empor führt. Durch den heftigen Morgenfrost wurde das mühsame Klettern
erträglicher, obgleich ich öfter die kalte Lehmerde oder Kalksteine mit
Händen anfassen mußte, um nicht herabzusinken auf den glatten
Stiefelsohlen, die ich zuvor überflüssig mit Eisen erst zu beriemen
gedacht hatte. Auf diesem Wege könnte schwerlich Hornvieh hinauf, noch
weniger herab gelangen, wenn auch oben gute Weideplätze wären.
Ueberdieß finde ich an dieser Alpe vorzüglich bemerkenswerth, daß hier
nicht, wie anderwärts, auf solcher Höhe die Holzvegetation sich mit dem
gewöhnlichen Krummholze schließe. Nicht nur, daß von diesen Mißgeburten
des Nadelholzes ringsherum gar keine Spur ist, sondern die letzten
Holzspuren sind acht riesige, mit Moos und Flechten umkleidete
Zirbelnußbäume: so endet sich des Waldes Daseyn, wie der endliche Wunsch
des Stolzen -- mit den größten Zeugen seines Ruhmes! -- Freudigste
Ueberraschung brachte mir auf dem nun erklommenen Wellenmeere
beschneiter Felsklumpen, der Gruß eines schlanken Mannes; nicht
widerlich wird der Mensch durch die Kleidung, wo er so willkommen
erscheint; ich fürchtete vorher für meine Unkunde des Weges: Ein Mann
konnte mich darüber beruhigen, mit breiten Krempenhute, woraus sich das
lange struppige Haar mit dem des Messers mondenlang entwöhnten Barte
ungeregelt verflocht, über die dürftige Kleidung eine abgenützte
Kotzendecke geworfen, die Stiefel mit Filz umwunden, die Hand mit langer
eisenbeschlagener Knotenstange bewaffnet -- und so kam er entgegen, ohne
von mir etwas anderes, als biederen Handschlag zu erwarten. Zufrieden,
das Herz dieses Mannes nicht wie seine Aussenseite verwildert zu sehen,
folgte ich ihm über einige Schneewölbungen, welche das vorgestrige
Gewitter hierher gebettet, zu seiner höchst dürftigen Alpenhütte. Zwei
Ziegen und mehrere Duzend Schafe flohen von diesem Asyl bei Anblick
meines Hundes mit gemsengleicher Schnelle über die schroffen
Felsenspitzen, zwischen denen man nur selten ein Grashälmchen hie und da
zittern sah. »Den[27] verdammten Wolf von voriger Woche können die
Schafe noch nicht vergessen, er hat mir zwei schöne Stücke erwürgt!«
sprach er, und pfiff ihnen nach um Stillstand. Ich wunderte mich, auf
dieser Höhe Schafe halten zu sehen, wo nebst solchen Gefahren, auch noch
der Hungertod ihnen drohe.
[27] Ich will der Deutlichkeit wegen seine unkorrecte Mundart nicht
nachschreiben.
»Itzt -- mögt ihr Recht haben,« erwiederte er, »aber bis Anfangs
September gibt es zwischen den Felsklüften Nahrung genug für die Schafe;
wenn auch bisweilen gäher Schnee dieselbe für einen Tag raubt, so bringt
doch die Sonne im nächsten weit reichlicheres Grün zum Vorschein; den
größten Schaden aber machen, da, Luchsen ausgenommen, nur selten
Raubthiere vorkommen, die Steinklüfte, in welche die Schafe, ihre Beute
herauszulangen, häufig stürzen, und ein Raub der sie unten einzwängenden
Falle sind. Bisweilen geschieht es freilich, daß ich zufällig einige
durch Herausziehen errette; öfters find ich sie aber erst dann, wenn sie
bereits verhungert, mir die traurige Gelegenheit biethen, für deren
fühlbaren Ersatz ein Stück Fleisch zu geniessen; oft aber verzehren sie
von mir unentdeckt, die Steinadler und Geier, die sich um ihre Verwesung
nicht kümmern. Mit 8. Sept. kommen die Bauern aus Saalfelden herauf, um
mir beim Abtriebe ihrer Herden beizustehen. Allein da treffen nicht alle
Schafe zusammen, die in den weiten Gebirgsklüften sich zerstreuten,
deßhalb muß ich hier verweilen, sie einzeln sammeln, und an meine Hütte
gewöhnen, bis in etlichen Tagen wieder Bauern heraufkommen, und sie
hinabfördern. Dieß geschieht so lange, bis ich nichts mehr finde, und
die Paar, die alljährig fehlen, in den entlegendsten Schluchten sich
verirrten und daselbst endlich erfrieren, oder erhungern. Die zwei
Ziegen sind mein Eigenthum, von deren Milch ich mich größtentheils
nähre, da mir nur einige Male im Sommer etwas Brot heraufgebracht wird,
welches nebst 12 fl. R. W. den ganzen Lohn für die fünfthalbmonatliche
Schafobsorge beträgt.«
Ich fragte ihn um Namen, Geburtsort, Alter und Gegenmittel sich hier in
dieser ewigen Schneewüste vor Verzweiflung zu bewahren? Nachlässig, ohne
das Bedauern in meinem Antlitze zu lesen, gab er darüber Aufklärung.
