Salzberg zu Bischofswiesen,
als auch das zu selben gehörige Pfannhaus in Fronreit zu besehen.
Wenn man einen Salzberg bereits befahren, und _ein_ Pfannhaus gesehen,
so wird man, ohne Halurge zu seyn, im Allgemeinen wenig Unterschied
finden; es müßte denn nur, wie hier der ungemein reichere Salzstock,
welcher sogar in grossen Stücken mit Pulver entsprengt wird, und das
neue schön gebaut und eingerichtete Pfannhaus, dessen Aussenseite gegen
jene zu Hallein schon so empfehlend sich darstellt, etwas mehr Interesse
erregen.
Der Abend kleidete sich trübe und wolkicht, schwühl hauchte die Luft,
welche zeitweis ein Windstoß, aus den nahen Eisgebirgen entsprossen,
etwas kühlte; es war auf angenehmes Weiterwandern nicht zu denken; ich
begnügte mich demnach, auf etwas längerem Wege um den romantischen
Markt, obigem Gasthause wieder zuzuschreiten. Da führt mich der Zufall
zum
Friedhofe Berchtesgaden’s.
Ich gestehe, weder unter die empfindsame Klasse der Melancholiker, noch
unter jene der gewöhnlichen Besucher von Kirchhöfen zu gehören, welche
allsogleich bei jeder Grabstätte zu Betrachtungen hingerissen werden;
doch über diesem Ruheorte scheint ein besonderer Genius zu schweben.
Schönere, kostbarere Monumente mag man wohl auf tausend Gottesäckern
finden, schwerlich aber einfach zierlichere, und ein schöneres
Plätzchen! Wie im Blumengarten ruhen die Sorge-befreiten Hüllen, gleich
im Leben und Tode mit einander verwandt; keine Gruftmauer, kein
Alabaster mit Golde sich paarend, will da Ausnahmen machen, bewundernde
Blicke des Fremdlings sich zuziehen; man sieht hier, wie nach dem Tode
die Körper sich gleichen, wie Haß und Stolz zerstäuben, und die Luft der
Ewigkeit sie verzehrt. Kreuze schmücken die Hügel, zwar nur von Holz,
aber zierlich gearbeitet und bemalt sind sie alle; man sieht hier nicht,
wie Verwandte, aus Freude wegen der übergrossen Erbschaft, dem
Verblichenen ein prächtiges Denkmal setzen, und so wie der Nachlaß bei
den schwelgerisch Traurenden sich schmälert, auch das Andenken an den
großmüthigen Sparer und sein Monument schwindet; bis endlich der Spender
ganz vergessen, dem beschädigten, überflüssig gewordenen Denksteine aber
vom Grabwärter ein Plätzchen zur Ausfüllung einer Lücke in der
Kirchhofmauer angewiesen wird. Hier sucht Jeder, Andenken und
Dankbarkeit an seinem lieben Verblichenen so neu als möglich zu
erhalten, bis einst das Plätzchen einen Anderen aufnehmend, die Reste
des Vorigen zurückgibt, oder ihr Achter selbst entschwunden, und die
gleiche Liebe von seinen Nachkommen erwartet.
Hie und da hat natürliches Talent seinen gesicherten Theuren eine
Grabschrift gespendet; kein Schwulst verübter Großthaten,
ausgezeichneter Geisteskraft -- hier unbekannt! ruhmkrönen des
Verblichenen Leben. Einfach, dem Wirken gleich, lautet ihr Lob. Hier
folgen zwei der Epitaphien, welche ich wegen ihrer Nationalität der
Notirung werth fand, zur Beurtheilung:
Ruhe lieber Vater, ruhe sanft,
Du hast im Leben dich viel
geplagt;
Dafür danken bei dir knieend,
deine dir
schuldenden Kinder.
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Ein treues Weib, so wie sie war,
Gibt mir die Welt nun nimmerdar,
Ich wart, bis mir der liebe Gott
Sie wieder bringt nach meinem Tod.
──────────────
Er schläft;
höherer Beruf rief ihn zu sich von der
launigen Welt,
er findet dort die Blume der Ewigkeit,
die hier nur Minuten uns blüht,
und für die
er sein junges Leben gebüßt.
──────────────
Diese letzte Aufschrift hatte mich besonders ergriffen, sie war höher
gegeben, und ließ auf ungewöhnliches Ende des Ruhenden folgern. Ich
fragte den Schliesser, welcher eben aus der Kirche trat, und erhielt mit
der Antwort Befriedigung: Diese Grabstätte verwahre einen jungen
Pharmaceuten aus Salzburg, der des Botanisirens wegen schon mehrere
Alpen bestiegen, und ohnlängst sich am Königsberge erfallen habe; dessen
Freunde hätten sonach diese Zeilen seiner Erinnerung geweiht.
Blumen und gute Nachrede! was kann man Schöneres über dem Grabhügel des
braven Mannes säen?
In Reflexionen über das gewürfelte Loos, dem der Mensch von der Wiege an
schon zueilt, umstieg ich noch mehrere Grabhügel; es wurde finsterer,
tief neigten sich im Friedhofe die Aeste der Trauerweiden, indeß die
frische Birke und kräftige Linde mehr Männlichkeit vor dem hochtrabenden
Winde behaupteten. »Wieder ein Bild des menschlichen Lebens,« dachte
ich; und es sprach der Luft klagender Ton so sonderbar durch die
Gewölber der Kirche herauf, und durch die Risse der Mauer und dichte
Verzweigung der Bäume pfiff sein wildes Gespotte herüber.
Schwärzer kleideten sich die Gürtel der Alpen, nebelschwangere Wolken
umtanzten deren rothgeschmückte Schneegipfel, und entzogen der Gestirne
wohlthuenden Schimmer -- das Willkommene der Nacht. So schließt sich die
Sanduhr, so Titan’s willkommenes Reich wohl Manchen noch heute, der
Schimmer des Lebens sinkt unter der Krankheit erschöpfenden Qual; itzt
schlug neun Uhr der nahen Glocke dumpfer Ton, unwillkührlich zitterte
durch mein Inneres der Gedanke -- »bis auch dich die Stunde ruft zum
Abzuge. Möge sie immerhin nur von Wolken des Firmaments beschattet
werden, welche der kommende Morgen wieder zerstreut!«
Zunehmender Regen jagte mich schneller als gewöhnlich ins Wirthshaus;
die noch immer lustige Gesellschaft darin, schien dessen nicht zu
achten; ich ließ sie toben, und wünschte lieber einen schönen kommenden
Tag, verzehrte den wohlschmeckenden Imbiß, und pflog im entlegenen
Stübchen der Ruhe.
