zu erreichen. Dieser 61 Häuser zählende Markt, obgleich gegen seinen
einstigen Werth bedeutend verringert, ist das Asyl der Reisenden und
Stolz der Umgebung. Hier trifft man nicht nur Häuser mit Stockwerken,
sondern auch Keller, die genußbaren Wein, und Wirthe, die
wohlzubereitete Speisen liefern. Die Einwohner sind gutmüthig, und was
in einem solchen Eiswinkel am meisten auffällt -- nicht neugierig! Ihr
mässiger Feldbau, Bearbeitung des dasigen Kuferbergwerkes, so wie die
Viehzucht, welche auf den zahlreichen Alpen den besten Gewinn biethet,
fesseln sie zu sehr, um nicht Anderer Thun und Lassen zu bekritteln.
Rechts, auf frischer Wiesenhöhe, steht ein alter Wartthurm, gleich dem
hinfälligen Greise auf geschmücktem Tanzboden -- der sich grell
unterscheidet, und belächelt wird.
Meinem Wunsche gemäß weckte mich der grauende Morgen zur Tauernreise.
Ich eilte von frostelnder Morgenluft gestählt, durch Dürenwellach, einer
etwas höher liegenden quasi Vorstadt, zum Kalvarienberge hinauf.
Einzelne Baumgruppen scheinen daselbst durch Kunst ihr Daseyn bekommen
zu haben. Der Rückblick von hier genießt zuletzt das wilde _Möllthal_.
Bald wird die Gegend verworrener; der abstürzende Malnitzerbach, noch
frei und unabhängig, will seine Kraft der ihn verstossenden Heimath
fühlbar machen; tief gräbt er seine Beete, reißt die Felsen auseinander,
und wirft zentnerschwere Steine wie Saaten der Zerstörung spielend um
sich. Ein hochstämmiger Nadelwald strebt milde, unter seinem Schatten
diese Bosheiten dem spähenden Tage zu verhüllen; einzelne Hüttchen und
Mühlen, furchtsam aufblickend, suchen von diesem Gewaltigen Nutzen zu
ziehen. Nachdem man so dritthalb Stunden geklettert, stürzt plötzlich
ein dünner Wasserstrahl -- der Stäudenbach, von mehr als 200 klafteriger
Höhe über schwarze Felsenwand, gegen die der weisse Schaum des Falles
wunderlich absticht, auf gerundete Klippen herab, sein Daseyn in
felsiger Kluft zu begraben. Kaum daß man sich dieser angenehmen
Ueberraschung entzieht, erwartet den Fremdling die zweite. Der Wald
hörte bereits auf, nun öffnet sich eine weite Ebene, von
schneeumschürzten Alpen schroff und steil, gleich Himmelsmauern
umschlossen; Roggen und Weizen reift auf den Aeckern; abgelöste
Felsenstücke wie mit den Saaten gebaut, heben sich hie und dort aus dem
Grünen; im Hintergrunde scheint ein Kirchlein und wenige Hütten aus der
ebenen Flur den Reigen zu tanzen -- man ist im
Dorfe Malnitz.
Klee hing zur Dörre auf Harfen geschlichtet, Roggen und Weizen war mit
Ende August noch unreif am Felde! Mais bildete kleine Einfassungen an
diesen; doch von Heidekorn, Bohnen oder Erdäpfeln hatte ich nichts
bemerkt. -- Wie viele Schicksale mußte der Mensch erleben, wie so
manches versuchen, bis ihn die Noth zwang, aus lachenden Fluren in die
riesigen Winkel der Alpen zu ziehen, und Samen, in Asiens Zonen nur
heimisch, zu seinem Unterhalt in _Sibirien’s_ Klima zu bauen! Hier ist
sieben Monate Winter, und die anderen fünf theilen sich in Thauwetter
und drückende Hitze. Man zeigte mir drei Klafter hoch am Kirchthurme
einen Strich, so hoch war vor einigen Jahren der Schnee; es mußte dann
nothwendigerweise das ganze Oertchen unsichtbar, und die Bewohner dem
Ersticken, Erfrieren oder Erhungern nahe seyn.
