„Und ich auch!“ antwortete Drewes, der die Geistersagen eben so gut
kannte wie jener.
„Von twölwe bet einen sind alle Geister te Beinen,“ rief Oppermann
wieder und blieb in drolliger Scheu stehen.
„Habe nur keine Bange, Hanorg,“ lachte Drewes, „wir sind trotz der
Stunde keine Geister, sondern leibhaftige Menschen.“
Nun kam er herzu. „Es ist so recht eine Nacht für die guten Geister,“
sagte er und verwunderte sich nun doch, die beiden noch vor ihrer Tür
zu sehen.
In aufgeräumter Stimmung entgegnete Drewes: „Wir hörten so ’ne
eigentümliche Vogelstimme da drüben im Felde, davon wachten wir auf,
und da ’s so ’ne schöne Nacht ist, sind wir aufgestanden und ’mal ’n
bißchen vor die Tür gegangen.“
Oppermann, der in dieser Nacht viel trockener war als an jenem
Martinitage, guckte bedächtig ins Feld, horchte und meinte, es könnte
am Ende gar der Nachtrabe gewesen sein, der mit eisernen Flügeln über
die Siebenberge geflogen käme. Davor sollten sie sich aber nur in
acht nehmen, denn der Nachtrabe wäre schon manchem Menschen ans Leben
gegangen.
Sophie schüttelte sich. „Ist das wirklich wahr, daß es einen Nachtraben
gibt?“ fragte sie und steckte die Hände unter die Schürze.
„Komm denn man lieber ’n bißchen ’rein, Hanorg, und trink ’n Schluck
und iß ’n Häppchen!“ nötigte Drewes.
„Das ist’n Ding, das läßt sich tun,“ sagte Oppermann und schob sich das
Horn auf den Rücken. „’s wär ja auch noch ein gutes Viertelstündchen
hin, bis er ’s zweite Geistersignal zu geben hätte,“ meinte er und
hinkte zwischen Vater und Tochter hinein.
Als er den ersten Schluck getan hatte, nahm er zuerst Sophies Frage
wieder auf. „Ob das wirklich wahr ist? Laß dir ’mal vom alten Dehne
erzählen, wie es einem Schäfer, der an den Siebenbergen hütete,
ergangen ist! Der hatte in einer Nacht nicht schlafen können, sich
daher ’ne Pfeife angesteckt und vor die Hütte gesetzt, die neben der
Hürde stand. --
Ruuusch, -- ruuusch -- -- -- krah -- krah -- krah geht’s da auf einmal
in der Luft, und als er aufsieht, kommt etwas Grausiges von den
Siebenbergen hergeflogen, näher und näher und immer niedriger, immer
niedriger, und die eisernen Flügel schlagen, daß es nur so siehst und
saust. Der Schäfer hatte gerade noch so viel Zeit, daß er sieben Hürden
über sich werfen konnte. Krach -- bums -- kraatsch--sch--sch -- -- --
und eine Hürde nach der andern zersplittert unter den Flügelschlägen
wie ’n Kinderspielzeug. Die siebente aber, unter der unser Schäfer
in Todesängsten lag, widerstand und blieb heil, denn sie war von
Kreuzdornholz gemacht, und das war dem Schäfer sein Glück, sonst wäre
er hin gewesen.“
Sophie stand erst ganz still und mit großen, glänzenden Augen da,
machte dann aber eine resolute Bewegung, als schüttele sie etwas ab und
ging eilends vor den Brotschrank.
„Ich glaube gar nicht, daß der Nachtrabe ein wirklicher Rabe ist, daß
er überhaupt ein Körper ist und eiserne Flügel hat,“ sagte sie und
setzte Brot und Wurst auf den Tisch. Sie sann und meinte: „Ich glaube,
der Nachtrabe ist die Schuld, die den Menschen verfolgt. Liegt einem
was auf ’m Gewissen, sieht er leicht Nachtraben. Der Schäfer wird wohl
kein gutes Gewissen gehabt haben.“ --
Die Männer sahen das Mädchen an und dachten ihren Worten sichtlich
verwundert nach.
„Ich meine,“ fing sie wieder an, „wer ein gutes Gewissen hat, dem kann
der Nachtrabe nichts anhaben, der steht in Gottes Schutz.“ Und als
wollte sie ihre Meinung dadurch bekräftigen, schob sie die Blumentöpfe
auseinander und das Fenster ein wenig auf, sodaß ein frischer Hauch in
die schwüle Stube strömte.
„Aber wo ist ein Mensch, der ein so gutes Gewissen hätte, daß er’s
ruhig auf alle Geheimnisse der Nacht ankommen lassen möchte?“ sagte
Oppermann und trank und nahm ein Bröckchen Brot. „Wenn du zusiehst,
kannst du an jeder Blume einen Fehler finden. Kein Himmel ist ohne
Wolken, und kein Mensch ist so rein und frei, daß er nicht den
Kreuzdorn brauchte.“
„Das ist wahr,“ sagte Drewes bedachtsam und nickte und schnitt und
nötigte und schob Oppermann die Wurst hin, da er sich noch immer mit
einem Bröckchen Brot begnügte.
Vom Felde her tönte jetzt eine seltsame, fast kreischende Vogelstimme.
Oppermann horchte auf.
„Das ist ’n Rebhuhn,“ sagte das Mädchen.
Oppermann machte ein bedächtiges Gesicht. „Wer weiß! des Nachts traue
ich keiner Vogelstimme. Das triliert wie ’ne Lerche, wispert wie ’n
Hänfling, schreit wie ’n Huhn, krächzt wie ’n Rabe und ist doch am Ende
kein andrer als der Vogel Unrecht.“
Sophie lachte, sah aber dem Alten doch forschend ins Gesicht, der das
Glas wieder hinsetzte und erzählte:
„Da ist auch mal einer gewesen, der nicht recht getan, es aber gut
zu verheimlichen gewußt hatte. Und das Unrecht quälte ihn so, daß er
in der Verzweiflung hinging und sich erhängte. Aber als ihn einer
abschnitt, flog er als ein kleiner schwarzer Vogel davon und schrie
immerfort: „Unrecht! Unrecht!“ Und da er keinen Zweig finden kann, so
fliegt er noch immerfort, und wer um Mitternacht über den Roten Berg
oder über die Siebenberge kommt, kann sich darauf gefaßt machen, daß
er ihn hört. Da ist denn der Großvater vom Schuster Eilers mal in der
Nacht von Alfeld hergekommen, und als er schon lange über Sack ’rüber
ist, schreits auf einmal: „Unrecht! Unrecht!“ -- daß ihm die Haare zu
Berge stehen. Und mit einem Male setzt sich ihm ein schwarzes kleines
Vögelchen auf die Schulter, das wird immer größer, immer größer und
immer schwerer, immer schwerer, bis es der alte Eilers nicht mehr
tragen kann und unter der Last zusammenbricht.“ -- -- --
Die Uhr hob aus und schlug eins. Darum trank Oppermann schnell sein
Glas leer, zog sein Horn herum und huppelte, ein Bröckchen Brot noch
in der Hand, geschwind hinaus.
