Dann kamen wir an der gezackten Felswand vorüber, die hoch oben am

Berge steht und die „Spieler“ genannt wird. Drei Männlein sitzen dort

oben, die einst in der Christnacht hinaufgestiegen waren, um Karten

zu spielen. Zur Strafe sind sie in Stein verwandelt worden, und sie

spielen heute noch.

Die Straße ist hin und hin besät mit Wegkreuzen und Marienbildern; wir

verrichteten vor jedem unsere Andacht, und dann schritten wir wieder

vorwärts, wohl etwas schwerfälliger als gestern, und im Rockschoße

meines Vaters schlug fort und fort das unbekannte Ding hin und her.

Neben uns rauschte ein großer Bach, der aus verschiedenen Schluchten,

zwischen hohen Bergen, hervorgekommen war. Die Berge waren hier gar

erschrecklich hoch und hatten auch Gemsen.

„Jetzt rinnt das Wasser noch mit uns hinaus,“ sagte mein Vater, „paß

auf, wenn es +gegen+ uns rinnt, nachher haben wir nicht mehr weit nach

Zell.“

Wir kamen nach Gußwerk. Das hatte wunderprächtige Häuser, die waren

schön ausgemeißelt um Türen und Fenster herum, als ob sich die Steine

schnitzen ließen wie Lindenholz. — Und da waren ungeheuere Schmieden,

aus deren finsterem Innern viel Lärm und Feuerschein herausdrang. Wir

eilten hastig vorbei, und nur bei der damals neuen Kirche kehrten wir

zu. Das war wunderlich mit dieser Kirche — nur ein einzig Christusbild

war drin und sonst gar nichts, nicht einmal unsere liebe Frau. Und so

nahe bei Maria Zell! Die Lutherischen sollen es gerade so haben. — Wir

gingen bald davon.

Und als wir hinter dem letzten Hammerwerk hinaus waren und sich die

Waldschlucht engte, daß kaum Straße und Wasser nebeneinander laufen

konnten — siehe, da war das Wasser so klar und still, daß man in der

Tiefe die braunen Kieselsteine sah und die Forellen — und das Wasser

rann gegen uns.

„Jetzt, mein Bübel, jetzt werden wir bald beim Urlaubkreuz sein,“ sagte

der Vater, „bei demselben siehst den zellerischen Turm.“

Wir beschleunigten unsere Schritte. Wir sahen die Kapelle, die gerade

vor uns auf dem Berge stand und die Sigmundsbrücke heißt. Da oben hat

vor noch nicht lange ein Einsiedler gelebt, der sich nicht für würdig

gehalten, bei der Mutter Gottes in Zell zu sein, und der doch ihr

heiliges Haus hat sehen wollen jede Stund’. — Ein Vöglein hätte ich

mögen sein, daß ich hätte hinauffliegen können zum Kirchlein und von

dort aus Zell etliche Minuten früher schauen, als von der Straße aus.

An der Wegbiegung sah ich an einem Baumstamm ein Heiligenbild.

„Ist das schon das Urlaubkreuz?“

„Das kleine,“ sagte mein Vater, „das ist erst vom Urlaubkreuz das

Urlaubkreuz. Schau, dort steht das große.“

Auf einem roten Pfahl ragte ein roter Kasten, der hatte ein grün

angestrichenes Eisengitter, hinter welchem ein Bildnis war. Wir eilten

ihm zu; ich hätte laufen mögen, aber mein Vater war ernsthaft. Als wir

vor dem roten Kreuze standen, zog er seinen Hut vom Kopfe, sah aber

nicht auf das Bild hin, sondern in das neu hervorgetretene Tal hinaus

und sagte mit halblauter Stimme: „Gott grüß dich, Maria!“

Ich folgte seinem Auge und sah nun durch die Talenge her und durch die

Scharte einiger Bäume eine schwarzglänzende Nadel aufragen, an welcher

kleine Zacken und ein goldener Knauf funkelten.

