Marten fühlte, wie sein Haar sich sträubte, er sah scharf umher,
gewahrte aber niemand.
Da tönte vom Giebel her ein langgezogener Eulenschrei, und in der
Scheune rief’s: „Juchhe, Vater, da biste ja! Kommste auch zu meiner
Hochzeit? Guck, ist mein Tisch nicht fein gedeckt, mein Tisch? Lang man
zu, Vater, nimm man hin, du hast auch lange nichts gehabt.“ Eine Weile
war’s still, wie wenn jemand überhungrig am Tische sitzt und hastig
ißt; dann aber begann Steffen aufs neue: „Vater, werden da drüben auch
Drespen und Raden in ’n Kornsack geschüttet? Kann man da seinem Bruder
auch ’s Liebchen und den Hof vor der Nase wegschnappen, seinem Bruder?
-- Juchhe, Vater, dann komme ich rüber, juch! und mein Schätzchen, das
kommt auch“ -- -- -- --
Schaudernd floh Marten durch die Haustür, die er geschwind hinter sich
verriegelte, nach der Stube. An allen Gliedern schlotternd, blieb er
eine Weile auf den Zehen stehen, mit angehaltenem Atem lauschend und
spähend.
Nur das Käuzchen schrie noch, und hin und wieder ertönte ein Rütteln
und Klappern. Schlaff sank er auf den Brettstuhl, schreckensvoll
schnellte er wieder auf und rückte den Stuhl mitten in die Stube, daß
er sowohl die Tür, als auch die beiden Fenster im Auge haben konnte.
„Dies ist meine Hochzeitsnacht!“ ächzte er. Doch nach einer Weile sank
der Kopf tief auf die Brust herab. -- -- --
Die Nacht verrann, ein grauer Morgen zog herauf, und der Wind als
Wecker schlug den aufgewirbelten Schnee gegen die Fenster.
Marten saß noch mit tief gesenktem Kopfe auf dem Stuhle. Seine Augen
waren geschlossen, aber seine Mienen verzogen sich in seltsamen
Zuckungen, und von den mühsam bewegten Lippen kam von Zeit zu Zeit ein
leises oder lautes Stammeln.
Da ging die Tür auf, ein widriger Branntweindunst wehte in die Stube,
und um die Tür bog sich ein wulstiger, mit Stroh und Spreu behängter
Kopf.
„Ei, ein schönes Brautbett, Brüderchen!“ lallte die heisre Stimme.
Jetzt war die ganze Gestalt in der Stube. Strohhalme und Spreuhülsen
rispelten auf den Boden.
Steffen schlich wie eine Katze, die ihr Opfer sieht, um den Stuhl
herum, seine von roten Äderchen durchstreiften Augen quollen
hervor; ein Fauchen tönte. Jetzt -- ein knippender Laut -- eine
spitze Messerklinge blitzte in der Morgendämmerung. -- Eine wilde
Entschlossenheit wetterte durch das aufgedunsene Gesicht. Schon hob
sich der Arm zum furchtbaren Stoß -- da tat Marten einen tiefen Atemzug
und murmelte etwas und rief: „Steffen! Steffen!“
Steffen horchte auf und trat unwillkürlich zurück. Wie das klang! Als
wäre etwas vom Tone der Mutter und wieder etwas von der Stimme des
Vaters darin. Er ließ die Hand sinken, sah starr auf den Schlafenden,
ging langsam zurück und verschwand.
Die Tür, die nach den stampfenden Gäulen führte, „knarkte“; Steffen
blieb einen Augenblick vor den hungrigen Pferden stehen und strich
ihnen mit beiden Händen über den Kopf. Hastig dann schüttete er ihnen
zwei gehäufte Mulden voll Hafer in die Krippe.
Indem krähte auf dem Wiemen nebenan der Hahn. Steffen stob zusammen und
eilte sachten Fußes hinaus.
Der Walnußbaum rauschte und schlug nach dem Hause. Es knirschte und
krachte, es winselte und heulte, und dicht überm Dorfe hin sauste das
wilde Heer, hinterdrein mit hastigem Flügelschlage der Nachtrabe.
Steffen klammerte sich mit den Armen an den nassen, kalten Stamm des
Baumes und sah schaudernd hinauf.
„Kommst du wieder, mich zu holen!“ ächzte er und drückte sich den Ärmel
aufs Gesicht und schluchzte tief auf.
Aber er kam nicht, die harten Flügelschläge tönten ferner und
ferner; er sauste mit dem wilden Heere über die schwarze Breite des
Hildesheimer Waldes.
Steffen ging sachte vom Hofe hinweg, sachte wie ein Schatten. Auf
der Straße blieb er eine Weile stehen, als besänne er sich. In den
Fensterruten, mit denen das Stübchen der Totenkathrine nach der Straße
sah, blinkte es; aber es war kein Licht dahinter, das ihm winkte.
Er ging an der Kirchhofsmauer entlang, sachte wie ein Geist, und schob
behutsam die Kirchhofspforte auf.
