„Wenn du ihn nicht brauchst, so brauch’ ich ihn,“ sagte der

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1925 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr

verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Text in gesperrter Schrift wurde mit +Pluszeichen+ markiert.

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Als ich noch

der Waldbauernbub war

* * *

Von

Peter Rosegger

Für die Jugend

ausgewählt aus den Schriften Roseggers

vom Hamburger Jugendschriftenausschuß

206.–210. Tausend

[Illustration]

+L. Staackmann Verlag / Leipzig+

+1925+

Außerdem erschienen noch:

Als ich noch der Waldbauernbub war

I. Teil und II. Teil.

Von

Peter Rosegger

Für die Jugend ausgewählt vom Hamburger Jugendschriftenausschuß

Inhalt des I. Teiles:

Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß. — Ums Vaterwort. — Allerlei

Spielzeug. — Wie der Meisensepp gestorben ist. — Wie ich dem lieben

Herrgott mein Sonntagsjöppl schenkte. — Wie das Zicklein starb. —

Dreihundertvierundsechzig und eine Nacht. — Als ich Bettelbub gewesen.

— Als ich zur Drachenbinderin ritt. — Als dem kleinen Maxel das Haus

niederbrannte. — Als ich das erstemal auf dem Dampfwagen saß. — Als

ich —.

Inhalt des II. Teiles:

In der Christnacht. — Was bei den Sternen war. — Auf der Wacht. — Wie

ich mit der Thresel ausging und mit dem Maischel heimkam. — Als ich das

Ofenhückerl war. — Als ich um Hasenöl geschickt wurde. — Als ich mir

die Welt am Himmel baute. — Von meiner Mutter.

Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt.

Seite

1. Als ich Christtagsfreude holen ging 5

2. Das Schläfchen auf dem Semmering 18

3. Als ich nach Emaus zog 28

4. Am Tage, da die Ahne fort war 39

5. Der Fronleichnamsaltar 43

6. Weg nach Maria Zell 54

7. Als ich der Müller war 69

8. Als ich den Himmlischen Altäre gebaut 77

9. Als ich im Walde beim Käthele war 86

10. Als die hellen Nächte waren 95

11. Aus der Eisenhämmerzeit 102

12. Als ich zum Pfluge kam 114

Nr. 1, 3 sind dem Buche „Als ich jung noch war“

„ 8, 11 sind dem Buche „Hoch vom Dachstein“

„ 4, 6, 7, 9, 10, 12 sind dem Buche „Waldheimat I“

„ 5 ist dem Buche „Der Waldvogel“

„ 2 ist dem Buche „Idyllen aus einer untergehenden

Welt“ entnommen.

[Illustration]

Als ich Christtagsfreude holen ging.

In meinem zwölften Lebensjahre wird es gewesen sein, als am Frühmorgen

des heiligen Christabends mein Vater mich an der Schulter rüttelte:

ich solle aufwachen und zur Besinnung kommen, er habe mir was zu

sagen. Die Augen waren bald offen, aber die Besinnung! Als ich unter

Mithilfe der Mutter angezogen war und bei der Frühsuppe saß, verlor

sich die Schlaftrunkenheit allmählich, und nun sprach mein Vater:

„Peter, jetzt höre, was ich dir sage. Da nimm einen leeren Sack, denn

du wirst was heimtragen. Da nimm meinen Stecken, denn es ist viel

Schnee, und da nimm eine Laterne, denn der Pfad ist schlecht, und die

Stege sind vereist. Du mußt hinabgehen nach Langenwang. Den Holzhändler

Spreitzegger zu Langenwang, den kennst du, der ist mir noch immer

das Geld schuldig, zwei Gulden und sechsunddreißig Kreuzer für den

Lärchbaum. Ich laß ihn bitten drum; schön höflich anklopfen und den Hut

abnehmen, wenn du in sein Zimmer trittst. Mit dem Geld gehest nachher

zum Kaufmann Doppelreiter und kaufest zwei Maßel Semmelmehl und zwei

Pfund Rindschmalz und um zwei Groschen Salz, und das tragst heim.“

Jetzt war aber auch meine Mutter zugegen, ebenfalls schon angekleidet,

während meine sechs jüngeren Geschwister noch ringsum an der Wand in

ihren Bettchen schliefen. Die Mutter, die redete drein wie folgt: „Mit

Mehl und Schmalz und Salz allein kann ich kein Christtagsessen richten.

Ich brauch’ dazu noch Germ (Bierhefe) um einen Groschen, Weinbeerln

um fünf Kreuzer, Zucker um fünf Groschen, Safran um zwei Groschen und

Neugewürz um zwei Kreuzer. Etliche Semmeln werden auch müssen sein.“

„So kaufest es,“ setzte der Vater ruhig bei. „Und wenn dir das Geld zu

wenig wird, so bittest den Herrn Doppelreiter, er möcht’ die Sachen

derweil borgen, und zu Ostern, wenn die Kohlenraitung (Verrechnung)

ist, wollt’ ich schon fleißig zahlen. Eine Semmel kannst unterwegs

selber essen, weil du vor Abend nicht heimkommst. Und jetzt kannst

gehen, es wird schon fünf Uhr, und daß du noch die Achte-Messe erlangst

zu Langenwang.“

Das war alles gut und recht. Den Sack band mein Vater mir um die Mitte,

den Stecken nahm ich in die rechte Hand, die Laterne mit der frischen

Unschlittkerze in die linke, und so ging ich davon, wie ich zu jener

Zeit in Wintertagen oft davongegangen war. Der durch wenige Fußgeher

ausgetretene Pfad war holperig im tiefen Schnee, und es ist nicht immer

leicht, nach den Fußstapfen unserer Vorderen zu wandeln, wenn diese

zu lange Beine gehabt haben. Noch nicht dreihundert Schritte war ich

gegangen, so lag ich im Schnee, und die Laterne, hingeschleudert, war

ausgelöscht. Ich suchte mich langsam zusammen, und dann schaute ich die

wunderschöne Nacht an. Anfangs war sie ganz grausam finster, allmählich

hub der Schnee an, weiß zu werden und die Bäume schwarz, und in der

Höhe war helles Sternengefunkel. In den Schnee fallen kann man auch

ohne Laterne, so stellte ich sie seithin unter einen Strauch, und ohne

Licht ging’s nun besser als vorhin.

In die Talschlucht kam ich hinab, das Wasser des Fresenbaches war

eingedeckt mit glattem Eise, auf welchem, als ich über den Steg ging,

die Sterne des Himmels gleichsam Schlittschuh liefen. Später war ein

Berg zu übersteigen; auf dem Passe, genannt der „Höllkogel“, stieß ich

zur wegsamen Bezirksstraße, die durch Wald und Wald hinabführt in das

Mürztal. In diesem lag ein weites Meer von Nebel, in welches ich sachte

hineinkam, und die feuchte Luft fing an, einen Geruch zu haben, sie

roch nach Steinkohlen; und die Luft fing an, fernen Lärm an mein Ohr

zu tragen, denn im Tale hämmerten die Eisenwerke, rollte manchmal ein

Eisenbahnzug über dröhnende Brücken.

Nach langer Wanderung ins Tal gekommen zur Landstraße, klingelte

Schlittengeschelle, der Nebel ward grau und lichter, so daß ich

die Fuhrwerke und Wandersleute, die für die Feiertage nach ihren

Heimstätten reisten, schon auf kleine Strecken weit sehen konnte.

