Waren nun die aus Büchern beschriebenerweise geformten Wände mit

solchen Bildlein, auch kleinen in Glas gefaßten „Breverln“ darunter,

belehnt, so kam vom eigentlichen Hausaltare hoch oben in der Wandecke

das Kruzifix herab und wurde mitten in das Halbrund gestellt. Das war

der eigentliche Mittelpunkt unseres Heiligtums. Vor dem Kruzifix kam

hernach der Wachsstock zu stehen, und wir zündeten ihn an. Nicht zu

sagen, welche Feierlichkeit, wenn nun das Kreuz und die Heiligenbilder

rötlich beleuchtet wurden, denn so ein geweihtes Wachslicht gibt einen

ganz anderen Schein, als die klebrige Talgkerze oder der harzige

Brennspan, oder gar im Wasserglase das Öllichtlein, „welches bei der

Nacht nur so viel scheint, daß man die Finsternis sieht“. Die Sonne,

welche draußen leuchtete, wurde abgesperrt, indem wir die Fenster

verhüllten mit blauen Sacktüchern, wir wollten den himmlischen Schein

ganz allein haben in unserem Tempelchen. Wenn nun gar erst Allerseelen

war und ein Bildchen mit den armen Seelen im Fegefeuer vor dem Kreuze

lag, da gab’s eine Stimmung, die zur Andacht nachgerade zwang. Knieten

wir dann um den Tisch herum, so daß unsere Knie auf den Sitzbänken,

unsere Ellbogen auf der Platte sich stützten, und beteten laut

jene lange Reihe von Vaterunsern und Avemariens mit Ausrufung der

„Geheimnisse“ aus dem Leben des Herrn, welche der Rosenkranz oder auch

der Psalter genannt wird. Ich wendete während des ganzen Gebetes keinen

Blick von den bildlichen Darstellungen. Natürlich sah ich nicht das

Papier und nicht die Farben, ja selbst die Bilder als solche nicht,

ich sah die Heiligen leibhaftig, sie waren mir in der Tat anwesend,

sie hörten freundlich auf unser Gebet, sie ließen uns hoffen auf

ihren Schutz und Beistand in Tagen der Not und Gefahr, sie nahmen

gütig die Liebe unserer Herzen an, und also schlossen wir mit ihnen

vorweg schon Bekanntschaft für die ewige Gemeinsamkeit im Himmel, der

wir ja entgegenstrebten. — O welch ein herrliches Gut ist der Glaube,

unendlich mächtiger, schöpferischer, beseligender, erlösender, als

alles Wissen und Wähnen der Irdischen!

War endlich die Andacht zu Ende, so losch der Knecht die Kerze aus,

und wir hüpften aufs Fletz hinab; bald krochen wir freilich wieder

auf den Tisch, um gemächlich den Tempel zu zerstören und seine Teile

wieder an Ort und Stelle zu bringen, woher wir sie genommen, denn

der Tisch sollte nun Schauplatz anderer Ereignisse werden. In der

Küche war aus Mehl und Schmalz eine Pfanne voll Sterz (Mehlbrei in

Fett geröstet) geworden, und diese kam herein, um unsere sonntägige

Andacht zu krönen. So war’s der Brauch am Sonntag Vormittage von der

neunten bis zur zehnten Stunde, während die anderen in der Kirche saßen

oder vor derselben sich für das Wirtshaus vorbereiteten. — Solches

waren freilich freundlichere Wandlungen des Tischaltares, als es jene

gewesen im Hause des Waldpeter. Hatten die aufsichtslosen Kinder in der

Christnacht auf dem Tische aus Büchern und Papierbildchen einen Tempel

gebaut, denselben mit einem nach unten halb offenen Buche eingedeckt

und eine brennende Kerze in das Heiligtum gestellt. Noch zu rechter

Zeit kam der Waldpeter herbei, um die auf dem Tische entstandene

Feuersbrunst zu löschen. Darauf soll es keinen Sterz gegeben haben,

sondern — was Schlimmeres.

