Die wenigsten Leute hatten es wahrgenommen, warum dieses geschehen; das

Evangelium, der Segen wurden ohne weiteren Zwischenfall abgehalten, ich

aber lugte zwischen den Haselstauden her und sah, daß der Pfarrer blaß

war bis an die Lippen. — Wäre er zornig geworden über seine Entdeckung

auf dem Altärlein, hätte er gewettert und die Täter bei den Ohren

nehmen lassen, ich würde das ganz stilgerecht gefunden haben, aber

sein demütiges Schweigen, sein trauriger Blick, und wie er den durch

das frevle Kartenspiel heimatlos gewordenen Heiland auf den wilden

Felsen hinstellen mußte — das hat mir einen Riß gegeben. Gewußt kann

er’s nicht haben, wer der Mitschuldige war, aber merken hätte er es

leicht können an meinem Armensündergesichte, so sehr dieses sich auch

zu bergen suchte hinter den Haselstauden. Nachher, als in der Kirche

das Hochamt anhub, zupfte der Kaunigl mich am Rockschößling und lud

mich ein, mit ihm auf den Turm zu steigen, wo wir zum Sanktus und zur

Wandlung die Glocken läuten und Karten spielen könnten. Den Grünzehner

hätte er schon wieder. — Das ist nun zwar nicht geschehen, aber

verloren bin ich doch geblieben. Ich getraute mich von diesem Tage an

nicht mehr zum Beichtstuhle. Der Kaunigl getraute sich, es war jedoch

nicht so einfach gewesen, als er es sich vorgestellt, er hat mir’s

später erzählt. „Ich habe einmal Karten gespielt,“ hatte er gebeichtet.

„So,“ antwortete der Pfarrer, „das Kartenspielen ist ja an und für sich

nicht so schlimm, wenn nicht um Geld gespielt wird.“ — „Ja, um Geld ist

nicht gespielt worden.“ — „Wo war es denn?“ — „Ja, auf einem Tisch.“ —

„Auf welchem Tisch?“ — „Ja, auf einem hölzernen.“ — „War es etwa auf

dem Fronleichnamstischlein?“ fragte der Pfarrer. „O nein,“ sagte der

Kaunigl. Dann ist er losgesprochen worden.

„So hast du ja bei der Beichte gelogen!“ hielt ich dem Jungen vor.

„Das macht nichts,“ antwortete er rasch, „die Lug bringe ich das

nächste Mal leicht wieder an, die nimmt mir jeder hinein beim Fensterl.

Weil ich nur das Kartenspiel vom Hals hab. Teuxel noch einmal, das hat

mich schon selber gefuchst, da kunnt einen auf die schönste Manier der

Ganggerl (Teufel) holen.“

Ich habe aus dieser Erfahrung meine Schlüsse gezogen. Wenn das

Kartenspiel an und für sich nicht so schlimm ist, um Geld wurde

nicht gespielt, so braucht man die Geschichte ja nicht zu beichten.

Es steht auch weder im kleinen noch im großen Katechismus, daß der

Mensch auf Altären nicht Karten spielen dürfe. — Diese feine Auslegung

half mir aber nichts. Wenn ich an jenen Fronleichnamsfrevel dachte,

bei welchem ich so dumm mitgetan, da ward mir manchmal ganz übel.

In den Nächten träumte ich davon, und zwar sehr ungemütlich, und

Sonntags in der Kirche sitzend, durfte ich gar nicht hinblicken auf

jenes Altartischchen, es stand so sonderbar da, als wollte es jeden

Augenblick laut zu sprechen anheben und mich verraten. Zum Überflusse

las ich um diese Zeit auch noch in einem alten Erbauungsbuche die

Geschichte, wo ein frevlerischer Schustergeselle im Wirtshause das

Aufwandeln der Hostie nachahmte, und wie ihm dabei die gehobenen Arme

erstarrten, so daß er sie nicht mehr zurückbiegen konnte, daß er mit

hoch in die Luft gestrecktem Arme herumgehen mußte, bis er durch die

Lossprechung eines frommen Paters erlöst worden. Das wäre so was, wenn

ich mit gehobenem Arm, das Trumpfas in der Hand, umhergehen müßte,

und die Leute täten spotten: Na, stich, Peterl stich! Und ich steche

endlich zu und steche meine arme Seele tot! Das wäre so was!