»Ich heisse Ignaz Romoser, bin vor 26 Jahren zu Saalfelden geboren, war
lange Zeit Knecht daselbst, nun aber seit einigen Jahren
Sommer-Schafhirte am Fundertauern; langweilig wäre es freilich, wenn ich
nicht alle Tage den Schafen nachklettern müßte, sie vor Unglück zu
wahren. Einer meiner Vorgänger starb vorlängst in dieser Hütte, kein
Mensch kam herauf, kein Mensch wußte davon, bis endlich die Bauern ihr
Vieh abzuholen hier eintrafen, und den noch kennbaren Leichnam begruben,
er war alt und schwach, mir möchte solch Unglück wohl so bald nicht
zutreffen!« -- Armer Mann, der du dich mit dem Troste des Verzweifelten
begnügst, ohne zu erwägen, daß dir so gleiche Ansprüche auf milderes
Geschick gleich Hunderttausenden zustehen? Armuth zwingt dich vom
geselligen Leben hinweg in eine Wildniß zu bannen, worin man Missethäter
allzuhart bestraft dächte, und doch wiesest du, abgesehen von Kunst und
Wissenschaften, an Edelsinn und Herzensgüte vorzüglichen Rang unter
günstig Erzogenen.
Romoser machte Feuer, und wollte gutmüthig den Vorrath seiner dürftigen
Nahrung -- eine Maß Ziegenmilch wärmen, selbe mit mir zu theilen; ich
hätte keinen Tropfen hinunter gebracht, wünschte aber in meinem Leben
nie sehnlicher ein wohlschmeckendes Mahl, um seine werthvolle
Aufopferung zu lohnen. Leider entstiegen die Gnomen nicht ihren Höhlen,
und selbst die blecherne Liqueurflasche sprang bei meinem gestrigen
Falle. Später bat er mich um etwas Tabak, aber auch diesen mußt ich ihm,
da nie diese Pflanze mir Werth hatte, äusserst ungern versagen. Die
Kasern bestand ganz aus Holz; statt der gewöhnlichen Vorrathskammer war
ein kleiner Schafstall für das junge Vieh, ober dem Romoser seine
Lagerstätte hatte. Zwei etwas abwärts gelegene Hütten, die noch mehr
verödet und zerfallen aussahen, waren ebenfalls zur Unterbringung
zarterer Wollträger bestimmt. »Wenn einmal« meinte er, »diese Wohnungen
ganz zusammengestürzt wären,« so hätte sich wohl dadurch die fernere
Schafhalde hier geendet, indem die acht Zirbelnußbäume zur Feuerung
bestimmt, nimmermehr zu Erbauung einer neuen Kasern hinreichen würden,
noch weniger aber Holz zu solcher Bauung heraufgebracht werden könnte.
Man mußte fürchterlich wirthschaften, bis man, wie die Wurzelstöcke
zeigen, diese weite Alpengegend ihrer ungeheuren Baumstämme berauben
konnte; doch die Holzvertilgungskriege dieses Ländchens sind zu
geschichtlich bekannt, um als neu betrauert zu werden. Itzt wäre es
vergebens, selbst mit größter Anstrengung hier wieder Wälder bezwecken
zu wollen, weil der herabdringende Schnee und Windsturm jedes Fleckchen
Erdreich zum Samenempfang längst wegspühlte.
Etwas ausgeruht, dachte ich nun den Weg nach Saalfelden anzutreten, aber
es war mir unmöglich! Der Morgennebel hatte sich hinausgeschwungen von
den zackigen Alpenschanzen, um tiefer sein Blendwerk zu treiben. Aus dem
Schneekessel der höchsten Alpen schweift die Phantasie ins Unendliche,
und will den Raum der Zeit und Möglichkeit ergründen. Groß deucht
südlich die Stuhl- oder Tauernwand mit der Weisbachalpe, und der wie ein
Obelisk über’n Fundersee emporstrebende Schoppmoll. Die Gamskarlhöhe und
der Viehkogel weichen nicht minder den Gefährten. Aber nördlich
überhöhen sie des hohen Hundskopftods dreifache Spitzen, so wie des
Watzmanns zweipyramidiges Haupt. Der Schindelkopf, die hohe Schneiter-
und Hechelwand erheben zum Sieg unnütz die schneeigen Körper. Höher
noch, als alle diese Riesen, will sich das stolze Verlangen
hinaufzaubern, selbst diese Massen zu gering achtend, den kühnen Geist
demüthigen zu können.
Beseelt von Empfindungen, die sich nicht beschreiben, noch von Jenen,
welche in solcher Lage nie gewesen, jemals fühlen lassen, frug ich
Romosern, ob er wohl mit diesen Höhen bewandert und mich auf eine
derselben zu leiten bereitwillig sey?
Bejahend war seine Antwort, doch müsse er vorerst auf einige Plätze um
die Hütte etwas Salz ausstreuen, sowohl die Schafe herbeizulocken als
auch sie in der Nähe zu erhalten. Ich wollte mir unterdessen die Eisen
anlegen, er widerrieth’s, indem man hier am sichersten mit langer Stange
durch Sprünge von Stein zu Stein gelange, wobei die Eisen unbehülflich
und schwer den Kletterer eher ermüden; eben so sollte ich mein Gepäcke
verstecken, da für dessen Verlust nichts zu besorgen wäre.
Seine Geschwindigkeit bald abzulernen, sah ich ihm nach, wie er, ein
Virtuose im Klettern, von Stein zu Stein, gleich einer Gemse, mittels
der zehnschuhigen Stange sich fortschwang; obgleich nur mit einem Auge
beglückt, machte er doch nie Fehlsprünge, und rief aus der Entfernung
die Zöglinge, welche ich nur mit dem Sehrohr erkannte. Nach seiner
Zurückkunft gab er mir ebenfalls ein ähnliches Zepter, stärkte sich mit
hinlänglicher Portion Schneewasser, welchem Beispiele ich folgte, und
dann ging die komische Passage an.
