Sein Schiff band er feste, der Ritter allbereit.
Er fand auf einem Berge eine Burg gelegen
Und suchte Herberge, wie die Wegemüden pflegen.
Da kam er vor die Pforte, die ihm verschloßen stand: 501
Sie bewachten ihre Ehre, wie Sitte noch im Land.
Ans Thor begann zu klopfen der unbekannte Mann:
Das wurde wohl behütet; da traf er innerhalben an
Einen Ungefügen, der da der Wache pflag, 502
Bei dem zu allen Zeiten sein Gewaffen lag.
Der sprach: "Wer pocht so heftig da draußen an das Thor?"
Da wandelte die Stimme der kühne Siegfried davor
Und sprach: "Ich bin ein Recke: thut mir auf alsbald, 503
Sonst erzürn ich Etlichen hier außen mit Gewalt,
Der gern in Ruhe läge und hätte sein Gemach."
Das verdroß den Pförtner, als da Siegfried also sprach.
Der kühne Riese hatte die Rüstung angethan, 504
Den Helm aufs Haupt gehoben, der gewaltge Mann:
Den Schild alsbald ergriffen und schwang nun auf das Thor.
Wie lief er Siegfrieden da so grimmig an davor!
Wie er zu wecken wage so manchen kühnen Mann? 505
Da wurden schnelle Schläge von seiner Hand gethan.
Der edle Fremdling schirmte sich vor manchem Schlag;
Da hieb ihm der Pförtner in Stücke seines Schilds Beschlag
Mit einer Eisenstange: so litt der Degen Noth. 506
Schier begann zu fürchten der Held den grimmen Tod,
Als der Thürhüter so mächtig auf ihn schlug.
Dafür war ihm gewogen sein Herre Siegfried genug.
Sie stritten so gewaltig, die Burg gab Widerhall: 507
Man hörte fern das Tosen in König Niblungs Saal.
Doch zwang er den Pförtner zuletzt, daß er ihn band;
Kund ward diese Märe in allem Nibelungenland.
Das Streiten hatte ferne gehört durch den Berg 508
Alberich der kühne, ein wildes Gezwerg.
Er waffnete sich balde und lief hin, wo er fand
Diesen edeln Fremdling, als er den Riesen eben band.
Alberich war muthig, dazu auch stark genug. 509
Helm und Panzerringe er am Leibe trug
Und eine schwere Geisel von Gold an seiner Hand.
Da lief er hin geschwinde, wo er Siegfrieden fand.
Sieben schwere Knöpfe hiengen vorn daran, 510
Womit er vor der Linken den Schild dem kühnen Mann
So bitterlich zergerbte, in Splitter gieng er fast.
In Sorgen um sein Leben gerieth der herrliche Gast.
Den Schild er ganz zerbrochen seiner Hand entschwang: 511
Da stieß er in die Scheide eine Waffe, die war lang.
Seinen Kammerwärter wollt er nicht schlagen todt:
Er schonte seiner Leute, wie ihm die Treue gebot.
Mit den starken Händen Albrichen lief er an, 512
Und erfaßte bei dem Barte den altgreisen Mann.
Den zuckt' er ungefüge: der Zwerg schrie auf vor Schmerz.
Des jungen Helden Züchtigung gieng Alberichen ans Herz.
Laut rief der Kühne: "Nun laßt mir das Leben: 513
Und hätt ich einem Helden mich nicht schon ergeben,
Dem ich schwören muste, ich war ihm unterthan,
Ich dient euch, bis ich stürbe," so sprach der listige Mann.
Er band auch Alberichen wie den Riesen eh: 514
Siegfriedens Kräfte thaten ihm gar weh.
Der Zwerg begann zu fragen: "Wie seid ihr genannt?"
Er sprach: "Ich heiße Siegfried: ich wähnt, ich wär euch bekannt."
"So wohl mir diese Kunde," sprach da Alberich, 515
"An euern Heldenwerken spürt ich nun sicherlich,
Daß ihrs wohl verdientet, des Landes Herr zu sein.
Ich thu, was ihr gebietet, laßt ihr nur mich gedeihn."
Da sprach der Degen Siegfried: "So macht euch auf geschwind 516
Und bringt mir her der Besten, die in der Veste sind,
Tausend Nibelungen; die will ich vor mir sehn.
So laß ich euch kein Leides an euerm Leben geschehn."
Albrichen und den Riesen löst' er von dem Band. 517
Hin lief der Zwerg geschwinde, wo er die Recken fand.
Sorglich erweckt' er Die in Niblungs Lehn
Und sprach: "Wohlauf, ihr Helden, ihr sollt zu Siegfrieden gehn."
Sie sprangen von den Betten und waren gleich bereit: 518
Tausend schnelle Ritter standen im Eisenkleid.
Er brachte sie zur Stelle, wo er Siegfried fand:
Der grüßte schön die Degen und gab Manchem die Hand.
Viel Kerzen ließ man zünden; man schenkt' ihm lautern Trank. 519
Daß sie so bald gekommen, des sagt' er Allen Dank.
Er sprach: "Ihr sollt von hinnen mir folgen über Flut."
Dazu fand er willig diese Helden kühn und gut.
Wohl dreißig hundert Recken kamen ungezählt: 520
Von denen wurden tausend der besten auserwählt,
Man brachte ihre Helme und ander Rüstgewand,
Da er sie führen wollte hin zu Brunhildens Land.
Er sprach: "Ihr guten Ritter, Eins laßt euch sagen: 521
Ihr sollt reiche Kleider dort am Hofe tragen,
Denn uns wird da schauen manch minnigliches Weib:
Darum sollt ihr zieren mit guten Kleidern den Leib."
Nun möchten mich die Thoren vielleicht der Lüge zeihn: 522
Wie konnten so viel Ritter wohl beisammen sein?
Wo nähmen sie die Speise? Wo nähmen sie Gewand?
Und besäß er dreißig Lande, er brächt es nimmer zu Stand.
Ihr habt doch wol vernommen, Siegfried war gar reich. 523
Sein war der Nibelungenhort, dazu das Königreich.
Drum gab er seinen Degen völliglich genug;
Es ward ja doch nicht minder, wie viel man von dem Schatze trug.
Eines frühen Morgens begannen sie die Fahrt: 524
Was schneller Mannen hatte da Siegfried sich geschart!
Sie führten gute Rosse und herrlich Gewand:
Sie kamen stolz gezogen hin zu Brunhildens Land.
Da stand in den Zinnen manch minnigliches Kind. 525
Da sprach die Königstochter: "Weiß Jemand, wer die sind,
Die ich dort fließen sehe so fern auf der See?
Sie führen reiche Segel, die sind noch weißer als der Schnee."
Da sprach der Vogt vom Rheine: "Es ist mein Heergeleit, 526
Das ich auf der Reise verließ von hier nicht weit:
Ich habe sie besendet: nun sind sie, Frau, gekommen."
Der herrlichen Gäste ward mit Züchten wahrgenommen.
Da sah man Siegfrieden im Schiffe stehn voran 527
In herrlichem Gewande mit manchem andern Mann.
Da sprach die Königstochter: "Herr König, wollt mir sagen:
Soll ich die Gäste grüßen oder ihnen Gruß versagen?"
Er sprach: "Ihr sollt entgegen ihnen vor den Pallas gehn, 528
Ob ihr sie gerne sehet, daß sie das wohl verstehn."
Da that die Königstochter, wie ihr der König rieth;
Siegfrieden mit dem Gruße sie von den Andern unterschied.
Herberge gab man ihnen und wahrt' ihr Gewand. 529
Da waren so viel Gäste gekommen in das Land,
Daß sie sich allenthalben drängten mit den Scharen:
Da wollten heim die Kühnen zu den Burgunden fahren.
Da sprach die Königstochter: "Dem blieb ich immer hold, 530
Der zu vertheilen wüste mein Silber und mein Gold
Meinen Gästen und des Königs, des ich so viel gewann."
Zur Antwort gab ihr Dankwart, des kühnen Geiselher Mann:
"Viel edle Königstochter, laßt mich der Schlüßel pflegen; 531
Ich will es so vertheilen," sprach der kühne Degen,
"Wenn ich mir Schand erwerbe, die treffe mich allein."
Daß er milde wäre, das leuchtete da wohl ein.
Als sich Hagens Bruder der Schlüßel unterwand, 532
So manche reiche Gabe bot des Helden Hand:
Wer Einer Mark begehrte, dem ward so viel gegeben,
Daß die Armen alle da in Freuden mochten leben.
Wohl mit hundert Pfunden gab er ohne Wahl. 533
Da gieng in reichem Kleide Mancher aus dem Saal,
Der nie zuvor im Leben so hehr Gewand noch trug.
Die Königin erfuhr es: da war es ihr leid genug.
Sie sprach zu dem König: "Des hätt ich gerne Rath, 534
Daß nichts mir soll verbleiben von meinem Kleiderstaat
Vor euerm Kämmerlinge: er verschwendet all mein Gold.
Wer dem noch widerstände, dem wollt ich immer bleiben hold.
"Er giebt so reiche Gaben: der Degen wähnet eben, 535
Ich habe nach dem Tode gesandt: ich will noch leben
Und kann wol selbst verschwenden meines Vaters Gut."
Nie hatt einer Königin Kämmerer so milden Muth.
Da sprach von Tronje Hagen: "Frau, euch sei bekannt: 536
Der König vom Rheine hat Gold und Gewand
Zu geben solche Fülle, daß es nicht Noth ihm thut,
Von hier hinweg zu führen einen Theil von Brunhilds Gut."
"Nein, wenn ihr mich liebet," sprach sie zu den Herrn, 537
"Zwanzig Reiseschreine füllt ich mir gern
Mit Gold und mit Seide: das soll meine Hand
Vertheilen, so wir kommen heim in der Burgunden Land."
Da lud man ihr die Kisten mit edelm Gestein. 538
Der Frauen Kämmerlinge musten zugegen sein:
Sie wollt es nicht vertrauen Geiselhers Unterthan.
Gunther und Hagen darob zu lachen begann.
Da sprach die Königstochter: "Wem laß ich nun mein Land? 539
Das soll hier erst bestimmen mein und eure Hand."
Da sprach der edle König: "So rufet wen herbei,
Der euch dazu gefalle, daß er zum Vogt geordnet sei."
Ihrer nächsten Freunde Einen die Jungfrau bei sich sah; 540
Es war ihr Mutterbruder, zu dem begann sie da:
"Nun laßt euch sein befohlen die Burgen und das Land,
Bis seine Amtleute der König Gunther gesandt."
Aus dem Gesinde wählte sie zweitausend Mann, 541
Die mit ihr fahren sollten gen Burgund hindann
Mit jenen tausend Recken aus Nibelungenland.
Sie schickten sich zur Reise: man sah sie reiten nach dem Strand.
Sie führte mit von dannen sechsundachtzig Fraun, 542
Dazu wol hundert Mägdelein, die waren schön zu schaun.
Sie säumten sich nicht länger, sie eilten nun hindann:
Die sie zu Hause ließen, wie Manche hub zu weinen an!
In höfischen Züchten räumte die Frau ihr Land, 543
Die nächsten Freunde küssend, die sie bei sich fand.
Mit gutem Urlaube kamen sie aufs Meer;
Ihres Vaters Lande sah die Jungfrau nimmermehr.
Auf ihrer Fahrt ertönte vielfaches Freudenspiel; 544
Aller Kurzweile hatten sie da viel.
Auch hob sich zu der Reise der rechte Wasserwind.
Sie fuhren ab vom Lande: das beweinte mancher Mutter Kind.
Doch wollte sie den König nicht minnen auf der Fahrt: 545
Ihre Kurzweil wurde bis in sein Haus gespart
Zu Worms in der Veste zu einem Hofgelag,
Dahin mit ihren Helden sie fröhlich kamen hernach.
* * * * *
Neuntes Abenteuer.
Wie Siegfried nach Worms gesandt wird.
Da sie gefahren waren voll neun Tage, 546
Da sprach von Tronje Hagen: "Nun hört, was ich sage.
Wir säumen mit der Kunde nach Worms an den Rhein:
Nun sollten eure Boten schon bei den Burgunden sein."
Da sprach König Gunther: "Ihr redet recht daran; 547
Auch hätt uns wohl Niemand die Fahrt so gern gethan
Als ihr selbst, Freund Hagen: nun reitet in mein Land,
Unsre Hofreise macht Niemand beßer da bekannt."
"Nun wißt, lieber Herre, ich bin kein Bote gut: 548
Laßt mich der Kammer pflegen und bleiben auf der Flut.
Ich will hier bei den Frauen behüten ihr Gewand,
Bis daß wir sie bringen in der Burgunden Land.
"Nein, bittet Siegfrieden um die Botschaft dahin: 549
Der mag sie wohl verrichten mit zuchtreichem Sinn.
Versagt er euch die Reise, ihr sollt mit guten Sitten
Bei eurer Schwester Liebe um die Fahrt ihn freundlich bitten."
Er sandte nach dem Recken: der kam, als man ihn fand. 550
Er sprach zu ihm: "Wir nahen uns schon meinem Land;
Da sollt ich Boten senden der lieben Schwester mein
Und auch meiner Mutter, daß wir kommen an den Rhein.
"So bitt ich euch, Herr Siegfried, daß ihr die Reise thut, 551
Ich wills euch immer danken," so sprach der Degen gut.
Da weigerte sich Siegfried, dieser kühne Mann,
Bis ihn König Gunther sehr zu flehen begann.
Er sprach: "Ihr sollt reiten um den Willen mein, 552
Dazu auch um Kriemhild, das schöne Mägdelein,
Daß es mit mir vergelte die herrliche Maid."
Als Siegfried das hörte, da war der Recke bald bereit.
"Entbietet, was ihr wollet, es soll gemeldet sein: 553
Ich will es gern bestellen um das schöne Mägdelein.
Die ich im Herzen trage, verzichtet' ich auf die?
Leisten will ich Alles, was ihr gebietet, um sie."
"So sagt meiner Mutter, Ute der Königin, 554
Daß ich auf dieser Reise hohes Muthes bin.
Wie wir geworben haben, sagt meinen Brüdern an;
Auch unsern Freunden werde diese Märe kund gethan.
Ihr sollt auch nichts verschweigen der schönen Schwester mein, 555
Ich woll ihr mit Brunhild stäts zu Diensten sein;
So sagt auch dem Gesinde und wer mir unterthan,
Was je mein Herz sich wünschte, daß ich das Alles gewann.
"Und saget Ortweinen, dem lieben Neffen mein, 556
Daß er Gestühl errichten laße bei dem Rhein;
Den Mannen auch und Freunden sei es kund gethan,
Ich stelle mit Brunhilden eine große Hochzeit an.
"Und bittet meine Schwester, werd ihr das bekannt, 557
Daß ich mit meinen Gästen gekommen sei ins Land,
Daß sie dann wohl empfange die liebe Traute mein:
So woll ich Kriemhilden stäts zu Dienst erbötig sein."
Da bat bei Brunhilden und ihrem Ingesind 558
Alsbald um den Urlaub Siegfried, Sigmunds Kind,
Wie es ihm geziemte: da ritt er an den Rhein.
Es könnt in allen Landen ein beßrer Bote nicht sein.
Mit vierundzwanzig Recken zu Worms kam er an; 559
Ohne den König kam er, das wurde kund gethan.
Da mühten all die Degen in Jammer sich und Noth,
Besorgt, daß dort der König gefunden habe den Tod.
Sie stiegen von den Rossen und trugen hohen Muth; 560
Da kam alsbald Herr Geiselher, der junge König gut,
Und Gernot, sein Bruder, wie hurtig sprach er da,
Als er den König Gunther nicht bei Siegfrieden sah:
"Willkommen, Herr Siegfried, ich bitte, sagt mir an: 561
Wo habt ihr meinen Bruder, den König, hingethan?
Brunhildens Stärke hat ihn uns wol benommen;
So wär uns sehr zu Schaden ihre hohe Minne gekommen."
"Die Sorge laßt fahren: euch und den Freunden sein 562
Entbietet seine Dienste der Heergeselle mein.
