des

verbrannten Waldes den Menschen Brot. Heute haben sich die Menschen

verzogen, zerstreut oder sind gestorben, und neuerdings sproßt auf

den Berghöhen der junge, grüne Wald. Neues, unendliches Leben webt

darin — eine üppige Pflanzenwelt, ein lustiges Tierreich, eine helle

Gottesmorgenfreude.

[Illustration]

[Illustration]

Aus der Eisenhämmerzeit.

Die vierziger Jahre hatten strenge Winter. Im März aber kam stets

plötzlich der Föhn und schmolz den Schnee in wenigen Tagen. Wir freuten

uns des wieder enthüllten Rasens, der alsbald zu grünen begann;

aber damit war die leichtlebige, heitere Wintersrast dahin, und die

wachsenden Tage brachten arbeitsschwere Zeit des Pfluges und der Egge,

der Sichel und der Sense. Diese Zeit der blinkenden Werkzeuge hatte

einst ein kleines Vorspiel.

Noch tief in der Nacht weckte mich an einem Frühlingsmorgen mein Vater

und sagte, er gehe heute in das Mürztal. Wenn ich mitgehen wolle, so

möge ich mich eilig zusammentun, aber die scharfbenagelten Winterschuhe

anziehen, es sei der Weg noch eisig.

Sonst, wenn ich in früherer Stunde zur Alltäglichkeit geweckt wurde,

bedurfte es allerlei Anstrengungen außer und in mir, bis ich die Augen

zur Not aufbrachte, um sie doch wieder auf etliche Minuten zufallen

zu lassen, denn meine alte Ahne war der Meinung, ein allzurasches

Aus-dem-Schlaf-springen mache Kopfweh. Heute war ich mit einem Ruck

munter, denn ins Mürztal mitgehen, das war in meiner Kindheit das

Herrlichste, was mir passieren konnte. Wir waren bald reisefertig, der

Vater nahm seinen großen Stock, ich meinen kleinen; die Laterne nahmen

wir nicht, weil es sternhell war — und so gingen wir davon. Die erste

halbe Stunde war es wie allemal, wenn ich früh morgens mit dem Vater

ging, wir schwiegen still und beteten während des Gehens jeder für sich

das Morgengebet. Wir hatten wohl so ziemlich das gleiche, aber ich

wurde immer ein gut Teil früher fertig als er und mußte mich dann still

gedulden, bis er den Hut aufsetzte und sich räusperte. Das war das

Zeichen, daß ich ein Gespräch beginnen durfte, denn ich war fortwährend

voll von Fragen und Phantastereien, auf die der Vater bisweilen

derart einging, daß alles noch rätselhafter und phantastischer wurde.

Gewöhnlich aber unterrichtete er mich in seiner gütigen und klaren

Weise, daß ich alles wohl verstand.

Nachdem wir an diesem Frühmorgen etwa zwei Stunden gegangen und

hinausgekommen waren über die entwaldete Berghöhe, lag vor uns das

weite Tal der Mürz. Von Mürzzuschlag bis Kapfenberg dehnte es sich

stundenlang, und wenn ich es sonst im Morgengrauen sah, lag im Tale

der Nebel wie ein grauer See, aus welchem einzelne Höhen und die

jenseitigen Berge blauduftig emporragten. Heute war es anders, und

heiß erschrak ich vor dem, was ich sah. War denn der Franzose wieder

im Land? Oder gar der Türk? In Kindberg, das tief unter uns lag,

lohte an vielen Stellen glührotes Feuer auf. Auch im oberen Tal, über

Mitterdorf, Krieglach und Feistritz und gen Mürzzuschlag hin waren rote

Feuersäulen; im nahen Kindtal sprühten mächtige Garben von Funken empor.

„Närrlein, du kleines!“ sagte mein Vater, als ich mich mit beiden

Fäusten krampfhaft an seinen Rock hielt, „das ist ja nichts. Das sind

ja nur die Eisenhämmer. Lauter Schmiederauchfänge, aus denen Funken

springen. Hörst du denn nicht das Pochen und das Klappern der Hämmer?“

„Ich höre es wohl, aber ich habe gedacht, das wären die Kanonen und

Kugelstutzen,“ versetzte ich aufatmend.

