Lesebuch 58, und den dem Kürnberg zugeschriebenen Liedern zurück. Weil
aber in letztern zu dem Bilde des Falken auch noch die Nibelungenstrophe
kommt, für die kein älteres Zeugniss vorhanden ist, gerieth man auf den
abenteuerlichen Einfall, den Kürnberg nicht etwa bloß für den Verfaßer
unseres Liedes von Kriemhildens Traum, nein des ganzen Nibelungenliedes,
auszugeben!
Was wißen wir denn von Kürnberg? Nichts als daß er eine Weise erfunden
hat.
Ich stuont mir nehtint spâte an einer zinne. Lesebuch 52.
Es ist eine Frau, die hier spricht, wie auch in dem verwandten Liede
bei Dietmar von Eist, dessen soeben gedacht wurde. Auf der Zinne ihrer
Burg stehend, hörte sie von einem Ritter ein Lied singen _in Kürnberges
wise_. Wise kann zweierlei bedeuten, das Versmaß oder die Melodie; wir
wißen also nicht einmal ob dieser Kürnberg der Dichter oder der
Componist der Weise war, in der sie singen hörte, denn schon im
Ezzoliede, Lesebuch 40, war das Amt des Dichters und Componisten
geschieden:
Ezzo begunde scriben, Wille vant die wîse.
Eine Weise war nach Kürnberg benannt, die Weise in der jene Frau singen
hörte, aber nicht, wie man annimmt, die Weise des Liedes, in welcher
sie uns dieß berichtet, also nicht die Nibelungenstrophe noch die sie
begleitende Melodie. Sie hörte ein Lied singen in Kürnbergs Weise; wie
diese Weise lautete oder wie sie beschaffen war, ob eine Gesangweise
oder ein Versmaß gemeint sei, erfahren wir nicht. Dem Kürnberg gehörte
nur die Weise des Liedes, welches die Frau vor ihrer Burg singen hörte;
ihm die Nibelungenstrophe zuzuschreiben, haben wir also nicht den
entferntesten Grund: wie soll er denn nun gar das Nibelungenlied
verfaßt haben?
Man sagt, die Pariser Handschrift der Minnesänger schreibe dem Kürnberg
die in der Nibelungenstrophe gedichteten ältesten Lieder zu: mithin
habe dieser die bei ihm zuerst auftretende Nibelungenstrophe erfunden.
Aber die Pariser Handschrift ordnet bekanntlich die Lieder nach
Verfaßern und diese Verfaßer wieder nach Ständen, indem sie mit Kaiser
Heinrich beginnt, hierauf Könige, Herzoge, Markgrafen, Grafen, Ritter
folgen läßt und Zuletzt mit bürgerlichen Meistern schließt. Für
Volkslieder, die keinen oder doch keinen namhaften Verfaßer haben,
fehlte ihr eine Rubrik. Solche waren aber die dem von Kürnberg, und
ohne bekannten Verfaßer auch die dem Spervogel zugeschriebenen Lieder
und Sprüche. Mit welchem Leichtsinn der Sammler der Pariser
Liederhandschrift sich aus der Sache zog, sehen wir an den Sprüchen,
die er dem _Spervogel_ zuschreibt. Bekanntlich sind es zwei Weisen, in
welchen die dem Spervogel zugewiesenen Sprüche gedichtet sind, eine
größere und eine kleinere. In der größern, die voransteht, begegnet der
Name Spervogel gleich in dem dritten Spruche: der Sammler, der um einen
Namen verlegen war, griff ihn frisch heraus und setzte ihn über beide
Spruchreihen, die jetzt Spervogel verfaßt zu haben schien, obgleich der
dritte Spruch, in welchem er vorkam:
swer suochet rât und volget des, der habe danc,
alse min geselle _Spervogel_ sanc ic.
deutlich besagte, daß nicht der Verfaßer, sondern einer seiner Freunde
diesen Namen führte. Hätte er weiter lesen wollen und wäre bis zum 7.
Spruche der II. Reihe gelangt, in welchem sich _Heriger_ als Verfaßer
angiebt, so würde er wohl diesem, nicht dem Spervogel beide
Spruchreihen zugeschrieben haben. Mich wundert, daß Haupt, der bei
Kaiser Heinrichs Liedern auf das Zeugniss der Pariser Handschrift kein
Gewicht legt und auch schon für _zweifelhaft_ hält, ob die dem Kürnberg
zugeschriebenen Lieder ihm gehören, bei Spervogel, wo der Leichtsinn
des Sammlers am Tage liegt, seinem Zeugniss vertrauen mag. Vergl. MSF.
