zu gewinnen, entschädigten nicht die prächtigen Prospekte auf das
Salzathal und dessen Umgebungen, besonders aber die Strassen und Höfe
Halleins, in die man, ihre Geheimnisse erspähend, wie von einem Thurme
hinabblickt. Einzelne Baumgruppen ernähret hier und da ein Fleckchen
Erdreich auf dem mageren Kalk- und Marmorgrund des Dürenberges, desto
schöner wuchern dagegen _Subalpinen_ für den Botaniker. Dem Kothbache,
welcher durch die Kluft dem Wanderer in kleinen Fällen entgegen eilt,
aufwärts folgend, erreicht man endlich nach drei Viertel Stunden die
steilste Höhe, wo auf grünender Fläche das 1060′ über Hallein messende
Dörfchen Dürenberg mit seiner aus rothen Marmor gebauten Kirche sanft
ruhet. Die Bewohner der 32 Häuschen werden zum Salzbergbau verwendet,
sie sind gutmüthig und besonders gegen Fremde zuvorkommend.
In das Gasthaus brachte mir ein Bergknappe den gewöhnlichen weissen
Oberrock, eine Kappe, Rutschleder, Handschuhe und weichen viereckig
gehobelten Stab, eine halbe Berglachter lang, worauf die Stürfe und
Punkte eingebrannt waren.
Nachdem ich mich mit diesen Insignien eines Bergmannes weidlich
ausgestattet hatte, kletterten wir, weil im
Freudenberger-Hauptstollen[17] eben wesentliche Verbesserungen in der
Auszimmerung[18] Statt fanden, dem höher liegenden
Leonhartsberger-Stollen zu.
[17] Haben meistentheils gleichen Raum, nemlich 6′ Höhe, am Boden 4′
Breite, 2′ an der Mitte, und 1½′ am Himmel; die Zimmerung macht
natürlich den Stollen verschiedentlich kleiner.
[18] Ist von dreierlei Art, denn je lockerer die Lehm- oder Erdmasse
ist, desto stärker muß die Auszimmerung seyn. Die erste Gattung
derselben, wo nur wenig Senkung von festerer Gebirgsart oder
Einwirkung der Tagesluft (Wetter) zu besorgen ist, besteht aus neben
einander gereihten Thürstock-ähnlichen Schwartlingen von 3¼″ Dicke; wo
diese einfache Zimmerung nicht zureicht, wird die zweite Gattung --
fünfzollige Baumstämme, oder die einfache Zimmerung mit sie
unterstützenden Pfosten, am Firste und denen Seitenwänden als stärkste
Schützerin angewendet. Sind diese Pfosten nach Monaten oder Jahren
gebrochen, so werden sie durch neue ersetzt, nachdem vom vorstrebenden
Berge so viel abgegraben wurde, daß das Ebenmaß wieder hergestellt
worden ist.
Solche Reparaturen gehen periodisch vor sich, weil man sonst Gefahr
läuft, daß entweder das Werk ausgetränkt werde, oder die weichere
Erdmasse sich senke, und so der Stollen zusammenwachse.
Mit einem Grubenlichte in der Hand, dem ebenfalls leuchtenden Knappen
folgend, muß man dennoch sehr behuthsam seyn, wegen Ungeschicklichkeit
nicht ausgelacht zu werden; denn sich an den Ulmen (so heissen die
Seitenwände), und am Firste (Himmel oder Decke, kaum 5½′ hoch),
anstossen, oder die drei an der Sohle (Boden) neben einander liegenden
Gestänge (Pfosten), zum Gehen und Fahrkleise für die zweirädrigen
Truhen, (oder Hunde wie man diese Karren hier nennt), verfehlen, und
darneben hinab in das sich sammelnde süsse Wasser oder in die sumpfige
Lehmerde treten u. d. gl., werden als Hauptfehler angesehen und
bescherzt; eben so unpassend ist es, eine der Sulzströhne (Röhren) zu
berühren, worin die Salzsohle aus den Wehren in die Sulzstuben, und von
da aus die entlegenen Pfannhäuser geleitet wird, so wie die, welche das
in den Bergwerken sich sammelnde und entweder als überflüssig, oder für
die Sinkwerke nicht anwendbare süsse Wasser aus dem Stollen schaffen.
