hinan; wildes Dorngestrippe rechts eine Wiese verwahrend, und ein
sumpfiger Wassergraben links den Bergen ablaufend, sind die Gegner des
ungeweihten Fremdlings. Diesen nach Möglichkeit Trotz biethend, lohnt
ein trockener Fußsteig die weitere Wanderung. Des Hornviehes weit
verhallend Gebrüll, und Springen munterer Geissen überraschen hier den
Pilger, der gerne in den entlegendsten Winkeln Leben entdeckt. Einer
Meierei lockeres Gemäuer, das vierfüssige Volk mehr bedrohend als
verwahrend, wanket auf der Grundfläche des Schloßzwingers, welches jeder
der Ruine entstürzende Stein noch mehr zu erschüttern strebt. Häufiger
Schutt rings herum schon grüne Hügeln bildend, läßt kaum die ehemalige
Ringmauer ahnden. Ungehindert durchwandert man sonach die hinfälligen
Schloßgemäuer, welche allzusehr zerrüttet nichts Deutliches mehr
darbiethen. Nur ein siebeneckiger Thurm hoch und mächtig wie ein Fels,
scheint sich für die Nachwelt erhalten zu haben, den Ruhm seiner
Urbewohner der Herrn _von Pfannberg_, welche im dreizehnten Jahrhunderte
als Steiermarks edle Sprossen sich zeugten, zu verkünden. Seinen Werth
würdigend hat der gegenwärtige Besitzer Fürst _von_ _Esterhazy_ 82
Pfosten-Stufen hinauf zimmern lassen. Die Aussicht in die Umgebungen des
Murthales lohnt hinlänglich die Ausgaben so wie jede Mühe des
Hinansteigens. Nebst diesem besteht noch ein zweiter viereckiger aber
größtentheils zertrümmerter Thurm. Merkwürdig ist jedoch in diesem das
Burgverließ, dessen Eingang zwar etwas verschüttet, aber tiefer unten
geräumig und ziemlich erhalten ist; ein unterirdischer Gang, der von
diesem zum siebeneckigen Thurme hinleitete, ist vor einigen Jahren mit
Gewalt zugestampft worden; übrigens sind die Unken und Eulen auch mit
dem übriggebliebenen Raume zufrieden, und freuen sich ihres Asyls. Einen
besseren Rückweg zu erfragen, ging ich in die für den Meier und seine
Genossen bestimmte Wohnung; kein Schloß versagte mir den Eingang in drei
dürftige Zimmer, alles schien ausgestorben! endlich sprangen zwei Hunde
herbei, und mühten sich, ihren kleinen Figürchen das gehörige Ansehen zu
verschaffen. Mindestens bezweckten sie doch das Erwachen der einzigen
anwesenden Bewohnerin, eines alten harthörigen Bauernweibes, welches
hinter einem Tische auf einer Bank schlafend von mir übersehen wurde.
Nachdem ich mich mühsam ihr verständlich machte, und Auskunft erhielt,
fragte ich um den Namen des Gutsherrn: »Fürst Hassi« antwortete sie, und
wunderte sich, daß ich ihn nicht ebenso gut kenne.
Der gewiesene Weg führte mich nun nördlich um den Berg zur Strasse
hinab, und ich war trotz der langweiligen Erklärung darüber, mit ihm
zufrieden.
Dieser Ruine gegenüber am rechten Murufer liegt auf einem schroffen
beflutheten Felsen das Schloß
Rabenstein;
halb Ruine, halb bewohnbar, verbindet das Schloß Gegenwart und
Vergangenheit in herrlicher Eintracht. Ein Jäger -- Bewohner von neun
zum Theile sehr grossen Zimmern, hat Muße genug, bei schlechter
Witterung in seiner Behausung Jagd auf unwillkommenes Wild anzustellen,
das ihm jedoch bald den Sieg streitig machen wird, wenn die lockeren
Fenster und mürbe mit Backsteinen geschwerte Bedachung nicht verbessert
werden. Malerei und Fußgetäfel der Zimmer zeigen von einstiger Pracht
und Vernachlässigung des Alters.