Ich verließ ihn wohlgeborgen: er hat mich euch gesandt,
Daß ich sein Bote würde, mit Mären her in euer Land.
"Nun helft mir es fügen, wie es auch gescheh, 563
Daß ich die Königin Ute und eure Schwester seh;
Die soll ich hören laßen, was ihr zu wißen thut
Gunther und Frau Brunhild; um sie beide steht es gut."
Da sprach der junge Geiselher: "So sprecht bei ihnen an; 564
Da habt ihr meiner Schwester einen Liebesdienst gethan.
Sie trägt noch große Sorge um den Bruder mein:
Die Maid sieht euch gerne: dafür will ich euch Bürge sein."
Da sprach der Degen Siegfried: "Wo ich ihr dienen kann, 565
Das soll immer treulich und willig sein gethan.
Wer sagt nun, daß ich komme, den beiden Frauen an?"
Da warb die Botschaft Geiselher, dieser waidliche Mann.
Geiselher der junge sprach zu der Mutter da 566
Und auch zu seiner Schwester, als er die beiden sah:
"Uns ist gekommen Siegfried, der Held aus Niederland;
Ihn hat mein Bruder Gunther her zum Rheine gesandt.
"Er bringt uns die Kunde, wie's um den König steht; 567
Nun sollt ihr ihm erlauben, daß er zu Hofe geht:
Er bringt die rechten Mären uns her von Isenland."
Noch war den edeln Frauen große Sorge nicht gewandt.
Sie sprangen nach dem Staate und kleideten sich drein 568
Und luden Siegfrieden nach Hof zu kommen ein.
Das that der Degen williglich, weil er sie gerne sah.
Kriemhild die edle sprach zu ihm in Güte da:
"Willkommen, Herr Siegfried, ein Ritter ohne Gleich. 569
Wo blieb mein Bruder Gunther, der edle König reich?
Durch Brunhilds Stärke, fürcht' ich, gieng er uns verloren:
O weh mir armen Mägdelein, daß ich je ward geboren!"
Da sprach der kühne Ritter: "Nun gebt mir Botenbrot, 570
Ihr zwei schönen Frauen weinet ohne Noth.
Ich verließ ihn wohlgeborgen, das thu ich euch bekannt:
Sie haben mich euch beiden mit der Märe hergesandt.
"Mit freundlicher Liebe, viel edle Herrin mein, 571
Entbeut euch seine Dienste er und die Traute sein.
Nun laßt euer Weinen: sie wollen balde kommen."
Sie hatte lange Tage so liebe Märe nicht vernommen.
Mit schneeweißem Kleide aus Augen wohlgethan 572
Wischte sie die Thränen; zu danken hub sie an
Dem Boten dieser Märe, die ihr war gekommen.
Ihr war die große Trauer und auch ihr Weinen benommen.
Sie hieß den Boten sitzen: des war er gern bereit. 573
Da sprach die Minnigliche: "Es wäre mir nicht leid,
Wenn ich euch geben dürfte zum Botenlohn mein Gold.
Dazu seid ihr zu vornehm: so bleib ich sonst denn euch hold.
"Und würden dreißig Lande," sprach er, "mein genannt, 574
So empfieng' ich Gabe doch gern aus eurer Hand."
Da sprach die Wohlgezogne: "Wohlan, es soll geschehn."
Da hieß sie ihren Kämmerer nach dem Botenlohne gehn.
Vierundzwanzig Spangen mit Edelsteinen gut 575
Gab sie ihm zum Lohne. So stund des Helden Muth:
Er wollt es nicht behalten: er gab es unverwandt
Ihren schönen Maiden, die er in der Kammer fand.
Ihre Dienste bot ihm die Mutter gütlich an. 576
"Ich soll euch ferner sagen," sprach der kühne Mann,
"Um was der König bittet, gelangt er an den Rhein:
Wenn ihr das, Fraue, leistet, er will euch stäts gewogen sein.
"Seine reichen Gäste, das ist sein Begehr, 577
Sollt ihr wohl empfangen; auch bittet er euch sehr,
Entgegen ihm zu reiten vor Worms ans Gestad.
Das ists, warum der König euch in Treun gebeten hat."
"Das will ich gern vollbringen," sprach die schöne Magd: 578
"Worin ich ihm kann dienen, das ist ihm unversagt.
Mit freundlicher Treue wird all sein Wunsch gethan."
Da mehrte sich die Farbe, die sie vor Freude gewann.
Nie sah man Fürstenboten beßer wohl empfahn: 579
Wenn sie ihn küssen durfte, sie hätt es gern gethan;
Minniglich er anders doch von der Frauen schied.
Da thaten die Burgunden, wie da Siegfried ihnen rieth.
Sindold und Hunold und Rumold der Degen 580
Großer Unmuße musten sie da pflegen,
Als sie die Sitze richteten vor Worms an dem Strand:
Die Schaffner des Königs man sehr beflißen da fand.
Ortwein und Gere säumten auch nicht mehr, 581
Sie sandten nach den Freunden allwärts umher,
Die Hochzeit anzusagen, die da sollte sein;
Der zierten sich entgegen viel der schönen Mägdelein.
Der Pallas und die Wände waren allzumal 582
Verziert der Gäste wegen; König Gunthers Saal
Ward herrlich ausgerüstet für manchen fremden Mann;
Das große Hofgelage mit hohen Freuden begann.
Da ritten allenthalben die Wege durch das Land 583
Der drei Könge Freunde; die hatte man besandt,
Die Gäste zu empfangen, die da sollten kommen.
Da wurden aus dem Einschlag viel reicher Kleider genommen.
Bald brachte man die Kunde, daß man schon reiten sah 584
Brunhilds Gefolge: Gedränge gab es da
Von des Volkes Menge in Burgundenland.
Hei! was man kühner Degen da zu beiden Seiten fand!
Da sprach die schöne Kriemhild: "Ihr, meine Mägdelein, 585
Die bei dem Empfange mit mir wollen sein,
Die suchen aus den Kisten ihr allerbest Gewand:
So wird uns Lob und Ehre von den Gästen zuerkannt."
Da kamen auch die Recken und ließen vor sich her 586
Schöne Sättel tragen von rothem Golde schwer,
Daß drauf die Frauen ritten von Worms an den Rhein.
Beßer Pferdgeräthe konnte wohl nimmer sein.
Wie warf da von den Mähren den Schein das lichte Gold! 587
Viel Edelsteine glänzten von den Zäumen hold;
Die goldenen Schemel auf lichtem Teppich gut
Brachte man den Frauen: sie hatten fröhlichen Muth.
Die Frauenpferde standen auf dem Hof bereit, 588
Wie gemeldet wurde, für manche edle Maid.
Die schmalen Brustriemen sah man die Mähren tragen
Von der besten Seide, davon man je hörte sagen.
Sechsundachtzig Frauen traten da heraus, 589
Die Kopfgebinde trugen; zu Kriemhild vor das Haus
Zogen die Schönen jetzt in reichem Kleid;
Da kam in vollem Schmucke auch manche waidliche Maid,
Fünfzig und viere aus Burgundenland: 590
Es waren auch die besten, die man irgend fand.
Man sah sie gelblockig unter lichten Borten gehn.
Was sich bedingt der König, das sah er fleißig geschehn.
Von kostbaren Zeugen, den besten, die man fand, 591
Trugen sie vor den Gästen manch herrlich Gewand.
Zu ihrer schönen Farbe stand es ihnen gut:
Wer Einer abhold wäre, litte wohl an schwachem Muth.
Von Hermelin und Zobel viel Kleider man da fand. 592
Da schmückte sich gar Manche den Arm und auch die Hand
Mit Spangen auf der Seide, die sie sollten tragen.
Es könnt euch dieß Befleißen Niemand wohl zu Ende sagen.
Viel Gürtel kunstgeschaffen, kostbar und lang, 593
Ueber lichte Kleider die Hand der Frauen schwang
Um edle Ferransröcke von Zeug aus Arabia,
Wie man sie besser in aller Welt nicht ersah.
Man sah in Brustgeschmeide manch schöne Maid 594
Minniglich sich schnüren. Die mochte tragen Leid,
Deren lichte Farbe das Kleid nicht überschien.
So schönes Ingesinde hat nun keine Königin.
Als die Minniglichen nun trugen ihr Gewand, 595
Die sie da führen sollten, die kamen unverwandt,
Die hochgemuthen Recken in großer Zahl daher;
Man bracht auch hin viel Schilde und manchen eschenen Sper.
* * * * *
Zehntes Abenteuer.
Wie Gunther mit Brunhild Hochzeit hielt.
Jenseits des Rheins sah man dem Gestad 596
Mit allen seinen Gästen den König schon genaht.
Da sah man auch am Zaume leiten manche Maid:
Die sie empfangen sollten, die waren alle bereit.
Als bei den Schiffen ankam von Isenland die Schar 597
Und die der Nibelungen, die Siegfried eigen war,
Sie eilten an das Ufer; wohl fliß sich ihre Hand,
Als man des Königs Freunde jenseits am Gestade fand.
Nun hört auch die Märe von der Königin, 598
Ute der reichen, wie sie die Mägdlein hin
Brachte von der Veste und selber ritt zum Strand.
Da wurden mit einander viel Maid' und Ritter bekannt.
Der Markgraf Gere führte am Zaum Kriemhildens Pferd 599
Bis vor das Thor der Veste; Siegfried der Degen werth
Durft ihr weiter dienen; sie war so schön und hehr.
Das ward ihm wohl vergolten von der Jungfrau nachher.
Ortwein der kühne führte Ute die Königin, 600
Und so ritt mancher Ritter neben den Frauen hin.
Zu festlichem Empfange, das mag man wohl gestehn,
Wurden nie der Frauen so viel beisammen gesehn.
Viel hohe Ritterspiele wurden da getrieben 601
Von preiswerthen Helden (wie wär es unterblieben?)
Vor Kriemhild der schönen, die zu den Schiffen kam.
Da hub man von den Mähren viel der Frauen lobesam.
Der König war gelandet mit fremder Ritterschaft. 602
Wie brach da vor den Frauen mancher starke Schaft!
Man hört' auf den Schilden erklingen Stoß auf Stoß.
Hei! reicher Buckeln Schallen ward im Gedränge da groß!
Vor dem Hafen standen die Frauen minniglich; 603
Gunther mit seinen Gästen hub von den Schiffen sich:
Er führte Brunhilden selber an der Hand.
Wider einander leuchtete schön Gestein und licht Gewand.
In höfischen Züchten hin Frau Kriemhild gieng, 604
Wo sie Frau Brunhilden und ihr Gesind empfieng.
Man konnte lichte Hände am Kränzlein rücken sehn,
Da sich die Beiden küssten: das war aus Liebe geschehn.
Da sprach wohlgezogen Kriemhild das Mägdelein: 605
"Ihr sollt uns willkommen in diesem Lande sein,
Mir und meiner Mutter, und Allen, die uns treu
Von Mannen und von Freunden." Da verneigten sich die Zwei.
Oftmals mit den Armen umfiengen sich die Fraun. 606
So minniglich Empfangen war nimmer noch zu schaun,
Als die Frauen beide der Braut da thaten kund,
Frau Ute mit der Tochter: sie küssten oft den süßen Mund.
Da Brunhilds Frauen alle nun standen auf dem Strand, 607
Von waidlichen Recken wurden bei der Hand
Freundlich genommen viel Frauen ausersehn.
Man sah die edeln Maide vor Frau Brunhilden stehn.
Bis der Empfang vorüber war, das währte lange Zeit, 608
Manch rosigem Munde war da ein Kuß bereit.
Noch standen bei einander die Königinnen reich:
Das freuten sich zu schauen viel der Recken ohne Gleich.
Da spähten mit den Augen, die oft gehört vorher, 609
Man hab also Schönes gesehen nimmermehr
Als die Frauen beide: das fand man ohne Lug.
Man sah an ihrer Schöne auch nicht den mindesten Trug.
Wer Frauen schätzen konnte und minniglichen Leib, 610
Der pries um ihre Schöne König Gunthers Weib;
Doch sprachen da die Kenner, die es recht besehn,
Man müße vor Brunhilden den Preis Kriemhilden zugestehn.
Nun giengen zu einander Mägdelein und Fraun; 611
Es war in hoher Zierde manch schönes Weib zu schaun.
Da standen seidne Hütten und manches reiche Zelt,
Womit man erfüllt sah hier vor Worms das ganze Feld.
Des Könige Freunde drängten sich, um sie zu sehn. 612
Da hieß man Brunhilden und Kriemhilden gehn
Und all die Fraun mit ihnen hin, wo sich Schatten fand;
Es führten sie die Degen aus der Burgunden Land.
Nun waren auch die Gäste zu Ross geseßen all; 613
Da gabs beim Lanzenbrechen durch Schilde lauten Schall.
Das Feld begann zu stäuben, als ob das ganze Land
Entbrannt wär in der Lohe: da machten Helden sich bekannt.
Was da die Recken thaten, sah manche Maid mit an. 614
Wohl ritt mit seinen Degen Siegfried der kühne Mann
In mancher Wiederkehre vorbei an dem Gezelt;
Der Nibelungen führte tausend Degen der Held.
Da kam von Tronje Hagen, wie ihm der König rieth; 615
Der Held mit guter Sitte die Ritterspiele schied,
Daß sie nicht bestaubten die schönen Mägdelein:
Da mochten ihm die Gäste gerne wohl gehorsam sein.
Da sprach der edle Gernot: "Die Rosse laßt stehn, 616
Bis es beginnt zu kühlen, daß wir die Frauen schön
Mit unserm Dank geleiten bis vor den weiten Saal;
Will dann der König reiten, find er euch bereit zumal."
Das Kampfspiel war vergangen über all dem Feld: 617
Da giengen kurzweilen in manches hohe Zelt
Die Ritter zu den Frauen um hoher Lust Gewinn:
Da vertrieben sie die Stunden, bis sie weiter sollten ziehn.
Vor des Abends Nahen, als sank der Sonne Licht 618
Und es begann zu kühlen, ließ man es länger nicht:
Zu der Veste huben Fraun und Ritter sich;
Mit Augen ward geliebkost mancher Schönen minniglich.
Von guten Knechten wurden viel Pferde müd geritten 619
Vor den Hochgemuthen nach des Landes Sitten,
Bis vor dem Saale abstieg der König werth.
Da diente man den Frauen und hob sie nieder vom Pferd.
Da wurden auch geschieden die Königinnen reich. 620
Hin gieng Frau Ute und Kriemhild zugleich
Mit ihrem Ingesinde in ein weites Haus:
Da vernahm man allenthalben der Freude rauschenden Braus.
Man richtete die Stühle: der König wollte gehn 621
Zu Tisch mit den Gästen. Da sah man bei ihm stehn
Brunhild die schöne, die da die Krone trug
In des Königs Lande: sie erschien wohl reich genug.
Da sah man schöne Sitze und gute Tafeln breit 622
Mit Speisen beladen, so hörten wir Bescheid.
Was sie da haben sollten, wie wenig fehlte dran!
Da sah man bei dem König gar manchen herrlichen Mann.
Des Wirthes Kämmerlinge im Becken goldesroth 623
Reichten ihnen Wasser. Das wär vergebne Noth,
Sagte wer, man hätte je fleißgern Dienst gethan
Bei eines Fürsten Hochzeit: ich glaubte schwerlich daran.
Eh der Vogt am Rheine hier das Wasser nahm, 624
Zu Gunthern trat da Siegfried, er durft es ohne Scham,
Und mahnt' ihn seiner Treue, die er ihm gab zu Pfand,
Bevor er Brunhilden daheim gesehn in Isenland.
Er sprach zu ihm: "Gedenket, mir schwur eure Hand, 625
Wenn wir Frau Brunhild brächten in dieß Land,
Ihr gäbt mir eure Schwester: wo blieb nun der Eid?
Ihr wißt, bei eurer Reise war keine Mühe mir leid."