Noch erinnere ich mich an einen besonderen Tag. Ein gewöhnlicher

Wochentag war’s im Winter; ich beschäftigte mich in der dunkeln

Futterscheune, mit einem Eisenhaken, dem Heuraffel, Heu aus dem

festgetretenen Stoße zu reißen und in die Ställe zu tragen. Da fiel

es mir plötzlich ein, ich müsse diese Arbeit bleiben lassen, in die

Stube gehen und auf dem Tische einen Altar bauen. Die Mutter war mit

meinem jüngsten kranken Schwesterchen beschäftigt, kümmerte sich also

nicht um mich, und ich stellte aus Büchern und Bildchen den gewohnten

Tempel auf, als sollten die Leute nun zusammenkommen wie am Sonntage

und beten. Wie ich hernach das hölzerne Kruzifix hineinstellen wollte,

tat ich es nicht, sondern ging durch die Stube zu einer Sitzbank hin,

über welche ich das Kreuz vermittels eines Schnürchens an die Wand

hing. Und da war es, als ob auch die anderen ähnliche Gedanken hätten

mitten im Werktage; der Vater wurde ins Haus gerufen, er holte aus dem

Schrank den Wachsstock hervor, zündete ihn an, doch anstatt ihn an

meinen Altar zu stellen, ging er damit ans Bettlein, wo das zweijährige

Trauderl lag; sie begannen halblaut zu beten, und die Mutter netzte

mit Essig die Stirn des Schwesterleins. — Plötzlich hielten sie im

Gebete ein, da war es still, so grauenhaft still, wie es bisher nie

gewesen auf der Welt. Dann hub die Mutter an zu schluchzen, erst

leise, hernach heftiger, bis sie, in ein lautes Weinen ausbrechend,

sich über das Köpfchen des Kindes niederbeugte und es mit wilder Gier

herzte und küßte. Das Schwesterlein aber tat nichts desgleichen, die

hageren Händchen auf der Decke ausgestreckt, im Gesichte schneeweiß,

mit halbgeöffneten Augen lag es da; die flachszarten Locken gingen nach

rückwärts und waren noch feucht von dem Essig.

Der Vater trat zu uns übrigen Kindern und sagte leise: „Jetzt hat uns

die Trauderl halt schon verlassen.“

„Sie ist ja da!“ rief der Bruder Jackerl und streckte seinen Finger aus

gegen das Bett.

„Ihre unschuldige Seel’ hat der liebe Herrgott zu sich genommen, sie

ist schon bei den Engelein.“

Wer von uns es nicht wußte, der ahnte nun, unsere kleine Schwester war

gestorben.

Wir huben an zu weinen, aber nicht so sehr, weil das Schwesterlein

gestorben war, sondern weil die Mutter weinte. In meinem Leben hat mich

nichts so sehr ans Herz gestoßen, als wenn ich meine Mutter weinen sah.

Das geschah freilich selten; heute vermute ich, daß sie viel öfter

geweint hat, als wir es sahen ...

Nun kamen die Knechte und Mägde herein, standen um das Bettlein herum

und sagten mit flüsternden Stimmen Liebes und Gutes von dem Kinde. Der

Vater kniete zum Tische, wo — siehe da! — der Altar aufgerichtet stand,

und begann laut zu beten; er rief das Kreuz und Leiden des Heilandes

an, seine heiligen Wunden, seine Todespein und seine Auferstehung. Er

sagte den Spruch vom jüngsten Tage, wie auf des Engels Posaunenschall

die Toten aus den Gräbern steigen werden. Ich sah alles vor mir. —

Dunkel war’s und dämmernd wie im Morgenrote; der Himmel war verhüllt

mit Wolken, die einen roten Schein hatten, wie Rauch über dem Feuer.

Aus allen Gründen — soweit das Auge reichte — stiegen Menschen aus der

Scholle empor. Ich selbst sah mich hervorgehen aus dem Sarge, neben mir

die Mutter, der Vater in langen weißen Gewändern, und aus einem Hügel,

der mit Rosen bedeckt war, kroch — schier schalkhaft lugend mit hellen

Äuglein — das Trauderl und hüpfte zu uns heran ...

Während wir beteten, senkte die Nachbarin Katharina das Leichlein in

ein Bad, bekleidete es dann mit weißem Hemde und legte es auf ein

hartes Bett, auf die Bank zur Bahre. Mit Leinwand ward es zugedeckt;

an sein Haupt stellten sie den Wachsstock mit dem Lichte und ein

Weihwassergefäß mit dem Tannenzweig. Vom Altare nahmen sie die

Heiligenbildchen, um solche als letzte Gabe der kleinen Trauderl an

die Brust zu legen. Der Vater hub an, das Kruzifix zu suchen, um es zu

Häupten der Bahre hinzustellen, er fand es nicht, bis die Nachbarin

Katharina sah, daß es schon an der Wand hing, gerade über dem Leichlein.