„Nun geh zu Bett, Kind,“ sagte Drewes, „ich denke, es wird alles gut
sein. Vergiß ’s Beten nicht, Kind, daß der liebe Gott uns vergibt, was
wir Unrechtes getan haben.“
Sophie konnte von ihrem Kammerfenster nach dem wüsten Hofe hinüber
sehen. Und sie stand noch lange am Fenster. Wie er so still und
sternenumrankt da lag! Und ganz mutterseelenallein schläft er darin.
Ach Gott, wie sie froh war über den Stern! Sie fühlte es heißer und
tiefer denn je: Nirgends anders in der Welt war ihr Platz, ihr Morgen
und ihr Abend; nur unter jenem Dache wollte sie sein und bleiben, --
oder da drüben, wo die Kreuze ragten.
Sie hatte schon die Hand an den Fensterschieber gelegt, zuckte
aber scheu zurück. Nicht den Nachtraben mit den großen eisernen
Flügeln fürchtete sie, obgleich das grausige Bild ihre Seele nicht
unberührt gelassen hatte; aber das kleine schwarze Vögelchen kam
ihr eigentümlich stark vor die Sinne, so daß sie es auf einmal ganz
deutlich zwischen den Bäumen hin- und herfliegen sah. Wie sie auch
ihre Vernunft anspannte und ihre Augen ablenkte, sie sah es immer
näher heran fliegen und immer größer werden. Ja, als wäre es schon
durch die geschlossenen Fenster hereingekommen, fühlte sie nun auch
seine übergewaltige Schwere und Wucht. Nicht auf ihrer Schulter saß es,
sondern auf ihrer Brust, daß sie kaum noch atmen konnte. Und wie es
schrie: „Unrecht! Unrecht!“ Und wie es schrie: „Steffen! Steffen!“
Sie wankte nach dem Bette und preßte ihr Gesicht auf das Kissen. „Das
kleine schwarze Vögelchen ist meine Schuld!“ stöhnte sie und begann
bitterlich zu weinen.
Der Mond schien hell in ihre Kammer, und als sie sich wieder erhob,
fiel ihr Blick auf den Heiland am Kreuze. Sie sank auf ihre Kniee und
betete inbrünstig: „Und vergieb uns unsere Schuld“ -- und schloß ihr
Gebet: „Lieber himmlischer Heiland, ich kann ja nicht anders!“
Aber als sie endlich schlief, kam das Vöglein dennoch wieder und lag
bis an den hellen Morgen schwer auf ihrer Seele.
[Illustration]
Sechzehntes Kapitel.
Als in Drewes Baumhofe die Rötchenäpfel wieder pflückreif geworden
waren, sah man eines Nachmittags Marten hoch im Wipfel, während Sophie
unten an der Leiter stand und still lächelnd in den Baum hinaufblickte.
Die Leute, die hinter der Hecke herauf oder herunter kamen, guckten
mehr oder weniger überrascht und verwundert herüber, riefen etwas
Lautes nach dem Baume, oder sprachen etwas Leises vor sich hin. Der
lahme Oppermann, der auch vorüberhumpelte, legte sich mit beiden
Ellbogen breit auf die Hecke und sagte: „Aha!“ Da hob Drewes braune
Kuh, die unter den Apfelbäumen graste, den Kopf und antwortete: „Ahu!“
„So, so,“ sagte der Swän, nickte und lachte und sang im Weitergehen:
„Gestern abend auf der Bleiche,
Was mußt’ ich da seh’n?
Da tanzte mein Schätzchen
Und ließ mich da steh’n.
Es gedacht mir zu trotzen,
Ich macht’ mir nichts draus;
Ich nahm mir ’en andern,
Der bracht mir nach Haus.“ -- -- --
Als Marten mit dem gefüllten Laken wieder die Leiter herabstieg, kam
die Totenkathrine an der Hecke vorüber. Sie blieb stehen, sah mit
kalten Augen nach dem Apfelpflücker und wartete erst eine ganze Weile;
dann fragte sie: „Wißt ihr noch nicht, wo Steffen ist?“
„Nein!“ rief Marten scharf und setzte hinzu: „Du könntest es eher
wissen, du bist doch mit den Toten gut daran!“
„Die Kette auf meiner Diele hat noch nicht gerintschelt, und die weißen
Laken haben sich noch nicht gerührt,“ gab sie zurück, ging weiter,
blieb wieder stehen und sagte: „Wenn ich aber die Toten frage, so
antworten sie: ‚+Hopedat starwet sau lichte nech.+‘“[32] Sie schüttelte
den Kopf, rief: „So ’n guter Mensch, wie der war!“ und bog um die
nächste Hausecke. --
Als wieder Martini war, gab es in den beiden Häusern hüben und drüben
überm Bache ein gar emsiges, aufgeregtes Hasten und Hantieren. Meister
Drewes rumorte schwitzenden Angesichts in den Stuben und Kammern
herum; die Frauen oder Mädchen aus dem Dorfe brachten Milch und süßen
Rahm, und unter ihren andeutungsvollen Scherzen lief Sophie oft mit
hochgeröteten Wangen nach dem Backhause des Nachbarhofes, von wo sich
bald ein lieblicher Kuchenduft ums Haus verbreitete.
Der eigene Backofen unterm Küchenherde war den Anforderungen des
heutigen Tages nicht gewachsen.
Bei den Eichen standen zwei schmucke Burschen mit Bändern an Mütze und
Brust und geladenen Karabinern in den Händen. Sie schauten die Straße
hinauf und horchten auf ein rasch sich näherndes Wagenrasseln und
Pferdetrappeln.
Marten war noch nicht von Bodenburg zurück. Aber jetzt sauste sein
Gefährt um den Heckenhorst beim Dorfeingange. Die Peitsche knallte,
und die Funken stoben. Er hatte den Meierzins auf Heller und Pfennig
entrichtet, die Heiratsgebühr, die „Bedemund“, prompt bezahlt und drei
Säcke voll des proppersten Kornes abgeliefert, mehr, als er zu diesem
Zeitpunkte nötig gehabt hätte. Das hatte dem gnädigen Herrn gefallen,
und Marten kehrte zurück in dem Bewußtsein, daß er sich seines
besonderen Wohlwollens versichert halten dürfe.
Die beiden Burschen empfingen ihn mit krachenden Schüssen und gellenden
Juhuschreien und schwangen sich zu ihm auf den Wagen.
Sophie winkte aus der Tür, die Leute riefen aus den Fenstern, die Gänse
schrieen, und Marten winkte lachend mit der Peitsche.
Auf der Despebrücke begegneten dem Wagen fünf Musikanten, die im
Nachbardorfe bestellt waren, lauter bäuerliche Gestalten mit lustigen,
verschrobenen Gesichtern. Flugs stellten sie sich vor den heimwärts
strebenden Gäulen auf, um sofort eins zum besten zu geben; sie spielten
einen Galopp und spielten ihn aus Leibeskräften, so daß die Gäule sich
hoben und jung und alt aus den Häusern stürzte, um vor den Türen zu
galoppieren.
