Vor das Kreuz hinknien und beten, das war freilich verlockend, denn

ich hatte den gekreuzigten Jesus sehr lieb und wollte ihm mit dem

Gebet eine Freude machen. Ich ließ es also geschehen, als der Tritzel

mich emporhob, ins Fenster steckte und tapfer nachschob, weil es doch

ein bißchen eng herging an diesem Himmelspförtlein. Ein Ruck, und ich

kollerte drinnen hinab. Auf einen Schrei, den ich ausgestoßen, fragte

er draußen: „Hast du dir weh getan?“

„Weiß nicht, es ist ganz finster,“ war die Antwort, denn ich konnte es

nicht sehen, ob das Nasse an den Nüstern Blut war oder etwas anderes.

Hernach machte ich mich an die Tür. „Schieb den Riegel zurück!“ rief

draußen der Tritzel.

„Es ist kein Riegel,“ berichtete ich nach längerem Umhertasten.

„Lalli! Wird doch ein Riegel sein. Jedes Schloß hat einen Riegel.“

„Aber das ist ein eisernes Schloß, und man kann nicht dazu.“

„Ein eisernes? — Du verdammt! hätt’ ich bald gesagt, christlich Weih

ausgenommen.“ Also er draußen. Und fuhr fort: „Wart, Buberl, greif

ans Fenster. Da hast eine Zündholzschachtel. Damit zündst die Kerzen

an, die auf dem Altar stehen. — Raspel nur, raspel! Aber du raspelst

ja auf der verkehrten Seiten, wo das Weibsbild pickt! Auf der rauhen

mußt raspeln! So! Brennt’s schon? Richtig, brennt schon, bist ein

Buberl, ein braves. Kannst noch Mesner werden, du, oder gar Pfarrer und

Bischof, und noch ein bissel später Papst. Ei, das wohl! — Du Buberl,

weil du schon drinnen bist, geh, schau, siehst auf dem Altar kein

zinnernes Schüsserl nicht stehen?“

„Ja,“ antwortete ich, „und sind mächtig viel Kreuzer und Groschen drin.“

„Hat’s die Alte akkurat wieder stehen lassen!“ sagte der Tritzel

draußen in grollendem Tone. „Wenn man halt nicht überall nachschaut!

Auf die alten Weiber ist hell kein Verlaß. Für was geht sie denn Brot

sammeln bei den Bauern, wegen Kapellendienst, wenn sie doch aufs Geld

nicht schaut! Schandbare Leichtsinnigkeit! Mach, Bub, gib’s heraus! Das

Schüsserl sollst mir herausgeben, das zinnerne Geldschüsserl!“

Jetzt, das kam mir nicht ganz richtig vor.

„Kirchen ausrauben?“ sagte ich endlich.

„So ist’s! Kirchen ausrauben kunnten sie, die Schelm’, wenn man das

Geld tät stehen lassen da in der Kapellen!“ sprach der Tritzel.

„Kirchengut muß man wahren. Geh, Buberl, gib’s heraus, schau, ich

g’lang schon.“ Reckte den Arm zum Fensterchen herein und krabbelte mit

den langen, hageren Fingern in der Luft umher.

„O nein,“ war mein Bescheid, „Kirchen ausrauben tu ich nicht.“

„Kindisch, wer redet denn von so was! Bei dem heiligen Gang so dumm

reden! Dich wird unser Herrgott noch einmal recht strafen! Dem Herrn

Pfarrer tragen wir das Geld hinab. Der Herr Pfarrer hat mich gebeten,

daß ich ihm von der Kreuzkapellen das Geld möcht holen.“

„So hol’s, Tritzel.“

„Wenn ich aber nicht hinein kann. Und du bist schon drinnen. Willst in

den Himmel kommen?“

„Ja freilich.“

„So gib mir das Geld heraus!“

Ein kleines Weilchen überlegte ich, da war’s, als flüsterte irgendwo

jemand: „Tu’s nicht! Tu’s nicht!“ Und laut war mein Schrei: „Nun, ich

tu’s nicht!“

„Waldbauern-Bübel, mach keine Geschichten!“ schmeichelte er draußen.