Kein grösseres Mißgeschick foltert den Reisenden, das mag die Erfahrung
versichern, als in einer schönen Gegend, im Kreise noch zu
durchwandelnder Paradiese, durch Ungewitter an das Wirthshaus gefesselt
zu werden, wie hier durch zwei Tage! Ich ging mitunter in die
Werkstätten der Tischler, Drechsler etc., kaufte einige Kleinigkeiten,
konnte aber die lange Weile nicht verscheuchen. Endlich am Morgen des
dritten Tages schien das Gewitter versöhnt, doch nur oben versiegte die
Fluth; der Gebirge Klüfte öffneten ihre Schleussen, und es stürzten
allenthalben Bäche und Ströme hervor; die Fluren waren überschwemmt, die
Ache schwoll zum riesigen Fluß, und ihre Wellen schlugen an die zagenden
Füsse des Wanderers; von jedem Baume fielen schwere Tropfen, wie aus
Becken herab, die Luftbewohner drängten sich ängstlich in ihr Nest, und
der hungernde Adler krächzte vergebens in der neblichten Höhe, durch
Raub seine Gierde zu stillen.
Wie lieblich möge der romantische Pfad durch Schönau und Hofreit an
schönen Sommertagen zurückzulegen seyn! wie beglückt die gutmüthigen
Bewohner in ihren an Felsen und Waldbergen gelehnten Hüttchen scheinen!
So aber zittert man für die zu viel Wagenden, wenn der Winter seine
Schrecken vermehrt, Lavinen oder Gießbäche herabsendet von den
Himmelszinnen, und vertilgt, ehe man noch Vernichtung geahndet. Den Bach
aufwärts verfolgend, kommt man bald zum steinernen Holzrechen, und somit
auch zum Hafen des
St. Bartholomäus oder Königssees.
Viele niedliche Kähne ruhten unter hölzernen, auf Pfählen in See
hineingebauten Scheunen; freundliche Fischerhütten lagerten sich in
frischgrüner Fläche, und ausgespannte Netze zeigten von der Thätigkeit
der hiesigen Bewohner; einige grasende Kühe und muntere Geissen, welche
die bewaldeten Wiesenstreife hinauf wanderten, dann der wellenlose
Spiegel des finsteren Sees, worin sich die bunten Konturen der
Gebirgsmassen malten, vollendeten das seltsame Landschaftsbild der
einzigen Schweiz.
Durch die Gewalt von drei Rudern flog der kleine Kahn aus der Bucht;
zuerst steuerten wir der nahgelegenen Insel _St. Johannes_, der
Berchtesgadner Bürgerschaft gehörig, vorbei, welche mit allem Schmucke
des Schönen nur zu klein ist, um einen zauberischen Wohnort zu biethen.
Tiefer und grüner wird der See, sobald man dem gebüschreichen Inselchen
entschwunden. Jetzt erst sieht man des riesigen Watzmanns drohendes
Antlitz enthüllt, nun lassen sich des Königsberges-Felsenwände prüfen,
und man glaubt in die Geheimnisse des Mittelpunktes der Erde zu dringen.
Aufgethürmte Felsen bis über den Gesichtskreis, umgürten in
perpentikulärer Linie den tief eindringenden See; kein handbreites Ufer
gönnt dem Fusse ein Plätzchen, weder vermag eine Insel vor Stürmen und
Gefahren zu retten. Dennoch, so glatt die Wände sich zeigen, besitzen
sie hoch oben einen kleinen Gangsteig, auf welchem das Horn- und
Klauenvieh im Frühjahre auf die Alpenweide, und im Herbste von da zurück
nach Berchtesgaden getrieben wird; Gewohnheit mag diesen
halsbrecherischen Weg mildern, und ihn der Wasserüberfahrt vorziehen, um
so mehr, als man vom mühsam zu überfahrenden See aus, mit den Herden
nicht viel besser bepfadete Bergwände zu ersteigen hat.
Die beiden Schiffer ersuchten mich, nun nicht zu rudern, und ein paar
Schüsse zu versuchen. Ich habe an verschiedenen Oertern und vielmal das
Echo schon erprobt, konnte mich dessen grösserer oder minderer Wirkung
überzeugen, aber ich versichere: daß Jeder, der diesen See ohne ein paar
Probeschüsse überfährt, den seltensten und interessantesten Genuß
versäumt. Es ist hier kein gewöhnlicher, öfter sich wiederholender
Nachhall, sondern ein Rollen des Donners, Knarren, ja ein harmonisches
Kanonen- und Musketen-Konzert, die Felsenwände drohen sich zu lösen, und
der See aus den Ufern zu steigen!
Bald dehnt, bald engt sich die Breite des zwei Stunden langen Sees;
dahin gleitet der leichtfertige Kahn über täuschende Ruinen der Welt,
welche aus dem See heraufsteigen, eigentlich aber nur der Abdruck der
sich darin spiegelnden Alpenwände sind. Oben, unten, ringsherum Felsen
und Klüfte! zwischen diesen und dem geengten Streife der herabblickenden
Himmelsdecke und der hundert klaftrigen Seetiefe, schwebet der
gebrechliche Mensch sorglos dahin, auf einige Breter sein Leben und
Vergnügen bauend! Nicht weiß Jeder, daß einstens 40 Personen vergebens
diesen Bürgen getraut, und bei den Wänden des Falkensteins ihr nasses
Grab gefunden, als sie durch fromme Wallfahrt Glück und langes Leben zu
erbitten hofften. Immerhin! dunkel sind die Pfade durchs Leben, welche
nur der Bildner zu ergründen und lenken vermag; Ihm unterliegen Ströme
und Blitze, und die Menge der Wellen!
Nun glaubt man, die Felsenwände stürzen über einander zusammen, -- es
rauschet, welch herrlicher Anblick! Zur Linken fliegt der mächtige
Königsbach eine Höhe von dritthalbtausend Schuh über schroffe Felsen in
die Spiegelfläche herab; weit hinaus macht sich der Tiefgefallene die
Bahn, tumelt die Wellen im See und rastet nicht, bis ihn der Mächtigere
verschlinget! Hier wird bisweilen Holz getriftet, diesen Genuß kann
jedoch nur der Zufall dem Fremden spenden.
Gegenwärtig wurde oben Stammholz aufgeschlichtet, welches beim
Vorüberfahren Wailand Sr. Majestät des seligen Königs _Max Joseph_ zur
Gemsenjagd nach St. Bartholomä, hinabgelassen werden sollte, das
Imposante solch einer seltenen Holzschwemme dem hohen Gaste
darzustellen. Ueberdieß häufte man rings umher auf den Alpen und
Felsspitzen, Scheiter, dürres Laub und Nadeläste, zu mächtigen
Freudenfeuern während der Anwesenheit der höchsten Herrschaften im
Schlößchen der vorbenannten Halbinsel.
