K. S.

* * * * *

Das Nibelungenlied.

Erstes Abenteuer.

Wie Kriemhilden träumte.

Viel Wunderdinge melden die Mären alter Zeit 1

Von preiswerthen Helden, von großer Kühnheit,

Von Freud und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen,

Von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen.

Es wuchs in Burgunden solch edel Mägdelein, 2

Daß in allen Landen nichts Schönres mochte sein.

Kriemhild war sie geheißen, und ward ein schönes Weib,

Um die viel Degen musten verlieren Leben und Leib.

Die Minnigliche lieben brachte Keinem Scham; 3

Um die viel Recken warben, Niemand war ihr gram.

Schön war ohne Maßen die edle Maid zu schaun;

Der Jungfrau höfsche Sitte wär eine Zier allen Fraun.

Es pflegten sie drei Könige edel und reich, 4

Gunther und Gernot, die Recken ohne Gleich,

Und Geiselher der junge, ein auserwählter Degen;

Sie war ihre Schwester, die Fürsten hatten sie zu pflegen.

Die Herren waren milde, dazu von hohem Stamm, 5

Unmaßen kühn nach Kräften, die Recken lobesam.

Nach den Burgunden war ihr Land genannt;

Sie schufen starke Wunder noch seitdem in Etzels Land.

In Worms am Rheine wohnten die Herrn in ihrer Kraft. 6

Von ihren Landen diente viel stolze Ritterschaft

Mit rühmlichen Ehren all ihres Lebens Zeit,

Bis jämmerlich sie starben durch zweier edeln Frauen Streit.

Ute hieß ihre Mutter, die reiche Königin, 7

Und Dankrat ihr Vater, der ihnen zum Gewinn

Das Erbe ließ im Tode, vordem ein starker Mann,

Der auch in seiner Jugend großer Ehren viel gewann.

Die drei Könge waren, wie ich kund gethan, 8

Stark und hohen Muthes; ihnen waren unterthan

Auch die besten Recken, davon man hat gesagt,

Von großer Kraft und Kühnheit, in allen Streiten unverzagt.

Das war von Tronje Hagen, und der Bruder sein, 9

Dankwart der Schnelle, von Metz Herr Ortewein,

Die beiden Markgrafen Gere und Eckewart,

Volker von Alzei, an allen Kräften wohlbewahrt,

Rumold der Küchenmeister, ein theuerlicher Degen, 10

Sindold und Hunold: die Herren musten pflegen

Des Hofes und der Ehren, den Köngen unterthan.

Noch hatten sie viel Recken, die ich nicht alle nennen kann.

Dankwart war Marschall; so war der Neffe sein 11

Truchseß des Königs, von Metz Herr Ortewein.

Sindold war Schenke, ein waidlicher Degen,

Und Kämmerer Hunold: sie konnten hoher Ehren pflegen.

Von des Hofes Ehre von ihrer weiten Kraft, 12

Von ihrer hohen Würdigkeit und von der Ritterschaft,

Wie sie die Herren übten mit Freuden all ihr Leben,

Davon weiß wahrlich Niemand euch volle Kunde zu geben.

In ihren hohen Ehren träumte Kriemhilden, 13

Sie zög einen Falken, stark-, schön- und wilden;

Den griffen ihr zwei Aare, daß sie es mochte sehn:

Ihr konnt auf dieser Erde größer Leid nicht geschehn.

Sie sagt' ihrer Mutter den Traum, Frau Uten: 14

Die wust ihn nicht zu deuten als so der guten:

"Der Falke, den du ziehest, das ist ein edler Mann:

Ihn wolle Gott behüten, sonst ist es bald um ihn gethan."

"Was sagt ihr mir vom Manne, vielliebe Mutter mein? 15

Ohne Reckenminne will ich immer sein;

So schön will ich verbleiben bis an meinen Tod,

Daß ich von Mannesminne nie gewinnen möge Noth."

"Verred es nicht so völlig," die Mutter sprach da so, 16

"Sollst du je auf Erden von Herzen werden froh,

Das geschieht von Mannesminne: du wirst ein schönes Weib,

Will Gott dir noch vergönnen eines guten Ritters Leib."

"Die Rede laßt bleiben, vielliebe Mutter mein. 17

Es hat an manchen Weiben gelehrt der Augenschein,

Wie Liebe mit Leide am Ende gerne lohnt;

Ich will sie meiden beide, so bleib ich sicher verschont!"

Kriemhild in ihrem Muthe hielt sich von Minne frei. 18

So lief noch der guten manch lieber Tag vorbei,

Daß sie Niemand wuste, der ihr gefiel zum Mann,

Bis sie doch mit Ehren einen werthen Recken gewann.

Das war derselbe Falke, den jener Traum ihr bot, 19

Den ihr beschied die Mutter. Ob seinem frühen Tod

Den nächsten Anverwandten wie gab sie blutgen Lohn!

Durch dieses Einen Sterben starb noch mancher Mutter Sohn.

* * * * *

Zweites Abenteuer.

Von Siegfrieden.

Da wuchs im Niederlande eines edeln Königs Kind, 20

Siegmund hieß sein Vater, die Mutter Siegelind,

In einer mächtgen Veste, weithin wohlbekannt,

Unten am Rheine, Xanten war sie genannt.

Ich sag euch von dem Degen, wie so schön er ward. 21

Er war vor allen Schanden immer wohl bewahrt.

Stark und hohes Namens ward bald der kühne Mann:

Hei! was er großer Ehren auf dieser Erde gewann!

Siegfried ward geheißen der edle Degen gut. 22

Er erprobte viel der Recken in hochbeherztem Muth.

Seine Stärke führt' ihn in manches fremde Land:

Hei! was er schneller Degen bei den Burgunden fand!

Bevor der kühne Degen voll erwuchs zum Mann, 23

Da hatt er solche Wunder mit seiner Hand gethan,

Davon man immer wieder singen mag und sagen;

Wir müßen viel verschweigen von ihm in heutigen Tagen.

In seinen besten Zeiten, bei seinen jungen Tagen 24

Mochte man viel Wunder von Siegfrieden sagen,

Wie Ehr an ihm erblühte und wie schön er war zu schaun:

Drum dachten sein in Minne viel der waidlichen Fraun.

Man erzog ihn mit dem Fleiße, wie ihm geziemend war; 25

Was ihm Zucht und Sitte der eigne Sinn gebar!

Das ward noch eine Zierde für seines Vaters Land,

Daß man zu allen Dingen ihn so recht herrlich fand.

Er war nun so erwachsen, mit an den Hof zu gehn. 26

Die Leute sahn ihn gerne; viel Fraun und Mädchen schön

Wünschten wohl, er käme dahin doch immerdar;

Hold waren ihm gar viele, des ward der Degen wohl gewahr.

Selten ohne Hüter man reiten ließ das Kind. 27

Mit Kleidern hieß ihn zieren seine Mutter Siegelind;

Auch pflegten sein die Weisen, denen Ehre war bekannt:

Drum möcht er wohl gewinnen so die Leute wie das Land,

Nun war er in der Stärke, daß er wohl Waffen trug: 28

Wes er dazu bedurfte, des gab man ihm genug.

Schon sann er zu werben um manches schöne Kind;

Die hätten wohl mit Ehren den schönen Siegfried geminnt.

Da ließ sein Vater Siegmund kund thun seinem Lehn, 29

Mit lieben Freunden woll er ein Hofgelag begehn.

Da brachte man die Märe in andrer Könge Land.

Den Heimischen und Gästen gab er Ross und Gewand.

Wen man finden mochte, der nach der Eltern Art 30

Ritter werden sollte, die edeln Knappen zart

Lud man nach dem Lande zu der Lustbarkeit,

Wo sie das Schwert empfiengen mit Siegfried zu gleicher Zeit.

Man mochte Wunder sagen von dem Hofgelag. 31

Siegmund und Siegelind gewannen an dem Tag

Viel Ehre durch die Gaben, die spendet' ihre Hand:

Drum sah man viel der Fremden zu ihnen reiten in das Land.

Vierhundert Schwertdegen sollten gekleidet sein 32

Mit dem jungen Könige. Manch schönes Mägdelein

Sah man am Werk geschäftig: ihm waren alle hold.

Viel edle Steine legten die Frauen da in das Gold,

Die sie mit Borten wollten auf die Kleider nähn 33

Den jungen stolzen Recken; das muste so ergehn.

Der Wirth ließ Sitze bauen für manchen kühnen Mann

Zu der Sonnenwende, wo Siegfried Ritters Stand gewann.

Da gieng zu einem Münster mancher reiche Knecht 34

Und viel der edeln Ritter. Die Alten thaten recht,

Daß sie den Jungen dienten, wie ihnen war geschehn,

Sie hatten Kurzweile und freuten sich es zu sehn.

Als man da Gott zu Ehren eine Messe sang, 35

Da hub sich von den Leuten ein gewaltiger Drang,

Da sie zu Rittern wurden dem Ritterbrauch gemäß

Mit also hohen Ehren, so leicht nicht wieder geschähs.

Sie eilten, wo sie fanden geschirrter Rosse viel. 36

Da ward in Siegmunds Hofe so laut das Ritterspiel,

Daß man ertosen hörte Pallas und Saal.

Die hochbeherzten Degen begannen fröhlichen Schall.

Von Alten und von Jungen mancher Stoß erklang, 37

Daß der Schäfte Brechen in die Lüfte drang.

Die Splitter sah man fliegen bis zum Saal hinan.

Die Kurzweile sahen die Fraun und Männer mit an.

Der Wirth bat es zu laßen. Man zog die Rosse fort; 38

Wohl sah man auch zerbrochen viel starke Schilde dort

Und viel der edeln Steine auf das Gras gefällt

Von des lichten Schildes Spangen: die hatten Stöße zerschellt.

Da setzten sich die Gäste, wohin man ihnen rieth, 39

zu Tisch, wo von Ermüdung viel edle Kost sie schied

Und Wein der allerbeste, des man die Fülle trug.

Den Heimischen und Fremden bot man Ehren da genug.

So viel sie Kurzweile gefunden all den Tag, 40

Das fahrende Gesinde doch keiner Ruhe pflag:

Sie dienten um die Gabe, die man da reichlich fand;

Ihr Lob ward zur Zierde König Siegmunds ganzem Land.

Da ließ der Fürst verleihen Siegfried, dem jungen Mann, 41

Das Land und die Burgen, wie sonst er selbst gethan.

Seinen Schwertgenoßen gab er mit milder Hand:

So freute sie die Reise, die sie geführt in das Land.

Das Hofgelage währte bis an den siebten Tag. 42

Sieglind die reiche der alten Sitte pflag,

Daß sie dem Sohn zu Liebe vertheilte rothes Gold:

Sie könnt es wohl verdienen, daß ihm die Leute waren hold.

Da war zuletzt kein armer Fahrender mehr im Land. 43

Ihnen stoben Kleider und Rosse von der Hand,

Als hätten sie zu leben nicht mehr denn einen Tag.

Man sah nie Ingesinde, das so großer Milde pflag.

Mit preiswerthen Ehren zergieng die Lustbarkeit. 44

Man hörte wohl die Reichen sagen nach der Zeit,

Daß sie dem Jungen gerne wären unterthan;

Das begehrte nicht Siegfried, dieser waidliche Mann.

So lange sie noch lebten, Siegmund und Siegelind, 45

Wollte nicht Krone tragen der beiden liebes Kind;

Doch wollt er herrlich wenden alle die Gewalt,

Die in den Landen fürchtete der Degen kühn und wohlgestalt.

Ihn durfte Niemand schelten: seit er die Waffen nahm, 46

Pflag er der Ruh nur selten, der Recke lobesam.

Er suchte nur zu streiten und seine starke Hand

Macht' ihn zu allen Zeiten in fremden Reichen wohlbekannt.

* * * * *

Drittes Abenteuer.

Wie Siegfried nach Worms kam.

Den Herrn beschwerte selten irgend ein Herzeleid. 47

Er hörte Kunde sagen, wie eine schöne Maid

Bei den Burgunden wäre, nach Wünschen wohlgethan,

Von der er bald viel Freuden und auch viel Leides gewann.

Von ihrer hohen Schöne vernahm man weit und breit, 48

Und auch ihr Hochgemüthe ward zur selben Zeit

Bei der Jungfrauen den Helden oft bekannt:

Das ladete der Gäste viel in König Gunthers Land.

So viel um ihre Minne man Werbende sah, 49

Kriemhild in ihrem Sinne sprach dazu nicht Ja,

Daß sie einen wollte zum geliebten Mann:

Er war ihr noch gar fremde, dem sie bald ward unterthan.

Dann sann auf hohe Minne Sieglindens Kind: 50

All der Andern Werben war wider ihn ein Wind.

Er mochte wohl verdienen ein Weib so auserwählt:

Bald ward die edle Kriemhild dem kühnen Siegfried vermählt.

Ihm riethen seine Freunde und Die in seinem Lehn, 51

Hab er stäte Minne sich zum Ziel ersehn,

So soll er werben, daß er sich der Wahl nicht dürfe schämen.

Da sprach der edle Siegfried: "So will ich Kriemhilden nehmen,

"Die edle Königstochter von Burgundenland, 52

Um ihre große Schöne. Das ist mir wohl bekannt,

Kein Kaiser sei so mächtig, hätt er zu frein im Sinn,

Dem nicht zum minnen ziemte diese reiche Königin."

Solche Märe hörte der König Siegmund. 53

Es sprachen seine Leute: also ward ihm kund

Seines Kindes Wille. Es war ihm höchlich leid,

Daß er werben wolle um diese herrliche Maid.

Es erfuhr es auch die Königin, die edle Siegelind: 54

Die muste große Sorge tragen um ihr Kind,

Weil sie wohl Gunthern kannte und Die in seinem Heer

Die Werbung dem Degen zu verleiden fliß man sich sehr.

Da sprach der kühne Siegfried: "Viel lieber Vater mein, 55

Ohn edler Frauen Minne wollt ich immer sein,

Wenn ich nicht werben dürfte nach Herzensliebe frei."

Was Jemand reden mochte, so blieb er immer dabei.

"Ist dir nicht abzurathen," der König sprach da so, 56

"So bin ich deines Willens von ganzem Herzen froh

Und will dirs fügen helfen, so gut ich immer kann;

Doch hat der König Gunther manchen hochfährtgen Mann.

"Und wär es anders Niemand als Hagen der Degen, 57

Der kann im Uebermuthe wohl der Hochfahrt pflegen,

So daß ich sehr befürchte, es mög uns werden leid,

Wenn wir werben wollen um diese herrliche Maid."

"Wie mag uns das gefährden!" hub da Siegfried an: 58

"Was ich mir im Guten da nicht erbitten kann,

Will ich schon sonst erwerben mit meiner starken Hand,

Ich will von ihm erzwingen so die Leute wie das Land."

"Leid ist mir deine Rede," sprach König Siegmund, 59

"Denn würde diese Märe dort am Rheine kund,

Du dürftest nimmer reiten in König Gunthers Land.

Gunther und Gernot die sind mir lange bekannt.

"Mit Gewalt erwerben kann Niemand die Magd," 60

Sprach der König Siegmund, "das ist mir wohl gesagt;

Willst du jedoch mit Recken reiten in das Land,

Die Freunde, die wir haben, die werden eilends besandt."

"So ist mir nicht zu Muthe," fiel ihm Siegfried ein, 61

"Daß mir Recken sollten folgen an den Rhein

Einer Heerfahrt willen: das wäre mir wohl leid,

Sollt ich damit erzwingen diese herrliche Maid.

"Ich will sie schon erwerben allein mit meiner Hand. 62

Ich will mit zwölf Gesellen in König Gunthers Land;

Dazu sollt ihr mir helfen, Vater Siegmund."

