Verbreitungsmöglichkeiten

Gegenüber den von der Natur errichteten Verbreitungsschranken besitzen

die Tiere nun aber eine ganze Reihe von _Verbreitungsmöglichkeiten_,

freilich in sehr verschiedenem Grade. Auch das winzigste Insekt, auch

das bescheidenste Mäuslein und das schüchternste Häschen will sein

Plätzchen an der Sonne haben. Die Ansprüche an die _Größe des Raumes_

sind natürlich sehr verschieden, je nach Größe, Alter, Bewegungslust,

Nahrungsbedürfnis und Fortpflanzungsweise des betreffenden Tieres. Die

Giraffe durcheilt in einem kurzen Galopp Strecken, die einer Wühlmaus

als ungeheuerlich erscheinen müßten, und ein Storch durchmißt auf der

Reise von Ostpreußen nach Südafrika zweimal jährlich Weiten, die auch

die flinkste Antilope oder der feurigste Wildesel nicht zu bewältigen

vermöchten. Jedes Tier braucht nicht nur Ernährungs-, sondern auch

Fortpflanzungsraum, und beide sind oft durch ungeheure Zwischenräume

getrennt, wobei wir nur an die Laichwanderungen der Heringe und Lachse

zu denken brauchen.

Am günstigsten hinsichtlich der Bewegungsfähigkeit sind natürlich

die Vögel daran. Ihr rascher Schwingenschlag trägt sie über breite

Meeresarme und durstende Wüsten, über ragende Gebirgskämme und

endlose Steppen. Ein nordamerikanischer Bussard wandert von Kanada

über Mittel- nach Südamerika und kommt erst in Patagonien zur Ruhe,

überwindet also alljährlich zweimal 90 Breitengrade, den vierten Teil

des Meridianumfangs der Erde. Aber auch unter den Fledermäusen und

Schmetterlingen gibt es ganz tüchtige Wanderer, wenn auch ihr Zug

über weite und unwirtliche Strecken hinweg in der Regel unfreiwillig

sein wird, da sie bei ihrem ziellosen Herumschwirren von einer

herrschenden Windströmung gepackt und weit fortgetragen werden.