Ich allein konnte mit mir nicht fertig werden, das war nun klar. Also

ging ich eines Tages in der Feierabendstunde nach Sankt Kathrein zum

Pfarrer. Der stand gerade vor dem Hause an seinem Brunnentroge, in

welchem ein stattlicher Quell sprudelte, und der mit einem rostigen

Drahtgitter übersponnen war. Der Pfarrer mochte glauben, daß ich nur

so zufällig vorübergehe, er winkte mit seinem schwarzen Strohhut, ich

möchte zu ihm kommen. „Was sagst du dazu, Peterl?“ rief er mir mit

seiner weichen Stimme entgegen, „neun und fünf und sieben, macht das

nicht einundzwanzig?“

Ich war nie ein besonderer Kopfrechner, diesmal sagte ich auf gut

Glück: „Ja, das wird schon beiläufig so sein, einundzwanzig.“

„Nun also,“ sagte er, „und jetzt schau einmal her,“ er deutete in

den Brunnentrog, „da hat mir der Blasler-Bub vor vierzehn Tagen neun

lebendige Forellen verkauft, die habe ich in den Trog getan. Vor acht

Tagen hat er mir wieder fünf Stück verkauft, habe sie auch hineingetan,

und heute hat er mir noch einmal sieben Forellen verkauft, die habe

ich auch hineingetan, und jetzt, wieviel sind drinnen im ganzen?

Acht Stück, und nicht um ein Schwanzel mehr! Und ich kenn’s, es sind

dieselben, die er mir vor vierzehn Tagen gebracht hat, und es kann gar

nicht anders sein, der Lump, hätt’ ich bald gesagt, hat mir die Fische

immer wieder aus dem Trog gestohlen und neuerdings verkauft! Das ist

doch ein — ein —“ Er ballte die Faust in die Luft. — Der Blasler-Bub

wird die Forellen wohl schon gestohlen gehabt haben, bevor er sie das

erstemal verkaufte, denn der Blasler hatte gar kein Fischrecht. Daran

dachte der gute Pfarrer wohl kaum, er hatte sicherlich nur an seine

Fasttage gedacht; das Kirchengebot erlaubt an Freitagen und Samstagen

die Fische, ob es aber gestohlene sein müssen, davon schweigt es.

Zum Sündenbekennen war diese Gelegenheit nicht günstig. Ich unterließ

es also, küßte ihm den Rockärmel, weil zu einem Handkuß die Faust

nicht einlud, und ging weiter. Unterwegs erwog ich lange, welche

Sünde schwerer sein mochte, des Blasler-Buben seine, oder meine. Die

seinige erschien mir als ein Schelmenstück, die meinige jedoch konnte

eine Sünde gegen den heiligen Geist sein, und solche werden nicht

nachgelassen.