Itzt erst konnte ich begreifen, wie die Schafe in den Klüften des
sogenannten
steinernen Meeres
umkommen. Die ganze ungeheuere Ausdehnung, besonders im flächeren
Grunde, besteht aus einzelnen wie Meereswellen aufsteigenden Kalkfelsen,
die von einander an ihrer Oberfläche schuh- oder klafterweit geschieden,
unten in einen scharfen oft aber spitzigen Winkel zusammenlaufen.
Obgleich nun diese kaum Klafter hohen, meistens noch seichteren Klüfte
die hinabrutschenden Schafe keineswegs zerschmettern, so zwängen sie
doch deren Füsse so zusammen, daß sie nicht mehr heraus können, sondern
erhungern müssen. Hie und da hat Schnee die Klüfte mit den Steinen
geebnet, man betritt ihn sorglos, aber es ist eine Fallbrücke, welche
einstürzend selbst dem einzelnen Menschen Tod bringen könnte. Wir
passirten das Felsenthal Schönbüchl um den
hohen Hundskopftod[28]
zu ersteigen; so unästhetisch dessen Name, so wild droht er herab auf
das verödete Thal, als hätte sein Blick es verwüstet. Botaniker und
Mineraloge würden hier vergebens Ruhepunkte für ihre Wißbegierde suchen;
nur ein behender Nimrod hätte vollauf zu thun, von den Fährten der
Luchsen, Dachsen und Murmelthiere Nutzen zu ziehen, die Gemsen
vorzüglich gerechnet, welche ihre kleinen Gestalten durch grössere
Anzahl auf den Hochspitzen bemerkbar machen.
[28] Namensberüchtigt, weil daselbst kein Hund zum Jagen soll
verwendet werden können.
Mein Führer machte mich besonders auf wiederholten, dem gewöhnlichen
Halder-Fingerpfiffe ähnlichen Ton aufmerksam: »Es melden sich Gefahr
witternd die ausgestellten Wachen der häufig hier vorfindigen Mankl, sie
nähren sich wohl, diese katzenähnlichen Thierchen, und lassen sich
selten überraschen, daß man sonach mit ihrem Fett Wunderkuren machen
könnte.«
_Buffon_ bezeichnet keine Thiere mit dieser Benennung, sie möge ein
provinzieller Ausdruck, nach den Eigenheiten und Schneefährten zu
schließen, den Murmelthieren gelten.
Wir hatten nun die zerklüftete Fläche ohne anderen Unfall zurückgelegt,
als daß ich dem durch Hunger und Strapatzen ermatteten _Duna_ zweimal
heraushelfen mußte.
Sicherer ging sonach die Wanderung auf die schroffe Alpe hinan, welche
mit ihren vorragenden Felszacken beinahe Stufen zum Hinanklettern
bildet. Wer vom Schwindel -- diesem eingebildeten Uebel, nichts weiß,
der wird den hohen Hundskopftod gefahrlos besteigbar nennen; am
leichtesten erklimmt man selben in schiefer Richtung von Osten nach
Westen.
In einer Stunde war, von der Hirtenhütte gerechnet, die mittere höchste
Spitze dieser Alpe erklommen; mißvergnügt sieht man erst itzt, daß der
gegenüber trotzende Watzmann weit höher seinen Scheitel erhebe, was
vorhero kaum geglaubt wurde[29]. Leicht überzeugt man sich, daß es
thöricht wäre, auf dieser Alpe, wo die drei Spitzen kaum eben so viele
□ Klafter Fläche biethen, und bloß durch gedehnte Felsrücken mit
einander zusammenhängen, Hunde den gewandten Gemsen, deren vier bei
unserer Ankunft ihre geübten Sätze hinabproduzirten, nachzujagen.
[29] Die Aussicht, obgleich hier von einem höheren Punkte, wird doch
von der auf der hohen Tauerwand folgenden Tags übertroffen. Ich
verspare deren Schilderung demnach bis dahin.
Noch war ich erstaunt über jener Alpenwächter beflügelten Fuß, als mein
Führer mit lautem: »Ich habs, ich habs!« mir freudig die Hand drückte,
und bat zu gedulden, bis er wieder zurück komme. Ich glaubte er sey
plötzlich verrückt, und wolle eine Gemse erhaschen; denn wirklich eilte
er die nemlichen Pfade ins Watzmannthal mit halsbrecherischer Schnelle
herab. Ich strebte so viel wie möglich ihm nach; vergebens, er hatte zu
viele Vortheile! Unwillig über den komischen Menschen, und mich, der so
planlos eine mit Schweiß errungene Höhe verließ, stand ich zögernd und
sah in die tiefe Schlucht, worin Romoser sich bereits verlor. Da
gewahrte ich etwas schwarz und weißes undeutlich, das Leben verrieth;
mein Fernrohr ließ mich fünf Schafe zählen, denen bereits der arme Hirte
auf Händ und Füssen zukletterte, und sie langsam auf besseren Weg
brachte.
Gerne verzieh ich nun dem Guten seine Treue für das ihm anvertraute
Vieh, war aber eben so wenig entschlossen, wieder umzukehren auf die
Hundskopf-Spitze, als mich vielmehr der Entschluß beseelte, den Watzmann
zu ersteigen.