Da gab man seinen Degen zu Kleidern grau und auch bunt.

Da vernahm auch diese Märe seine Mutter Siegelind; 63

Sie begann zu trauern um ihr liebes Kind:,

Sie bangt' es zu verlieren durch Die in Gunthers Heer.

Die edle Königstochter weinte darüber sehr.

Siegfried der Degen gieng hin, wo er sie sah. 64

Wider seine Mutter gütlich sprach er da:

"Frau, ihr sollt nicht weinen um den Willen mein:

Wohl will ich ohne Sorgen vor allen Weiganden sein.

"Nun helft mir zu der Reise nach Burgundenland, 65

Daß mich und meine Recken ziere solch Gewand,

Wie so stolze Degen mit Ehren mögen tragen:

Dafür will ich immer den Dank von Herzen euch sagen."

"Ist dir nicht abzurathen," sprach Frau Siegelind, 66

So helf ich dir zur Reise, mein einziges Kind,

Mit den besten Kleidern, die je ein Ritter trug,

Dir und deinen Degen: ihr sollt der haben genug."

Da neigte sich ihr dankend Siegfried der junge Mann. 67

Er sprach: "Nicht mehr Gesellen nehm ich zur Fahrt mir an

Als der Recken zwölfe: verseht die mit Gewand.

Ich möchte gern erfahren, wie's um Kriemhild sei bewandt."

Da saßen schöne Frauen über Nacht und Tag, 68

Daß ihrer selten Eine der Muße eher pflag,

Bis sie gefertigt hatten Siegfriedens Staat.

Er wollte seiner Reise nun mit nichten haben Rath.

Sein Vater hieß ihm zieren sein ritterlich Gewand, 69

Womit er räumen wollte König Siegmunds Land.

Ihre lichten Panzer die wurden auch bereit

Und ihre festen Helme, ihre Schilde schön und breit.

Nun sahen sie die Reise zu den Burgunden nahn. 70

Um sie begann zu sorgen beides, Weib und Mann,

Ob sie je wiederkommen sollten in das Land.

Sie geboten aufzusäumen die Waffen und das Gewand.

Schön waren ihre Rosse, ihr Reitzeug goldesroth; 71

Wenn wer sich höher dauchte, so war es ohne Noth,

Als der Degen Siegfried und Die ihm unterthan.

Nun hielt er um Urlaub zu den Burgunden an.

Den gaben ihm mit Trauern König und Königin. 72

Er tröstete sie beide mit minniglichem Sinn

Und sprach: "Ihr sollt nicht weinen um den Willen mein:

Immer ohne Sorgen mögt ihr um mein Leben sein."

Es war leid den Recken, auch weinte manche Maid; 73

Sie ahnten wohl im Herzen, daß sie es nach der Zeit

Noch schwer entgelten müsten durch lieber Freunde Tod.

Sie hatten Grund zu klagen, es that ihnen wahrlich Noth.

Am siebenten Morgen zu Worms an den Strand 74

Ritten schon die Kühnen; all ihr Gewand

War von rothem Golde, ihr Reitzeug wohlbestellt;

Ihnen giengen sanft die Rosse, die sich da Siegfried gesellt.

Neu waren ihre Schilde, licht dazu und breit, 75

Und schön ihre Helme, als mit dem Geleit

Siegfried der kühne ritt in Gunthers Land.

Man ersah an Helden nie mehr so herrlich Gewand.

Der Schwerter Enden giengen nieder auf die Sporen; 76

Scharfe Spere führten die Ritter auserkoren.

Von zweier Spannen Breite war, welchen Siegfried trug;

Der hatt an seinen Schneiden grimmer Schärfe genug.

Goldfarbne Zäume führten sie an der Hand; 77

Der Brustriem war von Seide: so kamen sie ins Land.

Da gafften sie die Leute allenthalben an:

Gunthers Mannen liefen sie zu empfangen heran.

Die hochbeherzten Recken, Ritter so wie Knecht, 78

Liefen den Herrn entgegen, so war es Fug und Recht,

Und begrüßten diese Gäste in ihrer Herren Land;

Die Pferde nahm man ihnen und die Schilde von der Hand.

Da wollten sie die Rosse ziehn zu ihrer Rast; 79

Da sprach aber Siegfried alsbald, der kühne Gast:

"Laßt uns noch die Pferde stehen kurze Zeit:

Wir reiten bald von hinnen; dazu bin ich ganz bereit.

"Man soll uns auch die Schilde nicht von dannen tragen; 80

Wo ich den König finde, kann mir das Jemand sagen,

Gunther den reichen aus Burgundenland?"

Da sagt' es ihm Einer, dem es wohl war bekannt.

"Wollt ihr den König finden, das mag gar leicht geschehn: 81

In jenem weiten Saale hab ich ihn gesehn

Unter seinen Helden; da geht zu ihm hinan,

So mögt ihr bei ihm finden manchen herrlichen Mann."

Nun waren auch die Mären dem König schon gesagt, 82

Daß auf dem Hofe wären Ritter unverzagt:

Sie führten lichte Panzer und herrlich Gewand;

Sie erkenne Niemand in der Burgunden Land.

Den König nahm es Wunder, woher gekommen sei'n 83

Die herrlichen Recken im Kleid von lichtem Schein

Und mit so guten Schilden, so neu und so breit;

Das ihm das Niemand sagte, das war König Gunthern leid.

Zur Antwort gab dem König von Metz Herr Ortewein; 84

Stark und kühnes Muthes mocht er wohl sein:

"Da wir sie nicht erkennen, so heißt Jemand gehn

Nach meinem Oheim Hagen: dem sollt ihr sie laßen sehn.

"Ihm sind wohl kund die Reiche und alles fremde Land; 85

Erkennt er die Herren, das macht er uns bekannt."

Der König ließ ihn holen und Die in seinem Lehn:

Da sah man ihn herrlich mit Recken hin zu Hofe gehn.

Warum nach ihm der König, frug Hagen da, geschickt? 86

"Es werden fremde Degen in meinem Haus erblickt,

Die Niemand mag erkennen: habt ihr in fremdem Land

Sie wohl schon gesehen? das macht mir, Hagen bekannt."

"Das will ich," sprach Hagen. Zum Fenster schritt er drauf, 87

Da ließ er nach den Gästen den Augen freien Lauf.

Wohl gefiel ihm ihr Geräthe und all ihr Gewand;

Doch waren sie ihm fremde in der Burgunden Land.

Er sprach, woher die Recken auch kämen an den Rhein, 88

Es möchten selber Fürsten oder Fürstenboten sein.

"Schön sind ihre Rosse und ihr Gewand ist gut;

Von wannen sie auch ritten, es sind Helden hochgemuth."

Also sprach da Hagen: "Soviel ich mag verstehn, 89

Hab ich gleich im Leben Siegfrieden nie gesehn,

So will ich doch wohl glauben, wie es damit auch steht,

Daß er es sei, der Degen, der so herrlich dorten geht.

"Er bringt neue Mären her in dieses Land: 90

Die kühnen Nibelungen schlug des Helden Hand,

Die reichen Königssöhne Schilbung und Nibelung;

Er wirkte große Wunder mit des starken Armes Schwung.

"Als der Held alleine ritt aller Hülfe bar, 91

Fand er an einem Berge, so hört ich immerdar,

Bei König Niblungs Horte manchen kühnen Mann;

Sie waren ihm gar fremde, bis er hier die Kunde gewann.

"Der Hort König Nibelungs ward hervorgetragen 92

Aus einem hohlen Berge: nun hört Wunder sagen,

Wie ihn theilen wollten Die Niblung unterthan.

Das sah der Degen Siegfried, den es zu wundern begann.

"So nah kam er ihnen, daß er die Helden sah 93

Und ihn die Degen wieder. Der Eine sagte da:

"Hier kommt der starke Siegfried, der Held aus Niederland."

Seltsame Abenteuer er bei den Nibelungen fand.

"Den Recken wohl empfiengen Schilbung und Nibelung. 94

Einhellig baten die edeln Fürsten jung,

Daß ihnen theilen möchte den Schatz der kühne Mann:

Das begehrten sie, bis endlich ers zu geloben begann.

"Er sah so viel Gesteines, wie wir hören sagen, 95

Hundert Leiterwagen die möchten es nicht tragen,

Noch mehr des rothen Goldes von Nibelungenland:

Das Alles sollte theilen des kühnen Siegfriedes Hand.

"Sie gaben ihm zum Lohne König Niblungs Schwert: 96

Da wurden sie des Dienstes gar übel gewährt,

Den ihnen leisten sollte Siegfried der Degen gut.

Er könnt es nicht vollbringen: sie hatten zornigen Muth.

"So must er ungetheilet die Schätze laßen stehn. 97

Da bestanden ihn die Degen in der zwei Könge Lehn:

Mit ihres Vaters Schwerte, das Balmung war genannt,

Stritt ihnen ab der Kühne den Hort und Nibelungenland

"Da hatten sie zu Freunden kühne zwölf Mann, 98

Die starke Riesen waren: was konnt es sie verfahn?

Die erschlug im Zorne Siegfriedens Hand

Und siebenhundert Recken zwang er vom Nibelungenland.

"Mit dem guten Schwerte, geheißen Balmung. 99

Vom Schrecken überwältigt war mancher Degen jung

Zumal vor dem Schwerte und vor dem kühnen Mann:

Das Land mit den Burgen machten sie ihm unterthan.

"Dazu die reichen Könige die schlug er beide todt. 100

Er kam durch Albrichen darauf in große Noth:

Der wollte seine Herren rächen allzuhand,

Eh er die große Stärke noch an Siegfrieden fand.

"Mit Streit bestehen konnt ihn da nicht der starke Zwerg. 101

Wie die wilden Leuen liefen sie an den Berg,

Wo er die Tarnkappe Albrichen abgewann:

Da war des Hortes Meister Siegfried der schreckliche Mann.

"Die sich getraut zu fechten, die lagen all erschlagen. 102

Den Schatz ließ er wieder nach dem Berge tragen,

Dem ihn entnommen hatten Die Niblung unterthan.

Alberich der starke das Amt des Kämmrers gewann.

"Er must ihm Eide schwören, er dien ihm als sein Knecht, 103

Zu aller Art Diensten ward er ihm gerecht."

So sprach von Tronje Hagen: "Das hat der Held gethan;

Also große Kräfte nie mehr ein Recke gewann.

"Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt: 104

Einen Linddrachen schlug des Helden Hand;

Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.

So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut.

"Man soll ihn wohl empfangen, der beste Rath ist das, 105

Damit wir nicht verdienen des schnellen Recken Haß.

Er ist so kühnes Sinnes, man seh ihn freundlich an:

Er hat mit seinen Kräften so manche Wunder gethan."

Da sprach der mächtge König: "Gewiss, du redest wahr: 106

Nun sieh, wie stolz er dasteht vor des Streits Gefahr,

Dieser kühne Degen und Die in seinem Lehn!

Wir wollen ihm entgegen hinab zu dem Recken gehn."

"Das mögt ihr," sprach da Hagen, "mit allen Ehren schon: 107

Er ist von edelm Stamme eines reichen Königs Sohn;

Auch hat er die Gebäre, mich dünkt, beim Herren Christ,

Es sei nicht kleine Märe, um die er hergeritten ist."

Da sprach der Herr des Landes: "Nun sei er uns willkommen. 108

Er ist kühn und edel, das hab ich wohl vernommen;

Des soll er auch genießen im Burgundenland."

Da gieng der König Gunther hin, wo er Siegfrieden fand.

Der Wirth und seine Recken empfiengen so den Mann, 109

Daß wenig an dem Gruße gebrach, den er gewann;

Des neigte sich vor ihnen der Degen ausersehn

In großen Züchten sah man ihn mit seinen Recken stehn.

"Mich wundert diese Märe," sprach der Wirth zuhand, 110

"Von wannen, edler Siegfried, ihr kamt in dieses Land

Oder was ihr wollet suchen zu Worms an dem Rhein?"

Da sprach der Gast zum König: "Das soll euch unverhohlen sein.

"Ich habe sagen hören in meines Vaters Land, 111

An euerm Hofe wären, das hätt ich gern erkannt,

Die allerkühnsten Recken, so hab ich oft vernommen,

Die je gewann ein König: darum bin ich hieher gekommen.

"So hör ich auch euch selber viel Mannheit zugestehn, 112

Man habe keinen König noch je so kühn gesehn.

Das rühmen viel der Leute in all diesem Land;

Nun kann ichs nicht verwinden, bis ich die Wahrheit befand.

"Ich bin auch ein Recke und soll die Krone tragen: 113

Ich möcht es gerne fügen, daß sie von mir sagen,

Daß ich mit Recht besäße die Leute wie das Land.

Mein Haupt und meine Ehre setz ich dawider zu Pfand.

Wenn ihr denn so kühn seid, wie euch die Sage zeiht, 114

So frag ich nicht, ists Jemand lieb oder leid:

Ich will von euch erzwingen, was euch angehört,

Das Land und die Burgen unterwerf ich meinem Schwert."

Der König war verwundert und all sein Volk umher, 115

Als sie vernahmen sein seltsam Begehr,

Daß er ihm zu nehmen gedächte Leut und Land.

Das hörten seine Degen, die wurden zornig zuhand.

"Wie sollt ich das verdienen," sprach Gunther der Degen, 116

Wes mein Vater lange mit Ehren durfte pflegen,

Daß wir das verlören durch Jemands Ueberkraft?

Das wäre schlecht bewiesen, daß wir auch pflegen Ritterschaft!"

"Ich will davon nicht laßen," fiel ihm der Kühne drein, 117

"Von deinen Kräften möge dein Land befriedet sein,

Ich will es nun verwalten; doch auch das Erbe mein,

Erwirbst du es durch Stärke, es soll dir unterthänig sein.

"Dein Erbe wie das meine wir schlagen gleich sie an, 118

Und wer von uns den Andern überwinden kann,

Dem soll es alles dienen, die Leute wie das Land."

Dem widersprach da Hagen und mit ihm Gernot zuhand.

"So stehn uns nicht die Sinne," sprach da Gernot, 119

"Nach neuen Lands Gewinne, daß Jemand sollte todt

Vor Heldeshänden liegen: reich ist unser Land,

Das uns mit Recht gehorsamt, zu Niemand beßer bewandt."

In grimmigem Muthe standen da die Freunde sein. 120

Da war auch darunter von Metz Herr Ortewein.

Der Sprach: "Die Sühne ist mir von Herzen leid:

Euch ruft der starke Siegfried ohn allen Grund in den Streit.

"Wenn ihr und eure Brüder ihm auch nicht steht zur Wehr, 121

Und ob er bei sich führte ein ganzes Königsheer,

So wollt ichs doch erstreiten, daß der starke Held

Also hohen Uebermuth, wohl mit Recht bei Seite stellt."

Darüber zürnte mächtig der Held von Niederland: 122

"Nicht wider mich vermeßen darf sich deine Hand:

Ich bin ein reicher König, du bist in Königs Lehn;

Deiner zwölfe dürften mich nicht im Streite bestehn."

Nach Schwertern rief da heftig von Metz Herr Ortewein: 123

Er durfte Hagens Schwestersohn von Tronje wahrlich sein;

Daß er so lang geschwiegen, das war dem König leid.

Da sprach zum Frieden Gernot, ein Ritter kühn und allbereit.

"Laßt euer Zürnen bleiben," hub er zu Ortwein an, 124

"Uns hat der edle Siegfried noch solches nicht gethan;

Wir scheiden es in Güte wohl noch, das rath ich sehr,

Und haben ihn zum Freunde; es geziemt uns wahrlich mehr."

Da sprach der starke Hagen "Uns ist billig leid 125

und all euern Degen, daß er je zum Streit

an den Rhein geritten: was ließ er das nicht sein?

