Man hieß das Wild auf Wagen führen in das Land, 1000

Das da verhauen hatte Siegfriedens Hand.

Wer es auch sehen mochte, sprach großen Ruhm ihm nach.

Hagen seine Treue sehr an Siegfrieden brach.

Als sie von dannen wollten zu der Linde breit, 1001

Da sprach von Tronje Hagen: "Ich hörte jederzeit,

Es könne Niemand folgen Kriemhilds Gemahl,

Wenn er rennen wolle; hei! schauten wir das einmal!"

Da sprach von Niederlanden der Degen kühn und gut: 1002

"Das mögt ihr wohl versuchen: wenn ihr mit mir thut

Einen Wettlauf nach dem Brunnen? Soll das geschehn,

So habe der gewonnen, den wir den vordersten sehn."

"Wohl, laßt es uns versuchen," sprach Hagen der Degen. 1003

Da sprach der starke Siegfried: "So will ich mich legen,

Verlier ich, euch zu Füßen nieder in das Gras."

Als er das erhörte, wie lieb war König Gunthern das!

Da sprach der kühne Degen: "Noch mehr will ich euch sagen: 1004

Gewand und Gewaffen will ich bei mir tragen,

Den Wurfspieß samt dem Schilde und all mein Birschgewand."

Das Schwert und den Köcher um die Glieder schnell er band.

Die Kleider vom Leibe zogen die Andern da: 1005

In zwei weißen Hemden man beide stehen sah.

Wie zwei wilde Panther liefen sie durch den Klee;

Man sah bei dem Brunnen den schnellen Siegfried doch eh.

Den Preis in allen Dingen vor Manchem man ihm gab. 1006

Da löst' er schnell die Waffe, den Köcher legt' er ab,

Den starken Spieß lehnt' er an den Lindenast.

Bei des Brunnens Fluße stand der herrliche Gast.

Die höfsche Zucht erwies da Siegfried daran; 1007

Den Schild legt' er nieder, wo der Brunnen rann;

Wie sehr ihn auch dürstete, der Held nicht eher trank

Bis der König getrunken; dafür gewann er übeln Dank.

Der Brunnen war lauter, kühl und auch gut; 1008

Da neigte sich Gunther hernieder zu der Flut.

Als er getrunken hatte, erhob er sich hindann:

Also hätt auch gerne der kühne Siegfried gethan.

Da entgalt er seiner höfschen Zucht; den Bogen und das Schwert 1009

Trug beiseite Hagen von dem Degen werth.

Dann sprang er zurücke, wo er den Wurfspieß fand,

Und sah nach einem Zeichen an des Kühnen Gewand.

Als der edle Siegfried aus dem Brunnen trank, 1010

Er schoß ihn durch das Kreuze, daß aus der Wunde sprang

Das Blut von seinem Herzen an Hagens Gewand.

Kein Held begeht wohl wieder solche Unthat nach der Hand.

Den Gerschaft im Herzen ließ er ihm stecken tief. 1011

Wie im Fliehen Hagen da so grimmig lief,

So lief er wohl auf Erden nie vor einem Mann!

Als da Siegfried Kunde der schweren Wunde gewann,

Der Degen mit Toben von dem Brunnen sprang; 1012

Ihm ragte von der Achsel eine Gerstange lang.

Nun wähnt' er da zu finden Bogen oder Schwert,

Gewiß, so hätt er Hagnen den verdienten Lohn gewährt.

Als der Todwunde da sein Schwert nicht fand, 1013

Da blieb ihm nichts weiter als der Schildesrand.

Den rafft' er von dem Brunnen und rannte Hagen an:

Da konnt ihm nicht entrinnen König Gunthers Unterthan.

Wie wund er war zum Tode, so kräftig doch er schlug, 1014

Daß von dem Schilde nieder wirbelte genug

Des edeln Gesteines; der Schild zerbrach auch fast:

So gern gerochen hätte sich der herrliche Gast.

Da muste Hagen fallen von seiner Hand zu Thal; 1015

Der Anger von den Schlägen erscholl im Wiederhall.

Hätt er sein Schwert in Händen, so wär er Hagens Tod.

Sehr zürnte der Wunde, es zwang ihn wahrhafte Noth.

Seine Farbe war erblichen; er konnte nicht mehr stehn. 1016

Seines Leibes Stärke muste ganz zergehn,

Da er des Todes Zeichen in lichter Farbe trug.

Er ward hernach betrauert von schönen Frauen genug.

Da fiel in die Blumen der Kriemhilde Mann. 1017

Das Blut von seiner Wunde stromweis nieder rann.

Da begann er die zu schelten, ihn zwang die große Noth

Die da gerathen hatten mit Untreue seinen Tod.

Da sprach der Todwunde: "Weh, ihr bösen Zagen, 1018

Was helfen meine Dienste, da ihr mich habt erschlagen?

Ich war euch stäts gewogen und sterbe nun daran.

Ihr habt an euern Freunden leider übel gethan.

"Die sind davon bescholten, so viele noch geborn 1019

Werden nach diesem Tage: ihr habt euern Zorn

Allzusehr gerochen an dem Leben mein.

Mit Schanden geschieden sollt ihr von guten Recken sein."

Hinliefen all die Ritter, wo er erschlagen lag. 1020

Es war ihrer Vielen ein freudeloser Tag.

Wer Treue kannt und Ehre, der hat ihn beklagt:

Das verdient' auch wohl um Alle dieser Degen unverzagt.

Der König der Burgunden klagt' auch seinen Tod. 1021

Da sprach der Todwunde: "Das thut nimmer Noth,

Daß der um Schaden weine, von dem man ihn gewann:

Er verdient groß Schelten, er hätt es beßer nicht gethan."

Da sprach der grimme Hagen: "Ich weiß nicht, was euch reut: 1022

Nun hat doch gar ein Ende, was uns je gedräut.

Es gibt nun nicht manchen, der uns darf bestehn;

Wohl mir, daß seiner Herrschaft durch mich ein End ist geschehn."

"Ihr mögt euch leichtlich rühmen," sprach Der von Niederland. 1023

"Hätt ich die mörderische Weis an euch erkannt,

Vor euch behütet hätt ich Leben wohl und Leib.

Mich dauert nichts auf Erden als Frau Kriemhild mein Weib.

"Nun mög es Gott erbarmen, daß ich gewann den Sohn, 1024

Der jetzt auf alle Zeiten den Vorwurf hat davon,

Daß seine Freunde Jemand meuchlerisch erschlagen:

Hätt ich Zeit und Weile, das müst ich billig beklagen.

"Wohl nimmer hat begangen so großen Mord ein Mann," 1025

Sprach er zu dem König, "als ihr an mir gethan.

Ich erhielt euch unbescholten in großer Angst und Noth;

Ihr habt mir schlimm vergolten, daß ich so wohl es euch bot."

Da sprach im Jammer weiter der todwunde Held: 1026

"Wollt ihr, edler König, noch auf dieser Welt

An Jemand Treue pflegen, so laßt befohlen sein

Doch auf eure Gnade euch die liebe Traute mein.

"Es komm ihr zu Gute, daß sie eure Schwester ist: 1027

Sei aller Fürsten Tugend helft ihr zu jeder Frist.

Mein mögen lange harren mein Vater und mein Lehn:

Nie ist an liebem Freunde einem Weibe so leid geschehn."

Er krümmte sich in Schmerzen, wie ihm die Noth gebot, 1028

Und sprach aus jammerndem Herzen: "Mein mordlicher Tod

Mag euch noch gereuen in der Zukunft Tagen:

Glaubt mir in rechten Treuen, daß ihr euch selber habt erschlagen.

Die Blumen allenthalben waren vom Blute naß. 1029

Da rang er mit dem Tode, nicht lange that er das,

Denn des Todes Waffe schnitt ihn allzusehr.

Da konnte nicht mehr reden dieser Degen kühn und hehr.

Als die Herren sahen den edlen Helden todt, 1030

Sie legten ihn auf einen Schild, der war von Golde roth.

Da giengen sie zu Rathe, wie sie es stellten an,

Daß es verhohlen bliebe, Hagen hab es gethan.

Da sprachen ihrer Viele: "Ein Unfall ist geschehn; 1031

Ihr sollt es alle hehlen und Einer Rede stehn:

Als er allein ritt jagen, der Kriemhilde Mann,

Erschlugen ihn Schächer, als er fuhr durch den Tann."

Da sprach von Tronje Hagen: "Ich bring ihn in das Land. 1032

Mich soll es nicht kümmern, wird es ihr auch bekannt,

Die so betrüben konnte der Königin hohen Muth;

Ich werde wenig fragen, wie sie nun weinet und thut."

Von denselben Brunnen, wo Siegfried ward erschlagen, 1033

Sollt ihr die rechte Wahrheit von mir hören sagen.

Vor dem Odenwalde ein Dorf liegt Odenheim.

Da fließt noch der Brunnen, kein Zweifel kann daran sein.

* * * * *

Siebzehntes Abenteuer.

Wie Siegfried beklagt und begraben ward.

Da harrten sie des Abends und fuhren über Rhein; 1034

Es mochte nie von Helden ein schlimmer Jagen sein.

Ihr Beutewild beweinte noch manches edle Weib:

Sein muste bald entgelten viel guter Weigande Leib.

Von großem Uebermuthe mögt ihr nun hören sagen 1035

Und schrecklicher Rache. Bringen ließ Hagen

Den erschlagen Siegfried von Nibelungenland

Vor eine Kemenate, darin sich Kriemhild befand.

Er ließ ihn ihr verstohlen legen vor die Thür, 1036

Daß sie ihn finden müße, wenn morgen sie herfür

Zu der Mette gienge frühe vor dem Tag,

Deren Frau Kriemhild wohl selten eine verlag.

Da hörte man wie immer zum Münster das Geläut: 1037

Kriemhild die schöne weckte manche Maid.

Ein Licht ließ sie sich bringen, dazu auch ihr Gewand;

Da kam der Kämmrer Einer hin, wo er Siegfrieden fand.

Er sah ihn roth von Blute, all sein Gewand war naß: 1038

Daß sein Herr es wäre, mit Nichten wust er das.

Da trug er in die Kammer das Licht in seiner Hand,

Bei dem da Frau Kriemhild viel leide Märe befand.

Als sie mit den Frauen zum Münster wollte gehn, 1039

"Frau," sprach der Kämmerer, "wollt noch stille stehn:

Es liegt vor dem Gemache ein Ritter todtgeschlagen."

"O weh," sprach da Kriemhild, "was willst du solche Botschaft sagen?"

Eh sie noch selbst gesehen, es sei ihr lieber Mann, 1040

An die Frage Hagens hub sie zu denken an,

Wie er ihn schützen möchte: da ahnte sie ihr Leid.

Mit seinem Tod entsagte sie nun aller Fröhlichkeit.

Da sank sie zur Erden, kein Wort mehr sprach sie da; 1041

Die schöne Freudenlose man da liegen sah.

Kriemhildens Jammer wurde groß und voll;

Sie schrie nach der Ohnmacht, daß all die Kammer erscholl.

Da sprach ihr Gesinde: "Es kann ein Fremder sein." 1042

Das Blut ihr aus dem Munde brach vor Herzenspein.

"Nein, es ist Siegfried, mein geliebter Mann:

Brunhild hats gerathen und Hagen hat es gethan."

Sie ließ sich hingeleiten, wo sie den Helden fand; 1043

Sein schönes Haupt erhob sie mit ihrer weißen Hand.

So roth er war von Blute, sie hat ihn gleich erkannt:

Da lag zu großem Jammer der Held von Nibelungenland.

Da rief in Jammerlauten die Königin mild: 1044

"O weh mir dieses Leides! Nun ist dir doch dein Schild

Mit Schwertern nicht verhauen! dich fällte Meuchelmord.

Und wüst ich, wer der Thäter wär, ich wollt es rächen immerfort."

All ihr Ingesinde klagte laut und schrie 1045

Mit seiner lieben Frauen; heftig schmerzte sie

Ihr edler Herr und König, den sie da sahn verlorn.

Gar übel hatte Hagen gerochen Brunhildens Zorn.

Da sprach die Jammerhafte: "Nun soll Einer gehn 1046

Und mir in Eile wecken Die in Siegfrieds Lehn

Und soll auch Siegmunden meinen Jammer sagen,

Ob er mir helfen wolle den kühnen Siegfried beklagen."

Da lief dahin ein Bote, wo er sie liegen fand, 1047

Siegfriedens Helden von Nibelungenland.

Mit den leiden Mären die Freud er ihnen nahm;

Sie wollten es nicht glauben, bis man das Weinen vernahm.

Auch kam dahin der Bote, wo der König lag. 1048

Siegmund der Herre keines Schlafes pflag,

Als ob das Herz ihm sagte, was ihm wär geschehn,

Er sollte seinen lieben Sohn lebend nimmer wiedersehn.

"Wacht auf, König Siegmund, mich hieß nach euch gehn 1049

Kriemhild, meine Herrin; der ist ein Leid geschehn,

Das ihr vor allem Leide wohl das Herz versehrt;

Das sollt ihr klagen helfen, da es auch euch widerfährt."

Auf richtete sich Siegmund und sprach: "Was beklagt 1050

Denn die schöne Kriemhild, wie du mir hast gesagt?"

Der Bote sprach mit Weinen: "Sie hat wohl Grund zu klagen

Es liegt von Niederlanden der kühne Siegfried erschlagen."

Da sprach König Siegmund: "Laßt das Scherzen sein 1051

Mit so böser Märe von dem Sohne mein

Und sagt es Niemand wieder, daß er sei erschlagen,

Denn ich könnt ihn nie genug bis an mein Ende beklagen."

"Und wollt ihr nicht glauben, was ihr mich höret sagen, 1052

So vernehmet selber Kriemhilden klagen

Und all ihr Ingesinde um Siegfriedens Tod."

Wie erschrak da Siegmund: es schuf ihm wahrhafte Noth.

Mit hundert seiner Mannen er von dem Bette sprang. 1053

Sie zuckten zu den Händen die scharfen Waffen lang

Und liefen zu dem Wehruf jammersvoll heran.

Da kamen tausend Recken, dem kühnen Siegfried unterthan.

Als sie so jämmerlich die Frauen hörten klagen, 1054

Da kam Vielen erst in Sinn, sie müsten Kleider tragen.

Wohl mochten sie vor Schmerzen des Sinnes Macht nicht haben:

Es lag in ihrem Herzen große Schwere begraben.

Da kam der König Siegmund hin, wo er Kriemhild fand. 1055

Er sprach: "O weh der Reise hierher in dieses Land!

Wer hat euch euern Gatten, wer hat mir mein Kind

So mordlich entrißen, da wir bei guten Freunden sind?"

"Ja, kennt ich Den," versetzte die edle Königin, 1056

"Hold würd ihm nimmer mein Herz noch mein Sinn:

Ich rieth' ihm so zum Leide, daß all die Freunde sein

Mit Jammer weinen müsten, glaubt mir, von wegen mein."

Siegmund mit Armen den Fürsten umschloß; 1057

Da ward von seinen Freunden der Jammer also groß,

Daß von dem lauten Wehruf Palas und Saal

Und Worms die weite Veste rings erscholl im Widerhall.

Da konnte Niemand trösten Siegfriedens Weib, 1058

Man zog aus den Kleidern seinen schönen Leib,

Wusch ihm seine Wunde und legt' ihn auf die Bahr;

Allen seinen Leuten wie weh vor Jammer da war!

Es sprachen seine Recken aus Nibelungenland: 1059

"Immer ihn zu rächen bereit ist unsre Hand.

Er ist in diesem Hause, von dem es ist geschehn."

Da eilten sich zu waffnen die Degen in Siegfrieds Lehn.

Die Auserwählten kamen in ihrer Schilde Wehr, 1060

Elfhundert Recken; die hatt in seinem Heer

Siegmund der König: seines Sohnes Tod

Hätt er gern gerochen, wie ihm die Treue gebot.

Sie wusten nicht, wen sollten sie im Streit bestehn, 1061

Wenn es nicht Gunther wäre und Die in seinem Lehn,

Die zur Jagd mit Siegfried geritten jenen Tag.

Kriemhild sah sie gewaffnet: das schuf ihr großes Ungemach.