Unvergeßlich möge der Anblick dieser pitoresken Nachtillumination
wirken: wo die zahlreichen Brandfunken, sich im hundertfältigen
Wiederschein auf der Seefläche und den Felswänden reflecktiren, Echo der
heiteren Jagdmusik, mehrend den Jubel des Alpenlandes, von der hohen
Gäste Wohnung auf St. Bartholomä herüber tönt, und das Lob verkündet von
Diana’s Verehrern in dieser Göttin stattlich Revier.
Noch mehrere Wasserfälle an beiden Seiten fesseln die Aufmerksamkeit,
doch hat man den schönsten zuerst gesehen, und würdiget selbe nur
minder.
Auch für ein Gärtchen hat sich hier der erfinderische Geist ein
Plätzchen gefunden. Links auf einem kleinen Ufersaume zwischen grotesken
Felsentrümmern, bewillkommt diese niedliche mit einem Lusthäuschen
versehene Anlage den Zufahrenden, um allenfalls auch vor Ungewitter zu
schützen. Weder groß noch reich ausgestattet, wäre hier eine zeitweilige
Wohnung doch der herrlichste Lohn kühnster Wünsche. Ein unermeßliches
Bauwerk von Felsenmassen auf Felsen, wie sie nur die schwärmerische
Phantasie bilden kann, stehet realisirt im gedrängten Kreise;
_Cascaden_, denen man auf Bretelwegen nahen kann, brausen gegenüber und
stürzen zur Seite im Gärtchen herab; sie geben das Bild der Jugend,
welche nichts achtet, von nichts sich aufhalten läßt, und mit Gewalt die
klippenvolle Bahn durchbricht, schneller das Ziel zu erreichen. Zürnt
der Himmel, so sieht man ihn hier in seiner furchtbarsten Macht und
Wirkung, und kann eigenen Muth und Standhaftigkeit erproben; ist das
Firmament rein, rein wie die durchsichtigen Gletscher des Watzmann, o so
ist man auch alles Trüben entledigt, fühlt die Seligkeit des reinen
Naturgenusses, durchschneidet die Wellen, weidet sich an der wundervoll
geschaffenen Welt, und lebet den Musen und stillem Glücke, welches wenig
bedarf, und das Wenige sich redlich zu verschaffen weiß! Heil dem
glücklichen _Wallner_, der im zauberischen Berchtesgaden noch diesem
Plätzchen gehuldigt!
In der Entfernung blickt rechts unter Ruinen-ähnlichen Felsen, das St.
Bartholomä-Schlößchen zwischen Bäumen hervor, dem Geräusche der Welt und
der Begierde zu glänzen ewig sich lossagend; und doch beherrscht es
diese Tiefe mit einer Anmuth und Hoheit, welche der Ruhe und Einsamkeit
suchende Stifter schwerlich bezwecken wollte. Freilich darf die
Bescheidenheit anführen, daß, wenn dieses Gebäude in Salzburg stände, es
kaum bemerkt würde, doch in einer Wüste wird auch die Hütte ein Pallast!
Eh wir noch diesem lockenden Asyle zufuhren, zeigten mir meine
gesprächigen Berchtesgadner-Matrosen links den neu entdeckten
Abflußkanal zum jüngst gesehenen Gulinger-Wasserfall. Ich beschloß,
diese Kluft genauer zu würdigen, und fuhr nahe an die kalksteinige
Felsenwand, in der eine Grotte sich zeigt, worin Lärmen, Schäumen und
Wasserwirbel ihr tobendes Spiel treiben. Wenn man den Nachen seiner
Willkühr überläßt, so fühlt man das Nahen desselben zur Höhle. Ein Stück
weggeworfenes Holz, welches durch Zufall im Schiffe lag, wurde
augenblicklich von der Strömung hinabgezogen.
An der paradisischen, mit Wiesen und Ahornbäumen üppigst geschmückten
Halbinsel, erwarteten uns schon freundlich einige Fischer und ihre
Weiber; mein Schiessen möge sie herbeigerufen haben; das zweimal
überthürmte Wallfahrtskirchlein, die Schloßzimmer in einem langen Gange
beiderseits auslaufend, von denen mehrere bereits zum Empfange für die
höchsten Jagdgäste eingerichtet waren, der kleine Garten und sonstige
Seltenheiten wurden besehen, welche, obgleich unbedeutend, doch bei dem
Glücke hier zu wohnen, für einen Sultan allzu hinreichend wären. Der
Fischer selbst, gezwungen durch seinen Erwerb an diesen Ort, versicherte
zu meiner innigsten Freude, daß er sich nirgends anderswo zu leben
wünsche; ein seltenes Beispiel mit dem ganz zufrieden zu seyn, was das
Schicksal beschert; doch würde ich selbst als Gefangener mich hier noch
nicht unglücklich klagen!
Gleichsam zum Dank für dieses Gefühl, klärte sich itzt gänzlich der
Himmel, die Sonnenstrahlen glühten an den frostigen Alpenspitzen, der
Vorhang melancholischer Trauer fiel, und lächelnd enthüllte sich der
Güte willkommenes Bild. Die Schneemassen, einsaugend das sie erweichende
Feuer, wechselten hie und da mit anmuthigen Grün, und sandten
wohlriechende Zephire von den unbesuchten Höhen.
Leider durfte ich aber die schädlichen Spuren der vergangenen Tage nicht
vermissen, denn die merkwürdigste Naturschönheit vielleicht in der
ganzen Welt -- die Eiskapelle, konnte nicht betreten werden. Wo man
sonst über einzelne vorragende Steine im kaum rieselnden Bache mit
Fackeln hinschreiten konnte, unter der über dem Haupte schwebenden
Eisdecke, welche sich einst aus einer, vermuthlich dem Watzmann
ablösenden ungeheueren Lavine bildete, und bei dem ewigen Nachstürzen
von Schnee, in dieser sonnlosen Kluft nie oben, nur unten durch das
niederziehende Flüßchen sich auflöset: zogen nun die aufgeschwollenen
stromgleichen Fluthen, Felsenstücke mitführend, herbei, den Raum
ausfüllend der Eiswölbung, und verbothen dem Forscher sogar die
Näherung.