Einen schönen Anblick gewährt auch der senkrechte Fels rechts vor dem
Postorte Peckau, Jungfernsprung genannt; die Mur bricht sich an
demselben mit wüthender Gewalt und spielt mit dem in Schaum getauchten
Fahrzeuge gleich einem Ei; mit Stangen und Hacken müssen die gewandten
Schiffleute dem gähen Anprellen desselben zuvorkommem. Eng rücken die
Felsen zusamm, brausend erkämpft sich der Fluß seine weitere Bahn! Ein
zweispänniger Separat-Eilwagen jagte vor uns links auf der Strasse nach
Grätz; bald war er eingeholt und zurückgedrängt. Ich hätte eine solche
Schnelligkeit der Mur nie geahndet, und kaum der oberen Traun[6] die
noch reissender ist, zugetraut.
[6] Begreift die Strecke aus dem Hallstädter-See bis nach Stadl; von
Stadl bis zum Einflusse der Traun in die Donau bei Zizlau versiegt ihr
ungemeiner Schnelllauf; demohngeachtet machen die Untiefen und Inseln
auf der unteren Traun die Fahrt gefährlicher.
Doch nach Peckau zurück; östlich vom Markte in einer beflurten Thalbucht
ruht auf einem karg begrünten Steinhügel, die Schloßruine
Peckau;
ein Wald auf höheren Bergrücken im Norden und Osten scheint das dürre
Skelet vor den es bedrohenden Gewitterstürmen zu schützen, weil nun
ausser diesen ihm keine bewaffnete Faust noch feindlich das Banner
schwingt. Der Weg hinauf über angenehme Wiesen ist ganz unbeschwerlich
und unverfehlbar. Auf der Anhöhe vor dem Schlosse steht ein
Bauernhäuschen, deren fleissige Bewohner den alten Schloßgarten
verjüngen und künstlich benützen. Ober dem Thorbogen befindet sich noch
das gemalte Wappen der ehemaligen Besitzer Ritter von Pfannberg, so wie
im Burghofe eine grosse Sonnenuhr. Das Schloß selbst bildet ein
Labyrinth von Ruinen, dorischen Säulen (aus neuerer Zeit herstammend),
und Gewölbern, welche unter einander geworfen der Phantasie noch
bedeutenden Spielraum zu Betrachtungen liefern. Weniges ist mehr
deutlich zu entziffern, ausser das leider überall abschreckende
Burgverließ links beim Eingange in den Säulenhof; dann noch die Küche,
deren mit starken Eisenstangen durchzogene Wände noch 100 Jahren allen
Flammen Trotz biethen könnten. Die einstigen Bewohner müssen geradezu
wahre Schwelger gewesen seyn, denn so viele Keller und eine so grosse
Küche wären auch zur Verpflegung eines Regiments Soldaten hinlänglich!
-- Den Thurm kann man nicht mehr besteigen, die Stufen sind
ausgebrochen, und das verwitterte Mauerwerk stürzt bei der leisesten
Berührung herab.
Die Aussicht ist weniger befriedigend als zu Pfannberg. Peckau gegenüber
liegt der seiner silberhältigen Bleibergwerke wegen hinlänglich bekannte
Markt Feistritz.
Eine Höhle links an der Strasse Gratwein gegenüber, dürfte noch die
Aufmerksamkeit der Reisenden fesseln. Sie scheint obgleich bei 80 Fuß
lang, 70 breit und 65 hoch, doch größtentheils mit dem Meissel gegraben
worden zu seyn; eine Mühe deren Nutzen nicht einleuchtend ist. In dieser
einer Kirche ähnlichen Halle befindet sich ein halb zerfallener
Backofen, und neben diesem links ein massives, aus Baumstämmen
gezimmertes Geländer; Schwarzdorn- und Holunder-Gebüsche drängt sich an
die kalte Felsenwand beim Eingang, den einige Erlen bewachen. Still und
ernst wie das Grab schlummert die Höhle, dumpf verhallet der Tritt und
kein Lüftchen sanft lispelnd verweilt, die Töne des Lebens zu wecken.
