Aber er ließ sie noch nicht zu Worte kommen.
„Das mußt du mir nicht nachtragen, Fieke. Denn sieh mal, wie habe
ich nicht all die Zeit den Kopf so voll gehabt. Wie habe ich nicht
immerfort sinnen und denken müssen, um all das Geld, das Meiergeld
und den Meierzins zusammen zu bringen. Kurz und klein habe ich mir
beinahe ’n Kopf gedacht und darum gar an nichts anderes denken und nach
nichts anderem sehen können. Ja, du hast manchmal dagestanden, daß
ich dich wohl beinah umgerannt hätte, aber ich dachte immer erst ’ne
ganze Weile nachher daran, daß du da gewesen warst. Na, Fieke, so ’n
Martenstag ist doch wahrhaftig auch keine Kleinigkeit! Aber nun ist
alles überstanden, und ist nur Marten erst zurück, dann sollst du aber
mal sehen, Fieke, wie ich um die Eichen ’rum komme. Dann sollste aber
mal sehen! Du glaubst ja gar nicht, was ich für ’ne Freude habe, daß
du nun bald ganz im Hause sein wirst. Sie könnten kommen und könnten
mir ’n ganzes Königreich anbieten und noch ’n ganzen Vollkötnerhof mit
anderthalb Spann Pferden -- gingest du nicht mit, so sagte ich auch:
Macht andre glücklich damit und laßt mir nur meinen wüsten Hof, da will
ich schon reich und glücklich genug werden, wenn ich die Fieke erst
habe. Siehst du! Also mach’ dir man ja keine Gedanken, Mädchen, daß ich
nicht groß auf dich hielte; ich hab’s dir nur nicht so zeigen können.
Und darum wollen wir denn auch keinen Tag mehr länger säumen und sobald
wie möglich Anstalt zur Hochzeit machen. Nicht, Fieke?’
Er ging wieder auf sie zu, sie wich ihm aufs neue aus, atmete schwer,
schüttelte den Kopf, seufzte: „Och, Steffen, du machst es mir
schwer.“ ...
„Was denn aber, Fieke?“
Sie kämpfte mit sich. „Och, Steffen.“ ... Sie brachte es nicht heraus.
„Nein, ich kann es dir jetzt doch nicht sagen, Steffen!“
„Was denn bloß, Fieke?“
Sie hatte aber schon die Tür aufgerissen und lief nun mehr als sie ging
mit gesenktem Kopf vom Hofe hinweg.
Steffen rief ihr nach, verwunderte sich, beunruhigte sich indes nicht,
lächelte in seiner Arglosigkeit und stieg auf den Boden, um Häcksel zu
schneiden.
Über Mittag legte sich ein heller Sonnenschein auf den wüsten Hof; aber
die Hühner blieben ihm fern, und das Eisgespinst, das zwischen den
Fußstapfen und Wagenspuren glitzerte, ließ sich trotz seiner Jugend
ebensowenig reizen und locken. Es war ein trügerischer Schein, und wo
sich dennoch ein feines Eiszäpflein von ihm rühren ließ, da fror es
hernach um so fester.
Als die Sonne über die Nachbarsscheune stieg, und dem Hofe nichts als
frostigen Schatten hinterließ, kletterte Steffen auf den Hahnenbalken,
um von dem Eulenloche über das Dorf hinweg zu sehen.
Da hörte er in der Gegend der Eichen klatschende Peitschenschläge,
die in bunter Folge -- kurz linksrechts und rechtslinks und dann mit
aller Macht groß und stark aus der Rechten -- das rasch sich nähernde
Wagengerassel begleiteten.
Da brauchte Steffen nicht mehr auszugucken, und es war gut, daß er’s
nicht mehr tat. Denn drüben zwischen den Bäumen stand Sophie, und die
bunten Schläge galten ihr. --
Steffen ließ sich über das Heu herabrutschen, stob die Leiter und dann
die kleine Treppe herab, lief durch die Stube und sah den Wagen über
die Despebrücke kommen. Die Säcke hingen leer an der Wagenleiter.