„Truderittchen,
Krieg dat Mäken bi de Fittchen!“
krächzte der lahmbeinige „Swän“ und erwischte die Totenkathrine, mit
der er Wand an Wand wohnte. Er packte sie feste und hopste mit ihr
kurzlang über die Diele und aus der Haustür heraus. Sie schalt und
wehrte, lachte und hustete und schlug, daß die Leute, die vorüber
kamen, sich bogen und vor Lachen schüttelten. Als sie ihm dann doch
entwischt war, stützte er die Hände auf die Knie und schnob und keuchte
und sang in abgerissenen Tönen:
„Dat miene Fru nich danzen kann,
Dat makt dat lahme Been“ -- -- --
Die Musikanten begleiteten den Wagen nach dem wüsten Hofe, stärkten
sich hier an einem Kruge Branntewein und führten den Bräutigam alsdann
mit schmetterndem Galopp ins Brauthaus, vor dessen Tür die Jugend
des Dorfes, getreu nach dem alten Sprüchlein „je mähr Pötte, je mähr
Glücke“, schon so viel alte Töpfe und Krüge zerschmettert hatte, daß
man fast über einen Berg voll Scherben klettern mußte.
Als die Dämmerung kam, sammelten sich unter der alten Linde am Tie,
in der noch die Nägel steckten, die Marten vor dem Tode seines Vaters
hineingeschlagen hatte, sechs junge Mädchen, die in ihrer Mitte einen
mit bunten Bändern geschmückten Spinnrocken hielten. Sie sahen nach dem
Brauthause aus, über dem sich feine Wölkchen kräuselten, und sangen:
„Spinn’, spinn’, meine liebe Tochter,
Ich geb dich en neuen Rock.“
Ach ja, meine liebe Mutter,
Die hab ich zehn Schock.
Ich kann ja nicht spinnen,
Mir schwört ja mein Finger
Und tut mir so weh.
„Spinn’, spinn’, meine liebe Tochter,
Ich geb dich en neuen Tuch.“
Ach ja, meine liebe Mutter,
Die hab ich genug.
Ich kann ja nicht spinnen,
Mir schwört ja mein Finger
Und tut mir so weh.
„Spinn’, spinn’, meine liebe Tochter,
Ich geb dich en Bräutigam.“
Ach ja, meine Liebe Mutter,
Der steht mir wohl an.
Ich kann ja schon spinnen,
Mir schwört ja kein Finger
Und tut mir nicht weh!
Als sie aufhörten, setzten unten auf dem Wege die Musikanten ein, in
deren Gefolge das Brautpaar mit den Polterabendgästen nach der Linde
zog.
Die Brautjungfern unter der Linde gingen dem Zuge etliche Schritte
entgegen, verneigten sich vor der Braut und überreichten ihr feierlich
die Brautdieße.
Sophie dankte den Jungfern und wandte sich, während die Musik wieder
einsetzte, freudestrahlend ihrem Bräutigam zu, um mit ihm den Tanz um
die Linde zu beginnen. Sie behielt dabei die Dieße in der Hand und
durfte sie auch bei den weiteren Tänzen, die sie tat, nicht aus der
Hand lassen. Denn so wollte es der alte Brauch.
Aber eine schwere Regenwolke, die über das Dorf hinging und fast den
Wipfel der Linde streifte, machte dem Tanzen ein jähes Ende. --
Eine sausende Nacht war vergangen, ein trüber, „schlackeriger“ Morgen
gekommen. Durch die kahlen Bäume ging ein tiefes Rollen und Rauschen.
Am Himmel zogen graue, schwere Wolken, und zeitweise prasselte ein
Regenschauer hernieder.
Mutter Drewes seufzte, sah immer wieder nach den Wolken und jammerte:
„Ach, Kind, das ist kein gutes Hochzeitswetter!“
Aber sie hatte nicht viel Zeit zu klagen. Die Hochzeitsgäste trafen
rasch nach einander ein, mußten bewillkommt und bewirtet werden, da
konnte sie an nichts anderes mehr denken.
Die Werkstatt war bis auf das Unverrückbare gänzlich aus der Stube
verschwunden, eine lange Tafel, -- frische Buchenbohlen, mit weißer
Leinwand überdeckt --, ging durch die ganze Stube, und die Helferinnen
des Hauses trugen große weiße Kümpfe auf, denn die eintreffenden Gäste
mußten der Sitte gemäß zunächst mit „kalter Kaschale“[33] bewirtet
werden. Für die Kinder war in der ausgeräumten Kammer, deren Tür offen
stand, eine gleiche Tafel hergerichtet.
Unter den Gästen war auch ein alter Bauer aus dem Braunschweigischen,
der Halbhufner Drewes. Der winkte mit seinem großen, breitkrämpigen
Hute und rief: „Ist denn kein Korn im Hause?“
Die Frauen rannten und brachten eine mit schönem, reinem Roggenkorn
gefüllte Mulde herbei, und der Braunschweiger schlug seinen weißen
Mantelrock mit den großen gelben Knöpfen auseinander, daß alles rot
leuchtete, nahm eine gehörige Hand voll, streute sie mit kreuzenden
Bewegungen über den Kopf der Braut und sagte: „Daß dir Korn und Kinder
in Hülle und Fülle wachsen mögen und du niemals Mangel leidest am
täglichen Brote!“ --
Die alten Pistolen und Karabiner krachten, die Mädchen verteilten
Rosmarinzweige, und als das „erste Schauer“ läutete, wurde allgemach
mit der Vorbereitung zum Traugange begonnen.
Nach dem Herkommen mußte die ganze Hochzeitsgesellschaft in zwei Züge
geordnet werden: in Brautzug und Bräutigamszug. Der Brautzug, den
die Frauen und Mädchen bildeten, wurde geführt von Vater Drewes,
als dem Brautvater. Er war der „Leier“ (Leiter), wie man sagte. Der
Bräutigamszug, der sich aus den Männern und Burschen zusammensetzte,
wäre demgemäß vom Bräutigamsvater zu führen gewesen, an dessen Stelle
nun Martens Ohm trat, ein Bauer von der andern Seite der Siebenberge.
Auch die Musikanten teilten sich, um zur größern Hälfte dem Brautzuge
und zur kleinern dem Bräutigamszuge voran zu marschieren.
Für die Reihenfolge auf dem Hinwege zur Kirche galt die alte Regel:
„Je näger der Briut,
Je wegger hinderriut.“[34]
Es läutete das „zweite Schauer“, -- und mit lieblich gerötetem Gesicht
trat die Braut unter die Gäste: in schwarzem Tuchkleide, weißer Schürze
und weißem Mulltuch, gekrönt mit dem Myrtenkranze, von dem hinten zwei
handbreite seidene „Fleier“[35] bis auf den Kleidsaum herabhingen; in
der Hand den Zitronenstrauß[36] mit herabhängendem weißen Taschentuche.
Der Bräutigam, in schwarzem Tuchrock, seidener Weste und großem
Zylinder, einem Sträußchen von Rosmarin und Myrten auf der Brust, trat
ihr feierlich entgegen, reichte ihr die Hand und kehrte wieder zu der
Männergruppe zurück.
Es läutete das dritte Schauer, -- und von Stolz und Rührung fast
überwältigt, stellte sich Vater Drewes an die Spitze seines Zuges; er
schritt unmittelbar vor der Braut her.