So übel nie begegnet wären ihm die Herren mein."

Da sprach wieder Siegfried, der kraftvolle Held: 126

"Wenn euch, was ich gesprochen, Herr Hagen, missfällt,

So will ich schauen laßen, wie noch die Hände mein

Gedenken so gewaltig bei den Burgunden zu sein."

"Das hoff ich noch zu wenden," sprach da Gernot. 127

Allen seinen Degen zu reden er verbot

In ihrem Uebermuthe, was ihm wäre leid.

Da gedacht auch Siegfried an die viel herrliche Maid.

"Wie geziemt' uns mit euch zu streiten?" sprach wieder Gernot 128

"Wie viel dabei der Helden auch fielen in den Tod,

Wenig Ehre brächt uns so ungleicher Streit."

Die Antwort hielt da Siegfried, König Siegmunds Sohn, bereit:

Warum zögert Hagen und auch Ortewein, 129

Daß er nicht zum Streite eilt mit den Freunden sein,

Deren er so manchen bei den Burgunden hat?"

Sie blieben Antwort schuldig, das war Gernotens Rath.

"Ihr sollt uns willkommen sein," sprach Geiselher das Kind, 130

"Und eure Heergesellen, die hier bei euch find:

Wir wollen gern euch dienen, ich und die Freunde mein."

Da hieß man den Gästen schenken König Gunthers Wein.

Da sprach der Wirth des Landes: "Alles, was uns gehört, 131

Verlangt ihr es in Ehren, das sei euch unverwehrt;

Wir wollen mit euch theilen unser Gut und Blut."

Da ward dem Degen Siegfried ein wenig sanfter zu Muth.

Da ließ man ihnen wahren all ihr Wehrgewand; 132

Man suchte Herbergen, die besten, die man fand:

Siegfriedens Knappen schuf man gut Gemach.

Man sah den Fremdling gerne in Burgundenland hernach.

Man bot ihm große Ehre darauf in manchen Tagen, 133

Mehr zu tausend Malen, als ich euch könnte sagen;

Das hatte seine Kühnheit verdient, das glaubt fürwahr.

Ihn sah wohl selten Jemand, der ihm nicht gewogen war.

Flißen sich der Kurzweil die Könge und ihr Lehn, 134

So war er stäts der Beste, was man auch ließ geschehn.

Es konnt ihm Niemand folgen, so groß war seine Kraft,

Ob sie den Stein warfen oder schoßen den Schaft.

Nach höfscher Sitte ließen sich auch vor den Fraun 135

Der Kurzweile pflegend die kühnen Ritter schaun:

Da sah man stäts den Helden gern von Niederland;

Er hatt auf hohe Minne seine Sinne gewandt.

Die schönen Fraun am Hofe erfragten Märe, 136

Wer der stolze fremde Recke wäre.

"Er ist so schön gewachsen, so reich ist sein Gewand!"

Da sprachen ihrer Viele: "Das ist der Held von Niederland."

Was man beginnen wollte, er war dazu bereit; 137

Er trug in seinem Sinne eine minnigliche Maid,

Und auch nur ihn die Schöne, die er noch nie gesehn,

Und die sich doch viel Gutes von ihm schon heimlich versehn.

Wenn man auf dem Hofe das Waffenspiel begann, 138

Ritter so wie Knappen, immer sah es an

Kriemhild aus den Fenstern, die Königstochter hehr;

Keiner andern Kurzweil hinfort bedurfte sie mehr.

Und wüst er, daß ihn sähe, die er im Herzen trug, 139

Davon hätt er Kurzweil immerdar genug.

Ersähn sie seine Augen, ich glaube sicherlich,

Keine andre Freude hier auf Erden wünscht' er sich.

Wenn er bei den Recken auf dem Hofe stand, 140

Wie man noch zur Kurzweil pflegt in allem Land,

Wie stand dann so minniglich das Sieglindenkind,

Daß manche Frau ihm heimlich war von Herzen hold gesinnt.

Er gedacht auch manchmal: "Wie soll das geschehn, 141

Daß ich das edle Mägdlein mit Augen möge sehn,

Die ich von Herzen minne, wie ich schon längst gethan?

Die ist mir noch gar fremde; mit Trauern denk ich daran."

So oft die reichen Könige ritten in ihr Land, 142

So musten auch die Recken mit ihnen all zur Hand.

Auch Siegfried ritt mit ihnen: das war der Frauen leid;

Er litt von ihrer Minne auch Beschwer zu mancher Zeit.

So wohnt' er bei den Herren, das ist alles wahr, 143

In König Gunthers Lande völliglich ein Jahr,

Daß er die Minnigliche in all der Zeit nicht sah,

Durch die ihm bald viel Liebes und auch viel Leides geschah.

* * * * *

Viertes Abenteuer.

Wie Siegfried mit den Sachsen stritt.

Da kamen fremde Mären in König Gunthers Land 144

Durch Boten aus der Ferne ihnen zugesandt

Von unbekannten Recken, die ihnen trugen Haß

Als sie die Rede hörten, gar sehr betrübte sie das.

Die will ich euch nennen: es war Lüdeger 145

Aus der Sachsen Lande, ein mächtger König hehr;

Dazu vom Dänenlande der König Lüdegast:

Die gewannen zu dem Kriege gar manchen herrlichen Gast.

Ihre Boten kamen in König Gunthers Land, 146

Die seine Widersacher hatten hingesandt.

Da frug man um die Märe die Unbekannten gleich

Und führte bald die Boten zu Hofe vor den König reich.

Schön grüßte sie der König und sprach: "Seid willkommen! 147

Wer euch hieher gesendet, hab ich noch nicht vernommen:

Das sollt ihr hören laßen," sprach der König gut.

Da bangten sie gewaltig vor des grimmen Gunther Muth.

"Wollt ihr uns, Herr, erlauben, daß wir euch Bericht 148

Von unsrer Märe sagen, wir hehlen sie euch nicht.

Wir nennen euch die Herren, die uns hieher gesandt:

Lüdegast und Lüdeger die suchen heim euer Land.

Ihren Zorn habt ihr verdienet: wir vernahmen das 149

Gar wohl, die Herren tragen euch beide großen Haß.

Sie wollen heerfahrten gen Worms an den Rhein;

Ihnen helfen viel der Degen: laßt euch das zur Warnung sein.

"Binnen zwölf Wochen muß ihre Fahrt geschehn; 150

Habt ihr nun guter Freunde, so laßt es bald ersehn,

Die euch befrieden helfen die Burgen und das Land:

Hier werden sie verhauen manchen Helm und Schildesrand.

"Oder wollt ihr unterhandeln, so macht es offenbar; 151

So reitet euch so nahe nicht gar manche Schar

Eurer starken Feinde zu bitterm Herzeleid,

Davon verderben müßen viel der Ritter kühn im Streit."

"Nun harrt eine Weile (ich künd euch meinen Muth), 152

Bis ich mich recht bedachte," sprach der König gut.

"Hab ich noch Getreue, denen will ichs sagen,

Diese schwere Botschaft muß ich meinen Freunden klagen."

Dem mächtigen Gunther war es leid genug; 153

Den Botenspruch er heimlich in seinem Herzen trug.

Er hieß berufen Hagen und Andr' in seinem Lehn

Und hieß auch gar geschwinde zu Hof nach Gernoten gehn.

Da kamen ihm die Besten, so viel man deren fand. 154

Er sprach: "Die Feinde wollen heimsuchen unser Land

Mit starken Heerfahrten; das sei euch geklagt.

Es ist gar unverschuldet, daß sie uns haben widersagt."

"Dem wehren wir mit Schwertern," sprach da Gernot, 155

"Da sterben nur, die müßen: die laßet liegen todt.

Ich werde nicht vergeßen darum der Ehre mein:

Unsre Widersacher sollen uns willkommen sein."

Da sprach von Tronje Hagen: "Das dünkt mich nicht gut; 156

Lüdegast und Lüdeger sind voll Uebermuth.

Wir können uns nicht sammeln in so kurzen Tagen,"

So sprach der kühne Recke: "ihr sollt es Siegfrieden sagen."

Da gab man den Boten Herbergen in der Stadt. 157

Wie feind sie ihnen waren, sie gut zu pflegen bat

Gunther der reiche, das war wohlgethan,

Bis er erprobt an Freunden, wer ihm zu Hülfe zög heran.

Der König trug im Herzen Sorge doch und Leid. 158

Da sah ihn also trauern ein Ritter allbereit,

Der nicht wißen konnte, was ihm war geschehn:

Da bat er König Gunthern, ihm den Grund zu gestehn.

"Mich nimmt höchlich Wunder," sprach da Siegfried, 159

"Wie die frohe Weise so völlig von euch schied,

Deren ihr so lange mit uns mochtet pflegen."

Zur Antwort gab ihm Gunther, dieser zierliche Degen:

"Wohl mag ich allen Leuten nicht von dem Leide sagen, 160

Das ich muß verborgen in meinem Herzen tragen:

Stäten Freunden klagen soll man des Herzens Noth."

Siegfriedens Farbe ward da bleich und wieder roth.

Er sprach zu dem Könige: "Was blieb euch je versagt? 161

Ich will euch wenden helfen das Leid, das ihr klagt.

Wollt ihr Freunde suchen, so will ich einer sein

Und getrau es zu vollbringen mit Ehren bis ans Ende mein."

"Nun lohn euch Gott, Herr Siegfried, die Rede dünkt mich gut; 162

Und kann mir auch nicht helfen eure Kraft und hoher Muth,

So freut mich doch die Märe, daß ihr so hold mir seid:

Leb ich noch eine Weile, ich vergelt es mit der Zeit.

Ich will euch hören laßen, was mich traurig macht. 163

Von Boten meiner Feinde ward mir hinterbracht,

Mit Heerfahrten kämen sie mich zu suchen hie:

Das geschah uns von Degen in diesen Landen noch nie."

"Das laßt euch nicht betrüben," sprach da Siegfried, 164

"Sänftet eur Gemüthe und thut, wie ich euch rieth:

Laßt mich euch erwerben Ehre so wie Frommen,

Bevor eure Feinde her zu diesen Landen kommen.

"Und hätten dreißigtausend Helfer sich ersehn 165

Eure starken Feinde, doch wollt ich sie bestehn,

Hätt ich auch selbst nur tausend: verlaßt euch auf mich."

Da sprach der König Gunther: "Das verdien ich stäts um dich."

"So heißt mir eurer Leute gewinnen tausend Mann, 166

Da ich von den Meinen nicht mehr hier stellen kann

Als der Recken zwölfe; so wehr ich euer Land.

Immer soll getreulich euch dienen Siegfriedens Hand.

"Dazu soll Hagen helfen und auch Ortewein, 167

Dankwart und Sindold, die lieben Recken dein.

Auch soll da mit uns reiten Volker der kühne Mann:

Der soll die Fahne führen: keinen Beßern trefft ihr an.

"Und laßt die Boten reiten heim in ihrer Herren Land; 168

Daß sie uns bald da sehen, macht ihnen das bekannt,

So daß unsre Burgen befriedet mögen sein."

Der König hieß besenden Freund und Mannen insgemein.

Zu Hofe giengen wieder Die Lüdeger gesandt; 169

Sie freuten sich der Reise zurück ins Heimatland.

Ihnen bot da reiche Gabe Gunther der König gut

Und sicheres Geleite: des waren sie wohlgemuth.

"Nun sagt," sprach da Gunther, "meinen starken Feinden an, 170

Ihre Reise bliebe beßer ungethan;

Doch wollten sie mich suchen hier in meinem Land,

Wir zerrännen denn die Freunde, ihnen werde Noth bekannt."

Den Boten reiche Gaben man da zur Stelle trug: 171

Deren hatte Gunther zu geben genug.

Das durften nicht verschmähen Die Lüdeger gesandt.

Sie baten um Urlaub und räumten fröhlich das Land.

Als die Boten waren gen Dänemark gekommen, 172

Und der König Lüdegast den Bericht vernommen,

Was sie am Rhein geredet, als das ihm ward gesagt,

Seine übermüthge Botschaft ward da bereut und beklagt.

Sie sagten ihm, sie hätten manch kühnen Mann im Lehn: 173

"Darunter sah man Einen vor König Gunthern stehn,

Der war geheißen Siegfried, ein Held aus Niederland."

Leid wars Lüdegasten, als er die Dinge so befand.

Als Die vom Dänenlande hörten diese Mär, 174

Da eilten sie, der Helfer zu gewinnen desto mehr,

Bis der König Lüdegast zwanzigtausend Mann

Seiner kühnen Degen zu seiner Heerfahrt gewann.

Da besandte sich von Sachsen auch König Lüdeger, 175

Bis sie vierzigtausend hatten und wohl mehr,

Die mit ihnen ritten gen Burgundenland.

Da hatt auch schon zu Hause der König Gunther gesandt

Zu seinen nächsten Freunden und seiner Brüder Heer, 176

Womit sie fahren wollten im Kriegszug einher,

Und auch mit Hagens Recken: das that den Helden Noth.

Darum musten Degen bald erschauen den Tod.

Sie schickten sich zur Reise; sie wollten nun hindann. 177

Die Fahne muste führen Volker der kühne Mann,

Da sie reiten wollten von Worms über Rhein;

Hagen von Tronje der muste Scharmeister sein.

Mit ihnen ritt auch Sindold und der kühne Hunold, 178

Die wohl verdienen konnten reicher Könge Gold.

Dankwart, Hagens Bruder, und auch Ortewein

Die mochten wohl mit Ehren bei dem Heerzuge sein.

"Herr König," sprach da Siegfried, "bleibet ihr zu Haus: 179

Da mir eure Degen folgen zu dem Strauß,

So weilt bei den Frauen und tragt hohen Muth:

Ich will euch wohl behüten die Ehre so wie das Gut.

"Die euch heimsuchen wollten zu Worms an dem Rhein, 180

Will euch davor bewahren, daß sie euch schädlich sei'n:

Wir wollen ihnen reiten so nah ins eigne Land,

Daß ihnen bald in Sorge der Uebermuth wird gewandt."

Vom Rheine sie durch Hessen mit ihren Helden ritten 181

Nach dem Sachsenlande: da wurde bald gestritten.

Mit Raub und mit Brande verheerten sie das Land,

Daß bald den Fürsten beiden ward Noth und Sorge bekannt.

Sie kamen an die Marke; die Knechte rückten an. 182

Siegfried der starke zu fragen da begann:

"Wer soll nun der Hüter des Gesindes sein?"

Wohl konnte nie den Sachsen ein Heerzug übler gedeihn.

Sie sprachen: "Laßt der Knappen hüten auf den Wegen 183

Dankwart den kühnen, das ist ein schneller Degen:

Wir verlieren desto minder durch Die in Lüdgers Lehn;

Laßt ihn mit Ortweinen hie die Nachhut versehn."

"So will ich selber reiten," sprach Siegfried der Degen, 184

"Den Feinden gegenüber der Warte zu pflegen,

Bis ich recht erkunde, wo die Recken sind."

Da stand bald in den Waffen der schönen Siegelinde Kind.

Das Volk befahl er Hagen, als er zog hindann, 185

Ihm und Gernoten, diesem kühnen Mann.

So ritt er hin alleine in der Sachsen Land,

Wo er die rechte Märe wohl bald mit Ehren befand.

Er sah ein groß Geschwader, das auf dem Felde zog, 186

Und die Kraft der Seinen gewaltig überwog:

Es waren vierzigtausend oder wohl noch mehr.

Siegfried in hohem Muthe sah gar fröhlich das Heer.

Da hatte sich ein Recke auch aus der Feinde Schar 187

Erhoben auf die Warte, der wohl gewappnet war:

Den sah der Degen Siegfried und ihn der kühne Mann;

Jedweder auf den andern mit Zorn zu blicken begann.

