Nach R. F. Scharff]

Auch die Zugswanderungen der Vögel vermögen recht wohl zur Erweiterung

der Verbreitungsbezirke beizutragen, wenn sie auch eigentlich nicht zu

diesem Zwecke unternommen werden. Von den nach Norden zurückflutenden

Heerscharen unserer gefiederten Wintergäste werden immer etliche Stücke

bei uns zurückbleiben, weil sie sich nicht kräftig genug zu der weiten

Reise fühlen oder aus anderen Gründen den Anschluß verpaßt haben.

Da kann es leicht geschehen, daß solche Tiere in unserem köstlichen

Frühling bei Ruhe und reichlicher Ernährung sich wieder kräftigen, daß

ein liebebedürftiges Pärchen sich zusammenfindet und zur Fortpflanzung

schreitet. Auf diese Weise erklärt sich leicht das vereinzelte Brüten

von Rauhfußbussard, Weindrossel, Bergfink, Leinzeisig u. a. auf

deutschem Boden, und man hat gar nicht nötig, den viel mißbrauchten

Begriff der »Reliktenfauna« heraufzubeschwören. Möglicherweise waren

die früher im Riesengebirge brütenden Mornellregenpfeifer wirklich ein

Überbleibsel aus der Eiszeit, aber ich habe 1925 einen noch nicht recht

flugfähigen Jungvogel dieser Art lebend sogar aus der unmittelbaren

Umgebung von Stuttgart erhalten. Zu dauernder Ansiedlung führen

solche beim Durchzug hängen gebliebene Vögel und stets vereinzelte

Fortpflanzungsversuche aber wohl nur in den seltensten Fällen. Eher

kommen Vermischungen mit der bei uns heimischen Rasse vor und führen

zu dauernder Niederlassung wenigstens der in Mischehe lebenden

Individuen. Andere Tierarten suchen in stürmischen und unregelmäßigen,

oft weitausholenden Vorstößen ihr Verbreitungsgebiet zu erweitern,

z. B. die südlichen Schwärmerarten, deren Puppen aber in der Regel

unserem rauhen Winter erliegen, wenn die Schmetterlinge nicht zufällig

in klimatisch ganz besonders bevorzugte Gegenden gelangten. Als solche

müssen namentlich einige stark besonnte Kalkberge Süddeutschlands

(z. B. der Kaiserstuhl) gelten, die sich zu wahren Brennpunkten

südlichen Tierlebens herausgebildet haben. An solchen Punkten findet

man so ausgesprochene Mittelmeerformen wie Zaunammer, Smaragdeidechse

und Stabheuschrecke. Aus der Vogelwelt rechne ich den prachtvoll

gefärbten Bienenfresser hierher, der immer wieder einmal in Deutschland

auftaucht und nistet. Zu einer gewissen Berühmtheit gelangt sind die

Masseneinwanderungen der sibirischen Tannenhäher und noch mehr die

der mittelasiatischen Steppenhühner in den Jahren 1863 und 1888.

Obgleich wenigstens bei dem zweiten großen Steppenhühnerzug rechtzeitig

Schongesetze erlassen wurden, ist doch die Hoffnung auf dauernde

Einbürgerung eines neuen Federwildes nicht in Erfüllung gegangen, weil

nur ganz vereinzelte Paare in den Nordseedünen zu einmaliger Brut

schritten.