Da sprach der Wirth zum Gaste: "Recht, daß ihr mich mahnt. 626
Ich will den Eid nicht brechen, den ich schwur mit Mund und Hand,
Ich helf es euch fügen, so gut es mag geschehn."
Da hieß man Kriemhilden zu Hof vor den König gehn.
Mit ihren schönen Maiden kam sie vor den Saal. 627
Da sprang von einer Stiege Geiselher zu Thal:
"Nun heißt wiederkehren diese Mägdelein:
Meine Schwester soll alleine hier bei dem Könige sein."
Hin brachten sie Kriemhilden, wo man den König fand: 628
Da standen edle Ritter von mancher Fürsten Land.
In dem weiten Saale hieß man sie stille stehn;
Frau Brunhilden sah man eben auch zu Tische gehn.
Sie hatte keine Kunde, was da im Werke war. 629
Da sprach König Dankrats Sohn zu seiner Mannen Schar:
"Helft mir, daß meine Schwester Siegfrieden nimmt zum Mann."
Sie sprachen einhellig: "Das wäre gar wohl gethan."
Da sprach der König Gunther: "Schwester, edle Maid, 630
Bei deiner Zucht und Güte löse meinen Eid.
Ich schwur dich einem Recken, und nimmst du ihn zum Mann,
So hast du meinen Willen mit großen Treuen gethan."
Die edle Maid versetzte: "Lieber Bruder mein, 631
Ihr sollt mich nicht flehen, ich will gehorsam sein.
Wie ihr mir gebietet, so soll es sein gethan:
Dem will ich mich verloben, den ihr, Herr, mir gebt zum Mann."
Von lieber Augenweide Ward Siegfrieds Farbe roth: 632
Zu Diensten sich der Recke Frau Kriemhilden bot.
Man ließ sie mit einander in einem Kreise stehn,
Und frug sie, ob sie wolle diesen Recken ausersehn?
Scheu, wie Mädchen pflegen, schämte sie sich ein Theil; 633
Jedoch war Siegfrieden so günstig Glück und Heil,
Daß sie nicht verschmähen wollte seine Hand.
Auch versprach sich ihr zum Manne der edle Held von Niederland.
Da er sich ihr verlobte und sich ihm die Maid, 634
Ein gütlich Umfangen war da alsbald bereit
Von Siegfriedens Armen dem schönen Mägdlein zart:
Die edle Königin küsst' er in der Helden Gegenwart.
Sich schied das Gesinde. Als das geschah, 635
Auf dem Ehrenplatze man Siegfrieden sah,
Mit Kriemhilden sitzen; da dient' ihm mancher Mann.
Man sah die Nibelungen mit ihm den Sitzen sich nahm.
Der König saß zu Tische bei Brunhild der Maid. 636
Da sah sie Kriemhilden (nichts war ihr je so leid)
Bei Siegfrieden sitzen: zu weinen hub sie an,
Daß ihr manch heiße Thräne über lichte Wangen rann.
Da sprach der Wirth des Landes: "Was ist euch, Fraue mein, 637
Daß ihr so trüben laßet lichter Augen Schein?
Ihr solltet recht euch freuen: euch ist unterthan
Mein Land und reiche Burgen und mancher waidliche Mann."
"Recht weinen sollt ich eher," sprach die schöne Maid. 638
"Deiner Schwester wegen trag ich Herzeleid.
Ich seh sie sitzen neben dem Eigenholden dein:
Wohl muß ich immer weinen, soll sie so erniedrigt sein."
Da sprach der König Gunther: "Schweigt davon jetzt still, 639
Da ich euch ein andermal die Kunde sagen will,
Warum meine Schwester Siegfrieden ward gegeben.
Wohl mag sie mit dem Recken allezeit in Freuden leben."
Sie sprach: "Mich jammern immer ihre Schönheit, ihre Zucht; 640
Wüst ich, wohin ich sollte, ich nähme gern die Flucht
Und wollt euch nimmer eher nahe liegen bei,
Bis ich wüste, weshalb Kriemhild die Braut von Siegfrieden sei."
Da sprach König Gunther: "Ich mach es euch bekannt: 641
Er hat selber Burgen wie ich und weites Land.
Das dürft ihr sicher glauben, er ist ein König reich:
Drum gönn ich ihm zum Weibe die schöne Magd ohne Gleich."
Was ihr der König sagte, traurig blieb ihr Muth. 642
Da eilte von den Tischen mancher Ritter gut:
Das Kampfspiel ward so heftig, daß rings die Burg erklang.
Dem Wirth bei seinen Gästen ward die Weile viel zu lang.
Er dacht: "Ich läge sanfter der schönen Frauen bei." 643
Er wurde des Gedankens nicht mehr im Herzen frei,
Von ihrer Minne müße ihm Liebes viel geschehn.
Da begann er freundlich Frau Brunhilden anzusehn.
Vom Ritterspiel die Gäste bat man abzustehn: 644
Mit seinem Weibe wollte zu Bett der König gehn.
Vor des Saales Stiege begegneten da
Sich Kriemhild und Brunhild; noch in Güte das geschah.
Da kam ihr Ingesinde; sie säumten länger nicht: 645
Ihre reichen Kämmerlinge brachten ihnen Licht.
Es theilten sich die Recken in beider Könge Lehn.
Da sah man viel der Degen hinweg mit Siegfrieden gehn.
Die Helden kamen beide hin, wo sie sollten liegen. 646
Da dachte Jedweder mit Minnen obzusiegen
Den minniglichen Frauen: des freute sich ihr Muth.
Siegfriedens Kurzweil die wurde herrlich und gut.
Als Siegfried der Degen bei Kriemhilden lag 647
Und er da der Jungfrau so minniglich pflag
Mit seinem edeln Minnen, sie ward ihm wie sein Leben:
Er hätte nicht die eine für tausend andre gegeben.
Ich sag euch nicht weiter, wie er der Frauen pflag. 648
Nun hört diese Märe, wie König Gunther lag
Bei Brunhild der Frauen; der zierliche Degen
Hätte leichtlich sanfter bei andern Frauen gelegen.
Das Volk hatt ihn verlaßen zumal, so Frau als Mann: 649
Da ward die Kemenate balde zugethan.
Er wähnt', er solle kosen ihren minniglichen Leib:
Da währt' es noch gar lange, bevor sie wurde sein Weib.
Im weißen Linnenhemde gieng sie ins Bett hinein. 650
Der edle Ritter dachte: "Nun ist das alles mein,
Wes mich je verlangte in allen meinen Tagen."
Sie must ob ihrer Schöne mit großem Recht ihm behagen.
Das Licht begann zu bergen des edeln Königs Hand. 651
Hin gieng der kühne Degen, wo er die Jungfrau fand.
Er legte sich ihr nahe: seine Freude die war groß,
Als die Minnigliche der Held mit Armen umschloß.
Minnigliches Kosen möcht er da viel begehn, 652
Ließe das willig die edle Frau geschehn.
Doch zürnte sie gewaltig: den Herrn betrübte das.
Er wähnt, er fände Freude, da fand er feindlichen Haß.
Sie sprach: "Edler Ritter, laßt euch das vergehn: 653
Was ihr da habt im Sinne, das kann nicht geschehn.
Ich will noch Jungfrau bleiben, Herr König, merkt euch das,
Bis ich die Mär erfahre." Da faßte Gunther ihr Haß.
Er rang nach ihrer Minne und zerrauft' ihr Kleid. 654
Da griff nach einem Gürtel die herrliche Maid,
Einer starken Borte, die sie um sich trug:
Da that sie dem König großen Leides genug.
Die Füß und die Hände sie ihm zusammenband, 655
Zu einem Nagel trug sie ihn und hieng ihn an die Wand.
Als er im Schlaf sie störte, sein Minnen sie verbot.
Von ihrer Stärke hätt er beinah gewonnen den Tod.
Da begann zu flehen, der Meister sollte sein: 656
"Nun löst mir die Bande, viel edle Fraue mein.
Ich getrau euch, schöne Herrin, doch nimmer obzusiegen
Und will auch wahrlich selten mehr so nahe bei euch liegen."
Sie frug nicht, wie ihm wäre, da sie in Ruhe lag. 657
Dort must er hangen bleiben die Nacht bis an den Tag,
Bis der lichte Morgen durchs Fenster warf den Schein:
Hatt er je Kraft beseßen, die ward an seinem Leibe klein.
"Nun sagt mir, Herr Gunther, ist euch das etwa leid, 658
Wenn euch gebunden finden," sprach die schöne Maid,
"Eure Kämmerlinge von einer Frauen Hand?"
Da sprach der edle Ritter: "Das würd euch übel gewandt.
"Auch wär mirs wenig Ehre," sprach der edle Mann: 659
"Bei eurer Zucht und Güte nehmt mich nun bei euch an.
Und ist euch meine Minne denn so mächtig leid,
So will ich nie berühren mit meiner Hand euer Kleid."
Da löste sie den König, daß er nicht länger hieng; 660
Wieder an das Bette er zu der Frauen gieng.
Er legte sich so ferne, daß er ihr Hemde fein
Nicht oft darnach berührte: auch wollte sie des ledig sein.
Da kam auch ihr Gesinde, das brachte neu Gewand: 661
Des war heute Morgen genug für sie zur Hand.
Wie froh man da gebahrte, traurig war genug
Der edle Wirth des Landes, wie er des Tags die Krone trug.
Nach des Landes Sitte, die zu begehen Pflicht, 662
Unterließ es Gunther mit Brunhild länger nicht:
Sie giengen nach dem Münster, wo man die Messe sang.
Dahin auch kam Herr Siegfried; da hob sich mächtiger Drang.
Nach königlichen Ehren war da für sie bereit, 663
Was sie haben sollten, die Krone wie das Kleid.
Da ließen sie sich weihen: als das war geschehn,
Da sah man unter Krone alle Viere herrlich stehn.
Das Schwert empfiengen Knappen, sechshundert oder mehr, 664
Den Königen zu Ehren auf meines Worts Gewähr.
Da hob sich große Freude in Burgundenland:
Man hörte Schäfte brechen an der Schwertdegen Hand.
Da saßen in den Fenstern die schönen Mägdelein. 665
Sie sahen vor sich leuchten manches Schildes Schein.
Nun hatte sich der König getrennt von seinem Lehn:
Was man beginnen mochte, er ließ es trauernd geschehn.
Ihm und Siegfrieden ungleich stand der Muth: 666
Wohl wuste, was ihm fehlte, der edle Ritter gut.
Da gieng er zu dem König, zu fragen er begann:
"Wie ists euch gelungen die Nacht, das saget mir an."
Da sprach der Wirth zum Gaste: "Den Schimpf und den Schaden 667
Hab ich an meiner Frauen in mein Haus geladen.
Ich wähnte sie zu minnen, wie schnell sie mich da band!
Zu einem Nagel trug sie mich und hieng mich hoch an die Wand.
"Da hieng ich sehr in Aengsten die Nacht bis an den Tag. 668
Eh sie mich wieder löste, wie sanft sie da lag!
Das sei dir in der Stille geklagt in Freundlichkeit."
Da sprach der starke Siegfried: "Das ist in Wahrheit mir leid.
"Das will ich euch beweisen, verschmerzt ihr den Verdruß. 669
Ich schaffe, daß sie heute Nacht so nah euch liegen muß,
Daß sie euch ihre Minne nicht länger vorenthält."
Die Rede hörte gerne nach seinem Leide der Held.
"Nun schau meine Hände, wie die geschwollen sind: 670
Die drückte sie so mächtig, als wär ich ein Kind,
Daß Blut mir allenthalben aus den Nägeln drang.
Ich hegte keinen Zweifel, mein Leben währe nicht lang."
Da sprach der starke Siegfried: "Es wird noch Alles gut. 671
Uns Beiden war wohl ungleich heute Nacht zu Muth.
Mir ist deine Schwester wie Leben lieb und Leib!
So muß nun auch Frau Brunhild noch heute werden dein Weib.
"Ich komme heut Abend zu deinem Kämmerlein 672
Also wohl verborgen in der Tarnkappe mein,
Daß sich meiner Künste Niemand mag versehn.
Laß dann die Kämmerlinge zu ihren Herbergen gehn:
"So lesch ich den Knappen die Lichter an der Hand: 673
Bei diesem Wahrzeichen sei dir bekannt,
Daß ich hereingetreten. Wohl zwing ich dir dein Weib,
Daß du sie heute minnest, ich verlör' denn Leben und Leib."
"Wenn du sie nicht minnest," der König sprach da so, 674
"Meine liebe Fraue: des Andern bin ich froh;
Was du auch thust und nähmst du Leben ihr und Leib,
Das wollt ich wohl verschmerzen: sie ist ein schreckliches Weib."
"Das nehm ich," sprach da Siegfried, "auf die Treue mein, 675
Daß ich sie nicht berühre; die liebe Schwester dein
Geht mir über alle, die ich jemals sah."
Wohl glaubte König Gunther der Rede Siegfriedens da.
Da gabs von Ritterspielen Freude so wie Noth. 676
Den Buhurd und das Lärmen man allzumal verbot.
Als die Frauen sollten nach dem Saale gehn,
Geboten Kämmerlinge den Leuten, nicht im Weg zu stehn.
Von Rossen und von Leuten räumte man den Hof. 677
Der Frauen Jedwede führt' ein Bischof,
Als sie vor den Königen zu Tische sollten gehn.
Ihnen folgten zu den Stühlen viel der Degen ausersehn.
Bei seinem Weib der König in froher Hoffnung saß: 678
Was Siegfried ihm verheißen, im Sinne lag ihm das.
Der eine Tag ihn dauchte wohl dreißig Tage lang:
Nach Brunhildens Minne all sein Denken ihm rang.
Er konnt es kaum erwarten, bis vorbei das Mahl. 679
Brunhild die schöne rief man aus dem Saal
Und auch Kriemhilden: sie sollten schlafen gehn:
Hei! was man kühner Degen sah vor den Königinnen stehn!
Siegfried der Herre gar minniglich saß 680
Bei seinem schönen Weibe mit Freuden ohne Haß.
Sie kos'te seine Hände mit ihrer weißen Hand,
Bis er ihr vor den Augen, sie wuste nicht wie, verschwand.
Da sie mit ihm spielte und sie ihn nicht mehr sah, 681
Zu seinem Ingesinde sprach die Königin da:
"Mich wundert sehr, wo ist doch der König hingekommen?
Wer hat seine Hände mir aus den meinen genommen?"
Sie ließ die Rede bleiben. Da eilt' er hinzugehn, 682
Wo er die Kämmerlinge fand mit Lichtern stehn:
Die lescht' er unversehens den Knappen an der Hand:
Daß es Siegfried wäre, das war da Gunthern bekannt.
Wohl wust er, was er wolle: er ließ von dannen gehn 683
Mägdelein und Frauen. Als das war geschehn,
Der edle König selber verschloß der Kammer Thür:
Starker Riegel zweie die warf er eilends dafür.
Hinterm Bettvorhange barg er der Kerzen Licht. 684
Ein Spiel sogleich begannen, vermeiden ließ sichs nicht,
Siegfried der starke und die schöne Maid:
Das war dem König Gunther beides lieb und auch leid.
Da legte sich Siegfried der Königin bei. 685
Sie sprach: "Nun laßt es, Gunther, wie lieb es euch auch sei,
Daß ihr nicht Noth erleidet heute so wie eh:
Oder euch geschieht hier von meinen Händen wieder Weh."
Er hehlte seine Stimme, kein Wörtlein sprach er da. 686
Wohl hörte König Gunther, obgleich er sie nicht sah,
Daß Heimliches von Beiden wenig geschehen sei;
Nicht viel bequeme Ruhe im Bette fanden die Zwei.
Er stellte sich, als wär er Gunther der König reich; 687
Er umschloß mit Armen das Mägdlein ohne Gleich.
Sie warf ihn aus dem Bette dabei auf eine Bank,
Daß laut an einem Schemel ihm das Haupt davon erklang.
Wieder auf mit Kräften sprang der kühne Mann, 688
Es beßer zu versuchen: wie er das begann,
Daß er sie zwingen wollte, da widerfuhr ihm Weh.