Die Musikanten schmetterten den Hochzeitsmarsch, die Burschen schossen
ihre Karabiner ab, die Brautjungfern blickten züchtig darein, und so
bewegten sich die beiden Züge an den alten Eichen vorüber der Kirche zu.
Weiber, Männer, Kinder aus dem Dorfe, die nicht zur Hochzeit geladen
waren, standen neugierigen Auges am Wege, oder sie hatten sich auf dem
Kirchhofe, nahe der Kirchentür versammelt, um sich von hier aus mit dem
Zuge in die Kirche zu drängen.
Bei der Kirchhofspforte wechselten die Musikanten ihr Stück und bliesen
jeden Zug für sich einmal um die Kirche herum. Sie hielten aber die
Schallöcher ihrer Instrumente sorgfältig von der Kirche ab, -- galt
es doch zu verhüten, daß die schmetternden Marschtöne in die Kirche
schallten. Das wäre nicht gut, sagte man. --
Als der Brautzug auf die Seite kam, wo der wilde Hagedornstrauß stand
und der schon bemooste Grabhügel des alten Oelkers zu sehen war, schlug
Sophie zum erstenmal das Auge auf und richtete es nach dem Grabe. Sie
zuckte heftig zurück, erbleichte tief, faßte sich aber schnell und ging
hastiger hinter dem Vater her.
Als der Bräutigam an die Stelle kam, gingen seine Augen ebenfalls nach
dem Grabe hinüber. Und siehe, es durchzuckte ihn gerade so, ja es riß
ihn förmlich zurück.
Niemand schien diesen Vorgang bemerkt, niemand in dem Trubel und
Gedränge nach dem Grabe hinüber gesehen zu haben. Die einen trachteten
nur, die Brautleute recht genau zu begucken; die anderen strebten in
die Kirche, um einen guten Platz zu bekommen.
Der Rundgang um das Gotteshaus war beendet, die Musik brach ab,
und der Brautvater führte seinen Zug durch die alte Kirchtür, der
Bräutigamsohm den seinen durch den untern Eingang. Mitten in der Kirche
begegneten sich beide Züge wieder; sie machten eine gegenseitige
Verbeugung, worauf der Bräutigam zu seiner Braut trat und mit ihr allen
voran auf das Chor und um den Altar schritt -- mit den Schultern dicht
aneinander gedrängt, daß keine Lücke mehr zwischen ihnen bliebe. -- --
Machtvolle Orgeltöne brausten durch die offene Tür, und es wurde mit
hallenden Stimmen gesungen: „Bis hierher hat uns Gott gebracht.“
-- „Oder der Satan!“ murmelte eine Stimme auf dem Grabe unweit der
Eingangspforte. Der seltsame Kauz, der draußen geblieben war, hockte
hinter dem Hagedornstrauche auf dem Rande des Grabes.
Ein seltsamer Kauz fürwahr, in einem seltsamen, schier kunterbunten
Aufzuge. Rock und Hose von städtischem Schnitt, aber größtenteils aus
allerlei aneinander und übereinander gesetzten verschiedenfarbigen
Lappen bestehend. Durch eine rote Bedientenweste, an der die Knöpfe
fehlten, schien die zottige Brust. Der wulstige Kopf war unbedeckt, die
Füße ohne Strümpfe und Schuhe, -- aber die mitleidige Natur hatte sie
mit einer dicken Borke umgeben. An der Seite hing ihm ein schmutziger
Beutel, aus dessen breiter Öffnung er jetzt allerlei große und kleine
Stücke Brot und Kuchen nahm und um sich herum auf den Grabhügel legte,
wobei der lange Haarwulst wild über ein aufgedunsenes bläuliches
Gesicht herabfiel.
Während nun aus der offenen Kirchtür laut und feierlich die Stimme
des Predigers ertönte, kam von dem Gestrüpp an der Kirchhofsmauer ein
ängstliches Pfeifen. Der strolchhafte Bursche drehte den Kopf herum und
sah mit grinsendem Behagen zwischen den Gräbern ein Wiesel laufen, das
eine wackelnde Ratte vor sich hertrieb. Er schlug sich aufs Knie und
lachte. Dann winkte er dem Dohlenschwarme, der, um den Turm flatternd,
den Vorgang zwischen den Gräbern ebenfalls wahrgenommen hatte, und rief
aus heiserer Kehle: „Die Ratte bin ich, das Wiesel ist er!“ Begierigen
Auges stand er auf, um die abscheuliche Jagd besser zu sehen. Aber als
das Wiesel ihn bemerkte, blitzte es wieder zurück, während die Ratte an
der Mauer entkam.
„Kirk! Kirk! Es kriegt dich doch!“ schrie er und fuchtelte mit den
Armen in der Luft herum. Dann guckte er an dem Turme hinauf; dann
horchte er mit schiefem Kopfe auf den Ton, der aus der Kirche hallte,
und auf einmal fing er selbst zu predigen an: „Die Welt besteht aus
Wieseln und aus Ratten. Ja, ja, meine Lieben, das tut sie, die Welt.
Aus Wieseln und aus Ratten. Das Wiesel ist in der Kirche, die Ratten
an der Mauer, die Ratten. Und wenn das Wiesel tüchtig gebetet und
gesungen hat, das Wiesel, dann, dann kommt’s ’raus und frißt die Ratte,
die nicht gebetet und gesungen, aber brav im Keller gewurzelt hat, die
Ratte, die. Kirk! Kirk! Meine Lieben in dem Herrn! Und das Fräulein
kommt, das Fräulein mit der goldenen Krone und dem dünnen Bauche, das
wollte erst die Ratte nehmen, das Fräulein; aber als das Wiesel die
Ratte gefressen hatte, das Wiesel die Ratte, da nahm es das Wiesel,
weil es auch viel, viel schöner war, das Wiesel, als die Ratte. Kirk!
Kirk! Und da gingen sie zusammen in die Kirche, das Wiesel und das
Fräulein, und alles ging mit, und da sangen sie: ‚Bis hierher hat mich
Gott gebracht.‘“ -- --
Er sang mit würgender Stimme, bis ein häßlicher Husten ihn zum Aufhören
zwang. Nun zog er einen Brannteweinsbuddel aus dem Beutel und trank so
begierig, daß man es in ihm ordentlich glucksen hörte. Der seltsame
Gast blickte am Turm hinauf und nickte den Dohlen zu, wie man lieben,
alten Bekannten, sieht man sie nach längerer Zeit zum erstenmal wieder,
zuzunicken pflegt.
Auf den Gräbern begannen plötzlich die dürren Blumenstengel heftig zu
zittern, die Trauerweiden fuhren gleich zornig geführten Peitschen
über die Hügel und hölzernen Kreuze, und ein tausendtöniges Flüstern,
Wispern und Rauschen ging über den Kirchhof dahin, in der Luft
zusammenfließend in eine einzige hohltönende Geisterstimme. Ein
Regenschauer prasselte hernieder.
