War der Lärm in der Schmiede auf einen Augenblick verstummt, so hörte

man draußen das Rauschen des Wassers, das von hohem Floß auf die Räder

niederstürzte. Aber der Lärm ging immer von neuem los, und es geschah

an den Essen und Hämmern immer dasselbe. Auch meine Sense, die ich

werden sah, war lange noch nicht fertig. Sie wurde neuerdings geglüht

und kam unter die Handhämmer der Schmiede, die sie feiner formend in

gleichem Takte bearbeiteten, bis der Henkel und der Rückenrand und

die Schneide und die Spitze fertig waren. Sie hatte nun eine Reihe

von kleinen Narben bis zur Spitze hinaus und war überlaufen mit einem

schönen, violetten Blau.

Mir fielen aber die Schmiede auf. „Warum sie allemal noch einen leeren

Schlag auf den Amboß machen, wenn die Sense schon weggezogen ist?“ so

fragte ich. Mein Vater antwortete: „Das tun die Schmiede überall; mit

dem Schlage auf den Amboß schmieden sie die Kette fester, mit welcher

der höllische Drach’ gefesselt ist; sonst tät sie endlich brechen, und

der böse Feind war los und ledig.“

Nun kam die Sense noch auf einen Schleifstein; der ging so scharf,

daß die Stahlschneide, die fest auf ihn gedrückt lag, unter

ohrenzerreißendem Geschrille beständig einen hellen Blitzschein von

sich gab, was noch das Allerschönste war in der ganzen Schmiede.

Wollte ich’s genau nehmen, so müßte ich auch das Personal aufzählen,

durch dessen Hände ein Stück Eisen geht, bis es Sense ist, ich müßte

den Kohlenbuben, Strecker, Breitenheizer, Abschinner und Kramrichter

nennen und vor allem den Obersten, den Essemeister. Ich müßte auch den

Streckhammer, den Breithammer und den Kleinhammer genauer beschreiben,

endlich das Abschinnern (Abschaben) der fertigen Sensen und das

Stempeln mit dem Firmazeichen und das Kramrichten (das in den Kram-,

ins Magazinbringen der Ware).

Ich bin aber kein gelernter Schmiedegeselle und werde wohl manche

Handgriffe und Vorgänge übersehen haben, bis das Werkzeug des Mähders

fertig war. — Ähnlich, sagte mein Vater, würden auch die Sicheln

gemacht, aber ganz anders die Messer und alle Schneidewerkzeuge, die

einen federigen Stahl haben.

„Glückauf!“ rief mein Vater den Schmieden zu. Diese hörten nichts. Wir

gingen — stets angefochten von sprühenden Funken — ins Freie. Dort war

es freilich noch schöner; wir gingen unter Pappeln hin und hörten noch

lange das dumpfe Hammerpochen und das Wasserrauschen hinter uns.

Ich hatte ein blauschimmerndes Stück Schlacke mit mir genommen und

betrachtete es jetzt wie einen errungenen Schatz.

„Das ist nichts,“ sagte mein Vater und zog ein Schöllchen Roheisen aus

dem Sacke. Das war rostfarbig und durchlöchert wie ein Schweizerkäse.

„Wenn’s auch nicht so glänzt wie das deinige, es ist doch mehr. Aus

diesem Ding — heb einmal, wie schwer es ist! — kann man feine Werkzeuge

machen, die wie Spiegel funkeln. Du sollst mir auch noch das Tüchtige

vom Schimmernden unterscheiden lernen.“

Nun gingen wir in den Marktflecken Kindberg hinein.

Wir hörten an allen Ecken die Hämmer pochen, und auf der Straße fuhren

schwarze Kohlen- und Roheisenwagen, aber auch fertige Eisenwaren in

Kisten, Fässern und Strohgewinden sahen wir schleppen die weiße

Reichsstraße entlang gegen Graz und gegen Wien.

Im Brauhause bekränzten sie das bogenförmige Einfahrtstor mit

Tannenreisig und schmückten es mit Fahnen, mit Hämmern, Hacken und

Zangen. Mein Vater fragte, was das bedeute. Ja, morgen hätten die

Schmiede hier einen Ball, sagte der Brauknecht.

„Den eigentlichen Ehrentag des Schmiedehandwerks, den feierten sie doch

erst zu Jakobi!“ meinte mein Vater.