Einige Tage später trieb der Kogel-Mirt vom Kreßbachgraben eine graue

Ziege mit zwei Zicklein des Weges. Die Alte hatte ein volles Euter, die

Jungen hüpften um sie herum und wollten einmal ein wenig trinken. Der

Kogel-Mirt aber zischte: „Gscht, nichts da! Das volle Euter müess’n mer

dem Herrn Pfarrer bringen!“

Da war ich schon wieder neugierig, was dahinter wäre, und der Mirt,

ein eingewanderter Tiroler war’s, hatte auch noch seinen spitzen

„Sternstecherhut“ auf, und er sagte: „Das ischt halt so, mein du,

’s Weib ischt mir gschtorben. Die Gais, hat sie g’sagt, und die

Kitzen, hat sie g’sagt, vermach’ iach dem Kathreiner Pfarrer. Fürs

Versechengehn und auf etlich Messen. Das ischt noch ihr Willen g’west,

und nachher ischt sie g’schtorben. Dessentweg treib’ iach jetzter die

Viecher zum g’weichten Herrn abi.“

Gut, denke ich bei mir, und in einer Stunde komme ich nach! Heute

wird er gut aufgelegt sein, und heute ist die beste Gelegenheit. War

insoweit ganz klug angestellt. Ich ging hin, der alte Herr war an

demselben Nachmittage gar lustig und lud mich vor, eine Schale Kaffee

mit ihm zu trinken, es wäre frische Milch vom Kreßbachgraben dabei. Und

mitten im Kaffee war’s, daß ich plötzlich sagte: „Halt schon lang ein

Anliegen hab’ ich, Herr Pfarrer!“

„Du, ein Anliegen?“ lachte er auf, „na, das wäre sauber, wenn nun auch

die kleinen Buben schon ihr Anliegen hätten!“

Ich habe mit dem Löffel in der Schale eifrig den Kaffee gerührt, um

dem Herrn nicht ins Gesicht schauen zu müssen, und dabei habe ich die

Geschichte vom Kartenspiel auf dem Altarl erzählt.

Über alles Erwarten blieb der Pfarrer ganz ruhig. Dann fragte er: „Hast

du es zu Fleiß getan? Hast du die Absicht gehabt, den heiligen Tisch zu

verspotten?“

„Gott nein, Herr Pfarrer!“ antwortete ich, bis ins Herz hinein

erschrocken schon über den bloßen Gedanken.

„Nun also,“ sagte der Greis. Dann schwieg er ein Weilchen und trank

seinen Kaffee aus. Hernach sprach er folgendes: „Gehören tut sich so

was nicht, das muß ich dir schon sagen. Und dem Kaunigl will ich’s auch

zu wissen tun, daß man zum Gottesdienst das Gebetbuch mitnimmt und

nicht die Spielkarten! Wenn du aber bei dem dummen Streich keine böse

Absicht gehabt hast, so soll’s diesmal gut sein. Ist so weit brav, daß

du mir’s gesagt hast. Magst noch ein Tröpfel?“

Als somit jene Fronleichnamsangelegenheit aufs beste geordnet war,

hat die zweite Schale Kaffee doppelt gut geschmeckt. Als ich später

aufstand, um fortzugehen, legte der alte Herr mir die Hand auf die

Achsel und sagte gütig: „Mir ist jetzt leichter, weil ich genau weiß,

wie es gewesen ist an jenem Fronleichnamstag. Aber ein andersmal mußt

nicht, Peterl. Schau — unser lieber Herrgott ...!“

[Illustration]

[Illustration]

Weg nach Maria Zell.

Mein Vater hatte elf Saatfelder, die wir „Kornweiten“ nannten, und

wovon wir alljährlich im Herbste ein neues für den Winterroggenbau

eigneten, so daß binnen elf Jahren jeder Acker einmal an die Reihe kam.

Ein solcher Jahresbau lieferte beiläufig dreißig Metzen Roggen; für die

nächsten drei Jahre wurde dann das Feld für Hafersaat benutzt, und die

sieben weiteren Jahre lag es brach, diente als Wiese oder Weide.

Unser vier — ich, mein Vater und die zwei Zugochsen — bestellten im

Herbste das Roggenfeld. Hatten wir den Pflug, so führte mein Vater

hinten die Pflug- und ich vorn die Ochsenhörner. Hatten wir die Egge

mit ihren sechsunddreißig wühlenden Eisenzähnen, so leitete der Vater

die Zugtiere, und ich —

Ja, das war ein absonderlich Geschäft. Ich hockte mitten auf der

Egge oben und ließ mich über den Acker hin und her vornehm spazieren

fahren. Fuhr spazieren und verdiente dabei mein Brot. Der Acker hatte

nämlich stellenweise so zähes und filziges Erdreich, daß die Egge nicht

eingreifen wollte, sondern nur so ein wenig oben hinkratzte. Trotzdem

durfte die Egge nicht zu schwer sein, schon um der Ochsen willen, und

auch nicht, weil an anderen Stellen doch wieder eine mürbe Erdschichte

lag, in welcher tiefgehende Zähne mehr geschadet als genützt hätten.