Die Kinder liefen, wie ich mich den Häuschen näherte, scharenweise vor
mir, andere krochen auf Händen und Füssen hinter Bindeln von Reisig, und
schrien erbärmlich, statt das dargebothene Geschenk anzunehmen. Diese
Anachoretenfamilie bildet unter sich eine Art Republik, abgesondert und
unbekümmert um die fröhlichere Welt, säen, ernten und verzehren sie
untereinander, was Boden oder Viehzucht spendet. Fremde Müller,
Fleischer und Handwerker entbehren sie leicht bei eigenem Besitze, nur
etwa Wein muß mühsam heraufgeschleppt werden; er dient zu ihrer
Aufheiterung in den Tagen des Schreckens, und zur Labung der Reisenden,
die über den Tauern wandernd hier gerne verweilen. Der Wirth, so wie die
anderen Bewohner, sind gutmüthig; Luxus, Heuchelei und Eigennutz, diese
Pestbeulen verderbter Menschen, sind noch nicht über die Berge hier
zugereiset; leider hat aber auch Erziehung, Gelehrigkeit und Bildung den
Weg hierher verfehlt.
Mehrere Stunden von jedem Dörfchen, und Tagreisen von kleineren Städten
geschieden, leben sie zwischen ihren bekannten Felsen und leuchtenden
Schneefeldern. Den Genossen entsprechend ist ihre Lebensweise hart, ihre
Habe dürftig wie der Alpenbach, ihr Vergnügen und Hoffnung -- bessere
Zukunft! Und so gräbt sich unverdrossen alljährlich der Bauer die Wege
zum Leben durch Schnee; bewohnt die Hütte, dessen schneebeschwertes Dach
die Mutter einstens erdrückte; stürzt mit dem Spaten den Acker, worauf
der Vater erfror; oder holet das Holz von der Klippe, wo lockere Steine
den Bruder erschlugen. »Warum nicht einen Freund in der Natur suchen?
warum sich mit feindlichen Elementen um Bissen Brot, um Handvoll Gras
herumbalgen?« könnte mancher Prasser im Prunkgemache sich wundern!
Der hierortige Pfarrer ist meines Erachtens am meisten zu bedauern. Er
hat Niemanden, von dem er erheitert werden könnte; an seinen Bezirk
gebunden, muß ihm nur Lektüre, die zu oft gesehene Wildniß versüssen;
unglücklich, wenn er auch diese entbehrt!
Im Wirthshause genoß ich etwas von dem Bocksfleische, das zwar nicht
wohlschmeckend, jedoch durch die Alpenkräuter besser, als in flachen
Ländern ist. Der Wanderer wird in Gebirgsgegenden zur Sommerszeit
durchgehends damit geplagt; weil man es später des stärkeren Geruches
wegen nicht gerne benützt, und Geisse und Böcke weit leichter auf Alpen
sich vermehren, als Schafe, die dann für den Winter aufbewahrt werden;
Rindfleisch ist übrigens eine höchst seltene Speise. Der Wein hätte in
diesem Dörfchen viel sauerer seyn können, ohne verschmäht zu werden.
Indeß ich mir auch meine Reiseflasche damit anfüllte, kamen einige
Bauern, mir gutmüthig ihre Dienste als Wegweiser anzubiethen. Um
angenehmer, und nicht im Sturmmarsche den Tauern zu überspringen,
glaubte ich keinen zu bedürfen, weil der Weg, wo auch bisweilen geübte
Saumrosse empor klettern, ohnedieß zu ersehen sei; und so hatten auch
ihre Schilderungen von mancherlei Gefahren keinen Erfolg.
Lederne, mit Stroh gefüllte Pölster, welche auf den Bänken herum lagen,
sollen nach meiner Anfrage zu Ruhebetten dienen, worauf die Bauern,
welche zu gewissen Zeiten über den Tauern nach Salzburg reisen, ihre
Gefährten erwarten, um mitsammen die Reise zu vollführen; gewöhnlich
nehmen sie dann kleine Bretchen mit, auf selben über die Schneefelder
streckenweis hinabzurutschen. Einige der Kühnsten wagten schon zur
Winterszeit diese lebensgefährliche Reise; Mehrere wurden dadurch ein
Opfer ihres unüberlegten Unternehmens, ein plötzlicher Wind, Nebel,
Schneegestöber, oder erschlaffende Kraft in den nassen Gliedern -- und
das hohe Grab umschloß sie mit frostigen Armen: dennoch schreckt andere
Wagehälse weder Beispiel noch Gefahr, sie spielen mit ihr, weil sie
nicht des möglichen Verlustes gedenken.
Malnitzer-Tauern.