„Das ist der zellerische Turm.“

Ein klein wenig haben wir alle beide geschluchzt. Dann gingen wir

wieder — einen Schritt vorgetreten, und wir haben den Turm nicht mehr

gesehen. Wir sollten ja bald an seinem Fuße sein ...

Wir stiegen die letzte Höhe hinan und hatten nun auf einmal den großen

Markt vor uns liegen und inmitten, hoch über alles ragend und von der

abendlichen Sonne beschienen, die Wallfahrtskirche.

Die Stimmung, welche zu jener Stunde in meiner Kindesseele lag, könnte

ich nicht schildern. So, wie mir damals, muß den Auserwählten zumute

sein, wenn sie in Zion eingehen.

Wir taten, wie alle andern auch — auf den Knien rutschten wir zum

Gnadenbilde hin, und ich wunderte mich nur darüber, daß der Mensch auf

den Knien so gut gehen kann, ohne daß er es gelernt hat.

Wir besahen an demselben Abende noch die Kirche und auch die

Schatzkammer. An den gold- und silberstrotzenden Schreinen hatte ich

lange nicht die Freude, wie an den unzähligen Opferbildern, welche

draußen in den langen Gängen hingen. Da gab es Feuersbrünste,

Überschwemmungen, Blitzschläge, Türkenmetzeleien, daß es ein Schreck

war. Es ist kaum eine Not, ein menschliches Unglück denkbar, das in der

Zellerkirche nicht zur bildlichen Darstellung gekommen wäre. Wer hat

diesen Volksbildersälen eine nähere Betrachtung gewidmet?

Wir stiegen auch auf den Turm; das war unerhört weit hinauf in den

finsteren Mauern, und wie oft mochte der Rockschoß meines Vaters hin

und her geschlagen haben, bis wir oben waren! Und endlich standen

wir in einer großen Stube, in welcher zwischen schweren Holzgerüsten

riesige Glocken hingen. Ich ging zu einem Fenster und blickte hinaus

— was war das für ein Ungeheuer? Eine Kuppel der Nebentürme hatte ich

vor Augen. Und, du heiliger Josef! wo waren die Hausdächer? Die lagen

unten auf dem Erdboden. — Dort auf dem weißen Streifen krabbelte eine

Kreuzschar heran. Als der Türmer dieselbe gewahrte, hub er und noch

ein zweiter an, den Riemen einer Glocke zu ziehen. Diese kam langsam

in Bewegung, der Schwengel desgleichen, und als derselbe den Reifen

berührte, da gab es einen so gewaltigen Schall, daß ich meinte, mein

Kopf springe mitten auseinander. Ich verbarg mich wimmernd unter

meinen Vater hinein, der war so gut und hielt mir die Ohren zu, bis

die Kreuzschar einzog und das Läuten zu Ende war. Nun sah ich, wie die

beiden Männer vergeblich an den Riemen zurückhielten, um die Glocken

zum Stillstand zu bringen; hilfebereit sprang ich herbei, um solches

auch an einem dritten niederschlängelnden Riemen zu tun — da wurde ich

schier bis zu dem Gebälke emporgerissen.

„Festhalten, festhalten!“ rief mir der Türmer zu. Und endlich, als die

Glocke in Ruhe und ich wieder auf dem Boden war, sagte er: „Kleiner,

kannst wohl von Glück sagen, daß du nicht beim Fenster hinausgeflogen

bist!“

„Ja,“ meinte mein Vater, „kunnt denn da in der Zellerkirchen auch ein

Unglück sein?“

Abends waren wir noch spät in der Kirche; und selbst, als sich

die meisten Wallfahrer schon verloren hatten und es auch an dem

Gnadenaltare dunkel war bis auf die drei ewigen Ampeln, wollte mein

Vater nicht weichen. Gar seltsam aber war’s, wie er sich endlich von

seinen Knien erhob und in die Gnadenkapelle hineinschlich. Dort griff

er in seine Rocktasche, langte den von mir unerforschten Gegenstand

hervor, wickelte das graue Papier ab und legte ihn mit zitternder Hand

auf den Altar.