So mußte denn stellenweise die Egge beschwert werden, und zwar durch

ein lebendiges Gewicht, das zu rechter Zeit aufhocken und zu rechter

Zeit abspringen konnte. Und dazu waren meine vierzig Pfunde mit den

behendigen Füßlein gerade recht. Gefiel mir baß, wenn die Ochsen gut

beim Zeug waren und die Egge hübsch emsig dahinkraute und auf und

nieder hupfte, so daß mir der Vater zurief: „Halt dich fest, Bub, sonst

fliegst abi!“

Da hat sich eines Tages das große Glück zugetragen.

Es war morgens vorher mein zweiter Bruder geboren worden — ein Junge,

daß es schon eine helle Freude war. Als wir hierauf das steile

Schachenfeld umeggten, war mein Vater etwas übermütig und knallte

stark mit der Peitsche. Fuhr- und Ackersleute, die keine Stimme haben

zum Jauchzen, lassen die Peitsche knattern und schmettern, daß es

hinhallt in das Gebäume und zu anderen Menschen, die sich mitfreuen

und, wenn sie wollen und können, mitjauchzen mögen. Wir fuhren gerade

an einem mit Büschen bewachsenen Steinhaufen vorüber, als meinem

Vater — sicherlich des kleinen Jungen wegen — wieder die helle Lust

aufschoß, die Peitsche schwang er und knallte eins herab. In demselben

Augenblick rauschte erschreckt eine ganze Familie von Haselhühnern aus

dem Gebüsche auf — davor machten unsere Ochsen einen gewaltigen Sprung

und schossen wild mit der Egge und mit mir, der darauf saß, quer über

das steile Feld hinab. Mein Vater war beiseite geschleudert worden und

konnte nun nachsehen, was mit seinem Gespann geschah. Die Rinder rasten

dahin, die Egge hüpfte hoch empor, und im nächsten Augenblicke war ich

unter den Zähnen derselben und wurde hingeschleift.

Mein Vater soll die Augen zugemacht und sich gedacht haben: Jesses,

kaum ist der Kleine da, ist der Große schon hin. — Dann schlug er die

Hände zusammen und rief es zu den Wolken empor: „Unser liebe Frau Maria

Zell!“

Mittlerweile waren Ochsen und Egge über den Feldrücken gerast und

nicht mehr zu sehen. Dort unten aber auf dem braunen Streifen, den das

Fuhrwerk über den Acker hin gezogen hatte, lag ein Häuflein und bewegte

sich nicht.

Mein Vater lief hinzu und riß es von der Erde empor — da hub es auch

schon ketzermäßig an zu schreien. Der ganze Bub voll Erde über und

über; ein Ärmel des Linnenröckleins war in Fetzen gerissen, über die

linke Wade hinab rann Blut — sonst gar nichts geschehen. Hinter dem

Feldsattel standen unversehrt auch die Ochsen. Mich nahm mein Vater

jetzt auf den Arm. Ich hätte zehnmal besser laufen können als er, aber

er bildete sich ein, ich müsse getragen sein, aus Zärtlichkeit und

Dankbarkeit, daß ich noch lebe, und aus Angst, ich möchte mich etwa gar

jetzt erst verletzen. Als ich hörte, daß ich eigentlich in Todesgefahr

gewesen war und von Rechts wegen jetzt in Stücke zerrissen nach Hause

getragen werden sollte, hub ich erst recht an zu zetern. — Und so

kamen wir heim, und wenn die alte Grabentrautel nicht vor der Tür die

Antrittsteine sauber fegt — weil die Godel (Taufpatin) kommen soll —

und sie uns solchergestalt nicht den Eingang zur Wöchnerin verwehrt, so

geschieht erst jetzt das Unglück: die Mutter springt vor Schreck aus

dem Bett, kriegt das Fieber und stirbt.

