Wenn wir den Einfluß der Örtlichkeit auf das Tier sowie dessen
_Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit_ etwas näher betrachten
wollen, so halten wir uns am besten an die Extreme, weil bei diesen die
bezüglichen Erscheinungen in den schärfsten Umrissen vor unser Auge
treten. Die Polartiere und ebenso die Hochgebirgstiere müssen sich vor
allem gegen die eisige Kälte, die furchtbaren Schneestürme und die
feuchten Nebel ihrer unwirtlichen Wohnorte schützen. Das geschieht
zunächst durch eine ungewöhnlich starke Ausbildung ihres _Pelzwerkes_
oder ihres _Gefieders_. Pelzhändler bieten für ostpreußische Fuchsfelle
erheblich höhere Preise als etwa für mecklenburgische und für diese
wieder höhere als für süddeutsche. Also schon auf dem beschränkten
Raume Deutschlands macht sich eine sehr verschiedene Einschätzung
der Fuchspelze geltend, die sich natürlich nach Länge, Schönheit
und Dichtigkeit der Behaarung richtet, mit anderen Worten nach dem
Klima. Ziehen wir aber auch die hochnordischen Fuchsformen in den
Rahmen unserer Betrachtung ein, so finden wir, daß für ihre Bälge
der hundertfache Preis gewöhnlicher Fuchsfelle gezahlt wird, weshalb
man ja begonnen hat, Weiß-, Blau-, Schwarz- und Silberfüchse in
besonderen Fuchsfarmen zu züchten, Bestrebungen, die unter Umständen
hohen Gewinn abwerfen können und die deshalb neuerdings auch in
Deutschland festen Fuß gefaßt haben. Wie prachtvoll sind Moschusochse
und Renntier gegen die Kälte geschützt! Jener ist in einen 60–80 ~cm~
langen Behang förmlich eingewickelt, auch Gesicht und Ohren gut
geschützt, bei diesem sind die groben, lufthaltigen Grannenhaare so
dicht gestellt und so innig untereinander verfilzt, daß auch der
ärgste Schneesturm sie nicht auseinander zu blasen vermag. Der dicke,
zottige Pelz des Amurtigers im Gegensatz zu der dünnen Behaarung des
Sundatigers fällt auch dem Laien auf den ersten Blick auf. Dagegen sind
Tiere mit nackten Gesichtsteilen und Gesäßschwielen überhaupt nur in
warmen Ländern denkbar, so gewisse Affen, ebenso nackthalsige Vögel
wie Geier, Perlhühner, Marabus. Die nur in südlichen Gebirgsgegenden
lebenden Steinhühner und die ihr Verbreitungsgebiet bis ins tropische
Afrika hinein ausdehnenden und unserem Winter durch Wanderung sich
entziehenden Wachteln haben unbekleidete Füße, die Auer-, Birk- und
Haselhühner dagegen, die weit nach Norden reichen und den Winter über
bei uns ausharren, zeigen befiederte Läufe, und bei den hochnordischen,
aber auch in den Hochalpen lebenden Schneehühnern sind sogar die Zehen
dicht befiedert. Ein weiterer Kälteschutz wird bei vielen Nordländern
durch die Ausbildung einer dicken _Speckschicht_ unter der Haut
erreicht. Wie wirksam er ist, und wie wenig Körperwärme deshalb an die
eisige Außenwelt abgegeben wird, geht daraus hervor, daß eine Robbe
oder ein Walroß viele Stunden lang auf einer Eisscholle liegen kann,
ohne daß auf dieser die geringste Schmelzwirkung sichtbar wird. Wird
ein solches Tier erlegt und steckt man dann einige Stunden später beim
Aufbrechen seine Hand in die Körperhöhle, so fährt man schier betroffen
zurück ob der hier herrschenden Backofentemperatur. Natürlich können
solche Fettansammlungen nebenbei auch als Nahrungsspeicher dienen, wie
ja auch unser Dachs sich erst ein gehöriges Ränzlein anmästet, ehe
er zum Winterschlafe den tiefsten Kessel seines zerklüfteten Baues
bezieht, um im Frühjahr klapperdürr wieder zum Vorschein zu kommen;
der täppisch-dumme und doch auch wieder so schlaue Polarfuchs sucht
sich dadurch anders zu helfen, daß er für die Zeit der Not Vorräte
sammelt. Er muß eigentlich als der Erfinder des Eiskellers gelten, weil
er sich kellerartige Höhlungen im Schnee ausscharrt und in diesen die
erbeuteten Schneehühner bis zum jeweiligen Verbrauch aufhebt.