Gott Lob und Dank!
Also hatte der Herr das Korn angenommen, also stand auch der Erneuerung
des Meierbriefes nichts mehr im Wege.
Freudigen Herzens eilte Steffen auf den Hof. Der Wagen stob herein,
Marten sprang noch in voller Fahrt ab und warf Steffen das Seil zu, --
wie der Herr dem Knechte. -- --
„Habe Dank, Bruder, vielmaligen Dank! Du hast mich aus einer großen
Pein erlöst. Ich war ganz zerschlagen heute, ganz zerschlagen, und seit
einer Stunde fürchtete ich immer, du würdest jeden Augenblick mit den
vollen Säcken über die Brücke kommen.“ Steffen schirrte den dampfenden
Gaul aus, und da Marten noch nichts sagte, fragte er: „Na, im Anfang
war er aber wohl recht kurz angebunden, der Herr?“
Die Stute im Stalle wieherte, und der Wallach in der Sperrdeichsel
antwortete ihr mit einem grummelnden Tone. Nur Marten wußte noch keinen
Ton zu finden.
„Wundert’s dich nicht, daß es schon so stark gefroren hat?“ fragte
Steffen, und seine Hände bebten, daß er kaum die Ringkoppel öffnen
konnte.
Jetzt zuckte Marten die Achseln, krümmte den Nacken und machte mit der
Hand eine so eigentümliche und heftige Geste, als wollte er die Luft
von sich abwehren.
Steffens Augen wurden starr, sein Blut stockte. Er brachte den Gaul in
den Stall, schüttete ihm eine Wanne voll Häcksel ein und trat auf die
Küchendiele.
Marten stand vor dem Schranke und schnitt sich ein Stück Brot.
„Du siehst mich ja gar nicht an!“ rief Steffen mit dumpfer Stimme,
„redest auch kein Wort?“
Marten hustete. „Es ist mir ’n schweres Angehen, dir den Ausfall
mitzuteilen,“ ließ er sich endlich mit unsicherer Stimme vernehmen,
„aber es muß doch ’raus!“
„Es muß ’raus?! Was muß ’raus?“ schrie Steffen außer sich und klammerte
sich an die Treppenlehne.
Hustend antwortete Marten, indem er an Steffen vorbei sah: „Der gnädige
Herr war wie ein Teufel und wollte mich umbringen, als ich von dir
anfing und ’n gutes Wort für dich einlegte. ‚Nichts mehr von dem!‚
schrie er mich an. Der taugt nicht für den Hof, das ist ein Träumer,
ein Döskopf, der würde mir nur alle Jahre denselben Ärger machen, der
muß an den Schandpfahl ...“
Steffen keuchte und lehnte sich mit der Stirn gegen die Kaminwand.
„Ich blieb aber lange stehen,“ fuhr Marten gleichmäßigen Tones fort,
„und sagte: Herr Baron werden verzeihen, es ist doch mein Bruder. --
Ja, genau so sagte ich. Da pfiff er zwei riesige Hunde herbei, die ganz
blutrote Augen hatten, und prophezeite mir: ‚Sollte dein Bruder sich
unterstehen, mir wieder unter die Augen zu kommen, sollen ihn diese
beiden da ’n Galopp lehren, den er in seinem ganzen Leben noch nicht
gelaufen ist.‘“
Aufheulend krümmte sich Steffen auf die Lehne. „Gibt’s keinen Gott im
Himmel, wenn keine Gerechtigkeit auf Erden ist?“ Und er stampfte die
Treppe, daß es dröhnend durchs Haus ging.
Marten nahm Brot und Wurst in die Hand und aß.
„Was wird denn aus mir und meinem Bruder? fragte ich den Herrn in
meiner Angst und Not,“ fuhr er in seinem grausamen Berichte fort.
„Ja, was wird nun aus uns?“ fiel Steffen keuchend ein und kratzte sich
an dem Kamin die Finger wund.