Auch das hat die liebe Frau Maria Zell verhindern müssen und hat es

durch ihre Fürbitte erwirkt, daß es der Grabentrautel eingefallen ist,

es wäre draußen der Antrittstein nicht ganz sauber, und die Godel könne

leichtlich daran ein Ärgernis nehmen.

Später hat das mein Vater alles erwogen und ist hierauf zum Entschluß

gekommen, mit mir zur Danksagung eine Wallfahrt nach Maria Zell zu

machen.

Ich war glückselig, denn eine Kirchfahrt nach dem eine starke Tagreise

von uns entfernten Wallfahrtsort war mein Verlangen gewesen, seit

ich das erstemal die Zeller Bildchen im Gebetbuche meiner Mutter

sah. Maria Zell schien mir damals nicht allein als der Mittelpunkt

aller Herrlichkeit der Erde, sondern auch als der Mittelpunkt des

Gnadenreiches unserer lieben Frau. Und so oft wir nun nach dem

Gelöbnisse auf dem Felde oder im Walde arbeiteten, mußte mir mein Vater

all das von Zell erzählen, was er wußte, und auch all das, was er

nicht wußte. Und so entstand in mir eine ideale Welt voll Sonnenglanz

und goldener Zier, voll heiliger Bischöfe, Priester und Jungfrauen,

voll musizierender Engel, und inmitten unter ewig lebendigen Rosen die

Himmelskönigin Maria. Und diese Welt nannte ich — Maria Zell, sie steht

heute noch voll zauberhafter Dämmerung in einem Abgrunde meines Herzens.

Und eines Tages denn, es war am Tage des heiligen Michael, haben wir

vormittags um zehn Uhr Feierabend gemacht.

Wir zogen die Sonntagskleider an und rieben unsere Füße mit Unschlitt

(Lichttalg) ein. Der Vater aß, was uns die Mutter vorgesetzt — ich

hatte den Magen voll Freude. Ich ging ruhelos in der Stube auf und ab,

so sehr man mir riet, ich sollte rasten, ich würde noch müde genug

werden. Rasten und dann müde werden, das schien mir nicht gut gedacht.

Endlich luden wir unsere Reisekost auf und gingen davon, nachdem wir

versprochen hatten, für alle daheim und für jedes insbesondere bei der

„Zellermutter“ zu beten.

Ich wüßte nicht, daß meine Füße den Erdboden berührt hätten, so wonnig

war mir. Die Sonne hatte ihren Sonntagsschein, und es war doch mitten

in der Woche. Mein Vater hatte einen Pilgerstock aus Haselholz, ich

auch einen solchen; so wanderten wir aus unserem Alpel davon. Mein

Vater trug außer den Nahrungsmitteln etwas in seinem rückwärtigen

Rocksack, was, in graues Papier gewickelt, ich ihn zu Hause einstecken

gesehen hatte. Er war damit gar heimlich verfahren, aber jetzt

beschwerte es den Säckel derart, daß dieser bei jedem Schritte dem

guten Vater eins auf den Rücken versetzte. Ich konnte mir nicht denken,

was das für ein Ding sein mochte.

Wir kamen ins schöne Tal der Mürz und in das große Dorf Krieglach, wo

einige Tage zuvor mitten im Orte einige Häuser niedergebrannt waren.

Ich hatte in meinem Leben noch keine Brandstätte gesehen. Ich schloß

die Augen und ließ es noch einmal nach Herzenslust brennen, so daß mich

mein Vater gar nicht von der Stelle brachte.