Wie stark auch ihr Jammer, wie groß war ihre Noth, 1062

Sie besorgte doch so heftig der Nibelungen Tod

Von ihrer Brüder Mannen, daß sie dawider sprach:

Sie warnte sie in Liebe, wie immer Freund mit Freunden pflag.

Da sprach die Jammerreiche: "Herr König Siegmund, 1063

Was wollt ihr beginnen? Euch ist wohl nicht kund,

Es hat der König Gunther so manchen kühnen Mann:

Ihr wollt euch all verderben, greift ihr solche Recken an."

Mit auferhobnen Schilden that ihnen Streiten Noth. 1064

Die edle Königstochter bat und gebot,

Daß es meiden sollten die Recken allbereit.

Daß sie's nicht laßen wollten, das war ein grimmiges Leid.

Sie sprach: "Herr König Siegmund, steht damit noch an, 1065

Bis es sich beßer fügte: so will ich meinen Mann

Euch immer rächen helfen. Der mir ihn hat benommen,

Wird es mir bewiesen, es muß ihm noch zu Schaden kommen.

"Es sind der Uebermüthigen hier am Rhein so viel, 1066

Daß ich euch zum Streite jetzt nicht rathen will:

Sie haben wider Einen immer dreißig Mann;

Laß ihnen Gott gelingen, wie sie uns haben gethan.

"Bleibt hier im Hause und tragt mit mir das Leid, 1067

Bis es beginnt zu tagen, ihr Helden allbereit:

Dann helft ihr mir besargen meinen lieben Mann."

Da sprachen die Degen: "Liebe Frau, das sei gethan."

Es könnt euch des Wunders ein Ende Niemand sagen, 1068

Die Ritter und die Frauen, wie man sie hörte klagen,

Bis man des Wehrufs ward in der Stadt gewahr.

Die edeln Bürger kamen daher in eilender Schar.

Sie klagten mit den Gästen: sie schmerzte der Verlust. 1069

Was Siegfried verschulde, war ihnen unbewust,

Weshalb der edle Recke Leben ließ und Leib.

Da weinte mit den Frauen manchen guten Bürgers Weib.

Schmiede hieß man eilen und würken einen Sarg 1070

Von Silber und von Golde, mächtig und stark,

Und ließ ihn wohl beschlagen mit Stahl, der war gut.

Da war allen Leuten das Herz beschwert und der Muth.

Die Nacht war vergangen: man sagt', es wolle tagen. 1071

Da ließ die edle Königin hin zum Münster tragen

Diesen edeln Todten, ihren lieben Mann.

Mit ihr giengen weinend, was sie der Freunde gewann.

Da sie zum Münster kamen, wie manche Glocke klang! 1072

Allenthalben hörte man der Pfaffen Sang.

Da kam der König Gunther hinzu mit seinem Lehn

Und auch der grimme Hagen; es wäre klüger nicht geschehn.

Er sprach: "Liebe Schwester, o weh des Leides dein; 1073

Daß wir nicht ledig mochten so großen Schadens sein!

Wir müßen immer klagen um Siegfriedens Tod."

"Daran thut ihr Unrecht," sprach die Frau in Jammersnoth.

"Wenn euch das betrübte, so wär es nicht geschehn. 1074

Ihr hattet mein vergeßen, das muß ich wohl gestehn,

Als ich so geschieden ward von meinem lieben Mann.

Wollte Gott vom Himmel, mir selber war es gethan."

Sie hielten sich am Läugnen. Da hub Kriemhild an: 1075

"Wer unschuldig sein will, leicht ist es dargethan,

Er darf nur zu der Bahre hier vor dem Volke gehn:

Da mag man gleich zur Stelle sich der Wahrheit versehn."

Das ist ein großes Wunder, wie es noch oft geschieht, 1076

Wenn man den Mordbefleckten bei dem Todten sieht,

So bluten ihm die Wunden, wie es auch hier geschah;

Daher man nun der Unthat sich zu Hagen versah.

Die Wunden floßen wieder so stark als je vorher. 1077

Die erst schon heftig klagten, die weinten nun noch mehr.

Da sprach König Gunther: "Nun hört die Wahrheit an:

Ihn erschlugen Schächer; Hagen hat es nicht gethan."

Sie sprach: "Diese Schächer sind mir wohl bekannt: 1078

Nun laß es Gott noch rächen von seiner Freunde Hand!

Gunther und Hagen, ja ihr habt es gethan."

Da wollten wieder streiten Die Siegfrieden unterthan.

Da sprach aber Kriemhild: "Ertragt mit mir die Noth." 1079

Da kamen auch die Beiden, wo sie ihn fanden todt,

Gernot ihr Bruder und Geiselher das Kind.

Sie beklagten ihn in Treuen; ihre Augen wurden thränenblind.

Sie weinten von Herzen um Kriemhildens Mann. 1080

Man wollte Messe singen: zum Münster heran

Sah man allenthalben Frauen und Männer ziehn,

Die ihn doch leicht verschmerzten, weinten alle jetzt um ihn.

Geiselher und Gernot sprachen: "Schwester mein, 1081

Nun tröste dich des Todes, es muß wohl also sein.

Wir wollen dirs ersetzen, so lange wir leben."

Da wust ihr auf Erden Niemand doch Trost zu geben.

Sein Sarg war geschmiedet wohl um den hohen Tag; 1082

Man hob ihn von der Bahre, darauf der Todte lag.

Da wollt ihn noch die Königin nicht laßen begraben:

Es musten alle Leute große Mühsal erst haben.

In kostbare Zeuge man den Todten wand. 1083

Gewiss daß man da Niemand ohne Weinen fand.

Aus ganzem Herzen klagte Ute das edle Weib

Und all ihr Ingesinde um Siegfrieds herrlichen Leib.

Als die Leute hörten, daß man im Münster sang 1084

Und ihn besargt hatte, da hob sich großer Drang:

Um seiner Seele willen was man da Opfer trug!

Er hatte bei den Feinden doch guter Freunde genug.

Kriemhild die arme zu den Kämmerlingen sprach: 1085

"Ihr sollt mir zu Liebe leiden Ungemach:

Die ihm Gutes gönnen und mir blieben hold,

Um Siegfriedens Seele verteilt an diese sein Gold."

Da war kein Kind so kleine, mocht es Verstand nur haben, 1086

Das nicht zum Opfer gienge, eh er ward begraben.

Wohl an hundert Messen man des Tages sang.

Von Siegfriedens Freunden hob sich da mächtiger Drang.

Als die gesungen waren, verlief die Menge sich. 1087

Da sprach wieder Kriemhild: "Nicht einsam sollt ihr mich

Heunt bewachen laßen den auserwählten Degen:

Es ist an seinem Leibe all meine Freude gelegen.

"Drei Tag und drei Nächte will ich verwachen dran, 1088

Bis ich mich ersättige an meinem lieben Mann.

Vielleicht daß Gott gebietet, daß mich auch nimmt der Tod:

So wäre wohl beendet der armen Kriemhilde Noth."

Zur Herberge giengen die Leute von der Stadt. 1089

Die Pfaffen und die Mönche sie zu verweilen bat

Und all sein Ingesinde, das sein billig pflag.

Sie hatten üble Nächte und gar mühselgen Tag.

Ohne Trank und Speise verblieb da mancher Mann. 1090

Wers nicht gern entbehrte, dem ward kund gethan,

Man gab ihm gern die Fülle: das schuf Herr Siegmund.

Da ward den Nibelungen viel Noth und Beschwerde kund.

In diesen dreien Tagen, so hörten wir sagen, 1091

Muste mit Kriemhilden viel Mühsal ertragen,

Wer da singen konnte. Was man auch Opfer trug!

Die eben arm gewesen, die wurden nun reich genug.

Was man fand der Armen, die es nicht mochten haben, 1092

Die ließ sie mit dem Golde bringen Opfergaben

Aus seiner eignen Kammer: er durfte nicht mehr leben,

Da ward um seine Seele manches Tausend Mark gegeben.

Güter und Gefälle vertheilte sie im Land, 1093

So viel man der Klöster und guter Leute fand.

Silber gab man und Gewand den Armen auch genug.

Sie ließ es wohl erkennen, wie holde Liebe sie ihm trug.

An dem dritten Morgen zur rechten Messezeit 1094

Sah man bei dem Münster den ganzen Kirchhof weit

Von der Landleute Weinen also voll:

Sie dienten ihm im Tode, wie man lieben Freunden soll.

In diesen vier Tagen, so hört ich immerdar, 1095

Wol an dreißigtausend Mark oder mehr noch gar

Ward um seine Seele den Armen hingegeben,

Indes war gar zerronnen seine große Schöne wie sein Leben.

Als vom Gottesdienste verhallt war der Gesang, 1096

Mit ungefügem Leide des Volkes Menge rang.

Man ließ ihn aus dem Münster zu dem Grabe tragen.

Da hörte man auch anders nichts als Weinen und Klagen.

Das Volk mit lautem Wehruf schloß im Zug sich an: 1097

Froh war da Niemand, weder Weib noch Mann.

Eh er bestattet wurde, las und sang man da:

Hei! was man guter Pfaffen bei seiner Bestattung sah!

Bevor da zu dem Grabe kam das getreue Weib, 1098

Rang sie mit solchem Jammer um Siegfriedens Leib,

Daß man sie mit Wasser vom Brunnen oft begoß:

Ihres Herzens Kummer war über die Maßen groß.

Es war ein großes Wunder, daß sie zu Kräften kam. 1099

Es halfen ihr mit Klagen viel Frauen lobesam.

"Ihr, meines Siegfrieds Mannen," sprach die Königin,

"Erweist mir eine Gnade aus erbarmendem Sinn.

"Laßt mir nach meinem Leide die kleinste Gunst geschehn", 1100

Daß ich sein schönes Angesicht noch einmal dürfe sehn,"

Da bat sie im Jammer so lang und so stark,

Daß man zerbrechen muste den schön geschmiedeten Sarg.

Hin brachte man die Königin, wo sie ihn liegen fand. 1101

Sein schönes Haupt erhob sie mit ihrer weißen Hand

Und küsste so den Todten, den edeln Ritter gut:

Ihre lichten Augen vor Leide weinten sie Blut.

Ein jammervolles Scheiden sah man da geschehn. 1102

Man trug sie von dannen, sie vermochte nicht zu gehn.

Da lag ohne Sinne das herrliche Weib:

Vor Leid wollt ersterben ihr viel wonniglicher Leib.

Als der edle Degen also begraben war, 1103

Sah man in großem Leide die Helden immerdar,

Die ihn begleitet hatten aus Nibelungenland:

Fröhlich gar selten man da Siegmunden fand.

Wohl Mancher war darunter, der drei Tage lang 1104

Vor dem großen Leide weder aß noch trank;

Da konnten sie's nicht länger dem Leib entziehen mehr:

Sie genasen von den Schmerzen, wie noch Mancher wohl seither.

Kriemhild der Sinne ledig in Ohnmächten lag 1105

Den Tag und den Abend bis an den andern Tag.

Was Jemand sprechen mochte, es ward ihr gar nicht kund.

Es lag in gleichen Nöthen auch der König Siegmund.

Kaum daß ihn zur Besinnung zu bringen noch gelang. 1106

Seine Kräfte waren von starkem Leide krank:

Das war wohl kein Wunder. Die in seiner Pflicht

sprachen: "Laßt uns heimziehn: es duldet uns hier länger nicht."

* * * * *

Achtzehntes Abenteuer.

Wie Siegmund heimkehrte und Kriemhild daheim blieb.

Der Schwäher Kriemhildens gieng hin, wo er sie fand. 1107

Er sprach zu der Königin: "Laßt uns in unser Land:

Wir sind unliebe Gäste, wähn ich, hier am Rhein.

Kriemhild, liebe Fraue, nun folgt uns zu dem Lande mein.

"Daß man in diesen Landen uns so verwaiset hat 1108

Eures edeln Mannes durch böslichen Verrath,

Ihr sollt es nicht entgelten: hold will ich euch sein

Aus Liebe meines Sohnes und des edeln Kindes sein.

"Ihr sollt auch, Frau, gebieten mit all der Gewalt, 1109

Die Siegfried euch verstattete, der Degen wohlgestalt.

Das Land und auch die Krone soll euch zu Diensten stehn.

Euch sollen gern gehorchen Die in Siegfriedens Lehn."

Da sagte man den Knechten: "Wir reiten heim vor Nacht." 1110

Da sah man nach den Rossen eine schnelle Jagd:

Bei den verhaßten Feinden zu leben war ein Leid.

Den Frauen und den Maiden suchte man ihr Reisekleid.

Als König Siegmund gerne weggeritten wär, 1111

Da bat ihre Mutter Kriemhilden sehr,

Sie sollte bei den Freunden im Lande doch bestehn.

Da sprach die Freudenarme: "Das könnte schwerlich geschehn.

"Wie vermocht ichs, mit den Augen den immer anzusehn, 1112

Von dem mir armen Weibe so leid ist geschehn?"

Da sprach der junge Geiselher: "Liebe Schwester mein,

Du sollst bei deiner Treue hier mit deiner Mutter sein.

"Die dir das Herz beschwerten und trübten dir den Muth, 1113

Du bedarfst nicht ihrer Dienste, du zehrst von meinem Gut."

Sie sprach zu dem Recken: "Wie könnte das geschehn?

Vor Leide müst ich sterben, wenn ich Hagen sollte sehn."

"Dessen überheb ich dich, viel liebe Schwester mein. 1114

Du sollst bei deinem Bruder Geiselher hier sein;

Ich will dir wohl vergüten deines Mannes Tod."

Da sprach die Freudenlose: "Das wäre Kriemhilden Noth."

Als es ihr der Junge so gütlich erbot, 1115

Da begannen auch zu flehen Ute und Gernot

Und ihre treuen Freunde, sie möchte da bestehn:

Sie hätte wenig Sippen unter Siegfriedens Lehn.

"Sie sind euch alle fremde," sprach da Gernot. 1116

"Wie stark auch einer gelte, so rafft ihn doch der Tod.

Bedenkt das, liebe Schwester, und tröstet euern Muth:

Bleibt hier bei euern Freunden, es geräth euch wahrlich gut."

Da gelobte sie dem Bruder, im Lande zu bestehn. 1117

Man zog herbei die Rosse Denen in Siegmunds Lehn,

Als sie reiten wollten gen Nibelungenland;

Da war auch aufgeladen der Recken Zeug und Gewand.

Da gieng König Siegmund vor Kriemhilden stehn 1118

Und sprach zu der Frauen: "Die in Siegfrieds Lehn

Warten bei den Rossen: reiten wir denn hin,

Da ich gar so ungern hier bei den Burgunden bin."

Frau Kriemhild sprach: "Mir rathen hier die Freunde mein, 1119

Die besten, die ich habe, bei ihnen soll' ich sein.

Ich habe keinen Blutsfreund in Nibelungenland."

Leid war es Siegmunden, da er dieß an Kriemhild fand.

Da sprach König Siegmund: "Das laßt euch Niemand sagen: 1120

Vor allen meinen Freunden sollt ihr die Krone tragen

Nach rechter Königswürde, wie ihr vordem gethan:

Ihr sollt es nicht entgelten, daß ihr verloren habt den Mann.

"Fahrt auch mit uns zur Heimat um euer Kindelein: 1121

Das sollt ihr eine Waise, Frau, nicht laßen sein.

Ist euer Sohn erwachen, er tröstet euch den Muth.

Derweil soll euch dienen mancher Degen kühn und gut."

Sie sprach: "Mein Herr Siegmund, ich kann nicht mit euch gehn. 1122

Ich muß hier verbleiben, was halt mir mag geschehn,

Bei meinen Anverwandten, die mir helfen klagen."

Da wollten diese Mären den guten Recken nicht behagen.

Sie sprachen einhellig: "So möchten wir gestehn, 1123

Es sei in dieser Stunde uns erst ein Leid geschehn.

Wollt ihr hier im Lande bei unsern Feinden sein,

So könnte Helden niemals eine Hoffahrt übler gedeihn."