Ich sag euch, wer der wäre, der hier der Warte pflag; 188

Ein lichter Schild von Golde ihm vor der Linken lag.

Es war der König Lüdegast, der hütete sein Heer.

Der edle Fremdling sprengte herrlich wider ihn einher.

Nun hatt auch ihn Herr Lüdegast sich feindlich erkoren: 189

Ihre Rosse reizten Beide zur Seite mit den Sporen;

Sie neigten auf die Schilde mit aller Macht den Schaft:

Da kam der hehre König darob in großer Sorgen Haft.

Dem Stich gehorsam trugen die Rosse pfeilgeschwind 190

Die Könige zusammen, als wehte sie der Wind;

Dann mit den Zäumen wandten sie ritterlich zurück:

Die grimmen Zwei versuchten da mit dem Schwerte das Glück.

Da schlug der Degen Siegfried, das Feld erscholl umher. 191

Aus dem Helme stoben, als obs von Bränden wär,

Die feuerrothen Funken von des Helden Hand;

Da stritt mit großen Kräften der kühne Vogt von Niederland.

Auch ihm schlug Herr Lüdegast manch grimmen Schlag; 192

Jedweder auf dem Schilde mit ganzer Stärke lag.

Da hatten es wohl dreißig erspäht aus seiner Schar:

Eh die ihm Hülfe brachten, der Sieg doch Siegfrieden war

Mit drei starken Wunden, die er dem König schlug 193

Durch einen lichten Harnisch; der war doch fest genug.

Das Schwert mit seiner Schärfe entlockte Wunden Blut;

Da gewann König Lüdegast einen traurigen Muth.

Er bat ihn um sein Leben und bot ihm all sein Land 194

Und sagt' ihm, er wäre Lüdegast genannt.

Da kamen seine Recken: die hatten wohl gesehn,

Was da von ihnen beiden auf der Warte war geschehn.

Er führt' ihn gern von dannen: da ward er angerannt 195

Von dreißig seiner Mannen; doch wehrte seine Hand

Seinen edeln Geisel mit ungestümen Schlägen.

Bald that noch größern Schaden dieser zierliche Degen.

Die Dreißig zu Tode wehrlich er schlug; 196

Ihrer Einen ließ er leben: der ritt da schnell genug

Und brachte hin die Märe von dem, was hier geschehn;

Auch konnte man die Wahrheit an seinem rothen Helme sehn.

Gar leid wars den Recken aus dem Dänenland, 197

Als ihres Herrn Gefängniss ihnen ward bekannt.

Man sagt' es seinem Bruder: der fieng zu toben an

In ungestümem Zorne: ihm war gar wehe gethan.

Lüdegast der König war hinweggebracht 198

Zu Gunthers Ingesinde von Siegfrieds Uebermacht.

Er befahl ihn Hagen: der kühne Recke gut,

Als er vernahm die Märe, da gewann er fröhlichen Muth.

Man gebot den Burgunden: "Die Fahne bindet an." 199

"Wohlauf," sprach da Siegfried, "hier wird noch mehr gethan

Vor Abendzeit, verlier ich Leben nicht und Leib:

Das betrübt im Sachsenlande noch manches waidliche Weib.

"Ihr Helden vom Rheine, ihr sollt mein nehmen wahr: 200

Ich kann euch wohl geleiten zu Lüdegers Schar.

Da seht ihr Helme hauen von guter Helden Hand:

Eh wir uns wieder wenden, wird ihnen Sorge bekannt."

Zu den Rossen sprangen Gernot und Die ihm unterthan. 201

Die Heerfahne faßte der kühne Spielmann,

Volker der Degen, und ritt der Schar vorauf.

Da war auch das Gesinde zum Streite muthig und wohlauf.

Sie führten doch der Degen nicht mehr denn tausend Mann, 202

Darüber zwölf Recken. Zu stieben da begann

Der Staub von den Straßen: sie ritten über Land;

Man sah von ihnen scheinen manchen schönen Schildesrand.

Nun waren auch die Sachsen gekommen und ihr Heer 203

Mit Schwertern wohlgewachsen; die Klingen schnitten sehr,

Das hab ich wohl vernommen, den Helden an der Hand:

Da wollten sie die Gäste von Burgen wehren und Land.

Der Herren Scharmeister führten das Volk heran. 204

Da war auch Siegfried kommen mit den zwölf Mann,

Die er mit sich führte aus dem Niederland.

Des Tags sah man im Sturme manche blutige Hand.

Sindold und Hunold und auch Gernot 205

Die schlugen in dem Streite viel der Helden todt,

Eh sie ihrer Kühnheit noch selber mochten traun:

Das musten bald beweinen viel der waidlichen Fraun.

Volker und Hagen und auch Ortwein 206

Leschten in dem Streite manches Helmes Schein

Mit fließendem Blute, die Kühnen in der Schlacht.

Von Dankwarten wurden viel große Wunder vollbracht.

Da versuchten auch die Dänen waidlich ihre Hand; 207

Von Stößen laut erschallte mancher Schildesrand

Und von den scharfen Schwertern, womit man Wunden schlug.

Die streitkühnen Sachsen thaten Schadens auch genug.

Als die Burgunden drangen in den Streit, 208

Von ihnen ward gehauen manche Wunde weit:

Ueber die Sättel fließen sah man das Blut;

So warben um die Ehre diese Ritter kühn und gut.

Man hörte laut erhallen den Helden an der Hand 209

Ihre scharfen Waffen, als Die von Niederland

Ihrem Herrn nachdrangen in die dichten Reihn;

Die zwölfe kamen ritterlich zugleich mit Siegfried hinein.

Deren vom Rheine kam ihnen Niemand nach. 210

Man konnte fließen sehen den blutrothen Bach

Durch die lichten Helme von Siegfriedens Hand,

Eh er Lüdegeren vor seinen Heergesellen fand.

Dreimal die Kehre hat er nun genommen 211

Bis an des Heeres Ende; da war auch Hagen kommen:

Der half ihm wohl vollbringen im Kampfe seinen Muth.

Da muste bald ersterben vor ihnen mancher Ritter gut.

Als der starke Lüdeger Siegfrieden fand, 212

Wie er so erhaben trug in seiner Hand

Balmung den guten und da so Manchen schlug,

Darüber ward der Kühne vor Zorn ingrimmig genug.

Da gab es stark Gedränge und lauten Schwerterklang, 213

Wo ihr Ingesinde auf einander drang.

Da versuchten desto heftiger die beiden Recken sich;

Die Scharen wichen beide: der Kämpen Haß ward fürchterlich.

Dem Vogt vom Sachsenlande war es wohl bekannt, 214

Sein Bruder sei gefangen: drum war er zornentbrannt;

Nicht wust er, ders vollbrachte, sei der Sieglindensohn.

Man zeihte des Gernoten; hernach befand er es schon.

Da schlug so starke Schläge Lüdegers Schwert, 215

Siegfrieden unterm Sattel niedersank das Pferd;

Doch bald erhob sichs wieder: der kühne Siegfried auch

Gewann jetzt im Sturme einen furchtbaren Brauch.

Dabei half ihm Hagen wohl und Gernot, 216

Dankwart und Volker: da lagen Viele todt.

Sindold und Hunold und Ortwein der Degen

Die konnten in dem Streite zum Tode Manchen niederlegen.

Untrennbar im Kampfe waren die Fürsten hehr. 217

Ueber die Helme fliegen sah man manchen Sper

Durch die lichten Schilde von der Helden Hand;

Auch ward von Blut geröthet mancher herrliche Rand.

In dem starken Sturme sank da mancher Mann 218

Von den Rossen nieder. Einander rannten an

Siegfried der kühne und König Lüdeger;

Man sah da Schäfte fliegen und manchen schneidigen Sper.

Der Schildbeschlag des Königs zerstob vor Siegfrieds Hand. 219

Sieg zu erwerben dachte der Held von Niederland

An den kühnen Sachsen; die litten Ungemach.

Hei! was da lichte Panzer der kühne Dankwart zerbrach!

Da hatte König Lüdeger auf einem Schild erkannt 220

Eine gemalte Krone vor Siegfriedens Hand:

Da sah er wohl, es wäre der kraftreiche Mann.

Laut auf zu seinen Freunden der Held zu rufen begann:

"Begebt euch des Streites, ihr all mir unterthan! 221

Den Sohn König Siegmunds traf ich hier an,

Siegfried den starken hab ich hier erkannt;

Den hat der üble Teufel her zu den Sachsen gefandt."

Er gebot die Fahnen zu senken in dem Streit. 222

Friedens er begehrte: der ward ihm nach der Zeit;

Doch must er Geisel werden in König Gunthers Land:

Das hatt an ihm erzwungen des kühnen Siegfriedes Hand.

Nach allgemeinem Rathe ließ man ab vom Streit. 223

Viel zerschlagner Helme und der Schilde weit

Legten sie aus Händen; so viel man deren fand,

Die waren blutgeröthet von der Burgunden Hand.

Sie fiengen, wen sie wollten: sie hatten volle Macht. 224

Gernot und Hagen, die schnellen, hatten Acht,

Daß man die Wunden bahrte; da führten sie hindann

Gefangen nach dem Rheine der Kühnen fünfhundert Mann.

Die sieglosen Recken zum Dänenlande ritten. 225

Da hatten auch die Sachsen so tapfer nicht gestritten,

Daß man sie loben sollte: das war den Helden leid.

Da beklagten ihre Freunde die Gefallnen in dem Streit.

Sie ließen ihre Waffen aufsäumen nach dem Rhein. 226

Es hatte wohl geworben mit den Gefährten sein

Siegfried der starke und hatt es gut vollbracht:

Das must ihm zugestehen König Gunthers ganze Macht.

Gen Worms sandte Boten der König Gernot: 227

Daheim in seinem Lande den Freunden er entbot,

Wie ihm gelungen wäre und all seinem Lehn:

Es war da von den Kühnen nach allen Ehren geschehn.

Die Botenknaben liefen; so ward es angesagt. 228

Da freuten sich in Liebe, die eben Leid geklagt,

Dieser frohen Märe, die ihnen war gekommen.

Da ward von edlen Frauen großes Fragen vernommen,

Wie es den Herrn gelungen wär in des Königs Heer. 229

Man rief der Boten Einen zu Kriemhilden her.

Das geschah verstohlen, sie durfte es wohl nicht laut:

Denn Einer war darunter, dem sie längst ihr Herz vertraut.

Als sie in ihre Kammer den Boten kommen sah, 230

Kriemhild die schöne gar gütlich sprach sie da:

"Nun sag mir liebe Märe, so geb ich dir mein Gold,

Und thust dus ohne Trügen, will ich dir immer bleiben hold.

"Wie schied aus dem Streite mein Bruder Gernot 231

Und meine andern Freunde? Blieb uns nicht Mancher todt?

Wer that da das Beste? das sollst du mir sagen"

Da sprach der biedre Bote: "Wir hatten nirgend einen Zagen.

"Zuvorderst in dem Streite ritt Niemand so wohl, 232

Hehre Königstochter, wenn ich es sagen soll,

Als der edle Fremdling aus dem Niederland:

Da wirkte große Wunder des kühnen Siegfriedes Hand.

"Was von den Recken allen im Streit da geschehn, 233

Dankwart und Hagen und des Königs ganzem Lehn,

Wie wehrlich sie auch stritten, das war doch wie ein Wind

Nur gegen Siegfrieden, König Siegmundens Kind.

"Sie haben in dem Sturme der Helden viel erschlagen; 234

Doch möcht euch dieser Wunder ein Ende Niemand sagen,

Die da Siegfried wirkte, ritt er in den Streit.

Den Fraun an ihren Freunden that er mächtiges Leid.

"Auch muste vor ihm fallen der Friedel mancher Braut. 235

Seine Schläge schollen auf Helmen also laut,

Daß sie aus Wunden brachten das fließende Blut:

Er ist in allen Dingen ein Ritter kühn und auch gut.

"Da hat auch viel begangen von Metz Herr Ortewein: 236

Was er nur mocht erlangen mit dem Schwerte sein,

Das fiel vor ihm verwundet oder meistens todt.

Da schuf euer Bruder die allergrößeste Noth,

"Die jemals in Stürmen mochte sein geschehn; 237

Man muß dem Auserwählten die Wahrheit zugestehn.

Die stolzen Burgunden bestanden so die Fahrt,

Daß sie vor allen Schanden die Ehre haben bewahrt.

"Man sah von ihren Händen der Sättel viel geleert, 238

Als so laut das Feld erhallte von manchem lichten Schwert.

Die Recken vom Rheine die ritten allezeit,

Daß ihre Feinde beßer vermieden hätten den Streit.

"Auch die kühnen Tronjer schufen großes Leid, 239

Als mit Volkskräften das Heer sich traf im Streit.

Da schlug so Manchen nieder des kühnen Hagen Hand,

Es wäre viel zu sagen davon in der Burgunden Land.

"Sindold und Hunold in Gernotens Heer 240

Und Rumold der kühne schufen so viel Beschwer,

König Lüdger mag es beklagen allezeit,

Daß er meine Herren am Rhein berief in den Streit.

"Kampf, den allerhöchsten, der irgend da geschah, 241

Vom Ersten bis zum Letzten, den Jemand nur sah,

Hat Siegfried gefochten mit wehrlicher Hand:

Er bringt reiche Geisel her in König Gunthers Land.

"Die zwang mit seinen Kräften der streitbare Held, 242

Wovon der König Lüdegast den Schaden nun behält

Und vom Sachsenlande sein Bruder Lüdeger.

Nun hört meine Märe, viel edle Königin hehr!

"Gefangen hat sie beide Siegfriedens Hand: 243

Nie so mancher Geisel kam in dieses Land,

Als nun seine Kühnheit bringt an den Rhein."

Ihr konnten diese Mären nicht willkommener sein.

"Man führt der Gesunden fünfhundert oder mehr 244

Und der zum Sterben Wunden, wißt, Königin hehr,

Wohl achtzig blutge Bahren her in unser Land:

Die hat zumeist verhauen des kühnen Siegfriedes Hand.

"Die uns im Uebermuthe widersagten hier am Rhein, 245

Die müßen nun Gefangene König Gunthers sein;

Die bringt man mit Freuden her in dieses Land."

Ihre lichte Farb erblühte, als ihr die Märe ward bekannt.

Ihr schönes Antlitz wurde vor Freuden rosenroth, 246

Da lebend war geschieden aus so großer Noth

Der waidliche Recke, Siegfried der junge Mann.

Sie war auch froh der Freunde und that wohl weislich daran.

Die Schöne sprach: "Du machtest mir frohe Mär bekannt: 247

Ich laße dir zum Lohne geben reich Gewand,

Und zehn Mark von Golde heiß ich dir tragen."

Drum mag man solche Botschaft reichen Frauen gerne sagen.

Man gab ihm zum Lohne das Gold und auch das Kleid. 248

Da trat an die Fenster manche schöne Maid

Und schaute nach der Straße, wo man reiten fand

Viel hochherzge Degen in der Burgunden Land.

Da kamen die Gesunden, der Wunden Schar auch kam: 249

Die mochten grüßen hören von Freunden ohne Scham.

Der Wirth ritt seinen Gästen entgegen hocherfreut:

Mit Freuden war beendet all sein mächtiges Leid.

Da empfieng er wohl die Seinen, die Fremden auch zugleich, 250

Wie es nicht anders ziemte dem Könige reich,

Als denen gütlich danken, die da waren kommen,

Daß sie den Sieg mit Ehren im Sturme hatten genommen.

Herr Gunther ließ sich Kunde von seinen Freunden sagen, 251

Wer ihm auf der Reise zu Tode wär erschlagen,

Da hatt er nicht verloren mehr als sechzig Mann;

Die muste man verschmerzen, wie man noch Manchen gethan.