Jetzt sah ich, was es war — ein Eisenzahn von unserer Egge war es. —

Und am andern Tage gegen Abend, als wir meinten, unsere Kirchfahrt

so verrichtet zu haben, daß Maria und unser Gewissen zufrieden sein

konnten, gingen wir wieder davon. Beim Urlaubkreuz blickten wir noch

einmal zurück auf die schwarze, funkelnde Nadel, die zwischen zwei

Bäumen hervorglänzte.

„Behüt dich Gott, Maria Zell,“ sagte mein Vater, „und wenn Gottes

Will’, so möchten wir noch einmal kommen, ehvor wir sterben.“ —

Dann gingen wir bis Wegscheid, dort hielten wir nächtliche Rast. Und am

nächsten Tage überstiegen wir wieder den Berg und durchwanderten das

Veitschtal. Als wir zu den Bauernhäusern der Niederaigen kamen, sprach

mein Vater dort zu, wo wir auf dem Hinweg zur Nacht geschlafen hatten,

und überreichte der Bäuerin ein schön bemaltes Bildchen von Maria Zell.

Als wir am Abende desselben Tages heimgekommen waren und uns zur Suppe

gesetzt hatten, soll ich, den Löffel in der Hand, eingeschlafen sein.

[Illustration]

[Illustration]

Als ich der Müller war.

Etwa ein Jahr nach dieser Wallfahrt gab’s ein merkwürdig Geschichtchen

daheim.

Nicht gar weit vom Hause, zwischen und unterhalb von Feldrainen und

Wiesenlehnen, ist eine Schlucht. Sie ist voll dichten und hohen

Erlen- und Haselnußgebüsches, zwischen welchen Germen, Schierling

und Sauerampfer wuchern. Unter diesen Gewächsen rieselt ein Wasser,

das seinerzeit zuweilen nur von einem durstigen Krötlein aufgesucht

wurde, sonst aber, so klar und frisch es war, ganz unbeachtet blieb,

bis unser Nachbar, der Thoma, dem die Schlucht gehörte, eine Mühle in

dieselbe baute. Die Mühle stand so versteckt im Gebüsche, daß ich, wenn

ich bei meiner Rinderherde auf dem Wiesenraine stand, vergebens nach

derselben gespäht hätte, wenn an ihr und hoch über den Gesträuchen

nicht zwei Tannen emporgeragt haben würden. Auf diesen Tannen saß gern

ein Habicht und pfiff zu mir und meinen Rindern herüber, daß ich vor

Grauen im Gedanken oft ein heilig Vaterunser betete. Auch vor der Mühle

fürchtete ich mich; sie kam mir mit ihren ewigen Schatten und traurigem

Wasserrauschen schier so schauerlich vor wie jene im Märchen meiner

Mutter, in der die schöne einschichtige Müllerstochter zwölf Räuber mit

der breiten Mühlhacke geköpft hat.

Da kam aber eine Zeit, in der ich näher mit der Mühle im

Schierlinggraben Bekanntschaft machen sollte.

+Unsere+ schöne Mühle im lichten Wiesentale, in der ich meinem Vater so

oft das Korn mahlen half, war in einer Nacht niedergebrannt, bis auf

die zahllosen Eisennägel und die zwei Mühlsteine, die ganz dunkelrot

angelaufen und dann in mehrere Stücke auseinandergefallen waren. Das

Wasserrad am halbverkohlten Gründel allein war stehengeblieben, und

auf dasselbe schoß der Mühlbach nieder, und das Rad lief und tanzte in

hastiger Eile wie närrisch. Verrückt war es geworden ob des Unglückes.

Und erst als mein Vater den Mühlbach ab in den Fluß leitete, blieb

das Rad stehen und stand viele Jahre lang hoch und kohlschwarz und

unbeweglich über dem Schutt.

Ich und mein Vater hatten alle Eisennägel zusammengesucht auf der

Brandstätte, aber der Schmied gab uns dafür nur fünfundzwanzig

Groschen; und die Mühle konnten wir nicht mehr aufbauen.