Dieses strebte ich Romosern zu eröffnen, damit er mich durch Anweisungen
dazu erfreue. Mein Wille scheiterte, eine Schlucht entzog mir ihn, oder
er mußte anderweitigen Pfad eingeschlagen haben; ich tröstete mich
darüber, und wollte seine mir versprochene Rückkehr auf einem Steine
ruhend erwarten: da vergingen mir plötzlich die Augen; der Watzmann
schien seine Schneedecke über mich zu breiten -- ich war einer Ohnmacht
nahe. An Kraft erstorben, fiel ich der Länge nach auf den frostelnden
Stein; mein letztes Stündchen drohte zu nahen. Die Nerven waren
überspannt, das beinahe zweitagige Fasten, die schädlichen Folgen des
gestrigen Falles und der schlaflosen Nacht, das viele Wassertrinken, und
endlich beständiges Waten im Schnee, welches meine Füsse bis über die
Knie in fortwährender Kaltnässe erhielt, mußte schädliche Folgen
herbeiführen. Alles dieses hätte ich eher bedenken sollen, bevor sich
mein Wunsch auf den Watzmann hinpflanzte. Ich bekenne diese
Unvorsichtigkeit, um allenfällig Fußreisenden eine Warnung zu liefern,
ihren Körpern nicht allzuviel aufzubürden, besonders wenn man nicht
Gelegenheit hat, mit guter hinlänglicher Nahrung den Entgang der Kräfte
zu ersetzen. Ich erholte mich endlich aus der Betäubung, die mehr Kolik
war, und bemerkte, wie mein vierfüssiger Freund ängstlich und zugleich
liebvoll mir Wangen und schneeige Hände küßte. Nichts hatte ich dem
Treuen zu erwidern, und doch umsprang mich _Duna_ freudig, als er nur
mein Aufstehen sah. Ich fühlte die Mattigkeit zu sehr, um noch auf
mögliche Ersteigung des Watzmanns zu denken, betrachtete mit wahrer
Wehmuth das von der kleinen Spitze niederblickende Kreuz, und wünschte
zum erstenmale meines Lebens, recht tief von den Eisfelsen entfernt zu
seyn.
Glücklich fand ich die Spuren des Herwanderns, sie waren höchst
nothwendig! da sich nach meinem öfteren Rasten bereits Abendnebel um die
Alpengipfel schlugen, und tiefer und dichter sich lagerten auf das
zerklüftete Bett. Itzt sollte ich den Bergrücken erklimmen, welcher
sondert vom grossen den kleineren Hundskopftod. Ich mußte, obgleich es
schon dunkel zu werden begann, abermal ruhen: da hör ich poltern und
Steine rollen; _Duna_ wird von mir zurückgehalten. Sechs Gemsen, ein
alter Bock an ihrer Spitze, wollen vermuthlich im Abendwechsel ihrer
Lagerstätte zueilen, sie muß irgendwo auf dieser Spitze bestehen. Klug
wittert der Bock die Gefahr, ein Pfiff von ihm, dem eines Menschen
ähnlich, warnet die Nachfolgenden, welche stillstehend ihren Weiser
allein vorschreiten lassen. Hoch streckt er den Hals und späht, bis er
mich ersieht, wornach dann ein zweiter stärkerer Pfiff seine Gefährten
augenblicklich in Sicherheit jagt, er aber ebenfalls doch langsamer
ihnen folgt.
Wer möge diesen Thierchen, in den Regionen zu Hause, wo nie des
Frühlings-Blüthenzeit wärmt, wo kein Sommer die Hände mit Ernten füllt,
wo ewig der Winter und frostelnde Herbst die stürmischen Wohnsitze
bestreichen, diese Behutsamkeit vor Feinden, dieses
Selbsterhaltungsgefühl eingeimpft haben? Menschen? O die lehren nicht
immer das Gute! Aber du herrliche Natur, du bist es! welche die
Gesammtzahl des lebenden Quodlibets mit gleich milden Blicke bewachst,
jedem deiner natürlichen Unterthanen Kraft oder List genug schenkest,
sich der Feinde zu erwehren und dankbar deiner zu freun!
»Wer so hold für Alle gesorgt, wird auch mich nicht sobald umkommen
lassen.« Muth und Kraft durchfloß nach diesem Schlusse, meine Adern;
rüstig sprang ich auf, als bekäm ich abermal Lust den Watzmann zu
besiegen! Nicht achtete ich der Gedärme, die zu verschrumpfen oder aus
dem Leibe zu fallen drohten; mich selbst tröstend versprach ich ihnen
alle mögliche Pflege für die Zukunft und kletterte fort. Schon sah ich
von der Höhe Romosers Hütte im Thale, es ward mir freudiger ums Herz;
aber ich mochte noch eine Stunde hinbrauchen, und zwar über die fatalen
Steinklüfte! Den widerlichen Tanz verwünschend, hörte ich plötzlich
hinter mir rufen und schrein. »Etwa gar verzauberte Gemsen mit
Menschenstimmen?« krittelte ich, und sah auf der Höhe den wackeren
Romoser, der voll Freuden mich gefunden zu haben, mit »Gottlob endlich!«
seine Worte begann. Werther noch als heute Morgens war mir dessen
Erscheinen; ich bat ihn seine Lunge zu sparen, und lieber soviel möglich
den besten Weg zur Hütte einzuschlagen. Das nützte aber nichts! Mit
gutmüthiger Geschwätzigkeit versicherte er, mich auch dann noch
aufgefunden zu haben, wenn ich in den Mittelpunkt der Erde gefallen
wäre. Ich dankte für das nicht erwünschte Glück und lobte sein Talent;
aber er war unermüdet im freudigen Geschwätz! Die gefundenen Schafe oder
meine Wenigkeit mußten seinen ernsten Humor so lustig umstimmen; kurz er
sang und trillerte, und brachte es am Ende so weit, daß ich selbst meine
Plagen vergaß und wie betrunken einstimmte.