Ich hatte das Unglück, mich immer tief bücken zu müssen, und willigte
daher gerne in den Vorschlag, im Karren die Wanderung zu versuchen. Ein
Knappe leuchtend, schritt vor, ein Anderer schob nach, und so ging die
Fahrt durch den engen Stollen im Galoppe von Statten. Kommen Andere mit
ähnlichen Karren, worin der Schlamm oder Unberg herausbefördert und in
den Kothbach zum Fortschlemmen geworfen wird, entgegen gefahren, so sind
abwechselnd entweder in der Thonerde ausgegrabene und vertäfelte, oder
nachdem der Bergstoff ist[19], in Marmor gemeisselte Vertiefungen wie
Nischen, in die der Eine mit seiner Equipage sich bequemen muß, bis die
Anderen vorbei passirten. Einige hundert Klafter mag man so beinahe
horizontal hinein gedrungen seyn, als es nun aussteigen und dem
Huthmanne folgen heißt. Nunmehr werden die Schachte[20],
Schüttpütten[21], Probieröfen[22], Ankehrschürfe[23], Wehrkästen und
Sinkwerke erklärt und gewiesen, welche Priester und Laien der Bergkunde
höchst interessiren.
[19] Die wesentlichsten Stein- und Erdarten des Salzberges bestehen in
Marmor, gelb und graulich-weissen Kalkstein, Gips, grau und
lettenartigen -- bisweilen Schieferthon u. d. gl.
[20] Schachte sind kleinere ausgezimmerte Stollen im salzreichen
Berge, worin man von einem Sinkwerke zum anderen gelangt.
[21] Schüttpütten sind den vorigen an Grösse und Zimmerung gleich,
jedoch mit einer perpendikulären Richtung, befinden sich im tauben
Gebirge, und gehören nur zur Beseitigung des im Berge vorfindigen
Lettens, welcher im Stollen nicht füglich hinausgeschafft werden kann.
[22] Probieröfen sind eingetriebene schachtförmige Erweiterungen im
Berge, Salzlagen zu erforschen, aus deren salzreicheren in der Folge
Sinkwerke entstehen.
[23] Sind die künstlichen Vorrichtungen, womit die Probieröfen und
Sinkwerke mit Letten und Zimmerung verschlagen, die Salzsohle
gesichert und sodann abgelassen wird.
Die Anlassung der Sinkwerke, entweder durch Selbstwasser (welches sich
im Berge sammelt), oder durch äussere Bächelchen (Tagwässer) mittels
Tagschürfen, (schiefe Stollen, welche ausgedielt mit Bretern bewändet,
an der Sohle zu beiden Seiten Röhren, um Wasser zuzuführen, und Leitern
zum Auf- und Abklettern der Knappen besitzen), hat man weniger
Gelegenheit selbst zu sehen, sondern muß sich mit gründlicher Erklärung
begnügen; desto sicherer wird man von dem seltsamen Eindrucke
überwiesen, den solch ein aufgelassenes Sinkwerk bei gehöriger
Beleuchtung auf den Fremdling macht. Sollte eine 50° lange, 30° breite
und kaum 6′ hohe Höhle, welche mit den herabhängenden und am Boden
liegenden schon niedergestürzten Bergklumpen, wie der zahnreiche Rachen
eines wunderbaren Ungeheuers mit feurigem Hauche den Fremdling umfaßt
und zu zermalmen droht, der dumpfe Ton der ferne befliessenen Häuer,
welcher den Berg zu werfen scheint, die verhallenden Worte der Sprecher,
wie hohle Stimmen erstandener Geister, endlich die schlechte, jeden
Ungeweihten ängstigende Luft, nicht auf den Fremden ausserordentlich
wirken? Diese Sinkwerke sind die unmittelbaren Fundgruben der
Salzausbeute, wenn sie mit süssem Wasser angefüllt, nach 30 oder 40
Tagen (nachdem der Salzstoff reicher und leichter zum Auflösen ist),
eine 25½ Grad wiegende Sohle abgeben; 325 Eimer Sohle liefern dann bei
gutem Sude 100 Zentner Kochsalz. Daß diese Sinkwerke eine ungleiche
Quantität Sulz erzeugen, versteht sich von selbst; die kleinsten welche
14,000 bis 60,000 Eimer fassen, können jährlich zwei bis dreimal
angelassen werden; die größten von 208,000 bis 500,000 Eimer, höchstens
alle drei Jahre einmal.