Da ging mein Vater zum Nachbar Thoma und fragte an, was er

Gegendienstes leisten müsse, wenn er die Mühle im Schierlinggraben an

Tagen, da sie leer stehe, benutzen dürfe.

Der Thoma legte meinem Vater einen Brotlaib vor: er möge sich

abschneiden, nur ein recht groß Stück, er, der Nachbar, habe gut Korn

gebaut. Ja, und von wegen der Mühle, die könne er, mein Vater, schon

haben; so einen, zwei Tage die Woche stehe sie ja leer; und eines

Gegendienstes wegen könne keine Rede sein; er, mein Vater, sei mit dem

Feuer unglücklich gewesen; ja, und das könne jedem geschehen, solle

sich nur noch Brot abschneiden, ein rechtschaffen Stück. Gesegne Gott!

Gesegne Gott!

In unserem Hause ist mein Vater selbst der Mühlesel gewesen. Und so

stieg er eines Tages, den Kornsack auf der Achsel, nieder in den

Schierlinggraben. Ich, ein blöder Junge, war entweder hinter meinen

Rindern oder hinter meinem Vater her; mein Vater war mir stets der

unfehlbarste und erste Mensch auf Erden, und alle anderen Leute liefen

nur so neben mit; nur der Pfarrer und der Amtmann ausgenommen, die

standen höher; der eine hielt’s ganz mit Gott, der andere mit dem

Kaiser — und mit uns hielt’s keiner von beiden.

So wand ich mich denn hinter meinem Vater durch das Erlen- und

Haselnußgebüsch der Mühle zu. Und als wir vor derselben standen, zog

mein Vater einen hölzernen Schlüssel aus dem Sack, sperrte die graue,

niedrige Tür auf, und wir standen jetzt in der finsteren Mühle, in

welcher nur der staubige Mehlkasten und über demselben das Steingehäus

und die Aufschüttmulde uns matt entgegenblickten. Wir stiegen

über sechs oder acht Stufen empor zum Schüttboden; an die braune,

spinnwebige Wand desselben waren mehrere Heiligenbilder geklebt, eine

Art Hausaltar, an dem auch ein grünes Weihbrunngefäßchen gängelte.

Mein Vater besprengte sich damit; dann leerte er seinen Kornsack in

die Schüttmulde und guckte noch ein wenig durch ein Fensterchen auf

das stetig rauschende Wasserfloß hinaus und zwischen den Fugen in die

Radstube hinab, aus welcher erst eine rechte Finsternis hervorglotzte.

Und als er sah, daß alles in Ordnung, tauchte er mit beiden Händen eine

aus der Wand stehende Stange nieder. Da wurde es lebendig. Zuerst hörte

ich einen einzelnen Klapper, bald einen zweiten, dritten; der Boden hub

sachte an zu dröhnen, zu schütteln; das Klappern wurde schneller und

schneller und kam endlich in ein gleichmäßiges Rollen und Klirren und

Schrillen. Es ging die Mühle.

Von dem zitternden Schnabel der Schüttmulde rieselte das braungelbe

Brünnlein des Kornes in den Steinhals, an welchem seines raschen Laufes

wegen weder ein Kern noch ein Maserchen zu erkennen war.

Mein Vater unterwies mich in den Dingen, auf daß auch ich das Müllern

lerne, und machte endlich die Decke des Mehlkastens auf, in dem bereits

der feine, weiße Staub des Mehles flog.

Erst spät abends — als es schon so finster war, daß ein zur Tür

hereinsprühendes Johanniswürmchen mich ins Herz hinein erschreckte,

weil ich im Augenblicke wähnte, es sei ein Feuerfunke und es hebe

auch diese Mühle zu brennen an — drückte mein Vater wieder an der

Wandstange; da wurde das Klirren und Klappern langsamer, noch dröhnte

und ächzte das Räderwerk träg und träger, dann stockte es und war

verstummt. — Mir klang es in den Ohren, und draußen rauschte wieder das

Wasser.

