Hügelthale, das besäet mit Hütten und Häusern, durchflochten von
Wäldchen und Wiesen, beschimmert durch der abstürzenden Bäche murmelnden
Streif, und umwunden von den Stachelgürteln der Alpen mit ihren
beschneiten Spitzen, ein zauberisches Blendwerk magischer Kunst schiene:
wären nicht Gegenbeweis, rüstige Arme, die allenthalben ihr thätiges
Daseyn verkünden. So eilen über der Fluren gemähtes Grün die munteren
Dirnen zur Heimath, nicht fühlend die wiegende Last der duftenden
Kräuter, nur des Lobes gewärtig der emsigen Herrin. Dort über die
steinige Höhe schleppen wohlgenährte Rinder die astlosen Lindenstämme zu
mancherlei Arbeit bestimmt, in die entlegene Scheune; die Brust kracht
im krummen Joche, ihre Gewalt erstickt, Meister und Gesellen müssen sich
mühen, mit schwächerer Kraft die gedämpfte Stärke zu unterstützen, die
Axen knarren empört, doch menschlicher Wille vollbringt.
Von des schwarzen Domes zugespitzten Marmorthurme schallet vielglockiger
Ton echovermehret herüber, er scheinet ein Fest zu verkünden, ob Trauer,
ob Lust zur Sprache ihn rief? -- es sammeln sich Bewohner des Marktes!
Friedlich umschliessen desselben 142 zerstreute Wohnhäuser, die nach den
Vermögensumständen der 1000 Einwohner, theils von Holz, theils von Stein
aufgeführt sind, ihre drei längst erbauten Kirchen; was den ärmlichen
Wohnungen und krummen holperigen Gässen an Anmuth fehlt, das ist den
meisten Gesichtern der freundlichen Bewohner aufgeprägt, die gerne den
Fremden unterweisen, in die Werkstätten der Künstler und Professionisten
ihn führen, und den Dank seiner Willkühr überlassen.
Ferne über des Marktes Bereiche wirbeln sich schwarze Dünste in Wolken
zusammen; höher breitet sich unter ihnen die Finsterniß, von jenem
Winkel scheint die Nacht ihre Bothen zu senden; ein Windstoß -- und
zerrissen ist der täuschende Schleier; das schöne Pfannhaus zu Fronreit
zeigt sich dem Fremden mit all dem Glanz und Grossen, wie sich der Stolz
dem geringeren Anblicke nur zeitweis zur Bewunderung überläßt.
Ich wanderte durchs Unthal, die Gasse des Vormarktes; Lärmen und Jubel
beim Wirthe _Springler_ um die zehnte Vormittagsstunde, schien etwas
mehr als gewöhnliches Sonntagsfest zu verkünden, auf meine Frage bekam
ich mehrstimmiges Hozet
(Hochzeit)
zur Antwort. Unglaublich! kaum zwei Stunden vom Salzburgischen entfernt,
und einen Rasttag! ohne früher den preiswürdigen Königssee zu bewundern?
Dieß hätte ich nimmer gedacht; aber auch eben so wenig, Zeuge einer
Hochzeitfeier zu seyn, wo mitten im Gebirgslande die kräftigsten
Burschen und hübschesten Dirnen bei Tanz und Jubel sich ergetzen; dieser
Seltenheit kann man wohl einen halben Tag widmen.
Bei meinem Eintritt überzeugte ich mich alsobald, daß des Bachus siegend
Panier auch in die entfernteste Gebirgsschlucht gedrungen; denn schon
hatte die Freude oder der Wirth manchen der männlichen Gäste zu
freigebig mit Wein überladen; die Macht des Geistes, oder die Schwäche
der Füsse warf dann den zu stark Durstigen röchelnd in einen Winkel des
Zimmers, während die Anderen diesem bald zu folgen, mit vollen Gläsern
ein Spottlied über den Gesunkenen anstimmten. Nun kommt der Bräutigam am
Arme seiner Auserwählten. Ein ausgelassenes Zurufen tönte aus allen
Kehlen dem Brautpaare entgegen, wofür sich beide durch zwei geleerte
volle Gläser bedankten. Alle die nicht zur Hochzeit geladen waren,
mußten nun den Saal räumen, jedoch gönnte man mir als Fremden freundlich
mein einsames Plätzchen, was mich einigermassen die Trunkenheit dieser
Leute wieder vergessen machte.
Nach dem Mahle, wo wirklich Ueberfluß herrschte, und ich so ziemlich die
ungezwungenen Naturmenschen zu erkennen Gelegenheit hatte, gab Jeder
seiner Dirne, welche während des Essens schon hinlänglich abgeküßt
wurde, seinen Arm, und man tanzte, daß der Boden durchzusinken schien;
mir wurde des Klatschens und Singens wegen für mein Gehör bange, und
schwerlich hätte man einen Büchsenschuß wahrgenommen; ich fand aber an
der Behendigkeit einiger nicht mißgestalteter Dirnen, sich um den Finger
ihres Tänzers etliche zehnmal zu drehen, Behagen, und duldete dieses
Allarmgeschrei ein paar Stunden; nun wurden mir aber diese Zeremonien
lästig, und ich eilte von dannen.
Was den unmässigen, ja ausserordentlichen Hang zur Schwelgerei im Essen
und Trinken bei ähnlichen Feierlichkeiten anbelangt, muß ich freilich
nur die Vergebung des nüchternen Beurtheilers ansprechen, und zwar um so
mehr, als diese ohnedieß sehr dürftigen Bewohner nicht selten einige
ihrer Möbeln oder Werkzeuge veräussern, um einen Tag (wie sie sagen,)
recht aufhauen zu können. Doch auch hier wage ich, zwar nicht um sie
ganz zu entschuldigen, anzuführen: daß gerade darin der Grund ihrer
sonstigen Nüchternheit und steten Fleisses beruht.
Als minder gebildete Menschen kennen sie die Wohlthat der Enthaltsamkeit
nicht; würden sie aber täglich, wie anderwärts wohlhabendere Männer, nur
etwas schwelgen, so wäre ihr Verdienst und Arbeitslust verschwunden, und
Berchtesgaden hätte eben so viele Bettler, als es Bewohner zählt; so
aber fand ich nicht Einen! Man zecht einmal, denkt jahrelang an das Gute
und Nachtheilige dieses seltenen Tages, arbeitet, um das Verschwendete
hereinzubringen, und sich vor ähnlichen Ausschweifungen möglichst zu
hüthen. Wer wenig hat, und sich auf Weniges beschränkt, spart meines
Erachtens mehr, als der viel hat, und sich im Mehreren beschränkt.