Von diesen Gefahren der menschlichen Neugierde schienen die
leichtfüssigen Gemsen wohl unterrichtet zu seyn, weil sie ringsherum an
der Eisdecke und den Felsenabsätzen ihre behenden Sprünge übten. Ich
freute mich, diese seltenen Gäste so tief unter ihrem gewöhnlichen
Bereiche den menschlichen Wohnungen genähert zu sehen, erfuhr aber: die
Ursache liege in dem ihnen an diesem Orte gestreuten Salze, welches zu
lecken sie in grosser Anzahl herbeilocke, bis die baldige Jagd ihre
Näscherei und Besuche beende. Einen wehmüthigen Blick sandte ich diesen
munteren Luftspringern, deren gefahrvolles Leben um ein Bischen Salz,
welches die Schöpfung zur Würze aller Geschöpfe diesem Ländchen so
reichhaltig gespendet, erwuchert wird. Die übergrosse Anzahl von 100
Stück Gemsen, welche wie alljährig, auch dießmal abgeschossen werden
sollte, liefert bei all dem, daß sie die frostigen Wohnspitzen der
Umgebung mit der Zeit aller ihrer Bewohner entvölkern würde, dennoch
nichts weniger als eine schöne, Kraft erfordernde Alpenjagd. Denn die
Gemsen, welche früher von Jägern in Schluchten gejagt, und daselbst
bewacht werden, treibt man abwärts gegen St. Bartholomä, wo die
Schußstände für die höchsten Herrschaften bestehen, bei welchen sie
vorbeistreifend gleich Schöpsen oder Schweinen niedergeschossen werden.
Ein eben so unrühmliches Ende nehmen einige Hirsche, welche von der
Halbinsel-Fläche in den weiten See gejagt, und da, beraubt ihrer
beflügelten Schnelle, meistens von Damen erlegt werden.
Mehrere Fremde und eine Anzahl der königl. baier. Hofjäger, warteten
bereits im Schlößchen auf die Ankunft Sr. Majestät, wo sodann die Jagd
beginnen sollte, welche ich nimmer zu sehen wünschte.
Nach der mässigen Stärkung verfolgte ich meine Fahrt über die kleinere
Hälfte des Königssees, an dessen flacherem Ufersaume hier einige leere
Sennhütten herumstehen, um die von Ungewitter und Schnee im Herbste von
Hochalpen verjagten Flüchtlinge, auf einige Zeit noch zu beherbergen, so
lange die kargen Wiesenstreife zur Sättigung der Kräuter-suchenden Herde
hinreichen.
Durch grosse Krümmungen abgestürzter Felsen und Bäume, muß man sich von
da nächst dem, zwei Seen verbindenden Flüßchen, eine halbe Stunde lang
durchwinden, dann erreicht man die Bucht des nicht minder interessanten,
aber fünfmal kleineren
Obersee’s.
Ein schöner Wasserfall, der Schreibach, sich hoch über die Felsen herab
die Bahn wählend, und noch ein anderer südlich, der Retten- oder
Fischlbach, beleben hier ebenfalls die todte Stille; ein Paar unbewohnte
Hütten scheinen sich dessen nicht zu kümmern, und harren mit zweien
halbvermoderten Kähnen der baldigen Auflösung. Felsumgürtet, aber
bewaldeter wie beim Königssee, sind hier die Begränzungen; schauerlich
spricht das Echo aus den Klüften und vom Himmel herab, kalte Melancholie
zeigt ihren heimischen Wohnort, und die Klumpen geborstener Alpen im
schwarzgrünen See, und an die Ufer geschleudert, grinsen verworren, als
Bilder für die sorglose Zukunft. Fürchterlich wild ist diese Ansicht,
und doch so schön, daß man sich kaum zu trennen vermag. Ich mußte wieder
zurück, zu den vorbenannten Sennhütten des Königssees, um meine
Wanderung auf ungewöhnlichen Gangsteigen über die romantischen
Schneehöhen des Alpenlandes, die ich so ganz und genau zu prüfen
gesonnen war, nach Salzburg und Tirol auszuführen. Auf den meisten
Karten, so wie in Berchtesgaden, erfährt man nichts weniger als eine
Weg-Angabe, um neben Fundersee nach Saalfelden zu kommen: ȟbern
Hirschbühl« heißt es »nach Reichenhall auf der Fahrstrasse,« wer um
einige Tagreisen und minder pitoreske Gegend nichts frägt. Die Karte des
General-Quartier-Meister-Stabs, Holzknechte und Gemsenjäger wissen
bessere Auskunft. Steil führt Anfangs der vom häufigen Viehtrieb
ausgetretene Pfad zwischen dicht verwachsenem Laubholze empor; Schweiß
und Athem können nur in voller Wirkung dem holperigen Feinde etwas
abgewinnen; aber zusehends wächst der Gewinn für seiner Füsse Bemühung.
Schon übersieht das forschende Auge die Wasserfälle des Königs- und
Obersees, die es jüngst aus der Tiefe bewunderte, mehr und mehr
entkleiden sich die finsteren Winkel der sonderbaren Runde, und die
Nachen im sich verkleinernden See, scheinen nur Bretchen nunmehr. Jetzt
umfängt eine Bergschlucht den Kletterer und raubt ihm die vorigen
Bilder. Eine Alpenhütte erwartet hier mit allen Nöthigen zur Bewohnung,
und Geschirren zur Butter- und Käse-Erzeugung reichlich versehen, die
baldigen Ankömmlinge.
Seltener wird schon das Laubholz, Lärchen und Föhren treten an seine
Stelle; Bäche, im Frühjahre vielleicht zur Holzschwemme dienlich,
zwängen sich links und rechts aus den Klüften hervor; ihr schäumender
Lauf tränkt fortwährend der Ufer begraseten Saum, welcher höher und
üppiger der anderen Pflanzenwelt spottet. Oft sind Bretelwege, den
schlüpfrigen Tritt zu sichern, neben der Berglehne angebracht, bisweilen
Bäume gelegt, die abgespühlten Erd- und Sandtheilchen zu dämmen; mürbe
und alt drohen sie gewisseren Bruch mit schädlichen Folgen, je grösseren
Widerstand sie biethen. Nun, nachdem anderthalb stündiges Klettern
bereits das Felsenlabyrinth, welches mir in Berchtesgaden angerühmt
wurde, errang, suchte ich den Eingang zu der neu entdeckten
Windhöhle.
Ich fand zwar die ungeheuere überhängende Kalkwand, unter welcher fromme
Alpler das Bild des Heilands aus Holz geschnitzt aufhingen, sah die
Bollwerke von Zuckerhüten, Predigtstühlen und Bethenden, die sich rege
Phantasie aus den durch einander geworfenen Steinen leicht formen kann:
aber sonst auch nichts, was mich auf die Spur der unterirdischen
Merkwürdigkeit leiten konnte. Die mich vorher begleitenden zwei
Militärjäger, waren als Wächter wider Raubschützen, welche sich derlei
Hofjagden zu ihrem Vortheile immer zu Nutzen machen wollen, in der
letzten Sennhütte zurückgeblieben. Umzukehren und sie um Rath zu fragen,
wäre unnütz gewesen, weil sie schwerlich in der Umgebung bewandert
schienen; ich wartete also auf die Alpler, welche Butter und Käse von
den Sennhütten heute herabbringen sollten, wie mir zu _St. Bartholomä_
versichert wurde.