Also ist es gewesen, daß eine Stunde vor dem Sterben des Schwesterleins

mir Ahnungslosem eine unsichtbare Macht die Weisung gab: Gehe in die

Stube, denn sie werden bald alle hineingehen; baue den Altar, denn sie

werden beten; hänge das Kreuz an die Wand, denn es wird dort ein totes

Menschenkind hingelegt werden.

Wir gingen hin und schauten die Trauderl an. Es ist nicht zu

beschreiben, wie lieblich sie anzuschauen war und wie süß sie schlief.

Und da dachte ich daran, wie sie noch wenige Tage früher voll

schallender Freude, glühend am Wänglein und glühend im Äuglein, mit

uns Versteckens gespielt. Sie versteckte sich immer hinter dem Ofen,

verriet sich aber allemal selbst, noch bevor wir an sie herankamen,

durch ein helles Lachen.

Bald kamen die Nachbarsleute, sie knieten nieder vor der Bahre und

beteten still. Im ganzen Hause war eine große Feierlichkeit, und ich —

der ich so umherstand und zusah — empfand etwas wie Stolz darüber, daß

ich eine Schwester hatte, die gestorben war und solches Aufsehen und

solche Weihe brachte.

Nach zwei Tagen am frühen Morgen, da es noch dunkel war, haben sie

in einem weißen Trühlein die Trauderl davongetragen. Wir Geschwister

konnten sie nicht begleiten, denn wir hatten keine Winterschuhe für

den weiten Weg nach dem Pfarrdorfe. Wir blieben daheim. Und als alle

laut betend davongezogen waren und das von dem Hause hinwegschwankende

Laternenlicht noch seinen zuckenden Schein warf durch die Fenster in

die Stube herein, stand ich (meine Geschwister schliefen noch ruhsam in

ihrer Kammer) eine Weile vor der Bank und schaute auf die Stelle hin,

wo das weiße Gestaltlein geruht hatte. Das Weihwassergefäß war noch da,

und beim Morgenrot, das matt auf die Wand fiel, sah ich dort das Kreuz

hängen mit dem sterbenden Christus, der nun mein einziger Genosse war

in der stillen Stube.

Ich nahm ihn von der Wand und begann ihn auszufragen, was die Seele der

Trauderl denn wohl mache im himmlischen Reich. — Es ist keine Antwort

auf Erden. Ich stellte das Kruzifix wieder auf den Hausaltar, der hoch

im Wandwinkel war, und dort stand es in heiliger Ruh, es mochte Kummer

sein in der Stube oder Freude, beides war oft und manchmal im raschen

Wechsel, wie es schon geht auf dieser Welt.

Nach Jahren, als eines Tages meine ältere Schwester mit

niedergeschlagenen Augen in der Stube umging, angetan mit rosenfarbigem

Kleide und dem grünen Rosmarinstamm im braunen Haar, und ein schöner

junger Mensch unfern von ihr stand, sie heimlich anblickend in

Glückseligkeit, hob ich meinen lieben Christus wieder einmal auf den

Tisch herab, ob er vielleicht zusehen wolle, was da war und werden

sollte.

Da traten die zwei jungen Leute vor den Tisch hin, nahmen sich an der

rechten Hand und sagten ganz leise — aber wir hörten es doch alle: „Wir

wollen treu zusammen leben, bis der Tod uns scheidet.“

Auf meinem Lebenswege bin ich schon an vielen Altären vorübergewandelt.

An Altären der Liebe und des Hasses, an Altären des Mammons und des

Ruhmes — ich habe jedem geopfert. Aber mein Herz, mein ganzes Herz

habe ich nur an jenem einen Altar niedergelegt, der einst in der armen

Stube des Waldhauses gestanden. Und wenn ich weltmüde dereinstmalen die

Himmelstür suche, wo kann sie zu finden sein, als in dem dämmernden

Wandwinkel über dem Tische, wo das kleine hölzerne Kruzifix gestanden.

Kreuze habe ich gesehen aus Gold und an Ehren reich, Kreuze aus

Elfenbein, geschmückt mit Diamanten, Kreuze, an welchen Weihe und Ablaß

hing — bei keinem habe ich je Gnade gefunden. Das arme Kreuz in meinem

Vaterhause wird mich erlösen.

[Illustration]

[Illustration]

Als ich im Walde beim Käthele war.