„Dem Herrn Pfarrer muß man das Wort halten. Kannst ihn auch einmal zu

brauchen haben. Steig nur auf die Betbank und gib’s heraus. Verstreu

nichts, jeder blutige Kreuzer ist heilig! Na, mach Bürschel, mach!

Kriegst nachher was von mir.“

Es half ihm aber nichts. Und als er das endlich einsah, ging er

fluchend von dannen. Der Boden knarrte, da er über den Schnee

hinschritt gegen den Wald.

Ich war in eine trotzige Stimmung gekommen, ohne eigentlich recht zu

wissen, warum. Als es jetzt aber ganz stille war in der dämmerigen

Kapelle und die zwei von mir angezündeten Kerzen wie Totenlichter

brannten vor dem Kreuzbilde, da begann mir unheimlich zu werden. Das

Blut sah ich an den Händen und Füßen des Gekreuzigten, und als ich so

hinaufstarrte zum blassen, dornengekrönten Antlitze mit dem gebrochenen

Aug’, da war’s, als bewegte sich ein wenig das Haupt. Nur ein einzigmal

— und dann war’s wieder wie früher.

Mein Versuch, vermittels eines Betpultes zum Fenster wieder

hinauszukriechen, mißlang; so faßte ich den vom Türmchen

niederhängenden Glockenstrick und hub an zu ziehen, aber nicht

gleichmäßig, sondern mit heftigen Zügen und in Absätzen, wie man die

Feuerglocke läutet. Als die Erschöpfung kam, setzte ich mich an die

Altarstufen und wartete auf einen Retter.

Es erschien weder der Tritzel noch jemand anderer. Schreien und

Schluchzen, neues Zerren am Stricke. Vor Weinen und Läuten endlich ganz

matt geworden, mußte mich der Schlaf übermannt haben. Als ich wieder

zu mir kam, flackerte vor dem starren Kreuze nur noch eine Kerze in

den letzten Zügen, die andere war niedergebrannt und ausgeloschen. Zum

Fenster schaute die Nacht herein. Neu erwachende Angst gab mir zugleich

neuen Mut; ich kletterte wieder auf die Betbank, zwängte mich durch das

Fenster, diesmal zuerst den Kopf und den rechten Arm hinaus, und jetzt

ging es. Ich fiel in den Schnee, blieb aber nicht lange in demselben

liegen, sondern lief wegshin. Der Boden war gefroren, der Himmel

sternenbesäet. Was ich bei all diesen Unternehmungen gedacht habe, weiß

ich nicht — sehr viel kaum; wenn der Mensch so viel tut, hat er nicht

Zeit zum Denken. Nun aber, als ich über die Felder hinablief und von

weitem ein zuckendes Lichtlein sah, das immer näher kam, dachte ich:

Am Ende kommt mir jetzt der liebe Heiland entgegen. — Und er war’s.

Voran schritt ein Knecht vom Schützenhof mit Laterne und Glöcklein,

hinter ihm drein der Pfarrer in Chorrock und Stola, an seinem Busen das

Sakrament bergend. Allsogleich kniete ich am Wegrande nieder, wie es

Sitte ist, und bat um den Segen.

Der Pfarrer blieb stehen und sagte: „Das ist ja der Waldbauernbub.

Warum bist du noch aus so spät in der Nacht?“

Hab’ ich denn erzählt, daß der Tagwerker Tritzel mich in die

Kreuzkapelle gesteckt, um ihm das Opfergeld herauszulangen, und weil

ich es nicht tun wollen, er mich im Stiche gelassen hätte.