Der Kauz blieb ruhig auf dem Grabe sitzen, nickte in die schwarzen
Wolken hinauf, trank und trank, stellte die Flasche mitten auf das
Grab, nahm ein hingelegtes Kuchenstück, auf dem große Regentropfen
standen, und begann hastig zu kauen.
Indes hatte die feierliche Handlung in der Kirche ihr Ende erreicht.
Die Orgel erbrauste wieder; es wurde gesungen: „Hab Lob und Ehre, Preis
und Dank ...“ Drei mächtige Karabinerschüsse krachten dampfaufwirbelnd
aus der Kirchentür, und die ungeladenen Zuschauer drängten sich vor
und neben dem Hochzeitszuge auf den Kirchhof.
Die Züge ordneten sich nach der umgekehrten Regel:
„Je wegger hinderriut,
Je näger der Briut.“
Also die anfangs hinten waren, kamen jetzt vorne an; aber das junge
Ehepaar ging nun nicht mehr getrennt, sondern trat vereint an die
Spitze; die „Leier“ rechts und links von ihm.
Die Musikanten begannen zu schmettern, und der Zug hatte sich eben in
Bewegung gesetzt, als plötzlich eine auffällige Stockung eintrat. Ein
lauter Ruf ging durch die Menge, und alles sah an dem Hagedorn vorüber
nach dem Oelkers’schen Grabe.
Der kuriose Gesell stand mitten darauf, schwenkte hoch aufgerichtet den
Buddel nach dem Brautpaare hin, trank und rief mit glucksender Stimme:
„Giut Liun,[37] mein Brüderken, giut Liun, mein Schätzchen! -- Kirk!
Kirk!“
„Steffen!“ -- -- --
Ein vielstimmiges Rufen und Verwundern folgte dem plötzlichen Erkennen.
Drewes war wie versteinert; Marten dagegen hatte sich rasch gefaßt,
zuckte nur die Achseln und führte seine Angetraute, die heftig bebte
und totenblaß war, rasch hinweg.
Ratlos, kreidebleich blieb Drewes stehen, faßte sich an den Kopf und
stöhnte:
„Junge, Junge, wo kommst du denn her?“
Steffen hustete und wies mit stracker Hand nach den kreischenden Dohlen
am Turm. „Wo die da oben herkamen! Frag sie nur, Andreisvetter.“ -- Er
lachte unbändig auf, denn diese Anrede klang jetzt ungeheuer komisch in
seinem Munde.
„Junge, Junge!“ stöhnte Drewes wieder und schüttelte immerfort den
Kopf, während helle Tränen in seine Augen kamen.
„Weißt du, wo ich heute gefrühstückt habe, Andreisvetter?“ Er lachte
wieder, und da alles steinstumm auf ihn sah, schlug er sich aufs Bein,
daß es klatschte und schrie: „Auf ’m Kirkstein! Auf ’m Kirkstein hab’
ich gefrühstückt. Leute, das war eine Tafel! Schöner als diese! Kirk!
Kirk, Andreisvetter! Kirk! Kirk!“
Drewes flüsterte den um ihn Stehenden etwas zu und wankte wie
verzweifelt davon.
Aber nur ein Teil des Hochzeitszuges folgte ihm; der andere drängte
sich nebst den Zuschauern, starr vor Staunen und grausender Neugier,
um das Grab herum, auf dem Steffen sich wieder gemütlich niedergesetzt
hatte und wie vorhin von den um ihn ausgebreiteten Kuchenstücken aß.
Steffen nickte eine Weile zu den ihn umwirbelnden Fragen und Rufen,
kaute ruhig zu Ende und deutete mit einer einladenden Geste auf das
Grabmal: „Langt doch zu, Kinder, langt doch zu,“ begann er zu nötigen,
„ich halte doch heute Hochzeit!“ -- Dann tat er, als klinke er jemand
an seiner Seite ein und sagte: „Hab ich nicht ’n schönes Liebchen?
Hat’s nicht ’n schönes Bäuchlein, mein Liebchen?“ Er streichelte das
Branntweinglas, trank, nickte eifrig, deutete über das Grab und fuhr
wichtig fort: „Dies hier ist mein Haus und mein Hof, mein Tisch und
mein Acker und“ -- er kicherte leise -- „auch mein Hochzeitsbett -- das
hat mir alles mein Vater vermacht.“
Die Leute sahen sich an und nickten leise. Etliche begannen zu weinen,
etliche lachten.
„Ei, so langt doch zu!“ nötigte er wieder, hob die Flasche und jauchzte:
„Juhu, Hochzeit, Kindtaufe ist auch nicht weit!“
Er sah in die erschauernden Gesichter und machte eine unwillige
Bewegung. „Ha, ihr wollt nicht mit mir essen und trinken? Es ist euch
wohl nicht schön genug an meinem Hochzeitstisch? Ha, dann geht doch zu
meinem Brüderchen und meinem Schätzchen! Ich habe noch andere Gäste,
die werde ich herholen. Seht ihr da oben?“ Er winkte mit der Flasche
nach den am Turme flatternden Dohlen und gröhltete ihnen zu: „Juhu,
Hochzeit! Kindtaufe ist auch nicht weit!“
Nun sah er sich um nach dem Gestrüpp an der Kirchhofsmauer: „Und dort
weiß ich mir noch eine ganz andere Gesellschaft, die mein Mahl wohl
nicht verschmähen wird, eine ganz andere Gesellschaft weiß ich mir
dort. Denkt euch nur,“ -- er lachte wieder unbändig auf -- „eben hat ’n
Wiesel ’ne Ratte gefressen! Ja, was denkt ihr denn, es geht hoch her
auf unserer Hochzeit! Was denkt ihr denn? Ihr gehört auch dazu. Seid
ihr keine Wiesel, so seid ihr Ratten, und seid ihr keine Ratten, so
seid ihr Wiesel.“
Er trank wieder, schüttelte sich wie im Schauder und fuhr jäh auf:
„Was starrt ihr mich so an? Denkt ihr, ich wäre verrückt, oder wundert
ihr euch, daß ich so lustig, lustig, lustig bin? Soll’n wir denn nicht
lustig sein, lustig sein? He juchhe!“
Er stand auf, griff in die Tasche, warf eine Handvoll Kupfermünzen in
die Höhe und rief: „Das ist der Musikantentaler! Und jetzt wollen wir
den Brauttanz beginnen!“
Er stellte sich mitten auf das Grab und drehte sich wie im Tanze.
Indem kam der Geistliche herbei. Während die Leute ihn eifrig
umringten, schrie Steffen plötzlich auf: „Du hast einen falschen
Hochzeitstext gehabt. Du kennst die Bibel nicht und weißt noch nicht
’mal, ob der liebe Gott lange oder kurze Haare hat!“
„Schweige, Unglücklicher!“ rief der Geistliche und faßte ihn unwillig
ins Auge.
Steffen stieß einen Schrei aus. „Ja, du hast einen falschen
Hochzeitstext gehabt; weißte noch nicht ’mal, was im ersten Buch Mosis
im 27. Kapitel im 36. und 41. Verse steht? Im ersten Buch Mosis! Nicht?
Dann gehe hin und schlage nach -- das ist der wahre Hochzeitstext!“
„Steffen, es ist unser Herr Pastor,“ mahnten jetzt mehrere Stimmen
zugleich.