Das sei schon richtig — doch zur selben Zeit sei etwas anderes, da

hätten die Schmiede einen zwei Wochen langen Feiertag, da täten sie

nichts, als gut essen und trinken, tanzen und scheibenschießen, und

da kämen die Hammerherren von weit und breit, um Schmiede zu werben

für das nächste Jahr. Die Geworbenen kriegen den Leikauf auf die

Hand und werden zu nächsten Silvester durch aufgeputzte Wagen oder

Boten an ihren neuen Werksort gebracht. Vom Werksherrn kriegen sie

nebst dem vereinbarten Jahrlohne auch die Kost; der Essenmeister

speist gar mit der Herrschaft. „Ich weiß das alles,“ versetzte mein

Vater dem gesprächigen Brauknecht, „aber meines Buben wegen ist’s mir

lieb, daß du’s erzählst, der ist schon alt genug, und wenn er gleich

Bauer bleiben wird, so schadet es ihm nicht, daß er auch anderer

Stände Arbeit und Brauch kennen lernt. Ich hab’ ihn darum vom Berge

herabgeführt.“

„Und bei solchem Schmiedefeste,“ erzählte der Mann weiter, „da kommen

sie halt zusammen, jeder, der’s hat, im Steirergewand, jeder eine kecke

Feder oder einen Gamsbart am Hute, jeder eine schwersilberne Uhrkette

mit Talerbehängseln an der Brust, jeder eine volle Geldtasche im Sacke,

jeder sein Mädel am Arme. Schmetternde und trommelnde Spielleute

voran, so ziehen sie ins Wirtshaus zum Trunk, zum Tanz und zu anderer

Lustbarkeit. Da darf sich kein Bürgerssohn, kein Bauernbursch, kein

Holzknecht blicken lassen; denn diese Eindringlinge spotten die

Schmiede ob ihrer Schwerhörigkeit, ob ihrer Kröpfe und dergleichen, und

ihr Trachten geht dahin, den Hammerschmieden die Dirndlein wegzunehmen.

Den Schmieden gehört der Tag und der Marktflecken, und die Leute lassen

sich’s gefallen — es springt Geld um. So kohlrabenschwarz sie am

Werktag sind, die Schmiede,“ schloß der Brauknecht, „am Sonntag gibt’s

keine hochmütigeren Menschen als diese Rußteufel. Und sind doch so viel

Gaggen (Halbkretins) dabei!“ War aber nicht so arg.

Schon jetzt, als wir dastanden und das geschmückte Haustor bewunderten,

kamen sie herbei von den unteren und oberen Hämmern, um nachzusehen,

wie weit die Vorbereitungen gediehen seien, und ein Glas Bier durch die

Gurgel zu sprengen.

Da kam plötzlich ein Bote gelaufen, rußig im Gesicht, aber weiß

vor Straßenstaub an den Beinen. Einen Sturmhut hatte er auf wie

Landwehrmänner zu Kriegszeiten. Ein langes Messer hatte er an der Seite

baumeln, und schier atemlos war er, als er rief: „Kameraden! Kameraden!“

„Was gibt’s?“ fragten sie ihm entgegen.

„Keinen Schmiedball gibt’s! Kein Flanieren und Karessieren gibt’s!

Jetzt heißt’s Messer, Spieß und Säbel schmieden, Kanonen, Kugeln

gießen!“

„Ja,“ sagten sie, „wer gibt uns dazu das Privileg?“

„Ich!“ rief der Bote. „Denn der Kaiser Ferdinand ist fort. In Wien ist

Revolution!“

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Als ich zum Pfluge kam.

Das ist eines der allerkürzesten, aber der allerwichtigsten Kapitel,

es führt mich aus der ersten kindlichen Jugend und aus der Hirtenzeit

hinaus zur zielbewußten Arbeit und zur jungen Mannbarkeit.

Es bedurfte vieler Ränke, bis ich’s vom Rinderhirten zum Pflüger

brachte. Ich mußte mir den Fuß verstauchen, daß ich den Tieren

nicht mehr entsprechend nachlaufen konnte; ich mußte auf der Weide

Vogelnester entdecken, wodurch mein jüngerer Bruder geneigt wurde,

an meiner Statt das Hirtenamt zu übernehmen; ich mußte endlich den

Knecht Markus, der sonst den Pflug geleitet hatte, gewinnen, daß dieser

versicherte: ’s wär ein bequemes Zeug, ließe sich handhaben wie ein

Taschenfeitel, und ich — der junge Bub — sei leidlich genug stark und

geschickt, den Pflug zu führen.

Und ich stand da und streckte mich, daß ich dem langen Markus

mindestens bis an die Achsel langte, und ich schüttelte einen

Zaunstecken, daß er ächzte — zum Beweise meiner Reife für den Pflug.