»Glück zu übern Tauern!« riefen mir die ehrlichen Wirthsleute nach, als
ich das Dörfchen verließ; Sumpf umgab es hier, der eben so, wie bald
darauf die, aus lockeren Steinen gebildete Fläche, von dem oft gräßlich
wüthenden Malnitzer-Bache unterhalten wird. Ruhig spielte sich nun das
niederstrebende Schneegewässer mit den durcheinander geworfenen Zeugen
seiner Rache. Durch Gässen grosser Granitblöcke und entwurzelter
Lärchenstämme, muß man entweder springend oder durchwatend, den Bach
eine Strecke aufwärts verfolgen. Hie und da hatte sich zwischen diesen
Verschanzungen etwas Erdreich gesammelt, magere Pferde schnell diese
Plätzchen findend, verzehren den üppigen Graswuchs darauf.
Ueber Sandbänke von Gneis und Glimmerschiefer, durch die Sonne erglüht,
gelangt man sonach in hohen Wald, man muß aber desto steiler klettern,
und also erleichtert sich nichts. Rechts und links sind die Bäume, dem
Wanderer den Pfad zu zeigen, etwas angepicht, man steigt eine halbe
Stunde über ihre hohltönenden Wurzeln, dann werden die Stämme niedriger,
durch Moose bartiger, und hören plötzlich auf. Nun betritt man eine
grosse Alpenwiese (Mahde genannt), so steil und glatt wie Eisdach;
einige Burschen auf Steigeisen sind eben mit Abmähen des kurzen Grummets
beschäftiget, muntere Dirnen, Triller wirbelnd, welche nur die Natur sie
lehrte, sammeln die getrockneten Kräuter mit Rechen, und häufen sie zu
Ballen, gleich der ersten Heuernte, die ebenfalls zum Wintergebrauche,
mit Steinen und Holz vor Absturz gesichert, herumsteht.
Ein duftendes Aroma sind diese abgemähten Herbarien, man kann sich nicht
trennen von der Kraft hauchenden Ernte, die in einer Scheune den
Menschen leicht tödten könnte. Die gutmüthigen Aelpler wollten mir
rathen, mich von dem Heuschober, der auch zugleich Schatten both, zu
entfernen, widrigenfalls Kopfweh und Schwindel bevorstehe; zugleich
erzählten sie von der Gefahr, bei einem Winde zu mähen, und von der weit
grösseren, den Besitz im Winter nach Hause zu fördern. Da müssen die
rüstigen Nachbarn sich versammeln, Schneereife auf den Füssen, und lange
Stangen in der Hand, schleppen sie kleine Schlitten nach. Bis sie zu dem
Heuballe, der meistens verschneit ist, gelangen; bis sie einen Theil
davon mit Stricken fest auf den Schlitten gebunden, ist schon manche
Gefahr zu bestehen; nun erst müssen sie über Abgründe und Lavinen herab
die Last sichern. Oft stürzt der Schlitten, und rollt für ewige Zeit
begraben, in die Kluft, glücklich, wenn er nur Keinen mit sich riß; oft
versinken Last und Menschen in tiefen Schnee, die Rüstigsten retten
sich, die Uebrigen leider befreit das Frühjahr aus gräßlicher Behausung.
Hat aber kein Unglück einen Genossen getroffen, hat nicht tobender Sturm
den dürftigen Reichthum geplündert, oder eine Lavine die Habe und
Schlitten verschlungen: so drücken die Hände sich bieder, freudige
Tropfen füllen die Augen, und der Hüttler bedauert nur des Dankes zu
fühlbare Schwäche!
Ich verließ diese wohlschmeckende Gegend, die so vielerlei Unglück nach
sich zieht, und verglich sie mit der freundlichen Miene manch
schadenfrohen Städters, die weniger erkannt noch weit listiger täuscht,
ohne dabei etwas Gutes zu bringen!
Eine Stunde lang stieg ich empor, mehrere morsche Baumwurzeln, die über
den Boden hinliefen, bestätigten meine anfängliche Muthmassung, daß
diese üppigen Mahden einem ehemaligen Walde, der vielleicht vor 100
Jahren durch unbegreiflichen Vandalismus ganz ausgehauen wurde, den
guten Boden zu danken haben. So konnten die Vorfahren bei all ihrem
Holzüberflusse handeln, so Verwüstungen anrichten, ohne zu bedenken, daß
sie dadurch den Gießbächen, Schneelavinen etc. die vertilgenden Wege zu
ihren Wohnungen herab erleichterten.