„Und ich wette,“ schrie er ungeachtet dessen fort, „euer Pastor weiß
auch nicht ’mal, was er getraut hat, euer Pastor! Ja? Nicht? Nein? Hei,
was ihr nicht für ’n klugen Papen habt! ’n Wiesel hat er getraut, ’n
Wiesel! Seht, Kinder. Ja! Jawohl!“
Alles lachte.
„Ja, ja! ’n richtiges Wiesel!“ beteuerte er nochmals und zuckte die
Achseln gerade so, wie sein Bruder vorhin getan hatte. „Aber was ’n
richtiger Pape ist, der ist blind wie kleine Katzen, ’n richtiger Pape.“
„Er ist irre, der arme Mensch,“ sagte der Geistliche und schüttelte den
Kopf, „seht zu, bringt ihn ins Haus, ich werde hernach noch mit ihm
reden.“
Die Leute nickten, und einige Hochzeitsgäste begleiteten ihn mit vielen
entschuldigenden Worten nach dem Hochzeitshause.
Steffen sank in sich zusammen, fuhr aber alsbald wieder auf und rief:
„Nichts für ungut, ehrwürdiger Herr! Ich bin ein hundserbärmliches
Geschöpf, ich. Aber halten Sie übermorgen oder den andern Tag hier
wiederum eine Hochzeitsrede, dann -- ich bitte vielmals darum -- dann
halten Sie die Bibel in den Sturmwind, die Bibel, Herr Pastor. Es wird
wohl Sturmwind sein, ein großer, siesender, sausender, daß die Knochen
aus der Erde springen, Herr Pastor, die Knochen und daß der ganze
Himmel in Fetzen fliegt, der ganze Himmel, Herr Pastor. So ’n Sturm!
Was der dann aufschlägt, darüber predigen Sie -- sonst wende ich mich
um -- umwende ich mich -- um!“
„Steffen, Steffen!“ mahnten wieder die Leute, „darf man so mit
’m Herrn Pastor reden?“ Sie zeigten großen Unwillen über seine
Respektwidrigkeit, ein ernsthafter Zorn vermochte aber nicht gegen ihn
aufzukommen.
„Sag’ ’mal, Menschenskind,“ ließ sich jetzt eine andere Stimme
vernehmen, „wo haste dich denn man bloß die ganze Zeit ’rumgetrieben?“
Steffen drehte den Hals, sah sich angelegentlich nach dem Fragenden um,
daß die nächststehenden Frauen und Kinder scheu zur Seite wichen, und
erwiderte mit großer Ernsthaftigkeit: „Auf einer Lustreise war ich,
mein Jüngelchen, auf einer Lustreise! Sehe ich nicht lustig aus?“
Eilenden Schrittes kam Meister Drewes wieder auf den Kirchhof. Sein
graues Haar flatterte um den bloßen Kopf, sein Atem ging keuchend, in
seinem Gesicht glühte die Röte tiefer Erregung.
„Junge, Junge!“ Der Alte schluchzte krampfhaft auf und faßte Steffen
bei den Händen. „Komm nach Hause, Steffen, komm, komm!“
Steffen sah überrascht auf, schüttelte heftig den Kopf. „Ich bin doch
zu Hause! Und ich kann nicht fort, denn ich habe Hochzeit heute.
Hochzeit habe ich. Seht Ihr denn nicht? Dort oben“ -- er deutete wieder
nach den Dohlen -- „sind meine Gäste. Vornehme Leute, was, meine Gäste?
Und schwarz sind sie alle, hu, wie schwarz! -- schwarz wie der dicke
Kater, der in der Nacht über ’n Kirchhof springt -- wie der dicke
schwarze Kater. -- Was? Ihr habt auch Hochzeit und habt mich nicht ’mal
eingeladen? Aber ich hab’s wohl erfahren durch meinen Reisemarschall,
guter Andreisvetter? Wißt ihr, wer das ist? Haltet die Hosen fest! --
Nämlich ’m Satan sein Nachtrabe! Der mit den großen eisernen Flügeln
über den Wool fliegt in der Mitternacht, der Nachtrabe. Krah -- krah --
krah!“
„Junge, laß den Unsinn und mach’ schnell!“ flehte Drewes verzweifelt.
Steffen sah ihn starr an und schüttelte sich. „Wißt ihr, wer es mir
noch erzählte, daß mein Liebchen Hochzeit hielte, mein Liebchen, und
mich aufpeitschte und mir sagte, daß ich geschwind kommen müßte, da sie
schon mit den Glocken läuteten? Der kleine Vogel, der um Mitternacht
über die Siebenberge fliegt, der kleine Vogel, der erst ganz, ganz,
ganz leicht ist wie ’ne ausgerupfte Sperlingsdune, aber immer schwerer,
immer schwerer wird, bis er zuletzt so schwer ist wie ’n Kirkstein, wie
’n Kirkstein, so schwer und der Mensch, auf dem’s hockt, nicht mehr
weiter kann, der Mensch. Wißt ihr, wie er heißt, der Vogel? Nicht?
Der Vogel Unrecht! Ja, Jawohl! Und was er ruft? Fragt nur den Swän.
Unrecht! Unrecht! Unrecht!“ -- -- --
Steffen würgte seine Stimme und schrie noch einmal, so stark er konnte:
„Unrecht! Unrecht! Unrecht!“ -- -- --
Drewes wand sich wie unter Rutenschlägen und sagte in aufschluchzendem
Tone: „Komm mit mir, Steffen. Es soll vieles wieder gut gemacht
werden.“
Steffen lachte, trank und lallte: „Ich will euch was sagen, Vetter,
bringt mir mein Schätzchen her -- ja, mein Schätzchen soll kommen! --
Sollt sehen, dem laufe ich nach wie ein Böcklein -- bis ans Ende der
Welt -- wo’s auf einmal aufhört und ratsch runter geht -- ratsch runter
-- und wir fliegen mit ’nander tausend Jahre und kommen doch auf keinen
Boden, wo Drespen wachsen und Raden und Vogelwicken.“
Er machte mit der Hand kreisende Bewegungen, erhielt das Übergewicht,
kollerte am Grabe herunter, streckte sich aus und murmelte noch eine
Weile unverständliche Worte, die sich bald in tiefes Schnarchen
verloren.
Man hob ihn auf, trug ihn nach des Bruders Hofe und legte ihn auf der
Scheuer ins Stroh, damit er zunächst seinen Rausch ausschliefe.
Drewes hatte große Mühe, sich zu beherrschen. Als er in sein Haus trat,
saßen die Gäste bereits beim Hochzeitsmahle. Es war ihm im ersten
Augenblick, als müsse er alle hinaustreiben und alles ungeschehen
machen.
Ein herzhafter Bursch lachte ihm zu, erhob sein mit hellem „Muskatwein“
gefülltes Glas, neigte sich zu dem Brautpaar und rief:
„Jetzt komm’ ich der Jungfer Braut ganz freundlich entgegen
Und wünsche ihr viel Gottes reichen Segen:
Der liebe Gott wolle sie behüten vor Angst und Schmerzen,
Das wünsche ich ihr von ganzem Herzen.