Das Abenddunkel ruft dann dem Wanderer die Zeiten der Druiden zurück,
und zaubert ihm magische Bilder: So mögen die haidnischen Hallen
ausgesehen haben, wo die blutgierigen Priester ihre entehrenden
Menschenopfer begingen; dort in der Mitte drohte der Herd, dessen Rauch
die verblendete Menschheit entzückte; hier herum die Umzäunung, welche
nur geweihte Barbaren überschreiten durften, sich im Morden zu
unterstützen; alles dieses dem Auge des ewigen Forschers zu entziehen,
spannten greisige Stämme ihre weit reichenden Fittige aus.
Bald lag der Wallfahrtsort _Maria Straßengel_ mit seinem gothischen
Kirchthurme rechts im Hintergrund, und Göstings ernsthaftes Antlitz
prüfte uns Fremdlinge, als die Schiffleute ermahnten, achtsam zu seyn,
und nicht in Angst zu gerathen -- die gefürchtete Weinzettelbrücke mit
seinem Kreuze lag vor uns. Alle Männer entblößten das Haupt sich
kreuzigend; ich wußte noch nicht was da kommen würde, doch mußte ich auf
Ermahnen des Floßdirektors meine Jagdtasche um- und den Hund anhängen,
beide nicht zu verlieren. Einige Mädchen zitterten und schrieen
erbärmlich; umsonst, der Lauf war unerbittlich! und donnernd stürzten
wir ohngefähr fünf Schuh über eine Wehre herab; durch und über das Floß
drängten sich die Wogen fußhoch auf sämmtliche Passagiers. Es war
wirklich kein Spaß, nicht erholt von erster Taufe, gleich darauf der
zweiten ganz ähnlichen sich zu unterziehen. Diese zwei Abfälle sind
geflissentlich zur Ableitung zweier Mühlbäche nach Grätz ganz
widersinnig hier beisammen angebracht, um die ohnedieß gefährliche
Schifffahrt noch zu erschweren. Eine besondere Kenntniß und
Geistesgegenwart wird bei Schiffleuten daselbst erfordert, glücklich
durchzukommen; zwei Stangen sind die Gränzzeichen dieses Passes, der
aber leider schon Viele vernichtete.
Somit war auch die einzige Gefahr auf dieser sechsmeiligen Bahn
überstanden; pfeilschnell flohen wir nun durch eine liebliche Aue, die
nur der erhabene Schloßberg durchspähte, der versteckten Stadt zu. Nun
hob sich der Vorhang, Leben und Frohsinn spielten die Rollen, Grätz war
erreicht! -- Unter der gedeckten Brücke durch, am rechten Ufer (_Länd_)
betraten wir das Land. Die Mädchen, welche sich von ihrer Taufe noch
nicht getrocknet und im possierlichen Aufzuge sahen, schämten sich nicht
wenig bei dem Anblicke der in Anzahl herbeigekommenen wie überall
neugierigen Städter.
Grätz.
Ich wählte, von dieser fünfstündigen Fahrt mich zu restauriren, den
angerühmten wilden Mann in der Schmidtgasse. Wenn ein Gasthaus einer
Provinzialstadt den meisten in der Residenz als Muster belobt zu werden
verdient, so ists der wilde Mann zu Grätz. Lange Jahre glänzt dem braven
Gastgeber und Hausbesitzer dieses Lob, und es wird fortwähren, solange
diese Reinlichkeit, wohlzugerichtete Speisen, unverfälschte Getränke,
muntere Bedienung und herrliche Tischgesellschaft, Magen und Gemüth des
Gastes würzen; für welche auserwählte Erquickung noch überdies eine
billige Zeche abverlangt wird.