"Ihr sollt ohne Sorge Gott befohlen fahren: 1124

Ich schaff euch gut Geleite und heiß euch wohl bewahren

Bis zu euerm Lande; mein liebes Kindelein

Das soll euch guten Recken auf Gnade befohlen sein."

Als sie das recht vernahmen, sie wolle nicht hindann, 1125

Da huben Siegfrieds Mannen all zu weinen an.

Mit welchem Herzensjammer nahm da Siegmund

Urlaub von Kriemhilden! Da ward ihm Unfreude kund.

"Weh dieses Hofgelages!" sprach der König hehr. 1126

"Einem König und den Seinen geschieht wohl nimmermehr

Einer Kurzweil willen, was uns hier ist geschehn:

Man soll uns nimmer wieder hier bei den Burgunden sehn."

Da sprachen laut die Degen in Siegfriedens Heer: 1127

"Wohl möchte noch die Reise geschehen hieher,

Wenn wir den nur fanden, der uns den Herrn erschlug.

Sie haben Todfeinde bei seinen Freunden genug."

Er küsste Kriemhilden: kläglich sprach er da, 1128

Als er daheim zu bleiben sie so entschloßen sah:

"Wir reiten arm an Freuden nun heim in unser Land!

All mein Kummer ist mir erst jetzo bekannt."

Sie ritten ungeleitet von Worms an den Rhein: 1129

Sie mochten wohl des Muthes in ihrem Sinne sein,

Wenn sie in Feindschaft würden angerannt,

Daß sich schon wehren solle der kühnen Niblungen Hand.

Sie erbaten Urlaub von Niemanden sich. 1130

Da sah man Geiselheren und Gernot minniglich

Zu dem König kommen; ihnen war sein Schade leid:

Das ließen ihn wohl schauen die kühnen Helden allbereit.

Da sprach wohlgezogen der kühne Gernot: 1131

"Wohl weiß es Gott im Himmel, an Siegfriedens Tod

Bin ich ganz unschuldig: ich hört auch niemals sagen,

Wer ihm Feind hier wäre: ich muß ihn billig beklagen."

Da gab ihm gut Geleite Geiselher das Kind. 1132

Er bracht ohne Sorgen, die sonst bei Leide sind,

Den König und die Recken heim nach Niederland.

Wie wenig der Verwandten man dort fröhlich wiederfand!

Wie's ihnen nun ergangen ist, weiß ich nicht zu sagen. 1133

Man hörte hier Kriemhilden zu allen Zeiten klagen,

Daß ihr Niemand tröstete das Herz noch den Muth

Als ihr Bruder Geiselher: der war getreu und auch gut.

Brunhild die schöne des Uebermuthes pflag: 1134

Wie viel Kriemhild weinte, was fragte sie darnach!

Sie war zu Lieb und Treue ihr nimmermehr bereit;

Bald schuf auch ihr Frau Kriemhild wohl so ungefüges Leid.

* * * * *

Neunzehntes Abenteuer.

Wie der Nibelungenhort nach Worms kam.

Als die edle Kriemhild so verwitwet ward, 1135

Blieb bei ihr im Lande der Markgraf Eckewart

Zurück mit seinen Mannen, wie ihm die Treu gebot.

Er diente seiner Frauen willig bis an seinen Tod.

Zu Worms am Münster wies man ihr ein Gezimmer an, 1136

Weit und geräumig, reich und wohlgethan,

Wo mit dem Gesinde die Freudenlose saß.

Sie gieng zur Kirche gerne, mit großer Andacht that sie das.

Wo ihr Freund begraben lag, wie fleißig gieng sie 1137

Sie that es alle Tage mit trauerndem Sinn

Und bat seiner Seele Gott den Herrn zu pflegen:

Gar oft bejammert wurde mit großer Treue der Degen.

Ute und ihr Gesinde sprachen ihr immer zu, 1138

Und doch im wunden Herzen fand sie so wenig Ruh,

Es konnte nicht verfangen der Trost, den man ihr bot.

Sie hatte nach dem Freunde die allergrößeste Noth,

Die nach liebem Manne je ein Weib gewann: 1139

Ihre große Treue ersah man wohl daran.

Sie klagt' ihn bis zu Ende, da sie zu sterben kam.

Bald rächte sie gewaltig mit großer Treue den Gram.

Sie saß in ihrem Leide, das ist alles wahr, 1140

Nach ihres Mannes Tode bis in das vierte Jahr

Und hatte nie zu Gunthern gesprochen einen Laut

Und auch Hagen ihren Feind in all der Zeit nicht erschaut.

Da sprach von Tronje Hagen: "Könnte das geschehn, 1141

Daß ihr euch die Schwester gewogen möchtet sehn,

So käm zu diesem Lande der Nibelungen Gold:

Des mögt ihr viel gewinnen, wird uns die Königin hold."

"Wir wollen es versuchen," sprach der König hehr. 1142

"Es sollen für uns bitten Gernot und Geiselher,

Bis sie es erlangen, daß sie das gerne sieht."

"Ich glaube nicht," sprach Hagen, "daß es jemals geschieht."

Da befahl er Ortweinen hin an Hof zu gehn 1143

Und dem Markgrafen Gere: als das war geschehn,

Brachte man auch Gernot und Geiselhern das Kind:

Da versuchten bei Kriemhilden sie es freundlich und gelind.

Da sprach von Burgunden der kühne Gernot: 1144

"Frau, ihr klagt zu lange um Siegfriedens Tod.

Der König will euch zeigen, er hab ihn nicht erschlagen:

Man hört zu allen Zeiten euch so heftig um ihn klagen."

Sie sprach: "Des zeiht ihn Niemand, ihn schlug Hagens Hand. 1145

Wo er verwundbar wäre, macht ich ihm bekannt.

Wie konnt ich michs versehen, er trüg ihm Haß im Sinn!

Sonst hätt ichs wohl vermieden," sprach die edle Königin,

"Daß ich verraten hätte seinen schönen Leib: 1146

So ließ' ich nun mein Weinen, ich unselig Weib!

Hold werd ich ihnen nimmer, die das an ihm gethan!"

Zu flehn begann da Geiselher, dieser waidliche Mann.

Sie sprach: "Ich muß ihn grüßen, ihr liegt zu sehr mir an. 1147

Von euch ist's große Sünde: Gunther hat mir gethan

So viel Herzeleides ganz ohne meine Schuld:

Mein Mund schenkt ihm Verzeihung, mein Herz ihm nimmer die Huld."

"Hernach wird es beßer," ihre Freunde sprachen so. 1148

"Wenn ers zu Wege brächte, daß wir sie sähen froh!"

"Er mags ihr wohl vergüten," sprach da Gernot.

Da sprach die Jammersreiche: "Seht, nun leist ich eur Gebot:

"Ich will den König grüßen." Als er das vernahm, 1149

Mit seinen besten Freunden der König zu ihr kam.

Da getraute Hagen sich nicht, zu ihr zu gehn:

Er kannte seine Schuld wohl: ihr war Leid von ihm geschehn.

Als sie verschmerzen wollte auf Gunther den Haß, 1150

Daß er sie küssen sollte, wohl ziemte sich ihm das.

Wär ihr mit seinem Willen so leid nicht geschehn,

So dürft er dreisten Muthes immer zu Kriemhilden gehn.

Es ward mit so viel Thränen nie eine Sühne mehr 1151

Gestiftet unter Freunden. Sie schmerzt' ihr Schade sehr.

Doch verzieh sie allen bis auf den Einen Mann:

Niemand hätt ihn erschlagen, hätt es Hagen nicht gethan.

Nun währt' es nicht mehr lange, so stellten sie es an, 1152

Daß die Königstochter den großen Hort gewann

Vom Nibelungenlande und bracht ihn an den Rhein:

Ihre Morgengabe war es und must ihr billig eigen sein.

Nach diesem fuhr da Geiselher und auch Gernot. 1153

Achtzighundert Mannen Frau Kriemhild gebot,

Daß sie ihn holen sollten, wo er verborgen lag

Und sein der Degen Alberich mit seinen besten Freunden pflag.

Als man des Schatzes willen vom Rhein sie kommen sah, 1154

Alberich der kühne sprach zu den Freunden da:

"Wir dürfen ihr wohl billig den Hort nicht entziehn,

Da sein als Morgengabe heischt die edle Künigin.

"Dennoch sollt es nimmer," sprach Alberich, "geschehn, 1155

Müsten wir nicht leider uns verloren sehn

Die gute Tarnkappe mit Siegfried zumal,

Die immer hat getragen der schönen Kriemhild Gemahl.

"Nun ist es Siegfrieden leider schlimm bekommen, 1156

Daß die Tarnkappe der Held uns hat genommen,

Und daß ihm dienen muste all dieses Land."

Da gieng dahin der Kämmerer, wo er die Schlüßel liegen fand.

Da standen vor dem Berge, die Kriemhild gesandt, 1157

Und mancher ihrer Freunde: man ließ den Schatz zur Hand

Zu dem Meere bringen an die Schiffelein

Und führt' ihn auf den Wellen bis zu Berg in den Rhein.

Nun mögt ihr von dem Horte Wunder hören sagen: 1158

Zwölf Leiterwagen konnten ihn kaum von dannen tragen

In vier Tag und Nächten aus des Berges Schacht,

Hätten sie des Tages den Weg auch dreimal gemacht.

Es war auch nichts anders als Gestein und Gold. 1159

Und hätte man die ganze Welt erkauft mit diesem Gold,

Um keine Mark vermindern möcht es seinen Werth.

Wahrlich Hagen hatte nicht ohne Grund sein begehrt.

Der Wunsch lag darunter, ein golden Rüthelein: 1160

Wer es hätt erkundet, der möchte Meister sein

Auf der weiten Erde wohl über jeden Mann.

Von Albrichs Freunden zogen mit Gernot Viele hinan.

Als Gernot der Degen und der junge Geiselher 1161

Des Horts sich unterwanden, da wurden sie auch Herr

Des Landes und der Burgen und der Recken wohlgestalt:

Die musten ihnen dienen zumal durch Furcht und Gewalt.

Als sie den Hort gewannen in König Gunthers Land, 1162

Und sich darob die Königin der Herrschaft unterwand,

Kammern und Thürme die wurden voll getragen;

Man hörte nie von Schätzen so große Wunder wieder sagen.

Und wären auch die Schätze noch größer tausendmal, 1163

Und wär der edle Siegfried erstanden von dem Fall,

Gern wäre bei ihm Kriemhild geblieben hemdebloß.

Nie war zu einem Helden eines Weibes Treue so groß.

Als sie den Hort nun hatte, da brachte sie ins Land 1164

Viel der fremden Recken; wohl gab der Frauen Hand,

Daß man so große Milde nie zuvor gesehn.

Sie übte hohe Güte: das muste man ihr zugestehn.

Den Armen und den Reichen zu geben sie begann. 1165

Hagen sprach zum König: "Läßt man sie so fortan

Noch eine Weile schalten, so wird sie in ihr Lehn

So manchen Degen bringen, daß es uns übel muß ergehn."

Da sprach König Gunther: "Ihr gehört das Gut: 1166

Wie darf ich mich drum kümmern, was sie mit ihm thut?

Ich konnt es kaum erlangen, daß sie mir wurde hold;

Nicht frag ich, wie sie theilet ihr Gestein und rohes Gold."

Hagen sprach zum König: "Es vertraut ein kluger Mann 1167

Doch solche Schätze billig keiner Frauen an:

Sie bringt es mit Gaben wohl noch an den Tag,

Da es sehr gereuen die kühnen Burgunden mag."

Da sprach König Gunther: "Ich schwur ihr einen Eid, 1168

Daß ich ihr nie wieder fügen wollt ein Leid,

Und will es künftig meiden: sie ist die Schwester mein."

Da sprach wieder Hagen: "Laßt mich den Schuldigen sein."

Sie nahmen ihre Eide meistens schlecht in Hut: 1169

Da raubten sie der Witwe das mächtige Gut.

Hagen aller Schlüßel dazu sich unterwand.

Ihr Bruder Gernot zürnte, als ihm das wurde bekannt.

Da sprach der junge Geiselher: "Viel Leides ist geschehn 1170

Von Hagen meiner Schwester: dem sollt ich widerstehn:

Wär er nicht mein Blutsfreund, es gieng' ihm an den Leib."

Wieder neues Weinen begann da Siegfriedens Weib.

Da sprach König Gernot: "Eh wir solche Pein 1171

Um dieses Gold erlitten, wir solltens in den Rhein

All versenken laßen: so gehört' es Niemand an."

Sie kam mit Klaggebärde da zu Geiselher heran.

Sie sprach: "Lieber Bruder, du sollst gedenken mein, 1172

Lebens und Gutes sollst du ein Vogt mir sein."

Da sprach er zu der Schwester: "Gewiss, es soll geschehn,

Wenn wir wiederkommen: eine Fahrt ist zu bestehn."

Gunther und seine Freunde räumten das Land, 1173

Die allerbesten drunter, die man irgend fand;

Hagen nur alleine verblieb um seinen Haß,

Den er Kriemhilden hegte: ihr zum Schaden that er das.

Eh der reiche König wieder war gekommen, 1174

Derweil hatte Hagen den ganzen Schatz genommen:

Er ließ ihn bei dem Loche versenken in den Rhein.

Er wähnt', er sollt ihn nutzen; das aber konnte nicht sein.

Bevor von Tronje Hagen den Schatz also verbarg, 1175

Da hatten sie's beschworen mit Eiden hoch und stark,

Daß er verhohlen bliebe, so lang sie möchten leben:

So konnten sie's sich selber noch auch Jemand anders geben.

Die Fürsten kamen wieder, mit ihnen mancher Mann. 1176

Kriemhild den großen Schaden zu klagen da begann

Mit Mägdlein und Frauen; sie hatten Herzensnoth.

Da stellten sich die Degen, als sännen sie auf seinen Tod.

Sie sprachen einhellig: "Er hat nicht wohlgethan." 1177

Bis er zu Freunden wieder die Fürsten sich gewann,

Entwich er ihrem Zorne: sie ließen ihn genesen;

Aber Kriemhild konnt ihm wohl nicht feinder sein gewesen.

Mit neuem Leide wieder belastet war ihr Muth, 1178

Erst um des Mannes Leben und nun, da sie das Gut

Ihr so gar benahmen: da ruht' auch ihre Klage,

So lang sie lebte, nimmer bis zu ihrem jüngsten Tage.

Nach Siegfriedens Tode, das ist alles wahr, 1179

Lebte sie im Leide noch dreizehen Jahr,

Daß ihr der Tod des Recken stäts im Sinne lag:

Sie wahrt' ihm immer Treue; das rühmen ihr die Meisten nach.

Eine reiche Fürstenabtei hatte Frau Ute 1180

Nach Dankrats Tod gestiftet von ihrem Gute

Mit großen Einkünften, die es noch heute zieht:

Dort zu Lorsch das Kloster, das man in hohen Ehren sieht.

Dazu gab auch Kriemhild hernach ein großes Theil 1181

Um Siegfriedens Seele und aller Seelen Heil

Gold und Edelsteine mit williger Hand;

Getreuer Weib auf Erden ward uns selten noch bekannt.

Seit Kriemhild König Gunthern wieder schenkte Huld 1182

Und dann doch den großen Hort verlor durch seine Schuld,

Ihres Herzeleides ward da noch viel mehr:

Da zöge gern von dannen die Fraue edel und hehr.

Nun war Frau Uten ein Sedelhof bereit 1183

Zu Lorsch bei ihrem Kloster, reich, groß und weit,

Dahin von ihren Kindern sie zog und sich verbarg,

Wo noch die hehre Königin begraben liegt in einem Sarg.

Da sprach die Königswitwe: "Liebe Tochter mein, 1184

Hier magst du nicht verbleiben: bei mir denn sollst du sein,

Zu Lorsch in meinem Hause, und läst dein Weinen dann."

Kriemhild gab zur Antwort: "Wo ließ' ich aber meinen Mann?"

"Den laß nur hier verbleiben," sprach Frau Ute. 1185

"Nicht woll es Gott vom Himmel," sprach da die Gute.

"Nein, liebe Mutter, davor will ich mich wahren:

"ein Mann muß von hinnen in Wahrheit auch mit mir fahren."