Eine Frau sah uns zu und sagte endlich: „Mein, ’s ist halt armselig mit

so einem Kind — wenn es ein Hascher ist.“

Ich erschrak. Sie hatte mich gemeint, und ich kannte die Ausdrucksweise

der Leute gut genug, um zu verstehen, daß sie mich — wie ich so dastand

mit offenem Mund und geschlossenen Augen — für ein Trottelchen hielt.

Ich war daher froh, als wir weiterkamen. Nun gingen wir schon fremde

Wege. Hinter dem Orte Krieglach steht ein Kreuz mit einem Marienbilde

und mit einer hölzernen Hand, auf welcher die Worte sind: „Weg nach

Maria Zell.“

Wir knieten vor dem Kreuze nieder, beteten ein Vaterunser um Schutz

und Schirm für unsere Wanderschaft. „Das greift mich frei an,“ sagte

mein Vater plötzlich und richtete sein feuchtes Auge auf das Bild, „sie

schaut so viel freundlich auf uns herab.“ Dann küßte er den Stamm des

Kreuzes, und ich tat’s auch, und dann gingen wir weiter.

Als wir in das Engtal der Veitsch einbogen, begann es schon zu dunkeln.

Rechts hatten wir den finsteren Bergwald, links rauschte der Bach, und

ich fühlte ein Grauen vor der Majestät und Heiligkeit dieses Zeller

Weges. Wir kamen zu einem einschichtigen Wirtshaus, wie solche in den

Wäldern der Räubermärchen stehen — doch über der Tür war trotz der

Dämmerung noch der Spruch zu lesen: „Herr, bleib bei uns, denn es will

Abend werden!“ — Aber wir gingen vorüber.

Endlich sahen wir vor uns im Tale mehrere Lichter. „Dort ist schon die

Veitsch,“ sagte mein Vater, aber wir gingen nicht so weit, sondern

bogen links ab und den Bauernhäusern zu, bei welchen es in der

Niederaigen heißt. Und wir schritten in eines der Häuser, und mein

Vater sagte zur Bäuerin:

„Gelobt sei Jesu Christi, und wir zwei täten halt von Herzen schön

bitten um eine Nachtherberg; mit einem Löffel warmer Suppe sind wir

rechtschaffen zufrieden, und schlafen täten wir schon auf dem Heu.“

Ich hatte gar nicht gewußt, daß mein Vater so schön betteln konnte.

Aber ich hatte auch nicht gewußt, daß er auf Wallfahrtswegen nur ungern

in ein Wirtshaus einkehrte, sondern sich Gott zur Ehr freiwillig

zum Bettelmann erniedrigte. Das war ein gutes Werk und schonte den

Geldbeutel.

Die Leute behielten uns willig und luden uns zu Tische, daß wir aßen

von allem, was sie selber hatten. Dann fragte uns der Bauer, ob wir

Feuerzeug bei uns hätten, und als mein Vater versicherte, er wäre kein

Raucher, und er hätte sein Lebtag keine Pfeife im Munde gehabt, führten

sie uns in den Stadl hinaus auf frisches Stroh.

Wir lagen gut, und draußen rauschte das Wasser. Das mutete seltsam an,

denn daheim auf dem Berge hörten wir kein Wasser rauschen.

„In Gottesnamen,“ seufzte mein Vater auf, „morgen um solch’ Zeit sind

wir in Maria Zell.“ Dann war er eingeschlafen.

Am andern Morgen, als wir aufstanden, leuchtete auf den Bergen schon

die Sonne, aber im Schatten des Tales lag der Reif. Von der Veitscher

Kirche nahmen wir eine stille Messe mit; und als wir durch das

lange Engtal hineinwanderten, an Wiesen und Waldhängen, Sträuchern

und Eschenbäumen hin, über Brücken und Stege, an Wegkreuzen und

Bauernhäusern, Mühlen, Brettersägen und Zeugschmieden vorbei, trugen

wir jeder den Hut und die Rosenkranzschnur in der Hand und beteten laut

einen Psalter. Des schämte ich mich anfangs vor den Vorübergehenden,

aber sie lachten uns nicht aus; an der Zeller Straßen ist’s nichts

Neues, daß laut betende Leute daherwandern. Mein Vater betete überhaupt

gern mit mir; er wird gewiß immer sehr andächtig dabei gewesen sein,

aber mir kamen im Gebete stets so verschiedene und absonderliche

Gedanken, die mir sonst sicherlich nicht eingefallen wären. War ich im

Beten, so interessierte ich mich für alles, woran wir vorüberkamen, und

wenn sonst schon gar nichts da war, so zählte ich die Zaunstecken oder

die Wegplanken.