Seit Menschengedenken standen in unseren Wäldern die Lärchbäume nicht

so hoch im Preise, als zur Zeit des Eisenbahnbaues durch das Tal. Mein

Vater verkaufte an die dreißig Stämme um schöne Banknoten. Aber er gab

die schönen Banknoten bald wieder weg, zuweilen gar eher, als er sie

hatte. Er nahm beim Krämer Mehl und Salz und sagte: „Sobald ich Geld

vom Holzhändler krieg, kriegt Ihr’s von mir.“ Zuletzt sagte er dasselbe

sogar den Steuerbeamten.

Aber unser Holzhändler, ein sehr alter Mann, der im Walde sein Haus

hatte, und um den, außer den Fichten und Tannen, noch ein Wald von

Kindern und Enkeln herangewachsen war, hatte dem Vater den größten Teil

des Lärchengeldes zwar gezahlt, aber mit dem Rest war er ausgeblieben.

Wohl ein halbdutzendmal ging mein Vater die vier Stunden durch die

Wälder zum Alten und bat: „Herr Zaunreuter, seid doch ja so gut und

reichet mir heut das letzt Zipfel von dem Lärchengeld, meine Kinder

brauchen was zu essen.“

Die meinen halt auch, mochte sich der Alte gedacht haben, aber er

sagte: „Ich seh’s wohl ein, der Waldbauer tät auch sein Sach’ gern

haben, aber wenn mir der Waldbauer alle Säck’ umkehren will, so wird er

heut keinen Knopf darin finden. Ich krieg’ erst morgen das Geld von

der Eisenbahn, nachher will ich dem Waldbauer das Restl schon mit Fleiß

und Dank zustellen.“

Meines Vaters Herz war kein Stein, und er dachte: es klemmt ihn halt,

und einen Tag muß ein Christenmensch schon noch warten. Aber es verging

ein Tag, und es vergingen mehrere, und es vergingen viele Tage, und der

gute Zaunreuter kam nicht mit dem Gelde. Da ließ mich — ich war damals

so ein Schlingel von elf Jahren — mein Vater einmal von der Kuhweide in

sein Stübchen rufen und sagte: „Bübel, leg jetzt dein besseres Jöpplein

an, geh hinüber in das Weißbrunntal zum alten Zaunreuter und sag ihm,

du bliebest so lang in seinem Haus und tätest essen an seinem Tisch

und tätest schlafen unter seinem Dach, bis er dir tät das Geld geben.

Sei aber schön ordentlich und tu danken nach jedem Essen, und wenn

er dir eine Arbeit schafft und du kannst sie verrichten, so tu’s mit

Schick und Fleiß, und wenn du das Geld hast bekommen, so steig nur fein

geschwind wieder heim.“

Hierauf legte ich mein besseres Jöpplein an, ging hinüber durch die

dichten Wälder in das Weißbrunntal zum alten Zaunreuter. Dieser saß

vor seinem Häuschen unter einer dichtbeästeten Fichte und hielt das

Pfeiflein in der Hand und nickte mit dem Kopfe auf und nieder, wie

die Zweige oben im Winde. Ich blieb von fern stehen und sah ihm zu;

der Mann war doch gar alt. In seiner Kindheit waren hier die Urwälder

ausgerodet worden; in seinen Jünglingsjahren hatten sich kleine

Bauernwirtschaften angesiedelt; in seinem Mannesalter waren durch

kalte, unfruchtbare Jahre die Bauernwirtschaften zugrunde gegangen, und

nun in seinen Greisentagen ließen sie das Weißbrunntal wieder anwachsen.

Ich trat endlich zum Alten hin und sagte: „Mein Vater hat mich

geschickt, und jetzt bleib’ ich in Eurem Hause so lang und ich geh’

nicht eher fort, bis Ihr mir das Geld gebt.“

„So geh hinein in das Haus, Kleiner, und setz dich auf die Bank, oder

geh hinauf an die Lehne und hilf meiner Enkelin Ziegen hüten.“ Er blieb

sitzen, nickte mit dem Kopfe und hielt das Pfeiflein in der Hand.

Ich ging in das Haus und saß eine Zeit auf der Bank in der Stube; als

mir endlich aber doch die Zeit lang wurde, kletterte ich die Lehne

hinan zur Ziegenhüterin. Ein Mädchen mit roten Wangen und lichtblonden

Haaren, wohl um einige Jahr älter als ich, saß da oben, es flocht sich

mit seinen behendigen Fingern, mit Beistand der weißen Zähne, die

Haare. Da es mich sah, sprang es auf und floh ins Dickicht.