Ich glaube nicht, daß solche Wehr von Frauen je wieder gescheh.
Da ers nicht laßen wollte, das Mägdlein aufsprang: 689
"Euch ziemt nicht zu zerraufen mein Hemd also blank.
Ihr seid ungezogen: das wird euch noch leid.
Des bring ich euch wohl inne," sprach die waidliche Maid.
Sie umschloß mit den Armen den theuerlichen Degen 690
Und wollt ihn auch in Bande wie den König legen,
Daß sie im Bette läge mit Gemächlichkeit.
Wie grimmig sie das rächte, daß er zerzerret ihr Kleid!
Was half ihm da die Stärke, was seine große Kraft? 691
Sie erwies dem Degen ihres Leibes Meisterschaft.
Sie trug ihn übermächtig, das muste nur so sein,
Und drückt ihn ungefüge bei dem Bett an einen Schrein.
"O weh," gedacht er, "soll ich Leben nun und Leib 692
Von einer Maid verlieren, so mag jedes Weib
In allen künftgen Zeiten tragen Frevelmuth
Dem Mann gegenüber, die es sonst wohl nimmer thut."
Der König hörte Alles; er bangte für den Mann. 693
Da schämte sich Siegfried, zu zürnen fieng er an.
Mit ungefügen Kräften ihr widersetzt' er sich
Und versuchte seine Stärke an Brunhilden ängstiglich.
Wie sie ihn niederdrückte, sein Zorn erzwang es noch 694
Und seine starken Kräfte, daß ihr zum Trotz er doch
Sich aufrichten konnte; seine Angst war groß.
Sie gaben in der Kammer sich her und hin manchen Stoß.
Auch litt König Gunther Sorgen und Beschwer: 695
Er muste manchmal flüchten vor ihnen hin und her.
Sie rangen so gewaltig, daß es Wunder nahm,
Wie Eins vor dem Andern mit dem Leben noch entkam.
Den König Gunther ängstigte beiderseits die Noth; 696
Doch fürchtet' er am meisten Siegfriedens Tod.
Wohl hätte sie dem Degen das Leben schier benommen:
Dürft er nur, er wär ihm gern zu Hülfe gekommen.
Gar lange zwischen Beiden dauerte der Streit; 697
Da bracht er an das Bette zuletzt zurück die Maid:
Wie sehr sie sich auch wehrte, die Wehr ward endlich schwach.
Gunther in seinen Sorgen hieng mancherlei Gedanken nach.
Es währte lang dem König, bis Siegfried sie bezwang. 698
Sie drückte seine Hände, daß aus den Nägeln sprung
Das Blut von ihren Kräften; das war dem Helden leid.
Da zwang er zu verläugnen diese herrliche Maid
Den ungestümen Willen, den sie erst dargethan. 699
Alles vernahm der König, doch hört ers schweigend an.
Er drückte sie ans Bette, daß sie aufschrie laut:
Des starken Siegfrieds Kräfte schmerzten übel die Braut.
Da griff sie nach der Hüfte, wo sie die Borte fand, 700
Und dacht' ihn zu binden: doch wehrt' es seine Hand,
Daß ihr die Glieder krachten, dazu der ganze Leib.
Da war der Streit zu Ende: da wurde sie Gunthers Weib.
Sie sprach: "Edler König, nimm mir das Leben nicht: 701
Was ich dir that zu Leide, vergüt ich dir nach Pflicht.
Ich wehre mich nicht wieder der edeln Minne dein:
Ich hab es wohl erfahren, daß du magst Frauen Meister sein."
Aufstand da Siegfried, liegen blieb die Maid, 702
Als dächt er abzuwerfen eben nur das Kleid.
Er zog ihr vom Finger ein Ringlein von Gold,
Daß es nicht gewahrte die edle Königin hold,
Auch nahm er ihren Gürtel, eine Borte gut. 703
Ich weiß nicht, geschah es aus hohem Uebermuth.
Er gab ihn seinem Weibe: das ward ihm später leid.
Da lagen bei einander der König und die schöne Maid.
Er pflag der Frauen minniglich, wie es geziemend war: 704
Scham und Zorn verschmerzen muste sie da gar.
Von seinen Heimlichkeiten ihre lichte Farb erblich.
Hei! wie von der Minne die große Kraft ihr entwich!
Da war auch sie nicht stärker als ein ander Weib. 705
Minniglich umfieng er ihren schönen Leib;
Wenn sie noch widerstände, was könnt es sie verfahn?
Das hatt ihr Alles Gunther mit seinem Minnen gethan.
Wie minniglich der Degen da bei der Frauen lag 706
In freundlicher Liebe bis an den lichten Tag!
Inzwischen war Herr Siegfried längst schon hindann:
Da ward er wohl empfangen von einer Frauen wohlgethan.
Er wich allen Fragen aus, die sie erdacht, 707
Und hehlt' ihr noch lang, was er mitgebracht,
Bis er daheim das Kleinod ihr doch am Ende gab:
Das brachte viel der Degen mit ihm selber ins Grab.
Dem Wirth am andern Morgen viel höher stand der Muth, 708
Als am ersten Tage: da ward die Freude gut
In allen seinen Landen bei manchem edeln Mann.
Die er zu Hof geladen, denen ward viel Dienst gethan.
Vierzehn Tage währte diese Lustbarkeit, 709
Daß sich der Schall nicht legte in so langer Zeit
Von aller Lust und Kurzweil, die man erdenken mag.
Wohl verwandte hohe Kosten der König bei dem Hofgelag.
Des edeln Wirthes Freunde, wie es der Herr gewollt, 710
Verschenkten ihm zu Ehren Kleider und rothes Gold,
Silber auch und Rosse an manchen fremden Mann.
Die gerne Gaben nahmen, die schieden fröhlich hindann.
Auch der kühne Siegfried aus dem Niederland 711
Mit seinen tausend Mannen --all das Gewand,
Das sie gebracht zum Rheine, ward ganz dahin gegeben,
Schöne Ross' und Sättel: sie wusten herrlich zu leben.
Bevor die reiche Gabe noch alle war verwandt, 712
Schon daucht es die zu lange, die wollten in ihr Land.
Nie sah man ein Gesinde mehr so wohl verpflegen.
So endete die Hochzeit: da schied von dannen mancher Degen.
* * * * *
Eilftes Abenteuer.
Wie Siegfried mit seinem Weibe heimkehrte.
Als die Gäste waren gefahren all davon, 713
Da sprach zu dem Gesinde König Siegmunds Sohn:
"Wir wollen auch uns rüsten zur Fahrt in unser Land."
Lieb ward es seinem Weibe, als ihr die Märe ward bekannt.
Sie sprach zu ihrem Manne: "Wann sollen wir nun fahren? 714
So sehr damit zu eilen will ich mich bewahren:
Erst sollen mit mir theilen meine Brüder dieses Land."
Leid war es Siegfrieden, als ers an Kriemhilden fand.
Die Fürsten giengen zu ihm und sprachen alle drei: 715
"Wißt nun, Herr Siegfried, daß euch immer sei
Unser Dienst mit Treue bereit bis in den Tod."
Er neigte sich den Herren, da mans so wohl ihm erbot.
"Wir wolln auch mit euch theilen," sprach Geiselher das Kind, 716
"Das Land und die Burgen, die unser eigen sind,
Und was der weiten Reiche uns ist unterthan;
Ihr empfangt mit Kriemhild euer volles Theil daran."
Der Sohn König Siegmunds sprach zu den Fürsten da, 717
Als er den guten Willen der Herren hört und sah:
"Gott laß euch euer Erbe gesegnet immer sein
Und auch die Leute drinnen: es mag die liebe Fraue mein
"Des Theils wohl entrathen, den ihr ihr wolltet geben: 718
Wo sie soll Krone tragen, mögen wirs erleben,
Da muß sie reicher werden, als wer ist auf der Welt.
Was ihr sonst gebietet, ich bin euch dienstlich gesellt."
Da sprach aber Kriemhild: "Wenn ihr mein Land verschmäht, 719
Um die Burgundendegen es so gering nicht fleht;
Die mag ein König gerne führen in sein Land:
Wohl soll sie mit mir theilen meiner lieben Brüder Hand."
Da sprach König Gernot: "Nimm, die du willst, mit dir. 720
Die gerne mit dir reiten, du findest Viele hier.
Von dreißighundert Recken nimm dir tausend Mann
Zu deinem Hausgesinde." Kriemhild zu senden begann
Nach Hagen von Tronje und nach Ortwein, 721
Ob sie und ihre Freunde Kriemhildens wollten sein.
Da gewann darüber Hagen ein zorniges Leben:
Er sprach: "Uns kann Gunther in der Welt an Niemand vergeben.
"Ander Ingesinde nehmt zu eurer Fahrt; 722
Ihr werdet ja wohl kennen der Tronejer Art.
Wir müßen bei den Königen bleiben so fortan
Und denen ferner dienen, deren Dienst wir stäts versahn."
Sie ließen es bewenden und machten sich bereit. 723
Ihres edeln Ingesindes nahm Kriemhild zum Geleit
Zweiunddreißig Mägdelein und fünfhundert Mann;
Eckewart der Markgraf zog mit Kriemhild hindann.
Da nahmen alle Urlaub, Ritter so wie Knecht, 724
Mägdelein und Frauen: so war es Fug und Recht.
Unter Küssen scheiden sah man sie unverwandt,
Und jene räumten fröhlich dem König Gunther das Land.
Da geleiteten die Freunde sie fern auf ihren Wegen. 725
Allenthalben ließ man ihnen Nachtherberge legen,
Wo sie die nehmen wollten in der Könge Land.
Da wurden bald auch Boten dem König Siegmund gesandt,
Damit er wißen sollte und auch Frau Siegelind, 726
Sein Sohn solle kommen mit Frau Utens Kind,
Kriemhild der schönen, von Worms über Rhein.
Diese Mären konnten ihnen nimmer lieber sein.
"Wohl mir," sprach da Siegmund, "daß ich den Tag soll sehn, 727
Da hier die schöne Kriemhild soll unter Krone gehn!
Das erhöht im Werthe mir all das Erbe mein:
Mein Sohn Siegfried soll nun selbst hier König sein."
Da gab ihnen Siegelind zu Kleidern Sammet roth 728
Und schweres Gold und Silber: das war ihr Botenbrot.
Sie freute sich der Märe, die sie da vernahm.
All ihr Ingesinde sich mit Fleiß zu kleiden begann.
Man sagt' ihr, wer da käme mit Siegfried in das Land. 729
Da hieß sie Gestühle errichten gleich zur Hand,
Wo er vor den Freunden sollt unter Krone gehn.
Entgegen ritten ihnen Die in König Siegmunds Lehn.
Wer beßer wäre empfangen, mir ist es unbekannt, 730
Als die Helden wurden in Siegmundens Land.
Kriemhilden seine Mutter Sieglind entgegenritt
Mit viel der schönen Frauen; kühne Ritter zogen mit
Wohl eine Tagereise, bis man die Gäste sah. 731
Die Heimischen und Fremden litten Beschwerde da,
Bis sie endlich kamen zu einer Veste weit,
Die Santen war geheißen, wo sie Krone trugen nach der Zeit.
Mit lachendem Munde Siegmund und Siegelind 732
Manche liebe Weile küssten sie Utens Kind
Und Siegfried den Degen; ihnen war ihr Leid benommen.
All ihr Ingesinde hieß man fröhlich willkommen.
Da brachten sie die Gäste vor König Siegmunds Saal. 733
Die schönen Jungfrauen hub man allzumal
Von den Mähren nieder; da war mancher Mann,
Der den schönen Frauen mit Fleiß zu dienen begann.
So prächtig ihre Hochzeit am Rhein war bekannt, 734
Doch gab man hier den Helden köstlicher Gewand,
Als sie all ihr Leben je zuvor getragen.
Man mochte große Wunder von ihrem Reichthume sagen.
So saßen sie in Ehren und hatten genug. 735
Was goldrothe Kleider ihr Ingesinde trug!
Edel Gestein und Borten sah man gewirkt darin.
So verpflag sie fleißig Sieglind die edle Königin.
Da sprach vor seinen Freunden der König Siegmund: 736
"Allen meinen Freunden thu ichs heute kund,
Daß Siegfried meine Krone hier hinfort soll tragen."
Die Märe hörten gerne Die von Niederlanden sagen.
Er befahl ihm seine Krone mit Gericht und Land: 737
Da war er Herr und König. Wem er den Rechtsspruch fand
Und wen er strafen sollte, das wurde so gethan,
Daß man wohl fürchten durfte der schönen Kriemhilde Mann.
In diesen hohen Ehren lebt' er, das ist wahr, 738
Und richtet' unter Krone bis an das zehnte Jahr,
Da die schöne Königin einen Sohn gewann,
An dem des Königs Freunde ihren Wunsch und Willen sahn.
Alsbald ließ man ihn taufen und einen Namen nehmen: 739
Gunther, nach seinem Oheim, des dürft er sich nicht schämen.
Gerieth' er nach den Freunden, er würd ein kühner Mann.
Man erzog ihn sorgsam: sie thaten auch recht daran.
In denselben Zeiten starb Frau Siegelind: 740
Da nahm die volle Herrschaft der edeln Ute Kind,
Wie so reicher Frauen geziemte wohl im Land.
Es ward genug betrauert, daß der Tod sie hatt entwandt.
Nun hatt auch dort am Rheine, wie wir hören sagen, 741
Gunther dem reichen einen Sohn getragen
Brunhild die schöne in Burgundenland.
Dem Helden zu Liebe ward er Siegfried genannt.
Mit welchen Sorgen immer man sein hüten hieß! 742
Von Hofmeistern Gunther ihn Alles lehren ließ,
Was er bedürfen möchte, erwüchs' er einst zum Mann.
Hei, was ihm bald das Unglück der Verwandten abgewann!
Zu allen Zeiten Märe war so viel gesagt, 743
Wie doch so herrlich die Degen unverzagt
Zu allen Stunden lebten in Siegmundens Land:
So lebt' auch König Gunther mit seinen Freunden auserkannt.
Das Land der Nibelungen war Siegfried unterthan 744
(Keiner seiner Freunde je größern Schatz gewann)
Mit Schilbungens Recken und der Beiden Gut.
Darüber trug der Kühne desto höher den Muth.
Hort den allermeisten, den je ein Held gewann, 745
Nach den ersten Herren, besaß der kühne Mann,
Den vor einem Berge seine Hand erwarb im Streit:
Er schlug darum zu Tode manchen Ritter allbereit.
Vollauf besaß er Ehre, und hätt ers halb entbehrt, 746
Doch müste man gestehen dem edeln Recken werth,
Daß er der Beste wäre, der je auf Rossen saß.
Man scheute seine Stärke, mit allem Grunde that man das.
* * * * *
Zwölftes Abenteuer.
Wie Gunther Siegfrieden zum Hofgelage lud.
Da dacht auch alle Tage Brunhild die Königin: 747
"Wie trägt nur Frau Kriemhild so übermüthgen Sinn!
Nun ist doch unser Eigen Siegfried ihr Mann:
Der hat uns nun schon lange wenig Dienste gethan."
Das trug sie im Herzen in großer Heimlichkeit; 748
Daß sie ihr fremde blieben, das war der Frauen leid.
Daß man ihr nicht zinste von des Fürsten Land,
Woher das wohl käme, das hätte sie gern erkannt.
Sie versucht' es bei dem König, ob es nicht geschehn 749
Möchte, daß sie Kriemhild noch sollte wiedersehn.
Sie vertraut' ihm heimlich, worauf ihr sann der Muth;
Da dauchte den König der Frauen Rede nicht gut.
"Wie könnten wir sie bringen," sprach der König hehr, 750
"Her zu diesem Lande? das fügt sich nimmermehr.
Sie wohnen uns zu ferne: ich darf sie nicht drum bitten."
Da gab ihm Brunhild Antwort mit gar hochfährtgen Sitten:
"Und wäre noch so mächtig eines Königs Mann, 751
Was ihm sein Herr gebietet, das muß doch sein gethan."