S. 238.
Daß dem Dichter in jenem 7. Spruch das Alter nicht, wie Haupt meint,
wegen fremder Entkräftung, vielmehr der eigenen wegen zuwider ist,
zeigt die folgende Strophe, wo er es beklagt, nicht zum Bau eines
Hauses griffen zu haben, als ihm zuerst der Bart entsprang, denn darum
müße er jetzt, im Alter, "mit arbeiten ringen". Um zu zeigen, wie enge
diese beiden Strophen zusammengehören und sich untereinander erläutern,
setze ich die erste, worin der Name Heriger erscheint, hieher, weil da
dem _gransprunge man_ eingeschärft wird, bei Zeiten für sichere
Herberge zu sorgen.
Mich müet das alter sêre,
wan ez _Hergêre_
alle sîne kraft benan.
es sol der gransprunge man
bedenken sich enzite,
swenn er ze hove werde leit,
daz er ze gewissen herbergen rite.
Mit demselben Leichtsinn nun wie bei Spervogel geht der Sammler der
Pariser Handschrift, die man auch die Manessische nennt, zu Werke,
indem er dem Kürnberg eine kleine Sammlung volksmäßiger Lieder
zuschreibt, bloß weil ihm die vierte Strophe den Namen Kürnberg darbot.
Ich will nun die ganze Strophe hiehersetzen, und ihr die wahrscheinlich
zu demselben Liede gehörigen Strophen folgen laßen.
"Ich stuont mir nehtint spâte an einer zinne,
dâ hôrt ich einen rîter vil wol singen
in Kürenberges wîse al ûs der menigin.
er muoz mir diu lant rûmen ald ich geniete mich sîn.'--
"Nu brinc mir her vil balde mîn ros, mîn îsengewant,
wan ich muos einer vrouwen rûmen diu lant.
diu wil mich des betwingen daz ich ir holt si:
si muoz der mîner minne immer darbende sin.
Wîb unde vederspil die werdent lihte zam:
swer si ze rehte lucket sô suochent si den man.
als warb ein schoene rîter umb eine vrouwen guot;
als ich dar an gedenke sô stêt wol hôhe mîn muot.'
_Uebersetzung._
"So spät noch stand ich gestern an einer Zinne,
Da hört ich einen Ritter lieblich singen;
In des Kürnbergs Weise es aus der Menge klang:
Er muß das Land mir räumen, sonst leg ich ihn in meinen Zwang."--
"Nun bringt mein Ross und bringt mir mein Eisengewand,
Denn einer Frauen räumen muß ich dieses Land.
Sie will mich zwingen, daß ich ihr gewogen sei:
Sie bleibt meiner Minne immer ledig und frei.
Ein Weib und ein Federspiel, die werden leichtlich zahm:
Wer sie nur weiß zu locken, so suchen sie den Mann.
So warb ein schöner Ritter um eine Fraue gut;
Wenn ich daran gedenke so trag ich hoch meinen Muth."
In der ersten Strophe hört die fürstliche Frau, die gegen Abend an der
Zinne ihrer Burg steht, einen Ritter aus der davor versammelten Menge
ein Lied singen in der Weise Kürnbergs. Diese mag damals sehr bekannt
gewesen sein, jetzt weiß Niemand mehr von ihr. Die Stimme des Ritters,
ja der Ritter selbst, gefällt aber der Fürstin so sehr, daß sie auf ihn
zu fahnden beschließt: ihm soll nur die Wahl bleiben, ihr Geliebter zu
werden oder ihr das Land zu räumen.
Die zweite Strophe, denn das Gedicht ist ein "Wechsel", sehen wir nun
dem Ritter in den Mund gelegt, der seinem Knappen befiehlt, ihm Ross
und Rüstung herbeizubringen, denn er müße einer Frau das Land räumen,
die ihn zwingen wolle, ihr hold zu sein: er möge aber ihr Geliebter
nicht werden. Man sieht, diese zweite Strophe schließt sich genau an
die erste, obgleich sie in der Handschrift weit von ihr entfernt steht.