Da brachten die Gesunden zerhauen manchen Rand 252

Und viel zerschlagener Helme in König Gunthers Land.

Das Volk sprang von den Rossen vor des Königs Saal;

Zu liebem Empfange vernahm man fröhlichen Schall.

Da gab man Herbergen den Recken in der Stadt. 253

Der König seine Gäste wohl zu verpflegen bat;

Die Wunden ließ er hüten und warten fleißiglich.

Wohl zeigte seine Milde auch an seinen Feinden sich.

Er sprach zu Lüdegeren: "Nun seid mir willkommen! 254

Ich bin zu großem Schaden durch eure Schuld gekommen:

Der wird mir nun vergolten, wenn ich das schaffen kann.

Gott lohne meinen Freunden: sie haben wohl an mir gethan."

"Wohl mögt ihr ihnen danken," sprach da Lüdeger, 255

"Solche hohe Geisel gewann kein König mehr.

Um ritterlich Gewahrsam bieten wir großes Gut

Und bitten, daß ihr gnädiglich an euern Widersachern thut."

"Ich will euch," sprach er, "Beide ledig laßen gehn; 256

Nur daß meine Feinde hier bei mir bestehn,

Dafür verlang ich Bürgschaft, damit sie nicht mein Land

Räumen ohne Frieden." Darauf boten sie die Hand.

Man brachte sie zur Ruhe, wo man sie wohl verpflag. 257

Und bald auf guten Betten mancher Wunde lag.

Man schenkte den Gesunden Meth und guten Wein;

Da konnte das Gesinde nicht wohl fröhlicher sein.

Die zerhaunen Schilde man zum Verschluße trug; 258

Blutgefärbter Sättel sah man da genug.

Die ließ man verbergen, so weinten nicht die Fraun.

Da waren reisemüde viel gute Ritter zu schaun.

Seiner Gäste pflegen hieß der König wohl; 259

Von Heimischen und Fremden lag das Land ihm voll;

Er ließ die Fährlichwunden gütlich verpflegen:

Wie hart war darnieder nun ihr Uebermuth gelegen!

Die Arzneikunst wusten, denen bot man reichen Sold, 260

Silber ungewogen, dazu das lichte Gold,

Wenn sie die Helden heilten nach des Streites Noth.

Dazu viel große Gaben der König seinen Gästen bot.

Wer wieder heimzureisen sann in seinem Muth, 261

Den bat man noch zu bleiben, wie man mit Freunden thut.

Der König gieng zu Rathe, wie er lohne seinem Lehn:

Durch sie war sein Wille nach allen Ehren geschehn.

Da sprach der König Gernot: "Laßt sie jetzt hindann; 262

Ueber sechs Wochen, das kündigt ihnen an,

Sollten sie wiederkehren zu einem Hofgelag:

Heil ist dann wohl Mancher, der jetzt schwer verwundet lag."

Da bat auch um Urlaub Siegfried von Niederland. 263

Als dem König Gunther sein Wille ward bekannt,

Bat er ihn gar minniglich, noch bei ihm zu bestehn;

Wenn nicht um seine Schwester, so wär es nimmer geschehn.

Dazu war er zu mächtig, daß man ihm böte Sold, 264

So sehr er es verdiente. Der König war ihm hold

Und all seine Freunde, die das mit angesehn,

Was da von seinen Händen war im Streite geschehn.

Er dachte noch zu bleiben um die schöne Maid; 265

Vielleicht, daß er sie sähe. Das geschah auch nach der Zeit:

Wohl nach seinem Wunsche ward sie ihm bekannt.

Dann ritt er reich an Freuden heim in seines Vaters Land.

Der Wirth bat alle Tage des Ritterspiels zu pflegen; 266

Das that mit gutem Willen mancher junge Degen.

Auch ließ er Sitz' errichten vor Worms an dem Strand

Für Die da kommen sollten in der Burgunden Land.

Nun hatt auch in den Tagen, als sie sollten kommen, 267

Kriemhild die schöne die Märe wohl vernommen,

Er stell ein Hofgelage mit lieben Freunden an.

Da dachten schöne Frauen mit großem Fleiße daran,

Gewand und Band zu suchen, das sie wollten tragen. 268

Ute die reiche vernahm die Märe sagen

Von den stolzen Recken, die da sollten kommen:

Da wurden aus dem Einschlag viele reiche Kleider genommen.

Ihrer Kinder halb bereiten ließ sie Rock und Kleid, 269

Womit sich da zierten viel Fraun und manche Maid

Und viel der jungen Recken aus Burgundenland.

Sie ließ auch manchem Fremden bereiten herrlich Gewand.

* * * * *

Fünftes Abenteuer.

Wie Siegfried Kriemhilden zuerst ersah.

Man sah die Helden täglich nun reiten an den Rhein, 270

Die bei dem Hofgelage gerne wollten sein

Und den Königen zu Liebe kamen in das Land.

Man gab ihrer Vielen beides, Ross und Gewand.

Es war auch das Gestühle allen schon bereit, 271

Den Höchsten und den Besten, so hörten wir Bescheid,

Zweiunddreißig Fürsten zu dem Hofgelag:

Da zierten um die Wette sich die Frauen für den Tag.

Gar geschäftig sah man Geiselher das Kind. 272

Die Heimischen und Fremden empfieng er holdgesinnt

Mit Gernot seinem Bruder und beider Mannen da.

Wohl grüßten sie die Degen, wie es nach Ehren geschah.

Viel goldrother Sättel führten sie ins Land, 273

Zierliche Schilde und herrlich Gewand

Brachten sie zu Rheine bei dem Hofgelag.

Mancher Ungesunde hieng der Freude wieder nach.

Die wund zu Bette liegend vordem gelitten Noth, 274

Die durften nun vergeßen, wie bitter sei der Tod;

Die Siechen und die Kranken vergaß man zu beklagen.

Es freute sich ein Jeder entgegen festlichen Tagen:

Wie sie da leben wollten in gastlichem Genuß! 275

Wonnen ohne Maßen, der Freuden Ueberfluß

Hatten alle Leute, so viel man immer fand:

Da hub sich große Wonne über Gunthers ganzes Land.

An einem Pfingstmorgen sah man sie alle gehn 276

Wonniglich gekleidet, viel Degen ausersehn,

Fünftausend oder drüber, dem Hofgelag entgegen.

Da hub um die Wette sich viel Kurzweil allerwegen.

Der Wirth hatt im Sinne, was er schon längst erkannt, 277

Wie von ganzem Herzen der Held von Niederland

Seine Schwester liebe, sah er sie gleich noch nie,

Der man das Lob der Schönheit vor allen Jungfrauen lieh.

Er sprach: "Nun rathet Alle, Freund oder Unterthan, 278

Wie wir das Hofgelage am besten stellen an,

Daß man uns nicht schelte darum nach dieser Zeit;

Zuletzt doch an den Werken liegt das Lob, das man uns beut."

Da sprach zu dem Könige von Metz Herr Ortewein: 279

"Soll dieß Hofgelage mit vollen Ehren sein,

So laßt eure Gäste die schönen Kinder sehn,

Denen so viel Ehren in Burgundenland geschehn.

"Was wäre Mannes Wonne, was freut' er sich zu schaun, 280

Wenn nicht schöne Mägdelein und herrliche Fraun?

Drum laßt eure Schwester vor die Gäste gehn."

Der Rath war manchem Helden zu hoher Freude geschehn.

"Dem will ich gerne folgen," der König sprach da so. 281

Alle, die's erfuhren, waren darüber froh.

Er entbot es Frauen Uten und ihrer Tochter schön,

Daß sie mit ihren Maiden hin zu Hofe sollten gehn.

Da ward aus den Schreinen gesucht gut Gewand, 282

So viel man eingeschlagen der lichten Kleider fand,

Der Borten und der Spangen; des lag genug bereit.

Da zierte sich gar minniglich manche waidliche Maid.

Mancher junge Recke wünschte heut so sehr, 283

Daß er wohlgefallen möchte den Frauen hehr,

Das er dafür nicht nähme ein reiches Königsland:

Sie sahen die gar gerne, die sie nie zuvor gekannt.

Da ließ der reiche König mit seiner Schwester gehn 284

Hundert seiner Recken, zu ihrem Dienst ersehn

Und dem ihrer Mutter, die Schwerter in der Hand:

Das war das Hofgesinde in der Burgunden Land.

Ute die reiche sah man mit ihr kommen, 285

Die hatte schöner Frauen sich zum Geleit genommen

Hundert oder drüber, geschmückt mit reichem Kleid.

Auch folgte Kriemhilden manche waidliche Maid.

Aus einer Kemenate sah man sie alle gehn: 286

Da muste heftig Drängen von Helden bald geschehn,

Die alle harrend standen, ob es möchte sein,

Daß sie da fröhlich sähen dieses edle Mägdelein.

Da kam die Minnigliche, wie das Morgenroth 287

Tritt aus trüben Wolken. Da schied von mancher Noth,

Der sie im Herzen hegte, was lange war geschehn.

Er sah die Minnigliche nun gar herrlich vor sich stehn.

Von ihrem Kleide leuchtete mancher edle Stein; 288

Ihre rosenrothe Farbe gab wonniglichen Schein.

Was Jemand wünschen mochte, er muste doch gestehn,

Daß er hier auf Erden noch nicht so Schönes gesehn.

Wie der lichte Vollmond vor den Sternen schwebt, 289

Des Schein so hell und lauter sich aus den Wolken hebt,

So glänzte sie in Wahrheit vor andern Frauen gut:

Das mochte wohl erhöhen den zieren Helden den Muth.

Die reichen Kämmerlinge schritten vor ihr her; 290

Die hochgemuthen Degen ließen es nicht mehr:

Sie drängten, daß sie sähen die minnigliche Maid.

Siegfried dem Degen war es lieb und wieder leid.

Er sann in seinem Sinne: "Wie dacht ich je daran, 291

Daß ich dich minnen sollte? das ist ein eitler Wahn;

Soll ich dich aber meiden, so wär ich sanfter todt."

Er ward von Gedanken oft bleich und oft wieder roth.

Da sah man den Sigelindensohn so minniglich da stehn, 292

Als wär er entworfen auf einem Pergamen

Von guten Meisters Händen: gern man ihm zugestand,

Daß man nie im Leben so schönen Helden noch fand.

Die mit Kriemhilden giengen, die hießen aus den Wegen 293

Allenthalben weichen: dem folgte mancher Degen.

Die hochgetragnen Herzen freute man sich zu schaun:

Man sah in hohen Züchten viel der herrlichen Fraun.

Da sprach von Burgunden der König Gernot: 294

"Dem Helden, der so gütlich euch seine Dienste bot,

Gunther, lieber Bruder, dem bietet hier den Lohn

Vor allen diesen Recken: des Rathes spricht man mir nicht Hohn.

"Heißet Siegfrieden zu meiner Schwester kommen, 295

Daß ihn das Mägdlein grüße: das bringt uns immer Frommen:

Die niemals Recken grüßte, soll sein mit Grüßen pflegen,

Daß wir uns so gewinnen diesen zierlichen Degen."

Des Wirthes Freunde giengen dahin, wo man ihn fand; 296

Sie sprachen zu dem Recken aus dem Niederland:

"Der König will erlauben, ihr sollt zu Hofe gehn,

Seine Schwester soll euch grüßen: die Ehre soll euch geschehn."

Der Rede ward der Degen in seinem Muth erfreut: 297

Er trug in seinem Herzen Freude sonder Leid,

Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn.

In minniglichen Züchten empfieng sie Siegfrieden schön.

Als sie den Hochgemuthen vor sich stehen sah, 298

Ihre Farbe ward entzündet; die Schöne sagte da:

"Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut."

Da ward ihm von dem Gruße gar wohl erhoben der Muth.

Er neigte sich ihr minniglich, als er den Dank ihr bot. 299

Da zwang sie zu einander sehnender Minne Noth;

Mit liebem Blick der Augen sahn einander an

Der Held und auch das Mägdelein; das ward verstohlen gethan.

Ward da mit sanftem Drucke geliebkost weiße Hand 300

In herzlicher Minne, das ist mir unbekannt.

Doch kann ich auch nicht glauben, sie hättens nicht gethan.

Liebebedürftige Herzen thäten Unrecht daran.

Zu des Sommers Zeiten und in des Maien Tagen 301

Durft er in seinem Herzen nimmer wieder tragen

So viel hoher Wonne, als er da gewann,

Da die ihm an der Hand gieng, die der Held zu minnen sann.

Da gedachte mancher Recke: "Hei! wär mir so geschehn, 302

Daß ich so bei ihr gienge, wie ich ihn gesehn,

Oder bei ihr läge! das nähm ich willig hin."

Es diente nie ein Recke so gut noch einer Königin.

Aus welchen Königs Landen ein Gast gekommen war, 303

Er nahm im ganzen Saale nur dieser beiden wahr.

Ihr ward erlaubt zu küssen den waidlichen Mann:

Ihm ward in seinem Leben nie so Liebes gethan.

Von Dänemark der König hub an und sprach zur Stund: 304

"Des hohen Grußes willen liegt gar Mancher wund,

Wie ich wohl hier gewahre, von Siegfriedens Hand:

Gott laß ihn nimmer wieder kommen in der Dänen Land."

Da hieß man allenthalben weichen aus den Wegen 305

Kriemhild der Schönen; manchen kühnen Degen

Sah man wohlgezogen mit ihr zur Kirche gehn.

Bald ward von ihr geschieden dieser Degen ausersehn.

Da gieng sie zu dem Münster und mit ihr viel der Fraun. 306

Da war in solcher Zierde die Königin zu schaun,

Daß da hoher Wünsche mancher ward verloren;

Sie war zur Augenweide viel der Recken auserkoren.

Kaum erharrte Siegfried, bis schloß der Messgesang; 307

Er mochte seinem Heile des immer sagen Dank,

Daß ihm so gewogen war, die er im Herzen trug:

Auch war er der Schönen nach Verdiensten hold genug.

Als sie aus dem Münster nach der Messe kam, 308

Lud man wieder zu ihr den Helden lobesam.

Da begann ihm erst zu danken die minnigliche Maid,

Daß er vor allen Recken so kühn gefochten im Streit.

"Nun lohn euch Gott, Herr Siegfried," sprach das schöne Kind, 309

"Daß ihr das verdientet, daß euch die Recken sind

So hold mit ganzer Treue, wie sie zumal gestehn."

Da begann er Frau Kriemhilden minniglich anzusehn.

"Stäts will ich ihnen dienen," sprach Stegfried der Degen, 310

"Und will mein Haupt nicht eher zur Ruhe niederlegen,

Bis ihr Wunsch geschehen, so lang mein Leben währt:

Das thu ich, Frau Kriemhild, daß ihr mir Minne gewährt."

Innerhalb zwölf Tagen, so oft es neu getagt, 311

Sah man bei dem Degen die wonnigliche Magd,

So sie zu Hofe durfte vor ihren Freunden gehn.

Der Dienst war dem Recken aus großer Liebe geschehn.

Freude und Wonne und lauten Schwerterschall 312

Vernahm man alle Tage vor König Gunthers Saal,

Davor und darinnen von manchem kühnen Mann.

Von Ortwein und Hagen wurden Wunder viel gethan.

Was man zu üben wünschte, dazu sah man bereit 313

In völligem Maße die Degen kühn im Streit.

Da machten vor den Gästen die Recken sich bekannt;

Es war eine Zierde König Gunthers ganzem Land.

Die lange wund gelegen, wagten sich an den Wind: 314

Sie wollten kurzweilen mit des Königs Ingesind,

Schirmen mit den Schilden und schießen manchen Schaft.

Des halfen ihnen Viele; sie hatten größliche Kraft.