Lächeln muste Gunther ihrer Rede da:
Er nahm es nicht als Dienst an, wenn er Siegfrieden sah.
Sie sprach: "Lieber Herre, bei der Liebe mein, 752
Hilf mir, daß Siegfried und die Schwester dein
Zu diesem Lande kommen und wir sie hier ersehn:
So könnte mir auf Erden nimmer lieber geschehn.
"Deiner Schwester Güte, ihr wohlgezogner Muth, 753
Wenn ich daran gedenke, wie wohl mirs immer thut;
Wie wir beisammen saßen, als ich dir ward vermählt!
Sie hat sich mit Ehren den kühnen Siegfried erwählt."
Da bat sie ihn so lange, bis der König sprach: 754
"Nun wißt, daß ich Gäste nicht lieber sehen mag.
Ihr mögt mich leicht erbitten: ich will die Boten mein
Zu ihnen beiden senden, daß sie kommen an den Rhein."
Da sprach die Königstochter: "So sollt ihr mir sagen, 755
Wann ihr sie wollt besenden, oder zu welchen Tagen
Die lieben Freunde sollen kommen in dieß Land;
Die ihr dahin wollt senden, die macht zuvor mir bekannt."
"Das will ich," sprach der König: "dreißig aus meinem Lehn 756
Laß ich zu ihnen reiten." Die hieß er vor sich gehn:
Durch sie entbot er Märe in Siegfriedens Land.
Da beschenkte sie Frau Brunhild mit manchem reichen Gewand.
Der König sprach: "Ihr Recken sollt von mir sagen 757
Und nichts von dem verschweigen, was ich euch aufgetragen,
Siegfried dem starken und der Schwester mein,
Ihnen dürf auf Erden nimmer Jemand holder sein.
"Und bittet, daß sie beide uns kommen an den Rhein: 758
Dafür will ich und Brunhild ihnen stäts gewogen sein.
Vor dieser Sonnenwende soll er hier Manchen sehn,
Er und seine Mannen, die ihm Ehre laßen geschehn.
"Vermeldet auch dem König Siegmund die Dienste mein, 759
Daß ich und meine Freunde ihm stäts gewogen sei'n.
Und bittet meine Schwester, daß sie's nicht unterläßt
Und zu den Freunden reitet: nie ziemt' ihr so ein Freudenfest."
Brunhild und Ute und was man Frauen fand, 760
Die entboten ihre Dienste in Siegfriedens Land
Den minniglichen Frauen und manchem kühnen Mann.
Nach Wunsch des Königs hoben sich bald die Boten hindann.
Sie standen reisefertig; ihr Ross und ihr Gewand 761
War ihnen angekommen: da räumten sie das Land.
Sie eilten zu dem Ziele, dahin sie wollten fahren.
Der König hieß die Boten durch Geleite wohl bewahren.
Innerhalb zwölf Tagen kamen sie in das Land, 762
Zu Nibelungens Veste, wohin man sie gesandt,
In der Mark zu Norweg fanden sie den Degen:
Ross und Leute waren müde von den langen Wegen.
Siegfried und Kriemhilden war eilends hinterbracht, 763
Daß Ritter kommen waren, die trügen solche Tracht,
Wie bei den Burgunden man trug der Sitte nach.
Sie sprang von einem Bette, darauf die Ruhende lag.
Zu einem Fenster ließ sie eins ihrer Mägdlein gehn; 764
Die sah den kühnen Gere auf dem Hofe stehn,
Ihn und die Gefährten, die man dahin gesandt.
Ihr Herzeleid zu stillen, wie liebe Kunde sie fand!
Sie sprach zu dem Könige: "Seht ihr, wie sie stehn, 765
Die mit dem starken Gere auf dem Hofe gehn,
Die uns mein Bruder Gunther nieder schickt den Rhein."
Da sprach der starke Siegfried: "Die sollen uns willkommen sein."
All ihr Ingesinde lief hin, wo man sie sah. 766
Jeder an seinem Theile gütlich sprach er da
Das Beste, was er konnte, zu den Boten hehr.
Ihres Kommens freute der König Siegmund sich sehr.
Herbergen ließ man Geren und Die ihm unterthan 767
Und ihrer Rosse warten. Die Boten brachte man
Dahin, wo Herr Siegfried bei Kriemhilden saß.
Sie sahn den Boten gerne sicherlich ohne allen Haß.
Der Wirth mit seinem Weibe erhob sich gleich zur Hand. 768
Wohl ward empfangen Gere aus Burgundenland
Mit seinen Fahrtgenossen in König Gunthers Lehn.
Den Markgrafen Gere bat man nicht länger zu stehn.
"Erlaubt uns die Botschaft, eh wir uns setzen gehn; 769
Uns wegemüde Gäste, laßt uns so lange stehn,
So melden wir die Märe, die euch zu wißen thut
Gunther mit Brunhilden: es geht ihnen beiden gut.
"Und was euch Frau Ute, eure Mutter, her entbot, 770
Geiselher der junge und auch Herr Gernot
Und eure nächsten Freunde: die haben uns gesandt
Und entbieten euch viele Dienste aus der Burgunden Land."
"Lohn ihnen Gott," sprach Siegfried; "ich versah zu ihnen wohl 771
Mich aller Lieb und Treue, wie man zu Freunden soll.
So thut auch ihre Schwester; ihr sollt uns ferner sagen,
Ob unsre lieben Freunde hohen Muth daheim noch tragen.
"Hat ihnen, seit wir schieden, Jemand ein Leid gethan 772
Meiner Fraue Brüdern? Das saget mir an.
Ich wollt es ihnen immer mit Treue helfen tragen,
Bis ihre Widersacher meine Dienste müsten beklagen."
Antwort gab der Markgraf Gere, ein Ritter gut: 773
"Sie sind in allen Züchten mit Freuden wohlgemuth.
Sie laden euch zum Rheine zu einer Lustbarkeit
Sie sähn euch gar gerne, daß ihr des außer Zweifel seid.
"Sie bitten meine Fraue auch mit euch zu kommen. 774
Wenn nun der Winter ein Ende hat genommen,
Vor dieser Sonnenwende da möchten sie euch sehn."
Da sprach der starke Siegfried: "Das könnte schwerlich geschehn."
Da sprach wieder Gere von Burgundenland: 775
"Eure Mutter Ute hat euch sehr gemahnt
Mit Gernot und Geiselher, ihr sollt es nicht versagen.
Daß ihr so ferne wohnet, hör ich sie täglich beklagen.
"Brunhild meine Herrin und ihre Mägdelein 776
Freuen sich der Kunde, und könnt es jemals sein,
Daß sie euch wiedersähen, ihnen schuf es hohen Muth."
Da dauchten diese Mären die schöne Kriemhilde gut.
Gere war ihr Vetter: der Wirth ihn sitzen hieß; 777
Den Gästen hieß er schenken, nicht länger man das ließ.
Da kam dazu auch Siegmund: als der die Boten sah,
Freundlich sprach der König zu den Burgunden da:
"Willkommen uns, ihr Recken in König Gunthers Lehn. 778
Da sich Kriemhilden zum Weibe hat ersehn
Mein Sohn Siegfried, man sollt euch öfter schaun
In diesem Lande, dürften wir bei euch auf Freundschaft vertraun.
Sie sprachen: Wenn er wolle, sie würden gerne kommen. 779
Ihnen ward mit Freuden die Müdigkeit benommen.
Man hieß die Boten sitzen; Speise man ihnen trug:
Deren schuf da Siegfried den lieben Gästen genug.
Sie musten da verweilen volle neun Tage. 780
Darob erhoben endlich die schnellen Ritter Klage,
Daß sie nicht wieder reiten durften in ihr Land.
Da hatt auch König Siegfried zu seinen Freunden gesandt:
Er fragte, was sie riethen: er solle nach dem Rhein. 781
"Es ließ mich entbieten Gunther der Schwager mein,
Er und seine Brüder, zu einer Lustbarkeit:
Ich möcht ihm gerne kommen, liegt gleich sein Land mir so weit.
"Sie bitten Kriemhilden, mit mir zu ziehn. 782
Nun rathet, liebe Freunde, wie kommen wir dahin?
Und sollt ich Heerfahrten durch dreißig Herren Land,
Gern dienstbereit erwiese sich ihnen Siegfriedens Hand."
Da sprachen seine Recken: "Steht euch zur Fahrt der Muth 783
Nach dem Hofgelage, wir rathen, was ihr thut:
Ihr sollt mit tausend Recken reiten an den Rhein:
So mögt ihr wohl mit Ehren bei den Burgunden sein."
Da sprach von Niederlanden der König Siegmund: 784
"Wollt ihr zum Hofgelage, was thut ihr mirs nicht kund?
Ich will mit euch reiten, wenn ihrs zufrieden seid;
Hundert Degen führ ich, damit mehr ich eur Geleit."
"Wollt ihr mit uns reiten, lieber Vater mein," 785
Sprach der kühne Siegfried, "des will ich fröhlich sein.
Binnen zwölf Tagen räum ich unser Land."
Die sie begleiten sollten, denen gab man Ross' und Gewand.
Als dem edeln König zur Reise stand der Muth, 786
Da ließ man wieder reiten die schnellen Degen gut.
Seiner Frauen Brüdern entbot er an den Rhein,
Daß er gerne wolle bei ihrem Hofgelage sein.
Siegfried und Kriemhild, so hörten wir sagen, 787
Beschenkten so die Boten, es mochten es nicht tragen
Die Pferde nach der Heimat: er war ein reicher Mann.
Ihre starken Säumer trieb man zur Reise fröhlich an.
Da schuf dem Volke Kleider Siegfried und Siegemund. 788
Eckewart der Markgraf ließ da gleich zur Stund
Frauenkleider suchen, die besten, die man fand
Und irgend mocht erwerben in Siegfriedens ganzem Land.
Die Sättel und die Schilde man da bereiten ließ. 789
Den Rittern und den Frauen, die er sich folgen hieß,
Gab man, was sie wollten; nichts gebrach daran.
Er brachte seinen Freunden manchen herrlichen Mann.
Nun wandten sich die Boten zurück und eilten sehr. 790
Da kam zu den Burgunden Gere, der Degen hehr,
Und wurde schön empfangen: sie schwangen sich zu Thal
Von Rossen und von Mähren dort vor König Gunthers Saal.
Die Jungen und die Alten kamen, wie man thut, 791
Und fragten nach der Märe. Da sprach der Ritter gut:
"Wenn ichs dem König sage, wird es auch euch bekannt."
Er gieng mit den Gesellen dahin, wo er Gunthern fand.
Der König vor Freude von dem Seßel sprang; 792
Daß sie so bald gekommen, sagt' ihnen Dank
Brunhild die Schöne. Zu den Boten sprach er da:
"Wie gehabt sich Siegfried, von dem mir Liebe viel geschah?"
Da sprach der kühne Gere: "Er ward vor Freuden roth, 793
Er und eure Schwester. So holde Mär entbot
Seinen Freunden nimmer noch zuvor ein Mann,
Als euch der edle Siegfried und sein Vater hat gethan."
Da sprach zum Markgrafen des reichen Königs Weib: 794
"Nun sagt mir, kommt uns Kriemhild? Hat noch ihr schöner Leib
Die hohe Zier behalten, deren sie mochte pflegen?"
Er sprach: "Sie kommen beide; mit ihnen mancher kühne Degen."
Ute ließ die Boten alsbald vor sich gehn. 795
Da wars an ihrem Fragen leichtlich zu verstehn,
Was sie zu wißen wünsche: "War Kriemhild noch wohlauf?"
Er gab Bescheid, sie kam auch nach kurzer Tage Verlauf.
Da blieb auch nicht verhohlen am Hof der Botensold, 796
Den ihnen Siegfried schenkte, die Kleider und das Gold:
Die ließ man alle schaun in der drei Fürsten Lehn.
Da musten sie ihm Ehre wohl für Milde zugestehn.
"Er mag," sprach da Hagen, "mit vollen Händen geben: 797
Er könnt es nicht verschwenden, und sollt er ewig leben.
Den Hort der Nibelungen beschließt des Königs Hand;
Hei! daß er jemals käme her in der Burgunden Land!"
Da freuten sich die Degen am Hof im Voraus, 798
Daß sie kommen sollten. Beflißen überaus
Sah man spät und frühe Die in der Könge Lehn.
Welch herrlich Gestühle ließ man vor der Burg erstehn!
Hunold der kühne und Sindold der Degen 799
Hatten wenig Muße: des Amtes muste pflegen
Truchseß auch und Schenke und richten manche Bank;
Auch Ortwein war behülflich: des sagt' ihnen Gunther Dank.
Rumold der Küchenmeister, wie herrscht' er in der Zeit 800
Ob seinen Unterthanen, gar manchem Keßel weit,
Häfen und Pfannen; hei! was man deren fand!
Denen ward da Kost bereitet, die da kamen in das Land.
Der Frauen Arbeiten waren auch nicht klein: 801
Sie bereiteten die Kleider, darauf manch edler Stein,
Des Stralen ferne glänzten, gewirkt war in das Gold;
Wenn sie die anlegten, ward ihnen Männiglich hold.
* * * * *
Dreizehntes Abenteuer.
Wie sie zum Hofgelage fuhren.
All ihr Bemühen laßen wir nun sein 802
Und sagen, wie Frau Kriemhild und ihre Mägdelein
Hin zum Rheine fuhren von Nibelungenland.
Niemals trugen Rosse so viel herrlich Gewand.
Viel Saumschreine wurden versendet auf den Wegen. 803
Da ritt mit seinen Freunden Siegfried der Degen
Und die Königstochter in hoher Freuden Wahn;
Da war es ihnen Allen zu großem Leide gethan.
Sie ließen in der Heimat Siegfrieds Kindelein 804
Und Kriemhildens bleiben; das muste wohl so sein.
Aus ihrer Hofreise erwuchs ihm viel Beschwer:
Seinen Vater, seine Mutter ersah das Kindlein nimmermehr.
Mit ihnen ritt von dannen Siegmund der König hehr. 805
Hätt er ahnen können, wie es ihm nachher
Beim Hofgelag ergienge, er hätt es nicht gesehn:
Ihm konnt an lieben Freunden größer Leid nicht geschehn.
Vorausgesandte Boten verhießen sie bei Zeit. 806
Entgegen ritten ihnen in herrlichem Geleit
Von Utens Freunden viele und König Gunthers Lehn.
Der Wirth ließ großen Eifer für die lieben Gäste sehn.
Er gieng zu Brunhilden, wo er sie sitzen fand: 807
"Wie empfieng euch meine Schwester, da ihr kamet in dieß Land?
So will ich, daß ihr Siegfrieds Gemahl empfangen sollt."
"Das thu ich", sprach sie, "gerne: ich bin ihr billiglich hold."
Da sprach der mächtige König: "Sie kommen morgen fruh; 808
Wollt ihr sie empfangen, so greift nur bald dazu,
Daß sie uns in der Veste nicht überraschen hie:
Mir sind so liebe Gäste nicht oft gekommen wie sie."
Ihre Mägdelein und Frauen ließ sie da zur Hand 809
Gute Kleider suchen, die besten, die man fand,
Die ihr Ingesinde vor Gästen mochte tragen.
Das thaten sie doch gerne: das mag man für Wahrheit sagen.
Sie zu empfangen eilten auch Die in Gunthers Lehn; 810
All seine Recken hieß er mit sich gehn.
Da ritt die Königstochter hinweg in stolzem Zug.
Die lieben Gäste grüßte sie alle freudig genug.
Mit wie hohen Ehren da empfieng man sie! 811
Sie dauchte, daß Frau Kriemhild Brunhilden nie
So wohl empfangen habe in Burgundenland.
Allen, die es sahen, war hohe Wonne bekannt.
Nun war auch Siegfried kommen mit seiner Leute Heer. 812
Da sah man die Helden sich wenden hin und her
Im Feld allenthalben mit ungezählten Scharen.