Die dritte, welche in der Handschrift den Schluß der fünfzehn Strophen
begreifenden kleinen Liedersammlung bildet, setze ich nach Vermuthung
an den Schluß unseres Liedes. Der Ritter fährt fort zu singen: wir
hören wieder das uns schon aus Kriemhildens Traum bekannte Gleichniss
von dem Falken, mit dem aber hier die Frau, nicht der Mann verglichen
wird: "Frauen und Federspiel sind leicht zu zähmen, wenn man sie nur zu
locken versteht." So hat Er es verstanden, und das verleiht ihm hohen
Muth, daß er gewust hat, sich jene fürstliche Frau geneigt zu machen,
von der er sich jedoch nicht feßeln zu laßen gedenkt.
Noch ein andermal hören wir in den s.g. Kürnbergschen Liedern jenes
erste Lied von Kriemhilds Traum nachklingen. Man könnte zur Noth an
dasselbe Liebesverhältniss denken. Das Lied besteht wieder aus drei
Strophen, die dießmal auch in der Handschrift beisammen stehen. Die
Frau ist es wieder, die spricht; sie klagt um den entschwundenen
Geliebten:
"Es hat mir an dem herzen vil dicke wê getân,
daz mich des geluste des ich niht mohte hân
noch niemer mac gewinnen: daz ist schedelich;
jone mein ich golt noch silber, es ist den liuten gelîch.
Ich zôch mir einen valken, mêre danne ein jâr:
dô ich in gezamete als ich in wolte hân,
und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant,
er huop sich ûs vil hohe und vloug in anderin lant.
Sit sach ich den valken schône vliegen,
er vuorte an sînem vuoze sidine riemen
und was im sîn gevidere alrôt guldin.
Got sende si zesamene die geliep weln gerne sin.'
_Uebersetzung._
"Es hat mir an dem Herzen gar manchmal weh gethan,
Daß mich des gelüstete was mir nicht werden kann
Und was ich nie gewinne: der Schade der ist groß;
Nicht mein' ich Gold noch Silber, von den Leuten red ich bloß.
Ich zog mir einen Falken länger als ein Jahr;
Als er nun gezähmt war nach meinem Willen gar,
Und ich ihm sein Gefieder mit Golde wohl bewand,
Er hob sich auf gewaltig und flog in ein ander Land.
Nun sah ich den Falken herrlich fliegen,
Er führt an seinem Fuße seidene Riemen,
Und strahlt' ihm sein Gefieder ganz von rothem Gold;
Gott sende sie zusammen, die sich lieb sind und hold."
In der ersten Strophe beklagt es die Frau, daß sie sich eines Dinges
hat gelüsten laßen, das sie nicht haben konnte und vielleicht nie
gewinnen mag. Das kann auf das Verhältniss zu jenem Ritter gehen:
ausdrücklich fügt sie hinzu, sie denke dabei an Leute, nicht an Gold
noch Silber.
Das zweite Gesetz erwähnt wieder des Federspiels, indem sie mit dem
entflogenen Falken den entschwundenen Geliebten meint. Das Verhältniss
scheint aber hier, wenn es nicht ein anderes ist, vertrauter und
inniger gedacht als wir es aus dem ersten Liede kennen lernten. Sie
hatte den Falken sich nach Wunsch gezähmt, ja sein Gefieder mit Gold
bewunden, wie König Oswald dem Raben, der an seinem Hofe erzogen war,
die Flügel mit Gold beschlagen ließ ehe er ihn als Boten aussandte.
Hier schließt sich das dritte Gesetz an, denn noch der flüchtige, in
andere Lande entwichene Falke schleppte die alten Feßeln nach: er war
"der freie Vogel nicht mehr, er hatte schon Jemand angehört". Seidene
Riemen führt er am Fuße; sein Gefieder war noch von rothem Gold
bewunden. Die Schlußzeile spricht den Wunsch nach Wiedervereinigung der
Liebenden und somit ein größeres Vertrauen auf den Geliebten aus als
das erste Lied und selbst der Anfang des zweiten erwarten ließ.
Zur Vergleichung mag noch das erwähnte Lied Dietmars von Eist mit dem
Bilde des Falken hier stehen:
Es stuont eine vrouwe alleine
und warte über heide
und warte ir liebes,
so gesach si valken vliegen:
"Sô wol dir valke, daz du bist!
du vliugest swar dir liep ist:
du erkiusest in dem walde
einen boum der dir gevalle.
Alsô hân ouch ich getân:
ich erkôs mir selbe einen man;
den welten mîne ougen;
daz nîdent schoene vrouwen.
ouwê, wan lânt si mir mîn liep?
jo engerte ich ir dekeiner trûtes niet.'
_Uebersetzung._
Es stand eine Frau alleine
Und blickte über Haide,
Und blickte nach dem Lieben,
Da sah sie Falken fliegen.
