Höh zu erreichen; denn es war mir unmöglich von Grätz zu scheiden, bevor
ich nicht abermal die liebgewonnene Ruine gesehen. Schon stärkte sich
hie und da in genügender Hütte der thätige Landmann zur erwartenden
Arbeit; der Hahn vom Morgenrufe ermüdet, suchte ein Frühstück am Felde,
der Karren polternd Getöse neckte den wachsamen Haushund; ein Tag war
wieder geboren! Minder unbekannt mit dem Bergpfade schien dießmal die
Höhe sich gemindert oder der Freundesbesuch die Mühe erleichtert zu
haben; der Thau träufelte sein erquickend Naß, Blumen und Kräuter
dufteten _Aroma_ -- frisch stand ich neben dem zerfallenen viereckigen
Thurme, dessen Näherung so Manchen einst Tod bringend war. Traurig
verbürgen die verstümmelten Gemäuer jedem Feinde zu unterliegen: doch
kein Wurfspieß fliegt nach der Stürmer Brust, kein Steinkorb zerknackt
die jugendlichen Glieder; aber ein Schuß rauschte durch die Mooswände,
ein zweiter donnerte nach. Lustig sprang der Jäger herbei, weil es ihm
gelungen, das Leben harmloser Thierchen, zweier Wildtauben! die kosend
sich ihr Glück mittheilten, mit einem Rucke zu rauben. Ich sah diese
liebegierigen Luftbewohner unten auf einer Fichte sich küssen, ohne
deren Mörder zu ahnden. So in Liebe und Lust sind auf dieser Veste
schwerlich Mehrere gestorben! Der Bursche kam mit seiner Beute zurück
und erzählte mit vieler Geschwätzigkeit, wie der Besitzer Graf von
_Attems_ und seine geladenen Gäste sich hier zu restauriren pflegen,
wenn sie rückkehren von der Jagd, die im Umkreise auf Federvieh und
Hochwild sehr ergiebig seyn soll. In der That möge hier ganz im Geiste
der Vorzeit, wenn der forstkluge Ritter heimkehrte von ermüdender Jagd,
eine Bouteille Marwein und ein Stück Rehkeule nicht übel behagen.
Erschöpft in der rüstigen Unterhaltung der Alten, geschützt vor Sonne
und Wind durch deren Schloßtrümmer, muß man nothwendig auch ihrer Manen
gedenken, und dann für die Edlen, welche nach 800 Jahren ihren
Nachkommen noch den Nutzen beharrlicher Baukunst bewiesen, ein volles
Gläschen anstossen. Leider konnte ich dem freudigen Wunsche nicht
willfahren, ebenso wenig den blutgierigen Jagdgesellen zu längeren
Waffenstillstand bewegen, der mit der Versicherung »seinem Gebiether
noch eine erfreuliche Ausbeute zu verschaffen« im dichteren Walde
verschwand. Ich war sonach allein und unterhielt mich mit den Besuchern,
deren einstiges Daseyn hie und da die glatteren Wände verkündeten. In
der That eine ganz artige Besatzung; Bekannte darunter, wovon einige
schon seit Jahren Europas Gränzen überschritten, standen hier nun als
Fremdlinge in der Heimath. Mein Gruß folgte denen Rastlosen, die in
entfernten Zonen oft vergebens zu erstreben suchen, was sanftmüthiger
der vaterländische Boden gewährt. Aber auch die berühmten Insassen
wurden nicht vergessen, welche von _Leuthard_ den ersten Ritter von
_Gösting_ im eilften, bis zu deren Aussterben mit _Wülfing_ im
vierzehnten Jahrhunderte, in ihren Familien so denkwürdige Männer
aufzuweisen hatten. Da hauste _Swiker_ von _Gösting_, welcher mit
_Ottokar_ den V. Steiermarks Waffenruhm hob; _Arnold_, dessen Blitze
schleuderndem Schwerte der Hunnen tollkühne Raubsucht entfloh; _Mogay_,
der das ritterliche Ansehen im wildesten Gaue zu höhen wußte; _Ranald_,
_Herwad_, _Erich_ und Andere die ihrer Ahnen würdig sich zeugten! --
Kein Winkel des Schlosses blieb unberührt von ihren Eisenfüssen, deren
fester Tritt mit der Festigkeit ihrer Gesinnungen sich einte. Kein
flehender Widerspruch konnte den Mann erweichen, der Scharen von Feinden
zu weichen verlernte. Dieses gleich stolze und heldige Gefühl hatte aber
auch dem letzten Göstinger sein einzig Kind getödtet: Zornentglüht, daß
die Tochter es wagte, einen Anderen, als den vom Vater ihr Bestimmten zu
wählen, erlegt _Wülfings_ schwerer Arm den unglücklich Geliebten im
Zweikampf; Anna, über des Vaters gräßlichen Sieg rasend, springt in die
Tiefe der Felsschlucht; dennoch war _Wülfing_ nicht hart genug, den Tod
der Tochter zu überleben -- beide sanken, Anna durch die Grausamkeit des
Vaters, dieser durch die Verzweiflung der Tochter ermordet, in die
Grube.