Nachdem ich eine Stunde lang im Tale fortgegangen war, tauchte links

an der Straße im Nebel ein dunkler Fleck auf, rechts auch einer, links

mehrere, rechts eine ganze Reihe — das Dorf Langenwang.

Alles, was Zeit hatte, ging der Kirche zu, denn der heilige Abend

ist voller Vorahnung und Gottesweihe. Bevor noch die Messe anfing,

schritt der hagere gebückte Schulmeister durch die Kirche, musterte

die Andächtigen, als ob er jemanden suche. Endlich trat er an mich

und fragte leise, ob ich ihm nicht die Orgel melken wolle, es sei der

Mesnerbub krank. Voll Stolz und Freude, also zum Dienste des Herrn

gewürdigt zu sein, ging ich mit ihm auf den Chor, um bei der heiligen

Messe den Blasebalg der Orgel zu ziehen. Während ich die zwei langen

Lederriemen abwechselnd aus dem Kasten zog, in welchen jeder derselben

allemal wieder langsam hineinkroch, orgelte der Schulmeister, und seine

Tochter sang also:

„Tauet, Himmel, den Gerechten,

Wolken, regnet ihn herab!

also rief in bangen Nächten

einst die Welt, ein weites Grab.

In von Gott verhaßten Gründen

herrschten Satan, Tod und Sünden,

fest verschlossen war das Tor

zu dem Himmelreich empor.“

Ferner erinnere ich mich, an jenem Morgen nach dem Gottesdienste in

der dämmerigen Kirche vor ein Heiligenbild hingekniet zu sein und

gebetet zu haben um Glück und Segen zur Erfüllung meiner bevorstehenden

Aufgabe. Das Bild stellte die vierzehn Nothelfer dar — einer wird doch

dabei sein, der zur Eintreibung von Schulden behilflich ist. Es schien

mir aber, als schiebe während meines Gebetes auf dem Bilde einer sich

sachte hinter den andern zurück.

Trotzdem ging ich guten Mutes hinaus in den nebeligen Tag, wo alles

emsig war in der Vorbereitung zum Feste, und ging dem Hause des

Holzhändlers Spreitzegger zu. Als ich daran war, zur vorderen Tür

hineinzugehen, wollte der alte Spreitzegger, soviel ich mir später

reimte, durch die hintere Tür entwischen. Es wäre ihm gelungen, wenn

mir nicht im Augenblicke geschwant hätte: Peter, geh nicht zur vorderen

Tür ins Haus wie ein Herr, sei demütig, geh zur hinteren Tür hinein,

wie es dem Waldbauernbuben geziemt. Und knapp an der hinteren Türe

trafen wir uns.

„Ah, Bübel, du willst dich wärmen gehen,“ sagte er mit geschmeidiger

Stimme und deutete ins Haus, „na, geh dich nur wärmen. Ist kalt heut!“

Und wollte davon.

„Mir ist nicht kalt,“ antwortete ich, „aber mein Vater läßt den

Spreitzegger schön grüßen und bitten ums Geld.“

„Ums Geld? Wieso?“ fragte er, „ja richtig, du bist der Waldbauernbub.

Bist früh aufgestanden heut, wenn du schon den weiten Weg kommst. Rast

nur ab. Und ich laß deinen Vater auch schön grüßen und glückliche

Feiertage wünschen; ich komm’ ohnehin ehzeit einmal zu euch hinauf,

nachher wollen wir schon gleich werden.“

Fast verschlug’s mir die Rede, stand doch unser ganzes Weihnachtsmahl

in Gefahr vor solchem Bescheid.

„Bitt’ wohl von Herzen schön ums Geld, muß Mehl kaufen und Schmalz und

Salz, und ich darf nicht heimkommen mit leerem Sack.“

Er schaute mich starr an. „Du kannst es!“ brummte er, zerrte mit zäher

Gebärde seine große, rote Brieftasche hervor, zupfte in den Papieren,

die wahrscheinlich nicht pure Banknoten waren, zog einen Gulden heraus

und sagte: „Na, so nimm derweil das, in vierzehn Tagen wird dein Vater

den Rest schon kriegen. Heut hab’ ich nicht mehr.“

Den Gulden schob er mir in die Hand, ging davon und ließ mich stehen.

Ich blieb aber nicht stehen, sondern ging zum Kaufmann Doppelreiter.

Dort begehrte ich ruhig und gemessen, als ob nichts wäre, zwei Maßel

Semmelmehl, zwei Pfund Rindschmalz, um zwei Groschen Salz, um einen

Groschen Germ, um fünf Kreuzer Weinbeerln, um fünf Groschen Zucker,

um zwei Groschen Safran und um zwei Kreuzer Neugewürz. Der Herr

Doppelreiter bediente mich selbst und machte mir alles hübsch zurecht

in Päckchen und Tütchen, die er dann mit Spagat zusammen in ein

einziges Paket band und an den Mehlsack so hing, daß ich das Ding über

der Achsel tragen konnte, vorn ein Bündel und hinten ein Bündel.

Als das geschehen war, fragte ich mit einer nicht minder tückischen

Ruhe als vorhin, was das alles zusammen ausmache.

„Das macht drei Gulden fünfzehn Kreuzer,“ antwortete er mit Kreide und

Mund.

„Ja, ist schon recht,“ hierauf ich, „da ist derweil ein Gulden, und das

andere wird mein Vater, der Waldbauer in Alpel, zu Ostern zahlen.“

Schaute mich der bedauernswerte Mann an und fragte höchst ungleich: „Zu

Ostern? In welchem Jahr?“

„Na, nächst Ostern, wenn die Kohlenraitung ist.“

Nun mischte sich die Frau Doppelreiterin, die andere Kunden bediente,

drein und sagte: „Laß ihm’s nur, Mann, der Waldbauer hat schon öfter

auf Borg genommen und nachher allemal ordentlich bezahlt. Laß ihm’s

nur.“

„Ich laß ihm’s ja, werd’ ihm’s nicht wieder wegnehmen,“ antwortete der

Doppelreiter. Das war doch ein bequemer Kaufmann! Jetzt fielen mir auch

die Semmeln ein, welche meine Mutter noch bestellt hatte.

„Kann man da nicht auch fünf Semmeln haben?“ fragte ich.

„Semmeln kriegt man beim Bäcker,“ sagte der Kaufmann.