"So wohl dir, Falke, daß du bist!
Du fliegst wohin dir lieb ist.
Du suchst dir in dem Walde
Einen Baum der dir gefalle.
Also hab auch ich gethan:
Ich ersah mir einen Mann,
Den erwählten meine Augen;
Das neiden andre Frauen.
O weh, so laßt mir doch mein Lieb:
Ich stellte ja nach euern Liebsten nie."
Auch ein verwandtes altitalienisches Sonett hat Haupt beigebracht:
Tapina me, che amava uno sparviero!
amava'l tanto ch'io me ne moria.
a lo richiamo ben m'era maniero,
ed unque troppo pascer no'l dovia.
Or è montato e salito si altero,
assai più altero ehe far non solia,
ed è assiso dentro a un verziero
e un' altra donna l'averà in balia.
Isparvier mio, com'io t'avea nodrito!
sonaglio d'oro ti facea portare,
perchè nell' uccellar fossi più ardito.
Or sei salito siccome lo mare,
ed hai rotti li geti, e se' fuggito
quand eri fermo nel tuo uccellare.
_Freie Nachbildung._
Ich Arme, einen Sperber lieb zu haben!
So liebt ich ihn, daß Sehnsucht mich verzehrt.
An meinem Ruf schien sich sein Herz zu laben;
Oft hat er Kost aus meiner Hand begehrt.
Nun stieg er auf so stolz und so erhaben,
Viel stolzer als er mir sich je bewährt.
In einen Garten flog er überm Graben
Und eine andre Herrin hält ihn werth.
Wie reicht ich dir, mein Sperber, Leckerbißen!
Goldene Schellen gab ich dir zu tragen,
Dich freudiger zur Vogeljagd zu wißen.
Nun flogst du hin und läßest mich verzagen:
Du hast die Bande frevelhaft zerrißen
Just da du meisterlich verstandst zu jagen.
* * * * *
Die nahe Verwandtschaft der beiden angeblich Kürnbergschen Lieder mit
dem von Kriemhildens Traum hat auf den Gedanken geführt, sie möchten
alle drei demselben Dichter gehören. Ein sehr armer Dichter, der
dreimal dasselbe Motiv gebrauchte! Sie können nicht einmal aus
derselben Zeit herrühren: das von Kriemhilds Traum mag nach seinem an
den Mythus anklingenden Inhalt wie nach der fast ganz alliterierenden
Form leicht ein Jahrhundert älter sein.
Weder der Dichter der beiden Lieder vom Falken noch der von Kriemhilds
Traum kann die Nibelungenstrophe erfunden haben: nur die beiden ersten
Gesetze von Kriemhilds Traum bewahren noch den alten Gliederbau dieser
Strophe, und von den sechs ausgehobenen angeblich Kürnbergschen
Gesetzen nur noch das erste und das letzte. Nach dieser ursprünglichen
Gliederung finden wir in den Nibelungen noch eine Anzahl
alterthümlicher Strophen gebildet, bei dem s.g. Kürnberg noch fünf;
einige so gebaute haben sich auch in dem neuern Volkslied erhalten,
z.B. das bekannte
Die Brünnlein, die da fließen, die soll man trinken,
Und wer einen lieben Buhlen hat, der soll ihm winken u.s.w.
Nach ihr war nur die dritte Langzeile um eine Hebung gekürzt; die drei
andern zeigten noch die vollen acht Hebungen der alten epischen, einst
alliterierten Langzeile; nur fiel in den beiden ersten Zeilen, welche
als Aufgesang anzusehen waren, die letzte Senkung aus und die beiden
letzten Hebungen trugen den Reim, der also nur scheinbar klingend war,
denn auf den spätern klingenden Reim fällt nur Eine Hebung, die zweite
Sylbe ist unbetont. Solche zwei Hebungen tragende Reime waren: zinne:
singen, vliegen: riemen, Kriemhilde: wilde, Uoten: guoten. In den
Anfängen der alten Lieder, die stäts am festesten im Gedächtniss
hafteten, hat sich die alte Gliederung am längsten erhalten, so in den
beiden ersten Strophen des Liedes von Kriemhilds Traum, dann Strophe
1362, wo ein Lied und zugleich ein Abenteuer anfängt.