Grätz zu beschreiben wäre von mir Uebermuth, da ich in sechs Tagen gewiß
nicht dasjenige auffassen, noch weniger aber überbiethen kann, was vor
mir würdige Schilderer durch mehrjährigen Aufenthalt dahier entdeckt und
dargestellt haben. Nur was sich seit jenen wohlverfaßten Beschreibungen
in einem Zeitraume von sechzehn Jahren wesentlich hier verändert,
erlaube man mir anzuführen.
Grätz ist ebenfalls eine von den Damen die sich im Alter zu schmücken
anfangen, um noch neue Anbether zuzulocken. Ich beginne vom Fusse, weil
das Pflaster eine Hauptbeziehung auf den gehenden Beobachter hat, der
seine Beine auch noch für andere Exkursionen ganz behalten will. Dieses
ist nun nach Versicherung der Einwohner gegen frühere Jahre merklich
verbessert; und zum Theile zeigen auch die am Haupt- und
Jakomini-Platze, so wie in der Herrn-, Rauber- und einigen anderen
Gässen angebrachten Trottoire vor den Häusern, die Möglichkeit, wenn
auch nicht guten Willen der übrigen Hauseigenthümer, geeignete Steine
herbeizuschaffen. Man gewinnt bei dieser weisen Nachlässigkeit den
Vortheil, daß man von einer Wohnung weg die Stadt in allen Gäßchen
durchschreitend, sich ebenso ermüdet auf den Stuhl hinwirft, als nach
einer Wanderung vom entlegenen Scheckel[7]; wo Sturm und Regen den
Pilger leicht überfallen und seiner Gesundheit schaden können; was für
herrlicher Vortheil! -- Will man aber durchaus (besonders bei
Regenwetter) ohne sich die Füsse auszutreten Besuche machen, oder in
Geschäften herumgelangen: so sind zur Bequemlichkeit des Publikums
wohlbespannte Fiakreswägen bereit, dem Befehle zu willfahren. Es sind
deren 20, und wenn die Wege nicht so schlecht wären, so könnten sich
(nach der Fußkraft der Grätzer zu urtheilen) bei 38,000 Einwohnern kaum
diese erhalten.
[7] Berg, 4800 Fuß über der Meeresfläche erhaben, wird von Grätzern
häufig der schönen Aussicht wegen bestiegen.
Nun zum Körper: Die Stadt mit ihren schönen Kirchen, Rath- und
ehrwürdigen Landhause, Burg, herrschaftlichen Palais, Säulen auf den
Plätzen etc. ist noch, einige moderne Ziegeldächer ausgenommen, genau
wie sie Dr. _Sartori_ treffend beschrieb; nur _Taliens_ Tempel (in der
Hofgasse) hat sich verschönert dem vertilgenden Brande entwunden, er
prangt im angenehmen Style, das Herz durch die Form schon einladend. Der
Raum zur Zu- und Abfahrt ist ziemlich geengt, doch ist zu wünschen, daß
er nie breit genug scheinen möge. Gegenwärtig war das Dach noch nicht
vollendet; Seine Majestät beehrten aber dennoch den Musentempel mit
höchst Dero Besichtigung. Ein höherer, ja unvergeßlicher Genuß, wird
jedoch jedem gebildeten Reisenden die Prüfung und Durchwanderung des
weit berühmten _Johanneums_ seyn; welches Sonntags von 12 bis 3 Uhr für
Jedermann, in Wochentagen aber Naturkundigen auf Ansuchen geöffnet wird.
Groß ist die Erwartung, grösser wird sie bey Besichtigung des
prächtigen, alle heimischen Merkwürdigkeiten einschliessenden Pallastes,
(in der Raubergasse) doch übertroffen wird sie beim Eintritt. Ich fühlte
an meinem Pulse das zehnfache Entzücken, welches einen Kenner beim
Durchwandern dieser Heiligthümer ergreifen und fesseln muß, maß diese
Wonne mit jener der Stifter -- und meine Feder verstummt! Jedes Kunst-
und Naturprodukt, jedes aufbewahrte Kleinod, sind eben so viele Trophäen
zur Verewigung der Stände, und ihres würdigen Oberhauptes Erzherzogs
_Johann_. Tage, Wochen, ja Monate könnte man verweilen, und Bruchstücke
würde man nur vom Unermeßlichen bewundert haben. Mein zagender Fuß
stritt mit dem hundertfach gefesselten Auge; vielfach wollte sich der
Blick verschärfen, um Neues zu sehen, und doch nimmer das Gesehene
verlassen.