Das wußte ich nun gleichwohl, nur hatte ich mein Lebtag nichts davon

gehört, daß man ein paar Semmeln auf Borg nimmt, daher vertraute ich

der Kaufmännin, die sofort als Gönnerin zu betrachten war, meine

vollständige Zahlungsunfähigkeit an. Sie gab mir zwei bare Groschen

für Semmeln, und als sie nun noch beobachtete, wie meine Augen mit

den reiffeuchten Wimpern fast unablösbar an den gedörrten Zwetschgen

hingen, die sie einer alten Frau in den Korb tat, reichte sie mir auch

noch eine Handvoll dieser köstlichen Sache zu: „Unterwegs zum Naschen.“

Nicht lange hernach, und ich trabte, mit meinen Gütern reich und schwer

bepackt, durch die breite Dorfgasse dahin. Überall in den Häusern

wurde gemetzgert, gebacken, gebraten, gekellert; ich beneidete die

Leute nicht; ich bedauerte sie vielmehr, daß sie nicht ich waren,

der, mit so großem Segen beladen, gen Alpel zog. Das wird morgen ein

Christtag werden! Denn die Mutter kann’s, wenn sie die Sachen hat. Ein

Schwein ist ja auch geschlachtet worden daheim, das gibt Fleischbrühe

mit Semmelbrocken, Speckfleck, Würste, Nieren-Lümperln, Knödelfleisch

mit Kren, dann erst die Krapfen, die Zuckernudeln, das Schmalzkoch mit

Weinbeerln und Safran! — Die Herrenleut’ da in Langenwang haben so was

alle Tag’, das ist nichts, aber wir haben es im Jahr einmal und kommen

mit unverdorbenem Magen dazu, +das+ ist was! — Und doch dachte ich auf

diesem belasteten Freudenmarsch weniger noch ans Essen, als an das

liebe Christkind und sein hochheiliges Fest. Am Abende, wenn ich nach

Hause komme, werde ich aus der Bibel davon vorlesen, die Mutter und

die Magd Mirzel werden Weihnachtslieder singen; dann, wenn es zehn Uhr

wird, werden wir uns aufmachen nach Sankt Kathrein und in der Kirche

die feierliche Christmette begehen bei Glocken, Musik und unzähligen

Lichtern. Und am Seitenaltar ist das Krippel aufgerichtet mit Ochs und

Esel und den Hirten, und auf dem Berg die Stadt Bethlehem und darüber

die Engel, singend: Ehre sei Gott in der Höhe! — Diese Gedanken trugen

mich anfangs wie Flügel. Doch als ich eine Weile die schlittenglatte

Landstraße dahingegangen war, unter den Füßen knirschenden Schnee,

mußte ich mein Doppelbündel schon einmal wechseln von einer Achsel auf

die andere.

In der Nähe des Wirtshauses „Zum Sprengzaun“ kam mir etwas

Vierspänniges entgegen. Ein leichtes Schlittlein, mit vier feurigen,

hochaufgefederten Rappen bespannt, auf dem Bock ein Kutscher mit

glänzenden Knöpfen und einem Buttenhut. Der Kaiser? Nein, der Herr

Wachtler vom Schlosse Hohenwang saß im Schlitten, über und über in

Pelze gehüllt und eine Zigarre schmauchend. Ich blieb stehen, schaute

dem blitzschnell vorüberrutschenden Zeug eine Weile nach und dachte:

Etwas krumm ist es doch eingerichtet auf dieser Welt: da sitzt ein

starker Mann drin und läßt sich hinziehen mit so viel überschüssiger

Kraft, und ich vermag mein Bündel kaum zu schleppen.

Mittlerweile war es Mittagszeit geworden. Durch den Nebel war die

milchweiße Scheibe der Sonne zu sehen; sie war nicht hoch am Himmel

hinaufgestiegen, denn um vier Uhr wollte sie ja wieder unten sein, zur

langen Christnacht. Ich fühlte in den Beinen manchmal so ein heißes

Prickeln, das bis in die Brust hinaufstieg, es zitterten mir die

Glieder. Nicht weit von der Stelle, wo der Weg nach Alpel abzweigt,

stand ein Kreuz mit dem lebensgroßen Bilde des Heilands. Es stand,

wie es heute noch steht, an seinem Fuß Johannes und Magdalena, das

Ganze mit einem Bretterverschlag verwahrt, so daß es wie eine Kapelle

war. Vor dem Kreuze auf die Bank, die für kniende Beter bestimmt ist,

setzte ich mich nieder, um Mittag zu halten. Eine Semmel, die gehörte

mir, meine Neigung zu ihr war so groß, daß ich sie am liebsten in

wenigen Bissen verschluckt hätte. Allein das schnelle Schlucken ist

nicht gesund, das wußte ich von anderen Leuten, und das langsame Essen

macht einen längeren Genuß, das wußte ich schon von mir selber. Also

beschloß ich, die Semmel recht gemächlich und bedächtig zu genießen und

dazwischen manchmal eine gedörrte Zwetschge zu naschen.

Es war eine sehr köstliche Mahlzeit; wenn ich heute etwas recht Gutes

haben will, das kostet außerordentliche Anstrengungen aller Art; ach,

wenn man nie und nie einen Mangel zu leiden hat, wie wird man da arm!

Und wie war ich so reich damals, als ich arm war!

Als ich nach der Mahlzeit mein Doppelbündel wieder auflud, war’s ein

Spaß mit ihm, flink ging es voran. Als ich später in die Bergwälder

hinaufkam und der graue Nebel dicht in den schneebeschwerten Bäumen

hing, dachte ich an den Grabler Hansel. Das war ein Kohlenführer, der

täglich von Alpel seine Fuhre ins Mürztal lieferte. Wenn er auch heute

gefahren wäre! Und wenn er jetzt heimwärts mit dem leeren Schlitten des

Weges käme und mir das Bündel auflüde! Und am Ende gar mich selber!

Daß es so heiß sein kann im Winter! Mitten in Schnee und Eisschollen

schwitzen! Doch morgen wird alle Mühsal vergessen sein. — Derlei

Gedanken und Vorstellungen verkürzten mir unterwegs die Zeit.

Auf einmal roch ich starken Tabakrauch. Knapp hinter mir ging — ganz

leise auftretend — der grüne Kilian. Der Kilian war früher einige Zeit

lang Forstgehilfe in den gewerkschaftlichen Waldungen gewesen, jetzt

war er’s nicht mehr, wohnte mit seiner Familie in einer Hütte drüben

in der Fischbacher Gegend, man wußte nicht recht, was er trieb. Nun

ging er nach Hause. Er hatte einen Korb auf dem Rücken, an dem er nicht

schwer zu tragen schien, sein Gewand war noch ein jägermäßiges, aber

hübsch abgetragen, und sein schwarzer Vollbart ließ nicht viel sehen

von seinem etwas fahlen Gesichte. Als ich ihn bemerkt hatte, nahm er

die Pfeife aus dem Mund, lachte laut und sagte: „Wo schiebst denn hin,

Bub?“

„Heim zu,“ meine Antwort.

„Was schleppest denn?“

„Sachen für den Christtag.“

„Gute Sachen? der Tausend sapperment! Wem gehörst denn zu?“

„Dem Waldbauer.“

„Zum Waldbauer willst gar hinauf! Da mußt gut antauchen.“

„Tu’s schon,“ sagte ich und tauchte an.

„Nach einem solchen Marsch wirst gut schlafen bei der Nacht,“ versetzte

der Kilian, mit mir gleichen Schritt haltend.

„Heut wird nicht geschlafen bei der Nacht, heut ist Christnacht.“

„Was willst denn sonst tun, als schlafen bei der Nacht?“

„Nach Kathrein in die Mette gehen.“

„Nach Kathrein?“ fragte er, „den weiten Weg?“

„Um zehn Uhr abends gehen wir von Haus fort, und um drei Uhr früh sind

wir wieder daheim.“

Der Kilian biß in sein Pfeifenrohr und sagte: „Na, hörst du, da gehört

viel Christentum dazu. Beim Tag ins Mürztal und bei der Nacht in die

Mette nach Kathrein! So viel Christentum hab’ ich nicht, aber das sage

ich dir doch: Wenn du dein Bündel in meinen Buckelkorb tun willst, daß

ich es dir eine Zeitlang trag und du dich ausrasten kannst, so hast

ganz recht, warum soll der alte Esel nicht auch einmal tragen!“

Damit war ich einverstanden, und während mein Bündel in seinen Korb

sank, dachte ich: Der grüne Kilian ist halt doch ein besserer Mensch,

als man sagt.