Nun erzählte er im konfusen Gemisch, wie er bald zwei Monate jene fünf
Schafe vermißt, wie er meine Fußtritte erkannt, auf die Spuren von noch
einigen Flüchtlingen, welche er morgen zu finden hoffe, gerathen,
endlich wie gefährlich es für mich Abends auf den Gemsenwechseln hätte
werden können, sowohl der unsicheren Tritte daselbst, als auch der um
diese Zeit sich einfindenden Raubschützen wegen, welche
verzweiflungsvoll jede Gelegenheit ergreifen, unerkannt zu bleiben oder
Rache zu üben.
Wir hatten unterdeß die Hütte erreicht, ich mußte vorher, ihm Freude zu
machen, zu den wohl verwahrten fünf _Deserteurs_ mich begeben, wo er mir
ihre konservirten Körper mit zufriedenen Lächeln anfühlen ließ. Darauf
trugen wir Jeder einige Stücke der morschen Schafstallhütten zur
Feuerung in unsere Behausung. Das Mahl war und blieb auch dießmal
äusserst frugal: schwarzes durch Kleie und Schimmel beinahe
ungenießbares Brot in einer Maß Ziegenmilch aufgesotten. So weh es mir
that, von seinem kleinen Besitz noch zu rauben, so konnte ich doch
unmöglich widerstehen. Ich hatte durch die Strapatzen etwas an Appetit
verloren, er schien aus Gutherzigkeit dasselbe mir vorzulügen, um --
auch meinem Hunde etwas abzugeben; erst bis er sich überzeugte, daß
diese Wolfsrace trotz mehrtagigen Hungern nichts von _Vegetabilien_
annehme, glaubte er mir: daß _Duna_ bei sonstig roher Fleischnahrung,
auch mitunter, gleich den wilden Thieren, vier Tage fasten könne, und
verzehrte dann wohlgemuth den Rest seiner Milchsuppe.
Alpengewitter.
Manche Eigenschaft, Romosers Schafe betreffend, mußte ich noch anhören,
um sie in nächster Minute zu vergessen, bis wir uns zur Ruhe begaben;
doch nein, es war keine Ruhe! Fürchterlicher Nordost rollte aus des
_Aeolus_ geöffneten Schlünden; die Brandfunken flohen in der Hütte um
den Herd, und suchten vergebens sich ruhigere Plätze. Mächtig wehrte
sich die kleine Thüre gegen den ungeheuern sie bestürmenden Feind;
Knarren und Tönen machte ihre Noth uns kund; Romoser, der unterm Dache
mit mir sein Kotzenlager theilte, stand auf, sie fester zu binden. »O
weh, ein gewaltiger Schnee! werde heuer nicht glücklich mit der Herde
hinüber nach Saalfelden kommen,« prophezeihete er, und kroch zurück,
unter der Decke sich Wärme zu suchen. Ich war ganz kleinlaut; »schläft
ihr?« begann er weiter. Ich verneinte es. »Nun, so müßt ihr wohl auch
das Winseln vom Hundskopftod hören?« Schauder, mehr wegen der morgigen
Wanderung, als des wirklich tollen Gebrülles, überlief mir den Rücken;
ich hatte noch nie solch Wetter erlebt! Gewaltiger rüttelten die paar
Zermbäume ihre riesigen Gestalten, sie kreischten und tobten! Jetzt
mußte einer gesunken seyn dieser alten Streiter, denn das Echo dröhnte
wundersam klagend nach dem gesunkenen Helden. Mehrere Steine warf der
Sturm rasselnd vom beschwerten Hüttendache, sie erbebte, daß ich in ihr
mich davon getragen wähnte; _Duna_ bellte, die Geissen unter uns mekten,
und donnernd überlärmten sie Felsenstücke, welche sich ablösend, die
Bahn brachen über zackige Wände herab, und durch ihre Schwere den
gräßlichen Musikton der Alpen erzwangen. Selbst der abgehärtete Nomade
konnte nicht schlafen, er frug mich immer um etwas, und ich war froh,
daß er fragte, weil somit die Idee vom jüngsten Tage, der alle Menschen
ihrer Bestimmung zuführt, noch nicht realisirt schien. Endlich begann er
mich mit seinem Wissen zu quälen. Er erzählte nemlich, wie alljährig
übern Winter die Hütte ganz verschneit werde, so zwar, daß man bisweilen
im Frühlinge noch den Schnee ringsherum wegschaufeln müsse, und dieses
sich auch schon einige Male während ihrer Bewohnung im Herbste
ereignete; jedoch kämen die Bauern nach einigen Tagen um so gewisser auf
Schneereifen zu Hülfe, als sie die zunehmende Gefahr ahnden. Ich
versicherte geradezu, dieß könne gegenwärtig durchaus nicht eintreffen;
er glaubte mir und schien beruhigt. Hundertmal hätte ich ihn noch
angesprochen, aber ich fürchtete wieder sein Todten-Lamento; und so
vermied ich jeden Laut und stellte mich schlafend. Endlich aber hatte
ich genug; der Schnee drang, vom Winde gejagt, durch die zahlreichen
Fugen der Dachbreter auf Decken und Haupt. Dieß zu ertragen, schien mir
bei dieser elenden Lagerstätte nicht nothwendig; ich stieg herab und
machte wieder Feuer.
Mich halb bratend an demselben, brachte ich bei Kerzen und Kienspähnen,
die Ereignisse der letzteren Tage zu Papier, bis der Morgen erschien. Es
war weniger Schnee als ich fürchtete, aber immer noch der gräßliche
Sturm, welcher bald hier bald dort aus selben Schanzen baute, und sie
abbrechend wieder auf andere Bergwände hinpflanzte.
Interessant müßte hier, bei gehöriger Nahrung und sicherem Obdache, das
Studium über Entstehung und Wachsen der Lavinen seyn; wenn ja solche
Momente Kaltblütigkeit genug zu faßlichen Bemerkungen biethen.