Mein Vater besprengte Steingehäus und Mehlkasten mit dem Weihwasser,

auf daß über Nacht kein Unglück komme; dann verschloß er die Tür mit

dem hölzernen Schlüssel, und wir stiegen durch das wilde Gesträuche und

über die Wiesen- und Feldlehnen hinan zu unserem Hause. Als wir über

die Leinwandbleiche gingen, huschte ein Weibsbild an uns vorbei und hin

über den Anger, auf welchem die Eschen und die Kirschbäume standen.

„Ich denk’ gar, das ist die kohlschwarze Stina gewesen,“ sagte mein

Vater vor sich hin, „wie närrisch lauft denn die herum in der Nacht!“

„Der wär’ es sicher nicht uneben gewesen, wenn sie unsere

Bleichleinwand noch gefunden hätt’ auf dem Anger,“ meinte meine Mutter

daheim.

„Ei, das kannst nicht wissen,“ sagte mein Vater ablehnend. „Sie macht

sich ihr Brot bei der Kohlenbrennerei, und Schlechtes kann man ihr doch

just gerade eben nicht gar recht viel nachsagen.“

„Gutes auch nicht,“ versetzte die Mutter; dann war nicht weiter mehr

davon die Rede.

Wir gingen zum Abendessen. Nach diesem setzte sich meine Mutter zum

Spinnrad und sang ein Lied und erzählte ein Märchen. Das Märchen von

der weißen Frau, wie sie um Mitternacht durch das Ritterschloß schwebt

und mit dem blutigen Dolch eine Unglücksprophezeiung an die Wand

schreibt — es ließ mir die ganze Nacht keine Ruhe, und ich kroch aus

Angst und Furcht vor der weißen Frau dem alten Einleger-Jobst, bei dem

ich schlief, schier hinters Hemd hinein.

Am andern Morgen, als wir aufstanden, war die Nachricht da, mein Vater

müsse eilends roboten gehen. Zwar war es schon ein Stück Weile nach dem

Jahre des Heiles Achtundvierzig, aber unser guter Verwalter hielt stets

noch an der ehrwürdigen Sitte, die Bauern ins Joch zu spannen, und die

Bauern bogen willig ihre sonst so steifen Nacken.

Mich aber traf’s an diesem Morgen wie ein Donnerschlag: „Bub,“

sagte der Vater zu mir, „so mußt heut du der Müllner sein unten im

Schierlinggraben.“

Noch ging er mit mir hinab, um die Tür aufzuschließen und die Mühle

anzurichten.

Ersteres wäre nicht nötig gewesen; die Tür war kaum verriegelt, und

mein Vater brummte: „So ein hölzern Schloß ist just für die Katz’; der

erst’ best Bettelmann taucht mit dem Stock den Riegel in Scherben.“

Dann gab mir der Vater noch Verhaltungsmaßregeln; unterwies mich,

wie man mittels der Wandstange das Wasser vom Holzfloße leite, daß

es seitwärts tief in das steinige Bett hinabstürze und die Mühle

stehen bleibe. Ferner bereitete er mir einen Kübel Wassers auf dem

Schüttboden, „im Falle, daß was sein sollte“. Er dachte ans Feuer. Dann

ging er, und ich war allein in der dunkeln, klappernden Mühle.

Mir war, als obläge mir die Sorge über eine ganze, wildwirbelnde Welt.

Ich schlich und spähte herum, ob überall alles in Ordnung; ich guckte

in die Aufschüttmulde; es rieselte immer aus ihr, aber sie wollte nicht

leerer werden. Ich hub in Gedanken an zu zählen und dachte, bis ich

fünftausend gezählt hätte, würde das Korn wohl zur Rüste sein; aber ich

zählte bis zehntausend, zählte bis — da war mir plötzlich, als stiege

aus dem Mehlkasten Rauch empor.

Ich stürzte zur Stange, bald stand das ganze Radwerk still, und ich

sah, es war nicht Rauch, es war nur Mehlstaub gewesen.

Ich richtete die Mühle wieder an und wurde nun etwas zuversichtlicher.

Aber in dieser ewigen Dunkelheit des alten Baues, in diesem

fortwährenden Tosen und Klirren wurde ich anderartig aufgeregt ... Ich

spähte nach rechts und nach links und gegen die dunkelsten Winkel hin.