Dann rückten wir wieder an, ich huschte frei und leicht neben ihm her.

„Ja ja, die Weihnachten!“ sagte der Kilian fauchend, „da geht’s halt

drunter und drüber. Da reden sich die Leut’ in eine Aufregung und

Frömmigkeit hinein, die gar nicht wahr ist. Im Grund ist der Christtag

wie jeder andere Tag, nicht einen Knopf anders. Der Reiche, ja, der hat

jeden Tag Christtag, unsereiner hat jeden Tag Karfreitag.“

„Der Karfreitag ist auch schön,“ war meine Meinung.

„Ja, wer genug Fische und Butter und Eier und Kuchen und Krapfen hat

zum Fasten!“ lachte der Kilian.

Mir kam sein Reden etwas heidentümlich vor. Doch was er noch weiters

sagte, das verstand ich nicht mehr, denn er hatte angefangen, sehr

heftig zu gehen, und ich konnte nicht recht nachkommen. Ich rutschte

auf dem glitschigen Schnee mit jedem Schritt ein Stückchen zurück,

der Kilian hatte Fußeisen angeschnallt, hatte lange Beine, war nicht

abgemattet — da ging’s freilich voran.

„Herr Kilian!“ rief ich.

Er hörte es nicht. Der Abstand zwischen uns wurde immer größer, bei

Wegbiegungen entschwand er mir manchmal ganz aus den Augen, um nachher

wieder in größerer Entfernung, halb schon von Nebeldämmerung verhüllt,

aufzutauchen. Jetzt wurde mir bang um mein Bündel. Kamen wir ja

doch schon dem Höllkogel nahe. Das ist jene Stelle, wo der Weg nach

Alpel und der Weg nach Fischbach sich gabeln. Ich hub an zu laufen;

im Angesichte der Gefahr war alle Müdigkeit dahin, ich lief wie ein

Hündlein und kam ihm näher. Was wollte ich aber anfangen, wenn ich ihn

eingeholt hätte, wenn ihm der Wille fehlte, die Sachen herzugeben, und

mir die Kraft, sie zu nehmen? Das kann ein schönes Ende werden mit

diesem Tage, denn die Sachen lasse ich nicht im Stich, und sollte ich

ihm nachlaufen müssen bis hinter den Fischbacher Wald zu seiner Hütte!

Als wir denn beide so merkwürdig schnell vorwärts kamen, holten wir

ein Schlittengespann ein, das vor uns mit zwei grauen Ochsen und einem

schwarzen Kohlenführer langsam des Weges schliff. Der Grabler Hansel.

Mein grüner Kilian wollte schon an dem Gespann vorüberhuschen, da

schrie ich von hinten her aus Leibeskräften: „Hansel! Hansel! Sei so

gut, leg mir meine Christtagsachen auf den Schlitten, der Kilian hat

sie im Korb, und er soll sie dir geben!“

Mein Geschrei muß wohl sehr angstvoll gewesen sein, denn der Hansel

sprang sofort von seinem Schlitten und nahm eine tatbereite Haltung

ein. Und wie der Kilian merkte, ich hätte hier einen Bundesgenossen,

riß er sich den Korb vom Rücken und schleuderte das Bündel auf

den Schlitten. Noch knirschte er etwas von „dummen Bären“ und

„Undankbarkeit“, dann war er aber auch schon davon.

Der Hansel rückte das Bündel zurecht und fragte, ob man sich

draufsetzen dürfe. Das, bat ich, nicht zu tun.

So tat er’s auch nicht, wir setzten uns hübsch nebeneinander auf den

Schlitten, und ich hielt auf dem Schoß sorgfältig mit beiden Händen die

Sachen für den Christtag. So kamen wir endlich nach Alpel. Als wir zur

ersten Fresenbrücke gekommen waren, sagte der Hansel zu den Ochsen:

„Oha!“ und zu mir: „So!“ Die Ochsen verstanden und blieben stehen, ich

verstand nicht und blieb sitzen. Aber nicht mehr lange, es war ja zum

Aussteigen, denn der Hansel mußte links in den Graben hinein und ich

rechts den Berg hinauf.

„Dank dir’s Gott, Hansel!“

„Ist schon gut, Peterl.“

Zur Zeit, da ich mit meiner Last den steilen Berg hinanstieg gegen mein

Vaterhaus, begann es zu dämmern und zu schneien. Und zuletzt war ich

doch daheim.

„Hast alles?“ fragte die Mutter am Kochherd mir entgegen.

„Alles!“

„Brav bist. Und hungrig wirst sein.“

Beides ließ ich gelten. Sogleich zog die Mutter mir die klingendhart

gefrorenen Schuhe von den Füßen, denn ich wollte, daß sie frisch

eingefettet würden für den nächtlichen Mettengang. Dann setzte ich mich

in der warmen Stube zum Essen.

Aber siehe, während des Essens geht es zu Ende mit meiner Erinnerung. —

Als ich wieder zu mir kam, lag ich wohlausgeschlafen in meinem warmen

Bette, und zum kleinen Fenster herein schien die Morgensonne des

Christtages.

[Illustration]

[Illustration]

Das Schläfchen auf dem Semmering.

Das Mittagsmahl war vorüber. Den Rest der Milchsuppe hatte der

Kettenhund bekommen, der, dankbar mit dem Schweife wedelnd, die

Schüssel so blank leckte, daß die roten und blauen Blumen, sowie die

Zahl des Geburtsjahres der geräumigen Tonschüssel klar zum Vorscheine

kam. Der Hund beleckte, gleichsam zum Danke, dann auch noch die Blumen

und die Jahreszahl, und gut war’s. Den Rest der Schmalznocken hatte die

Bäuerin dem alten Zottentrager (Lumpensammler) verehrt, der auf der

Ofenbank saß bei seinem großmächtigen Bündel, in welchem alle alten

Fetzen von Alpel beisammen waren und der Papiermühle harrten. Der

Zottentrager nahm weder die „Zotten“ umsonst, noch die Schmalznocken,

er tat ein Täschlein auseinander und bot der Bäuerin zur Gegengabe

drei Ellen blaue Schürzenbänder und ein paar englische Nadeln. Der

Großknecht nannte ihn trotzdem einen Lumpenkerl.

Als wir vom Tische aufstanden, um wohlgesättigt wieder dem Tagewerke

nachzugehen, steckte der Großknecht Rochus einen Ballen Tabak in den

Mund. Trotzdem vermochte er noch zu reden und zum Hausvater das Wort zu

sagen: „Bauer, brauchst du heute das Bendel?“ Bendel, das ist nämlich

der geringschätzige Ausdruck für einen nichtigen kleinen Buben, der den

Leuten unter den Beinen umherschlupft, wenn er beim Vieh nichts zu tun

hat.

Das Wort Bendel mußte auf mich passen, weil der Zieselhofbauer, bei

dem ich damals als Schafhirt angestellt war, auf mich herabschaute und

die Achseln zuckte. Er brauche mich nicht. Die Schafe seien ja in der

eingezäunten Halde.

„Wenn du ihn nicht brauchst, so brauch’ ich ihn,“ sagte der Knecht.