Aber mein Vater lachte und rief: „Geh, du bist ein kleiner Prahlhansel!

Wär’ not, es tät dir noch alle Tag ein anderer dein Hösel stäuben. Na

ja, und jetzt will er den Ausgewachsnen spielen. Ist recht, pack nur an

— wird nicht lang dauern!“

Auf dem Acker war’s gesprochen. Der Markus stand zurück, und ich packte

den Pflug bei den Hörnern.

Der Pflug in der Gegend meiner Heimat ist zwar nicht mehr der gekrümmte

Baumast der Wilden, sonst jedoch ein unvollkommenes, plumpes Werkzeug.

Der Bauer zimmert ihn selbst aus Birkenholz, die Eisenteile dazu nur

holt er sich vom Schmied und die Räder vom Wagner. Die Hauptstücke

des Pfluges sind: das Sech, Pflugmesser, welches den Rasen senkrecht

durchschneidet, der Arling oder die Schar, welche denselben wagrecht

abledigt, so daß eine Rasensohle entsteht, welche vierseitig und

etwa eine Spanne breit und eine halbe Spanne dick ist. Dann ist das

Mull- oder Tauchbrett, welches die abgeschnittene Sohle aus der

Furche emporhebt und umlegt, so daß die Rasenseite nach unterwärts

zu liegen kommt. Weitere Teile, vermittels welchen diese Hauptstücke

am Gründel befestigt sind, heißen die Griessäule, die Sohlschwelle,

die „Katze“. All diese Vorrichtungen müssen doppelt vorhanden sein,

da die wechselweise Hin- und Herfahrt auf bergigem Acker solches

bedingt. Voran liegt der Pfluggründel auf der Räderachse, an welche

zumeist ein Paar Ochsen gespannt ist. An der Rückseite des Pfluges

stehen drei Hörner oder Sterzen, die Handhaben, hervor, durch welche

der Pflug von einem kräftigen Manne geleitet wird. An der Leitung

dieses „Pflughabers“ liegt es, die Rasensohle breit oder schmal, die

Furche tief oder seicht zu machen; diesem Manne obliegt es, am Rande

des Ackers den Pflug gut einzusetzen und auszuheben, auch muß er es

vermögen, auf steinigem Boden vor jedem größeren Steine den Pflug

herauszureißen, denn die Ochsen sind nicht plötzlich zum Stehen zu

bringen und der unbewachte Pflug würde gar bald in Trümmer gehen.

Außer diesem Pflughaber ist zum Gefährte auch noch ein Fuhrmann nötig,

der die Ochsen leitet, so daß im Paare der eine stets in der Furche,

der andere auf dem Rasen schreitet. Dann muß endlich ein „Nachhauer“

sein; das ist zumeist eine Magd, welche mit einer Haue dem Pfluge

folgt, nicht gut umgelegte Sohlen niederdrückt, fehlerhafte Furchen

aushaut — kurz, den Korrektor des Pfluges abgibt.

Man sieht, daß die Sache nicht einfach ist. Es gehört ein langer Tag

dazu, um mit einem Pfluge ein Joch hängigen Ackerlandes umzukehren.

Nun, und wie ist’s dabei dem jungen Pflughaber ergangen?

Fest hatte ich den Stier bei den Hörnern gefaßt. Es war aber wahrhaftig

ein Stier. Vom Markus hatte sich das Zeug wie ein Spielwerk handhaben

lassen; es war, als hielte er sich nur des Vergnügens wegen an die

Handhaben. Jetzt war’s eine andere Art. Die Rinder zogen an. Mich

schleuderten die Handhaben nach rechts und nach links, der Pflug wollte

aus dem Geleise steigen, und meine Barfüßlein kamen etlichemal unter

die Erdsohle. „Er ist zu gering beim Steiß!“ hörte ich den Vater und

den Knecht noch lachen; das Wort weckte mich. Es handelte sich um

meine Ehre, um meine Mannbarkeit. Nicht mehr der Halterbub wollt’ ich

sein, der am Tisch bei der untersten Ecke sitzen mußte, der nirgends

ein Wörtlein mitsprechen durfte, der — wußte er was Gescheites —

dasselbe mit den Kälbern und Schafen bereden konnte. Mein Sinn stand

nach dem Höchsten; groß, stark und selbständig wollte ich sein wie

der Weidknecht. Und siehe, der Mensch wächst mit seinen höheren

Zwecken! Ich führte den Pflug und schnitt eine leidliche Furche. Die

ausgeackerten Regenwürmer hoben verwundert ihre Köpfe, zu sehen, wer

heute ackere!