Da schuf die Jammersreiche, daß man ihn erhub 1186

Und sein Gebein, das edle, wiederum begrub

Zu Lorsch bei dem Münster mit Ehren mannigfalt:

Da liegt im langen Sarge noch der Degen wohlgestalt.

Zu denselben Zeiten, da Kriemhild gesollt 1187

Zu ihrer Mutter ziehen, wohin sie auch gewollt,

Da muste sie verbleiben, weil es nicht sollte sein:

Das schufen neue Mären, die da kamen über Rhein.

* * * * *

Zwanzigste Abenteuer.

Wie König Etzel um Kriemhilden sandte.

Das war in jenen Zeiten, als Frau Helke starb 1188

Und der König Etzel um andre Frauen warb,

Da riethen seine Freunde in Burgundenland

Zu einer stolzen Witwe, die war Frau Kriemhild genannt.

Seit ihm die schöne Helke erstarb, die Königin, 1189

Sie sprachen: "Sinnt ihr wieder auf edler Frau Gewinn,

Der höchsten und der besten, die je ein Fürst gewann,

So nehmet Kriemhilden; der starke Siegfried war ihr Mann."

Da sprach der reiche König: "Wie gienge das wohl an? 1190

Ich bin ein Heide, ein ungetaufter Mann,

Sie jedoch ist Christin sie thut es nimmermehr.

Ein Wunder müst es heißen, käm sie jemals hieher."

Die Schnellen sprachen wieder: "Vielleicht, daß sie es thut 1191

Um euern hohen Namen und euer großes Gut.

Man soll es doch versuchen bei dem edeln Weib:

Euch ziemte wohl zu minnen ihren wonniglichen Leib."

Da sprach der edle König: "Wem ist nun bekannt 1192

Unter euch am Rheine das Volk und auch das Land?"

Da sprach von Bechlaren der gute Rüdiger:

"Kund von Kindesbeinen sind mir die edeln Könige hehr,

"Gunther und Gernot, die edeln Ritter gut; 1193

Der dritte heißt Geiselher: ein Jeglicher thut,

Was er nach Zucht und Ehren am besten mag begehn:

Auch ist von ihren Ahnen noch stäts dasselbe geschehn."

Da sprach wieder Etzel: "Freund, nun sage mir, 1194

Ob ihr wohl die Krone ziemt zu tragen hier;

Und hat sie solche Schöne, wie man sie zeiht,

Meinen besten Freunden sollt es nimmer werden leid."

"Sie vergleicht sich an Schöne wohl der Frauen mein, 1195

Helke der reichen: nicht schöner könnte sein

Auf der weiten Erde eine Königin:

Wen sie erwählt zum Freunde, der mag wohl trösten den Sinn."

Er sprach: "So wirb sie, Rüdiger, so lieb als ich dir sei. 1196

Und darf ich Kriemhilden jemals liegen bei,

Das will ich dir lohnen, so gut ich immer kann;

Auch hast du meinen Willen mit großer Treue gethan.

"Von meinem Kammergute laß ich so viel dir geben, 1197

Daß du mit den Gefährten in Freude mögest leben;

Von Rossen und von Kleidern, was ihr nur begehrt,

Des wird zu der Botschaft euch die Genüge gewährt."

Zur Antwort gab der Markgraf, der reiche Rüdiger: 1198

"Begehrt' ich deines Gutes, das ziemte mir nicht sehr.

Ich will dein Bote gerne werden an den Rhein

Mit meinem eignen Gute; ich hab es aus den Händen dein."

Da sprach der reiche König: "Wann denkt ihr zu fahren 1199

Nach der Minniglichen? So soll euch Gott bewahren

Dabei an allen Ehren und auch die Fraue mein;

Und möge Glück mir helfen, daß sie uns gnädig möge sein."

Da sprach wieder Rüdiger: "Eh wir räumen dieses Land, 1200

Müßen wir uns rüsten mit Waffen und Gewand,

Daß wir vor den Königen mit Ehren dürfen stehn:

Ich will zum Rheine führen fünfhundert Degen ausersehn.

"Wenn man bei den Burgunden mich und die Meinen seh, 1201

Daß dann einstimmig das Volk im Land gesteh,

Es habe nie ein König noch so manchen Mann

So fern daher gesendet, als du zum Rheine gethan.

"Und wiß, edler König, stehst du darob nicht an, 1202

Sie war dem besten Manne, Siegfrieden unterthan,

Siegmundens Sohne; du hast ihn hier gesehn:

Man mocht ihm große Ehre wohl in Wahrheit zugestehn."

Da sprach der König Etzel: "War sie dem Herrn vermählt, 1203

Sie war so hohes Namens der edle Fürst erwählt,

Daß ich nicht verschmähen darf die Königin.

Ob ihrer großen Schönheit gefällt sie wohl meinem Sinn."

Da sprach der Markgraf wieder: "Wohlan, ich will euch sagen, 1204

Wir heben uns von hinnen in vierundzwanzig Tagen.

Ich entbiet es Gotelinden, der lieben Fraue mein,

Daß ich zu Kriemhilden selber wolle Bote sein."

Hin gen Bechelaren sandte Rüdiger 1205

Boten seinem Weibe, der Markgräfin hehr,

Er werbe für den König um eine Königin:

Der guten Helke dachte sie da mit freundlichem Sinn.

Als die Botenkunde die Markgräfin gewann, 1206

Leid war es ihr zum Theile, zu sorgen hub sie an,

Ob sie wohl eine Herrin gewänne so wie eh.

Gedachte sie an Helke, das that ihr inniglich weh.

Nach sieben Tagen Rüdiger ritt aus Heunenland, 1207

Worüber frohgemuthet man König Etzeln fand.

Man fertigte die Kleider in der Stadt zu Wien;

Da wollt er mit der Reise auch nicht länger mehr verziehn.

Zu Bechlaren harrte sein Frau Gotelind 1208

Und die junge Markgräfin, Rüdigers Kind,

Sah ihren Vater gerne und Die ihm unterthan;

Da ward ein liebes Harren von schönen Frauen gethan.

Eh der edle Rüdiger aus der Stadt zu Wien 1209

Ritt nach Bechlaren, da waren hier für ihn

Kleider und Gewaffen auf Säumern angekommen.

Sie fuhren solcherweise, daß ihnen wenig ward genommen.

Als sie zu Bechlaren kamen in die Stadt, 1210

Für seine Heergesellen um Herbergen bat

Der Wirth mit holden Worten: die gab man ihnen da.

Gotelind die reiche den Wirth gar gerne kommen sah.

Auch seine liebe Tochter, die Marfgräfin jung, 1211

Ob ihres Vaters Kommen war sie froh genung,

Aus Heunenland die Helden, wie gern sie die sah!

Mit lachendem Muthe sprach die edle Jungfrau da:

"Willkommen sei mein Vater und Die ihm unterthan." 1212

Da ward ein schönes Danken von manchem werthen Mann

Freundlich geboten der jungen Markgräfin.

Wohl kannte Frau Gotlind des edeln Rüdiger Sinn.

Als sie des Nachts nun bei Rüdigern lag, 1213

Mit holden Worten fragte die Markgräfin nach,

Wohin ihn denn gesendet der Fürst von Heunenland?

"Meine Frau Gotlind," sprach er, "ich mach es gern euch bekannt.

"Meinem Herren werben soll ich ein ander Weib, 1214

Da ihm ist erstorben der schönen Helke Leib.

Nun will ich nach Kriemhilden reiten an den Rhein:

Die soll hier bei den Heunen gewaltge Königin sein."

"Das wollte Gott!" sprach Gotlind, "möcht uns dies Heil geschehn,1215

Da wir so hohe Ehren ihr hören zugestehn.

Sie ersetzt uns Helken vielleicht in alten Tagen;

Wir mögen bei den Heunen sie gerne sehen Krone tragen."

Da sprach Markgraf Rüdiger: "Liebe Fraue mein, 1216

Die mit mir reiten sollen von hinnen an den Rhein,

Denen sollt ihr freundlich bieten euer Gut:

Wenn Helden reichlich leben, so tragen sie hohen Muth."

Sie sprach: "Da ist nicht Einer, wenn er es gerne nähm, 1217

Ich wollt ihm willig bieten, was Jeglichem genehm,

Eh ihr von hinnen scheidet und Die euch unterthan."

Da sprach der Markgraf wieder: "Ihr thut mir Liebe daran."

Hei! was man reicher Zeuge von ihrer Kammer trug! 1218

Da ward den edeln Recken Gewand zu Theil genug

Mit allem Fleiß gefüttert vom Hals bis auf die Sporen;

Die ihm davon gefielen, hatte Rüdger sich erkoren.

Am siebenten Morgen von Bechlaren ritt 1219

Der Wirth mit seinen Degen. Sie führten Waffen mit

Und Kleider auch die Fülle durch der Baiern Land.

Sie wurden auf der Straße von Räubern selten angerannt.

Binnen zwölf Tagen kamen sie an den Rhein. 1220

Da konnte diese Märe nicht lang verborgen sein:

Dem König und den Seinen ward es kund gethan,

Es kämen fremde Gäste. Der Wirth zu fragen begann,

Ob sie Jemand kennte? das sollte man ihm sagen. 1221

Man sah die Saumrosse schwere Lasten tragen:

Wie reich die Helden waren, ward daran erkannt.

Herberge schuf man ihnen in der weiten Stadt zuhand.

Als die Gäste waren in die Stadt gekommen, 1222

Ihres Aufzugs hatte man mit Neugier wahrgenommen.

Sie wunderte, von wannen sie kämen an den Rhein.

Der Wirth fragte Hagen, wer die Herren möchten sein?

Da sprach der Held von Tronje: "Ich sah sie noch nicht; 1223

Wenn ich sie erschaue, mag ich euch Bericht

Wohl geben, von wannen sie ritten in dies Land.

Sie wären denn gar fremde, so sind sie gleich mir bekannt."

Herbergen hatten die Gäste nun empfahn. 1224

Der Bote hatte reiche Gewänder angethan

Mit seinen Heergesellen, als sie zu Hofe ritten.

Sie trugen gute Kleider, die waren zierlich geschnitten.

Da sprach der schnelle Hagen: "So viel ich mag verstehn, 1225

Da ich seit langen Tagen den Herrn nicht hab ersehn,

So sind sie so zu schauen, als wär es Rüdiger

Aus der Heunen Lande, dieser Degen kühn und hehr."

"Wie sollt ich das glauben," der König sprachs zuhand, 1226

"Daß der von Bechelaren kam in dieses Land?"

Kaum hatte König Gunther das Wort gesprochen gar,

So nahm der kühne Hagen den guten Rüdiger wahr.

Er und seine Freunde liefen ihm entgegen: 1227

Da sprangen von den Rossen fünfhundert schnelle Degen.

Wohl empfangen wurden die von Heunenland;

Niemals trugen Boten wohl so herrlich Gewand.

Da rief von Tronje Hagen mit lauter Stimme Schall: 1228

"Nun sei'n uns hochwillkommen diese Degen all,

Der Vogt von Bechelaren mit seiner ganzen Schar."

Man empfieng mit Ehren die schnellen Heunen fürwahr.

Des Königs nächste Freunde drängten sich heran: 1229

Da hub von Metzen Ortewein zu Rüdigern an:

"Wir haben lange Tage hier nicht mehr gesehn

Also liebe Gäste, das muß ich wahrlich gestehn!"

Sie dankten des Empfanges den Recken allzumal. 1230

Mit dem Heergesinde giengen sie zum Saal,

Wo sie den König fanden bei manchem kühnen Mann.

Der stand empor vom Sitze: das ward aus höfscher Zucht gethan.

Wie freundlich dem Boten er entgegengieng 1231

Und allen seinen Degen! Gernot auch empfieng

Den Gast mit hohen Ehren und Die ihm unterthan.

Den guten Rüdger führte der König an der Hand heran.

Er bracht' ihn zu dem Sitze, darauf er selber saß. 1232

Den Gästen ließ er schenken (gerne that man das)

Von dem guten Methe und von dem besten Wein,

Den man mochte finden in den Landen um den Rhein.

Geiselher und Gere waren auch gekommen, 1233

Dankwart und Volker, die hatten bald vernommen

Von den werthen Gästen. Sie waren wohlgemuth:

Sie empfiengen vor dem König die Ritter edel und gut.

Da sprach von Tronje Hagen zu Gunthern seinem Herrn: 1234

"Mit Dienst vergelten sollten stäts eure Degen gern,

Was uns der Markgraf zu Liebe hat gethan;

Des sollte Lohn empfangen der schönen Gotlinde Mann."

Da sprach der König Gunther: "Ich laße nicht das Fragen: 1235

Wie beide sich gehaben, das sollt ihr mir sagen,

Etzel und Frau Helke in der Heunen Land?"

Der Markgraf gab zur Antwort: "Ich mach es gern euch bekannt."

Da erhob er sich vom Sitze und Die ihm unterthan 1236

Und sprach zu dem König: "Laßt mich Erlaub empfahn,

Daß ich die Märe sage, um die mich hat gesandt

Etzel der König hieher in der Burgunden Land."

Er sprach: "Was man uns immer durch euch entboten hat, 1237

Erlaub ich euch zu sagen ohne der Freunde Rath.

Die Märe laßt vernehmen mich und die Degen mein:

Euch soll nach allen Ehren zu werben hier gestattet sein."

Da sprach der biedre Bote: "Euch entbietet an den Rhein 1238

Seine treuen Dienste der große König mein,

Dazu den Freunden allen, die euch zugethan;

Auch wird euch diese Botschaft mit großer Treue gethan.

"Euch läßt der edle König klagen seine Noth: 1239

Sein Volk ist ohne Freude, meine Frau die ist todt,

Helke die reiche, meines Herrn Gemahl:

An der sind schöne Jungfraun nun verwaist in großer Zahl,

"Edler Fürsten Kinder, die sie erzogen hat; 1240

Darum hat im Lande nun große Trauer Statt:

Sie haben leider Niemand mehr, der sie so treulich pflegt,

Drum wähn ich auch, daß selten des Königs Sorge sich legt."

"Nun lohn ihm Gott," sprach Gunther, "daß er die Dienste sein 1241

So williglich entbietet mir und den Freunden mein.

Ich hörte gern die Grüße, die ihr mir kund gethan;

Auch wollen sie verdienen Die mir treu und unterthan."

Da sprach von Burgunden der edle Gernot: 1242

"Die Welt mag wohl beklagen der schönen Helke Tod

Um manche höfsche Tugend, der sie gewohnt zu pflegen."

Das bestätigte Hagen und mancher andre Degen.

Da sprach wieder Rüdiger, der edle Bote hehr: 1243

"Erlaubt ihr mir, Herr König, so sag ich euch noch mehr,

Was mein lieber Herre euch hieher entbot:

Er lebt in großem Kummer seit der Königin Helke Tod.

"Man sagte meinem Herren, Kriemhild sei ohne Mann, 1244

Da Siegfried gestorben: und sprach man wahr daran,

Und wollt ihr ihrs vergönnen, so soll sie Krone tragen

Vor König Etzels Recken: das gebot mein Herr ihr zu sagen."

Da sprach König Gunther mit wohlgezognem Muth: 1245

"Sie hört meinen Willen, wenn sie es gerne thut.

Das will ich euch berichten von heut in dreien Tagen:

Wenn sie es nicht weigert, wie sollt ichs Etzel versagen?"

Man ließ Gemach bescheiden den Gästen allzuhand. 1246

Sie fanden solche Pflege, daß Rüdiger gestand,

Er habe gute Freunde in König Gunthers Lehn.

Gerne dient' ihm Hagen: ihm war einst Gleiches geschehn.

So verweilte Rüdiger bis an den dritten Tag. 1247

Der Fürst berief die Räthe, wie er weislich pflag,

Und fragte seine Freunde, ob sie es gut gethan

Däuchte, daß Kriemhild Herrn Etzeln nähme zum Mann.

Da riethen sie es alle; nur Hagen stands nicht an. 1248

Er sprach zu König Gunther, diesem kühnen Mann:

"Habt ihr kluge Sinne, so seid wohl auf der Hut,

Wenn sie auch folgen wollte, daß ihr doch nimmer es thut."