„Wenn ich morgen ins Österreichische hinaus soll mit dem Leab, so muß

das Vieh heut ein paar Stunden umgetrieben werden auf dem Anger.“

Der Leab, das war durchaus kein „Vieh“, wie der Knecht in seiner

Grobmäuligkeit sagte, sondern das war unser falbes Öchslein, der

Liebling des Hauses. Es mußte besonders brav sein, denn es wurde

besser gehalten als die anderen Rinder, es bekam Heu statt Stroh und

Salzrübenbräu statt Spreufutter. Warum die Bevorzugung? Weil der Leab

eben ein lieber Kerl war und so schön jodeln konnte. Wenn er satt war

und vor dem Stalle stand, so begann er zu lauten, die Töne, die er

in kurzen Zwischenräumen ausstieß, waren wie heller Juchschrei, der

drüben im Wald klingend widerhallte. Die anderen konnten es bei weitem

nicht so. Ich wußte damals noch gar vieles nicht, unter anderem auch,

warum der Leab so schön jauchzte. War es, weil es gar so lustig ist auf

dieser Welt, wenn man nicht an den Pflug muß und so guten Salzrübenbräu

kriegt? oder war es, weil er Genossen und Genossinnen herbeirufen

wollte von den Weiden? oder war es, weil der Wald sein Jauchzen so

munter beantwortete? Kurz, es machte sich alles so fein und nett mit

dem Leab, und das war nicht bloße Höflichkeit, wenn es hieß, daß er

sehr gut aussehe. Mit diesem lieben Öchslein nun sollte der Knecht

Rochus am nächsten Tage ins Österreicherland reisen, über den Semmering

hinüber. Man sprach gar von Wien, wo der Leab, wie es hieß, sein Glück

machen sollte.

„Sodl, jetzt komm einmal, Bendel, nichtiges!“ Also hat der Knecht mich

geworben. „Jetzt führ den Leab aus dem Stall auf den Anger, und treib

ihn ein paar Stündlein langsam herum. Na, hast mich verstanden?“

Nun war das vom Leab eine besondere Gefälligkeit. Wenn ich ein gesunder

starker Ochs bin, wie der Leab, so lasse ich mich nicht von einem

siebenjährigen Jungen, den sie noch obendrein das Bendel heißen, mir

nichts dir nichts auf dem Anger umhertreiben. Entweder ich gebe ihm

einen Deuter mit dem Hinterbein, daß er mich in Ruh’ lassen soll, oder

ich tauche ihn mit dem gehörnten Kopf zu Boden. Mein Leab aber erkannte

mir die Oberhoheit zu, oder es war ihm nicht der Mühe wert, einem

winzigen Knirps sich zu widersetzen; er ließ sich gutmütig treiben.

Etwas schwerfällig trottete er auf dem Rasen dahin, ich trappelte

barfuß hinter ihm drein, und wenn er stehenbleiben wollte, um sich zu

lecken oder eine Schnauze voll Gras zu sich zu nehmen, so versetzte

ich ihm mit der Gerte einen leichten Streich an den Schenkel, daß

er weiter ging. So hatte es der Knecht angeordnet. Ich wußte nicht,

was das Herumtrotten heute zu bedeuten hatte, und mein Leab wußte es

wahrscheinlich auch nicht. Der Mensch, wenn er etwas nicht weiß, macht

sich Sorgen darob, der Ochs nicht, trotzdem kam letzterer genau so weit

als ich — etwa fünfzigmal um den Anger herum.

Am Abend, als wir müde und mit steifen Beinen in den Stall gingen, habe

ich’s erst erfahren, weshalb die Rundreise verhängt worden war. Der

Leab mußte sich für seine bevorstehende Fußpartie ins Österreicherland

eingehen, weil er das Marschieren nicht gewohnt war. Bei mir stand

die Sache nicht viel anders, denn auch ich war auserlesen, die Reise

mitzutun.

Am nächsten Frühmorgen hatten wir, der große Knecht Rochus und der

kleine Bendel, unser Halbfeiertagsgewand angelegt, ich auch mein neues

Paar Schuhe, dann aßen wir Sterz und Milch, und der Leab bekam noch

einmal seinen Salzrübenbrei. Während er mit Behagen sein Frühstück

verzehrte, ahnungslos, daß es das letzte war in der Heimat, striegelte

ihm der Ziegelhofbauer noch die Haare glatt und betastete mit

Wohlgefallen den rundlichen Leib.

„Unter hundertsechzig treibst ihn wieder heim,“ sagte er dann zum

Knecht. Das war mir nicht ganz verständlich, der Rochus aber nickte

seinen Kopf. „Geh nur her, Öchsel!“ sprach er und legte dem Genannten

den Strick um die Hörner. Ich stand hinten mit der Gerte. Als wir so zu

dreien durch das Hoftor hinaus davonzogen, brüllten die anderen Rinder

des Stalles, und der Leab stieß ein paarmal sein helles Jauchzen aus.

War ihm wirklich so wohl ums Herz, weil es jetzt in die helle Fremde

ging, oder hatte der Arme nur einen einzigen Laut für Freud und Leid?

Die Hausleute schauten uns nach, bis der Weg sich verlor im Schachen.

Anfangs ging’s etwas rostig, es waren uns die Beine noch steif von

der gestrigen Angerwanderung, aber schon über dem Alpsteige wurden

wir gelenkiger, und im Mürztale trabten wir zu acht Füßen ganz rüstig

fürbaß.

„Sodl,“ sagte der Knecht, „bis die Sonne abi geht, müssen wir z’

Gloggnitz sein. Heimfahren können wir morgen auf dem Dampfwagen, ist

sicherer mit dem Geld.“

Und kam es jetzt auf, was der Rochus im Sinn hatte. Den Leab wollte

er verkaufen. Zu Gloggnitz an einen Viehhändler, der ihn dann nach

Wien führen würde. — Nein, das konnte dem Knecht nicht ernst sein.

Verkaufen, den Leab! Derselbe Knecht hatte früher einmal am Feierabend

eine Geschichte erzählt, wie ein Mann seinen Bruder an den Juden

verkauft hatte ... Und stimmte denn das mit dem, was meine Mutter

daheim oftmals gesagt hatte, nämlich, daß auch das liebe Vieh unserem

Herrgott gehöre, und daß Ochs und Esel die ersten gewesen, die beim

Christkind Wache gehalten? —

Weil die Straße so breit und glatt vor uns da lag und das Öchslein

so willig fürbaß ging, so konnten wir plaudern. Daheim plaudert kein

Knecht mit dem Schafbuben, am wenigsten der ruppige Großknecht mit dem

Bendel, aber in der Fremde schließen die Menschen sich nahe aneinander,

selbst wenn ein Ochs dazwischen ist.

„Was wird er denn nachher machen, der Leab, z’Wien?“ fragte ich.

„Der wird totgeschlagen,“ antwortete der Knecht. Ich lachte überlaut,

weil ich das grobe Wort für einen feinen Witz hielt.

„Übermorgen um die Stund’ hängt er schon an den Hinterbeinen beim

Fleischhacker,“ setzte der Knecht bei. Mir ward plötzlich bange, ich

schaute dem Leab ins Gesicht, das glotzte harmlos drein; er hatte

nichts verstanden, gottlob. — Fleischhacker! Ich hatte den Namen

übrigens schon gehört. Als daheim die Mutter einmal schwer krank

gewesen war, hatte der Arzt ein Pfund Suppenfleisch verordnet, zum

Kraftmachen. Das war auch beim Fleischhacker geholt worden.

„Hi, Leab!“ sagte der Rochus und zog am Strick.