Der größte Zermbaum und nächste an der Hütte, hatte sich wirklich in
dieser Nacht zur ewigen Ruhe begeben, bleiern lag der herrliche Stamm,
während in seine abgesprungenen Aeste die Winde sich theilten; es fiel
der Hohe, nicht durch Schwäche, sondern durch die Zeugen seiner Macht,
welche ihn zu Boden drückten und dann werthlos entflohen. Mehrere
Stunden hatte ich keine Hoffnung, meinen Fortmarsch zu beginnen; endlich
legte sich der Sturm, und Romoser, mich eine Strecke begleitend, wies
mir mitten im Felsenthale den schwarz markirten, zwischen Kalkgerölle
eingesenkten Gränzstein, der kaum einen Schuh vorragend, doch so
wesentliche Rolle spielt. Ich war nun auf salzburgischen Boden. Der
gutmüthige Hirte bat mich, ihm zur Beruhigung, daß ich glücklich die
hohe Weisbach oder Tauernwand
erstiegen, oben einige Schüsse als Signal zu opfern; geschähe dieses
innerhalb längeren Zeitraumes von ohngefähr zwei Stunden nicht: so würde
er, für mich Unglück befürchtend, soviel es die kritischen Umstände
erlauben, bald nachzukommen trachten, wenn auch darüber seine Schafe
Schaden litten! Wer sollte diesem Menschen, wenn er wie er hier
aussieht, einer Stadt sich nahete, so viel inneren Werth, so viel
Seelengrösse zutrauen? Mit Rührung nahm ich Abschied von Romoser, wie
von einem Freunde, den mich jahrelanger Umgang schätzen lehrte.
Nicht ausser Acht ließ ich die aufgerichteten Steinhäufchen, neben denen
man leichter zur Höhe gelangt; obgleich mich öfteres Einsinken in Schnee
bis an die Brust, auf Gedanken von Irrwegen brachte. Das Kreuz über der
hohen Wand, und die darneben wie ein Männchen errichtete Steinfigur,
waren meine Aufmunterer, wenn ich halb verzagt und unwillig, mich in
Schnee nicht niedersetzen zu können, diese romantische Plage
verwünschte. Dieß ging noch hin; als ich aber zwischen dem trugvollen
Schneeweg der steilen Wand, von der Linken zur Rechten, mehrere Gruben
fand, in denen hinabrutschend mir die lockeren Pflaumen kein
Anhaltspunkt wurden, sondern mich beinahe erstickt hätten, wollte ich
einige Male die Last, welche meine Brust preßte, und vorzügliches
Hinderniß des schlechten Fortkommens schien, wegwerfen; aber das Gewehr
ausgenommen, (welches überdieß ein werthvolles Angedenken war,) konnte
ich ohne der andern Pagage meine Reise nimmer fortsetzen; alles mußte
erhalten werden, um alles zu gewinnen. Dem _Duna_ ging es noch
schlechter, obgleich von der größten Gattung, sah ich ihn doch nie,
ausser herabpurzeln in Schnee, um wieder die Höh zu erklettern. Ich
begreife nicht, wie Schafe, bei ähnlichen Hindernissen über diese
Tauerwand gelangen können! Das beständige Durcharbeiten im Schnee, die
ängstliche Sorge, in demselben abglitschend zu erfallen oder auf immer
begraben zu werden, brachte mich dermassen in Schweiß, daß ich bei
geringstem Stillstande todt umzusinken fürchtete. Aber der beste Wille
fruchtet nichts, wo die Kraft mangelt; ich mußte mich zeitweis erholen!
Da sah ich, wie mit wildem Gekrächze von des Teufelshorns düsterem
Felsenthale, ein Rabenschwarm sich hinschwang über die mageren
Winterspitzen, wo nichts mehr für ihren Scharfblick zu finden, in die
Gegend meiner Wünsche, weit von der Tauernwand, dort die Tafel zu
finden! Neidvoll um ihre Schnelle, die sie überall in Sicherheit bringt,
blickte ich ihnen nach, bis sich deren fittige Zahl mit einem schwarzen
Streife entzog. Zum ersten Male hatte ich mir eines Thieres Gabe
gewünscht; aber der Augenblick und die Veranlassung dazu, werden mir
ewig merkwürdig bleiben. Unterdeß war ich doch der schroffen Wandspitze
genahet. Sonderbar grinset zur Rechten eine kleine Felsenhöhle mit zwei
holzbemalten Bildern; Eiszapfen kristallisiren deren zerklüftetes
Gestein, und hartgedrückter Schnee könnte dem Wanderer einen Sitz
biethen, wenn er hier Muse zur Ruhe fände. Das ältere Bild zeigt, wie
vier Männer auf dieser Alpe vom Schnee verschüttet, und zwei derselben
in die Ewigkeit befördert wurden. Das andere jünger und besser gemalte,
beweiset die Rachelust eines Gemsenjägers, wodurch er seinen Rivalen
(der Abbildung gemäß, wahrscheinlich auf dem Schoppmol,) durch einen
Meuchelmörderschuß auf immer des Jagens enthob, und sich zum Herrscher
dieser Höhen frevelte. Nirgends mögen dergleichen Scenen in
unpassenderen Oertern verewiget werden, als wo die Umgebung schon so
sehr dem Unglücke zuspricht. Einige Klafter höher endet die lästige
Tauernwand mit scharfer Schneide, so zwar, daß sie dachartig, aber
steiler, allsogleich wieder hinabführt nach Saalfelden. Die
Ueberraschung, welche sich hier aus dem grellen Unterschiede der
Landschaftskleidung entwickelt, könnte man Zauberwerk nennen; wenigstens
weiß ich ihr keinen andern Ausdruck zu geben. Sommer und Winter, enge