Diese Tragödie hatte ganz natürlich zu damaliger Zeit die wunderlichsten
Spuckgeschichten zur Folge, die sich noch bis zum vorigen Jahrhunderte
fortpflanzten, und eine Menge Geisterbeschwörer und Schatzgräber
herbeilockten, welche dann mit Fackeln Nachts die Ruinen durchwandernd,
von den nahen Dorfbewohnern jedesmal wieder für Unholde erkannt wurden.
Nun durchzieht die lockeren Hallen nur noch der zudringliche Wind,
dessen wunderliche Töne bald einen muthigen Schlachtmarsch, bald einen
düsteren Trauergesang anzustimmen scheinen: während einige Fichten und
Birkenstämme dazu das Zeugniß gebend, bereitwillig das Haupt neigen.
Der südliche Theil der Veste, welcher mehr erhalten als der nördliche
ist, besitzt noch einen unterirdischen Gang; verborgen in einem
Thürmchen zwischen zwei Bogenwänden, gähnt der dunkle Schlund, den
früher vermuthlich eine Fallthür bedeckte. Ich stieg hinab, mußte aber
um weiter zu kommen eine Menge Steine wegräumen; der Gang ist im Felsen
gehauen, und führt einige Klafter unter dem Schlosse hinweg, dann ist
jede Spur seiner ferneren Richtung verschüttet; doch soll er einst das
eine Stunde entlegene Schloß _Thal_ mit diesem verbunden haben. Von dem
wenigen Gemäuer des Schlosses läßt sich nichts sagen, weil es ohne alle
Vorzüge anderen verfallenen Burgen gleichet: desto mehr dürfte die
Aussicht eine Lobrede verdienen, wenn nicht der Grätzer-Schloßberg schon
den Preiß davon getragen hätte, und Wiederholungen wenig geänderter
Gegenstände ermüdeten. Etwas Besonderes gewährt jedoch der Hinabblick
auf den doppelten Abfall der Mur unter der Weinzettelbrücke, welcher die
Flösse unwiederbringlich zu verschlingen droht; ebenso die finstere
Bergschlucht mit der Ruine
Thal oder St. Jakob,
wie die Landleute sie zum Gegenstück des mit St. _Anna_ betitelten
Schlosses _Gösting_ gemeiniglich zu nennen pflegen.
Begierig diese versteckte Ruine auch zu besehen, wanderte ich den
Schloßberg waldeinwärts hinab. Die Thalfläche welche mich nun
fortleitete, trug so ganz den Stempel der Melancholie. Von hohen
Waldbergen eingeengt, zwischen denen nur ein elender Holzweg und
rieselndes Bächelchen sich öfters durchkreuzend ihre Bahn verfolgen,
kommt man endlich zu einer einschichtigen Mühle, deren düsterer Besitzer
den Bach dürftig benützt. Tiefer Morast das Gebäude umzäunend, erschwert
den Eingang in selbes, und bannt dem Müller noch vollends jeden
erfreulichen Gruß und Willkomm; er scheint dieses zu wünschen, und
verpestet darum sich Luft und Gesundheit. -- Endlich lichtet sich die
Schlucht, aber nur um das Wilde einer regen Phantasie zu erhöhen. Die
Berge treten etwas zurück, aber keine lachenden Fluren -- ein stinkender
Sumpf vom Schilfe strotzend, in dessen Eingeweide sich Kröten und Ottern
tumeln, breitet sich aus, ober ihm ein Teich, ersterem fast ähnlich,
aber doch wenigstens von Wasserhühnern und Wildänten etwas belebt;
einige Buchen umgürten seine Ufer, und rechts im Hintergrunde grinset
aus waldigem Dunkel wie ein Todtengerippe, die Ruine St. _Jakob_ oder
_Thalburg_. Ehe man seinem Hügel naht, muß man den Erddamm
überschreiten, der sich gleichfalls keines allzuguten Zustandes erfreut.