Vor Staub und Drängen konnte sich da Niemand bewahren.
Als der Wirth des Landes Siegfrieden sah 813
Und Siegmund den König, wie gütlich sprach er da:
"Nun seid mir hochwillkommen und all den Freunden mein;
Wir wollen hohen Muthes ob eurer Hofreise sein."
"Nun lohn euch Gott," sprach Siegmund, der ehrbegierge Mann. 814
"Seit mein Sohn Siegfried euch zum Freund gewann,
Rieth mir all mein Sinnen, wie ich euch möchte sehn."
Da sprach König Gunther: "Nun freut mich, daß es geschehn."
Siegfried ward empfangen, wie man das wohl gesollt, 815
Mit viel großen Ehren; ein Jeder ward ihm hold.
Des half mit Rittersitten Gernot und Geiselher;
Man bot es lieben Gästen so gütlich wohl nimmermehr.
Nun konnten sich einander die Königinnen schaun. 816
Da sah man Sättel leeren und viel der schönen Fraun
Von der Helden Händen gehoben auf das Gras:
Wer gerne Frauen diente, wie selten der da müßig saß!
Da giengen zu einander die Frauen minniglich. 817
Darüber höchlich freuten viel der Ritter sich,
Daß der Beiden Grüßen so minniglich ergieng.
Man sah da manchen Recken, der Frauendienste begieng.
Das herrliche Gesinde nahm sich bei der Hand; 818
Züchtiglich sich neigen man allerorten fand
Und minniglich sich küssen viel Frauen wohlgethan.
Das sahen gerne Gunthers und Siegfrieds Mannen mit an.
Sie säumten da nicht länger und ritten nach der Stadt. 819
Der Wirth seinen Gästen zu erweisen hat,
Daß man sie gerne sähe in der Burgunden Land.
Manches schöne Kampfspiel man vor den Jungfrauen fand.
Da ließ von Tronje Hagen und auch Ortewein, 820
Wie sie gewaltig waren, wohl offenkundig sein.
Was sie gebieten mochten, das ward alsbald gethan.
Man sah die lieben Gäste viel Dienst von ihnen empfahn.
Man hörte Schilde hallen vor der Veste Thor 821
Von Stichen und von Stößen. Lange hielt davor
Der Wirth mit seinen Gästen, bis alle waren drin,
In mancher Kurzweil giengen ihnen schnell die Stunden hin.
Vor den weiten Gästesaal sie nun in Freuden ritten. 822
Viel kunstvolle Decken, reich und wohlgeschnitten,
Sah man von den Sätteln den Frauen wohlgethan
Allenthalben hangen; da kamen Diener heran.
Zu Gemache wiesen sie die Gäste da. 823
Hin und wieder blicken man Brunhilden sah
Nach Kriemhild der Frauen; schön war sie genug:
Den Glanz noch vor dem Golde ihre hehre Farbe trug.
Da vernahm man allenthalben zu Worms in der Stadt 824
Den Jubel des Gesindes. König Gunther bat
Dankwart, seinen Marschall, es wohl zu verpflegen:
Da ließ er die Gäste in gute Herbergen legen.
Draußen und darinnen beköstigte man sie: 825
So wohl gewartet wurde fremder Gäste nie.
Was Einer wünschen mochte, das war ihm gern gewährt:
So reich war der König, es blieb Keinem was verwehrt.
Man dient' ihnen freundlich und ohn allen Haß. 826
Der König zu Tische mit seinen Gästen saß;
Siegfrieden ließ man sitzen, wie er sonst gethan.
Mit ihm gieng zu Tische gar mancher waidliche Mann.
Zwölfhundert Recken setzten sich dahin 827
Mit ihm an der Tafel. Brunhild die Königin
Gedachte, wie ein Dienstmann nicht reicher möge sein.
Noch war sie ihm günstig, sie ließ ihn gerne gedeihn.
Es war an einem Abend, da so der König saß, 828
Viel reiche Kleider wurden da vom Weine naß,
Als die Schenken sollten zu den Tischen gehn:
Da sah man volle Dienste mit großem Fleiße geschehn.
Wie bei Hofgelagen Sitte mochte sein, 829
Ließ man zur Ruh geleiten Fraun und Mägdelein.
Von wannen wer gekommen, der Wirth ihm Sorge trug;
In gütlichen Ehren gab man Allen genug.
Die Nacht war zu Ende, sich hob des Tages Schein, 830
Aus den Saumschreinen mancher Edelstein
Erglänzt' auf gutem Kleide; das schuf der Frauen Hand.
Aus der Lade suchten sie manches herrliche Gewand.
Eh es noch völlig tagte, kamen vor den Saal 831
Ritter viel und Knechte: da hob sich wieder Schall
Vor einer Frühmesse, die man dem König sang.
So ritten junge Helden, der König sagt' ihnen Dank.
Da klangen die Posaunen von manchem kräftgen Stoß; 832
Von Flöten und Drommeten ward der Schall so groß,
Worms die weite Veste gab lauten Widerhall.
Auf die Rosse sprangen die kühnen Helden überall.
Da hob sich in dem Lande ein hohes Ritterspiel 833
Von manchem guten Recken: man fand ihrer viel,
Deren junge Herzen füllte froher Muth.
Unter Schilden sah man manchen zieren Ritter gut.
Da ließen in den Fenstern die herrlichen Fraun 834
Und viel der schönen Maide sich im Schmucke schaun.
Sie sahen kurzweilen manchen kühnen Mann:
Der Wirth mit seinen Freunden zu reiten selber begann.
So vertrieben sie die Weile, die dauchte sie nicht lang. 835
Da lud zu dem Dome mancher Glocke Klang:
Den Frauen kamen Rosse, da ritten sie hindann;
Den edeln Königinnen folgte mancher kühne Mann.
Sie stiegen vor dem Münster nieder auf das Gras. 836
Noch hegte zu den Gästen Brunhild keinen Haß.
Sie giengen unter Krone in das Münster weit.
Bald schied sich diese Liebe: das wirkte grimmiger Neid.
Als die Messe war gesungen, sah man sie weiter ziehn 837
Unter hohen Ehren. Sie giengen heiter hin
Zu des Königs Tischen. Ihre Freude nicht erlag
Bei diesen Lustbarkeiten bis gegen den eilften Tag.
Die Königin gedachte: "Ich wills nicht länger tragen. 838
Wie ich es fügen möge, Kriemhild muß mir sagen,
Warum uns so lange den Zins versaß ihr Mann:
Der ist doch unser Eigen: der Frag ich nicht entrathen kann."
So harrte sie der Stunde, bis es der Teufel rieth, 839
Daß sie das Hofgelage und die Lust mit Leide schied.
Was ihr lag am Herzen, zu Lichte must es kommen:
Drum ward in manchen Landen durch sie viel Jammer vernommen.
* * * * *
Vierzehntes Abenteuer.
Wie die Königinnen sich schalten.
Es war vor einer Vesper, als man den Schall vernahm, 840
Der von manchem Recken auf dem Hofe kam:
Sie stellten Ritterspiele der Kurzweil willen an.
Da eilten es zu schauen Frauen viel und mancher Mann.
Da saßen beisammen die Königinnen reich 841
Und gedachten zweier Recken, die waren ohne Gleich.
Da sprach die schöne Kriemhild: "Ich hab einen Mann,
Dem wären diese Reiche alle billig unterthan."
Da sprach zu ihr Frau Brunhild: "Wie könnte das wohl sein? 842
Wenn Anders Niemand lebte als du und er allein,
So möchten ihm die Reiche wohl zu Gebote stehn:
So lange Gunther lebte, so könnt es nimmer geschehn."
Da sprach Kriemhild wieder: "Siehst du, wie er steht, 843
Wie er da so herrlich vor allen Recken geht,
Wie der lichte Vollmond vor den Sternen thut!
Darob mag ich wohl immer tragen fröhlichen Muth."
Da sprach wieder Brunhild: "Wie waidlich sei dein Mann, 844
Wie schön und wie bieder, so steht ihm doch voran
Gunther der Recke, der edle Bruder dein:
muß vor allen Königen, das wiße du wahrlich, sein."
Da sprach Kriemhild wieder: "So werth ist mein Mann, 845
Daß er ohne Grund nicht solch Lob von mir gewann.
An gar manchen Dingen ist seine Ehre groß.
Glaubst du das, Brunhild? er ist wohl Gunthers Genoß!"
"Das sollst du mir, Kriemhild, im Argen nicht verstehn; 846
Es ist auch meine Rede nicht ohne Grund geschehn.
Ich hört' es Beide sagen, als ich zuerst sie sah,
Und als des Königs Willen in meinen Spielen geschah.
"Und da er meine Minne so ritterlich gewann, 847
Da sagt' es Siegfried selber, er sei des Königs Mann:
Drum halt ich ihn für eigen: ich hört' es ihn gestehn."
Da sprach die schöne Kriemhild: "So wär mir übel geschehn.
"Wie hätten so geworben die edeln Brüder mein, 848
Daß ich des Eigenmannes Gemahl sollte sein?
Darum will ich, Brunhild, gar freundlich dich bitten,
Laß mir zu Lieb die Rede hinfort mit gütlichen Sitten."
Die Königin versetzte: "Sie laßen mag ich nicht: 849
Wie thät ich auf so manchen Ritter wohl Verzicht,
Der uns mit dem Degen zu Dienst ist unterthan?"
Kriemhild die Schöne hub da sehr zu zürnen an.
"Dem must du wohl entsagen, daß er in der Welt 850
Dir irgend Dienste leiste. Werther ist der Held
Als mein Bruder Gunther, der Degen unverzagt.
Erlaß mich der Dinge, die du mir jetzo gesagt.
"Auch muß mich immer wundern, wenn er dein Dienstmann ist 851
Und du ob uns Beiden So gewaltig bist,
Warum er dir so lange den Zins verseßen hat;
Deines Uebermuthes wär ich billig nun satt."
"Du willst dich überheben," sprach da die Königin. 852
"Wohlan, ich will doch schauen, ob man dich fürderhin
So hoch in Ehren halte, als man mich selber thut."
Die Frauen waren beide in sehr zornigem Muth.
Da sprach wieder Kriemhild: "Das wird dir wohl bekannt: 853
Da du meinen Siegfried dein eigen hast genannt,
So sollen heut die Degen der beiden Könge sehen,
Ob ich vor der Königin wohl zur Kirche dürfe gehn.
"Ich laße dich wohl schauen, daß ich edel bin und frei, 854
Und daß mein Mann viel werther als der deine sei.
Ich will damit auch selber nicht bescholten sein:
Du sollst noch heute sehen, wie die Eigenholde dein
"Zu Hof geht vor den Helden in Burgundenland. 855
Ich will höher gelten, als man je gekannt
Eine Königstochter, die noch die Krone trug."
Unter den Frauen hob sich der Haß da grimm genug.
Da sprach Brunhild wieder: "Willst du nicht eigen sein, 856
So must du dich scheiden mit den Frauen dein
Von meinem Ingesinde, wenn wir zum Münster gehn."
"In Treuen," sprach da Kriemhild, "also soll es geschehn."
"Nun kleidet euch, ihr Maide," hub da Kriemhild an: 857
"Ob ich frei von Schande hier nicht verbleiben kann,
Laßt es heute schauen, besitzt ihr reichen Staat;
Sie soll es noch verläugnen, was ihr Mund gesprochen hat."
Ihnen war das leicht zu rathen; sie suchten reich Gewand. 858
Wie bald man da im Schmucke viel Fraun und Maide fand!
Da gieng mit dem Gesinde des edeln Wirths Gemahl;
Zu Wunsch gekleidet ward auch die schöne Kriemhild zumal
Mit dreiundvierzig Maiden, die sie zum Rhein gebracht; 859
Die trugen lichte Zeuge, in Arabien gemacht.
So kamen zu dem Münster die Mägdlein wohlgethan.
Ihrer harrten vor dem Hause Die Siegfrieden unterthan.
Die Leute nahm es Wunder, warum das geschah, 860
Daß man die Königinnen so geschieden sah,
Und daß sie bei einander nicht giengen so wie eh.
Das gerieth noch manchem Degen zu Sorgen und großem Weh.
Nun stand vor dem Münster König Gunthers Weib. 861
Da fanden viel der Ritter genehmen Zeitvertreib
Bei den schönen Frauen, die sie da nahmen wahr.
Da kam die edle Kriemhild mit mancher herrlichen Schar.
Was Kleider je getragen eines edeln Ritters Kind, 862
Gegen ihr Gesinde war alles nur wie Wind.
Sie war so reich an Gute, dreißig Königsfraun
Mochten die Pracht nicht zeigen, die da an ihr war zu schaun.
Was man auch wünschen mochte, Niemand konnte sagen, 863
Daß er so reiche Kleider je gesehen tragen,
Als da zur Stunde trugen ihre Mägdlein wohlgethan.
Brunhilden wars zu Leide, sonst hätt es Kriemhild nicht gethan.
Nun kamen sie zusammen vor dem Münster weit. 864
Die Hausfrau des Königs aus ingrimmem Neid
Hieß da Kriemhilden unwirsch stille stehn:
"Es soll vor Königsweibe die Eigenholde nicht gehn."
Da sprach die schöne Kriemhild, zornig war ihr Muth: 865
"Hättest du noch geschwiegen, das wär dir wohl gut.
Du hast geschändet selber deinen schönen Leib:
Mocht eines Mannes Kebse je werden Königesweib?"
"Wen willst du hier verkebsen?" sprach des Königs Weib. 866
"Das thu ich dich," sprach Kriemhild: "deinen schönen Leib
Hat Siegfried erst geminnet, mein geliebter Mann:
Wohl war es nicht mein Bruder, der dein Magdthum gewann.
"Wo blieben deine Sinne? Es war doch arge List: 867
Was ließest du ihn minnen, wenn er dein Dienstmann ist?
Ich höre dich," sprach Kriemhild, "ohn alle Ursach klagen."
"In Wahrheit," sprach da Brunhild, "das will ich doch Gunthern sagen."
"Wie mag mich das gefährden? Dein Uebermuth hat dich betrogen: 868
Du hast mich mit Reden in deine Dienste gezogen,
Daß wiße du in Treuen, es ist mir immer leid:
Zu trauter Freundschaft bin ich dir nimmer wieder bereit."
Brunhild begann zu weinen; Kriemhild es nicht verhieng, 869
Vor des Königs Weibe sie in das Münster gieng
Mit ihrem Ingesinde. Da hub sich großer Haß;
Es wurden lichte Augen sehr getrübt davon und naß.
Wie man da Gott auch diente oder Jemand sang, 870
Brunhilden währte die Weile viel zu lang.
War allzutrübe der Sinn und auch der Muth:
Des muste bald entgelten mancher Degen kühn und gut.
Brunhild mit ihren Frauen gieng vor das Münster stehn. 871
Sie gedachte: "Ich muß von Kriemhild mehr zu hören sehn,
Wes mich so laut hier zeihte das wortscharfe Weib:
Und wenn er sichs gerühmt hat, gehts ihm an Leben und Leib!"
Nun kam die edle Kriemhild mit manchem kühnen Mann. 872
Da begann Frau Brunhild: "Haltet hier noch an.
Ihr wolltet mich verkebsen: laßt uns Beweise sehn,
Mir ist von euern Reden, das wißet, übel geschehn."
Da sprach die schöne Kriemhild: "Was laßt ihr mich nicht gehn? 873
Ich bezeug es mit dem Golde, an meiner Hand zu sehn.
Das brachte mir Siegfried, nachdem er bei euch lag."
Nie erlebte Brunhild wohl einen leidigen Tag.
Sie sprach: "Dieß Gold das edle, das ward mir gestohlen 874
Und blieb mir lange Jahre übel verhohlen:
Ich komme nun dahinter, wer mir es hat genommen."
Die Frauen waren beide in großen Unmuth gekommen.
Da sprach wieder Kriemhild: "Ich will nicht sein der Dieb. 875
Du hättest schweigen sollen, wär dir Ehre lieb.