„O, dieser Spitzbub’!“ rief der Knecht vom Schützenhofe aus. „Aber

heut ist sein Krügel ’brochen. Hat den Ostermontag, wo die Leut’ im

Wirtshaus sitzen, nicht unbenützt lassen wollen. Von der Kreuzkapellen

in den Schützenhof, dort beim Bodenfenster einsteigen, Kästen

ausrauben, vom Bauer derwischt und niedergeschlagen werden — Ja, mein

lieber Waldbauernbub, das sind Geschichten! Und jetzt ist der Tritzel

just beim Sterben. Um den Geistlichen geht’s ihm, ich glaub’, diesmal

ist’s sein Ernst. Und so bin ich halt gelaufen bei der Nacht. Jetzt

rucken wir wieder an, er wird hart warten.“

Der Pfarrer gab mir den Segen, dann schritten sie weiter. Noch lange

sah ich das Lichtlein dahingleiten, bis es endlich zuckend zwischen dem

Gestämme des Waldes verschwunden war.

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[Illustration]

Am Tage, da die Ahne fort war.

Wenn Jammer ist, und es scheint die Sonne drein! Traurigeres weiß ich

nicht zu denken.

Die Großen waren alle fort in die Kirche gegangen. Die gute Ahne,

die sonst bei uns gewesen, hatten sie fortgetragen. Mir ist davon

sonst nichts mehr recht in Erinnerung, als daß wir Kleinen des allzu

weiten Weges halber daheim bleiben mußten und so den angstvollen Tag

verlebten. Wir hatten uns eingeschlossen ins Haus, schlichen auf

den Zehenspitzen umher und fürchteten uns vor Räubern und Mördern.

Zu den vergitterten Fenstern blaute der Wald herein, und über allem

lag das stille Licht der heiligen Pfingstsonne. Da eine ganze Stunde

der Einsamkeit vergangen war, ohne daß etwas Unerhörtes geschah, so

wurden wir etwas dreister, und allmählich kam sogar das Verlangen zur

Vormittagsjause, welche uns die Schwester Plonele zu kochen den Auftrag

hatte. Da war plötzlich draußen in der Vorlauben ein Gepolter. Wie

zum Tode getroffen, schraken wir zusammen und krochen zu einem Knäuel

ineinander.

„Meine Mutter Gottes steh uns bei,“ betete die Plonele, „ein Schelm

(Dieb) ist im Haus!“

Wir hörten ein Winseln und Kreischen. Da sprang der Halterbub, der

Hansel, auf, ein kecker Junge, armer Leute Sohn, den unser Vater erst

vor wenigen Tagen zum Viehhüten ins Haus genommen hatte, er trug schon

die Brottasche umgehangen, weil er eben das Vieh auf die Weide treiben

wollte. Der sprang auf, erfaßte das spitze Brotmesser und wollte in die

Vorlauben. Unsere Schwester hielt ihn zurück, er solle doch um Gottes

willen nicht mit dem Messer hinaus, das koste uns allen das Leben.

„Wenn’s ein Rauber ist, so steche ich ihn ab!“ knirschte der Hansel,

riß sich los und sprang ins Vorhaus.

Da draußen ging’s grauenhaft zu, ein paar Spatzen schossen kreischend

umher, und mitten in der Lauben auf der Erde lag ein zerrissenes

Vogelnest. Die Katze war eben daran, mit Vorderpfoten und Schnauze ein

Junges aus dem Halmgewebe zu fangen, als der Hansel hinzukam und ihr

mit dem Messerstiel einen Schlag versetzte.

Nun waren wir alle dabei. Wir kosten und herzten das hilflose Tierchen;

es gibt nichts Armseligeres auf der Welt, als einen Vogel ohne Federn.

