1925 erhielt ich durch ein eifriges Mitglied der »Süddeutschen
Vogelwarte«, Herrn Ingenieur Wagner in Oporto, schöne Sendungen
portugiesischer Vogelbälge, deren Untersuchung für mich Veranlassung
zu teilweise ganz neuen tiergeographischen Wahrnehmungen wurde. Fast
alle Landvogelarten, von denen überhaupt hinreichendes Studienmaterial
zu beschaffen war, sind in Portugal durch eigene, zum Teil sehr
scharf herausgehobene und von den mitteleuropäischen Stücken deutlich
unterscheidbare Rassen vertreten. Weiter zeichnen sich fast alle diese
Rassen einerseits durch Kleinheit, andererseits durch eine auffallend
dunkle und düstere Färbung aus. Im schönsten Einklang damit steht es,
daß ja auch der portugiesische Menschenschlag der untersetzteste und
dunkelhäutigste Europas ist. Diese Erscheinung erklärt sich durch das
südliche, dabei aber sehr regenfeuchte Klima Portugals. Wir wissen,
daß erhöhte Luftfeuchtigkeit eine Verdunkelung des Vogelgefieders
bewirkt. Dies läßt sich sogar experimentell nachweisen, wie uns Abb.
12 belehrt. Wir sehen da aus derselben australischen Finkengattung
links eine ganz helle, wüstenbewohnende Art und rechts eine stark
verdunkelte aus nicht wüstenartigem Gelände, in der Mitte aber den
Wüstenvogel nach nur dreijährigem Aufenthalt in einem feuchten
Klima, welch kurzer Zeitraum schon genügt hat, ihn hinsichtlich der
Gefiederfärbung gewissermaßen zu einer Übergangsform zwischen den
beiden Extremen zu stempeln. Ein sehr lehrreiches Beispiel ist weiter
die Wasseramsel, deren Rassen hauptsächlich nach der dunkleren oder
helleren Tönung des Bauchschildes unterschieden werden. Bei den
portugiesischen Wasseramseln nun ist dieses Bauchschild tiefschwarz,
und sie gleichen darin den norwegischen Exemplaren. Dazu wäre gleich
noch zu bemerken, daß die Mehrzahl der Tiergeographen und fast alle
ornithologischen Systematiker bisher den Fehler begingen, immer nur
allgemein von Skandinavien zu sprechen, während in Wirklichkeit
Schweden und Norwegen tiergeographisch ganz verschiedene Länder sind.
Schon das Vorkommen von zwei ganz verschiedenen Blaukehlchenformen in
beiden Ländern und die völlig abweichende Zugsrichtung (in Norwegen
ausgesprochen südwestlich!) hätte stutzig machen müssen. Wir brauchen
uns bloß eine Karte der letzten Eiszeit vorzunehmen, um die Erklärung
zu finden. Nach dem Abschmelzen der meisten Gletscher ist die
Wiederbesiedlung Skandinaviens offenbar von zwei Seiten her erfolgt,
einmal im Gefolge der Fichte von Osten her, wodurch sich der baltische
Charakter der schwedischen Vögel erklärt, und sodann im Gefolge der
Buche von Süden her über Dänemark, über das die Buche selbst nicht
viel hinausging, und wohl auch von Westen her, also von England aus.