Was gängelt doch das Weihbrunngefäß in einem fort?! — schon wieder

wollte ich zur Wandstange eilen — da ist plötzlich ein Gepuster und

Gepolter — siehe dort! — langsam und von sich selbst hebt sich der

Deckel des Mehlkastens, eine Gestalt, eine Menschengestalt richtet

sich auf im Kasten — bleich ist sie bis in die Augen, bis in den

Mund hinein. Jesus und Heiland! Die weiße Frau! — Meine Augen wollen

vergehen vor Schreck; aber sie sehen es noch, wie die Gestalt polternd

aus dem Kasten steigt und hinaushuscht zur Tür.

Ich bin sehr erschrocken; aber der Schreck war verhältnismäßig kurz

gewesen. Die Hast und Eile des Gespenstes kam mir verdächtig vor; ein

ordentlicher Geist weiß sonst stets Würde und Anstand zu bewahren.

Wenn das ein Mensch gewesen wäre, ein schlechter Mensch, ein Mehldieb,

den wir des Morgens in der Mühle überrascht und der sich in den Kasten

verkrochen? — Noch immer wirbelte der weiße Staub aus dem Mehlkasten

auf. Ich guckte zum Fensterchen hinaus. Ich sah, wie die weiße Gestalt

durch das Gesträuche kroch. Zuweilen, wo das Gebüsche eben recht dicht

war, blieb sie ein wenig kauern und lauerte; sie meinte wohl, von der

Tür aus müsse sie verfolgt werden, aber ich beobachtete sie durchs

Fensterchen. Sie strich ängstlich hin und her, kroch endlich durch

Erlen und hohe Germen und Sauerampfer in das steinige Bett des Baches,

über welchen das Mühlfloß ging. Hier in dem tiefen Graben mochte sie

sich sicher denken; mir aber kam ein verteufelter Gedanke. — Jetzt,

bist du ein Geist oder nicht, dachte ich, frisch Wasser ist eine

Gottesgabe; das kann nicht schaden.

Sofort rückte ich die Wandstange, und in demselben Augenblicke

kreischte ein greller Schrei draußen im Wassergraben, in welchen das

ganze Mühlwasser niederschoß auf die weiße Gestalt.

Diese blieb sie aber nicht lange; kaum sie sich so weit aus den Fluten

hervorgearbeitet hatte, daß ich sie wieder sehen konnte, war sie nicht

mehr weiß, war fahlgrau, war braun, war die kohlschwarze Stina.

Sie hatte sich so sehr in ihre nassen Kleider und in das Gestrüppe

verwickelt und verkettet, daß sie noch hübsch an Ort und Stelle war,

als ich zu ihr hinauskam.

„Stina!“ sagte ich, „hast du uns wollen das Korn stehlen oder das Mehl?“

Da wollte sie mit einem Steine nach mir werfen. Darüber erhob ich einen

gewaltigen Lärm, und als auf denselben der Nachbar Thoma, der in der

Schlucht Zaunstangen gehackt hatte, herbeikam, war die davonwatschelnde

Stina noch zu sehen.

„Mach dir nichts draus, daß dich mein Mühlwasser schwarz gewaschen

hat,“ rief er ihr nach, „in der Haftstuben wirst schon wieder trocken

werden. Mein Weib freilich, die hängt die nassen Lumpen zum Trocknen an

den Strick!“

Hierauf untersuchten wir den Mehlkasten; da drin war arg gewirtschaftet

worden, und hätte der brave Mehlstaub die Diebin nicht noch rechtzeitig

aus dem Schlupfwinkel getrieben, ich und mein Vater, wir hätten das

Korn nicht für uns gemahlen.

Ich richtete die Mühle nicht mehr in den Gang; der Thoma faßte das Mehl

in einen Sack und trug es hinauf in unser Haus.

Dann ging er und fing die Kohlschwarze ein.

Die Mühle im Schierlinggraben steht heute noch und ist versteckt unter

den Büschen.