Dô Etzel sîne botschaft zúo dem Rine sándè,
dô vlugen disiu mære von lándè ze lándè.
ferner Nr. 1653, der Anfang des 16. Lachmannschen Liedes:
die boten vür strichen mit den m'ærèn,
daz die Niblungen zuo den Hiunen wæren,
endlich Nr. 1571, wo nach dem langen störenden Einschub von Gelfrat und
Else das vierte Lachmannsche Lied wieder einsetzt:
Dô die wegemüeden rúowè genâmèn
unde si dem lande nu näher quâmen u. s. w.
An andern Stellen mag die alte Structur durch die Schönheit der Strophe
geschützt worden sein, wie in den beiden aufeinander folgenden Str.
2132 und 2133.
Der Schreiber der Handschrift A, der keinen Sinn mehr für die alte
Metrik hatte, wie er denn auch zweisilbige stumpfe Wörter in die Cäsur
setzte, die zwei Hebungen tragen soll, und der achten Halbzeile oft nur
drei Hebungen giebt, nahm auch schon an vier Hebungen in der zweiten
und vierten Halbzeile Anstoß und gleich in der ersten Strophe, wo er
sie nicht verkennen konnte, glaubte er den Anfang umbilden zu müßen,
was er sonst nicht gebraucht hätte; in der folgenden Strophe ließ er
die scheinbar klingenden Reime bestehen, weil sich hier die genannten
Halbzeilen auch zu drei Hebungen lesen ließen. Durch diese Umbildung
aber geriethen die alten Schlußreime in die Cäsur:
Es troumde Kriemhilde in tugenden der si phlac
wie si einen valken wilde züge manegen tac,
ein Beweis, daß Mittelreime dem Schreiber dieses Textes nicht anstößig
waren, während Lachmann Kriemhilte und wilden schrieb, "um auch den
Schein eines innern Reimes zu vermeiden". Was freilich 'in tugenden der
si phlac' heißen soll ist nicht leicht zu sagen; wahrscheinlich sollte
damit das
in ir hohen eren
des alten Liedes umschrieben werden, denn _in disen_ höhen êren lautete
es wohl erst, als die zwölf Strophen der einem Theaterzettel ähnlichen
Einleitung davor gerückt wurden.
Daß auch viele nur auf Einer Hebung reimende Langzeilen des Aufgesangs
vier Hebungen tragen, hab ich in meiner Schrift: _Die Nibelungenstrophe
und ihr Ursprung_, Bonn 1858, auf die ich überhaupt hier verweisen muß,
näher ausgeführt, und der aufmerksame Leser wird in der gegenwärtigen
Ausgabe zahlreiche Belege dafür nicht übersehen; am auffallendsten ist,
daß sogar Zusatzstrophen in C wie nach 1662 bei stumpfem Reim im
Aufgesang vier Hebungen zeigen: sie sind ohne Zweifel alt und zu einer
Zeit eingeschoben, wo man noch vier Hebungen an diesen Stellen
erwartete.
Es darf nicht irren, daß uns die Nibelungenstrophe zuerst in _Liedern_
entgegentritt, ja daß sie eine lyrische Gliederung zeigt. Was zuerst
letztere belangt, so würde, wenn die Gliederung ganz wegfiele, mithin
auch die vierte Zeile wie in dem spätern Hildebrandston, nur drei
Hebungen trüge, die Strophe in zwei gleiche Hälften auseinanderfallen.
Strophische Behandlung der Langzeile finden wir aber schon in der Edda,
also noch ehe der Reim an die Stelle der Alliteration trat. Die
Verwendung zu Liedern aber darf nicht befremden, denn diese ältesten
Lieder, z.B. die s.g. Kürnbergschen, zeigen noch epische Eingänge, sie
gehören einer Zeit an, wo sich das Lied eben erst dem mütterlichen
Schooß der Epik entwunden hatte: darum tritt sie, wie ich das
Nibelungenstr. 82 näher ausgeführt habe, anfangs noch in epischen
Formen auf, ja entnimmt ihren Inhalt, wie das Gleichniss von dem
Falken, dem Epos.
Wenn die Nibelungenstrophe keine ursprünglich lyrische war, oder der
epische Volksgesang sich ihrer schon früh bemächtigt hatte, so durfte
sich jeder Sänger ihrer bedienen, und der spätere Gebrauch der
Minnesinger, jedem Liede eigenes Maß und eigene Weise zu widmen, deren
Entleihung dann für unerlaubt galt, konnte auf sie noch keine Anwendung
finden.
Diesen Einwand haben sich diejenigen schon selbst gemacht, die der
Nibelungenstrophe, wie sie in der Pariser Handschrift zuerst erscheint,
in Kürnberg einen Erfinder entdeckt haben wollen, dem sie dann mit
überhöfischer Milde auch noch das ganze Nibelungenlied zum Geschenk
machen, einem modernen Lyriker unser tausendjähriges Nationalepos.