Den Schnabel tat es auf, da brachte die Plonele schon eine Handvoll

Sterz von der Vormittagsjause, und der Hansel nahm das Spätzlein

geschickt in seine Hand und begann es zu atzen. Es war eine helle

Freude. Mittlerweile stand ich schon mit dem alten Vogelbauer daneben,

auf daß wir das Ding hineintäten und so auf einmal eine ungeahnte

Bereicherung unserer Güter hätten. Aber der Halterbub rief: „Bist ein

dummer Bub! Glaubst, es bliebe lebig? Sollst’s nur du probieren, wenn

du nicht essen und trinken kannst und sie sperren dich von deiner

Mutter weg in eine Vogelsteigen! Wird dir nicht taugen. Das Junge

gehört zu den Alten.“

Aber das Nest war von der Katze ganz und gar zerstört worden. So lief

ich — das Wort des Hansel tief im Herzen — mit dem Vogelbauer wieder

davon und kam mit meinem Kopfkissen zurück. Dieses taten wir in eine

Mauernische, legten das arme Vöglein drauf; der Schnabel ging stetig

auf und zu, und doch wollte es kein Krümchen Sterz mehr schlucken, die

kleine Brust wogte arg auf und nieder, und das Wesen war schier zu

schwach zum Piepsen. So lag es auf dem Kissen, im Grübchen, das ihm die

Plonele mit den Fingern gedrückt hatte. Wir ließen es auf Anordnung des

Hansel in Ruhe und hofften, daß nun die Alten kommen und ihr Kleines

hegen und pflegen würden.

Aber die Alten flatterten in Angst draußen um die Dachgiebel herum; der

tatkräftige Hansel strich mit dem Messer durch Stall und Scheunen. Er

suchte die Katze.

Was ich an demselben Vormittage ausgestanden habe! Ich lauerte ruhelos

in der Vorlauben herum, strengte meine Zehen an und meinen langen Hals,

aber allvergebens, ich war zu klein, um dem jungen Spatzen in sein

Bettlein gucken zu können. Ich horchte vergebens, ob ich es nicht etwa

piepsen oder Atem holen höre. Bruder Jackerl machte den Vorschlag,

um den kleinen Vogel zu sehen, solle ich ihn, den Jackerl, auf meine

Achsel steigen lassen. Er würde mir schon alles sagen, was er sehe. Wir

versuchten es, aber das Gerüste war zu schwach, wir kollerten beide

auf die Erde. Endlich um die Mittagszeit war’s, als die Schwester mit

trauriger Miene berichtete: „Jetzt ist das Vogerl schon hin!“

Es mußte sich im Falle zu arg verletzt haben, oder der Schreck! die

Angst! „Jetzt kannst das Vogelhaus bringen,“ befahl mir der Hansel.

Und im Vogelhause haben wir den kleinen Leichnam aufgebahrt. Er

lag auf einem Nestchen aus weißer Wolle; aus einem Stamm Rosmarin

und Maßliebchen hatten wir ihm einen Kranz geflochten; ich schlug

auch vor, daß man an dieser Bahre ein Öllämpchen anzünde, so wie es

bei der Leiche der Ahne gewesen war, aber meine Schwester gab mir

einen kleinen Stoß mit dem Ellbogen und meinte, so was wäre eine

Frevelhaftigkeit, der Spatz hätte ja keine Seele gehabt.

Wie schaute ich das Vöglein so traurig an! — Du armes Geschöpf, jetzt

hast du gar keine Seele gehabt. Bist unschuldigerweis’ von der Katz’

umgebracht worden und kommst doch nicht in den Himmel. Wenn man dich

ins Abendgebet einschließen täte, vielleicht wollt’ der lieb Herrgott

mit dir eine Ausnahm’ machen.

Am Abende, als es dunkel wurde, trugen wir das starre Vöglein hinaus

an den Rain, wo die Hagebutten stehen; dort scharrte der Hansel eine

Grube, und wir legten das Tierchen mitsamt seinem weißen Wollbettlein

und seinem Kranze hinein. Und als wir mit unseren kleinen Händen das

Gräblein zulegten, flatterte ein Spatz über unseren Häuptern hin und

her. Das Herz hätte uns allen mögen brechen, als die Plonele sagte:

„Das ist gewiß vom Vogerl die Mutter!“

Nach dem Begräbnisse schleppte der Hansel noch einen großen Stein

herbei und legte ihn auf das Grab, denn die Katze — er hatte sie nicht

erwischt.

Der Hansel lebt heute noch. Er hat Haus und Hof und was hineingehört,

er ist ein ganzer Mann. Schwesterlein Plonele ist sein Weib geworden.

Gegenwärtig atzen sie wieder ein Junges, aber mit mehr Glück als

dazumal.

[Illustration]

[Illustration]

Der Fronleichnamsaltar.