"Warum," sprach da Gunther, "ließ' ich es nicht ergehn? 1249

Was künftig noch der Königin Liebes mag geschehn,

Will ich ihr gerne gönnen: sie ist die Schwester mein.

Wir müsten selbst drum werben, sollt es ihr zur Ehre sein."

Da sprach aber Hagen: "Das sprecht ihr unbedacht. 1250

Wenn ihr Etzeln kenntet wie ich und seine Macht,

Und ließt ihr sie ihn minnen, wie ich euch höre sagen,

Das müstet ihr vor Allen mit großem Rechte beklagen."

"Warum?" sprach da Gunther, "leicht vermeid ich das, 1251

Ihm je so nah zu kommen, daß ich durch seinen Haß

Leid zu befahren hätte, würd er auch ihr Mann."

Da sprach wieder Hagen: "Mich dünkt es nimmer wohlgethan."

Da lud man Gernoten und Geiselhern heran, 1252

Ob die Herren beide däuchte wohlgethan,

Wenn Frau Kriemhild nähme den mächtgen König hehr.

Noch widerrieth es Hagen und auch anders Niemand mehr.

Da sprach von Burgunden Geiselher der Degen: 1253

"Nun mögt ihr, Freund Hagen, noch der Treue pflegen:

Entschädigt sie des Leides, das ihr ihr habt gethan.

Was ihr noch mag gelingen, das säht ihr billig neidlos an."

"Wohl habt ihr meiner Schwester gefügt so großes Leid," 1254

Sprach da wieder Geiselher, der Degen allbereit,

"Ihr hättets wohl verschuldet, wäre sie euch gram:

Noch Niemand einer Frauen so viel der Freuden benahm."

"Daß ich das wohl erkenne, das sei euch frei bekannt. 1255

Und soll sie Etzeln nehmen und kommt sie in sein Land,

Wie sie es fügen möge, viel Leid thut sie uns an.

Wohl kommt in ihre Dienste da mancher waidliche Mann."

Dawider sprach zu Hagen der kühne Gernot: 1256

"Es mag dabei verbleiben bis an Beider Tod,

Daß wir niemals kommen in König Etzels Land.

Laßt uns ihr Treue leisten: zu Ehren wird uns das gewandt."

Da sprach Hagen wieder: "Das laß ich mir Niemand sagen; 1257

Und soll die edle Kriemhild Helkens Krone tragen,

Viel Leid wird sie uns schaffen, wo sie's nur fügen kann:

Ihr sollt es bleiben laßen, das ständ euch Recken beßer an."

Im Zorn sprach da Geiselher, der schönen Ute Kind: 1258

Wir wollen doch nicht alle meineidig sein gesinnt.

Was ihr geschieht zu Ehren, laßt uns froh drum sein.

Was ihr auch redet, Hagen, ich dien ihr nach der Treue mein."

Als das Hagen hörte, da trübte sich sein Muth. 1259

Geiselher und Gernot, die stolzen Ritter gut,

Und Gunther der reiche vereinten endlich sich,

Wenn es Kriemhild wünsche, sie wolltens dulden williglich.

Da sprach Markgraf Gere: "So geh ich ihr zu sagen, 1260

Daß sie den König Etzel sich laße wohlhagen.

Dem ist so mancher Recke mit Furchten unterthan,

Er mag ihr wohl vergüten, was sie je Leides gewann."

Hin gieng der schnelle Degen, wo er Kriemhilden sah. 1261

Sie empfieng ihn gütlich; wie balde sprach er da:

"Ihr mögt mich gern begrüßen und geben Botenbrot,

Es will das Glück euch scheiden nun von all eurer Noth.

"Es hat um eure Minne, Frau, hiehergesandt 1262

Der Allerbesten einer, der je ein Königsland

Gewann mit vollen Ehren und Krone durfte tragen:

Es werben edle Ritter: das läßt euch euer Bruder sagen."

Da sprach die Jammerreiche: "Verbiete doch euch Gott 1263

Und allen meinen Freunden, daß sie keinen Spott

Mit mir Armen treiben: was sollt ich einem Mann,

Der je Herzensliebe von gutem Weibe gewann?"

Sie widersprach es heftig. Da traten zu ihr her 1264

Gernot ihr Bruder und der junge Geiselher.

Sie baten sie in Minne zu trösten ihren Mut.

Und nehme sie den König, es gerath ihr wahrlich gut.

Bereden mochte Niemand doch die Königin 1265

Noch einen Mann zu minnen auf Erden fürderhin.

Da baten sie die Degen: "So laßt es doch geschehn,

Wenn ihr denn nicht anders wollt, daß euch der Bote möge sehn."

"Das will ich nicht versagen," sprach die Fraue hehr. 1266

Ich empfange gerne den guten Rüdiger

Ob seiner höfschen Sitte: wär er nicht hergesandt,

Jedem andern Boten, dem blieb' ich immer unbekannt."

Sie sprach: "So schickt den Degen morgen früh heran 1267

Zu meiner Kemenate. Ich bescheid ihn dann:

Wes ich mich berathen, will ich ihm selber sagen."

So war ihr jetzt erneuert das große Weinen und Klagen.

Da wünschte sich auch anders nichts der edle Rüdiger, 1268

Als daß er schauen dürfte die Königin hehr.

Er wuste sich so weise: könnt es irgend sein,

So müst er sie bereden, diesen Recken zu frein.

Früh des andern Morgens nach dem Messgesang 1269

Kamen die edeln Boten; da hub sich großer Drang.

Die mit Rüdigeren zu Hofe sollten gehn,

Die sah man wohlgekleidet, manchen Degen ausersehn.

Kriemhilde die arme, in traurigem Muth 1270

Harrte sie auf Rüdiger, den edeln Boten gut.

Er fand sie in dem Kleide, das sie für täglich trug:

Dabei hatt ihr Gesinde reicher Kleider genug.

Sie gieng ihm entgegen zu der Thüre hin 1271

Und empfieng Etzels Recken mit gütlichem Sinn.

Nur selbzwölfter trat er herein zu der Fraun;

Man bot ihm große Ehre; wer möcht auch beßre Boten schaun?

Man hieß den Herren sitzen und Die in seinem Lehn. 1272

Die beiden Markgrafen sah man vor ihr stehn,

Eckewart und Gere, die edeln Ritter gut.

Um der Hausfrau willen sahn sie Niemand wohlgemuth.

Sie sahen vor ihr sitzen manche schöne Maid. 1273

Da hatte Frau Kriemhild Jammer nur und Leid.

Ihr Kleid war vor den Brüsten von heißen Thränen naß.

Das sah der edle Markgraf, der nicht länger vor ihr saß.

Er sprach in großen Züchten: "Viel edles Königskind, 1274

Mir und den Gefährten, die mit mir kommen sind,

Sollt ihr, Frau, erlauben, daß wir vor euch stehn

Und euch melden, weshalb unsre Reise sei geschehn."

"Ich will euch gern erlauben," sprach die Königin, 1275

"Was ihr wollt, zu reden; also steht mein Sinn,

daß ich es gerne höre: ihr seid ein Bote gut."

Da merkten wohl die Andern ihren abgeneigten Muth.

Da sprach von Bechelaren der Markgraf Rüdiger: 1276

"Euch läßt entbieten, Herrin, Etzel der König hehr

Große Lieb und Treue hierher in dieses Land;

Er hat um eure Minne viel gute Recken gesandt.

"Er entbeut euch freundlich Liebe sonder Leid; 1277

Er sei stäter Freundschaft nun euch hinfort bereit

Wie Helken einst, der Königin, die ihm am Herzen lag:

Ihr sollt die Krone tragen, deren sie vor Zeiten pflag."

Da sprach zu ihm die Königin: "Markgraf Rüdiger, 1278

Wenn meines Herzeleides Jemand kundig war,

Der würde mir nicht rathen zu einem zweiten Mann:

Ich verlor der Besten Einen, die je ein Weib noch gewann."

"Was tröstet mehr im Leide", sprach der kühne Mann, 1279

"Als freundliche Liebe? Wer die gewähren kann

Und hat sich den erkoren, der ihm zu Herzen kommt,

Der erfährt wohl, daß im Leide nichts so sehr als Liebe frommt.

"Und geruht ihr zu minnen den edeln Herren mein, 1280

Zwölf reicher Kronen sollt ihr gewaltig sein.

Dazu von dreißig Fürsten giebt euch mein Herr das Land,

Die alle hat bezwungen seine vielgewaltge Hand.

"Ihr sollt auch Herrin werden über manchen werthen Mann, 1281

Die meiner Frauen Helke waren unterthan,

Und viel der schönen Maide, einst ihrem Dienst gesellt,

Von hoher Fürsten Stamme," sprach der hochbeherzte Held.

"Dazu giebt euch der König, gebot er euch zu sagen, 1282

Wenn ihr geruht die Krone bei meinem Herrn zu tragen,

Gewalt die allerhöchste, die Helke je gewann:

Alle Mannen Etzels werden euch da unterthan."

"Wie möchte jemals wieder," sprach die Königin, 1283

"Eines Helden Weib zu werden gelüsten meinem Sinn?

Mir hat der Tod an Einem so bittres Leid gethan,

Daß ichs bis an mein Ende nimmermehr verschmerzen kann."

Die Heunen sprachen wieder: Viel reiche Königin, 1284

Das Leben geht bei Etzeln so herrlich euch dahin,

Daß ihr in Wonnen schwebet, weigert ihr es nicht;

Mancher ziere Degen steht in des reichen Königs Pflicht.

"Helkens Jungfrauen und eure Mägdelein, 1285

Sollten die beisammen je Ein Gesinde sein,

Dabei möchten Recken wohl werden wohlgemuth.

Laßt es euch rathen, Fraue, es bekommt euch wahrlich gut."

Sie sprach mit edler Sitte: "Nun laßt die Rede sein 1286

Bis morgen in der Frühe, dann tretet zu mir ein,

Daß ich auf die Werbung euch gebe den Bescheid."

Da musten Folge leisten die kühnen Degen allbereit.

Als zu den Herbergen sie kamen allzumal, 1287

Nach Geiselhern zu senden die edle Frau befahl

Und nach ihrer Mutter: den Beiden sagte sie,

Ihr gezieme nur zu weinen und alles Andere nie.

Da sprach ihr Bruder Geiselher: "Mir ahnt, Schwester mein, 1288

Und gerne mag ichs glauben, dein Leid und deine Pein

Wird König Etzel wenden; und nimmst du ihn zum Mann,

Was Jemand anders rathe, so dünkt es mich wohlgethan."

"Er mag dirs wohl ersetzen," sprach wieder Geiselher. 1289

"Vom Rotten bis zum Rheine, von der Elbe bis ans Meer

Weiß man keinen König gewaltiger als ihn.

Du magst dich höchlich freuen, heischt er dich zur Königin."

Sie sprach: "Lieber Bruder, wie räthst du mir dazu? 1290

Weinen und Klagen das käm mir eher zu.

Wie sollt ich vor den Recken da zu Hofe gehn?

Hatt ich jemals Schönheit, um die ists lange geschehn."

Da redete Frau Ute der lieben Tochter zu: 1291

"Was deine Brüder rathen, liebes Kind, das thu.

Folge deinen Freunden, so mag dirs wohlergehn.

Hab ich dich doch so lange in großem Jammer gesehn."

Da bat sie, daß vom Himmel ihr würde Rath gesandt: 1292

Denn hätte sie zu geben Gold, Silber und Gewand

Wie einst, da er noch lebte, ihr Mann der Degen hehr,

Sie erlebe doch nicht wieder so frohe Stunden nachher.

Sie dacht in ihrem Sinne: "Und sollt ich meinen Leib 1293

Einem Heiden geben? Ich bin ein Christenweib;

Des müst ich billig Schelte von aller Welt empfahn;

Gäb er mir alle Reiche, es bliebe doch ungethan."

Da ließ sie es bewenden. Die Nacht bis an den Tag 1294

Die Frau in ihrem Bette voll Gedanken lag.

Ihre lichten Augen trockneten ihr nicht,

Bis sie hin zur Mette wieder gieng beim Morgenlicht.

Nun waren auch die Könige zur Messezeit gekommen. 1295

Sie hatten ihre Schwester an die Hand genommen

Und riethen ihr zu minnen den von Heunenland.

Niemand doch die Fraue ein wenig fröhlicher fand.

Da ließ man zu ihr bringen, die Etzel hingesandt, 1296

Die nun mit Urlaub wollten räumen Gunthers Land,

Wie es gerathen möge, mit Nein oder Ja!

Da kam zu Hofe Rüdiger: die Gefährten mahnten ihn da,

Recht zu erforschen des edeln Fürsten Muth 1297

Und zeitig das zu leisten; das dauchte Jeden gut;

Ihre Wege wären ferne wieder in ihr Land.

Man brachte Rüdigeren hin, wo er Kriemhilden fand.

Da bat alsbald der Recke die edle Königin 1298

Mit minniglichen Worten, zu künden ihren Sinn,

Was sie entbieten wolle in König Etzels Land.

Der Held mit seinem Werben bei ihr nur Weigerung fand.

"Sie wolle nimmer wieder minnen einen Mann." 1299

Dawider sprach der Markgraf: "Das wär nicht recht gethan:

Was wolltet ihr verderben so minniglichen Leib?

Ihr werdet noch mit Ehren eines werthen Recken Weib."

Nichts half es, was sie baten, bis daß Rüdiger 1300

Insgeheim gesprochen mit der Königin hehr,

Er hoff ihr zu vergüten all ihr Ungemach.

Da ließ zuletzt ein wenig ihre hohe Trauer nach.

Er sprach zu der Königin: "Laßt euer Weinen sein; 1301

Hättet ihr bei den Heunen Niemand als mich allein,

Meine getreuen Freunde und Die mir unterthan,

Er sollt es schwer entgelten, hätt euch Jemand Leid gethan."

Davon ward erleichtert der Frauen wohl der Muth. 1302

Sie sprach: "So schwört mir, Rüdiger, was mir Jemand thut,

Ihr wollt der Erste werden, der rächen will mein Leid."

Da sprach zu ihr der Markgraf: "Dazu bin ich, Frau, bereit."

Mit allen seinen Mannen schwur ihr da Rüdiger, 1303

Ihr immer treu zu dienen, und daß die Recken hehr

Ihr nichts versagen wollten in König Etzels Land,

Was ihre Ehre heische: das gelobt' ihr Rüdigers Hand.

Da gedachte die Getreue: "Wenn ich gewinnen kann 1304

So viel stäter Freunde, so seh ichs wenig an,

Was auch die Leute reden, in meines Jammers Noth.

Vielleicht wird noch gerochen meines lieben Mannes Tod."

Sie gedachte: "Da Herr Etzel der Recken hat so viel, 1305

Denen ich gebiete, so thu ich, was ich will.

Er hat auch solche Schätze, daß ich verschenken kann;

Mich hat der leide Hagen meines Gutes ohne gethan."

Sie sprach zu Rüdigeren: "Hätt ich nicht vernommen, 1306

Daß er ein Heide wäre, so wollt ich gerne kommen,

Wohin er geböte, und nähm ihn zum Mann."

Da sprach der Markgraf wieder: "Steht darauf, Herrin, nicht an.

"Er ist nicht gar ein Heide, des dürft ihr sicher sein: 1307

Er ist getauft gewesen, der liebe Herre mein,

Wenn er auch zu den Heiden wieder übertrat:

Wollt ihr ihn, Herrin, minnen, so wird darüber noch Rath.

"Ihm dienen so viel Recken in der Christenheit, 1308

Daß euch bei dem König nie widerfährt ein Leid.

Ihr mögt auch leicht erlangen, daß der König gut

Zu Gott wieder wendet so die Seele wie den Muth."

Da sprachen ihre Brüder: "Verheißt es, Schwester mein, 1309

Und all euern Kummer laßt in Zukunft sein."

Des baten sie so lange, bis sie mit Trauer drein

Vor den Helden willigte, den König Etzel zu frein.

Sie sprach: "Ich muß euch folgen, ich arme Königin! 1310

Ich fahre zu den Heunen, wann es geschehe, hin,

Wenn ich Freunde finde, die mich führen in sein Land."

Darauf bot vor den Helden die schöne Kriemhild die Hand.