Sie setzen aber diesem Einwand entgegen: wenn die Nibelungenstrophe,
die sie ohne Grund Kürnbergs Weise nennen, eine alte Volksweise
gewesen, so würden andere Dichter sich nicht gescheut haben sie
anzuwenden; sie hätten nicht Variationen dieser Strophe erfunden, sie
nicht mit kleinen Modificationen umgebildet: "denn ein geringer
Unterschied," sagt Bartsch, "brauchte nur da zu sein, um eine
Strophenform neben einer schon vorhandenen als neu erscheinen zu
laßen." Demnach wäre denn die Strophe, deren ursprüngliche Gliederung
wir soeben besprochen haben, von dem erträumten Kürnberg so umgebildet,
daß sie bald die ursprüngliche Gliederung behalten, bald wieder in den
zweiten Vershälften des Aufgesangs nur drei Hebungen, oder gar in der
ersten Zeile des Aufgesangs vier, in der zweiten drei tragen durfte;
und der Dichter des Wolfdietrich und schon der Schreiber der
Nibelungenhandschrift A hätte sie so umgebildet, daß es erlaubt war,
der achten Halbzeile bald drei, bald vier Hebungen zu geben. Hatten
aber wirklich diese und andere Umbildungen der Nibelungenstrophe den
angegebenen Grund, daß man kein "Tönedieb" heißen wollte, so müste man
ja glauben, der vorgebliche Kürnberg hätte selber gefürchtet an sich
zum Dieb zu werden durch Anwendung der selbsterfundenen Strophe, da wir
ja auch bei ihm eine Variation derselben finden, und zwar nach
Bartschens eigener Aufstellung (Deutsche Liederdichter S. 1) eine durch
zwei Strophen belegte Variation.
Für uns, die wir als Grundlage beider Theile des Nibelungenliedes,
neben der lateinischen Faßung Konrad des Schreibers, deren Einwirkung
nicht geläugnet werden kann, eine Sammlung er Volkslieder in der
gemeinsamen alten, aber sich allmählich umbildenden Volksweise
annehmen, deren Näthe hier und da noch deutlich zu erkennen sind, uns
fehlt es an Beispielen unveränderter Anwendung der Nibelungenstrophe
bei verschiedenen Dichtern nicht. Der einzige Unterschied, der sich
hervorthut, ist in demselben Liede die ungleiche Zahl der Hebungen in
den Zeilen des Aufgesangs, und die Freiheit hier mit Auslaßung der
Senkung auf zwei Hebungen zu reimen, was sich in den beiden Zeilen des
Abgesangs niemals ereignen kann. Diese Unterschiede sind aber
unwesentlich, da die ganze Strophe sich aus Sangzeilen von acht
Hebungen hervorgebildet hat, die schon, als sie noch alliterierten, um
eine Hebung gekürzt werden durften. Vergl. Nibelungenstrophe §.9.
Soll der Dichter des Nibelungenlieds alte epische Lieder nicht
eingeflochten, soll er nur aus der vielgestaltigen Sage geschöpft, und
die Lieder, die er etwa schon vorfand, in ein neues Maß umgegoßen
haben, warum nannte er dann seinen Namen nicht, warum trat er
bescheiden hinter seinen Quellen zurück? da er doch bei solcher Annahme
ein größerer Dichter gewesen wäre als Wolfram. Will man vergeßen, indem
man den Kürnberg als den Dichter der Nibelungen ausruft, daß es den
Gedichten des volksmäßigen Sagekreises eigenthümlich ist, im Gegensatz
zu der von Veldeke geimpften höfischen Dichtung, keinen Verfaßer zu
haben? Wen will man nächstens für den Dichter der Gudrun ausgeben, der
noch nicht einmal in allen Theilen Lieder zu Grunde liegen, wer soll
den großen Rosengarten, den Ortnit, den Wolfdietrich, den Alphart
gedichtet haben, und wer das deutsche Waltherslied, aus der die
Eckeharte schöpften? Soll dabei mit derselben Freigebigkeit verfahren
werden, womit man das Nibelungenlied an den von Kürnberg verschenkte,
so werden sich ja wohl Namen finden, die uns ebenso leere Schälle sind.