Marten zögerte einen Augenblick und blinzelte nach dem Ächzenden
hinauf; dann begann er wieder: „Da sagte der Herr: ‚Das kümmert mich
den Teufel nicht! Ich habe gute Leute genug, denen ich den Hof geben
kann.‘ -- Und da ich dem Herrn nun auch zu Füßen fiel, ihn an unsere
Väter erinnerte und wie sie sich niemals hätten ’was zu schulden kommen
lassen, daß er darum doch gnädig verfahren möchte mit ihrem Sohne --
ich meinte natürlich mit dir, meinem Bruder -- da schien sich der Herr
auf einmal zu besinnen, er pfiff ’ne Weile vor sich hin, sprach leise
mit dem Rentmeister und sagte ganz plötzlich zu mir: ‚Du bist ja auch
ein Oelkers-Sohn‘. -- Ja, so sagte er. Darauf tat er einen tiefen Griff
in den Sack, ließ das Korn langsam durch seine Finger fallen und sagte:
‚Das Korn ist recht,‘ -- sagte er. Ja. Hierauf sah er mich wieder an
und wiederholte: ‚Du bist ja auch ein Oelkers-Sohn!‘ Und dann ging er
mit großen Schritten hin und her, und auf einmal blieb er dicht vor mir
stehen und fragte: ‚Kannst du den Meierbrief bezahlen?‘ Ja, sagte ich,
ohne an ’was zu denken -- und da ich das Geld zufällig bei mir hatte,
so kriegte ich’s gleich ’raus und zählte es dem Herrn vor und sagte:
Das wollte ich gleich da lassen, wenn er mir den Meierbrief für dich
mitgeben wollte .... für dich, sagte ich natürlich ...“
Steffen richtete sich mit einem Ruck auf, spreizte die Hand gegen
den Kamin und sah groß aufgerissenen Auges auf den Bruder herab,
der nun Messer und Brot hinlegte und seinen Bericht mit allerhand
entschuldigenden und beruhigenden Gesten vollendete: „‚Gut‘, sagte
hierauf der Herr, ‚ich will nicht hart sein, ich will euch den Hof
lassen, ihn aber nicht deinem Bruder, sondern dir vermeiern‘ ... Ja, so
sagte er. Na, da kannste denken, Bruder“ ...
Er konnte nicht weiter reden, denn ein fürchterlicher Schrei gellte zu
ihm herab. Schwankend und bebend, mit beiden Händen nach einem Halt in
der Luft suchend, stand Steffen auf der Treppe.
Marten machte wieder eine seiner redenden Gesten, ja, er zeigte sich
fast verletzt. „So arg, Bruder, brauchste doch nicht zu tun. Es ist
jedenfalls besser für dich, daß ich den Hof habe, als wenn ihn irgend
ein Fremder gekriegt hätte. So kannst du doch dein ganzes Leben auf ’m
Hofe bleiben und ihn wie dein eigen ansehen.“
Steffen zuckte zusammen, seine Augen schienen sich mit Blut zu
füllen, aber er hielt sich und fragte mit tonloser Stimme: „Haste den
Meierbrief?“
Marten nickte und zog die Achseln.
„Haste ihn wirklich?“ ächzte Steffen abermals und wankte zwei Stufen
herab.
Marten zog eine steife, gelbliche Urkunde aus der Kitteltasche, faltete
sie auseinander, hielt sie Steffen hin, deutete mit dem Finger auf die
Schrift und las:
„Ich Ernst August, Freiherr von Steinberg, Erbherr auf Bodenburg,
Habarnsen u. s. w. urkunde und bekenne hiermit, daß ich den Colonus
Marten Christoph in Woltershausen anderweit auf neun Jahre von
Michaelis 1846 anfangende und Michaelis 1855 endigende Jahre bemeiert
habe und kraft des gegenwärtigen Meierkontraktes bemeiere, mit einem
Kothofe und 33 Morgen Ackerland ....“[30]
Ein heiserer Wutschrei unterbrach ihn. „Du Satan, jetzt ist mir alles
klar!“
Steffen stürzte nach dem Papiere. Ein wildes, furchtbares Ringen, ein
Knacken und Stampfen -- -- ein Gurgeln und Brüllen -- -- und von der
Treppe schlugen sie krachend herab auf den Boden.