Dann fuhr er fort, wunderlich zu sprechen: „Das beste Fleisch geht

allemal nach Wien. Wenn unsereiner auf der Kirchweih beim Fleischhacker

im Dorfe ein Stückel kauft, kriegt man ein wiedenzähes Luder.“ — Was er

nur da redet!

Als wir beim jungen Lärchenwald am Anfang des Semmeringberges waren,

wußte ich alles. Es war ganz unerhört. — Zurückführen nach Alpel konnte

ich den armen, armen Leab nicht, ich hätte mit dem Knecht darum bis

auf den Tod raufen müssen. Der Knecht Rochus hatte eben vom Bauern den

Auftrag, den Leab in Gloggnitz dem Fleischhacker zu überantworten!

Dann sollte das gute Ochsl zur Schlachtbank geführt, dort mit einer

großen Hacke niedergeschlagen und hernach mit einem langen Messer

erstochen werden. Alsdann sollten ihm die schönen schwarzen Hörnlein

vom Haupte geschlagen und die Haut herabgezogen werden. Dann sollten

ihm die Eingeweide herausgerissen und das Fleisch in tausend Stücklein

zerschnitten werden. Und diese Stücke würden gekocht, gebraten, von den

Wienern verzehrt, so wie der Wolf das Schaf frißt und die Katze die

Maus! — Mir ward blau vor den Augen, ich taumelte hin an den Rain. Der

Rochus steckte mir einen Bissen Brot in den Mund.

Später, wieder zu mir gekommen, schaute ich den Leab an. Der biß

einen Grasschopf ab und kaute ihn mit aller Behaglichkeit hinab. Er

weiß von nichts. Er hat’s gehört, aber nicht verstanden. O, argloses

Gottesgeschöpf! — Ich hub an, laut zu brüllen.

Der Rochus lachte und gab mir zu bedenken, daß ich selbst schon

Ochsenfleisch gegessen hätte! Ich selbst? Das war noch schöner! — Ja!

am Leihkauftag, wie uns der Bauer beim Wirt Braten mit Salat gezahlt.

Das sei so etwas gewesen. — Mir wurde übel. Braten hatte ich freilich

gegessen, er war sogar sehr gut gewesen, aber daß das ein Stück

Tierleib sollte gewesen sein! Daß es ein Stück von einem Ochsen sollte

gewesen sein, der vorher gerade so warm gelebt und vielleicht so hell

gejauchzt hatte wie der Leab! — Und daß die Menschen so etwas tun!

Als mir das erstemal die Gewißheit ward, daß alle Menschen sterben

müssen, auch ich — da war mir nicht so abscheulich weh ums Herz, als

an diesem Tage, wie ich erfahren, daß der Mensch das Tier ißt, mit

welchem er vorher so zutraulich gelebt hat.

„Was ist denn das?“ fragte der Rochus und stupfte mit dem Stock auf

meinen Fuß. „Ist das nicht ein Schuh?“

„Das ist mein Feiertagsschuh,“ gab ich artig zurück.

„Gelt, und mit dem gehst du in die Kirche und betest fleißig. Sag mir

schön, hast du die Scheckige noch gekannt, die unser Bauer im vorigen

Jahr für ein Kalb umgetauscht hat?“

„Die scheckige Kuh, die mit dem Melkstuhl geschlagen worden ist von der

Stallmagd, weil sie keine Milch geben hat wollen?“

„Richtig. Und geben hat sie keine wollen, weil sie keine mehr im Euter

hat gehabt, und deswegen hat sie unser Bauer fortgetauscht. Was meinst,

Schafhalterbub, wo wird sie sein jetzt, die scheckige Kuh?“

Riet ich: „Auf der Fischbacher Alm.“

Sagte er: „O Tschapperl, auf der Fischbacher Alm! Wo du jetzt in ihrer

Haut steckst!“ Und tippte wieder auf meine Schuhe. — Mich machten diese

Offenbarungen ganz verwirrt. Inwendig Ochsenfleisch, auswendig Kuhhaut!

Und so einer will Kind Gottes sein! —

Auf der Semmeringhöhe, wo die grünen Matten waren, wollte unser Leab

auf einmal nicht weiter, sondern setzte sich nieder.

„Das ist gar nicht so dumm!“ meinte der Rochus und setzte sich auch

in den Schatten einer Lärche, denn es war heiß geworden. Ich hockte

ebenfalls hin und lugte heimlich auf das Öchslein. Das tat gemütlich

wiederkauen, der Knecht tat’s auch an seinem Tabak, und dabei kratzte

er das Tier zärtlich hinter den Ohren. Der Leab war dessen froh und

streckte traulich den großen Kopf so zurecht, daß der Rochus gut

krauen konnte. Und jetzt dachte ich: Wie doch der Mensch so falsch

sein kann! — Ich meinte damit den Knecht und mich und alle, die ein

Haustier so lieb haben, daß sie dasselbe endlich zur Schlachtbank

führen und aufzehren. Endlich hatte der Leab sein schweres Haupt auf

den Rasen hingelegt und machte die großen, runden Augen zu. Der Rochus

lehnte sich an den Baumstamm und duselte auch ein. Jetzt schliefen sie

beide — aber den Schlaf des Gerechten sicherlich nur einer. Der Knecht

hatte den Strick noch schlafend um die Hand gewunden, mit dem er das

ahnungslose Schlachtopfer hielt. Ich war voller Betrübnis.

Kam des Weges her, den wir gekommen, ein großes graues Bündel, unter

demselben gebückt der alte Zottentrager, der tags zuvor in unserem

Hause gewesen. Der stand still, streckte seinen langen braunen Hals

nach mir vor und fragte flüsternd: „Was hat’s denn, Bübel?“

Schluchzend stand ich auf und vertraute dem weltfremden Menschen meinen

Schmerz.

„Das Öchsl tut mir soviel derbarmen, weil es zum Fleischhacker muß.“

„So, so! zum Fleischhacker!“ flüsterte der Alte und verzog sein

runzeliges Gesicht zu einer schrecklich lächerlichen Larve. Aber ich

konnte nicht lachen, mußte immer noch heftiger weinen aus Erbarmnis,

weil der liebe gute Leab so arglos und unschuldig schlummerte.

„Ist das nit dem Zieselhofer von Alpel sein Knecht?“ fragte dann

leise der Zottentrager, auf den Rochus deutend. „Ist schon gut. Der

hat mich gestern mit einem Lumpenkerl angemurmelt. Lumpenkerl, der

bin ich, gewiß auch noch, daß ich’s bin. Weil ich ein Kerl bin, der

Lumpen tragt. Aber anmurmeln laß ich mich nit so. Gesagt ist’s! Heute

wird er die Lumpen nit verachten, wenn sie ihm der Viehhandler als

nagelneue Hunderter auf die Hand tut. Aber wart, altes Murmeltier, so

gut sollst es nit haben! Gesagt ist’s! Dem kleinen Edelmann da tut

eh der Ochs leid. Mir auch. Schlaf süß, du holdseliger Bauernknecht,

du kotzengrober! Der Ochs soll in den grünen Wald gehen und nit zum

Fleischhacker. Gesagt ist’s und —“ mit dem Taschenmesser schnitt er den

Strick durch — „getan ist’s.“

Das alles war im Flüsterton herausgestoßen, nun rüttelte er den Ochsen

bei den Hörnern: „Steh eilends auf, Herr Ochs, und fliehe!“

Der Leab glotzte ob solcher Belästigung etwas verblüfft umher, dann

stand er schlotterig auf, zuerst mit den Hinter-, dann auch mit den

Vorderfüßen und ließ sich vom Zottentrager in den Wald führen. Der alte

Spitzbube zischelte mir noch zu: „Du schlafst auch, Jüngling, und weißt

von nichts.“ Dann rückte er sein Bündel wieder auf und huschte davon.