Heute gab mir vor allem das Ding zu sinnen, das mein Vater in seinem

Sacke hatte und das im Rockschoß gerade so hin und her schlug wie

gestern. — Für einen Wecken ist’s viel zu schwer. Für eine Wurst ist’s

zu groß. —

Ich war noch in meinen Erwägungen, da blieb mein Vater jählings stehen,

und das Gebet unterbrechend rief er aus: „Du verhöllte Sau!“

Ich erschrak, denn das war meines Vaters Leibfluch. Er hatte sich ihn

selbst erdichtet, weil die anderen ja alle sündhaft sind. „Jetzt kann

ich schnurgerade zurückgehen auf die Niederaigen,“ sagte er.

„Habt Ihr denn was vergessen?“

„Das wär’ mir ein sauberes Kirchfahrtengehen,“ fuhr er fort, „wenn

man unterwegs die Leut’ anlugt! — Hast es ja gehört, wie ich gestern

erzählt hab’, ich hätt’ mein Lebtag keine Pfeifen im Maul g’habt.

Jetzt beim Beten ist’s mir eingefallen, wie ich dort den Holzapfelbaum

sah, daß wir daheim auch einen alten Holzapfelbaum gehabt haben und

daß ich unter dem Holzapfelbaum einmal ’glaubt hab’, ’s ist mein

letztes End’. Totenübel ist mir gewesen, weil ich mit dem Riegelberger

Peter das Tabakrauchen hab’ wollen lernen. — Das ist mir gestern

nicht eingefallen, und so hab ich unserm Herbergvater eine breite Lug

geschenkt, und desweg will ich jetzt frei wieder zurückgehen und die

Sach’ in Richtigkeit bringen.“

„Nein, zurückgehen tun wir nicht,“ sagte ich, und in meinen Augen wird

Wasser zu sehen gewesen sein.

„Ja,“ rief der Vater, „was wirst denn sagen, wenn du unsere liebe Frau

bist und einer kommt weit her zu dir, daß er dich verehren möcht, und

bringt dir eine großmächtige Lug mit?!“

„Gar so groß wird sie wohl nicht sein,“ meinte ich und sann auf Mittel,

das Gewissen meines Vaters zu beruhigen. Da fiel mir was ein, und ich

sagte folgendes: „Ihr habt nur erzählt, daß Ihr Euer Lebtag keine

Pfeife im Mund gehabt hättet. Das kann ja wohl wahr sein. Ihr habt

bloß das Rohr und von dem nur die Spitze im Mund gehabt.“

Darauf schwieg er eine Zeitlang, und dann sagte er: „Du bist ein

verdankt hinterlistiger Kampel. Aber verstehst, das Redenverdrehen

laß ich dir nicht gelten, und auf dem Kirchfahrtweg schon gar nicht.

Ich hab’s so gemeint, wie ich’s gesagt hab’, und der Bauer hat’s so

verstanden.“

„So müsset es halt gleich beichten, wenn wir nach Zell kommen,“ riet

ich — darauf ging er ein, und wir zogen und beteten weiter.

Beim Radwirt hielten wir an, mußten uns stärken. Wir hatten nun die

Radsohl zu übersteigen, den Sattel der Veitschalpe, die mit ihren

Wänden schon lange auf uns hergestarrt hatte. Die Wirtin schlug die

Hände zusammen, als sie den kleinwinzigen Wallfahrer vor sich sah, und

meinte, der Vater werde mich wohl müssen auf den Buckel fassen und über

den Berg tragen, wenn ich nicht brav Wein trinke und Semmeln esse.