Stangen im Boden befestigt, zeigten nun die fernere Bahn, welche über
lockeres Gestein und glatte Schieferplatten uncultivirt führte; bald
waren einige Felsen stufenartig steiler empor zu steigen, bald mußte man
sich wieder in eine Kluft hinab bequemen. Man entbehrt zwar leicht
Steigeisen, aber unglaublich scheint es, wie hier erbarmungswürdige
Pferde, zumal mit einiger Last hinauf, und noch sonderbarer abwärts
klettern. Es verunglücken zwar alljährig mehrere, brechen sich die
Füsse, oder stürzen in Abgründe, aber demohngeachtet glückt es meistens,
und das ist genug!
Sowohl durch Klettern als Abpflücken einiger Alpenblumen vertieft,
bemerkte ich die aufsteigenden Gebirgsnebel nicht eher, als bis ich
etwas Erholung suchend, mich auf einen Stein setzte. Dünne,
durchsichtige Flocken durchwehten den Himmel, der sie anfänglich wie zum
Scherz, kräuselndem Haare ähnlich, um die Sonne hing, diese der Welt
anschaulicher zu machen, doch _Phöbus_ seine Majestät entweihender
Neugier zu entziehen, sammelte bald dichtere Schleier um sich.
Es war mir unerfreulich, nunmehr, wenn ich auch den Weg finden sollte,
doch die Uebersicht verloren zu haben, die bisher wegen höheren
schneeumflorten Alpengebirgen ohnedieß von keinem Belange war.
Verdrießlich kletterte ich eine Stunde fort, vielleicht neben
fürchterlichen Abgründen, die ich nicht gesehen, auch nicht scheute;
todte Stille umgab mich ringsum; kein Vogel, keines Hornes schallender
Ton durchzog die Luft, welche durch dichte Nebel geschwängert, wie
Taffet über die Felsen rauschte, die Steinplatten schlüpfriger, und
meinen verschwitzten Anzug nässer machte. Vertrauend folgte ich meinem
klug mich leitenden Hunde, welcher die Spuren der letzten Wanderer auch
noch dann auffaßte, wenn ich selbe bereits verloren glaubte; die
etlichen Stangen waren ohnedieß auf zwei Schritte nicht zu sehen.
Endlich blieb _Duna_ stehen -- es war ein Schneefeld, ich befahl ihm zu
suchen; das rastlose Thier lief herum, zögerte lange, endlich kam es
traurig zurück. Nun ging ich selbst, mit meinem Stocke einen Streif in
den Schnee nachziehend, den Weg wieder zurück zu finden, auf dem
bleichen Felde umher; vergebens! entweder hatte ein gestriger Schnee die
Tritte verdeckt, oder die heutige Sonnenhitze dieselben unkenntlich
gemacht. Im Nebel auf Alpen, wo man keinen Schritt, oft seinen Fuß nicht
sieht, weiter zu gehen, wäre Unsinn, den dreistündigen Weg nach
_Malnitz_ wieder zurück zu wandern, konnte ich im schlimmsten Falle auch
noch bis Abend versparen, hier aber war es zu kalt und windig, um den
vielleicht baldigen Abzug des Nebels zu erwarten. Ich wanderte also
einen kleinen Felsenabhang zurück, legte mich zwischen schützende
Granitflötze auf elastisches Moos, um daselbst mein Mittagsmahl etwas
früher mit dem treuen Begleiter zu theilen.
Unterdessen vernahm ich in stiller Ruhe, Glockengeläute aus tiefem Thale
sich anmelden; froh, in meiner Umgebung lebendige Wesen zu wissen,
wollte ich meine Freude durch etliche Schüsse darthun. Die Berge
schienen darüber herzurollen im wilden Echo, oder mich in ihren Schlund
aufzunehmen; aus dem Thale tönte Jubel und kräftiger Peitschenknall. Nun
hatten sich aus Langweile, die oft Länder in Kriege stürzt, zwei
Menschen über weite Räume einander verständlich gemacht; jeder als Herr
einer Alpe sich täuschend, wollte dem Andern seine unerwartete
Anwesenheit mit so viel Lärm als möglich verkünden, die mit des Nebels
Verschwinden auch ihr Merkwürdiges verlor. Ich war wieder einer der
gewöhnlichen Tauernbereiser, jener nichts weniger als auffallender
Alpenhirt. Beide erkannten somit ihre Unwichtigkeit, und schienen über
den kurzen Traum der mit dem Nebel verflog, sich lächelnd Verweis zu
ertheilen.