Als der Abend kam, füllte sich das kleine Haus im Anwuchs mit Menschen;

es waren Weiber und Kinder gekommen und zwei junge, lustige Holzhauer

und ein übermütiger Almhirt, der allweg pfiff, gern auf einem einzigen

Fuße stand, tänzelte und die Weiber neckte. Es kam ein Wurzner und

eine Ameiseiergräberin, und sie erzählten, wo sie an diesem Tage waren

und was sie für Beute gemacht hatten. Alle diese Menschen, zum Teil

schon betagt, zum Teil noch jung und klein, waren Nachkommen des alten

Zaunreuter.

Als sie sich alle um den Tisch zur Abendsuppe setzten, stand ich an

der Tür und kaute an einem Finger. Ich empfand doch, daß ich hier

nicht daheim, und getraute mich nicht zum Tisch. Da sagte der Alte:

„Waldbauernbub, setze dich neben das Käthele und iß mit uns eine

Suppe!“ Nach diesen Worten errötete das Mädchen, das ich früher oben

als Ziegenhüterin gesehen hatte, dann rückte es ein wenig zur Seite.

So setzte ich mich daneben hin und aß; aber mir wollte es nicht recht

schmecken, ich schämte mich, daß ich den Leuten wegen so ein paar

Gulden an der Schüssel lag.

Nach dem Nachtmahle nahm mich der Almhalter mit in sein Bett; es stand

nicht im Hause und nicht im Freien, sondern hinter einer Felsnische

unter drei dichten Tannen. Der Halter zog sich aus bis auf das Hemd

und pfiff und tänzelte immer noch dabei und kitzelte mich in das Bett

und unter die Decke hinein, daß ich laut schrie und kicherte. So war

ich mit ihm gleich bekannt, und so kauerten wir uns recht aneinander,

und er erzählte mir von seinen Kühen und Kälbern, und dabei zog er die

Decke immer mehr über unsere Köpfe herauf, und sein mächtiger Atemstrom

ergoß sich so sehr auf mein Gesicht, daß ich schier ersticken wollte.

Als ich am andern Morgen aufwachte, flunkerte die Sonne durch das

Geäste, und der Halter war schon längst davon. Ich stand auf und

dachte, heute wird mir der Zaunreuter das Geld wohl geben. Es wurde

die Morgensuppe vorgesetzt; das Käthele schnitt mir Brot hinein, und

dabei flüsterte es mir zu, ob ich heute nicht mit ihm wolle mitgehen

in die Geißhalde? Ich ging mit, und das Mädchen machte mich bekannt

mit den Ziegen und mit seinen Spielplätzen. Das Käthele hatte unter

einem Felsvorsprung eine Sennerei; aus Baumrinden hatte es einen Stall

aufgezimmert, unter diesem stand eine Reihe dürrer Fichtenzapfen, das

waren die Kühe. Das Mädchen lehrte mich von diesen Kühen die Namen und

schob sie auf die Weide und wieder in den Stall. Auf einmal aber, als

es merkte, daß ich mich nicht recht in diese Wirtschaft hineinfinden

konnte, wendete es sich ab, hielt die Schürze vor das Gesicht und

schämte sich. Als ich ein wenig später wieder an die Stelle kam, waren

die Fichtenzapfen über den Hang geschleudert und der Stall zerstört.

Es verging der Tag, der Alte war nicht zu Hause, ich bekam das Geld

nicht und blieb. Das Käthele zerrte mich überall mit, und als gegen

Abend ein kalter Wind strich, schlug es sein Lodenjäckchen um meinen

Kopf und wickelte meine Hände in seine Schürze, daß ich nicht sollte

frieren können. Am Abend nahm es mich mit in den Stall und zeigte mir,

wie es die Ziegen melke, und als wir in der Milchkammer standen, strich

es mir mit dem Finger Rahm in den Mund.

Am dritten Tage war ich schon um ein bedeutendes zutraulicher; da

pflückte ich dem Käthele Erdbeeren und schenkte ihm ein Sträußchen

rotblühenden Klees. „Die Erdbeeren mag ich schon,“ sagte sie, „aber den

Klee steck nur der Geiß zu, ich weiß damit nichts anzufangen.“

„Es wär’ aber Honig drin, Käthele,“ sagte ich.