Bei dem Hofgelage ließ sie der Wirth verpflegen 315

Mit der besten Speise; es durfte sich nicht regen

Nur der kleinste Tadel, der Fürsten mag entstehn;

Man sah ihn jetzo freundlich hin zu seinen Gästen gehn.

Er sprach: "Ihr guten Recken, bevor ihr reitet hin, 316

So nehmt meine Gaben: also fleht mein Sinn,

Ich will euch immer danken; verschmäht nicht mein Gut:

Es unter euch zu theilen hab ich willigen Muth."

Die vom Dänenlande sprachen gleich zur Hand: 317

"Bevor wir wieder reiten heim in unser Land,

Gewährt uns stäten Frieden: das ist uns Recken noth;

Uns sind von euern Degen viel der lieben Freunde todt."

Genesen von den Wunden war Lüdegast derweil; 318

Der Vogt des Sachsenlandes war bald vom Kampfe heil.

Etliche Todte ließen sie im Land.

Da gieng der König Gunther hin, wo er Siegfrieden fand.

Er sprach zu dem Recken: "Nun rath mir, wie ich thu. 319

Unsre Gäste wollen reiten morgen fruh

Und gehn um stäte Sühne mich und die Meinen an:

Nun rath, kühner Degen, was dich dünke wohlgethan.

"Was mir die Herrn bieten, das will ich dir sagen: 320

Was fünfhundert Mähren an Gold mögen tragen,

Das bieten sie mir gerne für ihre Freiheit an."

Da sprach aber Siegfried: "Das wär übel gethan.

"Ihr sollt sie beide ledig von hinnen laßen ziehn; 321

Nur daß die edeln Recken sich hüten fürderhin

Vor feindlichem Reiten her in euer Land,

Laßt euch zu Pfande geben der beiden Könige Hand."

"Dem Rathe will ich folgen." So giengen sie hindann. 322

Seinen Widersachern ward es kundgethan,

Des Golds begehre Niemand, das sie geboten eh.

Daheim den lieben Freunden war nach den heermüden weh.

Viel Schilde schatzbeladen trug man da herbei: 323

Das theilt' er ungewogen seinen Freunden frei,

An fünfhundert Marken und Manchem wohl noch mehr;

Gernot rieth es Gunthern, dieser Degen kühn und hehr.

Um Urlaub baten alle, sie wollten nun hindann. 324

Da kamen die Gäste vor Kriemhild heran

Und dahin auch, wo Frau Ute saß, die Königin.

Es zogen nie mehr Degen so wohl beurlaubt dahin.

Die Herbergen leerten sich, als sie von dannen ritten. 325

Doch verblieb im Lande mit herrlichen Sitten

Der König mit den Seinen und mancher edle Mann:

Die giengen alle Tage zu Frau Kriemhild heran.

Da wollt auch Urlaub nehmen Siegfried der gute Held, 326

Verzweifelnd zu erwerben, worauf sein Sinn gestellt.

Der König hörte sagen, er wolle nun hindann:

Geiselher der junge ihn von der Reise gewann.

"Wohin, edler Siegfried, wohin reitet ihr? 327

Hört meine Bitte, bleibt bei den Recken hier,

Bei Gunther dem König und bei seinem Lehn:

Hier sind viel schöne Frauen, die läßt man euch gerne sehn."

Da sprach der starke Siegfried: "So laßt die Rosse stehn. 328

Von hinnen wollt ich reiten, das laß ich mir vergehn.

Tragt auch hinweg die Schilde: wohl wollt ich in mein Land:

Davon hat mich Herr Geiselher mit großen Treuen gewandt."

So verblieb der Kühne dem Freund zu Liebe dort. 329

Auch wär ihm in den Landen an keinem andern Ort

So wohl als hier geworden: daher es nun geschah,

Daß er alle Tage die schöne Kriemhild ersah.

Ihrer hohen Schönheit willen der Degen da verblieb. 330

Mit mancher Kurzweile man nun die Zeit vertrieb;

Nur zwang ihn ihre Minne, die schuf ihm oftmals Noth;

Darum hernach der Kühne lag zu großem Jammer todt.

* * * * *

Sechstes Abenteuer.

Wie Gunther um Brunhild gen Isenland fuhr.

Wieder neue Märe erhob sich über Rhein: 331

Man sagte sich, da wäre manch schönes Mägdelein.

Sich eins davon zu werben sann König Gunthers Muth.

Das dauchte seine Recken und die Herren alle gut.

Es war eine Königin geseßen über Meer, 332

Ihr zu vergleichen war keine andre mehr.

Schön war sie aus der Maßen, gar groß war ihre Kraft;

Sie schoß mit schnellen Degen um ihre Minne den Schaft.

Den Stein warf sie ferne, nach dem sie weithin sprang; 333

Wer ihrer Minne gehrte, der muste sonder Wank

Drei Spiel' ihr abgewinnen, der Frauen wohlgeboren;

Gebrach es ihm an Einem, so war das Haupt ihm verloren.

Die Königstochter hatte das manchesmal gethan. 334

Das erfuhr am Rheine ein Ritter wohlgethan.

Der seine Sinne wandte auf das schöne Weib.

Drum musten bald viel Degen verlieren Leben und Leib.

Als einst mit seinen Leuten saß der König hehr, 335

Ward es von allen Seiten berathen hin und her,

Welche ihr Herr sich sollte zum Gemahl erschaun,

Die er zum Weibe wollte und dem Land geziemte zur Fraun.

Da sprach der Vogt vom Rheine: "Ich will an die See 336

Hin zu Brunhilden, wie es mir ergeh.

Um ihre Minne wag ich Leben und Leib,

Die will ich verlieren, gewinn ich nicht sie zum Weib."

"Das möcht ich widerrathen," sprach Siegfried wider ihn: 337

"So grimmiger Sitte pflegt die Königin,

Um ihre Minne werben, das kommt hoch zu stehn:

Drum mögt ihrs wohl entrathen, auf diese Reise zu gehn."

Da sprach der König Gunther: "Ein Weib ward noch nie 338

So stark und kühn geboren, im Streit wollt ich sie

Leichtlich überwinden allein mit meiner Hand."

"Schweigt," sprach da Siegfried, "sie ist euch noch unbekannt.

"Und wären eurer viere, die könnten nicht gedeihn 339

Vor ihrem grimmen Zorne: drum laßt den Willen sein,

Das rath ich euch in Treuen: entgeht ihr gern dem Tod,

So macht um ihre Minne euch nicht vergebliche Noth."

"Sei sie so stark sie wolle, die Reise muß ergehn 340

Hin zu Brunhilden, mag mir was will geschehn.

Ihrer hohen Schönheit willen gewagt muß es sein:

Vielleicht daß Gott mir füget, daß sie uns folgt an den Rhein."

"So will ich euch rathen," begann da Hagen, 341

"Bittet Siegfrieden, mit euch zu tragen

Die Last dieser Sorge; das ist der beste Rath,

Weil er von Brunhilden so gute Kunde doch hat."

Er sprach: "Viel edler Siegfried, willst du mir Helfer sein 342

Zu werben um die Schöne? Thu nach der Bitte mein;

Und gewinn ich mir zur Trauten das herrliche Weib,

So verwag ich deinetwillen Ehre, Leben und Leib."

Zur Antwort gab ihm Siegfried, König Siegmunds Sohn: 343

"Ich will es thun, versprichst du die Schwester mir zum Lohn,

Kriemhild die schöne, eine Königin hehr:

So begehr ich keines Dankes nach meinen Arbeiten mehr."

"Das gelob ich," sprach Gunther, "Siegfried, dir an die Hand. 344

Und kommt die schöne Brunhild hieher in dieses Land,

So will ich dir zum Weibe meine Schwester geben:

So magst du mit der Schönen immer in Freuden leben."

Des schwuren sich Eide diese Recken hehr. 345

Da schuf es ihnen beiden viel Müh und Beschwer,

Eh sie die Wohlgethane brachten an den Rhein.

Es musten die Kühnen darum in großen Sorgen sein.

Von wilden Gezwergen hab ich hören sagen, 346

Daß sie in hohlen Bergen wohnen und Schirme tragen,

Die heißen Tarnkappen, von wunderbarer Art;

Wer sie am Leibe trage, der sei gar wohl darin bewahrt

Vor Schlägen und vor Stichen; ihn mög auch Niemand sehn, 347

So lang er drin verweile; hören doch und spähn

Mag er nach feinem Willen, daß Niemand ihn erschaut;

Ihm wachsen auch die Kräfte, wie uns die Märe vertraut.

Die Tarnkappe führte Siegfried mit hindann, 348

Die der kühne Degen mit Sorgen einst gewann

Von einem Gezwerge mit Namen Alberich.

Da schickten sich zur Reise Recken kühn und ritterlich.

Wenn der starke Siegfried die Tarnkappe trug, 349

So gewann er drinnen der Kräfte genug,

Zwölf Männer Stärke, so wird uns gesagt.

Er erwarb mit großen Listen diese herrliche Magd.

Auch war so beschaffen die Nebelkappe gut, 350

Ein Jeder mochte drinnen thun nach seinem Muth,

Was er immer wollte, daß ihn doch Niemand sah.

Damit gewann er Brunhild, durch die ihm bald viel Leid geschah.

"Nun sage mir, Siegfried, eh unsre Fahrt gescheh, 351

Wie wir mit vollen Ehren kommen über See?

Sollen wir Ritter führen in Brunhildens Land?

Dreißigtausend Degen die werden eilends besandt."

"Wie viel wir Volkes führten," sprach Siegfried wider ihn, 352

"So grimmiger Sitte pflegt die Königin,

Das müste doch ersterben vor ihrem Uebermuth.

Ich will euch beßer rathen, Degen ihr kühn und gut.

"In Reckenweise fahren laßt uns zu Thal den Rhein. 353

Die will ich euch nennen, die das sollen sein:

Zu uns zwein noch zweie und Niemand anders mehr,

Daß wir die Frau erwerben, was auch geschehe nachher.

"Der Gesellen bin ich einer, du sollst der andre sein, 354

Und Hagen sei der dritte: wir mögen wohl gedeihn;

Der vierte das sei Dankwart, dieser kühne Mann.

Es dürfen Andrer tausend zum Streite nimmer uns nahn."

"Die Märe wüst ich gerne," der König sprach da so, 355

"Eh wir von hinnen führen, des wär ich herzlich froh,

Was wir für Kleider sollten vor Brunhilden tragen,

Die uns geziemen möchten: Siegfried, das sollst du mir sagen."

"Gewand das allerbeste, das man irgend fand, 356

Trägt man zu allen Zeiten in Brunhildens Land:

Drum laß uns reiche Kleider vor der Frauen tragen,

Daß wirs nicht Schande haben, hört man künftig von uns sagen."

Da sprach der gute Degen: "So will ich selber gehn 357

Zu meiner lieben Mutter, ob es nicht mag geschehn,

Daß ihre schönen Mägde uns schaffen solch Gewand,

Das wir mit Ehren tragen in der hehren Jungfrau Land."

Da Sprach von Tronje Hagen mit herrlichen Sitten: 358

"Was wollt ihr eure Mutter um solche Dienste bitten?

Laßt eure Schwester hören euern Sinn und Muth:

Die ist so kunstreich, unsre Kleider werden gut."

Da entbot er seiner Schwester, er wünsche sie zu sehn 359

Und auch der Degen Siegfried. Eh sie das ließ geschehn,

Da hatte sich die Schöne geschmückt mit reichem Kleid.

Daß die Herren kamen, schuf ihr wenig Herzeleid.

Da war auch ihr Gesinde geziert nach seinem Stand. 360

Die Fürsten kamen beide; als sie das befand,

Erhob sie sich vom Sitze: wie höfisch sie da gieng,

Als sie den edeln Fremdling und ihren Bruder empfieng!

"Willkommen sei mein Bruder und der Geselle sein. 361

Nun möcht ich gerne wissen," Sprach das Mägdelein,

"Was euch Herrn geliebe, daß ihr zu Hofe kommt:

Laßt mich doch hören, was euch edeln Recken frommt."

Da sprach König Gunther: "Frau, ich wills euch sagen. 362

Wir müßen große Sorge bei hohem Muthe tragen:

Wir wollen werben reiten fern in fremdes Land

Und hätten zu der Reise gerne zierlich Gewand."

"Nun sitzt, lieber Bruder," sprach das Königskind, 363

"Und laßt mich erst erfahren, Wer die Frauen sind,

Die ihr begehrt zu minnen in fremder Könge Land."

Die Auserwählten beide nahm das Mägdlein bei der Hand:

Hin gieng sie mit den Beiden, wo sie geseßen war 364

Auf prächtgen Ruhebetten, das glaubt mir fürwahr,

Mit eingewirkten Bildern, in Gold wohl erhaben.

Sie mochten bei der Frauen gute Kurzweile haben.

Freundliche Blicke und gütliches Sehn, 365

Des mochte von den Beiden da wohl viel geschehn.

Er trug sie in dem Herzen, sie war ihm wie sein Leben.

Er erwarb mit großem Dienste, daß sie ihm ward zu Weib gegeben.

Da sprach der edle König: "Viel liebe Schwester mein, 366

Ohne deine Hülfe kann es nimmer sein.

Wir wollen abenteuern in Brunhildens Land;

Da müßen wir vor Frauen tragen herrlich Gewand."

Da sprach die Königstochter: "Viel lieber Bruder mein, 367

Kann euch an meiner Hülfe dabei gelegen sein,

So sollt ihr inne werden, ich bin dazu bereit;

Versagte sie ein Andrer euch, das wäre Kriemhilden leid.

"Ihr sollt mich, edler Ritter, nicht in Sorgen bitten, 368

Ihr sollt nur gebieten mit herrlichen Sitten:

Was euch gefallen möge, dazu bin ich bereit

Und thus mit gutem Willen," sprach die wonnigliche Maid.

"Wir wollen, liebe Schwester, tragen gut Gewand: 369

Das soll bereiten helfen eure weiße Hand.

Laßt eure Mägdlein sorgen, daß es uns herrlich steht,

Da man uns diese Reise doch vergebens widerräth."

Da begann die Jungfrau: "Nun hört, was ich sage, 370

Wir haben selber Seide: befehlt, daß man uns trage

Gestein auf den Schilden, so schaffen wir das Kleid,

Das ihr mit Ehren traget vor der herrlichen Maid."

"Wer sind die Gesellen," sprach die Königin, 371

"Die mit euch gekleidet zu Hofe sollen ziehn?"

"Das bin ich selbvierter; noch Zwei aus meinem Lehn,

Dankwart und Hagen, sollen mit uns zu Hofe gehn.

"Nun merkt, liebe Schwester, wohl, was wir euch sagen: 372

Sorgt, daß wir vier Gesellen zu vier Tagen tragen

Je der Kleider dreierlei und also gut Gewand,

Daß wir ohne Schande räumen Brunhildens Land."

Das gelobte sie den Recken; die Herren schieden hin. 373

Da berief der Jungfraun Kriemhild die Königin

Aus ihrer Kemenate dreißig Mägdelein,

Die gar sinnreich mochten zu solcher Kunstübung sein.

In arabische Seide, so weiß als der Schnee, 374

Und gute Zazamanker, so grün als der Klee,

Legten sie Gesteine: das gab ein gut Gewand;

Kriemhild die schöne schnitts mit eigener Hand.

Von seltner Fische Häuten Bezüge wohlgethan, 375

Zu schauen fremd den Leuten, so viel man nur gewann,

Bedeckten sie mit Seide: darein ward Gold getragen:

Man mochte große Wunder von den lichten Kleidern sagen.

Aus dem Land Marocco und auch von Libya 376

Der allerbesten Seide, die man jemals sah

Königskinder tragen, der hatten sie genug.

