[Illustration: Abb. 9
~a~ Schneehase. ~b~ Alpenhase. ~c~ Feldhase. ~d~ Wüstenhase]
Die Richtigkeit der Bergmannschen Regel wurde auch durch Versuche
bestätigt: Weiße Mäuse, die Sunner bei erhöhter Temperatur züchtete,
wurden schon nach wenigen Geschlechterfolgen kleiner, die in
abgekühlten Räumen gehaltenen dagegen größer. Dabei stellte sich
aber noch eine sehr merkwürdige Erscheinung heraus: Die im Warmen
gezüchteten Mäuse bekamen nämlich trotz ihrer Größenabnahme längere
Ohren und Schwänze. Diese Erfahrung steht keineswegs vereinzelt da.
Jeder Kaninchenzüchter weiß ja, daß die sehr langohrigen Rassen sich
in warmen, womöglich geheizten Ställen am vollkommensten züchten
lassen. Dies führt uns auf ein weiteres Gesetz, denn auch in freier
Natur können wir dieselbe Erfahrung machen. Schon beim Renntier
fallen uns die kurzen Lauscher im Gegensatz zu unserem Rotwild auf;
wie gewaltig wird aber erst der Unterschied zwischen nordischen und
tropischen Formen, wenn wir etwa den Schafochsen mit der Gazelle
oder Giraffe vergleichen. Dort alle Anhängsel des Körpers soweit als
möglich verkürzt, die stämmigen Läufe so niedrig als möglich, das Ganze
gedrungen und zusammengefaßt, recht wenig Oberflächenentwicklung,
ein Bild von Kraft und Zähigkeit. Hier die Ohren lang, die Läufe
dünn und hoch, der Hals schlank, viel Oberflächenentwicklung, das
Ganze ein Bild flüchtiger Zierlichkeit und Anmut. Wir haben ja schon
gesehen, daß es im Interesse der Polartiere liegt, der ungemütlichen
Außenwelt eine möglichst geringe Angriffsfläche darzubieten, und
hierher gehören vor allem so empfindliche Körperteile, wie es die
Ohrmuscheln sind. Aus unserer Abbildung ersehen wir sehr schön die
allmähliche Verkürzung der Ohren nach Norden hin. Der Wüstenfuchs
hat bedeutend längere Ohren als unser gewöhnlicher Fuchs und dieser
wieder viel längere als der Polarfuchs (Abb. 8). Ganz ähnlich bei den
Hasen, wo der Schneehase kürzere Löffel besitzt als unser Feldhase,
auch kürzere als der Alpenhase, während bei den schmächtigen Hasen
Nordafrikas die Löffel auffallend lang sind (Abb. 9). Dieselbe Regel
bei den Mäusen: die kurzschwänzigen und kleinohrigen Wühlmäuse leben
in nördlicheren Gegenden, während die großohrigen und langschwänzigen
echten Mäuse wärmere Länder bevorzugen. Tiere mit so gewaltiger
Oberflächenentwicklung wie Flughunde und Vampire passen überhaupt nicht
in die Arktis, sondern lassen von vornherein vermuten, daß sie sich nur
unter warmen Breitengraden wohl fühlen. Vögel, die sich viel in hohe,
dünne und kalte Luftschichten erheben, brauchen ein vollständigeres
Federkleid als solche, die sich zumeist am Erdboden oder dicht über
ihm aufhalten. Deshalb kann es nicht überraschen, daß bei Raubvögeln
die Federn 10–14% des Körpergewichtes ausmachen, bei Hühnervögeln
dagegen nur 7–9%. Die Vögel sind ja bezüglich des Wärmehaushalts den
Säugern gegenüber überhaupt sehr im Vorteil, denn sie haben keine
äußeren Ohren, ihr Schwanz besteht nur aus Federn, ihr Fuß enthält
nur sehr wenig Muskelfleisch, sondern fast nur Haut und Knochen,
Horn und Sehnen. In der dünnen und kalten Luft der Polargegenden und
des Hochgebirges steigert sich der Stoffwechsel, und dadurch werden
erhöhte Anforderungen an die Herztätigkeit gestellt, was mit einer
Vergrößerung des Herzens Hand in Hand geht. Hesse hat in dieser
Beziehung sehr lehrreiche Tabellen zusammengestellt. Danach beträgt
z. B. das Herzgewicht von Feldsperlingen aus Petersburg 15,74‰ des
Körpergewichts, in Norddeutschland 14‰, in Württemberg nur noch 13,1‰.