„Kind, wo käme denn jetzt der Feind her? Der liebe Herrgott hüte unser

Steirerland!“

„Aber wie ist es denn,“ fragte ich, „daß die Dächer nicht brennend

werden, wenn so viel Feuer herumfliegt?“

„Die Dächer sind voller Staub und Asche, das brennt nicht. Und dieses

Feuer, das so schreckbar wild aussieht, es ist nicht so arg, es ist

auch nur glühende Asche, Ruß und Geschlack, wie es aus der Esse

aufsprüht, wenn der Blasebalg dreinbläst.“

„Und warum sprüht es denn just in der Nacht so?“ fragte ich.

„Es sprüht auch beim Tag so,“ antwortete der Vater lächelnd, „aber

gegen das Sonnenlicht kommt dieser Schein nicht auf, und was jetzt so

blutrot leuchtet, das ist bei Tag nur der rußige Rauch, der aus dem

Schornsteine aufsteigt.“

„Tun sie denn in den Schmieden nicht schlafen?“

„Das wohl, aber sie stehen sehr früh auf, oder lassen in den größeren

Essen gar das Feuer nicht ausgehen, weil es sonst schwer ist und viel

Kohlen braucht, bis die Hitze wieder erzeugt wird. Da wachen und

arbeiten die einen Schmiede, während die anderen schlafen.“

„Gibt’s denn so viel Ochsen zu behufen im Mürztal?“ war meine Frage,

denn ich hatte einmal dem Hufschmied zu Haustein zugeschaut, wie er

einem Zugochsen Hufeisen an die Klauen nagelte.

„O Knäblein, Knäblein!“ rief mein Vater, „die Schmiede haben noch ein

wenig mehr zu tun, als wie zu hufen. Du bist ein Steirer; wenn wir

auf unserem Gebirge auch nichts haben, als Feld und Alm und Wald,

solltest du doch schon wissen, wozu die vielen hundert Krippen von

Holzkohlen verwendet werden, die unsere Nachbarn Jahr für Jahr ins

Tal hinausführen. Solltest auch wissen, daß dein Heimatland Steiermark

das Land der Hammerschmiede ist. Wenn du jetzt, bevor der Tag aufgeht,

vom hohen Himmel mit sehr guten Augen herabschauen könntest auf unsere

Steiermark, so würdest du, besonders im Oberland, auch die anderen

Täler so sprühen und leuchten sehen, wie hier das Mürztal. Es sprüht

in Neuberg und bei Mariazell und in der Veitsch, es sprüht im Ennstal

und im Murtal, an der Feistritz, an der Kainach, an der Sulm und an der

Sann, wo die Leut schon gar nicht mehr Deutsch sprechen, aber sprühen

tut’s doch. In Vordernberg, in Eisenerz, in Hiflau sollst es erst

sehen, und überall, wo Hochöfen sind. In den Hochöfen wird das Erz,

das sie aus dem Gebirg graben, geschmolzen, daß das Eisen herausrinnt

wie ein hellglühender Mühlbach. Da sprüht’s auch, mein Bübel! Da sind

— wenn ihrer zwei, drei Hochöfen nebeneinander stehen — in der Nacht

schier die Felsberge rot vor lauter Schein. Und schaust in den Ofen,

so siehst ein schneeweißes Licht, blendend wie die Sonne. Das ist ein

anderes Feuer, als daheim bei unserem Hufschmied. Das Erz graben sie

aus dem Erzberg, der weit drinnen im Gebirg steht und mehr wert ist,

als alles Gold und Silber von Österreich. Das Eisen, das im Hochofen

aus dem Erz rinnt, erstarrt in der freien Luft sogleich, wird nachher

mit Hämmern zerschlagen und in schweren Schollen durch das ganze Land

verführt, zu jedem Eisenhammer hin, wo sie aus diesem Roheisen immer

feineres Eisen, das Schmiedeeisen, den Stahl, und daraus allerhand

Geräte und Werkzeuge machen.“

„Auch Schuhnägel vielleicht?“ fragte ich, weil mich einer davon durch

die Schuhsohle in die Ferse stach.

