erreicht; ich staunte, einen Markt zu sehen, welcher jedem Städter als
Exil Furcht einjagen müßte. Wenn ich ihn mit einem Dorfe um Wien
vergleichen wollte, so müßte ich mich, die österreichischen Dörfer so
herabsetzend für rügewürdig fühlen. So schlecht die Hülle, so die Fülle
würde ich sagen, wenn man in den Gasthäusern etwas mehr als sauren Wein
bekommen könnte; da man aber -- hier der Speisen vielleicht entwöhnt,
gar nichts zu essen bekömmt, so läßt sich auch nichts kritisiren.
Ich versprach also meinem Magen alles Gute, betrachtete das
preiswürdigste aller Thäler Kärnthens -- das angerühmte Lavantthal,
welches zur Rechten auf eine Strecke von sechs Stunden Länge und
zweistündiger Breite gegen Steiermark nördlich hinreicht, und wanderte
getrost nach Eis, einem Dörfchen aus fünf Häuschen bestehend, wo die
Posthalterin zugleich Gastwirthin ist. Hier schienen auch alle
Hausbewohner jüngst im Essen überladen, eine weise Diät zu halten; oder
die Millionen Fliegen bereits alles weggeschnappt zu haben. Ich sollte
einen Kampf mit diesen Wolken von Ungeziefern um den Sitzplatz beginnen,
wollte aber nicht einem Tirannen ähnlich Tausende meiner Bequemlichkeit
wegen ermorden, sondern ging abermal friedfertig von dannen. Ich mußte
also in Hoffnung eines Imbisses nun auch die dritte Post zurücklegen,
jedoch auf besserem Wege. Der Regen versiegte, der festere Sandboden
gewährte sicheren Tritt, und da die lästigen Hügel- und Thalwege sich
etwas minderten, so schien es, als hätte mich der Hunger zu grösserer
Eile gestärkt. Rechts in einer Thalschlucht birgt sich das Dorf
Ehrnegg;
ober ihm schlummert das ehemalig stolze Schloß gleiches Namens. Beide
einer schönen Lage sich freuend, schienen für meinen Magen dießmal zu
mager, und ich gelobte ihnen für die Zukunft mehr Zeit und
Aufmerksamkeit; die Herrn von _Haunstatt_ und später die Grafen von
_Dietrichstein_ sind als Besitzer dieses Gutes bekannt. Das Felsenschloß
_Griffen_ nördlicher von Ehrnegg sich thürmend, verdient gewiß noch mehr
Aufmerksamkeit. Ueber eine hölzerne Brücke gelangt man nunmehr nach
Völkermarkt.
Obgleich diese Stadt an Umfang und Zierde gegen ehedem soll verloren
haben, so ist sie doch sehr lebhaft, reinlich und befriedigend für
Lebensbedürfnisse. Ich war heute acht Meilen gewandert, es schien mir
daher willkommen, in einem wohlbespannten Wagen nach Klagenfurt zu
gelangen. Hätte ich Tage dahin zu verwenden gehabt, so wären mir die
zahlreichen Ritterburgen, welche die Berghöhen rings im Gebirge
behaupten, ein besonderer Gewinn gewesen. Ich wußte, daß einem
Sterblichen nicht alles zu genießen vergönnt sey, und ließ mich getrost
in dem schnell vorstrebenden Wagen auf der schlechten Strasse jämmerlich
hin und her schleudern. Bemerkenswerth schien mir hier die Art, auf dem
Felde Klee und Getreide zu dörren. Hohe dicke Löcher-durchstemmte Bäume
werden drei bis vier Klafter von einander entfernt, perpendikulär in der
Erde befestigt, und dann auf denen horizontal sie durchlaufenden dünnen
Bäumchen die Ernte aufgehangen. Man nennt diese Gerüste nicht unpassend
-- Harfen, und sie erreichen oft eine Höhe von sechs Klaftern, und
gleichen dann so mit der Frucht beschwert, ungeheueren Rohrwänden, die
der leiseste Wind umzulegen vermögend wäre. In tiefen, Ueberschwemmungen
unterliegenden Gegenden, wäre mir die Mühe, seine Ernte wohl zu
bewahren, einleuchtend, warum man aber diesen Gebrauch selbst in höheren
Bezirken beibehielt, und so dem Winde mehr Schaden zu üben vergönnt, ist
unbegreiflich.
