Ein vergangenes Tierparadies

Wie ich dieses mein 20. Kosmosbändchen mit der Schilderung einer

deutschen Lebensgemeinschaft, nämlich der unseres Waldes, eingeleitet

habe, so möchte ich es auch mit einer solchen schließen, nämlich

mit der der deutschen Teich- und Sumpflandschaft. Sie ist in ihrer

unverfälschten und naturwüchsigen Form freilich schon recht selten

geworden, eigentlich nur noch in Norddeutschland, namentlich in

Ostpreußen und Schlesien zu finden, wo der weidgerechte Großgrundbesitz

wenigstens stellenweise seine schützende Hand über sie gehalten

hat. Hier kann man noch wahre Tierparadiese entdecken. Ich habe

ein solches während meiner Studentenjahre in der Bartschniederung

ausfindig gemacht. Welch unvergeßlich schöne Stunden reinster

Forscher- und Jägerfreuden habe ich dort verlebt! Wie soll ich das

Entzücken schildern, das ich bei solchen herrlichen Teichfahrten

empfand? Ente auf Ente, darunter die seltensten deutschen Arten,

flog vor unserem Fahrzeug auf, Taucher auf Taucher verschwand bei

unserem Nahen blitzschnell unter dem Wasserspiegel, Bläß- und

Rohrhühner zeigten sich allenthalben, ganze Ketten von Reihern gingen

auf, schaukelnde Rohrweihen strichen mit langsamen Flügelschlägen

über die undurchdringliche Schilfwildnis, während sich die Zahl der

blendend weißen Möwen mit dem rotbraunen, weithin sichtbaren Oberkopf

von Sekunde zu Sekunde vermehrte, ihr durchdringendes Geschrei die

Ohren betäubte und die Sinne verwirrte. Aus den unzugänglichsten

Sumpfwinkeln erscholl der dumpfe Ruf der Rohrdommel, und ein

prächtiger Fischadler zog seinem Horste zu. Die Nester der Möwen und

Taucher standen stellenweise so dicht, daß man mit dem Kahn kaum

durchkommen konnte. An anderen Stellen war die Wohndichtigkeit der

Enten derart, daß etwa alle 10 Sekunden eine aufging, und ähnlich

verhielt es sich in den versumpften Armen der Bartsch mit den dort

brütenden Graugänsen. Dabei wird in diesen Teichen eine sehr lohnende

Fischzucht, namentlich Karpfenzucht, betrieben: wieder einmal ein

Beweis dafür, daß die Natur selbst sich am besten die Wage hält.

Was die Vögel an Fischen wegkapern, das ersetzen sie durch eifriges

Vertilgen von Fischereischädlingen und durch ihren massenhaften Kot,

der die Teiche düngt und eine sehr rege, der jungen Fischbrut zugute

kommende Planktonbildung begünstigt. Fast bei jeder dieser Fahrten

bekam man Rot- und Damwild zu sehen, bisweilen auch Schwarzwild,

Füchse und Fischottern. Tausende von Fröschen erfüllten die Gegend

mit ihrem Gequake, Millionen von blutdürstigen Stechmücken tanzten in

der Luft, Ringelnattern schlängelten sich geschmeidig durchs Wasser,

zahllose Libellen ließen ihren nadelschlanken Leib in der Sonne

glitzern, selbst die seltene Sumpfschildkröte bekam man zu Gesicht.

Auf den riesenhaften, uralten Eichen am Teichrande thronten regelmäßig

Schreiadler, öfters auch Seeadler, bisweilen sogar Steinadler. Auf den

sumpfigen Wiesen stelzten und flogen mit lautem Geschrei hochbeinige

und langschnäblige Uferschnepfen. Am Waldrande führten Kraniche ihre

Jungen spazieren und erhoben sich dann mit gellenden Trompetenrufen

in die Luft, und im Sumpfwalde selbst hatte der sagenumwobene

Schwarzstorch seinen Horst. Im Rohr und Schilf seltene Kleinvögel,

im Gebüsch das Jauchzen, Schmettern und Schluchzen zahlreicher

Nachtigallen. Ein Gefühl tiefer Wehmut ergreift mich, während ich diese

Zeilen aus unverlöschlicher Erinnerung niederschreibe. Versunkene

Herrlichkeiten, von denen heute unter dem Einfluß der »Kultur« und

namentlich der Kriegs- und Nachkriegszeit nur noch kümmerliche Reste

vorhanden sind! _Mußte_ das wirklich sein?!

Zwischen Pol und Äquator: Tiergeographische Lebensbilder · 第 56 / 59 题