Wohl ließ sie Kriemhild schauen, wie sie Liebe für sie trug.

Da sie so theure Kleider begehrt zu ihrer Fahrt, 377

Hermelinfelle wurden nicht gespart,

Darauf von Kohlenschwärze mancher Flecken lag:

Das trügen schnelle Helden noch gern bei einem Hofgelag.

Aus arabischem Golde glänzte mancher Stein; 378

Der Frauen Unmuße war nicht zu klein.

Sie schufen die Gewände in sieben Wochen Zeit;

Da war auch ihr Gewaffen den guten Degen bereit.

Als sie gerüstet standen, sah man auf dem Rhein 379

Fleißiglich gezimmert ein starkes Schiffelein,

Das sie da tragen sollte hernieder an die See.

Den edeln Jungfrauen war von Arbeiten weh.

Da sagte man den Recken, es sei für sie zur Hand, 380

Das sie tragen sollten, das zierliche Gewand.

Was sie erbeten hatten, das war nun geschehn;

Da wollten sie nicht länger mehr am Rheine bestehn.

Zu den Heergesellen ein Bote ward gesandt, 381

Ob sie schauen wollten ihr neues Gewand,

Ob es den Helden wäre zu kurz oder lang.

Es war von rechtem Maße; des sagten sie den Frauen Dank.

Vor wen sie immer kamen, die musten all gestehn, 382

Sie hätten nie auf Erden schöner Gewand gesehn.

Drum mochten sie es gerne da zu Hofe tragen;

Von beßerm Ritterstaate wuste Niemand mehr zu sagen.

Den edeln Maiden wurde höchlich Dank gesagt. 383

Da baten um Urlaub die Recken unverzagt;

In ritterlichen Züchten thaten die Herren das.

Da wurden lichte Augen getrübt von Weinen und naß.

Sie sprach: "Viel lieber Bruder, ihr bliebet beßer hier 384

Und würbt andre Frauen: klüger schien' es mir,

Wo ihr nicht wagen müstet Leben und Leib.

Ihr fändet in der Nähe wohl ein so hochgeboren Weib."

Sie ahnten wohl im Herzen ihr künftig Ungemach. 385

Sie musten alle weinen, was da auch Einer sprach.

Das Gold vor ihren Brüsten ward von Thränen fahl;

Die fielen ihnen dichte von den Augen zuthal.

Da sprach sie: "Herr Siegfried, laßt euch befohlen sein 386

Auf Treu und auf Gnade den lieben Bruder mein,

Daß ihn nichts gefährde in Brunhildens Land."

Das versprach der Kühne Frau Kriemhilden in die Hand.

Da sprach der edle Degen: "So lang mein Leben währt, 387

So bleibt von allen Sorgen, Herrin, unbeschwert;

Ich bring ihn euch geborgen wieder an den Rhein.

Das glaubt bei Leib und Leben." Da dankt' ihm schön das Mägdelein.

Die goldrothen Schilde trug man an den Strand 388

Und schaffte zu dem Schiffe all ihr Rüstgewand;

Ihre Rosse ließ man bringen: sie wollten nun hindann.

Wie da von schönen Frauen so großes Weinen begann!

Da stellte sich ins Fenster manch minnigliches Kind. 389

Das Schiff mit seinem Segel ergriff ein hoher Wind.

Die stolzen Heergesellen saßen auf dem Rhein;

Da sprach der König Gunther: "Wer soll nun Schiffmeister sein?"

"Das will ich," sprach Siegfried: "ich kann euch auf der Flut 390

Wohl von hinnen führen, das wißt, Helden gut;

Die rechten Wasserstraßen sind mir wohl bekannt."

So schieden sie mit Freuden aus der Burgunden Land.

Eine Ruderstange Siegfried ergriff; 391

Vom Gestade schob er kräftig das Schiff.

Gunther der kühne ein Ruder selber nahm.

Da huben sich vom Lande die schnellen Ritter lobesam.

Sie führten reichlich Speise, dazu guten Wein, 392

Den besten, den sie finden mochten um den Rhein.

Ihre Rosse standen still in guter Ruh;

Das Schiff gieng so eben, kein Ungemach stieß ihnen zu.

Ihre starken Segelseile streckte die Luft mit Macht; 393

Sie fuhren zwanzig Meilen, eh niedersank die Nacht,

Mit günstigem Winde nieder nach der See;

Ihr starkes Arbeiten that noch schönen Frauen weh.

An dem zwölften Morgen, wie wir hören sagen, 394

Da hatten sie die Winde weit hinweggetragen

Nach Isenstein der Veste in Brunhildens Land,

Das ihrer Keinem außer Siegfried bekannt.

Als der König Gunther so viel der Burgen sah 395

Und auch der weiten Marken, wie bald sprach er da:

"Nun sagt mir, Freund Siegfried, ist euch das bekannt?

Wem sind diese Burgen und wem das herrliche Land?

"Ich hab all mein Leben, das muß ich wohl gestehn, 396

So wohlgebauter Burgen nie so viel gesehn

Irgend in den Landen, als wir hier ersahn;

Der sie erbauen konnte, war wohl ein mächtiger Mann."

Zur Antwort gab ihm Siegfried: "Das ist mir wohlbekannt; 397

Brunhilden sind sie, die Burgen wie das Land

Und Isenstein die Veste, glaubt mir fürwahr:

Da mögt ihr heute schauen schöner Frauen große Schar.

"Ich will euch Helden rathen: seid all von einem Muth 398

Und sprecht in gleichem Sinne, so dünkt es mich gut.

Denn wenn wir heute vor Brunhilden gehn,

So müßen wir in Sorgen vor der Königstochter stehn.

"Wenn wir die Minnigliche bei ihren Leuten sehn, 399

Sollt ihr erlauchte Helden nur Einer Rede stehn:

Gunther sei mein Lehnsherr und ich ihm unterthan;

So wird ihm sein Verlangen nach seinem Wunsche gethan."

Sie waren all willfährig zu thun, wie er sie hieß: 400

In seinem Uebermuthe es auch nicht Einer ließ.

Sie sprachen, wie er wollte; wohl frommt' es ihnen da,

Als der König Gunther die schöne Brunhild ersah.

"Wohl thu ichs nicht so gerne dir zu lieb allein, 401

Als um deine Schwester, das schöne Mägdelein.

Die ist mir wie die Seele und wie mein eigner Leib;

Ich will es gern verdienen, daß sie werde mein Weib."

* * * * *

Siebentes Abenteuer.

Wie Gunther Brunhilden gewann.

Ihr Schifflein unterdessen war auf dem Meer 402

Zur Burg heran gefloßen: da sah der König hehr

Oben in den Fenstern manche schöne Maid.

Daß er sie nicht erkannte, das war in Wahrheit ihm leid.

Er fragte Siegfrieden, den Gesellen sein: 403

"Hättet ihr wohl Kunde um diese Mägdelein,

Die dort hernieder schauen nach uns auf die Flut?

Wie ihr Herr auch heiße, so tragen sie hohen Muth."

Da sprach der kühne Siegfried: "Nun sollt ihr heimlich spähn 404

Nach den Jungfrauen und sollt mir dann gestehn,

Welche ihr nehmen wolltet, wär euch die Wahl verliehn."

"Das will ich," sprach Gunther, dieser Ritter schnell und kühn.

"So schau ich ihrer Eine in jenem Fenster an, 405

Im schneeweißen Kleide, die ist so wohlgethan:

Die wählen meine Augen, so schön ist sie von Leib.

Wenn ich gebieten dürfte, sie müste werden mein Weib."

"Dir hat recht erkoren deiner Augen Schein: 406

Es ist die edle Brunhild, das schöne Mägdelein,

Nach der das Herz dir ringet, der Sinn und auch der Muth."

All ihr Gebaren dauchte König Gunthern gut.

Da hieß die Königstochter von den Fenstern gehn 407

Die minniglichen Maide: sie sollten da nicht stehn

Zum Anblick für die Fremden; sie folgten unverwandt.

Was da die Frauen thaten, das ist uns auch wohl bekannt.

Sie zierten sich entgegen den unkunden Herrn, 408

Wie es immer thaten schöne Frauen gern.

Dann an die engen Fenster traten sie heran,

Wo sie die Helden sahen: das ward aus Neugier gethan.

Nur ihrer Viere waren, die kamen in das Land. 409

Siegfried der kühne ein Ross zog auf den Strand.

Das sahen durch die Fenster die schönen Frauen an:

Große Ehre dauchte sich König Gunther gethan.

Er hielt ihm bei dem Zaume das zierliche Ross, 410

Das war gut und stattlich, stark dazu und groß,

Bis der König Gunther fest im Sattel saß.

Also dient' ihm Siegfried, was er hernach doch ganz vergaß.

Dann zog er auch das seine aus dem Schiff heran: 411

Er hatte solche Dienste gar selten sonst gethan,

Daß er am Steigreif Helden gestanden wär.

Das sahen durch die Fenster die schönen Frauen hehr.

Es war in gleicher Weise den Helden allbereit 412

Von schneeblanker Farbe das Ross und auch das Kleid,

Dem einen wie dem andern, und schön der Schilde Rand:

Die warfen hellen Schimmer an der edeln Recken Hand.

Ihre Sättel wohlgesteinet, die Brustriemen schmal: 413

So ritten sie herrlich vor Brunhildens Saal;

Daran hiengen Schellen von lichtem Golde roth.

Sie kamen zu dem Lande, wie ihr Hochsinn gebot,

Mit Speren neu geschliffen, mit wohlgeschaffnem Schwert, 414

Das bis auf die Sporen gieng den Helden werth.

Die Wohlgemuthen führten es scharf genug und breit.

Das alles sah Brunhild, diese herrliche Maid.

Mit ihnen kam auch Dankwart und sein Bruder Hagen: 415

Diese beide trugen, wie wir hören sagen,

Von rabenschwarzer Farbe reichgewirktes Kleid;

Neu waren ihre Schilde, gut, dazu auch lang und breit.

Von India dem Lande trugen sie Gestein, 416

Das warf an ihrem Kleide auf und ab den Schein.

Sie ließen unbehütet das Schifflein bei der Flut;

So ritten nach der Veste diese Helden kühn und gut.

Sechsundachtzig Thürme sahn sie darin zumal, 417

Drei weite Pfalzen und einen schönen Saal

Von edelm Marmelsteine, so grün wie das Gras,

Darin die Königstochter mit ihrem Ingefinde saß.

Die Burg war erschloßen und weithin aufgethan, 418

Brunhildes Mannen liefen alsbald heran

Und empfiengen die Gäste in ihrer Herrin Land.

Die Rosse nahm man ihnen und die Schilde von der Hand.

Da sprach der Kämmrer Einer: "Gebt uns euer Schwert 419

Und die lichten Panzer." "Das wird euch nicht gewährt,"

Sprach Hagen von Tronje, "wir wollens selber tragen."

Da begann ihm Siegfried von des Hofs Gebrauch zu sagen:

"In dieser Burg ist Sitte, das will ich euch sagen, 420

Keine Waffen dürfen da die Gäste tragen:

Laßt sie von hinnen bringen, das ist wohlgethan."

Ihm folgte wider Willen Hagen, König Gunthers Mann.

Man ließ den Gästen schenken und schaffen gute Ruh. 421

Manchen schnellen Recken sah man dem Hofe zu

Allenthalben eilen in fürstlichem Gewand;

Doch wurden nach den Kühnen ringsher die Blicke gesandt.

Nun wurden auch Brunhilden gesagt die Mären, 422

Daß unbekannte Recken gekommen wären

In herrlichem Gewande gefloßen auf der Flut.

Da begann zu fragen diese Jungfrau schön und gut:

"Ihr sollt mich hören laßen," sprach das Mägdelein, 423

"Wer die unbekannten Recken mögen sein,

Die ich dort stehen sehe in meiner Burg so hehr,

Und wem zu Lieb die Helden wohl gefahren sind hieher."

Des Gesindes sprach da Einer: "Frau, ich muß gestehn, 424

Daß ich ihrer Keinen je zuvor gesehn;

Doch Einer steht darunter, der Siegfrieds Weise hat:

Den sollt ihr wohl empfangen, das ist in Treuen mein Rath.

"Der andre der Gesellen, gar löblich dünkt er mich; 425

Wenn er die Macht besäße, zum König ziemt' er sich

Ob weiten Fürstenlanden, sollt er die versehn.

Man sieht ihn bei den Andern so recht herrlich da stehn.

"Der dritte der Gesellen, der hat gar herben Sinn, 426

Doch schönen Wuchs nicht minder, reiche Königin.

Die Blicke sind gewaltig, deren so viel er thut:

Er trägt in seinem Sinne, wähn ich, grimmigen Muth.

"Der jüngste darunter, gar löblich dünkt er mich: 427

Man sieht den reichen Degen so recht minniglich

In jungfräulicher Sitte und edler Haltung stehn:

Wir müstens alle fürchten, wär ihm ein Leid hier geschehn.

"So freundlich er gebahre, so wohlgethan sein Leib, 428

Er brächte doch zum Weinen manch waidliches Weib,

Wenn er zürnen sollte; sein Wuchs ist wohl so gut,

Er ist an allen Tugenden ein Degen kühn und wohlgemuth."

Da sprach die Königstochter: "Nun bringt mir mein Gewand: 429

Und ist der starke Siegfried gekommen in mein Land

Um meiner Minne willen, es geht ihm an den Leib:

Ich fürcht ihn nicht so heftig, daß ich würde sein Weib."

Brunhild die schöne trug bald erlesen Kleid. 430

Auch gab ihr Geleite manche schöne Maid,

Wohl hundert oder drüber, sie all in reicher Zier.

Die Gäste kam zu schauen manches edle Weib mit ihr.

Mit ihnen giengen Degen aus Isenland, 431

Brunhildens Recken, die Schwerter in der Hand,

Fünfhundert oder drüber; das war den Gästen leid.

Aufstanden von den Sitzen die kühnen Helden allbereit.

Als die Königstochter Siegfrieden sah, 432

Wohlgezogen sprach sie zu dem Gaste da:

"Seid willkommen, Siegfried, hier in diesem Land.

Was meint eure Reise? das macht mir, bitt ich, bekannt."

"Viel Dank muß ich euch sagen, Frau Brunhild, 433

Daß ihr mich geruht zu grüßen, Fürstentochter mild,

Vor diesem edeln Recken, der hier vor mir steht:

Denn der ist mein Lehnsherr; der Ehre Siegfried wohl enträth.

"Er ist am Rheine König: was soll ich sagen mehr? 434

Dir nur zu Liebe fuhren wir hierher.

Er will dich gerne minnen, was ihm geschehen mag.

Nun bedenke dich bei Zeiten: mein Herr läßt nimmermehr nach.

"Er ist geheißen Gunther, ein König reich und hehr. 435

Erwirbt er deine Minne, nicht mehr ist sein Begehr.

Deinthalb mit ihm that ich diese Fahrt;

Wenn er mein Herr nicht wäre, ich hätt es sicher gespart."

Sie sprach: "Wenn er dein Herr ist und du in seinem Lehn, 436

Will er, die ich ertheile, meine Spiele dann bestehn

Und bleibt darin der Meister, so werd ich sein Weib;

Doch ists, daß ich gewinne, es geht euch allen an den Leib."

Da sprach von Tronje Hagen: "So zeig uns, Königin, 437

Was ihr für Spiel' ertheilet. Eh euch den Gewinn

Mein Herr Gunther ließe, so müst es übel sein:

Er mag wohl noch erwerben ein so schönes Mägdelein."

"Den Stein soll er werfen und springen darnach, 438

Den Sper mit mir schießen: drum sei euch nicht zu jach.

Ihr verliert hier mit der Ehre Leben leicht und Leib:

Drum mögt ihr euch bedenken," sprach das minnigliche Weib.