Immer mehr treten die Berge zurück, eine weite aber nicht ganz ebene
Fläche, mit Dörfern hinlänglich besäet, läßt die zahlreiche Volksmenge
vermuthen, die sich in dieser Gegend nicht stiefmütterlich geneckt
fühlen muß. Auch sieht man es dem Boden an, daß er mit etwas Sorgfalt
mehr als dürren Hafer und Heidekorn bringe; jedoch dürften Pferd und
Rindvieh, das wirklich über allen Ausdruck schlecht ist, kaum die Nähe
Salzburgs und Tirols vermuthen lassen.
Im Süden jenseits der Drau, glänzten bereits die bleichen Zinken des
Zugthiere-Quälers _Loibel_ mit seinen rauhen Geschwistern im röthlichten
Dunkel des sinkenden Tages; Nacht lag über der tief sich hinwälzenden
Drau, stille flossen die Gurg und Glan ihrer Verschwisterung zu, die
früher so oft sich gesträubt, so oft andere Bahnen sich brechen wollten.
Nur einzelne Flammen, bedeutungsvoll dem Fremdling, stiegen vereinzelt
hie und da über ein Häuschen empor, und erleuchteten bisweilen die
Umgebung. Es waren die Feuerbrände zu Bereitung des
Steinbieres,
des elendesten Getränkes, welches je auf der Welt gekünstelt werden
kann. Nur Menschen, welche nie etwas besseres getrunken, und das in der
That äusserst schlechte Wasser[14] nicht immer geniessen wollen, können
es für etwas Besseres halten. Die Bereitung desselben geschieht
folgendermassen. Auf grosse angezündete Holzhaufen werden was immer für
Steine zum Glühen geworfen. In einer hölzernen Bodung darneben macht man
Wasseraufguß über Gerste, mitunter auch Weizen, etwas Wachholderbeere,
gewisse Kräuter und dgl., jedoch ohne Hopfen; wirft dann die glühenden
Steine hinein, nimmt sie erkaltet heraus, um sie wieder wie zuvor zu
gebrauchen, bis endlich das Wasser in Sud kommt, und Bier spottweise
heißt. Dieses wird dann am zweiten Tage darauf getrunken, ohne geklärt
zu seyn, noch je rein zu werden. Geruch von Rauch, Lehm oder sonstigen
Süssigkeiten, ist immer die Zugabe jenes ekelhaften Getränkes, welches
der Wirth selbst nie wagt seinen Gästen in einem Glase, sondern in
eigenen dazu bestimmten schwarzen Krügen aufzusetzen. Die Maß solch
edlen Getränkes, zum Essen und Trinken gleich ausgibig, das jeder Bauer
terminweise zu brauen berechtiget ist, kostet vier Kreuzer W. W. und
droht dem durstigen Wanderer auf eine Strecke von vier Meilen um
Klagenfurt. Zum Glücke bekommt man hie und da, besonders in der
Hauptstadt, auch Kesselbier, jedoch ist es entweder wegen Wasser oder
Unkenntniß im Brauen von keinem besonderen Belange. Noch muß ich
bemerken, daß ich zu Klagenfurt einige übrigens gebildete Männer traf,
welche das Steinbier eben wegen dessen Widerwärtigkeit gewissermassen
als Medizin seit Jahren tranken, und sich dabei wohl zu befinden
versicherten. Ich gönnte ihnen gerne diese freiwillige Abtödtung alles
guten Geschmackes, ohne je mir oder Anderen bei Krankheiten eine solche
Kurart zu wünschen. In