Eher als diese behenden Schmalzträger, kamen fünf Burschen mit
ungeheuren Ballen Pippenholzes, welches sie in einem Leinentuch
eingewickelt am Kopfe trugen[24], während sie mit langer
eisenbeschlagener Stange ihre Schritte sicherten.
[24] Man müßte staunen, in dem waldreichsten Lande Holz zu gemeinen
Arbeiten mit äusserster Anstrengung von solchen Höhen herabschleppen
zu sehen; wüßte man nicht, daß die Pippen nur vom Zirben-Holze (Pinus
cembra), welches auf den höchsten Punkten der Nadelholz-_Vegetation_
nächst den ewigen Schneeregionen gedeiht, brauchbar seyn können. Zu
dem Ende wird das gefällte Holz in Grössen der zu drechselnden Pippen
zugehackt, ausgetrocknet, und dann erst nach Hause befördert. Ehemals,
als noch häufiger diese edlere Baumgattung bestand, verwendete man
dieß unzerstörbare Holz zu Bauten, wie bei den alten Ritterschlössern
die Dippelbäume und Dachstühle beweisen; nunmehr aber hat sie der
Eigennutz ausgerottet, und man muß höhere Plätze erklimmen, um noch
einzelne Sprößlinge jener gewaltigen Vorältern, seiner Gewinnsucht zu
fällen. Ihre Frucht, die Zirbelnuß, besteht in einem genau den
Fichtenzapfen ähnlichem Kerngewächs, welches in heisser Asche
gebraten, ein besonderer Leckerbissen der Alpler wird.
Auf meine Frage, ob ihnen der Weg zur Windhöhle bekannt sei? erboth sich
der Letztere mich dahin zu führen; er habe, sagte er, vor zwei Jahren
einige Stämme daselbst gefällt, und sein Gefährte, ein Schafhirte, hätte
ihm dieselbe gewiesen. Die Last den Kameraden zur Theilung unter
einander überlassend, nahm er nun seinen Stock, und schwang sich mit
einer Schnelligkeit von einem Felsenstück zum andern, daß ich kaum zu
folgen vermochte. Die Wanderung ging rechts von dem vorbenannten
Kreuzsteine über pfadlose Klippen hinüber; endlich nach einer halben
Stunde, betraten wir eine Felsenrinne, auf deren Kalksteingerölle das
ermüdende Springen aufhörte; seitwärts zur Rechten hörte man einen
Schneebach hinabbrausen, ohne ihn zu sehen. Felsen trugen hier wieder
erfreuliche Spuren des wechselnden Grüns; Lärchenbäume, ja selbst Buchen
und Ahorn, die als Zwerge auf diesen dürren Höhen sich gefielen, wollten
als Seltlinge Bewunderung erzielen. Itzt hieß es steil hinan und zwar
mit Händ und Füssen sich anstrengen, um nicht wieder hinabzurollen in
die spitzigen Felsenzacken, welche wie Zähne heraufgrinsten.
Mein Führer bog sich nun zwischen zwei Felsen und verschwand in einem
Loche; ich wollte nach, er rief mir aber zu, Licht und Gewehr
mitzunehmen. Dieß befolgend gingen wir nun mit brennenden Wachskerzen
tiefer in die sich erweiternde Höhle, welche bei den 40 Schritten Länge,
einen Fall von sechs Fuß haben mag. Haltet euren Hund an! rief er sich
besinnend, und ich erschrack zu gleicher Zeit über ein ungemeines
Zischen und Brausen der Höhle. Jedes Wort tönte dumpf aus allen Winkeln
zurück, und die Luft war so beängstigend und übelriechend, daß ich zu
ersticken glaubte. »Schießt los!« sprach er; ich unterließ es. »Schießt
los, ich bitte euch, es ist nichts zu fürchten!« --
Es knallte, und ich taumelte an die nasse Felsenwand. Dieser Schuß hatte
mir den kalten Schweiß über Stirne und Rücken gejagt; die Lichter
verloschen, alle Elemente glaubte ich, müßten insgesammt zugleich
niederstürzen. Ich vernahm kaum das Winseln meines sich losreissenden
Hundes, der pfeilschnell hinausjagte, sah nur die ganze Weite wie durch
Blitze durchzucket, in Flammen, fühlte mehr als Kanonengekrach der
gerüttelten Felsen, und dann mein verschlagenes Gehör!
Meinem gefaßten Führer mochte selbst nicht wohl geschehen seyn, denn der
muthlose Ausdruck -- »das war zu stark!« bewieß mir eben nicht sein
gestilltes Vergnügen; später gestand er auch, nur von der herrlichen
Wirkung eines Schusses hier gehört zu haben, ohne sich je wieder eine
ähnliche Explosion zu wünschen.
Wir ermunterten uns allmählich, aber welche Vorsicht! ich hatte zwei
Lichter mitgenommen, und -- kein Feuerzeug! Finsternis umspannte uns so
schwarz, so dicht, daß jeder Schritt ein Wagestück war, zumal die
Felsenkluft, welche zum Ausgang der Höhle führt, eine mondförmige
Krümmung macht, und dadurch vollends das sonst einbrechende Tageslicht
entzieht. Endlich entschlossen wir uns, einander mit den entlösten und
zusammengeknüpften Hals- und Sacktücheln zu leiten. Mein Führer, um
nicht mit Kopf und Nase Unfälle zu erleben, warf sich auf den holperigen
Felsengrund, und suchte am Bauche fortkriechend den Ausgang. Um den
einen Fuß hatte er ein Tuch gebunden, dessen angeknüpft letzteres, ich
fest in der Hand hielt, ihn bei Absturz fest zu erhalten, oder ihm zum
Ausgange zu folgen. Abgerechnet, das er zuerst unbedeutend ins Wasser
gerieth, kamen wir glücklich zu Tage. Nun wurden Feuerzeug und Strick
aus der Jagdtasche genommen, die Wachskerzen zum fackelartigen Gebrauch
mit Werg (Hanf-Gespunst) umwunden, und die Höhle noch einmal bei
ausgibiger Erleuchtung besehen. Sie ist (die ungleich niedrigere und
kaum zwei Schuh breite Eingangskluft ausgenommen) sieben bis zwölf Schuh
hoch, und im Durchmesser wohl zehnmal weiter. Diese Ausdehnung läßt sich
um so weniger mit Bestimmtheit angeben, als die größere Hälfte der
Höhle, deren Grundfläche gegen ihre jenseitige Felsenwand, bei vierzig
gradiger Senkung, mit Wasser geebnet ist, weder ganz übersehen, noch
durchwatet werden kann. Auf die zunehmende Wassertiefe konnte ich aber
dadurch schliessen, weil der hineingeworfene Endtheil meiner mit einem
Steine beschwerten sechs Klafter langen Schnur, bis auf zwanzig Fuß Nähe
bodenlos zurückkam.