Vier Zimmer sind für das Thierreich; als: Fische, Vögel, vierfüssige
Thiere und Insekten bestimmt; dann andere vier Zimmer, worin die
seltsamsten Mineralien, Versteinerungen, Kristallisationen, dann alle
Holzgattungen in Bücherform, woran die Rinde den Ueberzug, das gehobelte
Holz die Schatulle, und die Blätter, Blüthe, Samen und Wurzeltheile das
Eingeweide ausmachen, aufbewahret werden. Das Herbarium, welches
sämmtlichen kostbaren Schätzen würdig sich anreiht, läßt nichts zu
wünschen übrig. Alle diese Naturerzeugnisse und eine ungeheuere Menge
von aus Wachs kunstreich nachgemachten Obstgattungen jeder Art, sind
innländischen Ursprungs. Das neunte Zimmer endlich oder vielmehr der
Saal, enthält physikalische Instrumente und Apparate, nebst
verschiedenen Modellen von Maschinen, u. d. gl.
Ich durchschritt zaudernd die herrlichen Gemächer, als ginge ich zum
gezwungenen Grabe, und kam doch zu neuen und bezaubernden Schönheiten!
Die Eisenblüthe, deren groteskeste Gebilde ich bewunderte, verdrängte
der Anblick eines prächtigen Königsadlers, diesen ein sonderbarer
Bergkristall aus dem Paltenthale, jenen ein ungeheuerer Bär u. s. w. man
sieht umher, wohl überzeugt, zuviel für den Augenblick, zu wenig für die
Zukunft gesehen zu haben; doch wird sich der Zoologe schwerlich eines
lauten Ausrufs des Erstaunens entziehen können. Das Antiken- und
Münzkabinet verdient nicht minder die Aufmerksamkeit des Besuchers, wenn
er auch jenes zu Wien schon gesehen hätte. Der Garten, welcher in
botanischer Hinsicht erst im Aufkeimen ist, läßt viel erwarten; die
Bildergallerie aber, welche sich in der Neugasse befindet, wird gewiß
Niemand unbefriediget verlassen. Neben dem _Johanneum_ wird gegenwärtig
ein neues großes Gebäude für die schöne Bibliothek eingerichtet.
Jeder wißbegierige Reisende wird sich überdieß durch die Gefälligkeit,
Unterweisung, Humanität und tiefgewurzelte Kenntniß der dortigen Herrn
_Custoden_ auf das Angenehmste überrascht finden. -- Wohl dem Schiffe,
das mit solchen Leitern und Rudern ausgerüstet ist! was mangelt ihm
noch, das Ziel zu erreichen? und es hat solches errungen, und zwar eher,
als selbes erreicht zu seyn schien! -- Doch wohin treibt mich meine
Phantasie? ich will eine Reise, und keine _psychologische_ Abhandlung
entwerfen.
Das Haupt von Grätz, ich meine den Schloßberg, hat durch die bitteren
Wunden des Jahres 1809 sein früheres Antlitz ganz verloren; doch gewinnt
die Stadt durch dessen gemilderte Miene an Freundlichkeit ungemein.