Das für die meisten Tiere schwer überschreitbare skandinavische
Gratgebirge bildete dann einen wirksamen Grenzwall. In der Tat stehen
die meisten norwegischen Rassen den englischen viel näher als den
schwedischen. Die britischen Inseln sind ja erst seit verhältnismäßig
kurzer Zeit vom europäischen Festland getrennt, und ihre Tierformen
stehen deshalb den mitteleuropäischen noch sehr nahe. Wo sich aber
schon eigene Rassen herausbildeten, bewegen sich deren Charakterzüge
ganz in derselben Richtung wie bei den Portugiesen und Norwegern,
also gedrungener Körperbau und Verdüsterung des Gefieders. Manchmal
ist die Aufsplitterung schon so weit vorgeschritten, daß England,
Schottland und Irland je eine eigene Rasse besitzen, wobei dann die
Schotten den Norwegern am nächsten stehen. Um nun auf die Wasseramsel
zurückzukommen, so ist es doch eine höchst auffallende Erscheinung, daß
portugiesische Stücke mindestens ebenso dunkel sind wie norwegische,
während die weiten, dazwischen liegenden Strecken des europäischen
Festlandes durchgängig von hellbäuchigen Rassen bewohnt werden. Ähnlich
verhält es sich auch bei vielen anderen Vogelarten, und immer bildet
dann die englische Rasse die vermittelnde Brücke. Das nordwestliche
Spanien gehört seinen Tier-Kennzügen nach auch zu Portugal und der
nordwestlichste Zipfel Frankreichs zu England. Auch bei Vögeln aus der
Westhälfte Schleswig-Holsteins und Jütlands zeigen sich diesbezügliche
Anklänge. Bei Südportugal sprechen mancherlei Anzeichen dafür, daß
diese Landschaft faunistisch nicht zum übrigen Portugal gehört,
sondern zum iberischen Gau. Ob man die atlantischen Inseln mit zum
lusitanischen Gebiet ziehen oder besser aus ihnen einen eigenen
atlantischen Gau machen soll, kann hier unerörtert bleiben. Jedenfalls
haben die Vogelrassen der angeführten Gebiete so viel Übereinstimmendes
und weichen so gleichmäßig von den mitteleuropäischen ab, daß man gut
daran tun wird, diese Länder tiergeographisch als »lusitanische Region«
zu vereinigen. Nehmen wir nun die Regenkarte Europas zur Hand, so fällt
es uns wie Schuppen von den Augen: Der Umriß unseres lusitanischen
Gaus fällt fast haarscharf zusammen mit dem Gebiet der größten
Niederschlagsmengen (über 100, an den Grenzen 85 bis 100 ~cm~, während
z. B. Schweden nur 40 bis 55, das innere Spanien nur 25 bis 40 ~cm~
hat)! In der Tat eine überraschende und verblüffend einfache Lösung!
Nun wissen wir auch, warum die Landvögel unseres Gebietes alle eine so
dunkle Färbung haben. Zwar ist der Begriff einer lusitanischen Provinz
auf anderen naturgeschichtlichen Gebieten schon von Forbes u. a.
aufgestellt worden, aber auf dem Gebiete der Vogelkunde wurde er bisher
noch nirgends mit genügender Klarheit und Schärfe herausgearbeitet, und
wir sehen daraus, zu welch schönen Ergebnissen man gelangen kann, wenn
man sich etwas mehr in die Tierverbreitung vertieft (Abb. 13).
[Illustration: Abb. 13. Kärtchen des lusitanischen Tiergaues
— — — — — Grenzen des lusitanischen Faunengebietes
[schwarz] Gebiet der größten Regenmenge (über 100 ~cm~)
[grau] Gebiete mit mittlerer Regenmenge (55–100 ~cm~)
[weiß] Gebiete mit geringer Regenmenge (unter 55 ~cm~)
]
Wenn wir schließlich noch einen Blick auf die Verbreitung unserer
_deutschen Tiere_ werfen wollen, so wird der aufmerksame Leser
längst gemerkt haben, daß »Deutschland kein tiergeographischer
Begriff« ist und sich nicht etwa mit dem »germanischen Gau« deckt.
Es sind schon verschiedentliche Versuche gemacht worden, Deutschland
tiergeographisch noch weiter aufzuteilen, und gewöhnlich zog man
dabei eine Art Mainlinie oder richtete sich nach den Endmoränen der
Eiszeit, trennte also Nord- von Süddeutschland. Auf unserem Kärtchen
ist eine solche Trennungslinie durch unterbrochene Striche nach Dahl
dargestellt. Dieser Forscher zog aber noch eine zweite Grenzscheide
von der Weichselmündung zum Donauknie und zum Bodensee, die sich also
mit der ersteren kreuzt und so ganz Deutschland in vier Untergebiete
spaltet: ein nordwestliches, ein nordöstliches, ein südöstliches und
ein südwestliches. Dahl ist Fachmann für Spinnen und stützt sich
deshalb hauptsächlich auf die weitreichenden Erfahrungen, die er beim
Studium dieser Tiere gewonnen hat. Für die Spinnentiere und wohl
auch für manche andere niedere Lebewesen wird also seine Auffassung
richtig sein, aber für die Vögel, die ich meiner Betrachtung zugrunde
lege, stimmt sie nicht, auch schwerlich für die Säugetiere. In
vogelkundlicher Beziehung lassen Nord- und Süddeutschland sich nicht
trennen, läßt sich überhaupt kein ostwestlich verlaufender Scheidewall
errichten. Die Rassen in beiden Gebieten sind durchaus dieselben, und
ich wüßte kaum eine einzige Vogelart, die in Süddeutschland eine andere
Rasse ausgebildet hätte als in Norddeutschland. Wohl besitzt dieses
einige Arten, die als Brutvögel jenem fehlen und umgekehrt, aber das
ist in der Regel nicht auf eigentlich tiergeographische Gründe, sondern
auf die gesamte Umwelt zurückzuführen. Norddeutschland hat Meeresküste,
viel Sümpfe, Brücher und Seen, Großgrundbesitz; Süddeutschland
keinen Seestrand, wenig stehende Gewässer, kleinbäuerlichen
Wirtschaftsbetrieb, aber Hochgebirge, das dem Norden fehlt. Im
allgemeinen ist Norddeutschlands Vogelwelt allerdings erheblich
reicher, und zwar sowohl an Arten wie an Individuen, aber dies hängt,
abgesehen von der Geländebildung, nicht zuletzt damit zusammen, daß
der in streng weidmännischen Anschauungen aufgezogene norddeutsche
Großgrundbesitzer auch der Tierwelt noch ein Plätzchen an der Sonne
gönnt, daß deshalb auch solche Arten noch Wohnplätze finden, die aus
Süddeutschland, wo sie keine Ruhe mehr haben, schon verschwunden sind.