Der Markgraf sprach: "Zwei Recken stehn in eurem Lehn, 1311

Dazu hab ich noch manchen: so kann es wohl geschehn,

Daß wir euch mit Ehren bringen überrhein,

Ich laß euch nun nicht länger hier bei den Burgunden sein.

"Fünfhundert Mannen hab ich und der Freunde mein: 1312

Die sollen euch zu Diensten hier und bei Etzeln sein,

Was ihr auch gebietet; ich selber steh euch bei

Und will michs nimmer schämen, mahnt ihr mich künftig meiner Treu.

"Eure Pferdedecken haltet euch bereit; 1313

Was Rüdiger gerathen hat, wird euch nimmer leid.

Und sagt es euern Mägdlein, die ihr euch gesellt,

Uns begegnet unterwegs mancher auserwählte Held."

Sie hatten noch Geschmeide, das sie zu Siegfrieds Zeit 1314

Beim Reiten getragen, daß sie mit mancher Maid

Mit Ehren reisen mochte, so sie wollt hindann.

Hei! was man guter Sättel den schönen Frauen gewann!

Hatten sie schon immer getragen reich Gewand, 1315

So wurde des zur Reise die Fülle nun zur Hand,

Weil ihnen von dem König so viel gepriesen ward;

Sie schloßen auf die Kisten, so lang versperrt und gespart.

Sie waren sehr geschäftig wohl fünftehalben Tag 1316

Und suchten aus dem Einschlag, so viel darinne lag.

Ihre Kammer zu erschließen hub da Kriemhild an,

Sie Alle reich zu machen, Die Rüdigern unterthan.

Sie hatte noch des Goldes von Nibelungenland: 1317

Das sollte bei den Heunen vertheilen ihre Hand.

Sechshundert Mäule mochten es nicht von dannen tragen.

Die Märe hörte Hagen da von Kriemhilden sagen.

Er sprach: "Mir wird Kriemhild doch nimmer wieder hold: 1318

So muß auch hier verbleiben Siegfriedens Gold.

Wie ließ' ich meinen Feinden wohl so großes Gut?

Ich weiß gar wohl, was Kriemhild noch mit diesem Schatze thut.

"Brächte sie ihn von hinnen, ich glaube sicherlich, 1319

Sie würd ihn nur vertheilen, zu werben wider mich.

Sie hat auch nicht die Rosse, um ihn hinwegzutragen:

Behalten will ihn Hagen, das soll man Kriemhilden sagen."

Als sie vernahm die Märe, das schuf ihr grimme Pein. 1320

Es ward auch den Königen gemeldet allen drein:

Sie gedachten es zu wenden. Als das nicht geschah,

Rüdiger der edle sprach mit frohem Muthe da:

"Reiche Königstochter, was klagt ihr um das Gold? 1321

Euch ist König Etzel so zugethan und hold,

Ersehn euch seine Augen, er giebt euch solchen Hort,

Daß ihr ihn nie verschwendet; das verbürgt euch, Frau, mein Wort."

Da sprach zu ihm die Königin: "Viel edler Rüdiger, 1322

Nie gewann der Schätze eine Königstochter mehr

Als die, deren Hagen mich ohne hat gethan."

Da kam ihr Bruder Gernot zu ihrer Kammer heran.

Mit des Königs Macht den Schlüßel stieß er in die Thür. 1323

Kriemhildens Schätze reichte man herfür,

An dreißigtausend Marken oder wohl noch mehr,

Daß es die Gäste nähmen: des freute Gunther sich sehr.

Da sprach von Bechelaren der Gotelinde Mann: 1324

"Und gehörten all die Schätze noch Kriemhilden an,

Die man jemals brachte von Nibelungenland,

Nicht berühren sollt es mein noch der Königin Hand.

"Heißt es aufbewahren, da ichs nicht haben will. 1325

Ich bracht aus unserm Lande des Meinen her so viel,

Wir mögens unterweges entrathen wohl mit Fug:

Wir haben zu der Reise genug und übergenug."

Zwölf Schreine hatten noch ihre Mägdelein 1326

Des allerbesten Goldes, das irgend mochte sein,

Bewahrt aus alten Zeiten: das nun verladen ward

Und viel der Frauenzierde, die sie brauchten auf der Fahrt.

Die Macht des grimmen Hagen bedauchte sie zu stark. 1327

Des Opfergoldes hatte sie wohl noch tausend Mark:

Das gab sie für die Seele von ihrem lieben Mann.

Das dauchte Rüdigeren mit großen Treuen gethan.

Da sprach die arme Königin: "Wo sind die Freunde mein, 1328

Die da mir zu Liebe im Elend wollen sein

Und mit mir reiten sollen in König Etzels Land?

Die nehmen meines Goldes und kaufen Ross' und Gewand."

Alsbald gab ihr Antwort der Markgraf Eckewart: 1329

"Seit ich als Ingesinde euch zugewiesen ward,

Hab ich euch stäts getreulich gedient," sprach der Degen,

"Und will bis an mein Ende des Gleichen immer bei euch pflegen.

"Ich führ auch mit der Meinen fünfhundert Mann, 1330

Die biet ich euch zu Dienste mit rechten Treuen an.

Wir bleiben ungeschieden, es thu es denn der Tod."

Der Rede dankt' ihm Kriemhild, da ers so wohl ihr erbot.

Da brachte man die Rosse: sie wollten aus dem Land. 1331

Wohl huben an zu weinen die Freunde all zur Hand.

Ute die reiche und manche schöne Maid

Bezeigten, wie sie trugen um Kriemhilden Herzeleid.

Hundert schöner Mägdelein führte sie aus dem Land; 1332

Die wurden wohl gekleidet, jede nach ihrem Stand.

Aus lichten Augen fielen, die Thränen ihnen nieder;

Manche Freud erlebten sie auch bei König Etzel wieder.

Da kam der junge Geiselher und König Gernot, 1333

Mit ihrem Heergesinde, wie es die Zucht gebot:

Die liebe Schwester wollten sie begleiten durch das Land;

Sie hatten im Gefolge wohl tausend Degen auserkannt.

Da kam der schnelle Gere und auch Ortewein; 1334

Rumold der Küchenmeister der ließ sie nicht allein.

Sie schufen Nachtlager der Frauen auf den Wegen:

Als Marschall sollte Volker ihrer Herberge pflegen.

Bei Abschiedsküssen hatte man Weinen viel vernommen, 1335

Eh sie zu Felde waren von der Burg gekommen.

Ungebeten gaben Viele Geleit ihr durch das Land.

Vor der Stadt schon hatte sich König Gunther gewandt.

Eh sie vom Rheine führen, hatten sie vorgesandt 1336

Ihre schnellen Boten in der Heunen Land,

Dem Könige zu melden, daß ihm Rüdiger

Zum Gemahl geworben die edle Königin hehr.

Die Boten fuhren schnelle: Eil war ihnen Noth 1337

Um die große Ehre und das reiche Botenbrot.

Als sie mit ihren Mären waren heimgekommen,

Da hatte König Etzel so Liebes selten vernommen.

Der frohen Kunde willen ließ der König geben 1338

Den Boten solche Gaben, daß sie wohl mochten leben

Immerdar in Freuden hernach bis an den Tod:

Mit Wonne war verschwunden des Königs Kummer und Noth.

* * * * *

Einundzwanzigstes Abenteuer.

Wie Kriemhild zu den Heunen fuhr.

Die Boten laßt reiten, so thun wir euch bekannt, 1339

Wie die Königstochter fuhr durch das Land,

Und wo von ihr Geiselher schied mit Gernot;

Sie hatten ihr gedienet, wie ihre Treue gebot.

Sie kamen an die Donau gen Bergen nun geritten. 1340

Da begannen sie um Urlaub die Königin zu bitten,

Weil sie wieder wollten reiten an den Rhein.

Da mocht es ohne Weinen von guten Freunden nicht sein.

Geiselher der schnelle sprach zu der Schwester sein: 1341

"Schwester, wenn du jemals bedürfen solltest mein,

Was immer dich gefährde, so mach es mir bekannt,

Dann reit ich dir zu dienen hin in König Etzels Land."

Die Verwandten alle küsste sie auf den Mund. 1342

Minniglich sich scheiden sah man da zur Stund

Die schnellen Burgunden von Rüdigers Geleit.

Da zog mit der Königin manche wohlgethane Maid,

Hundert und viere; sie trugen schön Gewand 1343

Von buntgewebten Zeugen; manch breiten Schildesrand

Führte man der Königin nach auf ihren Wegen.

Da bat auch um Urlaub Volker der zierliche Degen.

Ueber die Donau kamen sie jetzt gen Baierland: 1344

Da sagte man die Märe, es kämen angerannt

Viel unkunder Gäste. Wo noch ein Kloster steht

Und der Innfluß mündend in die Donau niedergeht,

In der Stadt zu Paßau saß ein Bischof. 1345

Herbergen leerten sich und auch des Fürsten Hof:

Den Gästen entgegen giengs auf durch Baierland,

Wo der Bischof Pilgerin die schöne Kriemhild fand.

Den Recken in dem Lande war es nicht zu leid, 1346

Als sie ihr folgen sahen so manche schöne Maid.

Da kos'ten sie mit Augen manch edeln Ritters Kind.

Gute Herberge wies man den Gästen geschwind.

Dort zu Pledelingen schuf man ihnen Ruh; 1347

Das Volk allenthalben ritt auf sie zu.

Man gab, was sie bedurften, williglich und froh:

Sie nahmen es mit Ehren; so that man bald auch anderswo.

Der Bischof mit der Nichte ritt auf Paßau an. 1348

Als es da den Bürgern der Stadt ward kund gethan,

Das Schwesterkind des Fürsten, Kriemhild wolle kommen,

Da ward sie wohl mit Ehren von den Kaufherrn aufgenommen.

Als der Bischof wähnte, sie blieben nachts ihm da, 1349

Sprach Eckewart der Markgraf: "Unmöglich ist das ja:

Wir müßen abwärts reiten in Rüdigers Land:

Viel Degen harren unser: ihnen allen ist es bekannt."

Nun wust auch wohl die Märe die schöne Gotelind: 1350

Sie rüstete sich fleißig und auch ihr edel Kind.

Ihr hatt entboten Rüdiger, ihn bedünk es gut,

Wenn sie der Königstochter damit tröstete den Muth

Und ihr entgegenritte mit seiner Mannen Schar 1351

Hinauf bis zur Ense. Als das im Werke war,

Da sah man allenthalben erfüllt die Straßen stehn:

Sie wollten ihren Gästen entgegen reiten und gehn.

Nun war gen Everdingen die Königin gekommen. 1352

Man hatt im Baierlande von Schächern wohl vernommen,

Die auf den Straßen raubten, wie es ihr Gebrauch:

So hätten sie die Gäste mögen schädigen auch.

Das hatte wohl verhütet der edle Rüdiger: 1353

Er führte tausend Ritter oder wohl noch mehr.

Da kam auch Gotelinde, Rüdigers Gemahl,

Mit ihr in stolzem Zuge kühner Recken große Zahl.

Ueber die Traune kamen sie bei Ense auf das Feld; 1354

Da sah man aufgeschlagen Hütten und Gezelt,

Daß gute Ruhe fänden die Gäste bei der Nacht.

Für ihre Kost zu sorgen war der Markgraf bedacht.

Von den Herbergen ritt ihrer Frau entgegen 1355

Gotelind die schöne. Da zogen auf den Wegen

Mit klingenden Zäumen viel Pferde wohlgethan.

Sie wurde wohl empfangen; lieb that man Rüdigern daran.

Die sie zu beiden Seiten begrüßten auf dem Feld 1356

Mit kunstvollem Reiten, das war mancher Held.

Sie übten Ritterspiele; das sah manch schöne Maid.

Auch war der Dienst der Helden den schönen Frauen nicht leid.

Als zu den Gästen kamen Die in Rüdigers Lehn, 1357

Viel Schaftsplitter sah man in die Lüfte gehn

Von der Recken Händen nach ritterlichen Sitten.

Da wurde wohl zu Danke vor den Frauen geritten.

Sie ließen es bewenden. Da grüßte mancher Mann 1358

Freundlich den andern. Nun führten sie heran

Die schöne Gotelinde, wo sie Kriemhild sah.

Die Frauen dienen konnten, hatten selten Muße da.

Der Vogt von Bechelaren ritt zu Gotlinden hin. 1359

Wenig Kummer schuf es der edeln Markgräfin,

Daß sie wohl geborgen ihn sah vom Rheine kommen.

Ihr war die meiste Sorge mit großer Freude benommen.

Als sie ihn hatt empfangen, hieß er sie auf das Feld 1360

Mit den Frauen steigen, die er ihr sah gestellt.

Da zeigte sich geschäftig mancher edle Mann:

Den Frauen wurden Dienste mit großem Fleiße gethan.

Da ersah Frau Kriemhild die Markgräfin stehn 1361

Mit ihrem Ingesinde: sie ließ nicht näher gehn:

Sie zog mit dem Zaume das Ross an, das sie trug,

Und ließ sich aus dem Sattel heben schleunig genug.

Den Bischof sah man führen seiner Schwester Kind, 1362

Ihn und Eckewarten, hin zu Frau Gotelind.

Es muste vor ihr weichen, wer im Wege stund.

Da küsste die Fremde die Markgräfin auf den Mund.

Da sprach mit holden Worten die edle Markgräfin: 1363

"Nun wohl mir, liebe Herrin, daß ich so glücklich bin,

Hier in diesem Lande mit Augen euch zu sehn:

Mir könnt in diesen Zeiten nimmer lieber geschehn."

"Nun lohn euch Gott," sprach Kriemhild, "viel edle Gotelind. 1364

So ich gesund verbleibe mit Botlungens Kind,

Mag euch zu Gute kommen, daß ihr mich habt gesehn."

Noch ahnten nicht die Beiden, was später muste geschehn.

Mit Züchten zu einander gieng da manche Maid; 1365

Zu Diensten waren ihnen die Recken gern bereit.

Sie setzten nach dem Gruße sich nieder auf den Klee:

Da lernten sich kennen, die sich fremd gewesen eh.

Man ließ den Frauen schenken. Es war am hohen Tag; 1366

Das edle Ingesinde der Ruh nicht länger pflag.

Sie ritten, bis sie fanden viel breiter Hütten stehn:

Da konnten große Dienste den edeln Gästen geschehn.

Ueber Nacht da pflegen sollten sie der Ruh. 1367

Die von Bechelaren schickten sich dazu,

Nach Würden zu bewirthen so manchen werthen Mann.

So hatte Rüdiger gesorgt, es gebrach nicht viel daran.

Die Fenster an den Mauern sah man offen stehn; 1368

Man mochte Bechelaren weit erschloßen sehn.

Da ritten ein die Gäste, die man gerne sah;

Gut Gemach schuf ihnen der edle Rüdiger da.

Des Markgrafen Tochter mit dem Gesinde gieng 1369

Dahin, wo sie die Königin minniglich empfieng.

Da war auch ihre Mutter, Rüdigers Gemahl:

Liebreich empfangen wurden die Jungfrauen allzumal.

Sie fügten ihre Hände in Eins und giengen dann 1370

Zu einem weiten Saale, der war gar wohlgethan,

Vor dem die Donau unten die Flut vorübergoß.

Da saßen sie im Freien und hatten Kurzweile groß.

Ich kann euch nicht bescheiden, was weiter noch geschah. 1371

Daß sie so eilen müsten, darüber klagten da

Die Recken Kriemhildens; wohl war es ihnen leid.

Was ihnen guter Degen aus Bechlarn gaben Geleit!

Viel minnigliche Dienste der Markgraf ihnen bot. 1372

Da gab die Königstochter zwölf Armspangen roth

Der Tochter Gotlindens und also gut Gewand,

Daß sie kein beßres brachte hin in König Etzels Land.

Obwohl ihr war benommen der Nibelungen Gold, 1373

Alle, die sie sahen, machte sie sich hold

Noch mit dem kleinen Gute, das ihr verblieben war.

Dem Ingesind des Wirthes bot sie große Gaben dar.