Wenn ich auch annehme, daß es jammerschade ist, den Zeugen der
Tapferkeit und Vaterlandsliebe treuer Unterthanen von übermüthigen
Feinden rachlustig zerstören zu lassen; so wird mir doch Jeder
beistimmen: daß es gewiß zur Seelenerheiterung dient, statt denen mit
Unglücksmenschen, welche Erziehung und Schicksal zu Verbrechen geleitet,
angefüllten Bastionen, nunmehr zierliche Gärten zu sehen, auf deren Höhe
Grätz ihr Gutes und Angenehmes dem Besucher so gerne enthüllt. Kein
Stöhnen und Kettengerassel der Arrestanten[8], bannet den sanfteren
Menschen; Musik und muntere Ansprache bei erquickendem Getränke ladet
auf der Höhe zum Frohsinn. Statt Palisaden reihen sich Obstbäume, statt
Bajonetten -- Blumenkohl. Schattige Rebengewölbe laden zur Kühle, wo
einstens Batterien erhitzten. Kanonen sind zwar noch vorhanden, von der
Bürgermilitz bewacht, zu besonderen Feierlichkeiten oder Anzeige eines
Feuerausbruchs in der Umgebung bestimmt; aber keine Kugeln drohen über
der friedliebenden Stadt, außer welche geübte Spieler mit kräftiger
Faust dem Kegelbahn-Ziele hinsenden. Die Festung der Grätzer ist also
dahin, aber die Einwohner haben sich jeder einzeln im Herzen eine
Schanze erbaut, die kein Feind der Welt zu besiegen vermag. Der runde
Glockenthurm, dessen Verschonung die Bürgerschaft denen Franzosen
abkaufen mußte, und nun wie der Wiener Stephansthurm zur Feuerwache
bestimmt ist, nebst einer geräumigen Zisterne, dem Häuschen für den
Schanzwachmeister, und dem tiefer unten befindlichen viereckigen
Uhrthurme, sind die einzigen Mauerwerke auf der breiten Berghöhe.
[8] Zucht- und Strafhaus befindet sich gegenwärtig in der Karlau,
südlich von Grätz.
Gerne verweilt der Fuß, um dem Auge seinen schönen Tribut hier zu
gönnen: Ringsherum an den Schloßberg Stadt und Vorstädte in holder
Eintracht gedrängt; das frischgrüne Glacis durch gesunde Kastanienalleen
in kleinere Felder zierlich getheilt, und westlich die dunkel
hinströmende Mur, sind die Punkte, auf denen der Blick, von den bunten
Ziegeldächern ermüdet, angenehm ausruht. Diesen nahen in paradiesischer
Runde gutmüthige Dörfchen, bewinzerte Hügel und Meiereien mit Küchen und
Obstgärten, dann schwere Kornfelder auf gedehnter Fläche bis zum Schloß
_Wildon_ im lachenden Süden, um ihren Reichthum der älter gebornen
Freundin anzubiethen. Ueber alle diese Braven spricht die erhabene
Wallfahrtskirche _Maria Trost_ den Segen aus freundlichem Osten. Diesen
zu sichern, Kraft und Würde zu verkünden, steht östlicher die
kampflustige Heldin, Veste _Riegersburg_[9]. Vom Fuß bis zum hohen
Scheitel wohl gepanzert, trägt sie die Waffen aus entwichenen
Jahrhunderten, um noch die Feinde der Nachwelt zu erschüttern! --
Weiterhin drängen sich bergige Wälder zusamm, frisch und mächtig,
unwillkommenen Besuchern die Wege zu hemmen. Alles in der Ferne schon zu
erspähen, erhebt nördlich sein Haupt zur Sonne der hochgeachtete
Scheckel. Die Ruine _Gösting_ hingegen, da Kraft und Jugend entschwand,
will nun nimmer um irdische Reitze sich kümmern; wild über den Undank
der Menschen, welche die alte Gränzhütherin nicht mehr benöthigen und zu
vergessen scheinen, erhebt sie die Reste ihres zerstümmelten Körpers
bleich aus waldigem Dunkel auf felsiger Spitze im Westen.