Die erst in neuerer Zeit aus dem Süden in Süddeutschland eingewanderten
Arten drängen immer weiter nach Norden, die aus dem Norden in
Norddeutschland eingewanderten immer weiter nach Süden, und so
vermischen sich die beiderseitigen Faunen immer inniger. Heute kann die
Wacholderdrossel ebensowenig mehr als eine Spezialität Norddeutschlands
gelten wie der Girlitz als eine solche Süddeutschlands.
[Illustration: Abb. 14. Faunistische Karte Deutschlands
— — — — Grenzlinien der Dahlschen Untergebiete.
—·—·—·— Grenzlinien der ornithologischen Untergebiete nach
Floericke.
······· Hypothetische Grenzlinie des lusitanischen Gebiets
]
Können wir also ost-westliche Trennungslinien kaum ziehen, so doch
heute schon mit ziemlicher Sicherheit nord-südliche, wie sie auf
unserem Kärtchen voll ausgezogen sind. Da sehen wir zunächst, daß
Ostpreußen aus dem Rahmen herausfällt, weil es zum baltischen Gau
gehört, dessen Grenze wahrscheinlich an der unteren Weichsel entlang
läuft, vielleicht aber auch noch weiter westlich bis zu der mit
Fragezeichen versehenen Linie vorgerückt werden muß. Ostpreußen ist
ja überaus reich an eigenen Vogelformen, die im übrigen Deutschland
nicht vorkommen und von denen hier nur Karmingimpel, Sprosser,
Uralkauz, Zwergmöwe und Rotfußfalke genannt seien. Da auch viele der
selteneren nordischen Wintergäste in der Regel nur bis Ostpreußen
herunterkommen, wie z. B. Schneeeule und Hakengimpel, da endlich der
dortige Ostseestrand eine stark beflogene Zugstraße ferner Wanderer
darstellt, darf Ostpreußen wohl als die ornithologisch reichste Provinz
Deutschlands bezeichnet werden. Fast jede der stark zur Variation
neigenden Arten hat dort eigene, von den mitteldeutschen mehr oder
minder stark abweichende Rassen ausgebildet, z. B. Graumeise, Kleiber,
Stieglitz u. a. Der baltische Grenzstrich setzt sich dann südwärts
fort in dem polnischen, der einen Streifen Posens und Ostschlesiens
abschneidet. Dadurch wird es erklärlich, daß aus Oberschlesien mehrfach
eigene Rassen beschrieben werden konnten. Größere Klarheit über
dieses Gebiet werden wir aber erst erhalten, wenn die Rassenbildung
und Verbreitung der polnischen Vogelwelt besser erforscht sein
wird. Die beste Vorarbeit dort haben ebenso wie im Westen unsere
feldgrauen Ornithologen während des Weltkrieges geleistet. Durch
eingehende systematische Erforschung ist zweifelsfrei festgestellt
worden, daß die Vogelrassen des Rheintales gleichfalls deutlich von
den mitteldeutschen abweichen und den französischen näher stehen. Nur
in diesem Gebiet finden wir Zaun- und Zippammer, Zitronenzeisig und
Steinrötel (vielleicht schon ausgerottet?) als Brutvögel, und sogar
die Ginsterkatze geht bis in die Vogesen. Falls meine Vermutung sich
bewahrheiten sollte, müßte auch noch die durch die punktierte Linie
angedeutete Westhälfte Schleswig-Holsteins aus dem germanischen Gau
ausgeschieden werden. Es verbleibt also für diesen noch der durch die
beiden Nordsüdlinien begrenzte weitaus größte Teil Deutschlands, zu dem
aber tiergeographisch noch der größte Teil Hollands und der Schweiz,
Böhmen, Mähren und alle österreichischen Lande nördlich des Alpenkammes
hinzukämen (Abb. 14).