Hinter dem Wirtshause zeigte eine Hand schnurgerade den steilen Berg

hinan: „Weg nach Maria Zell.“ Aber ein paar hundert Schritte weiter

oben im Waldschachen stand ein Kruzifix mit der Inschrift: „Hundert

Tag Ablaß, wer das Kruzifix mit Andacht küsset, und fünfhundert Tag

vollkommenen Ablaß, wer Gelobt sei Jesus Christus sagt.“

Auf der Stelle erwarben wir uns sechshundert Tage Ablaß.

Dann gingen wir weiter, durch Wald, über Blößen und Geschläge, bald auf

Fahrwegen, bald auf Fußsteigen, und nach einer Stunde waren wir oben.

Wir setzten uns auf den weichen Rasen und blickten zurück in das weite

Waldland, über die grünen Berge hin bis in die fernen blauen. Und

zwischen den blauen heraus erkannte mein Vater jenen, auf welchem

unser Haus stand. Dort ist die Mutter mit dem kleinen Brüderlein, dort

sind sie alle, die uns nachdenken nach Zell. Wie müssen die Leute jetzt

winzig sein, wenn schon der Berg so klein ist wie ein Ameisenhaufen! —

Es war die Mittagsstunde. Wir vermeinten vom Veitschtale herauf das

Klingen der Glocke zu hören.

„Ja,“ sagte dann mein Vater, „wenn man’s betrachtet, die Leut’ sind

wohl recht klein gegen die große Welt. Aber schau, mein Bübel, wenn

schon die Welt so groß und schön ist, wie muß es erst im Himmel sein?“

Ich habe die Frage nicht beantwortet.

Wir erhoben uns und gingen den ebenen Weg, der hoch auf dem Berge

dahinführt, und ich sah schaudernd zum schroffen Gewände der Veitsch

empor, das schier drohend, als wollte es niederstürzen, auf uns

herabstarrte. Endlich standen wir vor einem gemauerten Kreuze, in

dessen vergitterter Nische ein lieber, guter Bekannter war. Der heilige

Nikolaus, der alljährlich zu seinem Namenstage mich mit Nüssen, Äpfeln

und Lebzelten beschenkte, anstatt daß ich ihm es tat. Und von diesem

Kreuze sahen wir hinab auf die Zeller Seite. Doch wir sahen noch lange

nicht Zell; wohl aber ein so wildes, steinernes Gebirge, wie ich es

früher meiner Tage nicht gesehen hatte. Ein Gebet beim Nikolo, und wir

stiegen hinab in die fremde, schauerliche Gegend.

Wir kamen durch einen finsteren Wald, der so hoch und dicht war, daß

kein Gräslein wuchs zwischen seinen Stämmen. Mein Vater erzählte mir

Raub- und Mordgeschichten, welche sich hier zugetragen haben sollen,

und ein paar Tafeln an den Bäumen bestätigten die Erzählungen. Ich war

daher recht froh, als wir in das Tal kamen, wo wieder Wiesen und Felder

waren und an der Straße wieder Häuser standen.

Wir waren bald in der Wegscheide, wo sich drei Wege teilen, der eine

geht nach Veitsch und auch nach Neuberg, der andere nach Seewiesen, und

den dritten weist eine Hand: „Weg nach Maria Zell.“

„Wenn du nach Zell gehst, so wirst du die größte Kirche und die

kleinste Kirche sehen,“ sagte mein Vater, „die größte finden wir heut

auf den Abend, zur kleinsten kommen wir jetzt. Schau, dort unter der

Steinwand ist schon das rote Türmlein.“

Das Wirtshaus war freilich viel größer als die Kirche; in demselben

stärkten wir uns für den noch dreistündigen Marsch, der vor uns lag.

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 3 · 第 3 / 7 段