Auch bei den Vögeln darf man die Bewegungsfähigkeit nicht mit dem

Bewegungsbedürfnis verwechseln. Die Standvögel und auch die Zugvögel

während der Brutzeit machen von ihrem großartigen Flugvermögen doch

nur so weit Gebrauch, als es die Beschaffung von Nahrung für sich

selbst und für die Jungen unbedingt erfordert. Das Taucherpärchen

verläßt den zum Brutgeschäft auserkorenen Teich den ganzen Sommer

über nicht mehr, falls es nur unbehelligt bleibt; der Rohrsänger

bindet sich ebenso streng an ein oft gar nicht besonders umfangreiches

Rohrdickicht, der Zaunkönig kann sich tagelang in ein- und derselben

Dornenhecke herumtreiben, Eisvogel und Wasseramsel halten sich immer

an das gleiche Stück des Bachlaufes, und nur das Raubzeug und die

großen Aasfresser müssen täglich weitere Strecken zurücklegen, um die

benötigte Nahrungsmenge aufzubringen. Als tiergeographische Heimat

des Zugvogels hat man unbedingt seinen Brutort zu betrachten, nicht

etwa das Winterquartier und die unterwegs durchreisten Länder in sein

eigentliches Verbreitungsgebiet einzubeziehen. Ich möchte hier auf die

vielen Rätsel des _Vogelzuges_ nicht weiter eingehen, aber wenigstens

eine Frage muß hier doch gerade vom tiergeographischen Standpunkte aus

kurz gestreift werden. Neuerdings ist nämlich die Ansicht aufgetaucht,

die bedauerliche Abnahme unserer Singvögel sei hauptsächlich

darauf zurückzuführen, daß sie mehr und mehr in den behaglichen

Winterquartieren zurückbleiben, um dort auch zu brüten. Besonders und

mit großer Bestimmtheit hat man dies von unseren Schwalben behauptet,

die sich angeblich zahlreich in Nordafrika ansiedeln sollen. Es ist

trotzdem falsch. Die Ernährungsverhältnisse dort sind nämlich während

der Brutzeit keineswegs so günstig, wie der Fernerstehende vermutet,

sondern zweifellos viel schlechter als bei uns. Dort versengt in den

glutheißen Sommermonaten eine erbarmungslose Sonne den größten Teil

der üppigen Pflanzenpracht und scheucht die Kerbtierwelt in ihre

Schlupfwinkel zurück, hier aber gibt es um die gleiche Jahreszeit die

saftigsten Kräuter und demzufolge auch die fettesten Schnecken, die

feistesten Raupen und Larven, die ja hauptsächlich zur Ernährung der

Vogelbruten herhalten müssen. Viel wichtiger sind aber noch unsere

langen Sommertage, die es den fleißigen Vogeleltern ermöglichen, von

3 Uhr früh bis 9 Uhr abends ihren Jungen Futter zuzutragen, während

ihnen in Afrika für diesen Zweck volle sechs Stunden weniger zur

Verfügung stehen würden. Das bedingt einen großen Unterschied für den

Umfang der Fortpflanzung, da die Vögel bei uns eine viel stärkere

Familie aufziehen können. Die meisten Arten machen in Mitteleuropa zwei

Bruten mit jedesmal 5–6, ja 8–12 Eiern, während in Afrika das Gelege

derselben oder der nächstverwandten Arten in der Regel nur aus 2–3

Eiern besteht. So fand ich in den marokkanischen Amselnestern immer

nur 3–4 Eier, in den unsrigen gewöhnlich 5–6. Man hat die Wanderungen

der Vögel auch insofern noch für die Tiergeographie nutzbar machen zu

können geglaubt, als man im Anschluß an den finnischen Vogelforscher

Palmén die Behauptung aufstellte, die heutigen Vogelzugsstraßen

entsprächen den alten Verbreitungs- und Ausdehnungslinien, führten also

gewissermaßen wieder ins Entstehungsgebiet der betreffenden Art zurück.

Diese geistvolle Annahme hat gewiß viel Verführerisches an sich und

mag auch in zahlreichen Fällen zutreffen, aber verallgemeinern läßt

sie sich nicht, denn wir stoßen doch auch beständig auf Tatsachen,

die dieser Meinung widersprechen. Man hat ferner behauptet, daß das

tiergeographisch natürlich sehr wichtige Entstehungszentrum einer

Gattung dort zu suchen sei, wo sie die meisten Arten herausgebildet

habe. Diese Voraussetzung ist aber sicher in vielen Fällen falsch,

denn wenigstens bei meinen vogelkundlichen Untersuchungen konnte ich

wiederholt feststellen, daß im Gegenteil die Gattung gerade in ihren

Randgebieten und an ihren Verbreitungsgrenzen am meisten zur Bildung

weiterer Arten neigt.

Die _Wanderung_, sei sie nun zielbewußter Art oder nicht, ist

also das erste, beste und wichtigste Verbreitungsmittel der

Tiere zur Überwindung der von der Natur ihrem Ausbreitungsdrang

entgegengestellten Schranken. Die Vögel stehen ja in dieser Beziehung

hoch obenan, aber auch manche andere Tiere leisten mehr, als man ihnen

zutrauen möchte. Wanderheuschrecken und Wanderameisen führen ihren

Namen mit vollem Recht, Distelfalter, Libellen und Marienkäferchen

begeben sich oft in großen Heereszügen auf weite und gefährliche

Reisen. Gewisse Fledermäuse suchen alljährlich ihre Winterquartiere

in wärmeren Ländern. Stoll erzählt uns von einem nordamerikanischen

Tagschmetterling (~Megalura chiron~), der in dichten Massen über

Mittelamerika nach Südamerika flattert und so seinen ursprünglichen

Verbreitungsbezirk schon sehr bedeutend erweitert hat. Wir wissen,

daß an ihren Fäden schwebende Wolfspinnen, Heuschrecken, Libellen,

Käfer und Schmetterlinge sich öfters auf Schiffen niederlassen, die

schon viele Dutzende von Kilometern vom nächsten Land entfernt sind.