Ebenso auffällig sind die Unterschiede im Herzgewicht zwischen den
bei uns brütenden Vogelarten und ihren nordischen Verwandten, die uns
nur im Winter besuchen. Wir haben also im Herzgewicht ein ganz feines
und empfindliches Anzeigewerk für die Herkunft der Tiere vor uns.
Der im Winter bei uns bleibende Raubwürger hat ein verhältnismäßig
höheres Herzgewicht als der die rauhe Jahreszeit im Süden verbringende
Dorndreher, obgleich beide derselben Gattung angehören.
Eine auffallende Erscheinung des _Polargebietes_ ist das Überwiegen
der _weißen Farbe_ im Haarkleid der Säugetiere und im Federkleide der
Vögel. Das Hermelin z. B. ist in der Arktis das ganze Jahr über weiß,
bei uns nur im Winter, den Sommer über dagegen braun, und in Italien
wird es auch im Winter nicht weiß. Eisbär und Schneehase sind dauernd
weiß, Renntier und Lemming wenigstens im Winter. Ebenso spielt die
weiße Farbe im Gefieder der Schneeeulen, Schneehühner, Jagdfalken und
Schneeammern die erste Rolle, und die formenreiche Gruppe der lustigen
Leinzeisige wird um so heller und weißlicher, je weiter wir nach Norden
kommen. Es liegt nahe, das Weiß als eine Schutzfärbung, als eine
Anpassung an die weiten Schneeflächen aufzufassen, und beim Schneehuhn
z. B. wird das wohl auch stimmen, denn die Beobachter heben fast alle
hervor, daß es ängstlich solche Plätze vermeidet, mit denen seine
Gefiederfärbung nicht zusammenklingt. Bei so wehrhaften Geschöpfen
aber, wie es Eisbären und Schneeeulen sind, die außer dem Menschen
kaum irgendwelche Feinde in ihrer öden Heimat haben, kann das nicht
zutreffen, und es könnte hier höchstens von einer »Anschleichfarbe«
die Rede sein, die es erleichtern soll, ungesehen an die erspähte
Beute heranzukommen. Für die fliegend jagende Schneeeule, die auch bei
Tag recht gut sieht, paßt aber auch diese Erklärung nicht. Wenn nun
Hesse meint, daß auch die Weißfärbung zur Erhaltung und Steigerung
der Körperwärme beitrage, so kann ich mir das nicht gut denken, denn
wenigstens bei uns Menschen steigert gerade schwarze Kleidung die
Körperwärme, während wir weiße Gewänder anlegen, wenn es uns zu warm
wird. Zuchtversuche, die sich allerdings fast ausschließlich auf
Schmetterlinge beschränkten, haben bewiesen, daß Wärme aufhellend,
Kälte aber gerade schwärzend auf die Färbung der den so behandelten
Puppen entschlüpfenden Falter einwirkt. So hat man aus Puppen des
Kleinen Fuchses bei Kältebehandlung Falter bei uns erzielt, die der
lappländischen Rasse dieses Schmetterlings glichen, während sie bei
Wärmebehandlung der sardinischen täuschend ähnlich waren. Auf diesem
Gebiete sind offenbar noch viele Rätsel zu lösen. Der Moschusochse ist
dunkelbraun, der Kolkrabe tiefschwarz, beide also auf Schneegefilden
weithin sichtbar. Offenbar haben aber beide Kälteschutz viel nötiger
als Schutzfarben, und ich glaube deshalb, daß auch in der Arktis
ein dunkles Gewand zur Wärmeerhöhung beiträgt. Anscheinend liegen
Kälteschutz und Schutzfarbe hier in einem Wettkampf, der z. B. beim
Polarfuchs noch nicht zum Austrag gekommen ist, weshalb wir dieses Tier
in den verschiedensten Farben finden (Abb. 10).