sich paarend, und geschieden bloß durch diese Felsenkante, locken und
drohen dem staunenden Wanderer in gleichem Grade. Zwar besitzt auch der
obere Theil der Salzburger-Tauern-Höhe in seinen Rissen oder
Vertiefungen hinlängliche Schnee-Vorrathskammern, zur Speisung
kristallener Flüsse; aber etwas tiefer und ringsherum, entsteiget der
besser gewordenen Erde Versöhnungsopfer. Nächst dem balsamischen
Kräutergrün und Alpengebüschen, ringen höher und stolzer um den Preis,
pyramidige Lärchen und Tannen; manche Sennerei, manch freundliches
Hüttendach hat sich dazwischen auf blumigtem Streif ein Plätzchen
gewählt; sanft sprichts den Willkommsgruß dem Fremden. Sprudelnd eilen
die Wässerchen, in Minuten zu Bächen gereift, die kürzesten Wege hinab,
den ferne glänzenden Zellersee mit kalten Wellen zu erfrischen; die
Lüfte ziehen wärmer, Schatten schmücket die Pfade, vielfach theilt sich
das Grün der wonnigen Flur, über welche hier eine Herde Ziegen ihre
Sprünge versucht, dort wohlgenährte Kühe im Scherzkampf mit einander
sich tumeln. Sanft wiegen sich schon wieder auf elastischen Laubzweigen
die munteren Sänger des Forstes, dessen heiliges Dunkel sie schützt vor
des Raubgefieders tödtendem Blick. Saalfelden tief im Thale versenkt,
von silbernen Bächen und ähnlichen Weiden geziert, glänzt von Azur und
goldigem Schmuck, den die Natur so zu mischen nur weiß! Noch kleiner,
Punkt ähnlich werden die Häuschen der ferneren Ortschaften; kaum
hinreichend scheinen sie das Glück braver Familien zu umschliessen --
wenn dasselbe nur immer groß und stolzirend aussehen müßte!
Flächer lagern sich die Wolken auf die verbrämten Alpengipfel; sie
entziehen dem Blicke nicht das Freie, sondern begünstigen die
Uebersicht, weil die glühenden Sonnenstrahlen auf den Gletscherspitzen
sich reflecktirend, durch jenen Schleier das Auge weniger blenden.
Somit prüft man im halben Abenddunkel die Spitzen und Tauern, Kogeln und
Hörner und alle jene Riesen, welche in Kolonnen aufgestellt von Anbeginn
der Welt bei allen Revolutionen und Feindseligkeiten der Erde ihren Rang
und ihre Würde behaupteten. Froh weihet der Pilger diesen Helden die
erzwungene Ehrfurcht, indem er so glücklich war, über sie die Musterung
zu passiren!
Nun wendet er das Antlitz, um seiner Eigenliebe mit der Menge von Hügeln
und Bergen zu schmeicheln, welche seine Kraft bei der Herreise besiegte.
Aber fort! -- denn hier kann sich die Phantasie nimmer gefallen! Nichts
als ein Thal, wüst und schneeig, der Hundskopftod, Watzmann, Königsberg
und alle die Bekannten von gestern sind darum aufgethürmt, für Ewigkeit
den Sommer einen Durchgang zu versagen; pfadlos grinsen die Felsen,
dichter die Lavinen, breiter und unruhiger die Glätscherbäche, man
widerspricht sich, darüber je hergewandert zu seyn! Aber unten fleht aus
schneeigem Beet Romosers Hüttchen um Erinnerung; dann erkenne ich den
ehrlichen Hirten, wie er der Tauernwand genaht das Losungszeichen
erwartet, und nach meinem ersten Schusse ein blaues Tuch auf seinem
Stabe schwingt; später erst bringt mir die säuselnde Luft einige Töne
seines Freudenrufes herauf. Rechts auf den Wänden der Weisbachalpe, wo
gleichfalls die grüne Farbe ein Fremdling, überraschen mich die
Uebungsspiele der Gemsen. Meine Schüsse mögen sie aus der Nähe
verscheucht haben, zufällig sah ich mit dem Fernrohre, wie sie auf einer
Felsenspitze sich sammelten, von da über die Schneewand auf den
Hintertheilen pfeilschnell hinabruschten, und die Höhe abermal
erklimmend, dieselbe Fahrt wiederholten. Deutlich konnte ich
unterscheiden, wie einige dieser Gymnastiker, entweder zu jung oder
ungeschickt, sich überwarfen, Zwei aber oben herumspringend, sich gar
nicht hinabwagten. Wäre ich mit den Eigenschaften und Naturkünsten
dieser Thiere nicht schon etwas bewandert, so hätte ich seltsam zu
träumen vermuthet! Nun riefen mich Tantalus Qualen von dannen; aber die
Hoffnung, sie die herrliche Göttin! sprach Trost im nährenden Thale! Ich
konnte so kalt von der Stelle nicht scheiden, wie der Schnee, welcher
unter meinen Füssen schwand. Am Malnitzer-, Heiligenbluter-,
Radstädter-, und auf den übrigen Tauern können Pferde dem Wanderer
nützen, hier vermag er nur sich selbst zu helfen, wenn ihm die Kraft
nicht erstirbt, oder der Muth ihn nicht verläßt. Ach wie Viele (beschloß
ich mein Selbstgespräch) gingen von hier dem schnellen Tode entgegen,
und du bist geborgen, und gewarnt zugleich! Schnell nahm ich mehrere
lose Kalksteintrümmer, erhöhte damit die kleine Signalsäule, welche mich
leitete vom schneeigem Thale herauf, legte mit aller Anstrengung eine
breite schieferähnliche Platte dazwischen, und schrieb auf deren Fläche
mit schwarzer Oehlfarbe:
„Frisch o Pilger! unverzagt
Sey der Weg zum Ziel gewagt!