Wünschend, daß jede Schwärmerei so unschädlich ende, hatte ich noch
überdies die Freude, die angenehmste Metamorphose des Firmaments zu
ersehen. Kräftigere Windstösse von Osten, welche die Finsterniß
brütenden Nebel zerrissen, brachen der Sonne die Bahn, ihre kochenden
Freudenfeuer auf den frostigen Zinnen der Alpen aufzuzünden. Wolkenrauch
stieg über die Altäre der Blitze, und zog in dichten Massen von den
Opfer-Tempeln auf tiefe Flächen hinab, den Boden kühlend zu tränken.
Inseln ähnlich entwanden sich nun auch die niedrigeren Gebirge dem
Nebelmeere, höher und höher entwuchsen sie der Finsterniß; wie die Wogen
des dunstigen Oceans wichen, besetzten unten rüstige Wälder die Plätze;
über 100 Wasserfälle entstürzten aus ewigem Schnee den Gürteln der
Riesen, die Flüsse des Landes zu schaffen -- des _Chaos_ einstiges Bild
hatte ich erneuert gesehen! Ich verfolgte nun meinen vorigen Weg zum
Schneefeld, und sieh -- ich hatte eine Viertelstunde zum Kreuze, der
höchsten Stelle des Tauernwegs, und Gränze von Salzburg und Kärnthen!
Mir wäre also beinahe gleiches Schicksal bestimmt gewesen, wie Manchen,
der auf der Laufbahn sein Glück oder Rettung zu erringen, die Endstufe
verfehlt, und seine Mühe bedauernd zurücksinkt.
Kreuz-Spitze.
Ich wollte nun aber mein heutiges Ziel gefliessentlich hinausdehnen, um
von dem höchsten Punkte des Malnitzer-Tauern, welcher sich rechts von
dem Pfade bei 100 Klafter emporhebt, und mit einem Haufen
zusammengelegter Steine, vermuthlich durch die Landesvermessung
angemerkt ist, auf kärnthnerischem Boden die Runde zu prüfen. Diese
pyramidenförmig aufstrebende Spitze bestand aus verwitterten
Thonschiefer, der bei jedem Tritte sich losmachte, und ein äusserst
beschwerliches Hinaufklettern verursachte. Oben war nicht lange zu
verweilen, die rings umher gebetteten Schneefelder hauchten zu frostige
Lüfte. Auch die Uebersicht entsprach nicht der Erwartung; zu groß waren
die angränzenden Riesen mit ihren vielfärbigen Wänden, um sich vor
diesem zu demüthigen. Selbst kein Dorf, kein Haus, stumme Sennhütten
ausgenommen, war zu sehen, die Gebirge hatten sie zu eng eingeschlossen,
zu weit verschoben; es war eine Gegend, wie ich sie nie sah, groß und
stolz erhaben, aber nur von Wasserfällen belebt!
Das Kreuz, zu dem ich sonach gelangte, war mit einer Menge
Heiligen-Bilder und Alpenblumen, welch letztere dem Botaniker einen
kleinen Index der heimischen Umgebung augenblicklich liefern könnten,
behangen.
Einige 100 Schritte unter dem Kreuze sah ich jene von gutmüthigen
Pilgern in Form eines Sarges zusammengelegten Steine, welche den
Unglücksplatz des letzthin hier erfrornen Menschen anzeigen. Man
erzählte mir die traurige Geschichte in Malnitz, die ich kurz mittheilen
will.
Ein junger Lederergeselle aus Obervellach schloß sich heuriges Frühjahr
(1825) an zwei über den Tauern reisende wendische Bauern an. Diese
rüstigeren Alpenkletterer sollen leider im Malnitzer-Tauernwirthshause
demselben noch Muth zugesprochen haben, und dann, als er auf der Höhe
ermattet niedersank, zu ihrer ewigen Schande, eigene Gefahr befürchtend,
allein weggegangen seyn, und den Armen, der bei fürchterlichster Kälte
in dürftiger Kleidung sich selbst überlassen war, mit baldiger Hülfe
getröstet haben. Wirklich benachrichtigten sie auch den nächsten
Tauernwirth auf salzburgischer Seite, von der Lebensgefahr jenes
unglücklichen Menschen. Der Wirth sendet augenblicklich drei Männer zur
Höhe; doch die Strecke ist zu weit. Mit Anstrengung haben sie die Hälfte
Weges in zwei Stunden zurückgelegt; nun hebt sich der Sturm, mit ihm
bäumen sich Lavinen, und Schneemassen donnern herab. Die Miethlinge
verzagen und eilen zurück zur Behausung, das muthlose Leben zu sichern!