„Ja, weil ihn die Bienen nicht heraussaugen dürfen,“ versetzte das

Mädchen, „weißt du, was der heilige Petrus gesagt hat? Ja, der hat zu

den Bienen gesagt: Was wollt ihr lieber, den Sonntag feiern, oder den

roten Klee meiden? Haben die Bienen zur Antwort gegeben: den roten Klee

meiden. Deswegen dürfen sie beileib’ nichts zu schaffen haben mit dem

roten Klee, und der Honig davon kommt in die Geißmilch.“ —

Der Alte ging aus und kam heim, aber nie sagte er etwas von dem Gelde.

Ich blieb im Hause, wurde zu Tische geheißen, schlief beim Halter und

konnte die übrige Zeit machen, was ich wollte. Ich ging immer mit dem

Käthele, und das führte mich im Walde umher, in jede Schlucht und auf

jeden Felsblock, und wußte allweg zu plaudern und erzählte mir sogar

einmal im Vertrauen: Zuweilen, wenn es so ganz still sei und nur die

Hummel brumme oder ein Lüftchen wispere, da gehe Gott durch den Wald.

Er sei größer wie der allergrößte Baum, aber er kümmere sich um jedes

Rehlein, und wenn wo eine Ameise krieche, der sie einen Fuß abgetreten,

so helfe er ihr weiter, und wenn wo ein Blümlein stünde, das nicht

aufwachsen kann, weil ihm ein Steinchen anliegt, so neige sich der

liebe Gott auf die Erde und tue dem Blümlein den Stein vom Herzen.

Wenn das Käthele ähnliche Dinge redete, so sah ich es nur so an, und

da war ein Glanz in seinem großen dunkeln Auge, wie in der Kirche zur

heiligen Christnacht.

Einmal führte sie mich auf einen Steinbühel, um welchen Rotkiefern und

Wacholder wuchsen, legte ihre beiden Hände auf meine Schultern und

sagte: „Das freut mich, Waldbauernbub, daß du in unser Haus und zu mir

in den Wald gekommen bist.“ Nach diesen Worten geleitete sie mich von

dem Steinbühel wieder herab. Weshalb ich aber da war, das wußte sie

nicht.

Vergaß ich ja doch endlich selbst darauf. Ich lebte in dem Hause des

Zaunreuters wie daheim, nur waren die Leute freundlicher mit mir, und

ich durfte nicht so viel arbeiten, als ich es an der Seite meines

Vaters gemußt.

Da kam eines Tages durch den Holzschläger von meinem Vater der Auftrag,

ich möge doch endlich das Geld heimbringen, das Steueramt wolle nicht

mehr länger warten und habe ihm einen Soldaten ins Haus geschickt, der

ohne den Steuerbetrag nicht fortgehen wolle und welcher — setzte der

Bote bei — der Kuhmagd schon ganz den Kopf verrückt habe und mit ihr

heimlich die Butter verzehre. Das sei eine gefährliche Belagerung, und

ich möge doch kommen und das Haus befreien. — Ich trug dem Alten unser

Anliegen vor. Dieser nickte stetig mit dem kleinen Kopfe und machte mir

dann in bittendem Tone den Vorschlag, er wolle die Exekutionsmänner

austauschen, mich heimgehen lassen und den gefährlicheren Soldaten

in sein Haus nehmen, bis er zahlen könne. Das brachte mich fast auf,

denn ich konnte dadurch nur verlieren, ohne das Geld heimzubringen.

Ich murmelte daher zu Boden starrend und den Hut tief in die Stirne

gedrückt: „Ich will unser Geld haben.“

Da sprang der Alte auf, einen Schritt gegen mich und stieß die Worte

hervor: „Vom Erdboden herausgraben kann ich’s nicht! Willst mir die

Haut abziehen? Ich bin alt und hab’ eine Familie; du kennst von der

Welt noch nichts wie das Essen. Wenn ihr glaubt, ich will euch was

abstehlen, so verkaufet mein Haus, da steht’s! und jagt die Kinder

hinaus zu den Tieren des Waldes und scharrt den alten Mann in die

Erden!“

Das traf mich, niederfallen hätt’ ich mögen vor dem Greis und ihm

sagen, daß ich’s so nicht gemeint. Ich schlich davon und wollte heim

zu meinem Vater und ihm sagen, ich hätte das Geld wohl bekommen, aber

ich hätte es unterwegs in dem dichten Gesträuche verloren, und ich

wolle dafür arbeiten Tag und Nacht und fasten dabei, und er möge mich

strafen, wie er wolle.