Die Äcker meines Vaters hatten zähe, gelbrote, mit Graswurzeln

durchflochtene Erde, und die Sohlen waren ein endloser Darm und brachen

auf der ganzen Pflugstrecke kaum ein einzigmal ab. Mich freute das,

denn so blieb der Pflug stets gleichmäßig in seiner Lage, und die

Furche war regelmäßiger wie Teichgräberarbeit. Meinen Vater freute

das nicht; er hätte viel lieber schwarze und mürbe Erdsohlen gehabt.

„Schwarze Erde, weißes Brot!“ sagte der Spruch.

Als ich den Pflug das drittemal über den Acker leitete, lugte ich nach

der Sonnenhöhe. Ach, diese Uhr stand! Es waren Wolken davor. Und wenn

der Herrgott boshaft sein will und es heute nicht Mittag werden

läßt ...!

Es dauerte lange, bis zur Mahlzeit oben beim Hause die Mutter auf dem

Söller stand wie einst die Ahne, zwei Finger in den Mund hielt und

einen Pfiff ausstieß, den der Waldschachen so prächtig nachmachte. Ich

ließ die Handhaben los und gestand mir’s: so schön habe die Mutter noch

gar nie gepfiffen.

Dann ging’s zum Mittagsessen. Ich hütete mich wohl, die Erde mir von

den Händen zu reiben, denn eben diese Kruste gab mir das Ansehen:

ich war nicht mehr der Halterbub, ich war der Pflughaber, hatte die

gleichen Rechte mit den Knechten; ich saß neben dem Vorknecht und

bestrebte mich, gewichtige Reden zu führen. Man sprach über meine

Leistung; da schwieg ich, denn meine Leistung verstand sich von selber.

Es ist ein kleines Ding aus der Jugendzeit, es ist kaum groß genug, daß

man’s so laut erzählt; aber für den Landmann ist’s ein wichtiger Tag,

wenn er das erstemal seine Hand an den Pflug legt; es ist eine heilige

Tat. Das Schwert, das Kreuz ist Gegenstand großer Ehren; — ich halte

auch den Pflug für ein Symbol der Welterlösung. Den grauen Erdstaub,

der damals an meiner Hand kleben blieb und mit dem ich zum Mittagsessen

ging — ich habe ihn bis heute nicht weggewischt —, er ist mir das, was

dem Schmetterling der Goldstaub.

Und so mag ich’s wohl noch sagen, daß ich im selben Jahre den ganzen

Acker umgebaut habe, daß mein Vater mit frommer Hand das Korn in die

Erde gestreut hat und daß im nächsten Frühjahr das Korn in schönster,

erfreulichster Grüne gestanden ist.

„Seit zehn Jahren hab’ ich kein solches Kornfeld mehr gehabt,“ hatte

mein Vater hierauf gesagt.

Im Hochsommer, als die schweren Halme zur Reife neigten, schlug der

Hagel die ganze Frucht tief in den Erdboden hinein.

So war mein erstes Ackern ausgefallen. Es war lange nicht mein letztes

gewesen, aber endlich ist uns die Lust vergangen, in ewiger Mühsal

dort zu bauen, wo fast jedes Jahr gröber oder leichter die Schloßen

dreinfuhren. Mein Vater hat darüber niemals geflucht, jedoch, durch

mannigfaltige Mißgeschicke entmutigt, allmählich den Streit mit den

Elementen aufgegeben.

Heute steht auf jenem Felde, über das ich den Pflug geleitet, ein

schöner junger Lärchenwald; ich kann mit meiner Hand die Wipfel nicht

mehr erreichen. Frisch aufwuchert es allerwärts, wo früher meines

Vaters und seiner Kinder Pflug und Spaten gewühlt — frisch auf zu einem

neuen Hochwald. Allmählich sind wir teils fortgedrängt worden, teils

willig davongezogen von der sandigen Scholle der Vorfahren. Meine

Geschwister kamen zu fremden Bauern. Ich lernte ein Handwerk und ging

dann in die Fremde, um es wieder zu vergessen. Die Mutter wurde nach

manchem Jahre herber Mühsal durch den Tod erlöst. Nur der alte Vater

ist am längsten noch geblieben in einem Häuschen mitten im sprossenden

Wald.

Endlich, da ihm die Wildhühner unter dem Dache genistet und

die Eichhörnchen zu den Fenstern hineingelugt haben, ist auch

er aufgestanden und, gestützt auf einen Stock des Wacholders,

niedergestiegen in das sonnige Tal der Mürz.

[Illustration]

Druck von Carl Seifert in Köstritz.

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 3 · 第 7 / 7 段