Steffen hatte keulenstarke Fäuste und tat gewaltige Schläge; aber
Marten war gewandter, kam mit einer listigen Wendung oben auf, sprang
in die Höhe, barg seine Urkunde, retirierte gegen die Haustür, hielt
hier den auf ihn eindringenden Fäusten einen Augenblick stand, machte
wieder eine blitzschnelle Wendung und stieß den Bruder mit heftigem
Stoß hinaus auf den Hof, worauf er ebenso blitzschnell die Tür
verriegelte. „Bieg dich oder brich! Mein ist jetzt der Hof!“
„Du Satan du!“ brüllte Steffen und stieß mit Kopf und Faust gegen die
Tür, bis er auf dem Antrittstein niederstürzte. Noch einmal rannte er
gegen die Tür, ließ aber alsbald wieder ab und schlug sich die Fäuste
an den Kopf. Er lief nach dem Schuppen, schürzte einen Strang von
dem Wagenschwengel, legte sich ihn um den Hals und sprang nach dem
Walnußbaume -- stockte aber wieder und stand, die Hände an die Schläfe
gelegt, eine Weile wie im Starrkrampfe da.
Als sich endlich die Erstarrung löste, ging er wie gelähmt nach dem
Schuppen zurück, setzte sich auf die Pflugschar, legte das Gesicht
in die Hände und saß so wohl eine lange Stunde, bis Marten die Tür
wieder geöffnet hatte. Ruhig ging er dann in das Haus zurück, um wenige
Minuten später im Sonntagskaput und mit dem Rock des Vaters von dannen
zu gehen.
Ein starrer Blick noch auf den Hof, dann schritt er rasch hinweg, und
wenn er Menschen sah, machte er einen weiten Bogen. Er schlug aber
denselben Weg ein, den er am verflossenen Tage mit dem schweren Sacke
hingegangen war. Ob er sein Glück noch einmal versuchen wollte?
Nun, die Hunde mit den blutroten Augen fürchtete er jetzt wohl nicht
mehr, denn mit dem Schlimmsten vertraut, konnte ihn nichts Schlimmes
mehr schrecken.
[Illustration]
Vierzehntes Kapitel.
Das neue Jahr war bereits eingeläutet. Ein harter Frost hielt die
Erde umklammert. Schneestürme brausten daher, breiteten große Massen
über Berg und Tal und pfiffen erbarmungslos durch die Ritzen und
Löcher der Häuser. Man mußte schon viel heißen Lebensodem anwenden,
um nur ein Blättlein oder Zweiglein von den prachtvollen Blumen der
Fensterscheiben wegzuhauchen und ein Gucklöchelchen auf die Straße zu
gewinnen.
Jeder freute sich seiner warmen, wohligen Heimstätte, und wer durch das
Gucklöchelchen in der Fensterscheibe hinaussah, der dachte gewiß in
unwillkürlichem Mitleid an den armen Reisenden auf der Straße.
Ob der verschwundene Steffen wohl auch so ein armer Reisender geworden
war?
Irgend jemand hatte ihn am Tage nach Martini vom Schlosse in Bodenburg
herwanken sehen. Seitdem war er verschollen.
Das seltsame Ereignis war für das Dorf, ja für die ganze Gegend eine
Sage geworden, an der sich die Leute den ganzen Winter unterhielten.
Wo man abends um den Ölkrüsel herumsaß, da wurde auch von dem
verschwundenen Steffen geredet und geraten.