Ein junger Mensch ist bald verführt, wenn er verführt sein will. Ich

streckte mich auf den Rasen, drückte meine Augen zu und wartete, bis

der Knecht Rochus die seinen aufmachte. — Das wird ein schreckliches

Erwachen werden! Ich bangte davor und war höllisch neugierig drauf.

Ich blinzelte zwischen den Augenwimpern wohl doch ein wenig auf ihn

hin. Er schlief so arglos, wie früher der Leab. Jetzt tat mir der

Knecht leid, wie früher der Ochs. Fest um die Hand gewickelt hielt er

den abgeschnittenen Strick. Jetzt zuckte er ein wenig mit derselben

Hand, als wollte er das Tier an sich ziehen. Das gab keinen Widerstand.

Er riß die Augen auf, warf den Kopf, sprang empor: „Der Ochs!“ Ein

wahrhaftes Angstgebrüll: „Bub, wo ist der Ochs?“

Ich tat, als wäre ich eben auch erst erwacht, streckte die Arme aus,

gähnte und sagte mit der ganzen Niederträchtigkeit eines Zottentragers:

„Hast du den Leab schon verkauft?“

„Gestohlen! Geraubt! Weggeraubt!“ schrie der Knecht und schoß umher wie

ein scharf losgelassener Kreisel. Die Faust, um welche der Strick noch

geschlungen war, streckte er gegen Himmel, und an mir vorüberrasend,

schien es einen Augenblick, als wollte er sie auf mich niedersausen

lassen. Mir war nicht zum Lachen, und die Freude an dem geretteten

Leab löste sich in eine schreckliche Angst vor dem schnaubenden

Großknecht. Seine Fäuste lösten sich bald in flache Hände auf, mit

denen er sich jammernd den Kopf hielt. Das viele Geld! Auf Jahre

hinaus der Dienstlohn weg, auf viele Jahre hinaus! Der Bauer werde ihm

nichts schenken. Vielmehr strafen werde er ihn für die Fahrlässigkeit.

Auf fremden Straßen einzuschlafen! Es sei auch zu pflichtvergessen!

Zu pflichtvergessen! „Mein Bübel!“ rief er mir zu, in seiner

Verzweiflung zärtlicher als je, „lauf du zurück auf der Straßen, wo

wir hergekommen, vielleicht derwischest du den Dieb! Ich werde auf die

Österreicherseiten hinaus. Weit kann er ja nicht sein. O, mein liebes

Geld, mein liebes Geld!“

So wollten wir uns aufmachen zur Verfolgung des Wichtes, der uns den

Leab gestohlen, da hub es im nächsten Dickicht an in hellen Stößen zu

lauten ...

O, Ochs, du jauchzest dich in den Tod hinein! — Drei Stunden später

hat zu Gloggnitz der Händler den Leab übernommen und ihn dem großen

Mastviehtransport einverleibt, der nach Wien ging.

[Illustration]

[Illustration]

Als ich nach Emaus zog.

Am Ostermontag, wenn der Gottesdienst vorüber ist und im Waldlande

die Leute beim Mittagsmahle sitzen, kommt es vor, daß einer sagt:

„Heut ist Ostermontag, heut sollen wir nach Emaus gehen.“ Und fast

allemal entgegnet ein anderer: „Nach Eb’naus (eben aus) gehen, das ist

bei uns im Gebirg’ eine Kunst.“ Aber der strenge Hausvater verweist:

„Gescheiterweis’ reden! Heilige Sach’ ist kein Spaß!“

Am Vormittag haben sie es bei der Predigt gehört, daß nach dem Tode

Jesu die Jünger gar vereinsamt und betrübt umhergegangen seien,

immer nur an den Herrn und Meister denkend, der ein paar Tage früher

gekreuzigt und begraben worden war. Und als sie die Straße entlang

gingen, die nach Emaus führte, da begegnete ihnen der Gekreuzigte

leibhaftig und grüßte sie: „Der Friede sei mit euch!“, also daß sie

wußten, er ist von den Toten auferstanden. — Dessen gedenkt man im

Waldlande frommen Sinnes, und sei es nun auf der Bergstraße oder im

Tale draußen, irgendwo steht doch ein Wirtshaus, und das ist das

Emaus, nach welchem man an diesem Tage pilgert. — Jenem, der still

beschaulich zwischen den grünenden Saaten dahinschreitet unter dem

Gesange der Vögel, die auf den treibenden Zweigen sich schaukeln, und

der in den milden Sonnenäther des Himmels aufschaut, Sehnsucht im

Herzen, dem begegnet der Auferstandene mit dem Gruße: „Der Friede sei

mit dir!“ — Jenen, die nach ernsten Berufsarbeiten zur feiertägigen

Erholung in heiterer Geselligkeit dem Wirtshause zuwandeln, sei es

Freund mit Freund, sei es Bursche mit Mädchen in ehrsamer Neigung, sei

es der Geigenspieler und der Pfeifenbläser zur hellen Osterfreudigkeit,

denen begegnet der Herr und grüßt sie: „Der Friede sei mit euch!“ —

Dem aber, der mit frömmelnder Miene, Schlimmes sinnend, nach „Emaus“

schleicht, dem begegnet der Heiland nicht — doch möglicherweise etwas

anderes.

Zur Zeit, als ich ein Knabe von etwa zehn Jahren war, wollte mein Vater

einmal in der Fasten einen eingewanderten vazierenden (herumlungernden)

Tagwerker aufnehmen; es gab zu solcher Zeit eigentlich nicht mehr

Arbeit in der Wirtschaft, als wir mit unserem Gesinde selbst verrichten

konnten, doch mein Vater meinte: „Arbeitet er schon nicht viel, so soll

er uns wenigstens fasten helfen. Wo will er denn sonst hingehen, jetzt?

Hat auch schon einen grauen Bart.“

„Ist selber schuld,“ antwortete die Mutter, „warum balbiert er sich

nicht. Der Tritzel gefällt mir nicht, sie sagen ja, er wäre schon

einmal eingesperrt gewesen.“

„Mußt nicht alles glauben, was sie sagen. Die Leut’ tun alleweil gern

andere noch schlechter machen, als sie selber sind.“

„Und der Tritzel gefällt mir nicht,“ wiederholte die Mutter, „er hat

einen krummen Blick.“

„Einen krummen Blick hat er, weil er schielt,“ sagte der Vater, „und

fürs Schielen kann der Mensch nicht.“

„Da hast freilich wieder recht,“ darauf die Mutter, „und wenn er jetzt

im Märzen keinen anderen Platz findet und er auf der freien Weid’ müßt’

liegen, da mögen wir ihn doch lieber nehmen.“

Also war es verabredet worden. Aber bei der Aufnahme konnte mein Vater

nicht unterlassen, den Tagwerker zu fragen: „Bist du nicht einmal in

der Keichen (im Arrest) gesessen?“

„Ja, das ist gewiß,“ antwortete der Tritzel.