Dafür erwies Frau Gotlind den Gästen von dem Rhein 1374

Auch so hohe Ehre mit Gaben groß und klein,

Daß man da der Fremden wohl selten einen fand,

Der nicht von ihr Gesteine trug oder herrlich Gewand.

Als man nach dem Imbiß fahren sollt hindann, 1375

Ihre treuen Dienste trug die Hausfrau an

Mit minniglichen Worten Etzels Gemahl.

Die liebkos'te scheidend der schönen Jungfrau zumal.

Da sprach sie zu der Königin: "Dünkt es euch nun gut, 1376

So weiß ich, wie gern es mein lieber Vater thut,

Daß er mich zu euch sendet in der Heunen Land."

Daß sie ihr treu gesinnt war, wie wohl Frau Kriemhild das fand!

Die Rosse kamen aufgezäumt vor Bechelaren an. 1377

Als die edle Königin Urlaub hatt empfahn

Von Rüdigers Weibe und von der Tochter sein,

Da schieden auch mit Grüßen viel der schönen Mägdelein.

Sie sahn einander selten mehr nach diesen Tagen. 1378

Aus Medelick auf Händen brachte man getragen

Manch schönes Goldgefäße angefüllt mit Wein

Den Gästen auf die Straße und hieß sie willkommen sein.

Ein Wirth war da geseßen, Astold genannt, 1379

Der wies sie die Straße ins Oesterreicherland

Gegen Mautaren an der Donau nieder:

Da ward viel Dienst erboten der reichen Königin wieder.

Der Bischof mit Liebe von seiner Nichte schied. 1380

Daß sie sich wohl gehabe, wie sehr er ihr das rieth,

Und sich Ehr erwerbe, wie Helke einst gethan.

Hei! was sie großer Ehren bald bei den Heunen gewann!

An die Traisem kamen die Gäst in kurzer Zeit. 1381

Sie zu pflegen fliß sich Rüdigers Geleit,

Bis daß man die Heunen sah reiten über Land:

Da ward der Königstochter erst große Ehre bekannt.

Bei der Traisem hatte der Fürst von Heunenland 1382

Eine reiche Veste, im Lande wohl bekannt,

Mit Namen Traisenmauer: einst wohnte Helke da

Und pflag so hoher Milde, als wohl nicht wieder geschah,

Es sei denn von Kriemhilden; die mochte gerne geben. 1383

Sie durfte wohl die Freude nach ihrem Leid erleben,

Daß ihre Güte priesen, die Etzeln unterthan.

Das Lob sie bei den Helden in der Fülle bald gewann.

König Etzels Herrschaft war so weit erkannt, 1384

Daß man zu allen Zeiten an seinem Hofe fand

Die allerkühnsten Recken, davon man je vernommen

Bei Christen oder Heiden; die waren all mit ihm gekommen.

Bei ihm war allerwegen, so sieht mans nimmermehr, 1385

So christlicher Glaube als heidnischer Verkehr.

Wozu nach seiner Sitte sich auch ein Jeder schlug,

Das schuf des Königs Milde, man gab doch Allen genug.

* * * * *

Zweiundzwanzigstes Abenteuer.

Wie Kriemhild bei den Heunen empfangen ward.

Sie blieb zu Traisenmauer bis an den vierten Tag. 1386

Der Staub in den Straßen derweil nicht stille lag:

Aufstob er allenthalben wie in hellem Brand.

Da ritten Etzels Leute durch das Oesterreicherland.

Es war dem König Etzel gemeldet in der Zeit, 1387

Daß ihm vor Gedanken schwand sein altes Leid,

Wie herrlich Frau Kriemhild zöge durch das Land.

Da eilte hin der König, wo er die Minnigliche fand.

Von gar manchen Sprachen sah man auf den Wegen 1388

Vor König Etzeln reiten viel der kühnen Degen,

Von Christen und von Heiden manches breite Heer.

Als sie die Herrin fanden, sie zogen fröhlich einher.

Von Reußen und von Griechen ritt da mancher Mann; 1389

Die Polen und Walachen zogen geschwind heran

Auf den guten Rossen, die sie herrlich ritten.

Da zeigte sich ein Jeder in seinen heimischen Sitten.

Aus dem Land zu Kiew ritt da mancher Mann 1390

Und die wilden Peschenegen. Mit Bogen hub man an

Zu schießen nach den Vögeln, die in den Lüften flogen;

Mit Kräften sie die Pfeile bis zu des Bogens Ende zogen.

Eine Stadt liegt an der Donau im Oesterreicherland, 1391

Die ist geheißen Tulna. Da ward ihr bekannt

Manche fremde Sitte, die sie noch niemals sah.

Da empfiengen sie gar Viele, denen noch Leid von ihr geschah.

Es ritt dem König Etzel ein Ingesind voran, 1392

Fröhlich und prächtig, höfisch und wohlgethan,

Wohl vierundzwanzig Fürsten, mächtig und hehr:

Ihre Königin zu schauen, sie begehrten sonst nichts mehr.

Ramung, der Herzog aus Walachenland, 1393

Mit siebenhundert Mannen kam er vor sie gerannt.

Wie fliegende Vögel sah man sie alle fahren.

Da kam der Fürst Gibeke mit viel herrlichen Scharen.

Hornbog der schnelle ritt mit tausend Mann 1394

Von des Königs Seite zu seiner Fraun heran.

Sie prangten und stolzierten nach ihres Landes Sitten.

Von den Heunenfürsten ward auch da herrlich geritten.

Da kam vom Dänenlande der kühne Hawart 1395

Und Iring der schnelle, vor allem Falsch bewahrt;

Von Thüringen Irnfried, ein waidlicher Mann:

Sie empfiengen Kriemhilden, daß sie viel Ehre gewann,

Mit zwölfhundert Mannen, die zählte ihre Schar. 1396

Da kam der Degen Blödel mit dreitausend gar,

König Etzels Bruder aus dem Heunenland:

Der ritt in stolzem Zuge, bis er die Königin fand.

Da kam der König Etzel und Herr Dieterich 1397

Mit seinen Helden allen. Da sah man ritterlich

Manchen edeln Ritter bieder und auch gut.

Davon ward Kriemhilden gar wohl erhoben der Muth.

Da sprach zu der Königin der edle Rüdiger: 1398

"Frau, euch will empfangen hier der König hehr.

Wen ich euch küssen heiße, dem sei der Kuss gegönnt:

Wißt, daß ihr Etzels Recken nicht alle gleich empfangen könnt."

Da hob man von der Mähre die Königin hehr. 1399

Etzel der reiche nicht säumt' er länger mehr:

Er schwang sich von dem Rosse mit manchem kühnen Mann;

Voller Freuden kam er zu Frau Kriemhilden heran.

Zwei mächtige Fürsten, das ist uns wohlbekannt, 1400

Giengen bei der Frauen und trugen ihr Gewand,

Als der König Etzel ihr entgegen gieng

Und sie den edlen Fürsten mit Küssen gütlich empfieng.

Sie schob hinauf die Binden: ihre Farbe wohlgethan 1401

Erglänzt' aus dem Golde. Da sagte mancher Mann,

Frau Helke könne schöner nicht gewesen sein.

Da stand in der Nähe des Königs Bruder Blödelein.

Den rieth ihr zu küssen Rüdiger der Markgraf reich 1402

Und den König Gibeke, Dietrichen auch zugleich:

Zwölf der Recken küsste Etzels Königin;

Da blickte sie mit Grüßen noch zu manchem Ritter hin.

Während König Etzel bei Kriemhilden stand, 1403

Thaten junge Degen wie Sitte noch im Land:

Waffenspiele wurden schön vor ihr geritten;

Das thaten Christenhelden und Heiden nach ihren Sitten.

Wie ritterlich die Degen in Dietrichens Lehn 1404

Die splitternden Schäfte in die Lüfte ließen gehn

Hoch über Schilde aus guter Ritter Hand!

Vor den deutschen Gästen brach da mancher Schildesrand.

Von der Schäfte Krachen vernahm man lauten Schall. 1405

Da waren aus dem Lande die Recken kommen all

Und auch des Königs Gäste, so mancher edle Mann:

Da gieng der reiche König mit der Königin hindann.

Sie fanden in der Nähe ein herrlich Gezelt. 1406

Erfüllt war von Hütten rings das ganze Feld;

Da war nach den Beschwerden Rast für sie bereit.

Da geleiteten die Helden darunter manche schöne Maid

Zu Kriemhild der Königin, die dort darnieder saß 1407

Auf reichem Stuhlgewande; der Markgraf hatte das

So prächtig schaffen laßen, sie fandens schön und gut.

Da stand dem König Etzel in hohen Freuden der Muth.

Was sie zusammen redeten, das ist mir unbekannt; 1408

In seiner Rechten ruhte ihre weiße Hand.

So saßen sie in Minne, als Rüdiger der Degen

Dem König nicht gestattete, Kriemhildens heimlich zu pflegen.

Da ließ man unterbleiben das Kampfspiel überall; 1409

Mit Ehren ward beendet der laute Freudenschall.

Da giengen zu den Hütten Die Etzeln unterthan;

Herberge wies man ihnen ringsum allenthalben an.

Den Abend und nachtüber fanden sie Ruhe da, 1410

Bis man den lichten Morgen wieder scheinen sah.

Da kamen hoch zu Rosse viel Helden ausersehn;

Hei! was sah man Kurzweil zu des Königs Ehren geschehn!

Nach Würden es zu schaffen der Fürst die Heunen bat. 1411

Da ritten sie von Tulna gen Wien in die Stadt.

In schönem Schmucke fand man da Frauen ohne Zahl.

Sie empfiengen wohl mit Ehren König Etzels Gemahl.

In Ueberfluß und Fülle war da für sie bereit, 1412

Wes sie nur bedurften. Viel Degen allbereit

Sahn froh dem Fest entgegen. Herbergen wies man an;

Die Hochzeit des Königs mit hohen Freuden begann.

Man mochte sie nicht alle herbergen in der Stadt: 1413

Die nicht Gäste waren, Rüdiger die bat,

Daß sie Herberge nahmen auf dem Land.

Wohl weiß ich, daß man immer den König bei Kriemhilden fand.

Dietrich der Degen und mancher andre Held 1414

Die hatten ihre Muße mit Arbeit eingestellt,

Auf daß sie den Gästen trösteten den Muth;

Rüdger und seine Freunde hatten Kurzweile gut.

Die Hochzeit war gefallen auf einen Pfingstentag, 1415

Wo der König Etzel bei Kriemhilden lag

In der Stadt zu Wiene. Fürwahr so manchen Mann

Bei ihrem ersten Manne sie nicht zu Diensten gewann.

Durch Gabe ward sie Manchem, der sie nicht kannte, kund. 1416

Darüber zu den Gästen hub Mancher an zur Stund:

"Wir wähnten, Kriemhilden benommen wär ihr Gut,

Die nun mit ihren Gaben hier so große Wunder thut."

Diese Hochzeit währte siebzehn Tage lang. 1417

Von keinem andern König weiß der Heldensang,

Der solche Hochzeit hielte: es ist uns unbekannt.

Alle, die da waren, die trugen neues Gewand.

Sie hatte nie geseßen daheim in Niederland 1418

Vor so manchem Recken; auch ist mir wohlbekannt,

War Siegfried reich an Schätzen, so hatte er doch nicht

So viel der edeln Recken, als sie hier sah in Etzels Pflicht.

Wohl gab auch nie ein König bei seiner Hochzeit 1419

So manchen reichen Mantel, lang, tief und weit,

Noch so gute Kleider, als man hier gewann,

Die Kriemhildens willen alle wurden vertan.

Ihre Freunde wie die Gäste hatten Einen Muth: 1420

Sie dachten nichts zu sparen, und wärs das beste Gut.

Was Einer wünschen mochte, man war dazu bereit;

Da Standen viel der Degen vor Milde bloß und ohne Kleid.

Wenn sie daran gedachte, wie sie am Rheine saß 1421

Bei ihrem edeln Manne, ihre Augen wurden naß;

Doch hehlte sie es immer, daß es Niemand sah,

Da ihr nach manchem Leide so viel der Ehren geschah.

Was Einer that aus Milde, das war doch gar ein Wind 1422

Gegen Dietrichen: was Botlungens Kind

Ihm gegeben hatte, das wurde gar verwandt.

Da begieng auch große Wunder des milden Rüdiger Hand.

Auch aus Ungarlande der Degen Blödelein 1423

Ließ da ledig machen manchen Reiseschrein

Von Silber und von Golde: das ward dahin gegeben.

Man sah des Königs Helden so recht fröhlich alle leben.

Des Königs Spielleute, Werbel und Schwemmelein, 1424

Wohl an tausend Marken nahm Jedweder ein

Bei dem Hofgelage (oder mehr als das),

Als die schöne Kriemhild bei Etzeln unter Krone saß.

Am achtzehnten Morgen von Wien die Helden ritten. 1425

In Ritterspielen wurden der Schilde viel verschnitten

Von Speren, so da führten die Recken an der Hand:

So kam der König Etzel mit Freuden in der Heunen Land.

In Heimburg der alten verblieb man über Nacht. 1426

Da konnte Niemand wißen recht des Volkes Macht,

Mit welchen Heerkräften sie ritten durch das Land.

Hei! was schöner Frauen man in seiner Heimat fand!

In Misenburg der reichen fieng man zu segeln an. 1427

Verdeckt ward das Wasser von Ross und auch von Mann,

Als ob es Erde wäre, was man doch fließen sah.

Die wegemüden Frauen mochten sich wohl ruhen da.

Zusammen war gebunden manches Schifflein gut, 1428

Daß ihnen wenig schaden Woge mocht und Flut;

Darüber ausgebreitet manch köstlich Geleit,

Als ob sie noch immer beides hatten, Land und Feld.

Nun ward auch in Etzelnburg die Märe kund gethan: 1429

Da freute sich darinnen beides, Weib und Mann.

Etzels Ingesinde, des einst Frau Helke pflag,

Erlebte bei Kriemhilden noch manchen fröhlichen Tag.

Da stand ihrer harrend gar manche edle Maid, 1430

Die seit Helkens Tode getragen Herzeleid.

Sieben Königstöchter Kriemhild noch da fand;

Durch die so ward gezieret König Etzels ganzes Land.

Herrat die Jungfrau noch des Gesindes pflag, 1431

Helkens Schwestertochter, in der viel Tugend lag,

Dietrichs Verlobte, eines edeln Königs Sproß,

Die Tochter Nentweinens, die noch viel Ehren genoß.

Auf der Gäste Kommen freute sich ihr Muth; 1432

Auch war dazu verwendet viel kostbares Gut.

Wer könnt euch des bescheiden, wie der König saß seitdem?

Den Heunen ward nicht wieder eine Königin so genehm.

Als der Fürst mit seinem Weibe geritten kam vom Strand, 1433

Wer eine Jede führte, das ward da wohl benannt

Kriemhild der edeln: sie grüßte desto mehr.

Wie saß an Helkens Stelle sie bald gewaltig und hehr!

Getreulichen Dienstes ward ihr viel bekannt. 1434

Die Königin vertheilte Gold und Gewand,

Silber und Gesteine: was sie des überrhein

Zum Heunenlande brachte, das muste gar vergeben sein.

Auch wurden ihr mit Diensten ergeben allzumal 1435

Die Freunde des Königs und denen er befahl,

Daß Helke nie die Königin so gewaltiglich gebot,

Als sie ihr dienen musten bis an Kriemhildens Tod.

Da stand in solchen Ehren der Hof und auch das Land, 1436

Daß man zu allen Zeiten die Kurzweile fand,

Wonach einem Jeden verlangte Herz und Muth;

Das schuf des Königs Liebe, dazu der Königin Gut.

* * * * *

Dreiundzwanzigstes Abenteuer.

Wie Kriemhild ihr Leid zu rächen gedachte.

In so hohen Ehren, das ist alles wahr, 1437

Wohnten sie beisammen bis an das siebte Jahr.

Eines Sohns war genesen derweil die Königin:

Das schien König Etzel der allergröste Gewinn.

Bis sie es erlangte, ließ sie nicht ab davon, 1438

Die Taufe must empfangen König Etzels Sohn

Nach christlichem Brauche: Ortlieb ward er genannt.

Darob war große Freude über Etzels ganzem Land.

