zur ersten Auflage der Uebersetzung.
Schon vor manchen Jahren, als ich das Lied der Nibelungen zuerst kennen
lernte und mit Staunen die Wirkungen wahrnahm, die das herrliche
Gedicht auf mein Gemüth hervorbrachte, entstand in mir der Wunsch,
diese reinen kräftigen Töne in neuhochdeutscher Dichtersprache
widerhallen zu hören. Um so mehr wunderte ich mich bei dem Fleiße,
welchen Männer wie Voss, Schlegel, Tieck u.A. ausländischen
Dichterwerken widmeten, ja bei der Pflege, welche sogar einem
niederdeutschen Gedichte zu Theil ward, daß keiner unserer Dichter das
Nibelungenlied einer gleichen Aufmerksamkeit würdigte. Denn Tieck hatte
seinen früher angekündigten Vorsatz einer Uebertragung desselben nicht
zur That reifen laßen und Uebersetzungen von Philologen, wie Von der
Hagen und Büsching, entsprachen den künstlerischen Anforderungen nicht.
Die Hagensche steht namentlich der Sprache der Urschrift für den Zweck
der Verständlichkeit allzunahe, und die Büschingsche ist fast nur eine
prosaische mit beibehaltenen Endreimen. Lange harrte ich daher
vergebens, ob nicht einer unserer gefeierten Sänger, von denen mir
besonders Uhland, Rückert und Gustav Schwab zu einem solchen
Unternehmen berufen schienen, der gegen das Gedicht einreißenden und
durch die bisherigen Bearbeitungen nur gesteigerten Gleichgültigkeit
des größern Publikums steuern werde. Mögen es also die Kunstrichter,
wenn sie können, entschuldigen, daß ein ruhmloser Jünger der Kunst,
dessen Name vor ihren kritischen Stühlen kaum noch erscholl, seine
geringen Kräfte an einer Arbeit versucht hat, deren fast
unüberwindliche Schwierigkeiten so viele erprobte und fähigere Männer
abgeschreckt zu haben scheint.
Eine Rechtfertigung des Unternehmens von Seiten der Nützlichkeit bedarf
es nicht. Es ist albern zu glauben, daß eine Uebersetzung dem Studium
des Originals Abbruch thun werde, vielmehr wird sie es erleichtern und
befördern, und die gegenwärtige ist durch ihre Leichtverständlichkeit
und Wohlfeilheit darauf berechnet, denselben recht viele Theilnehmer zu
gewinnen. Hoffentlich wird Mancher, der bis jetzt die poetische
Schönheit des Gedichts nicht geahnt hatte, und sie nun erst durch die
Uebersetzung kennen lernt, sich das Studium des Originals nicht
verdrießen laßen, während er früher die damit verbundene Anstrengung
scheute, weil er nicht wuste ob er dafür durch einen entsprechenden
geistigen Genuß werde entschädigt werden. Bei diesem Studium selbst
bietet ihm die Uebersetzung abermals ein willkommenes Hülfsmittel dar.
Eben so wenig Berücksichtigung verdient der andere Einwurf, daß sich
das Original ohne Beihülfe einer Uebersetzung verstehen laße, und wenn
Manche (wie A.W. von Schlegel) sogar meinen, es müste dahin kommen, daß
jeder Bürger und Bauer sein Nibelungenlied in der Ursprache lese, wie
jeder Grieche seinen Homer, so sind das Träume, die, wenn sie je in
Erfüllung gehen sollten, nur durch Uebersetzungen, die das Volk erst
belehrten, welchen Schatz es an dem Gedichte besitzt, verwirklicht
werden könnten.
Wenn das Titelblatt die Uebersetzung eines mittelhochdeutschen Gedichts
ankündigt, so kann darunter allerdings nur eine Uebertragung in die
neuhochdeutsche Sprache verstanden werden; allein man darf darum nicht
fordern, daß auch jedes darin zugelaßene Wort neuhochdeutsch sein
solle: vielmehr genügte, im Ganzen die Formen der neuhochdeutschen
Grammatik zu Grunde zu legen, was von den frühern Uebersetzern nicht
geschehen war, und die Anforderung allgemeiner Verständlichkeit nie
unberücksichtigt zu laßen. Man kann auch die neuhochdeutsche Sprache
noch von der Sprache unserer neuern Dichter unterscheiden, in welche
Manches aufgenommen ist, was mehr der mittelhochdeutschen anzugehören
scheint. Eben dieß aber kam mir bei der Uebersetzung wesentlich zu
Gute, indem ohne dieß die kindliche Naivetät, die treuherzige Einfalt
des Ausdrucks verloren gegangen wäre, und die alterthümliche Farbe des
Gedichts völlig hätte verwischt werden müßen. Alles freilich was sich
neuhochdeutsche Dichter der letzten Zeit wohl erlaubt haben, verbot die
Rücksicht auf allgemeine Faßlichkeit zu benutzen; Worte aber wie Degen,
Recke, Minne, und Fügungen wie "Schwester mein", statt meine Schwester
werden nirgend Anstoß erregen. Das beste Muster einer dem
Mittelhochdeutschen angenäherten und doch mit alterthümlichen Anklängen
nicht überladenen Sprache schienen mir Uhlands Romanzen darzubieten,
und man wird finden, daß ich mich bestrebt habe, ihm nachzufolgen;
Tiecks Behandlung aber dünkte mich zu gewaltthätig und namentlich
enthalten seine Romanzen von Siegfried Freiheiten, die weder die
heutige noch die ältere deutsche Sprache verstattete. Dieß mit Achtung
vor dem Genius des Dichters.
Was die Versart der Urschrift betrifft, die sich der Uebersetzer bemüht
hat so genau als möglich nachzubilden, so darf man nicht vergeßen, daß
in den Nibelungen weder wie bei uns heutzutage die Verse nach Füßen
gemeßen, noch wie bei unsern Nachbarn die Sylben gezählt werden.
Vielmehr zählt man bloß die Hebungen, deren in jedem Halbvers drei, in
der zweiten Hälfte des vierten Verses jeder Strophe aber gewöhnlich
vier vorkommen, ohne daß ihnen eine gleiche Anzahl von Senkungen zu
entsprechen brauchte. Es geschieht daher häufig, daß die Hebungen in
aufeinander folgende Sylben zu stehen kommen, wie dieß gleich im
zweiten Verse der Uebersetzung