Könnte nicht Spervogel die Gudrun gedichtet haben?--Wen hat man nicht
schon für den Dichter des Nibelungenliedes ausgegeben? Heinrich von
Ofterdingen, von dem ich im "Wartburtkrieg" erwiesen habe, daß er
keineswegs eine fabelhafte Person war, indem er die echten Strophen des
Räthselspiels verfaßt hat, die den zweiten Theil dieses selbst lange
Zeit unenträthselten Gedichtes bilden, dann seinen Beschützer, den
allerdings fabelhaften Klingsor von Ungerland, der aber nicht aus
Ungerland, sondern aus dem Parzival kam, Konrad von Würzburg, Rudolf
von Ems, für den zwei Hohenemser Handschriften angeführt werden
könnten, Walther von der Vogelweide, und endlich den vielleicht wieder
erdichteten Kürnberg, für dessen Dasein als Dichter oder Componisten
wir nur das schwache Zeugniss eines Liedes haben. Johannes von Müller
rieth auf einen schweizerischen Eschenbach von Unspunnen; warum Niemand
auf den baierischen Wolfram, der unter allen höfischen Dichtern dem
heimischen Sagenkreise am vertrautesten war, dem er seinen Friedebrand
von Schotten, seinen Hüteger, seine Hernant und Herlinde und andere
Helden der Nordseesage entnahm, dessen Reim und Sprache deutsch-epische
Färbung zeigt, der die deutsche Alliteration auf die welsche
Namengebung anwandte, der so oft auf die Heldensage und zweimal sogar
auf einzelne Strophen des Nibelungenlieds (1408 5-8 und 1462) anspielt,
und der vielleicht wirklich einmal die Hand an das Gedicht gelegt hat,
nur gewiss nicht die letzte Hand, denn diese merzte gewisse Wolfram
eigenthümliche Reime sorgfältig aus.
Soll ich mich über das ABC der Handschriften erklären, so gestehe ich A
den Vorzug zu, denn obwohl der Schreiber dieser kürzesten Handschrift
überaus nachläßig war, so gab er doch seine alte und gute Vortage
getreulich wieder ohne sich andere Aenderungen als seiner, eine jüngere
Zeit verrathenden metrischen Irrthümer wegen zu gestatten; höchstens
kommen einige schwache Zusatzstrophen wie Str. 3 auf seine Rechnung,
während C, auf der ältesten und sorgfältigsten Handschrift ruhend, und
gleichfalls von einer trefflichen Vorlage ausgehend dem volksmäßigen
Gedicht einen feinern höfischen Schliff zu verleihen sucht. Doch sind
viele Aenderungen in C wahre Verbeßerungen, wie auch das eine ist, daß
wir das ganze Gedicht nun das _Nibelungenlied_ genannt finden, da der
Name der _Nibelunge nôt_ nur auf den zweiten Theil bezogen werden
konnte, zumal die Burgunden im ersten Theil noch nicht Nibelungen
heißen. Von den Strophen, die C allein hat, ist ein Theil echt und alt
und der Ueberarbeiter wird sie schon in seiner Vorlage gefunden haben:
auf Str. 1518 scheint schon Wolfram anzuspielen. Andere sind sehr
schwach und eine, nach Str. 2305, konnte ich mich nicht entschließen
aufzunehmen, weil sie mir das ganze Gedicht verleidet hätte. Sie mag
indes, damit man nichts vermisse, hier stehen, doch ohne Uebersetzung,
deren ich sie nicht würdig halte.
H. 2428. Er wiste wol diu mære, sine liez in niht genesen.
wie möhte ein untriuwe immer sterker wesen?
er vorhte, sô si hête im sînen lip genomen,
daz si danne ir bruoder liese heim ze lande komen.
Wie wir Hagens Charakter kennen, hätte er seinem Herrn Leben und
Freiheit gern durch den eigenen Tod erkauft, und hier soll er den Hort
nicht gezeigt haben, weil er fürchtete, Gunther würde dann allein in
die Heimat entlaßen werden!
B enthält die schwachen Strophen nicht, welche A und C hinzufügen,
entbehrt aber auch die echten und guten, die allein C erhalten hat; für
die, welche B selber hinzuthut, müßen wir ihm dankbar sein. Der
sorgfältige Schreiber der in dieser Reihe voranstehenden St. Galler
Handschrift füllt gerne die Senkungen aus und meidet verkürzte Formen.
Sonst stellt sich diese sehr verbreitete Faßung, deren Text man deshalb
den _gemeinen_ genannt hat, zunächst neben A und berichtigt sie oft.