Nun aber wagt der edle Wirth selbst, mit noch fünf herzhaften Männern,
zu retten, was noch nicht verblichen. Mit Stangen und Schaufeln Wege
erkämpfend, die boshaft sich gleich wieder schliessen, erringen sie nach
drei schrecklichen Stunden die Höhe, suchen umher, und finden darauf --
eine Leiche. Der Unglückliche war trotz angewandter Mühe nicht mehr ins
Leben zu bringen, man schenkte ihm im friedlichen Thale das
sorgenbefreiende Grab.
Solcher Unglücksfälle an einzelnen Reisenden, ereignen sich alljährig
viele in Alpengegenden, indem übrigens zur Ehre der Menschheit es höchst
selten der Fall ist, daß ein Wanderer den andern in der Stunde der Noth
hülflos zurück läßt, -- dieß hätten auch nimmermehr biedere Deutsche
vermocht!
Vom Kreuze angefangen ins Salzburgische hinüber, heißt der bisherige
Malnitzer- nun
Naßfelder-Tauern.
Er scheint diesen Namen seiner Eigenschaft wegen zu verdienen; denn
Anfangs decket ihn mehr Schnee als jenseits seinen südlichen Rücken, und
später sind Sumpf und Moräste die deutlichsten Beweise der Nässe. Die
Stangen hören auf, der Pfad ist aber dennoch leichter zu finden; in
schlangenförmigen Krümmungen führt er sehr gäh hinab.
Nach einer Stunde, die man wider Willen mehr durch Springen und Laufen
als mit behutsamen Klettern zubrachte, kommt man in ein enges aber lang
fortlaufendes Wiesenthal; fünf Alpenhütten und eine Herde munterer Kühe
verkünden im Sommer hier Leben; aus den kühlen Schneeriesen umher hat
sich schon ein Bach gesammelt, und eilt über die Wiese hinweg, begierig,
bald grösser zu werden. Ich suchte den besten Weg, um zu einer der
Sennhütten zu kommen, und fiel doch etliche Mal bis zum Knie in Morast,
der weislich! jede Hütte vor schnellen Anlauf sichert; ein Graben oder
Steine könnten doch wenigstens das Versinken verhüten!
Fürchterliches Lärmen brachte alle menschlichen Gestalten aus den
Hütten; ich glaubte Schlachtgeschrei zu hören, und erstaunte -- wirklich
Melker und Dirnen mit Knitteln herbeieilen zu sehen! »Ein Wolf, ein
Wolf, nieder mit ihm!« schrieen die Geängstigten, und stürzten auf den
vorschreitenden Duna los, ihn diese unverdiente Ehre theuer büssen zu
lassen! Ich hatte Mühe, mich ihnen bemerkbar zu machen, und den Irrthum
zu benehmen. Gutmüthig gab man mir sodann die verlangte Butter, Milch
und Käse zur Erquickung in einer der Hütten, und sammelte sich mit
ländlicher Neugierde um dieselbe, den fürchterlichen Stiefsohn des
Erzfeindes aller Alpen in der Nähe zu betrachten. Mich erlustigten ihre
Bemerkungen, besonders aber ihr freiwilliger Anboth, als ich sie
versicherte, daß solche Hunde vielmehr die Gegner und Bezwinger der
Wölfe seien: mir für Ueberlassung dieses Thieres, eine prächtige Summe
pr. 5 fl. mittels einer Sammlung von den Dorfgemeinden zu verschaffen.
Beneidenswerthe Menschen! die ohne geringstes Vermögen doch von keinen
Geldsorgen gequält werden, und glücklich sind, weil sie bei
Zufriedenheit nie Entbehrung fühlen. Ihrer Angabe nach mußten sie bald
von dieser Alpe abziehen, weil die Kühe schon zu wenig Futter, sie
selbst aber kein Holz zu hinlänglichem Feuer hätten, und der 8 September
ohnedieß die Hochalpenweide verbiethe. Eine Gegend, die vor 50 Jahren
noch von Wäldern strotzte, nun des Holzmangels wegen zu verlassen, möge
manchen Gutsbesitzer und Forstmann Behutsamkeit lehren.
Je tiefer ich hinabkam, je nässer wurde das geengte Thal; mehrere
Sennhütten standen leer auf duftendem Grün, um bald die herabkommenden
Gäste aufzunehmen, und einige Wochen zu beherbergen, bis der Spätherbst
ihnen die Dörfer zum Wohnorte öffnet. Die Nachzügler der Forste standen
hie und da, wo sie die Axt nicht leicht erreichte, kümmerlich herum.