Ich bezeug es mit dem Gürtel, den ich umgethan,
Ich habe nicht gelogen: wohl wurde Siegfried dein Mann."
Von Niniveer Seide sie eine Borte trug 876
Mit edelm Gesteine, die war wohl schön genug.
Als Brunhild sie erblickte, zu weinen hub sie an.
Das muste Gunther wißen und alle Die ihm unterthan.
Da sprach des Landes Königin: "Sendet her zu mir 877
Den König vom Rheine: hören soll er hier,
Wie sehr seine Schwester schändet meinen Leib:
Sie sagt vor allen Leuten, ich sei Siegfriedens Weib."
Der König kam mit Recken: als er weinen sah 878
Brunhild seine Traute, gütlich sprach er da:
"Von wem, liebe Fraue, ist euch ein Leid geschehn?"
Sie sprach zu dem König: "Unfröhlich muß ich hier stehn.
Aller meiner Ehren hat die Schwester dein 879
Mich berauben wollen. Geklagt soll dir sein,
Sie sagt: ich sei die Kebse von Siegfried ihrem Mann."
Da sprach König Gunther: "So hat sie übel gethan."
"Sie trägt hier meinen Gürtel, den ich längst verloren, 880
Und mein Gold das rothe. Daß ich je ward geboren,
Des muß mich sehr gereuen: befreist du, Herr, mich nicht
Solcher großen Schande, ich minne nie wieder dich."
Da sprach König Gunther: "So ruft ihn herbei: 881
Hat er sichs gerühmet, das gesteh er frei,
Er woll es denn läugnen, der Held von Niederland."
Da ward der kühne Siegfried bald hin zu ihnen gesandt.
Als Siegfried der Degen die Unmuthvollen sah 882
Und den Grund nicht wuste, balde sprach er da:
"Was weinen diese Frauen? das macht mir bekannt:
Oder wessentwegen wurde hier nach mir gesandt"
Da sprach König Gunther: "Groß Herzleid fand ich hier. 883
Eine Märe sagte mein Weib Frau Brunhild mir:
Du habest dich gerühmet, du wärst ihr erster Mann.
So spricht dein Weib Frau Kriemhild: hast du, Degen, das gethan?"
"Niemals," sprach da Siegfried; "und hat sie das gesagt, 884
Nicht eher will ich ruhen, bis sie es beklagt,
Und will davon mich reinigen vor deinem ganzen Heer
Mit meinen hohen Eiden, ich sagte Solches nimmermehr."
Da sprach der Fürst vom Rheine: "Wohlan, das zeige mir. 885
Der Eid, den du geboten, geschieht der allhier,
Aller falschen Dinge laß ich dich ledig gehn."
Man ließ in einem Ringe die stolzen Burgunden stehn.
Da bot der kühne Siegfried zum Eide hin die Hand. 886
Da sprach der reiche König: "Jetzt hab ich wohl erkannt,
Ihr seid hieran unschuldig und sollt des ledig gehn:
Des euch Kriemhild zeihte, das ist nicht von euch geschehn."
Da sprach wieder Siegfried: "Und kommt es ihr zu Gut, 887
Daß deinem schönen Weibe sie so betrübt den Muth,
Das wäre mir wahrlich aus der Maßen leid."
Da blickten zu einander die Ritter kühn und allbereit.
"Man soll so Frauen ziehen," sprach Siegfried der Degen, 888
"Daß sie üppge Reden laßen unterwegen;
Verbiet es deinem Weibe, ich will es meinem thun.
Solchen Uebermuthes in Wahrheit schäm ich mich nun."
Viel schöne Frauen wurden durch Reden schon entzweit. 889
Da erzeigte Brunhild solche Traurigkeit,
Daß es erbarmen muste Die in Gunthers Lehn.
Von Tronje Hagen sah man zu der Königin gehn.
Er fragte, was ihr wäre, da er sie weinend fand. 890
Sie sagt' ihm die Märe. Er gelobt' ihr gleich zur Hand,
Daß es büßen sollte der Kriemhilde Mann,
Oder man treff ihn nimmer unter Fröhlichen an.
Ueber die Rede kamen Ortwein und Gernot, 891
Allda die Helden riethen zu Siegfriedens Tod.
Dazu kam auch Geiselher, der schönen Ute Kind;
Als er die Rede hörte, sprach der Getreue geschwind:
"O weh, ihr guten Knechte, warum thut ihr das? 892
Siegfried verdiente ja niemals solchen Haß,
Daß er darum verlieren Leben sollt und Leib:
Auch sind es viel Dinge, um die wohl zürnet ein Weib."
"Sollen wir Gäuche ziehen?" sprach Hagen entgegen: 893
"Das brächte wenig Ehre solchen guten Degen.
Daß er sich rühmen durfte der lieben Frauen mein,
Ich will des Todes sterben oder es muß gerochen sein."
Da sprach der König selber: "Er hat uns nichts gethan 894
Als Liebes und Gutes: leb er denn fortan.
Was sollt ich dem Recken hegen solchen Haß?
Er bewies uns immer Treue, gar williglich that er das."
Da begann der Degen von Metz Herr Ortewein: 895
"Wohl kann ihm nicht mehr helfen die große Stärke sein.
Will es mein Herr erlauben, ich thu ihm alles Leid."
Da waren ihm die Helden ohne Grund zu schaden bereit.
Dem folgte doch Niemand, außer daß Hagen 896
Alle Tage pflegte zu Gunthern zu sagen:
Wenn Siegfried nicht mehr lebte, ihm würden unterthan
Manches Königs Lande. Da hub der Held zu trauern an.
Man ließ es bewenden und gieng dem Kampfspiel nach. 897
Hei! was man starker Schäfte vor dem Münster brach
Vor Siegfriedens Weibe bis hinan zum Saal!
Mit Unmuth sah es Mancher, dem König Gunther befahl.
Der König sprach: "Laßt fahren den mordlichen Zorn. 898
Er ist uns zu Ehren und zum Heil geborn;
Auch ist so grimmer Stärke der wunderkühne Mann,
Wenn ers inne würde, so dürfte Niemand ihm nahn."
"Nicht doch," sprach da Hagen, "da dürft ihr ruhig sein: 899
Wir leiten in der Stille alles sorglich ein.
Brunhildens Weinen soll ihm werden leid.
Immer sei ihm Hagen zu Haß und Schaden bereit."
Da sprach der König Gunther: "Wie möcht es geschehn?" 900
Zur Antwort gab ihm Hagen: "Das sollt ihr bald verstehn:
Wir laßen Boten reiten her in dieses Land,
Uns offnen Krieg zu künden, die hier Niemand sind bekannt.
"Dann sagt ihr vor den Gästen, ihr wollt mit euerm Lehn 901
Euch zur Heerfahrt rüsten. Sieht er das geschehn,
So verspricht er euch zu helfen; dann gehts ihm an den Leib,
Erfahr ich nur die Märe von des kühnen Recken Weib."
Der König folgte leider seines Dienstmanns Rath. 902
So huben an zu sinnen auf Untreu und Verrath,
Eh es wer erkannte, die Ritter auserkoren:
Durch zweier Frauen Zanken gieng da mancher Held verloren.
* * * * *
Fünfzehntes Abenteuer.
Wie Siegfried verrathen ward.
Man sah am vierten Morgen zweiunddreißig Mann 903
Hin zu Hofe reiten: da ward es kund gethan
Gunther dem reichen, es droh ihm neuer Streit.
Die Lüge schuf den Frauen das allergrößeste Leid.
Sie gewannen Urlaub, an den Hof zu gehn. 904
Da sagten sie, sie ständen in Lüdegers Lehn,
Den einst bezwungen hatte Siegfriedens Hand
Und ihn als Geisel brachte König Gunthern in das Land.
Die Boten grüßte Gunther und hieß sie sitzen gehn. 905
Einer sprach darunter: "Herr König, laßt uns stehn,
Daß wir die Mären sagen, die euch entboten sind.
Wohl habt ihr zu Feinden, das wißt, mancher Mutter Kind.
"Euch wiedersagen Lüdegast und König Lüdeger: 906
Denen schuft ihr weiland grimmige Beschwer;
Nun wollen sie mit Heereskraft reiten in dieß Land."
Gunther begann zu zürnen, als wär es ihm unbekannt.
Man ließ die falschen Boten zu den Herbergen gehn. 907
Wie mochte da Siegfried der Tücke sich versehn,
Er oder anders Jemand, die man so listig spann?
Doch war es ihnen selber zu großem Leide gethan.
Der König mit den Freunden gieng raunend ab und zu: 908
Hagen von Tronje ließ ihm keine Ruh,
Noch wollt es Mancher wenden in des Königs Lehn;
Doch nicht vermocht er Hagen von seinen Räthen abzustehn.
Eines Tages Siegfried die Degen raunend fand. 909
Da begann zu fragen der Held der Niederland:
"Wie traurig geht der König und Die ihm unterthan?
Das helf ich immer rächen, hat ihnen wer ein Leid gethan."
Da sprach König Gunther: "Wohl hab ich Herzeleid: 910
Lüdegast und Lüdeger drohn mir wieder Streit.
Mit Heerfahrten wollen sie reiten in mein Land."
Da sprach der kühne Degen: "Dem soll Siegfriedens Hand
"Nach allen euern Ehren mit Kräften widerstehn; 911
Von mir geschieht den Degen, was ihnen einst geschehn.
Ihre Burgen leg ich wüste und dazu ihr Land,
Eh ich ablaße: des sei mein Haupt euer Pfand.
"Ihr mit euern Mannen nehmt der Heimat wahr; 912
Laßt mich zu ihnen reiten mit meiner Leute Schar.
Daß ich euch gerne diene, laß ich euch wohl sehn:
Von mir soll euern Feinden, das wißet, übel geschehn."
"Nun wohl mir dieser Märe," der König sprach da so, 913
Als wär er seiner Hülfe alles Ernstes froh.
Tief neigte sich in Falschheit der ungetreue Mann.
Da sprach der edle Siegfried: "Laßt euch keine Sorge nahn."
Sie schickten mit den Knechten zu der Fahrt sich an: 914
Siegfrieden und den Seinen ward es zum Schein gethan.
Da hieß er sich rüsten Die von Niederland:
Siegfriedens Recken suchten ihr Streitgewand.
Da sprach der starke Siegfried: "Mein Vater Siegmund, 915
Bleibt ihr hier im Lande: wir kehren bald gesund,
Will Gott uns Glück verleihen, wieder an den Rhein.
Ihr sollt bei dem König unterdessen fröhlich sein."
Da wollten sie von dannen: die Fähnlein band man an. 916
Umher standen Viele, die Gunthern unterthan
Und hatten nicht erfahren, wie es damit bewandt.
Groß Heergesinde war es, das da bei Siegfrieden stand.
Die Panzer und die Helme man auf die Rosse lud; 917
Aus dem Lande wollten viel starke Recken gut.
Da gieng von Tronje Hagen hin, wo er Kriemhild fand;
Er bat sie um Urlaub: sie wollten räumen das Land.
"Nun wohl mir," sprach Kriemhild, "daß ich den Mann gewann." 918
Der meine lieben Freunde so wohl beschützen kann,
Wie hier mein Herr Siegfried an meinen Brüdern thut:
Darum trag ich," sprach die Königin, "immer fröhlichen Muth.
"Lieber Freund Hagen, nun hoff ich, ihr gedenkt, 919
Daß ich euch gerne diene; ich hab euch nie gekränkt.
Das komme mir zu Gute an meinem lieben Mann:
Laßt es ihn nicht entgelten, was ich Brunhilden gethan.
"Des hat mich schon gereuet," sprach das edle Weib, 920
"Auch hat er so zerbleuet zur Strafe mir den Leib,
Daß ich je beschwerte mit Reden ihr den Muth,
Er hat es wohl gerochen, dieser Degen kühn und gut."
Da sprach er: "Ihr versöhnt euch wohl nach wenig Tagen. 921
Kriemhild, liebe Herrin, nun sollt ihr mir sagen,
Wie ich euch dienen möge an Siegfried euerm Herrn.
Ich gönn es niemand beßer und thu es, Königin, gern."
"Ich wär ohn alle Sorge," sprach da das edle Weib, 922
"Daß man ihm im Kampfe Leben nähm und Leib,
Wenn er nicht folgen wollte seinem Uebermuth;
So wär immer sicher dieser Degen kühn und gut."
"Fürchtet ihr, Herrin," Hagen da begann, 923
"Daß er verwundet werde, so vertraut mir an,
Wie soll ichs beginnen, dem zu widerstehn?
Ihn zu schirmen will ich immer bei ihm reiten und gehn."
Sie sprach: "Du bist mir Sippe, so will ich dir es sein: 924
Ich befehle dir auf Treue den holden Gatten mein.
Daß du mir behütest den geliebten Mann."
Was beßer wär verschwiegen, vertraute da sie ihm an.
Sie sprach: "Mein Mann ist tapfer, dazu auch stark genug. 925
Als er den Linddrachen an dem Berge schlug,
Da badet' in dem Blute der Degen allbereit,
Daher ihn keine Waffe je versehren mocht im Streit.
"Jedoch bin ich in Sorgen, wenn er im Kampfe steht 926
Und aus der Helden Hände mancher Sperwurf geht,
Daß ich da verliere meinen lieben Mann.
Hei! was ich Sorgen oft um Siegfried gewann!
"Mein lieber Freund, ich meld es nun auf Gnade dir, 927
Daß du deine Treue bewähren mögst an mir,
Wo man mag verwunden meinen lieben Mann.
Das sollst du nun vernehmen: es ist auf Gnade gethan.
"Als von des Drachen Wunden floß das heiße Blut, 928
Und sich darinne badete der kühne Recke gut,
Da fiel ihm auf die Achseln ein Lindenblatt so breit:
Da kann man ihn verwunden; das schafft mir Sorgen und Leid."
Da sprach von Tronje Hagen: "So näht auf sein Gewand 929
Mir ein kleines Zeichen mit eigener Hand,
Wo ich ihn schirmen müße, mag ich daran verstehn."
Sie wähnt' ihn so zu fristen; auf seinen Tod wars abgesehn.
Sie sprach: "Mit feiner Seide näh ich auf sein Gewand 930
Insgeheim ein Kreuzchen: da soll, Held, deine Hand
Mir den Mann behüten, wenns ins Gedränge geht,
Und er vor seinen Feinden in den starken Stürmen steht."
"Das thu ich," sprach da Hagen, "viel liebe Herrin mein." 931
Wohl wähnte da die Gute, sein Frommen sollt es sein:
Da war hiemit verrathen der Kriemhilde Mann.
Urtaub nahm da Hagen: da gieng er fröhlich hindann.
Was er erfahren hatte, bat ihn sein Herr zu sagen. 932
"Mögt ihr die Reise wenden, so laßt uns reiten jagen.
Ich weiß nun wohl die Kunde, wie ich ihn tödten soll.
Wollt ihr die Jagd bestellen?" "Das thu ich," sprach der König, "wohl."
Der Dienstmann des Königs war froh und wohlgemuth. 933
Gewiss, daß solche Bosheit kein Recke wieder thut
Bis zum jüngsten Tage, als da von ihm geschah,
Da sich seiner Treue die schöne Königin versah.
Früh des andern Morgens mit wohl tausend Mann 934
Ritt Siegfried der Degen mit frohem Muth hindann:
Er wähnt', er solle rächen seiner Freunde Leid.
So nah ritt ihm Hagen, daß er beschaute sein Kleid.
Als er ersah das Zeichen, da schickt' er ungesehn, 935
Andre Mär zu bringen, zwei aus seinem Lehn:
In Frieden sollte bleiben König Gunthers Land;
Es habe sie Herr Lüdeger zu dem König gesandt.
Wie ungerne Siegfried abließ vom Streit, 936
Eh er gerochen hatte seiner Freunde Leid!
Kaum hielten ihn zurücke Die Gunthern unterthan.
Da ritt er zu dem König, der ihm zu danken begann:
"Nun lohn euch Gott, Freund Siegfried, den willigen Sinn, 937
Daß ihr so gerne thatet, was mir vonnöthen schien:
Das will ich euch vergelten, wie ich billig soll.