Nach jedesmaligem Ablassen der Sohle erweitert sich das Sinkwerk, theils
durch das aufgelöste Salz, theils durch den sich mitauswaschenden Lehm
oder Unberg, der als Schlamm den Boden bedeckend, mit den Truhen
(Hunden) zu Tage befördert werden muß. Sind die Sinkwerke endlich zu
groß, daß entweder die Ausräumung (Säuberung) zu viel kostet, oder der
Salzstock hie und da zu erschöpft ist, so wird es aufgelassen (nimmer
betrieben), und anderswo Probieröfen und Sinkwerke angelegt.
Vom Sinkwerke wieder umzukehren, oder weiter die Wanderung in des
_Plutus_ labyrinthisches Reich fortzusetzen, überläßt man dem Gaste, der
gerne letzteres wählt. Nun heißt es Klettern oder Rutschen, wozu die
Rollen (ausgezimmerte 3′ breite Schächte, mit einer ungefähr 40 gradigen
Neigung) Gelegenheit biethen. Strebt man abwärts, so muß man sich
bequemen, darin auf zwei, schuhweit neben einander hinablaufenden
glatten Bäumen, rechts mit einem Stricke versehen, der mit Hand und Fuß
zu umfassen ist, nieder zu rutschen, aufwärts aber, die zwischen diesen
Bäumen fortlaufenden steilen Stufen, mühsam zu ersteigen. Beides scheint
den Fremdling beim ersten Anblick ängstigend und gefahrvoll, die Probe
erst zernichtet den Wahn. Mich ergetzte diese Flugfahrt wie jedes
Besondere, zündete das verloschene Grubenlicht immer geduldig wieder an,
besah noch mehrere Wehren, Sinkwerke, Probieröfen etc., und kam so mit
Vogels Schnelle in den untersten Wolf-Dietrich-Stollen, welcher gegen
den zuerst besuchten Leonhartsberger-Stollen, eine Senkung von 1000′
haben mag. Hier wird man aufmerksam gemacht auf die ungemeine Dauer der
Stollenauszimmerung im salzreichen Berge, die vor zehn Jahren
verfertigt, besser erhalten ist, als jene, welche im tauben Gebirge kaum
so viel Monate zählt. Am vortheilhaftesten rentirt sich der Stollenbau,
wenn er durch festes Gebirge, wie öfter im Dürenberge, auf weite
Strecken durch Marmor leitet; denn obgleich die erste Ausgabe des
Durchbruches ungemein mehr beträgt, so währt sie dagegen, ohne Zimmerung
und Reparaturen, für die Ewigkeit.
Ein Karren nahm mich sodann wieder auf, und rollte, durch die
Behendigkeit zweier Knappen beflügelt, dem Mundloche (Eingangsstollen)
zu. Das Tageslicht blitzte entgegen, grösser und weiter wurde die Lücke,
reinere Luft wirbelte die Locken der Eilenden, ich tauschte den Tag um
die Nacht!
Meine wohlbenützte Maske abgelegt, betrachtete ich noch einmal mit
Ehrfurcht den Salzberg, der so viel Grosses, Wohlthätiges in seinem
Innern verschließt, und in dem die sinnenden Männer so manche
Preisdenkmähler ihrer Wissenschaft und Geschicklichkeit sich bauten, und
wanderte befriedigt hinab.