Uebrigens ist das Wasser sehr rein, so, daß man ohne es zu bemerken, in
selbes tritt. Beständiges Geplätscher deutet zwar auf Zu- und Abfluß,
der sich vielleicht durch den Fundersee oder geschmolzene Schneefelder,
mittelst Felsenrissen im Gange erhält; woher aber das
Klagetönen-ähnliche Sumsen sich herschreibe, welches bisweilen mit
wirklichen Windstössen die Höhle durchstreift, ohne daß sie darum an
frischer Luft gewinnt, ist mir unbegreiflich. Die Steinart, so viel ich
sie prüfen konnte, schien Kalk; die noch rings herum zerklüfteten Wände
waren mit Mergeltuff bekrustet, der angekratzt wie Mehl zu Boden
stäubte.
Diese Höhle soll erst 1818 von einem Bauer entdeckt worden seyn, der auf
den Gedanken gerieth, hier Gold zu suchen, statt dessen (unbegreiflich
wie) einen Fisch fing, und von mondenlanger Gelbsucht genas.
Zufrieden verließ ich diesen Höllenschlund, der an passenderen Oertern
eben so gut ein sicherer Räuberschlupfwinkel seyn könnte, als er hier in
Verborgenheit vielleicht wieder entschlummert. Denselben mit weniger
erfahrenen Führern leichter zu erkennen, glaubte ich allenfällig
Nachkommenden damit einen Dienst zu erweisen, daß ich sowohl die zwei,
den Eingang der Höhle umfassenden Felsensteine, als, auch im Zurückwege
einen besonders kegelförmig vorragenden Steinklumpen, mit grossen
schwarzen Pfeilen markirte, deren Spitze die Richtung der Höhle
andeutet.
Steingerölle drohet Gefahr.
Wir beschleunigten nun, so viel man auf diesem barbarischen Unpfade sich
beeilen kann, unsere Rückkehr. Mein Führer wanderte ohne Bürde zur
Tiefe; ich aber stieg von dem vorbenannten Kreuzsteine, durch eine
ungeheuere, vom Erdbeben entstandene Felsenscharte, (weil die
überhängenden Steinklumpen genau in die eingebogene Wand gegenüber zu
passen schienen,) den ungemein steilen Weg empor. Bei jedem Tritte
rollten unter meinen Füssen die lockeren Kalksteine hinab, welche wieder
mehrere auf ihrem Fluge mitnahmen, und somit einen beständigen
Steinregen-Accord zu meiner Wanderung lieferten. Oben ist diese
Felsenkluft mit grossen Steinen und Holzwerk zwei Klafter hoch
verschlagen, so, daß nur ein kleines Pförtchen den Durchgang erlaubt.
Diese Verwahrung ist gegen Entrinnen des beim Fundersee weidenden
Alpenviehes, und wider die ungalanten Besuche der in den Wäldern umher
ansässigen Raubthiere errichtet worden. Wie man sich dieser drohenden
Scharte entwunden, grüssen zwei Sennhütten -- die Beherrscher des mit
Alpenkräutern hochumflorten Grün, in mässiger Hügelfläche den Fremdling.
Buntfärbige Kühe, denen die trillernde Dirne den reichlichen Segen des
Hochlandes abnimmt, während die lustige Gefährtin Käse und Butter
bereitet, und mit froher Miene den hungrigen Gast zum Mitessen einladet,
locken den Wanderer zum Dableiben. Aber ein Blick auf die ringsum
gigantischen Mauern, welche als der Schöpfung älteste Gränzsteine, drei
Länder[25] ewig trennen, spornt ihn aufwärts, hin auf ihr Eishaupt, dort
zu ruhen! An der Möglichkeit zweifelnd, mit gebrechlicher Kraft dieß zu
bezwecken, weilet der Schritt; doch das Auge hatte sie schon erstiegen,
hatte schon den Lohn der himmlischen Mühe empfunden, und straft den
schwächeren Fuß, der dieß zu bezwecken verzagt. Feierlich und rein wie
der Gott, der sie schuf, stehen diese Himmelspiramiden in vielfach sie
schmückenden Formen, als Muster erhabener Bilder, ohne nach Würde zu
geitzen. Ihrer Größe bewußt, verschmähen sie den Einfluß auf kleinliche
Welt, heben das Haupt zu den Sternen, den Willen des Schöpfers zu lesen,
und glorreich den jüngeren Brüdern zu spenden.
[25] Salzburg, Berchtesgaden und Baiern.
Die schönsten _Subalpinen_ schmückten mir nun allenthalben jede neue
Höhe, über die ich in nördlicher Richtung dem Fundertauern zusteigen
mußte. Schon bargen sich die jüngst erreichten Kasern (wie man sie
gemeiniglich hier statt Sennhütten nennt) abermal ins tiefe Thal, als
mir die heute Morgens vorher verkündigten Käseträger begegneten. Grosse
Steine, welche sich oben unter ihren belasteten Füssen lösten, polterten
als Vorläufer auf mich herab. Ich suchte diesem gefährlichen Steinregen
auszuweichen, und trat voreilig auf eine seitwärts begraste Felsenkante,
welche allzuglatt, mich einige Klafter zurückschleuderte. Bei diesem
Fall entlud sich mein Gewehr, pfeiffend flogen die Kugeln übers Haupt;
Geschrei der niederkletternden Alpler ließ mich mehr für ihr Unglück,
als für die fühlbaren Contusionen meines Rücken- und Gehwerks
befürchten. Doch wollte die Vorsehung hieher keine blutigen Trauerspuren
ziehen, mitleidsvoll eilten die Burschen, wäre mir allenfalls
bedeutenderer Unfall begegnet, beizustehen.
Sie erzählten, wie es unter ihnen auf so Steingeröll-Pfaden üblich sey,
einander zuzurufen, und bedauerten, es dießmal unterlassen zu haben,
weil sie wegen vorragenden Felsensteinen keinen Ankömmling vermutheten.
Es geschehe nicht selten, bemerkten sie weiter, daß beim Auf- oder
Abtriebe, wenn das Vieh nicht eng bei einander bleibe, ein tiefer unten
schreitendes Stück, von den abkollernden Steinen entweder erschreckt
oder beschädigt, fortspringe, und sich erfalle; die armen Dienstleute,
Knecht oder Sennerin, müßten dann ihrer Unvorsichtigkeit wegen den
großen Schaden büssen.