* * * * *
Eine geschichtliche Grundlage des Gedichts hat man in der Thatsache
finden wollen, daß um das Jahr 437 der Burgunderkönig Gundicarius mit
seinem Volke von den Hunnen eine vernichtende Niederlage erlitt. Man
beruft sich auch darauf, daß in der lex Burgundionum drei burgundische
Könige, Godomer, Gislahar und Gundahar wie es scheint als Söhne Gibicas
genannt werden, die man in Gernot, Giselher und Gunther, nach der
Heldensage den Söhnen Gibichs (in den Nibelungen heißt der Vater
Dankrat), wiederfinden will. Vergl. W. Grimms Deutsche Heldensage, 2.
Auflage 1867 S. 12. Aber wann die geschichtlichen Beziehungen in die
Sage eingetreten find, wißen wir nicht: sie drangen gelegentlich in die
ursprünglich mythische Heldensage, wurden aber auch wohl wieder
ausgeschieden, wie wir davon ein Beispiel an Otacher haben, der, ein
geschichtlicher Held, im Hildebrandslied den mythischen Sibich
verdrängt hatte, ihm aber späterhin wieder weichen muste. Manche
Thatsachen, die Geschichte und Heldensage gemein haben, können ebenso
gut auch aus der Sage in die Geschichte gedrungen sein, z. B. was
Jornandes von Ermenrich und Swanhildens Brüdern meldet, Grimms
Heldensage S.2.
Daß Worms im Liede als Sitz der Burgundenkönige erscheint hat man als
der Geschichte nicht widersprechend nachgewiesen, indem wirklich die
später an den Rotten (Rhodanus) gezogenen Burgunden zuerst am
Mittelrhein gewohnt hätten. Eine andere Frage ist, ob dieß veranlaßt
hat, Worms zum Schauplatz der Sage zu machen. Ein mythischer Bezug
hängt nämlich schon in dem ältesten Namen dieser Stadt, und dieß könnte
die Anknüpfung der Heldensage vermittelt haben. Bekanntlich lautete er
einst Borbetomagus. "Da magus Feld bedeutet," hieß es schon Rheinland
76, "so ist dieß nicht sowohl der Name der Stadt als des Gaus, das wir
auch Wormsfeld genannt finden, wie Maifeld und Maiengau wechseln. In
_Borbet_, das uns für den Namen der Stadt übrig bleibt, ist das
anlautende b später zu w geworden;" wir werden aber sogleich sehen wie
w und b mundartlich wechseln. Nehmen wir es indes für Worbet, so
erkennen wir leicht den urkundlich vielfach beglaubigten Namen einer
der tria fata, die, deutschem und keltischem Glauben gemein, uns
(Deutschen) Schwestern, den romanisierten Kelten Mütter oder Matronen
hießen; ausführlich habe ich von ihnen Handbuch der Mythologie §. 103
gehandelt. Im südlichen und nordwestlichen Deutschland, also in unserm
Rheinland kehren diese Schwestern unzählig oft wieder: sie werden noch
jetzt zum Theil mit veränderten Namen als Heilige verehrt: in der
kölnischen Diöcese mit dem Erzbischof Pilgrim (nicht dem Paßauer) unter
dem Namen der drei christlichen Cardinaltugenden Spes, Fides, Caritas;
in der trierischen zu Bornhoven, zu Auw unter verschiedenen; im
südlichen Deutschland in weit entlegenen Landestheilen, Tyrol, Worms
und Straßburg, in Oberbaiern und Niederbaiern unter sich stäts gleich
bleibenden, nur wenig abweichenden Namen, welche sich auf _Einbett_,
_Wilbett_ und _Warbett_ zurückführen laßen. Das gemeinsame _-bett_
kehrt auch sonst gern wieder, wo die drei Schwestern jetzt unter andern
Namen verehrt werden, und selbst in der kölnischen Diöcese ist das z.B.
in Bettenhoven der Fall, so daß selbst unseres Beethovens Name hieher
gehören möchte. Nach Panzer, Baierische Sagen, verehrt man sie als
1. S. Anbetta, S. Gwerbetta, S. Villbetta zu Meransen in
Tyrol, Panzer I, S. 5.
2. S. Ainbett, S. Wolbett, S. Vilbett zu Schlehdorf in
Oberbaiern. P. 23.
3. S. Ainpet, S. Gberpet, S. Firpet zu Leutstetten in Oberbaiern.
P. 31.
4. S. Einbeth, S. Warbeth, S. Wilbeth zu Schildturn in
Niederbaiern. P. 69.