Der Hahn droben auf dem matt blinkenden Turmknaufe drehte sich und ließ
schrille Töne vernehmen, und drunten zwischen den Gräbern breitete
einer mit lebhaftem Geflüster die Arme aus, wie um den nächtlichen
Besuch zu bewillkommnen.
Steffen ging dicht am Hagedorn vorbei, bog den Brist sanft zur
Seite und setzte sich auf das Grab, das dahinter lag. Er stützte
beide Ellbogen auf die Knie, legte den Kopf in die Hände und blieb
unbeweglich sitzen. -- --
Es hatte sich mehr und mehr aufgehellt, das Sturmgetöse fast ganz
nachgelassen, auch der Regen völlig aufgehört; aber durch die herbe
Luft waren dichte Linien gezogen, unhörbar sauste die „Schottspule“
über die Erde, eine unendliche weiße Decke webend. Nur unter dem
Rötchenbaume drüben zeigten sich noch ein paar Streifen grauer
Grasspitzen.
Da klopfte es am Fenster des wüsten Hofes, und gellende Rufe drangen
ins Haus.
„Jesus Christus, allbarmherziger Heiland!“
Marten schnellte auf und sah erschrocken um sich. In seinen Augen lag
etwas Zerschmelzendes und etwas Trauriges, das sich um so deutlicher
ausprägte, als das Gesicht fast bleich geworden und der harte trotzige
Zug daraus gänzlich verschwunden war. Er stürzte hinaus.
Vor ihm lief die Totenkathrine und deutete mit allen Zeichen des
Schreckens nach dem Kirchhofe.
Um die Kirchenecke fegte der Sturm, und der wildbewegte Hagedorn bog
sich tief über die Gräber.
Das Weib schlug sich den Oberrock von hinten über den Kopf, stellte
sich mit dem Rücken gegen den Sturm und wies nach dem Grabe.
Etwas wie eine menschliche Gestalt lag darauf, steif und starr. Sie war
zugedeckt mit der großen weißen Flockendecke.
„Nun sieh, ob du mit diesem Hügel auf der Brust leben kannst,“ sagte
die Totenkathrine mit harter Stimme.
Marten stürzte neben dem Grabe nieder, tastete nach den Händen des
Bruders und schluchzte laut auf. -- --
* * * * *
Es sind heute mehr als fünfzig Jahre her. -- Die Herrenrechte haben nur
noch eine kurze Zeit gedauert, und der Bruderhof ist danach in Marten
Oelkers freies Eigentum übergegangen; -- allein groß und glänzend, wie
der junge Bauer ihn einst geträumt hatte, ist er nicht geworden. Die
Bäume sind klein geblieben, und die Kornernte hat nie recht gegeben.
Es hat ihnen, wie Frau Sophie noch bis auf den heutigen Tag klagt, an
Glück und Segen gefehlt, und sie haben sich im Bewußtsein ihrer Schuld
auch nicht das Beste zu tun getraut. --
Es sind zwei recht alte zittrige Leute geworden, die einst so jung
waren. Sie fühlen, daß sie ihren Kindern längst im Wege sind, hoffen
aber, ergeben zu Gott aufblickend, daß sie nun nicht lange mehr zu
tragen haben an ihrer Schuld.
[Illustration]
Verlag von Martin Warneck, Berlin ~W.~ 9.
Heinrich Sohnrey’s Schriften:
=Friedesinchens Lebenslauf.= 18. Aufl. Hübsch illustr.
=Hütte und Schloß.= 10. Auflage. Hübsch illustr.
=Im grünen Klee -- im weißen Schnee.= 5. Tausend. Hübsch illustr.
Preis pro Band brosch. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--.
=Die Landjugend= oder =Jugendbuch für Stadt und Land.=
Herausgegeben von Heinrich Sohnrey. Ein illustr. Jahrbuch für die
Jugend. Geb. Mk. 1.50.
Heinrich Sohnrey hat es zum Zweck seines Schaffens gemacht, das
Innenleben der Bauern durch eine wunderbar feine, wohltuende Poesie für
den einfachen Landmann wie für den verwöhnten Städter zu beleben und
zu verklären. Ähnlich wie Rosegger im Süden, so hat er im Norden die
Not und das ganze Elend, das droht, die Bauern immer mehr den Städten
zuzutreiben oder sie in Stumpfheit verkommen zu lassen, erkannt. Ein
einzelner Mann, aber ein ganzer Künstler, stellt er sich der Gefahr
entgegen und schreibt Bauerngeschichten so voll Poesie und dabei so
wahr und treu, daß der ganze Zauber des Landlebens wieder aufwacht
und die alten Vorzüge der Dorfbewohner, nämlich die einfache und
unverdorbene Ehrlichkeit der Gesinnung zu ihrem Rechte kommt. In allen
seinen Erzählungen wohnt eine Kraft zum Guten, die sich dem Leser und
dem Hörer -- zum Vorlesen eignen sich die Sachen besonders -- mitteilt.
Verlag von Martin Warneck, Berlin ~W.~ 9.
=Zwei Volksstücke= von =Heinrich Sohnrey=:
Die Dorfmusikanten.
Volksstück mit Gesang.