Mag auch die große Mehrzahl solcher Wanderer zugrunde gehen, einige

von ihnen erreichen doch einmal Neuland, und ein Bruchteil davon wird

sich ab und zu für die Dauer seßhaft zu machen vermögen, falls die

Örtlichkeitsverhältnisse nicht gar zu ungünstig sind. Das naturgemäße

Bestreben ausdehnungsbedürftiger Tierarten wird es immer sein, von

ihrem ältesten Sitze aus möglichst ringförmig nach allen Seiten sich

auszudehnen. Diese Verbreitung geschieht so langsam und allmählich,

daß der Mensch kaum etwas davon merkt. Der regelrechte Verlauf einer

solchen Verbreitungsweise wird in den allermeisten Fällen auch

nie lange anhalten, denn früher oder später stößt die betreffende

Tierart auf unüberwindliche Schranken oder ungeeignete Örtlichkeiten.

Vielfach liegen auch die Verhältnisse von Anfang an auf der einen

Seite so ungünstig, daß die Vorschiebung der Verbreitungsgrenze

überhaupt nur nach der anderen Seite hin erfolgen kann. Immerhin

führt diese Verbreitungsart, die man nach Hesse und Dahl als eine Art

»Kolonisieren« auffassen könnte, wohl am sichersten zu nachhaltigen

Erfolgen. Sie vollzieht sich auch heute noch beständig vor unseren

Augen. So ist der ursprünglich in den Mittelmeerländern heimische

Girlitz, der nächste Vetter des allgeschätzten Kanarienvogels, schon

vor vielen Jahrzehnten durch zwei Einfallpforten von Süden und Westen

her in Süddeutschland eingedrungen und hat dann in den letzten Jahren

einen kräftigen Vormarsch nach Norddeutschland unternommen, so daß ich

ihn sogar schon aus der Umgebung von Königsberg erhielt. Es unterliegt

keinem Zweifel, daß dieses anmutige Vögelchen nach wenigen Jahren in

ganz Deutschland eine gleichmäßig häufige Erscheinung sein und dann

weiter ins Baltikum, nach Dänemark und Skandinavien vorstoßen wird.

Schon früher haben auf ganz ähnliche Weise die Haubenlerche, die mit

Vorliebe den Fahrstraßen folgt, und der Hausrotschwanz, der heute noch

in Ostpreußen eine Seltenheit ist, sich die deutschen Gaue erobert.

Dagegen ist die Wacholderdrossel unter teilweiser Abänderung ihrer

Lebensgewohnheiten umgekehrt von Norden aus bei uns eingewandert,

und für Schlesien konnte ich 1893 ihr allmähliches Vordringen

geradezu schrittweise nachweisen; gegenwärtig erobert sie West- und

Süddeutschland, und 1923 konnte ich sie bereits als vereinzelten

Brutvogel an der Solitude bei Stuttgart feststellen. Den stürmischen

Siegeszug der Wanderratte nach glücklicher Überschreitung der Wolga

haben wir bereits kennengelernt; vorangegangen war ihr schon der

Hamster auf dem gleichen Wege, der sich aber nicht so großartig fremden

Verhältnissen anzupassen vermochte und deshalb glücklicherweise in

vielen Gegenden unsres Vaterlandes noch fehlt (Abb. 3). Gefolgt ist

ihm das Ziesel, das schon im Wiener Prater haust, und ganz neuerdings

das Perlziesel, das aber die großen russischen Stromschranken noch

nicht sämtlich überwinden konnte und deshalb noch nicht ins Herz

Europas gelangt ist. Dieser Drang nach dem Westen scheint überhaupt

viele sibirische Tiere zu beherrschen. So liest man gegenwärtig, daß

sibirische Rehe in 200–300köpfigen Herden in Europa eindringen. Die

mitteleuropäische Rasse des Rehs ist ein ausgesprochenes Waldtier,

wie aus unserem Kärtchen (Abb. 4) ersichtlich. Man beachte dabei die

Vermeidung des rauhen Nordens, des unwirtlichen Hochgebirges und der

baumarmen Länder.

[Illustration: Abb. 4. Verbreitung des Rehes in Europa

Zwischen Pol und Äquator: Tiergeographische Lebensbilder · 第 45 / 59 题