[9] Eine der festesten Bergschlösser des Alterthums und gewesene
Schutzfestung gegen Ungarn, zwischen Feldbach und Fürstenfeld
befindlich; wurde durch Katharina _Galler_ Wittwe, geborne _Wechsler_
und Freifrau zu Riegersburg 1597 im Baue angefangen, und in sechzehn
Jahren vollendet. Sieben Thore, deren jedes einzelne eine Festung
vorstellt, machte dieses Schloß in damaligen Zeiten unüberwindlich --
Milde denken die Frauen, doch in männlicher Entschlossenheit gebähren
sie Riesen!
Ich bin zu schwach, die Eindrücke alle zu entwerfen, welche auf dieser
unbedeutenden Höhe so hochbegeisternd sich entwickeln, und überlasse es
jedem Gefühlvollen, sich selbst eine Zaubergruppe davon auszuschmücken.
Nur dem Kapuzinerberge bei Salzburg, der noch einen besonderen Vortheil
besitzt, muß ich den Vorzug über diesen, und den ersten Platz unter
Oesterreichs preiswürdigsten Hügeln einräumen; doch davon später.
Besonders erfreute mich zu Grätz der in Hauptstädten jetzt beinahe ganz
vernachlässigte Unterschied der Trachten; wovon aber auch hier die
Phrynen, welche auf das Allgemeine ohnedieß keinen Bezug haben,
auszunehmen sind. Bescheiden hüllt sich das Bürgermädchen in die
lieblich sie formende einfache Korsette, weißen Rock mit schwarz
seidenem Vortuche, und eine sammtene Kappe oder gothische Haube deckt
das geflochtene üppig sich hervordrängende Haar, ohne bei dieser
einfachen Kleidung dem Anspruche auf den Rang einer Grazie gleich denen
schimmernden Damen zu entsagen. Lieblich schweben sie daher die munteren
frischwangigen blonden oder brünneten Mädchen, ohne von einer Städterin
eine andere Spur, als die ihrer Bildung zu zeigen. Die Männer sind bei
all ihrer Knochenstärke artig im Benehmen; bescheiden, Neuigkeiten zu
erfahren, quälen sie Niemanden mit Fragen zu Tode, sondern überlassen es
der Fremden Willkühr, zu sprechen, und dagegen -- zu erfahren. Die feine
und gebildete Welt mag sich wohl überall ziemlich gleich bleiben, nur
fand ich hier weniger lächerliche Modesucht, und einen seltsamen Wunsch
sich lästigen Höflichkeiten zu entziehen. Ein Beweis von letzteren mag
der Befehl seyn, welchen eine Tafel auf der ständischen Allee (Glacis
nächst dem eisernen Thore, von dem nun die Werke abgetragen und der
Stadtgraben zugeschüttet wird), enthält, alles Hutabnehmen daselbst zu
unterlassen. Ein anderer Promenadeort ist der Merscheingarten, ein
flacher Platz mit großen Lindenalleen durchflochten, der mir jedoch
keinen Beifall abgewinnen konnte. Besser gefiel mir der Rosenhain,
dessen zunehmendes Alter ihn nun schöner kleidet, als da er zwanzig
Jahre jünger gewesen, wo er von Reisebeschreibern sehr getadelt wurde.
Ungemein angenehm, besonders für Fremde, ist ein Spaziergang auf der
gedeckten Murbrücke[10], welche auf drei hölzernen und einem steinernen
Pfeiler (Joche) ruht. Bei Tage, und Abends mit guter Beleuchtung,
passieren hier immer Menschen; viele kaufen etwas von den in eng
angereihten Hüttchen hier feilgebothenen Waaren, andere gehen in
Geschäften nach Stadt oder Vorstadt. Ich glaube, man könnte hier in
einem Tage die Hälfte aller Einwohner von Grätz ersehen, was besonders
bei regnerischem Wetter, wo der Fremde bloß auf Kaffeh- oder
Wirthshäuser gebunden wäre, nicht unwillkommen ist. Mitten auf der
Brücke sind zwei Altanen zum Ueberblick der reissenden Mur, an deren
Ufern sich die thätigen Hände der Gärber, Färber und Schiffsleute,
welche ein- und auspacken, recht lebhaft darstellen. Weiter unten
befindet sich die ungedeckte oder sogenannte Neuebrücke, welche die
Jakomini-Vorstadt mit dem Gries verbindet. Die Murvorstadt ist zwar die
belebteste, aber gewiß nicht die solideste.