Wenn der siegreiche Heiland in Brotesgestalt durch das Dorf zieht, da

winken sie ihm mit Palmen zu. Die Palme der Alpen ist die Birke. So

wie zu Weihnachten die Tannenbäumchen ihr Leben lassen müssen, so zu

Fronleichnam die Birken. Zu Hunderten werden sie auf großen Karren

hereingeschleppt in das Dorf und werden an den Gassen, durch welche

die Prozession ziehen wird, der Reihe nach in den Boden gebohrt zu

beiden Seiten. Und wie sie so auf dem frischen Erdboden stehen und der

laue Wind in ihren leichten Zweigen rieselt, da ist’s, als führten sie

das junge fröhliche Leben, wie jene Stammesgenossinnen dort drüben am

Raine. Und man merkt es nicht, daß der Stamm in der Erde wurzellos

ist, abgehauen durch das Beil, daß die Säfte in ihren Adern nicht mehr

treiben, daß in wenigen Tagen die schönen, gezackten Herzblättlein

gilben werden; und die Raupe auf einem schwanken Ästlein, die ein

künftiges Schmetterlingsleben träumt, sie ahnt nicht, daß sie auf einem

Leichnam sich schaukelt.

Das Leben ist erfüllt, es kommt der Herr.

Bei der Fronleichnamsprozession werden im Freien an vier verschiedenen

Stellen die Evangelien gelesen. Dazu errichten die Leute vier Altäre,

damit „der Herrgott abrasten kann auf seiner Wanderschaft“. Auf

wessen Grund der Altar zu stehen kommt, und das ist seit alten Zeiten

bestimmt, der hat diesen Altar zu errichten. Die hübsch geschnitzten

und bemalten Bestandteile dazu sind das Jahr über auf dunkelm Dachboden

gelegen, nun werden sie hervorgeholt, von Staub und Spinnweben

gereinigt und im Freien zusammengestellt oft zu einem stattlichen,

kapellenartigen Aufbau mit dem Altartische, dem Tabernakel, den

anbetenden Engeln und den Kerzenleuchtern. Knechte, die gestern noch

Dung gegraben, zeigen sich heute als geschickte Architekten, errichten

den Altar noch vor Sonnenaufgang und umgeben ihn mit einem Birken- oder

Lärchenwäldchen. Der Hausvater stellt alle Heiligenbilder, die im Hause

vorhanden, auf den Altar oder heftet sie an, hoch oben an den Säulen.

Die Bäuerin bringt bunte Töpfe mit glutroten Pfingstrosen, um damit den

Altar zu schmücken, und die Dirnlein streuen Blumen und Rosenblätter

als einen Teppich vor die Stufen.

Die Glocken heben an zu läuten, die Böller krachen, über die Dächer her

klingt Musik, in allen Fenstern brennen Lichter, und so zündet nun auch

der Bauer die Kerzen an auf seinem Altare. Bald wehen die ersten Fahnen

heran, summen die Gebete der Männer, schallen die Gesänge der Weiber,

es kommen die langen Reihen der Kinder, die weißgekleideten Mädchen,

über ihren Häuptern bunte Bildnisse tragend. Endlich die Musikkapelle

mit hellen Trompeten und dröhnenden Trommeln, und dann der „Himmel“.

Der rote, von vier Männern getragene Baldachin, unter demselben, von

Ministranten und lichtertragenden Knaben umgeben, der Priester, der

hoch vor seinem Angesichte her die funkelnde Monstranze trägt.

Die Monstranze, das wissen wir alle, ist das Haus für die Hostie.

Diese ist von einem goldenen Strahlenkranze umgeben, ruht auf einem

mondkipfelförmigen Behälter und ist durch Kristall geschützt. Das

wichtigste Zubehör zu solchem Umzug ist der Glaube, und der ist

in Fülle vorhanden. Sie beten ja nicht das Brot an, sondern das

versinnbildlichte Geheimnis, in dessen Schoße unsere ewigen Geschicke

ruhen. Es ist ja eigentlich unrichtig, wenn man von Bilderanbetung

spricht, oder vom Götzendienste der Heiden, sie alle meinen dasselbe,

das versinnbildlichte göttliche Geheimnis, das sich jeder in seiner

Weise vorstellt, jeder nach seiner Natur fühlt. Und die Kraft, das

unfaßbare, unendliche Geheimnis auf eine den Sinnen faßbare Wesenheit

zu übertragen und so zu ihm in ein trauteres Verhältnis zu treten,

diese Kraft gibt der Glaube.