Der Zucht, deren jemals zuvor Frau Helke pflag, 1439

Fliß sich Frau Kriemhild darauf gar manchen Tag.

Es lehrte sie die Sitte Herrat die fremde Maid;

Die trug noch in der Stille um Helke schmerzliches Leid.

Vor Heimischen und Fremden gestanden allesamt 1440

Beßer und milder hab eines Königs Land

Nie eine Frau beseßen: das hielten sie für wahr.

Des rühmten sie die Heunen bis an das dreizehnte Jahr.

Nun wuste sie, daß Niemand ihr feindlich sei gesinnt, 1441

Wie oft wohl Königinnen der Fürsten Recken sind,

Und daß sie täglich mochte zwölf Könge vor sich sehn.

Sie vergaß auch nicht des Leides, das ihr daheim war geschehn.

Sie gedacht auch noch der Ehren in Nibelungenland, 1442

Die ihr geboten worden und die ihr Hagens Hand

Mit Siegfriedens Tode hatte gar benommen,

Und ob ihm das nicht jemals noch zu Leide sollte kommen.

"Es geschäh, wenn ich ihn bringen möcht in dieses Land." 1443

Ihr träumte wohl, ihr gienge bei Etzel an der Hand

Geiselher ihr Bruder; sie küsst' ihn allezeit

In ihrem sanften Schlafe: das ward zu schmerzlichem Leid.

Der üble Teufel war es wohl, der Kriemhilden rieth, 1444

Daß sie in Freundschaft von König Gunther schied

Und ihn zur Sühne küsste in Burgundenland.

Aufs Neu begann zu triefen von heißen Thränen ihr Gewand.

Es lag ihr an dem Herzen beides, spat und fruh, 1445

Wie man mit Widerstreben sie doch gebracht dazu,

Daß sie minnen muste einen heidnischen Mann:

Die Noth hatt ihr Hagen und Herr Gunther angethan.

Wie sie das rächen möchte, dachte sie alle Tage: 1446

"Ich bin nun wohl so mächtig, wem es auch missbehage,

Daß ich meinen Feinden mag schaffen Herzeleid:

Dazu wär ich dem Hagen von Tronje gerne bereit.

"Nach den Getreuen jammert noch oft die Seele mein; 1447

Doch die mir Leides thaten, möcht ich bei denen sein,

So würde noch gerochen meines Friedels Tod.

Kaum kann ich es erwarten," sprach sie in des Herzens Noth.

Es liebten sie Alle, die dem König unterthan, 1448

Die Recken Kriemhildens; das war wohlgethan.

Ihr Kämmerer war Eckewart: drum ward er gern gesehn:

Kriemhildens Willen konnte Niemand widerstehn.

Sie gedacht auch alle Tage: "Ich will den König bitten," 1449

Er möcht ihr vergönnen mit gütlichen Sitten,

Daß man ihre Freunde brächt in der Heunen Land.

Den argen Willen Niemand an der Königin verstand.

Als eines Nachts Frau Kriemhild bei dem König lag, 1450

Umfangen mit den Armen hielt er sie, wie er pflag

Der edeln Frau zu kosen, sie war ihm wie sein Leib,

Da gedachte ihrer Feinde dieses herrliche Weib.

Sie sprach zu dem König: "Viel lieber Herre mein, 1451

Ich wollt euch gerne bitten, möcht es mit Hulden sein,

Daß ihr mich sehen ließet, ob ich verdient den Sold,

Daß ihr meinen Freunden wäret inniglich hold."

Da sprach der mächtge König, arglos war sein Muth: 1452

"Des sollt ihr inne werden: was man den Helden thut

Zu Ehren und zu Gute, mir geschieht ein Dienst daran,

Da ich von Weibesminne nie beßre Freunde gewann."

Noch sprach zu ihm die Königin: "Ihr wißt so gut wie ich, 1453

Ich habe hohe Freunde: darum betrübt es mich,

Daß mich die so selten besuchen hier im Land:

Ich bin allen Leuten hier nur als freundlos bekannt."

Da sprach der König Etzel: "Viel liebe Fraue mein, 1454

Däucht' es sie nicht zu ferne, so lüd ich überrhein,

Die ihr da gerne sähet, hieher zu meinem Land."

Sie freute sich der Rede, als ihr sein Wille ward bekannt.

Sie sprach: "Wollt ihr mir Treue leisten, Herre mein, 1455

So sollt ihr Boten senden gen Worms überrhein.

So entbiet ich meinen Freunden meinen Sinn und Muth:

So kommen uns zu Lande viel Ritter edel und gut."

Er sprach: "Wenn ihr gebietet, so laß ich es geschehn. 1456

Ihr könntet eure Freunde nicht so gerne sehn,

Der edeln Ute Kinder, als ich sie sähe gern:

Es ist mir ein Kummer, daß sie so fremd uns sind und fern."

Er sprach: "Wenn dirs gefiele, viel liebe Fraue mein, 1457

Wollt ich als Boten senden zu den Freunden dein

Meine Fiedelspieler gen Burgundenland."

Die guten Spielleute ließ man bringen gleich zur Hand.

Die Knappen kamen beide, wo sie den König sahn 1458

Sitzen bei der Königin. Da sagt' er ihnen an,

Sie sollten Boten werden nach Burgundenland.

Auch ließ er ihnen schaffen reiches herrliches Gewand.

Vierundzwanzig Recken schnitt man da das Kleid. 1459

Ihnen ward auch von dem König gegeben der Bescheid,

Wie sie Gunthern laden sollten und Die ihm unterthan.

Frau Kriemhild mit ihnen geheim zu sprechen begann.

Da sprach der reiche König: "Nun hört, wie ihr thut: 1460

Ich entbiete meinen Freunden alles, was lieb und gut,

Daß sie geruhn zu reiten hieher in mein Land.

Ich habe noch gar selten so liebe Gäste gekannt.

"Und wenn sie meinen Willen gesonnen sind zu thun, 1461

Kriemhilds Verwandte, so mögen sie nicht ruhn

Und mir zu Liebe kommen zu meinem Hofgelag,

Da meiner Schwäger Freundschaft mich so sehr erfreuen mag."

Da sprach der Fiedelspieler, der stolze Schwemmelein: 1462

"Wann soll euer Gastgeber in diesen Landen sein?

Daß wirs euern Freunden am Rhein mögen sagen."

Da sprach der König Etzel: "In der nächsten Sonnenwende Tagen."

"Wir thun, was ihr gebietet," sprach da Werbelein. 1463

Kriemhild ließ die Boten zu ihrem Kämmerlein

Führen in der Stille und besprach mit ihnen da,

Wodurch noch manchem Degen bald wenig Liebes geschah.

Sie sprach zu den Boten: "Ihr verdient groß Gut, 1464

Wenn ihr besonnen meinen Willen thut

Und sagt, was ich entbiete heim in unser Land:

Ich mach euch reich an Gute und geb euch herrlich Gewand.

"Wen ihr von meinen Freunden immer möget sehn 1465

Zu Worms an dem Rheine, dem sollt ihrs nie gestehn,

Daß ihr mich immer sähet betrübt in meinem Muth;

Und entbietet meine Grüße diesen Helden kühn und gut.

"Bittet sie zu leisten, was mein Gemahl entbot, 1466

Und mich dadurch zu scheiden von all meiner Noth.

Ich scheine hier den Heunen freundlos zu sein.

Wenn ich ein Ritter hieße ich käme manchmal an den Rhein.

"Und sagt auch Gernoten, dem edeln Bruder mein, 1467

Daß ihm auf Erden Niemand holder möge sein:

Bittet, daß er mir bringe hierher in dieses Land

Unsre besten Freunde: so wird uns Ehre bekannt.

"Sagt auch Geiselheren, ich mahn ihn daran, 1468

Daß ich mit seinem Willen nie ein Leid gewann:

Drum sähn ihn hier im Lande gern die Augen mein;

Auch will ich all mein Leben ihm zu Dienst verpflichtet sein.

"Sagt auch meiner Mutter, wie mir Ehre hier geschieht; 1469

Und wenn von Tronje Hagen der Reise sich entzieht,

Wer ihnen zeigen solle die Straßen durch das Land?

Die Wege zu den Heunen sind von frühauf ihm bekannt."

Nun wusten nicht die Boten, warum das möge sein, 1470

Daß sie diesen Hagen von Tronje nicht am Rhein

Bleiben laßen sollten. Bald ward es ihnen leid:

Durch ihn war manchem Degen mit dem grimmen Tode gedräut.

Botenbrief und Siegel ward ihnen nun gegeben; 1471

Sie fuhren reich an Gute und mochten herrlich leben.

Urlaub gab ihnen Etzel und sein schönes Weib;

Ihnen war auch wohlgezieret mit guten Kleidern der Leib.

* * * * *

Vierundzwanzigstes Abenteuer.

Wie Werbel und Schwemmel die Botschaft brachten.

Als Etzel seine Fiedler hin zum Rheine sandte, 1472

Da flogen diese Mären von Lande zu Lande:

Mit schnellen Abgesandten bat er und entbot

Zu seinem Hofgelage; da holte Mancher sich den Tod.

Die Boten ritten hinnen aus der Heunen Land 1473

Zu den Burgunden, wohin man sie gesandt

Zu dreien edeln Königen und ihrer Mannen Heer:

Daß sie zu Etzeln kämen; da beeilten sie sich sehr.

Zu Bechlaren ritten schon die Boten ein. 1474

Ihnen diente man da gerne und ließ auch das nicht sein:

Ihre Grüße sandten Rüdger und Gotelind

Den Degen an dem Rheine und auch des Markgrafen Kind.

Sie ließen ohne Gaben die Boten nicht hindann, 1475

Daß desto sanfter führen Die Etzeln unterthan.

Uten und ihren Söhnen entbot da Rüdiger,

Ihnen so gewogen hätten sie keinen Markgrafen mehr.

Sie entboten auch Brunhilden Alles, was lieb und gut, 1476

Ihre stäte Treue und dienstbereiten Muth.

Da wollten nach der Rede die Boten weiter ziehn;

Gott bat sie zu bewahren Gotlind die edle Markgräfin.

Eh noch die Boten völlig durchzogen Baierland, 1477

Werbel der Schnelle den guten Bischof fand.

Was der da seinen Freunden hin an den Rhein entbot,

Davon hab ich nicht Kunde; jedoch sein Gold also roth

Gab er den Boten milde. Als sie wollten ziehn, 1478

"Sollt ich sie bei mir schauen," sprach Bischof Pilgerin,

"So wär mir wohl zu Muthe, die Schwestersöhne mein:

Ich mag leider selten zu ihnen kommen an den Rhein."

Was sie für Wege fuhren zum Rhein durch das Land, 1479

Kann ich euch nicht bescheiden. Ihr Gold und ihr Gewand

Blieb ihnen unbenommen; man scheute Etzels Zorn:

So gewaltig herrschte der edle König wohlgeborn.

Binnen zwölf Tagen kamen sie an den Rhein, 1480

Gen Worms in die Veste, Werbel und Schwemmelein.

Da sagte mans dem König und seinen Mannen an,

Es kämen fremde Boten; Gunther zu fragen begann.

Da sprach der Vogt vom Rheine: "Wer macht uns bekannt, 1481

Von wannen diese Gäste ritten in das Land?"

Davon wuste Niemand, bis die Boten sah

Hagen von Tronje: der begann zu Gunthern da:

"Wir hören Neues heute, dafür will ich euch stehn: 1482

Etzels Fiedelspieler die hab ich hier gesehn;

Die hat eure Schwester gesendet an den Rhein:

Ihres Herren Willen sollen sie uns willkommen sein."

Sie ritten ohne Weilen zu dem Saal heran: 1483

So herrlich fuhr wohl nimmer eines Fürsten Fiedelmann.

Des Königs Ingesinde empfieng sie gleich zur Hand;

Herberge gab man ihnen und bewahrte ihr Gewand.

Ihre Reisekleider waren reich und so wohlgethan, 1484

Sie mochten wohl mit Ehren sich so dem König nahn;

Doch wollten sie nicht länger sie dort am Hofe tragen.

"Ob Jemand sie begehre?" ließen da die Boten fragen.

Da waren auch bedürftige Leute bei der Hand, 1485

Die sie gerne nahmen: denen wurden sie gesandt.

Da schmückten mit Gewanden so reich die Gäste sich,

Wie es Königsboten herrlich stand und wonniglich.

Da gieng mit Urlaube hin, wo der König saß 1486

Etzels Ingesinde: gerne sah man das.

Herr Hagen gleich den Boten vom Sitz entgegen sprang,

Sie freundlich zu begrüßen: des sagten ihm die Knappen Dank.

Da hub er um die Kunde sie zu befragen an, 1487

Wie Etzel sich gehabe und Die ihm unterthan.

Da sprach der Fiedelspieler: "Nie beßer stands im Land,

Das Volk war niemals froher, das sei euch wahrlich bekannt."

Er führte sie dem Wirthe zu; der Königssaal war voll: 1488

Da empfieng man die Gäste, wie man immer soll

Boten freundlich grüßen in andrer Könge Land.

Werbel der Recken viel bei König Gunthern fand.

Der König wohlgezogen zu grüßen sie begann: 1489

"Willkommen, beide Fiedler, die Etzeln unterthan,

Mit euern Heergesellen: wozu hat euch gesandt

Etzel der reiche zu der Burgunden Land?"

Sie neigten sich dem König. Da sprach Werbelein: 1490

"Euch entbietet seine Dienste der liebe Herre mein

Und Kriemhild eure Schwester hieher in dieses Land:

Sie haben uns euch Recken auf gute Treue gesandt."

Da sprach der reiche König: "Der Märe bin ich froh. 1491

Wie gehabt sich Etzel," der Degen fragte so,

"Und Kriemhild meine Schwester in der Heunen Land?"

Da sprach der Fiedelspieler: "Das mach ich gern euch bekannt.

"Beßer wohl gehabten sich Könge nirgend mehr 1492

Und fröhlicher, das wißet, als die Fürsten hehr

Und ihre Degen alle, Freund und Untertan.

Sie freuten sich der Reise, da wir schieden hindann,"

"Nun Dank ihm für die Dienste, die er mir entbeut, 1493

Ihm und meiner Schwester: gern erfahr ich heut,

Daß sie in Freuden leben, der König und sein Lehn;

Meine Frage war nach ihnen in großen Sorgen geschehn."

Die beiden jungen Könige waren auch gekommen, 1494

Die hatten diese Märe eben erst vernommen.

Geiselher der junge die Boten gerne sah

Aus Liebe zu der Schwester; gar minniglich sprach er da:

"Ihr Boten sollt uns beide hochwillkommen sein; 1495

Kämet ihr geritten nur öfter an den Rhein,

Ihr fändet hier der Freunde, die ihr gerne möchtet sehn.

Euch sollte hier zu Lande wenig Leides geschehn."

"Wir versehn uns alles Guten zu euch," sprach Schwemmelein; 1496

"Ich könnt euch nicht bedeuten mit den Worten mein,

Wie minnigliche Grüße euch Etzel hat gesandt

Und eure edle Schwester, die da in hohen Ehren stand.

"An eure Lieb und Treue mahnt euch die Königin 1497

Und daß ihr stäts gewogen war euer Herz und Sinn.

Zuvörderst euch, Herr König, sind wir hieher gesandt,

Daß ihr geruht zu reiten zu ihnen in der Heunen Land.

"Es soll auch mit euch reiten euer Bruder Gernot. 1498

Etzel der reiche euch Allen das entbot,

Wenn ihr nicht kommen wolltet, eure Schwester sehn,

So möcht er doch wohl wißen, was euch von ihm war geschehn,

"Daß ihr ihn also meidet und auch sein Reich und Land. 1499

Wär euch auch die Königin fremd und unbekannt,

So möcht er selbst verdienen, ihr kämet ihn zu sehn:

Wenn ihr das leisten wolltet, so wär ihm Liebes geschehn."

Da sprach der König Gunther: "Nach der siebten Nacht 1500

Will ich euch bescheiden, wes ich mich bedacht

Hab im Rath der Freunde; geht derweilen hin

Zu eurer Herberge und findet gute Ruh darin."

Das Nibelungenlied · 第 14 / 16 题