[10] Leider ist jene durch die im Frühjahre 1827 stattgehabte
furchtbare Wasserfluth sammt den aus festen Quadern sie stützenden
Ufersaume abgerissen, und nur einstweilen durch eine schlichte
Nothbrücke ersetzt worden. Noch ist ungewiß, ob und was für eine
andere Brücke für die Zukunft das Lob der vorigen erringen wird.
Nun wandere ich zum Kalvarienberg, westlich von Grätz auf einem
pyramidenförmig isolirten Fels knapp an der Mur befindlich. Der Weg
sowohl als der 125 Fuß hohe Berg sind herrlich, und geschaffen, das
Gemüth des Wanderers zu sanften Gesinnungen zu stimmen.
Einstens soll dieser Fels einen Wartthurm getragen haben, 1606 aber
errichtete Bernhard _Walter_, Oberststallmeister des Erzherzogs
_Maximilian_ _Ernest_, zuerst ein Kreuz darauf; 1764 warf es der Blitz
herab; darauf bekam das wiedererrichtete, gegenwärtiges
_Cronographicum_:
fVLMen DeIeCIt
CongregatIo reparaVIt.
Sonntags den 21. August war Feuerwerk im Pumperwaldel, (Prater, der aber
mit jenem zu Wien gar keine Aehnlichkeit hat, außer daß einige
Bierschenken und Kegelbahnen vorhanden sind); ich besah es, konnte mich
aber nicht wie Tags vorher im Grätzer-Aushülfstheater (in der
landständischen Reitschule) der aufgeopferten Zeit erfreuen.
Die Tage flohen wie herrliche Stunden; Freunde und Gefilde täuschten
mich herzlich; deren Wonnegaben verkostend hätte ich bald jeder ferneren
Reise entsagt: hätte nicht ein Blick auf die mitgenommene topographische
Karte meinen schlummernden Willen erweckt, und schnell mich zur Abreise
gerüstet. Ein herrlicher Morgen vergoldete mir die Hoffnung einer
lieblichen Wanderung; Grätz schlummerte noch, schlummerte wie das edle
unschuldige Mädchen -- schmucklos in höchster Pracht, ohne Arglist von
Feinden zu besorgen. Ausgebreitet lag es harmonisch auf herrlicher Flur,
von den spähenden Thürmen und grünenden Bergen begrüßt; kein neidischer
Nebel entzog etwas der reitzenden Gestalt, noch suchte schwelgerischer
Rauch zu verbergen, was es so liebenswürdig macht. Gesunde Luft spielte
sanft mit den Blättern der Bäume, als wären sie Locken der Schönen,
damit dieser anmuthige Wirbeltanz höheren Schmuck noch verleihe. Die
immer wachsame Mur durchlief die Stadt mit zunehmender Schnelligkeit,
als wollte sie Versäumtes ereilen, oder den Weg verkürzen. Geschäftige
Schwalben umzogen sie neugierig, um eigene Schönheit im wässrigen
Morgenspiegel zu schauen; erfreut ob schmeichelnder Empfindung, zollten
sie singend dem Schöpfer freudigen Dank. Es war ein Bild zum Entzücken,
welches nur die Erinnerung von wahrer Seligkeit trennte: daß nicht alles
Beglückende ewig dauere, und nur öfter so ein ähnlicher Augenblick
mondenlange Schwermuth versüße, um bald wieder neues Mißgeschick
erträglich zu machen. »Lebe wohl, geliebte Freistadt des Vergnügens und
der Anmuth! lebe wohl, du neueres _Eden_! lebet wohl, ihr selbes
bewohnenden Seelen!« sprach ich innigst gerührt dem stummen verlassenen
Städtchen, und zwang den unwilligen Fuß,