Wie die Bewohner der Arktis gegen Kälte und Feuchtigkeit gewappnet
sein müssen, so die der heißen und dürren _Wüste_ gegen Durst und
Trockenheit. Die Wüstentiere haben denn auch alle etwas Gemeinsames,
sonst in der Natur nicht Wiederkehrendes, wenigstens was die Säuger
und Vögel betrifft. Schlank, hochbeinig, langschwänzig, großohrig,
glotzäugig, scharfsinnig, fahl, sandfarbig erscheint alles, was
in der Wüste leibt und lebt. So eintönig die Wüstenfauna auch
erscheint, so artenarm sie in Wirklichkeit auch ist, so eigenartig
ist sie doch und in geradezu wunderbarer Weise dem für sie so sehr
erschwerten Kampf ums Dasein angepaßt. Dies ist z. B. bezüglich der
schützenden Sandfarbe selbst bei den flüchtigsten Geschöpfen, den
Vögeln, in so hohem Grade der Fall, daß der Fachmann etwa bei einer
vorgelegten Lerche sofort sagen kann, ob sie aus der Sahara oder aus
der transkaspischen Wüste stammt. So genau ist in ihrem Gefieder die
gelbrote Farbe des Saharasandes oder des mehr graugelblichen Sandes
der Turkmenenwüste widergespiegelt. Ein sehr hübsches Beispiel für
Wüstenanpassung ist auch der in den Sammlungen immer noch seltene
Saxaulhäher, den selbst zu jagen und dessen kostbares Gelege zu
sammeln mir in der transkaspischen Wüste vergönnt war. In ihm ist
unser gewöhnlicher Eichelhäher aus einem Baum- zu einem Lauf-,
aus einem Wald- zu einem Wüstenvogel verändert worden. Den blauen
Flügelspiegel, der im Wüstensand zu auffällig wäre, hat er verloren,
das Gefieder ist sandfarbig geworden, die Sitzbeine wurden zu hohen
Laufbeinen, auf denen der Vogel mit verblüffender Schnelligkeit von
einem Saxaulstrauche zum andern rennt. Die Sandfarbe, die auch bei
Wüstengimpeln und Wüstenhühnern, bei Springmäusen und Füchsen, bei
Steinkäuzen und Nachtschwalben, bei Gazellen und Antilopen wiederkehrt,
ja selbst bei manchen Kriechtieren und vielen Kerfen sich findet, ist
zweifellos eine in der Wüste sehr wirksame Schutzfarbe, aber über
ihre Entstehung kann man sehr verschiedener Meinung sein. Hitze,
Sand und Trockenheit bewirken sicherlich ein Ausbleichen, Vergilben,
Sprödigkeit und rasche Abnutzung des Gefieders. Das durch alle diese
Einflüsse zustande kommende sandfarbige Gewand erweist sich dann aber
seiner Schutzfarbe wegen auch als sehr vorteilhaft und wird deshalb
durch natürliche Zuchtwahl weiter vererbt, befestigt und vollkommener
ausgebildet. Kennzeichnend für die Wüstentiere ist weiter ihre starke
Oberflächenentwicklung, von der bereits die Rede war. Wir brauchen nur
das Bild der schlanken Gazelle mit dem des plumpen Moschusochsen der
Arktis zu vergleichen, um zu wissen, worauf es ankommt. Da ist alles
Zierlichkeit und Schlankheit, Schnelligkeit und Anmut, Rasse, Leben,
Temperament! (Abb. 11.)
[Illustration: Abb. 10. Polarlandschaft mit (von links nach rechts)
Schneehase, Schneeeule, Walroß, Schneehuhn, Eisbär, Eisfuchs, Renntier,
Moschusochse]
Das Kamel kann unbeschadet fünf, im Notfalle aber auch zehn, ja zwölf
Tage ohne Wasser aushalten. Wie andere Wüstentiere, wittern sie aber
das Wasser auf erstaunliche Entfernung, und von Elefantenherden wird
behauptet, daß sie durch niedergegangene Regengüsse auf Hunderte von
Kilometern geradezu magnetisch angezogen werden, obgleich der Elefant
ja kein Wüstentier ist. Den Flug- und Steppenhühnern, den Wüstentauben
u. a. ermöglicht es ihr großartiges Flugvermögen, alltäglich weite
Strecken zum Aufsuchen der gewohnten Tränkplätze zu durchmessen, und
die Kriechtiere der Wüste oder Trockensteppe haben überhaupt nur ein
ganz geringes Wasserbedürfnis. Wo aber jahrelang aller Niederschlag
ausbleibt, wo jahrelang mit ungehemmter Glut die Sonne herniederbrennt,
da erstirbt schließlich alles Tierleben, und es dauert dann Jahrzehnte,
bis ein solcher Platz sich wieder bevölkert. So ist alles dreimal
gesiebt, was in der Wüste sein Leben zu fristen vermag. Die Vögel sind