Als ich sonach durch die Schlucht ging, rief mich das Käthele an.

Es stand hoch auf einem Baumstrunk und sagte mir, ich möge auch

hinaufkommen, denn man sehe von dort aus ins Land, wo die Feigen

wachsen. Da mußte ich denn freilich hinauf; allein, als ich oben stand

bei dem Käthele, schalt es, daß ich so langsam geklettert sei, es seien

in der Weile die Bäume so hoch gewachsen, und nun könne man nicht

mehr in das Land der Feigen sehen. Ich stellte mich, als hätte ich

dem Käthele alles aufs Wort geglaubt. Ich vergaß aber dabei auf mein

Heimgehen.

Als wir eine Weile beisammengestanden waren, lispelte sie: „Ich will

dir was sagen, Waldbauernbub,“ und zerrte mich mit fort, zwischen den

Bäumen und durch Gesträuche, fort und fort, bis wir hineinkamen tief

in den Hochwald. Dort blieb sie endlich stehen, blickte verwirrt um

sich und ließ sich auf einen verwitterten Strunk nieder. Ich stand vor

ihr; sie faßte meine Hände und legte sie in ihren Schoß. Dann neigte

sie das Haupt vor gegen meine Stirne und flüsterte: „+Du bist mein

lieber Waldbauernbub!+“ — Sie war gerötet, sie ließ alle Haarsträhne

niedergleiten über ihr Antlitz, daß ich es nicht hätte sollen sehen

können, wie sie glühte.

Gleich darauf erhob sie sich, und wir gingen zurück durch den Wald,

durch das Gesträuche, wie wir gekommen waren.

An demselben Abend lud mich der alte Holzhändler ein, daß ich mich zu

ihm auf das Fichtenbänklein setze. Als ich es getan hatte, sagte er,

daß ich heute wohl nicht mehr fortgehen könne, da der Weg zu meinem

Vaterhause lange durch unwirtliche Waldungen führe. Ich blickte ihn an,

da fuhr er in den Sack, zog ein abgegriffenes Büchlein hervor und aus

demselben eine Geldnote: „Da nimm, Waldbauernbub, ich laß deinen Vater

grüßen; und ich laß mich bedanken, daß er mir so nachgewartet hat, bis

ich’s jetzt zahlen kann. Ich hab’ ihm deswegen auch um zwölf Groschen

mehr zugelegt.“

Ich getraute mich an demselben Abend bei dem Mahle kaum einen Bissen zu

essen, und in der Nacht lag ich mäuschenstill neben dem Halter — ich

war bezahlt, ich hatte kein Recht mehr, das Bettgewand zu strapazieren.

Am andern Tage stand ich gar zeitlich mit dem Halter auf und eilte

meiner Heimat zu.

Es war auch schon die höchste Zeit; der Exekutionssoldat hatte im

Kuhstalle und in der Butterkammer bereits schauderhaft gewirtschaftet.

Nun erhielt er den Steuerbetrag und damit den Laufpaß.

Bei meinem Vater erntete ich nicht die Ehren, die ich für das

Aufbringen des Geldes zu beanspruchen geglaubt hatte.

„Dalkerter Bub,“ sagte er, „jetzt gehst gleich und tragst dem

Zaunreuter die zwölf Groschen wieder zurück!“

So lief ich denn. Im Walde traf ich wieder das Käthele. Es sah mich

kaum an, es spielte mit den dürren Fichtenzapfen und hatte sein Gesicht

dicht mit den Haaren verschleiert. Es hatte erfahren, daß ich nur des

Geldes wegen so lange bei ihm in dem Wald geblieben war.

[Illustration]

[Illustration]

Als die hellen Nächte waren.

Der Sommer war heiß gewesen. Das Moos des Waldbodens war fahl und

spröde geworden, und zwischen den Halmgerippen der Gräser sah man auf

den grauen Erdboden. Neben den dürren Nadeln des Waldbodens lagen tote

Ameisen und Käfer. Die Steine in den Betten der Bäche waren trocken und

weiß wie Elfenbein. Wo dazwischen noch ein Tümplein stand, da starb

darin eine Forelle oder ein anderes Tier des Wassers.

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 3 · 第 5 / 7 段