Endlich gelangt man zu dieser von Menschen und Zeit gleich zernagten
Veste; eine Ringmauer und wenige Steintrümmer, ohne Spuren von Gewölbern
oder unterirdischem Gange, sind die ganzen Dokumente eines ehemaligen
Rittersitzes, welchen überdieß noch zahlreiche Birken bald gänzlich
unter ihren Schatten zu begraben versprechen: und dennoch wird ein
einzelner halb verfallener runder Thurm an den noch eine eigennützige
Hand etliche Breter opferte, von einer armen Familie bewohnt. Ich
erstaunte über die Möglichkeit eines sicheren Obdaches; da wies mir das
bleiche Weib auf einen nahen Mauerklumpen: »Freilich ists hier nicht gut
wohnen, erst gestern während des Sturmes hat mir dieses herabgefallene
Stück meine einzige Ziege erschlagen, ich bin nur froh, daß Nan’l (auf
eines der fünf Kinder zeigend) nicht auch getödtet wurde, welche nahe
dabei schlief.« Rührende Mutterliebe! welche gerne die letzte Habe
verliert, wenn nur das Glück erübrigt, mit der ganzen Anzahl ihrer
Theuren darben zu können. Ob durch Unglück oder Schuld diese
Kummerfamilie hierher verbannt wurde, gleichviel! sie erregt Mitleid und
macht den Besuch edelmüthiger Grätzer hierher wünschenswerth.
Freundlicher ist nordwestlich die Aussicht in ein kleines Thal mit
mehreren Häusern und einer Kirche, welche zusammen die Gemeinde St.
_Jakob_ ausmachen; die überblickenden Schneegipfel der Stub-, Rack- und
Polsteralpen geben ihm etwas ungewöhnlich Erhabenes. Das schöne
Försterhaus ist gegenwärtig unbewohnt, und ich glaube, der Weidmann wird
sich im lieblichen Eggenberg dafür hinlänglich entschädigt fühlen.
Die ersten Erbauer dieses über ein Jahrtausend alten Schlosses sind
gleich ihren Thaten der Geschichte entschwunden; doch -- darf man
einigen Klosterurkunden von späterer Zeit trauen, so starben schon um
Karl des Grossen Zeiten einige Ritter von _Thal_ den Heldentod.
Ausdrücklich benannt werden im dreizehnten Jahrhunderte Friedrich Erich
und Otto von _Thal_, von denen Letzterer entweder durch besondere Krieg-
oder Jagdlust den Beinamen der Rauhe sich erwarb. Freundschaft und
Blutsverwandschaft verband fortwährend die Ritter von Thal mit denen von
Gösting. Im sechzehnten Jahrhunderte besaßen es die Ritter von
Windischgrätz, dann Freiherrn von Waldstein, im siebenzehnten die
Freiherrn von Eckenberg, und gegenwärtig Herr Graf von Herberstein.
Tapfer widerstand diese Veste 1602 Kaiser Ferdinand des II. muthigen
Kriegern, als die verwittwete Hipolita Freiin von Windischgrätz und
Waldstein den lutherisch reformirten Prediger Paulus _Odontius_ daselbst
nicht ausliefern wollte. Die Veste sank, aber einem solchen Sieger zu
unterliegen, hieß nicht unrühmlich kämpfen und fallen! -- Seine
Zerstörung soll es 1683 durch die Türken erlitten haben, die raublustig
vertilgten, was hochherzige Sieger verschonten.