Nun wollen wir trinken in Fröhlichkeit,
Mir und meinem Schatz und ihrem Schatz die Gesundheit:
So viel Tropfen, so viel Segen,
So viel tausend Wohlergeh’n,
Als in diesem Glase stehn! Vivat!“
„Hoooch! Hoooch! Hoooch!!!“ rief die Runde. Auch die Kinder in der
Kammer stimmten ein, -- und Vater Drewes mußte wohl oder übel mit einem
nach dem andern anstoßen.
Sophie saß in vollem Brautschmuck neben ihrem Manne oben an der Tafel
und blickte still weinend vor sich nieder, während Marten gänzlich
unbefangen tat, die Gäste unterhielt und sich’s schmecken ließ.
Drewes ging zu seiner Frau hinaus, die wie ein Häuflein Unglück am
Herde stand, schüttelte lange den Kopf und seufzte: „Mutter, es ist ein
falscher Stern gewesen, den ich gesehen habe. Die Toten geben keinen
Lebendigen frei. Wehe unserm Kinde!“
Indessen drängte das Jungvolk bereits nach der Scheune, die für heute
zum Tanzboden hergerichtet war. Die Musikanten erhielten ihren Sitz
auf der Diele und spielten durch die offene Tür, die auf die Scheune
führte.
Nach altem Brauche hatte der Bräutigam mit seiner Braut den Reigen zu
eröffnen und dafür den Musikanten einen blanken Taler einzuhändigen.
Dann mußte er die Braut an den Jüngsten unter den Tänzern abgeben, der
große, grobe „Fusthandschen“ (Handschuhe) über die Hände angezogen
hatte und die stattliche Brautdieße (Spinnrocken) trug.
Einige Male herum -- und vom Jüngsten wurde die Braut mitsamt der
Brautdieße und den „Fusthandschen“ dem nächstältesten Tänzer zugeführt.
So wanderte Sophie ohne Pause aus einem Arm in den andern, und wollte
sie keinen Gast beleidigen, so mußte sie walzen und hopsen ohne
Aufhören. Ob sie Lust hatte oder Leid trug, ob ihr Atem reichte, danach
fragte niemand; die Sitte hatte solche Rücksichten nicht vorgesehen.
Dagegen wurde von der Hochzeitsgesellschaft sorglich acht gegeben, ob
etwa ein Tänzer die Braut länger behielt als den üblichen Ehrentanz
oder ob er sie von der Hand ließ, ehe er sie an den Nächstältesten
abgegeben hatte. Beides war wider die Sitte und wurde mit schwerer
Strafe geahndet. -- Straffällig machte sich auch, wer ohne die großen
Faustschuhe tanzte oder so wenig acht auf sich gab, daß man ihm während
des Tanzes unbemerkt einen Schafschwanz an die Rockschöße heften konnte.
Während die Hochzeitsgesellschaft, die auf keinen Fall zu kurz kommen
wollte, sich in dieser Weise unterhielt und belustigte, versuchte Vater
Drewes drüben auf der Scheune vergeblich, den schlafenden Steffen
auf die Beine zu bringen; er mußte ihn liegen lassen und sich damit
begnügen, ihn sorglich mit warmen Decken zu versehen und der Obhut
des alten Tagelöhners anzubefehlen, der für die Hochzeitstage mit der
Wartung des Viehes betraut war.
Von Zeit zu Zeit begab sich ein Teil der Hochzeitsgesellschaft nach
der Scheune, kehrte aber jedesmal mit der Nachricht zurück, daß
der unglückselige Schläfer nicht zu „ermüden“ wäre und gewiß einen
Siebenschläferschlaf täte.
Marten selbst ging nicht hinüber; seine gleichgültige Kaltblütigkeit
war staunenswert. Man solle den „Strolch“ nur schlafen lassen; er wolle
schon mit ihm „akkordieren“, wenn er sich nüchtern geschlafen hätte --
wehrte er entrüstet alle Sorgen und Ängstigungen um den Heimgekehrten
ab.
Man tanzte wieder, ließ auch die Brautdieße noch einmal herumgehen und
sang dazu:
„Wenn he ’n Pott met Bahnen steiht
Und da ’n Pott met Bri,
Denn lat eck Bri un Bahnen stahn
Und griep nah de Marie.
Marie, Marie, Maruschkaka“ etc.
Da -- ein jäher Aufschrei der Mädchen.
In der offenen Scheunenklappe saß Steffen und ließ die Beine
hereinbaumeln.
Die Musikanten brachen ab, und die Mädchen liefen furchtsam beim
Scheunengange zusammen. Marten und Drewes waren kurz vorher
hinausgegangen, während Sophie sich mitten unter den Mädchen befand.
„Kirk! Kirk!“ rief Steffen und grinste und warf ein Strohspier, das er
im Haar hatte, von sich.
Die Burschen und Männer drängten sich zu ihm, bestürmten ihn mit
Fragen; etliche boten ihm auch die Hand zum Gruße.
Er achtete ihrer nicht, antwortete keinem und gab auch keinem die Hand,
sondern sah mit verglasten Augen nach der Mädchengruppe, die sich um
Sophie gebildet hatte.
Mit einem resoluten Entschlusse schob Sophie die Freundinnen zur Seite
und eilte stracks auf Steffen zu, bot ihm die Hand und sagte herzlich:
„Das ist aber recht, Steffen, daß du kommst.“
Steffen sah sie an, sein Gesicht belebte sich, er sprang herab, stieß
sie an die Schulter, ohne jedoch ihre Hand zu nehmen und sagte: „Biste
’n Wiesel oder biste ’ne Ratte?“
„Steffen!“ rief sie mit schmerzlich bewegter Stimme und faßte ihn am
Arm. „Komm in die Stube, du wirst gewiß hungrig und durstig sein.“
Er machte eine verächtliche Geberde. „Ich habe erst ’ne Ratte
gefressen. Ich danke für Vergnügen.“
Sophie überwand den Schauder und hielt ihn herzhaft am Arme fest.
„Ein warmer Kaffee wird dir gut tun, Steffen.„ Er wehrte ab. „Wat!
Wat? Aber ’n Schnaps möcht’ ich haben, ’n Schnaps. Auf so ’ner großen
Hochzeit wird’s doch ’n Schnaps geben, auf so ’ner großen Hochzeit!
Sonst schicke ich meinen Nachtraben aus; sollt ihr sehen, dann hab’
ich gleich ’n ganzes Faß, schicke ich meinen Nachtraben aus, meinen
Nachtraben.“
Leider war auch bereits einer mit der Flasche da, und ehe Sophie es
hindern konnte, hatte er sie schon am Munde und trank und trank, bis
man sie ihm mit Gewalt entriß.
Er stierte um sich, stampfte mit beiden Füßen auf und schrie: „Musik!
Jetzt wollen wir den Brauttanz machen, den Brauttanz!“
Ehe Sophie sich’s versah, hatte er sie gepackt und gewaltsam an sich
gepreßt; und trotz ihres heftigsten Sträubens und trotz aller wehrenden
Hände tanzte er mit ihr wie toll auf der Scheune herum.