Das Mehl, das ich gemahlen, ist längst gebacken und gegessen, die

kohlschwarze Stina längst trocken und vergessen.

[Illustration]

[Illustration]

Als ich den Himmlischen Altäre gebaut.

Wenn wir Kinder die Woche über brav gewesen waren, so durften wir

am Sonntag mit den erwachsenen Leuten mitgehen in die Kirche. Wenn

wir aber beim lieben Vieh daheim benötigt wurden, oder wenn kein

Sonntagsjöppel oder kein guter Schuh vorhanden, so durften wir nicht in

die Kirche gehen, auch wenn wir brav gewesen waren. Denn die Schafe und

die Rinder bedurften unser wesentlich notwendiger als der liebe Gott,

der nachgerade einmal Post schicken ließ: Leute, seid auf die Tiere

gut, das ist mir so lieb wie ein Gottesdienst.

Wir blieben jedoch nur unter der Bedingung zu Hause: „wenn wir einen

Altar aufrichten dürften“. Gewöhnlich wurde uns das erlaubt, und zu

hohen Festtagen stellte der Vater das Wachslicht dazu bei. Hatten

wir unsere häuslichen Beschäftigungen vollbracht, etwa um neun Uhr

vormittags, während in der Kirche das Hochamt war, begann in unserem

Waldhause folgendes zu geschehen: Die Haushüterin, war es nun die

Mutter oder eine Magd, hub an, am Herde mit Mehl und Schmalz zu

schaffen; der Haushüter, war es nun der Vater oder ein Knecht, holte

von der Wand „die Beten“ (den Rosenkranz) herab, vom Wandkastel

den Wachsstock heraus, aus der Truhe das Gebetbuch hervor; und der

kleine Halterbub, war es nun mein Bruder Jackerl oder ich, hub an,

die Heiligtümer des Hauses zusammenzuschleppen auf den Tisch. Von

der Kirche waren wir weit, keinen Glockenklang hörten wir jahraus

und jahrein; also mußten wir uns selber ein Gotteshaus bauen und

einen Altar. Das geschah zuhalb aus kindlichem Spielhange und zuhalb

aus kindlicher Christgläubigkeit. Und wir — mein Bruder Jackerl

oder ich, oder beide zusammen — machten es so: Wir schleppten das

alte Leben-Christi-Buch herbei, das Heiligen-Legenden-Buch, die

vorfindlichen Gebetbücher, unsere Schulbücher, das Vieharzneibuch

und jegliches Papier, das steif gebunden war. Solches gab das

Baumaterial. Die Bücher stellten wir auf dem Tische so, daß sie

mit dem Längenschnitt auf der Platte standen und ihre Rücken gegen

Himmel reckten; wir bildeten daraus ein zusammenhängendes Halbrund,

gleichwie der Raum des Presbyteriums (Raum am Altare). An die Wände

dieses Halbrundes lehnten wir hierauf die papierenen buntbemalten

Heiligenbildchen, welche in den Büchern zwischen den Blättern

aufbewahrt gewesen, zumeist von Verwandten, Patenleuten, Wallfahrten

als Angedenken stammten und verschiedene Heilige darstellten. Die

Heiligen Florian und Sebastian kamen in der Regel ganz vorne zu stehen,

denn der eine war gegen das Feuer und der andere gegen das Wasser,

also gegen die zwei wilden Schrecken, die den Menschen alleweil auf

kürzestem Wege den Himmlischen zujagen. An Namenstagen von uns oder an

sonstigen Heiligenfesten erwiesen wir aber dem betreffenden Heiligen

die Ehre, im Bildchen ganz vorne stehen zu dürfen. Am Osterfeste, am

Christtage fand sich wohl ein Osterlamm mit der Fahne oder ein holdes

Kindlein auf dem Heu. Letzteres wollte einmal am Christfeste mein

Bruder nicht anerkennen, weil kein Ochs und kein Esel dabei sei,

worauf der alte Knecht sich ganz ruhig zu uns wandte und sprach: „Die

müsset halt ihr zwei sein!“

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 3 · 第 4 / 7 段