Was für die höheren Tiere tiergeographisch die Wanderung bedeutet,

das ist für die niederen die _Verschleppung_. Wer jemals einen der

tropischen Riesenströme oder auch nur das Donaudelta befahren hat, der

kennt die Erscheinung der im Wasser treibenden Baumstämme, die durch

einen Sturmwind auf einer Insel oder am Steilufer entwurzelt wurden,

plötzlich ins Wasser stürzten und nun mitsamt all ihrem Gezweig und

Kleingetier stromabwärts schaukeln. Es ist klar, daß Kleingetier auf

diese Weise leicht in wildfremde Gegenden verschleppt werden kann, was

allerdings nur dann zu einer dauernden Einbürgerung zu führen vermag,

wenn die Verhältnisse der neuen Heimat den Bedürfnissen des Tieres

einigermaßen entsprechen. Da dies sehr häufig nicht der Fall sein wird,

darf man die Bedeutung solcher natürlicher Verschleppungen keineswegs

überschätzen, und namentlich bei Wirbeltieren werden sie wohl nur

ausnahmsweise zur Wirkung kommen. Im Hamburger Hafen z. B. sind durch

den Schiffsverkehr und namentlich durch den Farbholzhandel schon über

500 fremde Tierarten eingeschleppt worden, hauptsächlich natürlich

Kerfe und Spinnen, aber auch 22 Schnecken, 2 Lurche, 4 Eidechsen, 7

Schlangen und 2 Säuger, darunter die Springmaus, die sich kurze Zeit

hielt und angeblich Nachkommenschaft hatte, aber nach Jahresfrist

wieder verschwunden war. Von allen diesen Tieren haben aber nur wenige

Vertreter der beiden erstgenannten Klassen sich dauernd seßhaft machen

können und auch diese nur in Gewächshäusern oder an ähnlichen, gut

geschützten Orten.

In welcher Stufenfolge und mit welcher Schnelligkeit die Bevölkerung

eines bis dahin tierfreien Gestades vor sich geht, dafür diene

folgendes Beispiel: Am 26. August 1883 wurde die etwa 40 ~km~ von Java

entfernte Insel Krakatau durch einen furchtbaren Vulkanausbruch teils

in die Luft geblasen, teils im Meere versenkt, und der verbleibende

Rest viele Meter hoch unter heißer Asche begraben. Kein Lebewesen

entging dieser entsetzlichen Katastrophe. Aber schon drei Jahre später

hatten auf der Rumpfinsel wieder 11 Farne und 16 Blütenpflanzen Fuß

gefaßt, jedoch noch kein Tier. Aber nach 25 Jahren (1908) konnten

die die Insel besuchenden Naturforscher bereits feststellen: 240

Arten Kerbtiere, 4 Schnecken, 2 Kriechtiere und 16 Vögel. Die letzte

Untersuchung im Jahre 1920 ergab schon 573 Tierarten, darunter 26

Vögel, 2 Fledermäuse und ein nichtfliegendes Säugetier (Ratte). Man

sieht also, wie verblüffend rasch die glückliche Tropennatur auch die

furchtbarsten Schäden zu heilen vermag, man sieht weiter, daß Tiere

sich nicht ansässig machen können, ehe nicht Pflanzen vorhanden sind,

und endlich, daß bei der Neukolonisierung Kerfe und Schnecken den

Reigen eröffnen, Vögel, fliegende Säugetiere und Kriechtiere folgen und

die nicht fliegenden Säuger den Beschluß machen. Sie können aber nur

mit solchen Arten eindringen, die sich im Gefolge des Menschen befinden

und infolgedessen meist schon eine weltweite Verbreitung erlangt haben.

Heftige _Wirbelwinde_, wie sie namentlich in den Tropen nicht selten

sind, vermögen auch allerlei Getier sowohl von der Wasserfläche als

vom Erd- und namentlich vom nackten Sandboden aus mit sich in die

Höhe zu reißen, eine Strecke weit mit sich fortzutragen und dann

wieder zur Erde fallen zu lassen. Das abergläubische Volk spricht

dann von _Tierregen_. Und was hat es nicht schon alles geregnet:

Frösche und Kröten, Larven und Raupen, Käfer und Muscheln! Mag es

sich dabei namentlich in früherer Zeit auch oft nur um unverbürgte

und sagenhaft ausgeschmückte Gerüchte handeln, so sind doch auch aus

neuerer und neuester Zeit selbst in Europa gut beglaubigte Fälle

dieser Art vorgekommen. Dieser stürmische Lufttransport, der die

unfreiwilligen Reisenden allzusehr mitnimmt, wird nie eine praktisch

sonderlich wirksame Rolle spielen, aber immerhin ist es gut denkbar,

daß etwa Kerfe und ihre Larven mitsamt den zugehörigen Blätterzweigen

auf diese Weise befördert werden und so ihr Verbreitungsbezirk eine

plötzliche und unerwartete Ausdehnung erfährt. Neben der ringförmigen

und kolonisierenden, neben der durch allmähliche Wanderung oder rasche

Vorstöße bewirkten Ausbreitung ist überhaupt noch eine andere Art zu

unterscheiden, die man als die explosive bezeichnen könnte. Da lebt

ein Tier jahrhundertelang schlecht und recht auf einem verhältnismäßig

eng und scharf umgrenzten Raum, um dann plötzlich weit entfernt

davon in überraschender Menge aufzutreten und sich mit fabelhafter

Geschwindigkeit über weite Gebiete auszubreiten. Leider gehören gerade

einige der allerschlimmsten Schädlinge hierher, und ich brauche nur

an die Reblaus zu erinnern, die von Amerika herüberkam, einen großen

Teil des europäischen Weinbaus vernichtete und auch heute noch durch

scharfe Überwachungsmaßregeln im Zaume gehalten werden muß, oder an den

gefährlichen Kartoffelkäfer, der schon wiederholt unsere wichtigste

Erdfrucht bedrohte und seit dem Weltkriege wieder in beängstigender

Menge in Frankreich aufgetreten ist.

Die erste Verschleppung erfolgt in solchen Fällen natürlich immer

mittelbar oder unmittelbar durch den Menschen. Der »Herr der Schöpfung«

spielt ja überhaupt eine wichtige tiergeographische Rolle, leider

oft genug eine recht unerquickliche. Was er bei seiner Eroberung des

Erdballs an Kleingetier unfreiwillig mit sich schleppt, bedeutet in der

Regel keine sehr angenehme Bereicherung der angesessenen Tierwelt, die

obendrein durch solche Eindringlinge oft in sehr bedenklicher Weise

verringert und zurückgedrängt, ja fast vernichtet wird. Namentlich

Ratten und Mäuse, aber auch Haustiere wie Schweine und Ziegen sind in

dieser Beziehung berüchtigt geworden und haben auf entlegenen Inseln

eine vollständige Umwälzung des Faunencharakters herbeigeführt. Wohin

immer der Mensch seinen Fuß gesetzt hat, überall ist ihm die unheimlich

fruchtbare und fabelhaft anpassungsfähige Wanderratte nachgefolgt,

ja sie hat sich sogar in Einöden angesiedelt, die der Mensch nur

vorübergehend zu betreten vermochte, so auf den antarktischen

Inseln St. Paul und Neu-Amsterdam, wohin sie wohl mit australischen

Walfischfängern gekommen sein mag. Auch die sonstige Tierwelt dieser

unwirtlichen und weltfernen Eilande ist ja höchst dürftig und besteht

nur aus eingeschleppten Arten. So kommen nur vier Insektenarten dort

vor, darunter drei Fliegen. Aber eine Ratte findet eben überall und

immer noch etwas zum Fressen. Die Stubenfliege, die ursprünglich in

Amerika fehlte, wurde durch den Schiffsverkehr bald dorthin gebracht

und ist heute in der Neuen Welt ebenso zahlreich und weitverbreitet,

wie bei uns. Die Küchenschabe zeigte von Anfang an eine Vorliebe

für das Leben auf Schiffen und ist deshalb mit deren Hilfe längst

zum Allerweltsbürger geworden. Europäische und nordamerikanische

Regenwürmer wurden über den ganzen Erdball verschleppt und haben in

vielen Ländern die einheimischen Arten in den Hintergrund gedrängt. Der

Menschenfloh bevölkert die Kirchen und Paläste Mexikos ebenso zahlreich

wie die Heustadel und Sennhütten unserer Alpen. Doch machen sich bei

seiner Verbreitung einige Eigentümlichkeiten geltend, die noch der

Aufklärung harren. So ist er nach Stoll in den mittelamerikanischen

Hochländern so massenhaft vorhanden, wie vielleicht nirgends sonst auf

Erden, plagt und sticht alle Volksschichten, hoch und niedrig mit der

größten Gleichmäßigkeit und Unparteilichkeit, aber in dem nur wenige

Stunden entfernten heißen Tiefland fehlt er gänzlich. Der scheußliche

Sandfloh ist durch den Schiffsverkehr von Südamerika nach dem

tropischen Afrika verschleppt und dort auf weite Strecken hin zu einer

furchtbaren Landplage geworden. Die Schamlaus hat längst die Reise um

die Welt gemacht, und die Bettwanze schließt sich ihr würdig an.