Ein bekanntes mathematisches Gesetz besagt, daß größere Körper der
Umwelt eine verhältnismäßig geringere Angriffsfläche darbieten als
kleinere. Demzufolge müßte eine fortschreitende Größenentwicklung nach
den Polen zu für die Tierwelt vorteilhaft sein, und in der Tat trifft
sie im allgemeinen zu, wenigstens für die eigenwarmen Tiere. Man hat
diese Erscheinung in wissenschaftlichen Kreisen als die »Bergmannsche
Regel« bezeichnet, aber sie war unter den Vogelforschern schon lange
vor dem Auftreten Bergmanns bekannt. So kann man die Pinguine nach den
Breitengraden ihres Vorkommens geradezu in Reih und Glied aufstellen,
wobei sie wie die Orgelpfeifen immer größer werden, beginnend mit dem
nur 48 ~cm~ langen ~Eudyptyla minor~ auf dem 46. Grad s. Br. und nun
über zahlreiche Zwischenstufen fortschreitend bis zu dem 100–120 ~cm~
hohen ~Aptenodytes forsteri~ auf dem 61. Breitengrad. Matschie
maß die Schädellänge von Wildschweinen verschiedener Herkunft und
erhielt bei Stücken aus Südspanien 325, Nordspanien 350, Mitteleuropa
380–410, Rußland 465 ~mm~ im Durchschnitt, also schon innerhalb
Europa eine ununterbrochene Größenzunahme nach Norden zu. Der Uhu hat
nach Hartert in Nordafrika eine Flügellänge von 345–390, in Spanien
von 440–470, in Mitteleuropa von 430 bis 490, in Westsibirien von
450–515 ~mm~. Ähnliche Beispiele ließen sich noch viele aufzählen,
da aber bekanntlich jede Regel auch ihre Ausnahmen hat, so sei der
Vollständigkeit halber noch angeführt, daß merkwürdigerweise die
Auerhähne unseres Schwarzwaldes durchgängig stärker sind als jene
aus schwedischen und russischen Wäldern. Auch kann nicht scharf
genug betont werden, daß die Bergmannsche Regel sich lediglich auf
Säugetiere und Vögel bezieht, dagegen schon bei den wechselwarmen
Wirbeltieren in das Gegenteil sich verkehrt. So bilden die Eidechsen
in nördlicheren Ländern offenbar nur noch Kümmerformen aus, sei es
wegen der schlechteren Ernährungsverhältnisse, sei es wegen der
längeren Winterdauer. Die Zauneidechsen bei Petersburg erreichen nur
²/₃ der Länge der unsrigen, dagegen sind sie im Mittelmeergebiet um
die Hälfte größer als bei uns; die Smaragdeidechsen messen dort sogar
das Doppelte. Vielleicht wurde der erste Anstoß zur Größenzunahme der
eigenwarmen Tiere im Norden, die sich dann als vorteilhaft erwies
und daher durch natürliche Zuchtwahl weiter entwickelt und befestigt
wurde, dadurch gegeben, daß bei niedrigen Wärmegraden der Eintritt
der Geschlechtsreife erfahrungsgemäß verzögert, dem Tiere also ein
längerer Zeitraum zum individuellen Auswachsen vergönnt wird als in
heißen Ländern. Bei den Zugvögeln könnte man sehr wohl aber auch daran
denken, daß die nordischen Formen sehr weite Wanderungen zurückzulegen
haben, daß also ihre Flugwerkzeuge besonders stark in Anspruch genommen
werden, und bekanntlich trägt starker Gebrauch sehr zur Entwicklung
der betreffenden Organe bei. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob
ein Steinschmätzer jährlich zweimal den Weg von Island nach Afrika
machen muß, oder ob er nur von Spanien aus dorthin überzusetzen
braucht, falls er es nicht überhaupt vorzieht, in seiner milden Heimat
zu verbleiben. Hesse hat darauf aufmerksam gemacht, daß im Anschluß
an die nach dem Klima sich regelnden Größenverhältnisse sich in den
einzelnen Faunengebieten bestimmte _Riesen-_ und _Zwergzentren_
herausgebildet haben. Für das paläarktische Gebiet liegt das Zentrum
für Zwergformen in den Mittelmeerländern, insbesondere in Algerien, wo
z. B. die Amseln nur 119–124 ~mm~ Flügellänge haben gegenüber 130–132
in Deutschland und die Kolkraben 390–400 ~mm~ gegenüber 430 bis 450 in
Mitteleuropa. Unser Größenzentrum ist dagegen im nordöstlichen Sibirien
zu suchen, namentlich auf der Tschukschenhalbinsel. Für Nordamerika
kann Niederkalifornien als ein ausgesprochenes Zwergenzentrum gelten,
indem z. B der Viehstar nur 100 ~mm~ Flügellänge erreicht gegenüber
110 im gemäßigten Nordamerika, die Spottdrossel nur 111 gegenüber
118 in Arizona, die Schleiereule nur 324 gegenüber 338 in Maryland.
Größenzentrum ist dagegen Alaska, wo wir die riesenhaftesten Bären und
Elche finden; man kann auf Jagdausstellungen nicht ohne einen Schauer
von Ehrfurcht vor den ausgestopften Köpfen kapitaler Elchschaufler
aus Alaska stehen bleiben. Wie kümmerlich und zwergenhaft erscheinen
ihnen gegenüber doch die ostpreußischen Elche! Das tropische Afrika
besitzt in dem dürren Somaliland ein richtiges Zwergengebiet, aus dem
z. B. Graf Zedlitz-Trützschler allein 40 Vogelarten anführt, die hier
wesentlich kleiner sind als in den Nachbarländern. Der Panther des
Somalilandes ist mit nur 142 ~mm~ Schädellänge gegenüber sonst 173 ein
wahrer Zwerg, ebenso der dortige Hyänenhund mit 168 gegenüber 184 bei
Stücken aus Deutsch-Ostafrika. Der Somalilöwe ist der kleinste von
allen, der licht und schwach bemähnte Senegallöwe ist deutlich größer,
wird aber von dem dicht und dunkel bemähnten Berberlöwen übertroffen,
und der größte von allen ist der dunkelmähnige Kaplöwe, dessen Länge
man mit mehr als 3 ~m~ gemessen hat.
[Illustration: Abb. 8
Kopf von ~a~ Eisfuchs (~Canis lagopus~), ~b~ unserem Fuchs (~C.
vulpes~) und ~c~ Wüstenfuchs (~C. cerdo~)