Siegfried der schnelle gieng zu dem König hin 439

Und bat ihn, frei zu reden mit der Königin

Ganz nach seinem Willen; angstlos soll er sein:

"Ich will dich wohl behüten vor ihr mit den Listen mein."

Da sprach der König Gunther: "Königstochter hehr, 440

Ertheilt mir, was ihr wollet, und wär es auch noch mehr,

Eurer Schönheit willen bestünd ich Alles gern.

Mein Haupt will ich verlieren, gewinnt ihr mich nicht zum Herrn."

Als da seine Rede vernahm die Königin, 441

Bat sie, wie ihr ziemte, das Spiel nicht zu verziehn.

Sie ließ sich zum Streite bringen ihr Gewand,

Einen goldnen Panzer und einen guten Schildesrand.

Ein seiden Waffenhemde zog sich an die Maid, 442

Das ihr keine Waffe verletzen konnt im Streit,

Von Zeugen wohlgeschaffen aus Libya dem Land:

Lichtgewirkte Borten erglänzten rings an dem Rand.

Derweil hatt ihr Uebermuth den Gästen schwer gedräut. 443

Dankwart und Hagen die standen unerfreut.

Wie es dem Herrn ergienge, sorgte sehr ihr Muth.

Sie dachten: "Unsre Reise bekommt uns Recken nicht gut."

Derweilen gieng Siegfried, der listige Mann, 444

Eh es wer bemerkte, an das Schiff heran,

Wo er die Tarnkappe verborgen liegen fand,

In die er hurtig schlüpfte: da war er Niemand bekannt.

Er eilte bald zurücke und fand hier Recken viel: 445

Die Königin ertheilte da ihr hohes Spiel.

Da gieng er hin verstohlen und daß ihn Niemand sah

Von Allen, die da waren, was durch Zauber geschah.

Es war ein Kreis gezogen, wo das Spiel geschehn 446

Vor kühnen Recken sollte, die es wollten sehn.

Wohl siebenhundert sah man Waffen tragen:

Wer das Spiel gewänne, das sollten sie nach Wahrheit sagen.

Da war gekommen Brunhild, die man gewaffnet fand, 447

Als ob sie streiten wolle um aller Könge Land.

Wohl trug sie auf der Seide viel Golddrähte fein;

Ihre minnigliche Farbe gab darunter holden Schein.

Nun kam ihr Gesinde, das trug herbei zuhand 448

Aus allrothem Golde einen Schildesrand

Mit hartem Stahlbeschlage, mächtig groß und breit,

Worunter spielen wollte diese minnigliche Maid.

An einer edeln Borte ward der Schild getragen, 449

Auf der Edelsteine, grasgrüne, lagen;

Die tauschten mannigfaltig Gefunkel mit dem Gold.

Er bedurfte großer Kühnheit, dem die Jungfrau wurde hold.

Der Schild war untern Buckeln, so ward uns gesagt, 450

Von dreier Spannen Dicke; den trug hernach die Magd.

An Stahl und auch an Golde war er reich genug,

Den ihrer Kämmrer Einer mit Mühe selbvierter trug.

Als der starke Hagen den Schild hertragen sah, 451

In großem Unmuthe sprach der Tronjer da:

"Wie nun, König Gunther? An Leben gehts und Leib:

Die ihr begehrt zu minnen, die ist ein teuflisches Weib."

Hört noch von ihren Kleidern: deren hatte sie genug. 452

Von Azagauger Seide einen Wappenrock sie trug,

Der kostbar war und edel: daran warf hellen Schein

Von der Königstochter gar mancher herrliche Stein.

Da brachten sie der Frauen mächtig und breit 453

Einen scharfen Wurfspieß; den verschoß sie allezeit,

Stark und ungefüge, groß dazu und schwer.

An seinen beiden Seiten schnitt gar grimmig der Sper.

Von des Spießes Schwere höret Wunder sagen: 454

Wohl hundert Pfund Eisen war dazu verschlagen.

Ihn trugen mühsam Dreie von Brunhildens Heer:

Gunther der edle rang mit Sorgen da schwer.

Er dacht in seinem Sinne: "Was soll das sein hier? 455

Der Teufel aus der Hölle, wie schützt' er sich vor ihr?

War ich mit meinem Leben wieder an dem Rhein,

Sie dürfte hier wohl lange meiner Minne ledig sein."

Er trug in seinen Sorgen, das wißet, Leid genug. 456

All seine Rüstung man ihm zur Stelle trug.

Gewappnet Stand der reiche König bald darin.

Vor Leid hätte Hagen schier gar verwandelt den Sinn.

Da sprach Hagens Bruder, der kühne Dankwart: 457

"Mich reut in der Seele her zu Hof die Fahrt.

Nun hießen wir einst Recken! wie verlieren wir den Leib!

Soll uns in diesem Lande nun verderben ein Weib?

"Des muß mich sehr verdrießen, daß ich kam in dieses Land. 458

Hätte mein Bruder Hagen sein Schwert an der Hand

Und auch ich das meine, so sollten sachte gehn

Mit ihrem Uebermuthe Die in Brunhildens Lehn.

Sie sollten sich bescheiden, das glaubet mir nur. 459

Hätt ich den Frieden tausendmal bestärkt mit einem Schwur,

Bevor ich sterben sähe den lieben Herren mein,

Das Leben müste laßen dieses schöne Mägdelein."

"Wir möchten ungefangen wohl räumen dieses Land," 460

Sprach sein Bruder Hagen, "hätten wir das Gewand,

Des wir zum Streit bedürfen, und die Schwerter gut,

So sollte sich wohl sänften der schönen Fraue Uebermuth."

Wohl hörte, was er sagte, die Fraue wohlgethan; 461

Ueber die Achsel sah sie ihn lächelnd an.

"Nun er so kühn sich dünket, so bringt doch ihr Gewand,

Ihre scharfen Waffen gebt den Helden an die Hand.

"Es kümmert mich so wenig, ob sie gewaffnet sind, 462

Als ob sie bloß da stünden," so sprach das Königskind.

"Ich fürchte Niemands Stärke, den ich noch je gekannt:

Ich mag auch wohl genesen im Streit vor des Königs Hand."

Als man die Waffen brachte, wie die Maid gebot, 463

Dankwart der kühne ward vor Freuden roth.

"Nun spielt, was ihr wollet," sprach der Degen werth,

"Gunther ist unbezwungen: wir haben wieder unser Schwert."

Brunhildens Stärke zeigte sich nicht klein: 464

Man trug ihr zu dem Kreise einen schweren Stein,

Groß und ungefüge, rund dabei und breit.

Ihn trugen kaum zwölfe dieser Degen kühn im Streit.

Den warf sie allerwegen, wie sie den Sper verschoß. 465

Darüber war die Sorge der Burgunden groß.

"Wen will der König werben?" sprach da Hagen laut:

"Wär sie in der Hölle doch des übeln Teufels Braut!"

An ihre weißen Arme sie die Ärmel wand, 466

Sie schickte sich und faßte den Schild an die Hand,

Sie schwang den Spieß zur Höhe: das war des Kampfe Beginn.

Gunther und Siegfried bangten vor Brunhildens grimmem Sinn.

Und wär ihm da Siegfried zu Hülfe nicht gekommen, 467

So hätte sie dem König das Leben wohl benommen.

Er trat hinzu verstohlen und rührte seine Hand;

Gunther seine Künste mit großen Sorgen befand.

"Wer wars, der mich berührte?" dachte der kühne Mann, 468

Und wie er um sich blickte, da traf er Niemand an.

Er sprach: "Ich bin es, Siegfried, der Geselle dein:

Du sollst ganz ohne Sorge vor der Königin sein."

(Er sprach:) "Gieb aus den Händen den Schild, laß mich ihn tragen 469

Und behalt im Sinne, was du mich hörest sagen:

Du habe die Gebärde, ich will das Werk begehn."

Als er ihn erkannte, da war ihm Liebes geschehn.

"Verhehl auch meine Künste, das ist uns beiden gut: 470

So mag die Königstochter den hohen Uebermuth

Nicht an dir vollbringen, wie sie gesonnen ist:

Nun sieh doch, welcher Kühnheit sie wider dich sich vermißt."

Da schoß mit ganzen Kräften die herrliche Maid 471

Den Sper nach einem neuen Schild, mächtig und breit;

Den trug an der Linken Sieglindens Kind.

Das Feuer sprang vom Stahle, als ob es wehte der Wind.

Des starken Spießes Schneide den Schild ganz durchdrang, 472

Daß das Feuer lohend aus den Ringen sprang.

Von dem Schuße fielen die kraftvollen Degen:

War nicht die Tarnkappe, sie wären beide da erlegen.

Siegfried dem kühnen vom Munde brach das Blut. 473

Bald sprang er auf die Füße: da nahm der Degen gut

Den Sper, den sie geschoßen ihm hatte durch den Rand:

Den warf ihr jetzt zurücke Siegfried mit kraftvoller Hand.

Er dacht: "Ich will nicht schießen das Mägdlein wonniglich." 474

Des Spießes Schneide kehrt' er hinter den Rücken sich;

Mit der Sperstange schoß er auf ihr Gewand,

Daß es laut erhallte von seiner kraftreichen Hand.

Das Feuer stob vom Panzer, als trieb' es der Wind. 475

Es hatte wohl geschoßen der Sieglinde Kind:

Sie vermochte mit den Kräften dem Schuße nicht zu stehn;

Das war von König Gunthern in Wahrheit nimmer geschehn.

Brunhild die schöne bald auf die Füße sprang: 476

"Gunther, edler Ritter, des Schußes habe Dank!"

Sie wähnt', er hätt es selber mit seiner Kraft gethan

Nein, zu Boden warf sie ein viel stärkerer Mann.

Da gieng sie hin geschwinde, zornig war ihr Muth, 477

Den Stein hoch erhub sie, die edle Jungfrau gut;

Sie schwang ihn mit Kräften weithin von der Hand,

Dann sprang sie nach dem Wurfe, daß laut erklang ihr Gewand.

Der Stein fiel zu Boden von ihr zwölf Klafter weit: 478

Den Wurf überholte im Sprung die edle Maid.

Hin gieng der schnelle Siegfried, wo der Stein nun lag:

Gunther must ihn wägen, des Wurfs der Verholne pflag.

Siegfried war kräftig, kühn und auch lang; 479

Den Stein warf er ferner, dazu er weiter sprang.

Ein großes Wunder war es und künstlich genug,

Daß er in dem Sprunge den König Gunther noch trug.

Der Sprung war ergangen, am Boden lag der Stein: 480

Gunther wars, der Degen, den man sah allein.

Brunhild die schöne ward vor Zorne roth;

Gewendet hatte Siegfried dem König Gunther den Tod.

Zu ihrem Ingesinde sprach die Königin da, 481

Als sie gesund den Helden an des Kreises Ende sah:

"Ihr, meine Freund und Mannen, tretet gleich heran:

Ihr sollt dem König Gunther alle werden unterthan."

Da legten die Kühnen die Waffen von der Hand 482

Und boten sich zu Füßen von Burgundenland

Gunther dem reichen, so mancher kühne Mann:

Sie wähnten, die Spiele hätt er mit eigner Kraft gethan.

Er grüßte sie gar minniglich; wohl trug er höfschen Sinn. 483

Da nahm ihn bei der Rechten die schöne Königin:

Sie erlaubt' ihm, zu gebieten in ihrem ganzen Land.

Des freute sich da Hagen, der Degen kühn und gewandt.

Sie bat den edeln Ritter mit ihr zurück zu gehn 484

Zu dem weiten Saale, wo mancher Mann zu sehn,

Und mans aus Furcht dem Degen nun desto beßer bot.

Siegfrieds Kräfte hatten sie erledigt aller Noth.

Siegfried der schnelle war wohl schlau genug, 485

Daß er die Tarnkappe aufzubewahren trug.

Dann gieng er zu dem Saale, wo manche Fraue saß:

Er sprach zu dem König, gar listiglich that er das:

"Was säumt ihr, Herr König, und beginnt die Spiele nicht, 486

Die euch aufzugeben die Königin verspricht?

Laßt uns doch bald erschauen, wie es damit bestellt."

Als wüst er nichts von allem, so that der listige Held.

Da sprach die Königstochter: "Wie konnte das geschehn, 487

Daß ihr nicht die Spiele, Herr Siegfried, habt gesehn,

Worin hier Sieg errungen hat König Gunthers Hand?"

Zur Antwort gab ihr Hagen aus der Burgunden Land:

Er sprach: "Da habt ihr, Königin, uns betrübt den Muth: 488

Da war bei dem Schiffe Siegfried der Degen gut,

Als der Vogt vom Rheine das Spiel euch abgewann;

Drum ist es ihm unkundig," sprach da Gunthers Unterthan,

"Nun wohl mir dieser Märe," sprach Siegfried der Held, 489

"Daß hier eure Hochfahrt also ward gefällt,

Und Jemand lebt, der euer Meister möge sein.

Nun sollt ihr, edle Jungfrau, uns hinnen folgen an den Rhein."

Da sprach die Wohlgethane: "Das mag noch nicht geschehn. 490

Erst frag ich meine Vettern und Die in meinem Lehn.

Ich darf ja nicht so leichthin räumen dieß mein Land:

Meine höchsten Freunde die werden erst noch besandt."

Da ließ sie ihre Boten nach allen Seiten gehn: 491

Sie besandte ihre Freunde und Die in ihrem Lehn,

Daß sie zum Isensteine kämen unverwandt;

Einem jeden ließ sie geben reiches, herrliches Gewand.

Da ritten alle Tage Beides, spat und fruh, 492

Der Veste Brunhildens die Recken scharweis zu.

"Nun ja doch," sprach da Hagen, "was haben wir gethan!

Wir erwarten uns zum Schaden hier Die Brunhild unterthan."

"Wenn sie mit ihren Kräften kommen in dieß Land, 493

Der Königin Gedanken die sind uns unbekannt:

Wie, wenn sie uns zürnte? so wären wir verloren,

Und wär das edle Mägdlein uns zu großen Sorgen geboren!"

Da sprach der starke Siegfried: "Dem will ich widerstehn. 494

Was euch da Sorge schaffet, das laß ich nicht geschehn.

Ich will euch Hülfe bringen her in dieses Land

Durch auserwählte Degen: die sind euch noch unbekannt.

"Ihr sollt nach mir nicht fragen, ich will von hinnen fahren; 495

Gott möge eure Ehre derweil wohl bewahren.

Ich komme bald zurücke und bring euch tausend Mann

Der allerbesten Degen, deren Jemand Kunde gewann."

"So bleibt nur nicht zu lange," der König sprach da so, 496

"Wir sind eurer Hülfe nicht unbillig froh."

Er sprach: "Ich komme wieder gewiss in wenig Tagen.

Ihr hättet mich versendet, sollt ihr der Königin sagen."

* * * * *

Achtes Abenteuer.

Wie Siegfried nach den Nibelungen fuhr.

Von dannen gieng da Siegfried zum Hafen an den Strand 497

In seiner Tarnkappe, wo er ein Schifflein fand.

Darin stand verborgen König Siegmunds Kind:

Er führt' es bald von dannen, als ob es wehte der Wind.

Den Steuermann sah Niemand, wie schnell das Schifflein floß 498

Von Siegfriedens Kräften, die waren also groß.

Da wähnten sie, es trieb es ein eigner starker Wind:

Nein, es führt' es Siegfried, der schönen Sieglinde Kind.

Nach des Tags Verlaufe und in der einen Nacht 499

Kam er zu einem Lande von gewaltger Macht:

Es war wohl hundert Rasten und noch darüber lang,

Das Land der Nibelungen, wo er den großen Schatz errang.

Das Nibelungenlied · 第 12 / 16 题