„Schuhnägel, Messer, Stifte und Eisendrähte, das machen sie draußen

bei Stadt Steier herum. Bei uns im Land machen sie in den Eisenhämmern

Pflugscharen, Eggenzähne, Strohschneidemesser, Hacken, Äxte, Drähte,

Nägel, Schlösser, Ketten, Pfannen und allerlei, was du aus Eisen an

den Häusern und Werkstätten nur sehen und denken magst. Die kleineren

Schmiede, die fahren damit auf die Jahrmärkte. Größere Hämmer gibt’s,

die machen auch Zeug zum Leutumbringen — mußt du wissen. Das Wichtigste

aber, was in den steirischen Hammerwerken gemacht und auch weit in

fremde Länder verführt wird, sind Sensen und Sicheln. Millionen Stück

werden dir verschickt alle Jahr, und darum können die Hammerherren mit

ihren Frauen so vornehm herumfahren mit flinken Rößlein. Und mit dem

Geld prahlen sie, daß es nur so prasselt im Land, und wo ein übermütig

Stückel aufgeführt wird, da ist gewiß ein Hammerherr dabei. Ist

alleweil so gewesen im Land: wo der Hammerschmied, dort gilt der Bauer

nit. — Wird auch einmal besser werden, verhoff’ ich. Jetzt müssen wir

noch froh sein, daß wir unsere Kohlen zu Geld machen können. Gar zu

Gescheite sind gewesen, haben es mit Steinkohlen probiert, die tun’s

aber nicht; das rechte Eisen muß mit Holzkohlenfeuer gearbeitet werden,

sonst ist’s nichts nutz. Die Holzkohlen, die wir Bauern liefern, die

machen es ja, daß steirisch Eisen in der Welt so gut estimiert wird.

Kommen halt die polnischen und russischen Juden und türkischen Händler,

auch aus Ungarn und Böhmen, werden von den Hammerherren brav bewirtet

und kaufen ihnen die Eisenwaren ab, oft zu tausend Gulden auf einmal.

Sollen da draußen in einer großen Stadt die Schmiede von der ganzen

Welt einmal zusammengekommen sein um einen eisernen Tisch, und jeder

wollt’ die schärfsten Sensen haben, den feinsten Stahl drin. Der

steirische Schmied hat nicht mitgestritten, sondern soll zuletzt mit

seiner Sense den eisernen Tisch mitten auseinandergehauen haben.“

„Wird sie wohl schartig worden sein, die Sense. Nicht?“

Ohne auf diese müßige Frage Antwort zu geben, fuhr der Vater — indem

wir im Morgengrauen sachte talab stiegen — fort zu sprechen:

„Wie die Anzeigen sind, wird’s nicht immer so dauern mit den

Eisenhämmern. Man hört allerlei Sachen. Merkwürdige Sachen, mein Bübel,

wie sie unsere Vorfahren nicht gehört haben. Da draußen auf dem flachen

Land irgendwo — sie sagen im Mährischen oder wo — da bauen sie eine

Eisenbahn.“

„Eine Eisenbahn? Was ist das?“

„Da legen sie auf der Straße hin und hin zwei eiserne Leisten, daß

darauf die Wagenräder recht glatt und eben gehen können. Auf diese

Weise sollen ein Paar Rösser schwere Wagen fünf und sechs auf einmal

ziehen können. Es wird auch gelogen über die Sach’, daß sie eine

Maschine erfunden hätten, die das Feuer treibt anstatt der Fuhrmann,

und die vor die Wagen gespannt wird und wie ein Roß ziehen kann. Sind

dumme Sachen, ich sag’ dir’s nur, daß du’s nicht glauben sollst, wenn

du davon hörst.“

Dreiundvierzig Jahre ist es her, seit von einem zwar einfachen, aber

vernünftigen Manne diese Worte gesprochen worden sind, in Steiermark,

wenige Stunden vom Semmering.

„Nein, Vater,“ antwortete ich, „das werde ich gewiß nicht glauben.“

„Aber das ist wahr,“ fuhr er fort, „daß sie jetzt viel mehr Eisen

brauchen in der Welt als vor Zeiten. Es werden da und dort auch schon

große Eisenhämmer gebaut, wo mehr als hundert Schmiede beschäftigt

sind, und wo sie extra noch mit Wasserdampf arbeiten sollen, was weiß

ich, wie! In diesen großen Werken machen sie alles und weit wohlfeiler

als in den kleinen, und desweg wird’s ein rechter Schade sein für

unsere Eisenhämmer, und hört man, etliche sollen schon keine Arbeit

mehr haben, zugesperrt oder an die großen Werke verkauft werden.