Vor allen meinen Freunden vertrau ich euch immer wohl.
"Da wir uns der Heerfahrt so entledigt sehn, 938
So laßt uns nun Bären und Schweine jagen gehn
Nach dem Odenwalde, wie ich oft gethan."
Gerathen hatte Hagen das, dieser ungetreue Mann.
"Allen meinen Gästen soll man das nun sagen, 939
Ich denke früh zu reiten: die mit mir wollen jagen,
Die laßt sich fertig halten; die aber hier bestehn,
Kurzweilen mit den Frauen: so sei mir Liebes geschehn."
Mit herrlichen Sitten sprach da Siegfried: 940
"Wenn ihr jagen reitet, da will ich gerne mit.
So sollt ihr mir leihen einen Jägersmann
Mit etlichen Bracken: So reit ich mit euch in den Tann."
"Wollt ihr nur Einen?" frug Gunther zuhand; 941
"Ich leih euch, wollt ihr, viere, denen wohl bekannt
Der Wald ist und die Steige, wo viel Wildes ist,
Daß ihr des Wegs unkundig nicht ledig wieder heimwärts müßt."
Da ritt zu seinem Weibe der Degen unverzagt. 942
Derweil hatte Hagen dem König gesagt,
Wie er verderben wolle den herrlichen Degen.
So großer Untreue sollt ein Mann nimmer pflegen.
Als die Ungetreuen beschloßen seinen Tod, 943
Da wusten sie es Alle. Geiselher und Gernot
Wollten nicht mit jagen. Weiß nicht, aus welchem Groll
Sie ihn nicht verwarnten; doch des entgalten sie voll.
* * * * *
Sechzehntes Abenteuer.
Wie Siegfried erschlagen ward.
Gunther und Hagen, die Recken wohlgethan 944
Gelobten mit Untreuen ein Birschen in den Tann.
Mit ihren scharfen Spießen wollten sie jagen Schwein'
Und Bären und Wisende: was mochte Kühneres sein?
Da ritt auch mit ihnen Siegfried mit stolzem Sinn. 945
Man bracht ihnen Speise aller Art dahin.
An einem kühlen Brunnen ließ er da das Leben:
Den Rath hatte Brunhild, König Gunthers Weib, gegeben.
Da gieng der kühne Degen hin, wo er Kriemhild fand. 946
Schon war aufgeladen das edle Birschgewand
Ihm und den Gefährten: sie wollten über Rhein.
Da konnte Kriemhilden nicht leider zu Muthe sein.
Seine liebe Traute küsst' er auf den Mund: 947
"Gott laße mich dich, Liebe, noch wiedersehn gesund
Und deine Augen mich auch; mit holden Freunden dein
Kürze dir die Stunden: ich kann nun nicht bei dir sein."
Da gedachte sie der Märe, sie durft es ihm nicht sagen, 948
Nach der sie Hagen fragte: da begann zu klagen
Die edle Königstochter, daß ihr das Leben ward:
Ohne Maßen weinte die wunderschöne Fraue zart.
Sie sprach zu dem Recken: "Laßt euer Jagen sein: 949
Mir träumte heunt von Leide, wie euch zwei wilde Schwein
Ueber die Haide jagten: da wurden Blumen roth.
Daß ich so bitter weine, das thut mir armem Weibe Noth.
"Wohl muß ich fürchten Etlicher Verrath, 950
Wenn man den und jenen vielleicht beleidigt hat,
Die uns verfolgen könnten mit feindlichem Haß.
Bleibt hier, lieber Herre, mit Treuen rath ich euch das."
Er sprach: "Liebe Traute, ich kehr in kurzer Zeit; 951
Ich weiß nicht, daß hier Jemand mir Haß trüg oder Neid.
Alle deine Freunde sind insgemein mir hold;
Auch verdient' ich von den Degen wohl nicht anderlei Sold."
"Ach nein, lieber Siegfried: wohl fürcht ich deinen Fall. 952
Mir träumte heunt von Leide, wie über dir zu Thal
Fielen zwei Berge, daß ich dich nie mehr sah:
Und willst du von mir scheiden, das geht mir inniglich nah."
Er umfieng mit Armen das zuchtreiche Weib, 953
Mit holden Küssen herzt' er ihr den schönen Leib.
Da nahm er Urlaub und schied in kurzer Stund:
Sie ersah ihn leider darnach nicht wieder gesund.
Da ritten sie von dannen in einen tiefen Tann 954
Der Kurzweile willen; manch kühner Rittersmann
Ritt mit dem König; hinaus gesendet ward
Auch viel der edeln Speise, die sie brauchten zu der Fahrt.
Manch Saumross zog beladen vor ihnen überrhein, 955
Das den Jagdgesellen das Brot trug und den Wein,
Das Fleisch mit den Fischen und Vorrath aller Art,
Wie sie ein reicher König wohl haben mag auf der Fahrt.
Da ließ man herbergen bei dem Walde grün 956
Vor des Wildes Wechsel die stolzen Jäger kühn,
Wo sie da jagen wollten, auf breitem Angergrund.
Auch Siegfried war gekommen: das ward dem Könige kund.
Von den Jagdgesellen ward umhergestellt 957
Die Wart an allen Enden: da sprach der kühne Held,
Siegfried der starke: "Wer soll uns in den Wald
Nach dem Wilde weisen, ihr Degen kühn und wohlgestalt?"
"Wollen wir uns scheiden," hub da Hagen an, 958
"Eh wir beginnen zu jagen hier im Tann:
So mögen wir erkennen, ich und der Herre mein,
Wer die besten Jäger bei dieser Waldreise sei'n.
"Leute so wie Hunde, wir theilen uns darein: 959
Dann fährt, wohin ihm lüstet, Jeglicher allein"
Und wer das Beste jagte, dem sagen wir den Dank."
Da weilten die Jäger bei einander nicht mehr lang.
Da sprach der edle Siegfried: "Der Hunde hab ich Rath 960
Bis auf einen Bracken, der so genoßen hat,
Daß er die Fährte spüre der Thiere durch den Tann.
Wir kommen wohl zum Jagen!" sprach der Kriemhilde Mann.
Da nahm ein alter Jäger einen Spürhund hinter sich 961
Und brachte den Herren, eh lange Zeit verstrich,
Wo sie viel Wildes fanden: was des erstöbert ward,
Das erjagten die Gesellen, wie heut noch guter Jäger Art.
Was da der Brack ersprengte, das schlug mit seiner Hand 962
Siegfried der kühne, der Held von Niederland.
Sein Ross lief so geschwinde, daß ihm nicht viel entrann:
Das Lob er bei dem Jagen vor ihnen allen gewann.
Er war in allen Dingen mannhaft genug. 963
Das erste der Thiere, die er zu Tode schlug,
War ein starker Büffel, den traf des Helden Hand:
Nicht lang darauf der Degen einen grimmen Leuen fand.
Als den der Hund ersprengte, schoß er ihn mit dem Bogen 964
Und dem scharfen Pfeile, den er darauf gezogen;
Der Leu lief nach dem Schuße nur dreier Sprünge lang.
Seine Jagdgesellen, die sagten Siegfrieden Dank.
Einen Wisend schlug er wieder darnach und einen Elk, 965
Vier starker Auer nieder und einen grimmen Schelk,
So schnell trug ihn die Mähre, daß ihm nichts entsprang:
Hinden und Hirsche wurden viele sein Fang.
Einen großen Eber trieb der Spürhund auf. 966
Als der flüchtig wurde, da kam in schnellem Lauf
Alles Jagens Meister und nahm zum Ziel ihn gleich.
Anlief das Schwein im Zorne diesen Helden tugendreich.
Da schlug es mit dem Schwerte der Kriemhilde Mann: 967
Das hätt ein andrer Jäger nicht so leicht gethan.
Als er nun gefällt lag, fieng man den Spürhund.
Seine reiche Beute wurde den Burgunden allen kund.
Da sprachen seine Jäger: "Kann es füglich sein, 968
So laßt uns, Herr Siegfried, des Wilds ein Theil gedeihn:
Ihr wollt uns heute leeren den Berg und auch den Tann."
Darob begann zu lächeln der Degen kühn und wohlgethan.
Da vernahm man allenthalben Lärmen und Getos. 969
Von Leuten und von Hunden ward der Schall so groß,
Man hörte widerhallen den Berg und auch den Tann.
Vierundzwanzig Meuten hatten die Jäger losgethan.
Da wurde viel des Wildes vom grimmen Tod ereilt. 970
Sie wähnten es zu fügen, daß ihnen zugetheilt
Der Preis des Jagens würde: das konnte nicht geschehn,
Als bei der Feuerstätte der starke Siegfried ward gesehn.
Die Jagd war zu Ende, doch nicht so ganz und gar, 971
Zu der Feuerstelle brachte der Jäger Schar
Häute mancher Thiere und des Wilds genug.
Hei! was des zur Küche des Königs Ingesinde trug!
Da ließ der König künden den Jägern wohlgeborn, 972
Daß er zum Imbiß wolle; da wurde laut ins Horn
Einmal gestoßen: so machten sie bekannt,
Daß man den edeln Fürsten nun bei den Herbergen fand.
Da sprach ein Jäger Siegfrieds: "Mit eines Hornes Schall 973
Ward uns kund gegeben, Herr, daß wir nun all
Zur Herberge sollen: erwiedre ichs, das behagt."
Da ward nach den Gesellen mit Blasen lange gefragt.
Da sprach der edle Siegfried: "Nun räumen wir den Wald." 974
Sein Ross trug ihn eben; die Andern folgten bald.
Sie ersprengten mit dem Schalle ein Waldthier fürchterlich,
Einen wilden Bären; da sprach der Degen hinter sich:
"Ich schaff uns Jagdgesellen eine Kurzweil. 975
Da seh ich einen Bären: den Bracken löst vom Seil.
Zu den Herbergen soll mit uns der Bär:
Er kann uns nicht entrinnen, und flöh er auch noch so sehr."
Da lös'ten sie den Bracken: der Bär sprang hindann. 976
Da wollt ihn erreiten der Kriemhilde Mann.
Er kam in eine Bergschlucht: da konnt er ihm nicht bei:
Das starke Thier wähnte von den Jägern schon sich frei.
Da sprang von seinem Rosse der stolze Ritter gut 977
Und begann ihm nachzulaufen. Das Thier war ohne Hut,
ES konnt ihm nicht entrinnen: er fieng es allzuhand;
Ohn es zu verwunden, der Degen eilig es band.
Kratzen oder beißen konnt es nicht den Mann. 978
Er band es an den Sattel; auf saß der Schnelle dann
Und bracht es an die Feuerstatt in seinem hohen Muth
Zu einer Kurzweile, dieser Degen kühn und gut.
Er ritt zur Herberge in welcher Herrlichkeit! 979
Sein Sper war gewaltig, stark dazu und breit;
Eine schmucke Waffe hieng ihm herab bis auf den Sporn;
Von rothem Golde führte der Held ein herrliches Horn.
Von beßerm Birschgewande hört ich niemals sagen. 980
Einen Rock von schwarzem Zeuge sah man ihn tragen
Und einen Hut von Zobel, der reich war genug.
Hei! was edler Borten an seinem Köcher er trug!
Ein Vlies von einem Panther war darauf gezogen 981
Des Wohlgeruches wegen. Auch trug er einen Bogen:
Mit einer Winde must ihn ziehen an,
Wer ihn spannen wollte, er hätt es selbst denn gethan.
Von fremden Tierhäuten war all sein Gewand, 982
Das man von Kopf zu Füßen bunt überhangen fand.
Aus dem lichten Rauchwerk zu beiden Seiten hold
An dem kühnen Jägermeister schien manche Flitter von Gold.
Auch führt' er Balmungen, das breite schmucke Schwert: 983
Das war solcher Schärfe, nichts blieb unversehrt,
Wenn man es schlug auf Helme: seine Schneiden waren gut.
Der herrliche Jäger trug gar hoch seinen Muth.
Wenn ich euch der Märe ganz bescheiden soll, 984
So war sein edler Köcher guter Pfeile voll,
Mit goldenen Röhren, die Eisen händebreit.
Was er traf mit Schießen, dem war das Ende nicht weit.
Da ritt der edle Ritter stattlich aus dem Tann. 985
Gunthers Leute sahen, wie er ritt heran.
Sie liefen ihm entgegen und hielten ihm das Ross:
Da trug er an dem Sattel einen Bären stark und groß.
Als er vom Ross gestiegen, löst' er ihm das Band 986
Vom Mund und von den Füßen: die Hunde gleich zur Hand
Begannen laut zu heulen, als sie den Bären sahn.
Das Thier zu Walde wollte: das erschreckte manchen Mann.
Der Bär durch die Küche von dem Lärm gerieth: 987
Hei! was er Küchenknechte da vom Feuer schied!
Gestürzt ward mancher Keßel, verschleudert mancher Brand;
Hei! was man guter Speisen in der Asche liegen fand!
Da sprang von den Sitzen Herr und Knecht zumal. 988
Der Bär begann zu zürnen; der König gleich befahl
Der Hunde Schar zu lösen, die an den Seilen lag;
Und war es Wohl geendet, sie hätten fröhlichen Tag.
Mit Bogen und mit Spießen, man säumte sich nicht mehr, 989
Liefen hin die Schnellen, wo da gieng der Bär;
Doch wollte Niemand schießen, von Hunden wars zu voll.
So laut war das Getöse, daß rings der Bergwald erscholl.
Der Bär begann zu fliehen vor der Hunde Zahl; 990
Ihm konnte Niemand folgen als Kriemhilds Gemahl.
Er erlief ihn mit dem Schwerte, zu Tod er ihn da schlug.
Wieder zu dem Feuer das Gesind den Bären trug.
Da sprachen, die es sahen, er wär ein starker Mann. 991
Die stolzen Jagdgesellen rief man zu Tisch heran.
Auf schönem Anger saßen der Helden da genug.
Hei! was man Ritterspeise vor die stolzen Jäger trug!
Die Schenken waren säumig, sie brachten nicht den Wein; 992
So gut bewirthet mochten sonst Helden nimmer sein.
Wären manche drunter nicht so falsch dabei,
So wären wohl die Degen aller Schanden los und frei.
Des wurde da nicht inne der verrathne kühne Mann, 993
Daß man solche Tücke wider sein Leben spann.
Er war in höfschen Züchten alles Truges bar;
Seines Todes must entgelten, dem es nie ein Frommen war.
Da sprach der edle Siegfried: "Mich verwundert sehr, 994
Man trägt uns aus der Küche doch so viel daher,
Was bringen uns die Schenken nicht dazu den Wein?
Pflegt man so der Jäger, will ich nicht Jagdgeselle sein.
"Ich möcht es doch verdienen, bedächte man mich gut." 995
Von seinem Tisch der König sprach mit falschem Muth:
"Wir büßen euch ein andermal, was heut uns muß entgehn;
Die Schuld liegt an Hagen, der will uns verdursten sehn."
Da sprach von Tronje Hagen: "Lieber Herre mein, 996
Ich wähnte, das Birschen sollte heute sein
Fern im Spechtsharte: den Wein hin sandt ich dort.
Heute giebt es nichts zu trinken, doch vermeid ich es hinfort."
Da sprach der edle Siegfried: "Dem weiß ich wenig Dank: 997
Man sollte sieben Lasten mit Meth und Lautertrank
Mir hergesendet haben; konnte das nicht sein,
So sollte man uns näher gesiedelt haben dem Rhein."
Da sprach von Tronje Hagen: "Ihr edeln Ritter schnell, 998
Ich weiß hier in der Nähe einen kühlen Quell:
Daß ihr mir nicht zürnet, da rath, ich hinzugehn."
Der Rath war manchem Degen zu großem Leide geschehn.
Siegfried den Recken zwang des Durstes Noth; 999
Den Tisch hinwegzurücken der Held alsbald gebot:
Er wollte vor die Berge zu dem Brunnen gehn.
Da war der Rath aus Arglist von den Degen geschehn.