Leicht errungen ist der Preis,
Wenn man ihn zu schätzen weiß.“
Dieser Zeiger, nun bei sechs Schuhe hoch, dachte ich könne eher dem
Wanderer in der Ferne sich kennbar machen, als das kleine aus Lattenholz
aufgestellte Kreuz daneben, welches etwas mehr Schnee ohnedieß ganz
zudeckt. Die Worte, wenn sie ein Vorbeikommender zu lesen vermag, sollen
seinen Geist ermuthigen, ganz Profane mögen in diesen Hieroglyphen
Bibelsprüche vermuthen, und sich bekreuzigend ebenfalls Beruhigung
fühlen.
Langsam konnte ich nur abwärts gelangen, denn wie ich einen Schritt
machte, gleitete ich mehrere nach, so glatt oder so steingeröllig ist
der schroffe Pfad. In der Ueberzeugung, Niemanden mit dem Fernrohr
gesehen zu haben, der heraufzuklettern strebte, machte ich mir das
seltene Vergnügen, ein Paar grosse Steine geflissentlich von ihren
lockeren Plätzen zu rücken. Knirschend, prasselnd donnerten sie herab,
auf ihrem fürchterlichen Fluge Hunderte von schwereren Steinklumpen
entlösend, die kleineren gar nicht zu zählen, welche wie ein
Schlachtgeheul ihr Gepolter trieben, während die größten mit
Kanonenstimme das Gewehrfeuer übertönten, und die Alpenmassen rüttelten.
In weiten Zügen folgte ihnen der aufgerissene Schnee aus den Klüften,
und das Erdreich, wo sie es fanden, wirbelte zu Staub sich in die Luft,
bis eine tiefe Grube oder feste Wand sie bezähmte; minutenlang rollte
sonach das Echo in den Gebirgsthälern umher, wie das drohende Murren der
Völker zum Aufruhr.
Nun hatte ich die gefährlichste Passage zurückgelegt, ich befand mich
bei einer Sennhütte auf kleiner Wiesenfläche; schon hatten sich deren
Bewohner in die wärmere Tiefe geflüchtet; sie both nun nichts als Schutz
wider Regen, und dessen bedurfte ich nicht. Bald darauf ergetzte mich
klares Trinkwasser -- ein geringer Fund, aber von grossem Werthe, wenn
man es sucht!
Die übernassen Stiefel wechselte ich mit Schuhen, um wieder ein
trockenes Fleckchen an mir zu fühlen, und leichter den besseren Weg
fortzuschreiten. Dieser bog sich nun in finsteres Nadelholz, das zum
Theile durch die Axt viel Unfug erlitt. Wohlwissend, daß, wenn ich
dieser ungeheueren Baumschule der Natur mich endlich entwunden, auch die
bekannten Gränznachbarn meiner Alpe sich längst von mir getrennt haben
würden, suchte ich sie mit wehmüthigen Blicken mir erinnerlich zu
erhalten, für die tiefe Fremde, wohin sie stolzer niederspötteln würden.
Eben schmückte sie des Mittags feuriges Roth, der Abglanz ihres
Scheitels wirkte auf deren hohe Figur, sie schienen nicht was sie waren.
-- Wo Rosen und Lilien der holden Braut so schön am Antlitze wechseln,
und heiter der Blick zum Erkohrnen spricht; da suchet wohl Niemand den
häßlichen Fleck, wo mancher Gattin Mißlaune einst wurzelt!
Wärme schienen sie zu lügen die frostigen Alpen, leicht erspringbar ihre
Gipfel -- es war die falsche Lock, mehrere der Ueberwundenen zu ihren
Füssen oder Gürteln zu zählen!
Die Schatten der Wolken zogen itzt dichter über die Erde und ihre
Geheimnisse, und kümmerten sich nicht um deren Gräben und Klippen; ich
aber belächelte meine Resultate, die sich aus milzsüchtigen
Vergleichungen, Nebel ähnlich entspannen, und dennoch geraume Strecke in
Wald mich begleiteten. So wie ich tiefer gerieth, wurde kleiner die
Welt, traurig sah ich mir von einen Hügel um den anderen die Alpen
schneller entziehen, bis der frechste mir des Tages goldene Scheibe
höhnend verbarg. Diese Zwergberge hatte ich von der Tauernwand sicher
nicht beachtet, sie schienen darüber erboßt, gleich dem gemeinen Pöbel,
der unerkannt von schöneren Stellen, seine Wenigkeit in der Nähe desto
fühlbarer macht.
Zwei thätige Holzhacker waren die ersten, welchen ich bald Stoff zu
lächerlichen Bemerkungen gab. Sie bestätigten die Richtigkeit des Weges,
meinten aber es wäre vergebens gewesen, sich auf so gefährliche Art zu
ranzioniren, indem die Ueberreiter (Gränzaufseher) zu wachsam, mich
sicher finden und ausliefern würden. Ein herrliches Kompliment! Ich
fragte nicht für wen sie mich hielten, und ging, meine etwas invalid
gewordene Kleidung betrachtend, unwillig weiter. Endlich übersah ich
einen grossen Wiesenabhang; rechts brüllte aus demselben prächtiges
Hornvieh seinen Baß, in den sich der Tenor einiger 100 Schafe ober mir
mischte; links auf einem isolirten Wasenhügel ruht das