Man lachte, aber nur einen Augenblick, dann begannen die lachenden
Gesichter zu erstarren. Die Musikanten setzten an und brachen jählings
wieder ab; die Mädchen kreischten, -- Steffen brüllte wie ein Tier, riß
und stieß alles nieder, was ihm in den Weg trat, und packte die ihm
von den Männern entrungene Sophie immer wieder, und er packte sie mit
solcher Gier und Gewalt, daß sie noch einen gellen Aufschrei tat und
den Kopf schlaff zurückfallen ließ.
Nun gab es kein Zaudern mehr, und von allen Seiten hagelten derbe
Fäuste auf Steffen herab.
Mit verwundertem Gesicht stürzte Marten auf die Scheuer. Aber noch eh’
er das Vorgefallene recht begriff, war Steffen bereits erschlafft und,
aus Mund und Nase blutend, zu Boden gestürzt, so daß man die junge
Frau mühelos von ihm frei machen konnte. Sie war ohnmächtig geworden,
sah, als sie wieder zu sich gekommen war, mit entsetztem Auge um sich,
klammerte sich an Marten und flehte: „Marten, vergreif dich nicht an
ihm. Er ist nicht bei Verstande. Er weiß nicht, was er tut.“
Marten ging um den am Boden Liegenden herum, mit straffen Armen, die
Fäuste geballt.
„Du bist wohl dem Tollhause entlaufen?“ schrie er ihn an.
Steffen hob das Gesicht, guckte blöd und wischte sich mit dem
zerfetzten Ärmel das Blut vom Munde. „Das ist ganz gut möglich,“ lallte
er und gähnte.
„Dann geh’ nur wieder hin, wo du hergekommen bist!“ schrie Marten.
„Oder“ -- er zögerte und fuhr gemäßigter fort: -- „komm als
ordentlicher Mensch nach Hause“ -- -- --
Steffen richtete sich auf, blieb aber auf den Knieen hocken, stierte
Marten unverwandt an und ächzte: „Ich verschwinde schon wieder, Bruder,
aber ich muß erst warten, bis der Nachtrabe kommt, der Nachtrabe,
Bruder, und mich wieder wegträgt, der Nachtrabe. Mit dem Nachtraben bin
ich gekommen, und mit dem Nachtraben fahre ich wieder ab. Krah -- krah
-- krah! Heute nacht wird er wohl kommen. Krah -- krah -- krah! Der
Nachtrabe! Haste auch Kreuzdornholz genug, Bruder, Kreuzdornholz? Krah
-- krah -- krah! Kreuzdornholz. Bruder?“
Marten ließ sich von Sophie hinweg ziehen. Es war über ihn gekommen,
daß er sich den Ärmel vor die Augen hielt und sich gewaltig stemmen
mußte gegen das in ihm aufquellende Gefühl. Sein ganzer Körper zuckte
von verhaltenem Schluchzen.
Man redete Steffen gütlich zu, Drewes half ihm beim Aufstehen; aber
er wehrte sie alle von sich, schwankte hin und her und wandte sich
dem Tore zu. Er hielt sich am Torpfosten, stand, als besänne er sich
auf etwas, kehrte sich wieder um und rief: „Wißt ihr, was das kleine
Vögelchen auf den Siebenbergen ruft, das kleine Vögelchen? Unrecht!
Unrecht! Das kleine Vögelchen!“ Und dann schwankte er davon, von Zeit
zu Zeit wieder herausbrüllend: „Unrecht! Unrecht! Unrecht!“
Bei den Eichen blieb er wieder stehen, lehnte sich an den ersten Baum,
sprach vor sich hin, fuchtelte mit den Armen und brüllte wieder:
„Unrecht! Unrecht!“
Eine Weile stierte er auf den Weg, der aus dem Dorfe hinausführt; er
stob auch ein paar Schritte darauf fort, machte aber wieder kehrt und
schlug den Weg ein, der über die Despe nach dem wüsten Hofe führt.
Als Drewes, der ihm mit einigen Männern sachte gefolgt war, beim
Walnußbaume ankam, lag Steffen bereits wieder schlafend im Stroh der
Scheuer.
[Illustration]
Siebzehntes Kapitel.
Bald nach Mitternacht brachen die Gäste auf. Schaudernd sträubte sich
Sophie, ihrem Manne zu folgen. Er biß die Lippen zusammen und ging
allein nach seinem in Nacht und Grausen daliegenden Hofe zurück. Ein
ungeheurer Grimm und Trotz lag in seiner Seele, strotzte durch sein
ganzes Empfinden.
Er blieb vor dem Scheunentore stehen; er wollte Wache halten, denn
so ein Heruntergekommener konnte einem ja das Haus über dem Kopfe
anzünden. Doch als er nun die schweren, geräuschvollen Atemzüge
vernahm, drängte sich’s auf einmal mächtig in ihm zusammen; zwischen
Grimm und Trotz empor züngelte eine feurige Schlange -- -- und die
Schlange hüpfte mitten durch das Tor, schlängelte sich nach dem Bruder
ins raschelnde Stroh. -- Dicht beim Lager des Bruders stand ein
gefüllter Sack. Die Schlange sah sich vorsichtig um in der Nacht, ihre
glühenden Augen funkelten durch die Finsternis -- rasch löste sie den
Knoten und blitzschnell sprang sie in den Sack. -- -- Und jetzt tönten
die Atemzüge des schlafenden Bruders gerade wie wenn Korn verschüttet
und vermengt würde.
Marten machte eine heftig abwehrende Bewegung. -- Abermals indes
züngelte die Schlange empor -- auf ihrem Kopfe lag jetzt allerhand
schmutziges Korn, auf dem Korn aber lag ein gelbes Papier mit einem
großen Siegel, das sah gerade aus wie ein Meierbrief. Und die Schlange
sprach: „Du bist es! Du hast deinem Bruder das reine Korn vermengt. Du
bist es! Du hast deinem Bruder Lieb und Leben gestohlen. Du hast ihn
auf dem Gewissen. Du bist es! Sieh auf! Tausend und nochmals tausend
Finger zeigen vom Himmel! Jeder Stamm in deinem Hofe, den du anrührst,
wird klein und elend bleiben und zähe Früchte geben. Und jede Saat, die
du säest, wird in Unkraut ersticken. Du bist es.“
Marten stob zusammen. Grimm und Trotz war dahin, ein Grauen überlief
ihn. Es schnürte sich um ihn und drängte ihn fort.
Horch -- jetzt wurden die sägenden Töne drinnen helle, klare Worte:
„Mein Schätzchen, biste da? Komm, komm, wir wollen zu Bette gehen ...“
Die Worte gingen in unverständliches Murmeln und Flüstern über, bis auf
einmal ein lauter Wutschrei ertönte: „Teufelskerl, du wirfst mir ja
wieder lauter Drespen ins Gesicht! Du siehst aus wie mein Brüderchen,
aber mein Brüderchen biste nicht.“
Ein heftiger Windstoß fuhr um das Haus, das alte Scheunentor knarrte
in seinen schwachen Angeln, und über den Hof kam etwas wie das leise
Ausschreiten eines Mannes.