auch hier wieder den Säugetieren gegenüber entschieden im Vorteil,
denn sie haben eine viel geringere Wasserausdünstung, da sie keine
Schweißdrüsen besitzen, da ihr Gesicht keine fleischigen, beständig
anzufeuchtenden Lippen und Nasenlöcher enthält, sondern hornige Kiefer,
und da sie ihren Harn nicht in flüssiger, sondern in kristallinischer
Form ausscheiden. So stark schwitzende Tiere wie Pferde können es in
der echten Sandwüste nie lange aushalten, und für Wildrinder mit ihrem
sehr wasserhaltigen Kot und ihren ewig triefenden Mäulern ist die
Wüste überhaupt kein Aufenthalt. Wohl finden sie sich noch in nicht
zu trockenen Steppengebieten, aber ihr eigentlicher Wohnort ist der
feuchte Sumpfwald. Dagegen gibt es Schnecken in der Wüste, soweit sich
noch bescheidenster Pflanzenwuchs findet. Sie besitzen ja das famose
Mittel, sich einfach in ihrem Hause einzukapseln, wenn die Sache gar zu
ungemütlich wird, und in jahrelangem Dauerschlafe ruhig abzuwarten, bis
ein Regenguß sie wieder ins Leben zurückruft und ihnen gleichzeitig den
Tisch deckt. Eine algerische Wüstenschnecke, die im Londoner Museum zu
Schauzwecken auf einem Kartonblatt angeleimt war, erwachte nach vier
Jahren zu neuem Leben, als sie zufällig mit Feuchtigkeit in Berührung
kam!
[Illustration: Abb. 11. Afrikanische Wüstenlandschaft (trockene Steppe)
mit Strauß, Sandflughuhn, Springmaus, Wüstenfuchs, Wildesel, Gazelle
und Läuferlerche]
Wie rasch die ganze Tierwelt wechselt, oder vielmehr mit welch
großartiger Promptheit sie sich völlig umzustellen versteht, sobald
Nässe durch Trockenheit abgelöst wird oder umgekehrt, das konnte
ich in der Dobrudscha während des Weltkrieges beobachten. Wenn hier
die alljährlichen Frühjahrsüberschwemmungen der Donau das ganze
Land weithin unter Wasser setzen zur Freude der Fische, der Sumpf-
und Wasservögel, der Fischotter, Egel und Libellen, dann steigen
die Gehäuseschnecken aufs Schilf oder andere über den Wasserspiegel
hinauswachsende Pflanzen, und die Nacktschnecken flüchten in den Mulm
der hohen und hohlen Weidenbäume. In diesem Mulm wimmelt es überhaupt
von allerlei Getier, das hier Rettung fand vor der dräuenden Flut.
Spinnen bergen sich zwischen hochstehenden Pflanzenblättern oder
fertigen sich aus ihren Fäden ein undurchdringliches Kapselgewebe an,
in dem sie ruhig das Fallen des Wassers abwarten. Hasen und Wölfe,
Füchse und Iltisse werden zu Schwimmkünstlern und suchen die wenigen
über die Flut hinausragenden »Grinde« zu erreichen. Nach einiger Zeit
treten die Wasser zurück, das Erdreich kommt wieder zum Vorschein
und wird bald von der heißen Sommersonne trockengebrannt. Nun müssen
sich Fische und andere Wassertiere in die Dauerseen zurückziehen, nun
flüchten statt der Landschnecken die Wasserschnecken in den feuchten
Mulm der Weidenbäume, nun können sich die Landtiere wieder auf die
zutage tretenden Wiesen und Äcker zerstreuen, die gewohnten Erdlöcher
oder sonstige Behausungen erneut beziehen. Das Kleingetier des Wassers
zieht sich dagegen in den Schlamm zurück, um hier in Dauerzuständen
die Wiederkehr besserer Zeiten abzuwarten, und der Schlammbeißer
gräbt sich, seinem Namen entsprechend, metertief in den Schlamm ein,
indessen es oben so trocken wird, daß schwerbeladene Wagen über seinen
Zufluchtsort hinwegfahren können. So verschwinden bei fortschreitender
Dürre nach und nach alle Wassertiere und werden durch Landtiere
ersetzt. Es stehen sich hier zwei feindliche Welten gegenüber, die je
nach den Wasserstandsverhältnissen miteinander abwechseln und die beide
mit den vorzüglichsten Waffen und Trutzmitteln zum Kampfe um den Raum
ausgerüstet sind. Bald macht diese, bald jene Platz, und so haben wir
hier das Musterbeispiel einer »doppelgesichtigen Fauna« vor uns, wie
ich diese auch in anderen Teilen der Welt wiederkehrende Erscheinung
bezeichnen möchte.