Die Menschenreihen kommen zum Altare im Freien, die vorderen müssen

weit voran, bis der Priester an die Stelle gelangt. Ist er da, so

stellt er das Sakrament in den Tabernakel und liest Verse aus einem

der vier Evangelien. Dann hebt er unter dem Dröhnen der Böller die

Monstranze, wendet sich mit ihr nach allen vier Himmelsgegenden hin und

segnet die Auen, die Fluren, die Lüfte, auf daß der Sommer fruchtbar

sei und kein Ungewitter den Fleiß des Landmannes vernichte. — Und die

Prozession zieht weiter.

So ist es in größeren Dörfern. In kleinen Gebirgsortschaften wird das

Fest einfacher abgehalten, doch nicht minder feierlich. Weil dort alle

Gassen und Straßen bestanden sind von lebenden Bäumen und Sträuchern,

so braucht keine Birke aufgesteckt zu werden, außer an Kreuzsäulen,

wo sie dann gleichsam wie zur heiligen Wacht stehen, eine zur Rechten

und eine zur Linken. Weil die Leute kleiner Ortschaften nicht vier

Altäre haben, um sie aufzustellen, so ist ein tragbares Altärlein

vorhanden, ein vierfüßiges Tischchen mit weißem Decktuche und der

Tabernakelnische, an welche auf blauem Grunde Engel gemalt sind, die

vor dem „Süßen Namen“ knien. Darüber ein Dächlein mit Goldquasten.

An der Rückseite sind die Tragbänder angebracht, mittels welcher ein

Bursche das Altärlein auf den Rücken nimmt und während der Prozession

von einer Evangeliumsstelle bis zur anderen trägt.

So ein Altartischlein haben sie auch zu Kathrein am Hauenstein. Wer

es sehen will, zur Sommerszeit steht es dort in der Kirche vor dem

großen Bilde der vierzehn Nothelfer. Schon in meiner Jugendzeit stand

es daselbst, und der Kaunigl, der mit der Hasenscharte, hatte die

Obliegenheit, am Fronleichnamstage das Tischlein hinauszutragen und von

einem Evangeliumsplatz zum anderen. War das eine Evangelium zu Ende

und die Prozession zog auf ihrem Wege weiter, allsogleich faßte er das

Altärlein bei den Tragbändern auf den Rücken, die Kerzenleuchter und

den Knieschemel in die Hände und hastig über den Bühel hin durch den

abkürzenden Waldsteig, um den Vorsprung zu gewinnen und am nächsten

Platze den Altar aufzustellen. An den Füßen des Tischchens wurden etwa

ein paar Steinchen untergelegt, daß nichts wackeln konnte, der Schemel

zurechtgestellt und die Kerzen angezündet, dann war die erste Fahne

aber auch schon in Sicht.

Und da ist’s einmal geschehen, daß ich aus solchem Anlaß in eine

seelenmordende Geschichte verwickelt worden bin. Ich war damals in den

Jahren, da noch niemand weiß, wo es mit einem solchen Lecker hinaus

will. Es kann ein halbwegs braver Kerl draus werden, aber auch ein

Lumperl, wer weiß es? Nur der liebe Gott, und selbst der läßt dem

schlanken blassen Bürschel die Wahl. Ich war an jenem Tage in meinem

Waldbauernhause drüben etwas zu spät aufgestanden, oder ich hatte mit

den bockigen Bundschuhen meine Plage, bis ich hineinkam, oder es

war die Frühsuppe nicht zur rechten Zeit fertig, kurz, als ich der

Kathreiner Kirche in die Nähe kam, ging es dort schon über und über

los, und zwischen den Bäumen her leuchteten die roten Fahnen, funkelten

die Lichter. Ich schlich mich hinterwärts hinüber, denn das einfach

Richtige zu tun, nämlich geradewegs auf die Prozession loszugehen und

mich unter die Leute zu mischen, dafür hätte ich mich zu Tode geschämt.