Ich erkundigte mich, ob sie den zu solchem fühlbaren Ersatze einen
grossen Lohn bezögen? »Der Lohn 8 fl. oder 10 fl. R. W. wäre eben nicht
hinreichend, aber der Entgang desselben für jährliche Bemühung immer
allzufühlbar, vorausgesetzt, daß man nicht selbst einiges Vieh
eigenthümlich besitze, von selben das verlorene Fremde zu ersetzen.«
Die Butter und Käse, welche auf diesen halsbrecherischen Wegen den
einzelnen Rücken drückten, sollten 120 Pfunde betragen; ich erstaunte
über den dazu erforderlichen Kraftaufwand, welchen sie ohne Steigeisen,
nur mit einer 10 Schuh langen, unten mit breitem eisernen Ring und
Spitze beschlagenen Stange stützen, mehr aber noch über den
unbedeutenden Werth dieser vortrefflichen Ausbeute, welche sie auf
ohngefähr 10 fl. R. W. angaben. Beim Hinaufsteigen alle 14 oder 20 Tage,
müssen sie immer vom Bauern (ihrem Herrn) Brot, schwarzes Mehl und
Aepfel (zu dem beliebten Rahm-Aepfelkoch) für die Hirtenbuben und
Sennerinnen mitnehmen, wenn anders nicht Regen oder Wind ihnen das
Emporklettern verbiethet, wo dann die Alpler bloß auf ihre Erzeugnisse
in der Nahrung sich unterdessen beschrenken müssen.
Fröhlich zogen sie hinab, und fühlten vermuthlich den Lohn eines
besseren Abendmahles, nach der heutigen Anstrengung; ihr Reichthum und
froher Muth war mit ihnen, Hoffnung beseelte sie, was braucht man noch
mehr, um auch auf Eisbergen zu jubeln?
Ich raffte ebenfalls meine zerschundene Wenigkeit zusammen, und kroch,
so beschwerlich mir es auch vorkam, über die letzte steile Höhe zum
Fundersee.
Schön und erhaben kleidet sich hier ein Thalkessel zwischen höchsten
Gebirgen, die zum ersten Male ihre beschneiten Felsenwände als die
nächsten Gränzpuncte herumstellen. Aromatische Teppiche breiten daselbst
zwischen bleichen Gestein ihr vielfaches Grün auf dem sparsamen
Erdfleckchen zur Schau; ein Kranz von seltenen Blumen flechtet sich
darüber zum Danke für die allgütige Schöpfung, die keinen Winkel der
Welt ohne besondere Zierde gebaut. Dort und da hat noch die strenge Axt
einen stolzen Zirbelnußbaum verschont, er schmückt, dieser verfolgte
Seltling, mit seinen breiten Nadelästen, eine nackte Felseninsel, die
aus dem frostigen Schnee oder durchweideten Gras höher herausstrebt,
indeß um seine Früchte, welche menschliche Begierde übersah, der
näschige Schildhahn und dessen verwandtes Alpengeflügel sich streiten.
Ruhig das Gute zu preisen, was in dieser ätherischen Höhe zum Nutzen der
Dürftigen sich entwickelt, und geduldig der Elemente Geiselhiebe hier
muthvoller zu ertragen, biethen da sechs Kasern dem abgeschiedenen
Alpenvolke hinlängliche Gelegenheit. Schlechte, von rohen Steinen bloß
zusammengesetzte Hütten, wodurch Wind und Regen überall seine Kanäle
findet, mürbe steinbeschwerte Dächer, in welchen die breiten Fugen
Fensterstelle vertreten, und eine um den Vorsprung des Daches errichtete
Umzäunung aus dünnen Bäumchen, sind die erfreuliche Residenz dieser
Alpenbeherrscher, und der Zufluchtsort ihrer vierfüssigen Unterthanen in
den Tagen der Noth.
Herab stürzt ein silberner Gießbach von den Kalkwänden des Fundertauern,
und nährt fortwährend die Wasserhöhe des blauen Fundersees, der eben
groß genug ist, zwischen den Kasern bemerkt[26] zu werden; übrigens möge
er, obgleich man vom flachen Ufer auf einige Klafter weit hineinwaten
kann, gegen die Mitte zu sehr tief seyn, was ohne Kahn, zu erproben
unmöglich ist; eben so konnte ich nicht beurtheilen, ob Fischerei dem
Fleisse entspreche, da man ihn noch nie anzuwenden schien. Da dieser See
keinen sichtbaren Abfluß hat, so möge er seinen durch geschmolzenen
Schnee u. dgl. bisweilen reichlicheren Wasservorrath, mittelst
unterirdischen Kanälen absetzen. Das merkwürdigste deuchte mir jedoch,
an ihm einen der höchst gelegenen Seen in Europa zu betrachten, wenn
auch sein Wasser sogar als ungesund, für das Vieh verschmäht, und selbes
aus dem Funderbache getränkt wird.
[26] Desto größer, oder bisweilen gar nicht angegeben ist er auf den
Landkarten.
Alpenwirthschaft.
Wohlgenährt, von des Stieres kräftigen Gebrülle begleitet, durchziehen
die Kühe das Thal, kein Platz ist ihnen unbekannt, der bessere
Leckerbissen bringt, hie und da wagt eine zuviel; schnell siehts der
sorgsame Hirte, und sein warnender Ruf bringt die Kühne zurück.
Vier Kasern waren bereits unbewohnt, die Nachtfroste, nicht Mangel an
Futter hieß auch die übrigen zwei, morgen (den 16. Sept.) verlassen. Ich
war froh, für heute wenigstens noch Unterkunft und Nahrung zu finden, da
mich der nahe Abend und die erlittenen Quetschungen zur Ruhe zwangen.
Man war eben mit Zusammenpacken beschäftigt, als ich zu jenem Endzwecke
eine der Kasern betrat. Ohne Umstände bekam ich einige Schalen Milch,
Butter, Käse und steinhartes Brot. Zum Nachtessen versprach die
Brentlerin (Sennerin) etwas Uebergutes zu bereiten; jedoch müßten Alle
(ich mitgerechnet) brav zusammenhelfen, die Kasern und hier bleibenden
Geräthe für zukünftigen Sommer wohl zu versorgen. Nun wurden Troge und
Becken, Brennholz und Bänke in die leeren Hütten geschleppt, die
trockenen, im Sommer hindurch gesammelten Futterkräuter, zur Hälfte
unterm Dache für kommenden Frühling verwahrt, zur Hälfte in kleine
Bündel zum Mitnehmen fest zusammengebunden; endlich nachdem die Thüren
und Fensterchen geschlossen, wurden sie überdies noch mit Holzwerk und
Steinen umlegt. Dieß sey nöthig, sagte der Hirt, um die Kasern von den
fürchterlichsten Winterstürmen und abstürzenden Schneelavinen nicht
wegrücken zu lassen. Nachdem auf diese Weise gesammter Wille diese
Aufgabe beendigt hatte, traten wir zum Pallaste unserer Regentin, die
während dessen ihre anvertrauten Kühe in die Einfriedung um die Hütte
versammelte, und eine Rede zu halten schien, eigentlich aber sie einzeln
untersuchend, ihnen Danksprüche über das gute Aussehen ertheilte. Darauf
bekam jede der Belobten eine Handvoll Kleefutter und wurde gemolken.