Nachher ist’s traurig um uns. Weiß Gott, wie’s noch wird mit der Welt!“

Mittlerweile war es licht geworden, und wo früher die feurigen

Springbrunnen aus den Schornsteinen gestiegen waren, da flog jetzt

dünner, brauner Rauch auf. Wir waren in das Tal gekommen, gingen

an einem überquellenden Hammerbachfloß entlang und auf glattem,

kohlschwarzem Wege einer der Hämmerhütten zu, aus deren offenem Tor uns

greller Glutschein entgegenleuchtete.

Über dem Tore war das Bergmannszeichen, die gekreuzten Hämmer

und Schlegel, über dem schwarzen Dache ragten die weißgetünchten

Schornsteine auf, die an ihrer Mündung mit lenkbaren Klappen versehen

waren, womit man, wie der Vater belehrte, den Luftzug regeln könne.

So waren wir der Schmiede ganz nahe gekommen. Ich sagte nichts, denn

ich wollte in die Schmiede gehen und hatte doch Angst vor dem Lärm, der

drinnen war, und vor den Funken, die durch die finsteren Räume flogen.

Mein Vater sagte auch nichts, sondern führte mich hinein. Vor dem Tore

hatte eine Tafel gestanden: „Fremden ist der Eintritt nicht gestattet!“

Aber ein Mann, den mein Vater fragend angeblickt, sagte: „Nur zu!“

Was ich zuerst sah, das war ein sprühendes Stück Sonne, das von der

brüllenden Esse mit Schwung herbeigebracht wurde und auf den Amboß

geworfen, tonlos, als wäre es von Teig. Jetzt hob sich auf massigem

Hebelbaume der Hammer und fiel nieder in die weiche Masse, daß ein

Meer von Funken durch die Hütte schoß. Ich barg mich vor Schreck und

Angst hinter den Rücken meines Vaters, aber die Funken waren bereits

angeflogen an mein Leiblein, und ich war nur höchlich überrascht, daß

ich nicht lichterloh brannte, ja nicht einmal einen Schmerz wahrnahm

an den Händen, an welche die feurigen Mücken gesaust waren. Auch der

zweite und dritte Hammerschlag jagte ein Heer von Schlacken und Funken

hinaus, aber je platter das Eisenstück geschlagen wurde, je rascher der

Hammer darauf niederfiel, desto weniger sprühte es. Ein Schmied stand

da, der wandte mit langer Zange das Eisenstück hin und her, bis das

Geschlacke von allen Seiten herausgehämmert war. Das weiße Glühen war

immer röter und matter geworden, und endlich hatte das Stück nur mehr

die graue Farbe des Eisens. Es wurde hingeschleudert, der Hammer stand

still.

Ich war ein wenig dreister geworden und besah mir jetzt die Dinge,

obwohl es ganz dunkel war, wenn das Feuer nicht leuchtete. Vor allem

fiel mir ein großer Lederkasten auf, der Atem schöpfte. Der Blasebalg

war’s, welcher, von Wasserkraft aufgezogen, durch Röhren in die Esse

blies. Auf der Erde lag allerlei altes Eisen umher. An den Wänden

lehnten und hingen in ganzen Reihen Zangen, Hämmer, Schlegel, Feilen,

Hacken, Beile und anderlei, was ich gar nicht kannte. Jetzt erst fielen

mir auch die Schmiede auf, über deren rußige Gesichter und entblößte

Brust die Schweißtropfen rannen. Wir gingen weiter und kamen zu anderen

Essen, wo die Schmiede mit Eisenschaufeln Kohlen in die Glut warfen,

die sofort mit glanzloser, blauer Flamme grollend zu brennen begannen.

In einer Esse glühte man Eisenstücke, die hernach unter kleinere,

rascher pochende Hämmer kamen. Hier wurden sie — wie sie der Schmied

wendete und drehte — in längliche Formen gehämmert, an denen ich nach

und nach die Gestalt der Sense erkannte. Weil das Eisen bald kühlte

und noch unrein war, so mußte es immer wieder in die Esse, aus der es

glühend und sprühend hervorkam. So wiederholte sich’s, bis der Hammer

und das kleine Handgehämmer der Schmiede endlich eine vollkommene Sense

zuwege gebracht hatte, die dann schrillend auf einen Haufen von Sensen

hinfiel.

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 3 · 第 6 / 7 段