Da war’s ja wieder, wo mir der liebe Gott die Wahl ließ: Geselle dich

zu den Andächtigen oder schlüpfe wie ein Strick durch die Büsche hin.

— Ich schlüpfte wie ein Strick durch die Büsche hin, und da begegnete

ich dem Kaunigl mit dem Altarl. Sogleich forderte er mich auf, ihm

tragen zu helfen. Das war mir auch recht, so kam mein abseitiger Weg

zu einer Rechtfertigung. Ich nahm dem Kaunigl Schemel und Leuchter aus

der Hand, und wir hasteten zwischen Jungwald hinauf zum Föhrenriegel,

der hinter der Kirche steht, und wo das letzte Evangelium abgehalten

werden sollte. Wir wirkten getreulich zusammen, und bald stand neben

der Felswand das Altärlein fest, und bald brannten darauf die Kerzen.

Die Prozession erschien noch nicht, sie hatte einen weiteren Weg

zwischen die grünenden Felder hin genommen, der Kaunigl-Bub war aber

nicht der Mensch, der eine Zeit unnütz verstreichen lassen wollte.

Mit einem flinken Griff zog er aus seiner Hosentasche ein Kartenspiel

und warf es auf das Altärlein hin, daß die Lichter zwinkerten vor den

flatternden Blättern. Schweigend, als wäre es so selbstverständlich,

warf er zwischen mir und ihm ein Spiel aus, ein „Brandel“. Es war nicht

das erstemal, daß wir zusammen „taten“, so hob ich die Karten auf, und

wir machten ein regelrechtes Spiel auf dem Fronleichnamsaltare bei

weihevoll brennenden Wachskerzen. Für ein zweites „Bot“ war auch noch

Zeit; während der Kaunigl ein drittes ausgab, kamen um die Biegung die

ersten Männer mit entblößten Häuptern, laut betend heran. Keine Katze

kann die behendige Maus hastiger packen, als der Kaunigl jetzt die

Karten zusammenscharrte und in den Sack schob. Gar harmlos stellten wir

uns auf die Seite und zogen unsere Kappen ab.

Bald kamen die Musikanten heran, der Eggbauer mit dem Flügelhorn,

sein Sohn mit der ersten Trompete, der Schneider-Naz (der später

mein Meister geworden ist) mit der zweiten, der Erhard-Bub mit der

Klarinette, der Schmied-Zenz mit der kleinen Trommel; der Rüssel-Franz

schleppte auf dem Rücken die große Trommel, auf welche der Hausteiner

Wirt mit Macht und Kunst dreinhieb. Der Jäger-Ferdl handhabte die

„Tschinellen“. Hinter dieser heftigen Musik kam der Himmel. Der alte

Herr Pfarrer mit dem weißen Haar trug das Allerheiligste hoch vor

sich her und hielt das Haupt tief geneigt, erstens aus Ehrfurcht, und

zweitens, weil ihm das Alter den Nacken schon stark gebogen hatte. Er

schritt dem Altärlein zu, um die Monstranze auf dasselbe hinzustellen.

Schon wollte das geschehen, da hielt er plötzlich ein und stand einen

Augenblick mit starrer Miene da. Hatte er nicht zwischen der Falte

des weißen Decktüchleins den Grünzehner gesehen? War nicht dieses

verhöllte Kartenblatt dort unversehens liegengeblieben? — Mit solchem

Grün den Fronleichnamstisch zu schmücken, das wollte dem Herrn Pfarrer

doch nicht ganz schicklich scheinen. Ohne ein Wort zu sagen, ohne eine

Gebärde des Unwillens zu zeigen, wendete er sich gegen den Felsen und

stellte die Monstranze auf einen vorspringenden Stein.

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 3 · 第 2 / 7 段