„Was hast denn angestellt?“

„Schon etwas der Müh’ wert, das magst dir denken, Waldbauer. Mir ist

nicht zu trauen, mir!“

„Darf man’s wissen?“

„Warum denn nicht! Im Arzbachgraben bin ich ein armer Kleinhäusler

gewesen.“

„Deswegen werden sie dich doch nicht gestraft haben!“ rief mein Vater.

„Armut ist halt ein Verbrechen,“ versetzte der Tritzel sehr tiefsinnig.

„Und weil ich meine Steuer nicht hab’ zahlen können, so sind die

Pfändersleut’ gekommen und haben mir meine Kuh wegtreiben wollen. „Die

laß ich nicht!“ schrei ich, und hau dem Pfändersmann eine ins Gesicht.

Alsdann haben sie anstatt der Kuh mich fortgetrieben und eingesperrt.“

„Dem Pfänder hast eine gegeben!“ lachte mein Vater auf. „Na, bleib halt

da, Tritzel.“

Der Alte zog — aber so, daß es mein Vater nicht merkte — das runzelige

Gesicht schief, blinzelte mit den fahlen Wimpern und murmelte in seinen

Bart: „Ein Gusto, wie sich der anplauschen laßt! — Ja, freilich bleib

ich.“

Und abgemacht war’s.

Tat dann der alte Tagwerker Tritzel zuerst ein bissel Schnee schaufeln

bei uns um den Hof herum, dann ein bissel Streu hacken, hernach ein

bissel Dung führen mit der Schiebtruhe in den Garten hinaus. Dabei tat

er mit uns fleißig die vierzigtägige Fasten halten und ein sittsames

Leben führen. Als die Ostern nahten, gab mein Vater zu verstehen, daß

der Tritzel nun im Frühjahr wohl auch anderweitig einen Platz finden

würde, und jetzt war es meine Mutter, die sprach: „Weil er uns hat

fasten helfen, der Tritzel, so kann er uns auch essen helfen; wer weiß,

wo er sonst sein Weihfleisch und die Osterkrapfen finden kunnt.“

Also blieb der alte, graubärtige Bursch über das Osterfest in unserem

Hause, aß sich gewissenhaft satt und führte gern christliche Gespräche.

So sagte er am Ostermontag beim Mittagsmahle: „Heut sollen wir nach

Emaus gehen. Gehst mit, Bübel?“

Die Frage war an mich gerichtet. „Ja, nach Emaus ginge ich mit!“

„Versteht sich!“ begehrte die Mutter auf, „Kinder ins Wirtshaus!“

„Waldbäuerin,“ versetzte der Tritzel ernsthaft, „vom Wirtshaus ist

keine Red’. Bei mir schaut das Christentum anders aus. Der Gang

nach Emaus ist ein heiliger Gang. Ein heiliger Gang, meine liebe

Waldbäuerin! Wir gehen zu der Kreuzkapellen hinauf, dort werden wir den

Heiland sicherer finden, als im Wirtshaus — will ich meinen.“

„’s selb wär eh wahr,“ gab mein Vater bei, und ich durfte mit dem

Tritzel gehen.

Die Kreuzkapelle stand etwa eine Stunde von uns weiter oben im Gebirge,

auf einem Waldanger. Wenn der Wetterwind ging im Sommer und dort das

Glöcklein geläutet wurde, konnte man bei uns im Hof den Klang hören.

In der Fastenzeit war die Kapelle ein beliebter Wallfahrtsort,

kamen an jedem Freitag aus nah und fern Andächtige herbei, zündeten

vor dem lebensgroßen Kreuzbilde, das in der Kapelle über dem Altare

stand, Lichter an, beteten, legten bescheidene Opfergaben hin und

gingen erleichterten Herzens wieder nach Hause. Da in der Nähe dieses

Andachtsortes keine Menschenwohnung war, so ging täglich von den

Waldbauernhäusern ein altes Weiblein hinauf, um die Kapelle zu öffnen,

zu schließen und das Glöcklein zu läuten.

Das war also unser Emaus, zu welchem der alte Tagwerker Tritzel und

ich auszogen — ein heiliger Gang, wie der Alte unterwegs wiederholt

versicherte.

Der Weg ging über Wiesen, durch Wäldchen hinan, war stellenweise noch

mit schmutzigen Schneekrusten belegt, stellenweise rann die Gieß,

und stellenweise ging es über aperen (schneefreien) Rasen. Bei jeder

Wegbiegung blickte ich scharf aus, ob uns nicht der liebe Heiland

entgegenkäme. Endlich sah ich von ferne aus dem Schachen hervortretend

die Gestalt; sie schwankte langsam heran, kam immer näher, und als sie

ganz nahe, war es nicht der liebe Heiland, sondern das alte Weiblein,

welches mit dem Schlüssel von der Kapelle kam.

„Jetzt wird doch einmal schön Wetter werden,“ redete sie der Tritzel an.

„Ja, Zeit wär’s,“ sagte die Alte und trippelte fürbaß.

Als wir sie nicht mehr sahen, sagte der Tritzel: „Das ist sauber, jetzt

hat uns die gewiß die Kapellen zugesperrt!“

„Ich lauf ihr nach, daß sie wieder zurückgeht,“ war mein Vorschlag.

„Ah geh, hast denn du kein Herz für alte Leut’!“ verwies er mir, „den

Weg etlichemal hin und wieder machen, wie ein Hundel! Die geht nicht

mehr auf ihren ersten Füßen wie du! Wir werden uns schon helfen.“

Bei einer Wegzweigung fragte mich der Tritzel: „Geht’s da links nicht

hinauf zum Schützenhof?“

„Ja, da geht’s zum Schützenhof.“

„Ist’s wahr, daß er so viel Sachen haben soll, der alte Schützenhofer?“

„Ja, sie sagen, daß er reich ist,“ war die Antwort.

„Nachher kommt der Schützenhofer in die Höll’. Die Reichen müssen alle

hinab,“ sagte der Tritzel. „Aus Nächstenlieb’ sollte man machen, daß

sie in den Himmel kommen.“

„Ist eh wahr,“ gab ich bei.

Endlich kamen wir auf den Waldanger. Da lag der Schatten, nur die

Baumwipfel standen im Sonnenschein. Auf dem Anger gab es noch Schnee,

auch auf dem Dache der Kapelle lag er und ließ am Rande tropfende

Eiszäpfchen herabhängen. Als wir dem Eingange nahe kamen, zog der alte

Tritzel den Hut vom Haupt und glättete mit der anderen Hand sein graues

Haar. Dann drückte er an der Türklinke. Da gab nichts nach, und er

blickte mich betroffen an.

„Ja, weil sie zugesperrt hat,“ sagte ich.

„Freilich hat sie zugesperrt, du Narr, sonst wär’ es offen!“ schnarrte

er mich an. Das war mir zuwider. Folgerichtig war mein Wort und seines

ebenfalls, aber warum denn so anschnarren!

Er ging rings um die Kapelle, als suche er einen zweiten Eingang.

„Schau du!“ rief er plötzlich, „da ist ein Fenster. Der Laden geht auf,

so! Er ist zwar nicht groß, aber eine Spindel wie du kann hinein!“

„Eine Spindel wie ich,“ war mein Aufbegehren; „nein, da schlief ich

nicht hinein!“

„Ei freilich schliefst hinein, Buberl. Nachher schiebst von innen an

der Tür den Riegel weg und laßt mich ein; wir knien uns hin vor das

Kreuz und beten eins miteinand’.“

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 3 · 第 1 / 7 段