Ausgedehnte _Industriegegenden_ können geradezu als

Verbreitungsschranken gelten, die von den meisten Tieren nicht

durchbrochen, sondern in mehr oder minder weitem Bogen umgangen werden.

Wo der Schornsteinwald gen Himmel qualmt und die Luft mit Giftgasen

schwängert, wo Sirenen und Hupen gellen und der Kraftwagen seine

stinkende Bahn zieht, wo die Flüsse zu schnurgeraden Kanälen verwandelt

und die Bäche durch die Abwässer der Fabriken verdreckt wurden, wo die

dürftigen Kiefernwäldchen nur noch unterholzlose Streichholzkulturen

sind und der Schnee schon schwarz vom Himmel fällt, da schluchzt keine

Nachtigall, jauchzt kein Falke, orgelt kein Hirsch, läßt kaum noch

ein verschüchtertes Häslein sich blicken, hat in der Vogelwelt der

Proletarier Spatz die unbestrittene Herrschaft. Der die ganze Gegend

einhüllende Qualm und Kohlenruß verleiht im Verein mit den in der Luft

aufgelösten Chemikalien dem Gefieder der Vögel, dem Haarkleid der

Säugetiere, dem zarten Schuppenflügel des Schmetterlings ein düsteres

Aussehen, ein Trauerschwarz. Die Vögel in den englischen, belgischen

und deutschen Industriezentren sehen aus wie Melanismen und könnten

als besondere Rassen gewertet werden, wenn sich nicht die dunkle

Färbung mit Spiritus wieder auswaschen ließe. Aber der Birkenspanner

ist tatsächlich schon so weit, daß er eine melanistische Spielart dort

ausgebildet hat, und auf den Ölfeldern bei Baku schoß ich schwärzliche

Spatzen, deren dunkle Färbung allen Abwaschversuchen standhielt.

Wie durch Menschen, so können Verschleppungen kleiner Tiere auch durch

_größere_ und _höhere Tiere_ erfolgen, namentlich durch _Vögel_. Die

viel im Sumpf herumwatenden Stelzvögel sowie die Enten und Möwen

unserer Gewässer stehen hier wohl in erster Reihe. Wenn sich ein

solcher Vogel auf seiner Wanderung an irgendeinem Teich durch eine

ausgiebige Mahlzeit zur Weiterreise stärkt, kann es sehr leicht

vorkommen, daß klebriger Fisch- und Schneckenlaich, ein flacher

Plattwurm oder ein fadendünner Wasserschlängler an seinen Ständern

oder Schwimmhäuten haften bleibt und nun in vielstündigem Fluge mehrere

hundert Kilometer weit bis zur nächsten Raststelle mit fortgetragen

wird. Hier begibt sich der Vogel zur Nahrungssuche wieder ins Wasser,

dabei löst sich das angeklebte Kroppzeug ab und wird seinem Element

zurückgegeben, soweit es die abenteuerliche Luftreise überhaupt zu

überstehen vermochte. Ich glaube, daß die weitgehende Gleichförmigkeit

in der Fauna der stehenden Süßwässer nicht zuletzt auf diesen Grund

zurückzuführen ist. Öfter fand ich im Kropf und Magen geschossener

Vögel Beutetiere, deren nächstes Vorkommen erst aus beträchtlicher

Entfernung bekannt war. Ein glaubwürdiger Jäger versicherte mir,

daß das Gefieder einer gleich nach dem Schuß aufgehobenen Stockente

von Aalbrut, sogenannten Glasaalen, wimmelte, obgleich es in dem

betreffenden Gewässer sonst keine gab. Die Ente sei eben aus einem

entfernten Gewässer angestrichen gekommen. Es ist sehr bedauerlich, daß

sich noch kein Naturforscher der ebenso wichtigen wie tiergeographisch

hochinteressanten Frage der Verschleppung von Wassertieren durch Vögel

näher angenommen hat. Ihre eingehende und planmäßige Aufhellung würde

zweifellos eine Menge überraschender Tatsachen ans Tageslicht bringen.

Zwischen Pol und Äquator: Tiergeographische Lebensbilder · 第 46 / 59 题