Mich wunderte die geringe Ausbeute solch schöner vielversprechender
Kühe: »Ja sonst,« erhielt ich zur Antwort »lieferte freilich eine acht
bis zehn Maß guter Milch, nun aber muß man froh seyn, drei bis vier Maß
täglich zu bekommen, die Kälte raubt ihnen die Milchsäfte!«
Nun lagerten wir uns in die Hütte, die, wenn sie auch hier Kasern
genannt wird, doch mit allen Sennhütten, Schwaigen etc. in Form und
Einrichtung genau übereinstimmt, nur daß sie anderswo meistens aus Holz,
statt, wie die hiesigen, zur Hälfte aus Steinen bestehen. Vielleicht
interessirt deren nachfolgende Beschreibung.
Man denke sich eine vier Klafter lange, 2° breite 1° hohe, durch
Breterwand in zwei Hälften getheilte Barake, wovon jene mit der
Eingangsthür, ohne Fenster und Dachboden, nur mit Sitzbänken und einem
kleinen, im Winkel errichteten sechs Zoll hohen Feuerherd versehen ist,
über dem auf fester Kette oder Baumaste der höchst wichtige Eisenkessel
hängt; ein lückenähnliches Pförtchen führt durch vorbenannte Breterwand
in die andere Hälfte, welche ebenfalls den Fußboden von gestampften
Tigel oder Erde, zwei Fensterchen hat, zum besseren Luftzuge für die
daselbst auf Breter-Gestellen herumgereihten Käse, angefüllten
Milchbecken und irdenen Geschirre mit Butter; nebstdem ist hier die
Vorrathskammer für etwas Mehl, Brot, Obst und sonstigen Besitz der
Sennerin und ihrer Gehülfinnen. Dieses Proviantmagazin ist durch eine
Breterdecke vom Dache geschieden, auf welcher das sparsam gewonnene
Futter bereits getrocknet aufbewahret wird, und nebst einigen Kotzen die
Lagerstätte für die Dirnen ausmacht. Die Hirten schlafen entweder in
einer besondern Hütte, oder in der ersten Abtheilung auf einer Bank.
Innerhalb der Umzäunung, rings um die Hütte, wird das Vieh nur gegen die
Abtriebszeit bei Nacht eingeschlossen, weil es auf solche Art
zusammengedrängt, und einigermassen vom Dache beschützt, die schon
kälteren Nächte leichter erträgt; zu anderer Zeit können die Kühe ruhen
oder nächtlich herumwandeln, wie es ihnen beliebt.
Die Sennerin, welcher als Haupt der Kasern, Hirte und mindere Dirnen
untergeordnet sind, hat (für den Sommerlohn pr. 5 fl. R. W. und einige
Kleidungsstücke) nebst der Obliegenheit für das Vieh, Butter- und
Käse-Bereitung, auch noch die Kochkunst auszuüben. Obgleich nun diese
sehr einfach ist, so weiß doch Eine vor den Uebrigen bisweilen ihren
Lieblingsspeisen besondere Würze zu geben.
Ich, zwei Dirnen und ein Hirtenjunge saßen, manches besprechend, auf
Bänken um den Herd, letztere lösten einander zeitweis ab beim
Butterrühren, während die thätige Sennerin zuerst in den grossen Kessel
Stücke Butter warf, darauf Mehl, und dieses röstend, immer etwas Milch
nachgoß, bis das Ganze eine braune brockenartige Masse bildete; nun
wurden geschälte Aepfel stückweise hineingeschnitten, etwas zerrührt,
dann dieses Quodlibet in eine hölzerne Schüssel entleert, mit tüchtiger
Portion Rahm übergossen und insgesammt verzehrt; einige Maß Milch
vertraten dabei den Tafelwein, und das dürre Brot konnte somit leichter
hinunter gewürgt werden.
Das lästigste bei diesem -- schwelgerischen Preismahle! war der unselige
Rauch, welcher die Hütte dermassen anfüllte, daß ich kein Auge öffnen
konnte. Den einzigen Ausgang gewährten ihm die Lücken zwischen den
Steinen und Dachbretern, weil die niedrige Thür, der zunehmenden Kälte
wegen, geschlossen wurde, und die Alpler sich lieber mit gewohnten
Rauch, als mit frostelnder Nachtluft herumbalgen.
Nachdem wir gesättiget, wurden die vierfüssigen Zöglinge betreut; der 20
Maß fassende Kessel, mit abgegossener Käsemilch etliche Male angefüllt,
gab den Kühen, besonders aber den Kalbinen einen warmen Abendtrank. Nun
wurde abermal Holz aufgeschürt, Wasser im Kessel erhitzt, und damit alle
Eisen- und Holzgefässe, das Butterfaß mitbegriffen, auf das blankeste
gesäubert. Manch großthuende Gasthausköchin in Städten müßte vor solcher
Reinlichkeitsliebe auf Alpen, in ihrer Küche erröthen; wenn nur damit
derer Besserung bezweckt würde!
Die Nacht schien mir ewig zu dauern. Auf der ebenen Bank hingestreckt,
nur meine Jagdtasche unterm Kopf und zerrissene Kotzendecke über den
Anzug, lag ich Anfangs durch Rauch und Flamme beinahe geselcht, und
doppelt schmerzlich wegen der jüngst erhaltenen Contusionen. Später als
die Flamme erlosch, tumelte sich Schneekälte in der Hütte herum. Das
Schnarchen des neben mir liegenden Hirten, und beständige Geläute der um
die Hütte herum eingeschlossenen Herde, war in beständiger Bewegung!
Endlich brachte mir die Ermattung doch den willkommenen Schlummer.
Der erste Lichtstrahl mußte Wecker zum Aufbruche seyn; denn noch
herrschte Dunkel in der Hütte, als schon die Sennerinnen auf kleiner
Leiter herabstiegen vom Dachboden, die Kienspähne statt den Kerzen
wieder anzündeten, Feuer machten, Kühe melkten, und die gewöhnlichen
Arbeiten verrichteten, welche ich nimmer wieder anzusehen begierig war.
Wunsch und Bestimmung trieb mich weiter, obgleich die gutmüthigen
Anachoreten mir durchaus erst ein Frühstück von warmer Milch und
geröstetem Brot machen wollten.
Der Hirtenbursche begleitete mich eine geraume Strecke, und zeigte mir
dann einige Merkstellen, über welche der halsbrecherische Gangsteig zum