6. S. Einbetta, S. Worbetta, S. Wilbetta in Straßburg.
P. 208.
Die letzte Namensform, unter welchen die mittlere Schwester erscheint,
Worbetta, kann zur Erklärung des alten Namens Borbetomagus verwandt
werden. Wir sahen unter 3, daß in S. Gberpet b statt w eingetreten war;
wandeln wir den urkundlichen Namen Worbetta in derselben Weise, wie
wirklich _Barbeth_ bei Panzer 69 begegnet, so haben wir Borbetta, also
gerade die Namensform, die wir bedürfen. Von Borbet, der mittlern der
drei Schwertern, wird also Worms (Borbetomagus) heißen, und es liegt
nahe, Aehnliches von dem alten Namen der Stadt Metz, Civitas
Mediomatricorum, zu vermuthen: von der mittlern der drei Schwestern,
die den Kelten Mütter hießen, hat auch sie den Namen. Diese mittlere
ist die mächtigere der dreie, ja die eigentliche Gottheit, die sich in
ihren Schwestern nur vervielfältigt. So steht auch in Upsala Thôr als
der mächtigste in der Mitte zwischen Wodan und Fricco, "ita ut
potentissimus", sagt Adam von Bremen, "in medio solium habeat
triclinio; hinc et inde locum possident Wodan et Fricco. Gr. Myth. 102.
Uhland Schriften VI, 176. Da wir diese, die nicht zufällig in allen
sechs Meldungen in der Mitte stehen kann, bei Panzer 61, 275, 297 auch
Held, ja Rachel (die rächende Hel) Panzer 18, 83, 372 genannt finden,
So ergiebt sich, daß sie Hel, die verborgene Göttin, ist, die als
Göttin der Unterwelt ebenso Tod als Leben spendet, indem alles Leben
von ihr ausgeht und wieder in ihren mütterlichen Schooß zurückkehrt.
Dazu stimmt, daß diese drei Schwestern, die wir den Nornen, deutschen
Parzen, gleichstellen dürfen, bei Panzer 53 auch _Hailräthinnen_
genannt finden, weil sie die Schicksale der Menschen beriethen, ja daß
sie nicht nur wider die Pest angerufen wurden, Panzer 23, 70, 110,
sondern auch bei Entbindungen Hülfe gewährten (Panzer 362), wie
Schwangere auch bei den Alten die diva triformis anriefen, Hor. III,
22. Ihre Namen sind mit -bett zusammengesetzt, wie wir auch von
Hünenbetten, von Brunhildebette u.s.w. wißen, was ich Handb. der Myth.
368 auf den heidnischen Opferaltar (piot goth. biuds, oder petti goth.
badi lectisternium) gedeutet habe, der in dem Walde (lucus) stand, der
ihnen einst geheiligt war, und der jetzt der Gemeinde von ihnen
geschenkt sein sollte. Nimmt man diesen zweiten Theil der
Zusammensetzung, -bett, als nur auf ihren Tempel (Hof) bezüglich
hinweg, so erklärt sich die erste Sylbe in Einbett aus Agin, Egin
Schrecken, wie Einhart auch Eginhart heißt. Sie ist die Todesgöttin,
die finstere Seite der Hel. Freundlicher lautet der dritte Name
Wilbett, die willfährige, Wunsch und Willen gewährende, die lichte
Seite der verborgenen Göttin. Nicht so einleuchtend ist der mittlere
Name, Warbett oder Gwerbett, aus Zwist und Streit zu erklären; doch
kann er auf den innern Gegensatz im Wesen der Göttin, die bald lohnend,
bald strafend auftritt, bezogen werden. Die Namen aus der deutschen
Sprache zu deuten, gestattet Cäsars Meldung (B.G. II. 51) über die
Vangionen in Ariovists Heer, womit Tacitus (ipsam Rheni ripam haud
dubie Germanorum populi colunt, Vangiones, Triboci, Nemetes. Germ. 28)
und Plinius IV, 17 stimmt. Sie wohnten, ein deutsches Volk, im
keltischen Lande, weshalb es nicht auffallen kann, wenn der Name ihrer
Hauptstadt Borbetomagus eine vox hybrida ist, da wir -magus als ein
keltisches Wort kennen. Wir sehen aber, wie ich schon Handb. 368
bemerkte, wie irrig die Annahme unserer Rheinischen Alterthumsforscher
über die Matronenculte ist, daß alle diese Gottheiten der celtischen,
nicht der germanischen Sprache angehörten, wogegen sich Grimm schon bei
Gelegenheit der den matronis arvagastiabus und andrustehiabus
gewidmeten Votivsteine aussprach. Ob auch die Namen Kriemhild und
Brunhild, die wir in den Nibelungen in Worms finden, auf die beiden
entgegengesetzten Seiten der Unterweltsgöttin zu deuten seien, getraue
ich mir nicht zu entscheiden; gewiss ist nur, daß -hilde eine Nebenform
von Hel ist: es steht für hilende, wie spilde (Walther 45, 38) für
spilende, und bezeichnet die verhohlene und verhehlende, verborgene und
verbergende Göttin. Wenn in Kriemhild die erste Sylbe nicht aus grîma,
Larve, Helm, Rüstung, sondern aus Grimm, Wuth, atrocitas zu deuten ist,
wie in der Edda nicht sie, sondern ihre Mutter Grimhild heißt, so
möchte sie an die finstere Seite der Göttin gemahnen, obgleich die im
ersten Theil noch holdselig erschienen war, erst im zweiten als ihres
geliebten Gemahls furchtbare Rächerin auftritt.
Kleine Druckversehen, einige fehlende Circumflexe, einige dô für dâ
u.u. bittet man zu verbeßern.
Bonn im Juni 1868. K.S.