Die Leute ahnten wohl, daß etwas Ungehöriges vorgekommen sein müsse,
daß der geriebene Marten seinen Bruder übervorteilt und hintergangen
haben könne, vermochten aber vor Martens geschickten Ausreden und
bestimmten Erklärungen keine feste Meinung zu fassen. Schließlich
beruhigte man sich damit, daß Steffen eben doch ein etwas sonderbarer,
stilldenkerischer Kauz wäre, bei dem niemand recht wissen könne, was
ihm eigentlich in die Krone gefahren sei.
Von Meister Drewes war ebensowenig etwas Rechtes zu erfahren; wurde
er doch ganz gegen seine Natur schon bei der leisesten Frage derartig
aufgebracht, daß man wohl oder übel auf ein weiteres Kundschaften
verzichtete. Man konnte nicht einmal herausfinden, ob sich seine
Aufgebrachtheit mehr gegen Marten oder gegen Steffen richtete.
Drewes hatte sich nach Steffens unerklärlichem Verschwinden völlig
verändert, polterte den ganzen Tag in der Werkstatt herum, schalt auf
das schlechte Holz, mit dem er angeführt sei, schalt auf die schlechte
Jugend von „heutzutage“, der die Haare schon in den Naslöchern wüchsen.
Obwohl ganz allein in der Werkstatt, hörte sich’s doch an, als befände
sich ein ganzer Haufe Leute darin, von denen jeder einzelne ihm noch
einen besonderen Ärger bereitete.
Sophie hatte von ihrem Vater kaum in Jahren einmal ein böses Wort
gehört; jetzt verging fast kein Tag, ja keine Stunde, daß er sie nicht
einmal grob anfuhr. Es war freilich unschwer zu merken, daß ihm jedes
grobe Wort gegen seine Tochter wie ein harter Schlag auf das eigene
Herz fiel; aber wenn ihm so seine Grobheit fühlbar wurde, dann --
pflegte er meistens erst recht grob zu werden.
Als Marten nach einigen Wochen des Zauderns zum ersten Male wieder in
die Werkstattstube trat, mit dem Vorwande, daß er zum Frühjahr eines
neuen Polterbretts an den Pflug bedürfe, warf Meister Drewes Bretter
und Blöcke, Säge und Hobel durcheinander und rief dunkelroten Gesichts:
„Meinetwegen kannste dir das Polterbrett auf ’m Blocksberge machen
lassen!“
„Kann ich auch,“ entgegnete der Bursche kurz und wandte sich gekränkt
nach der Tür.
Da sah ihm der Alte gerade ins Gesicht. „Du bist ja -- du bist ja noch
viel schlimmer als Jakob -- du bist ja ein Kain -- -- ein Kain biste
ja!“ Er raffte Bretter und Blöcke, Säge und Hobel wieder auf und warf
sie abermals durcheinander, während die am Spinnrade sitzende Frau, den
Kopf ein wenig über das Rad geneigt, ruhig weiter spann und kein Wort
dazu sagte.
„Weißt du auch,“ wandte Drewes sich abermals an den noch unentschlossen
dastehenden Burschen, „weißt du auch die Frage, die Gott der Herr, der
Allwissende und Allgerechte, an Kain richtete? +Wo ist dein Bruder
Abel?+ fragte der Herr -- -- und ich frage dich: Wo ist dein Bruder
Steffen?“ --
„Wenn Ihr so fragt, Drewes Vetter, muß ich auch antworten wie Kain
antwortete: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“
entgegnete Marten mit herausfordernder Gemächlichkeit, während seine
Finger einen Hobelspan zerdrückten.
Drewes warf ein Brett auf die Hobelbank und fing ein Hobeln an, daß das
ganze Haus dröhnte.
Marten sah ruhig zu und sagte dann mit gehobener Stimme: „Was kann denn
ich dafür, daß Eure Tochter meinen Bruder nun einmal nicht leiden
konnte? Wer ist denn eigentlich schuld daran, daß es so gekommen ist,
wie es hat kommen müssen?“
„Willste etwa noch die Schuld auf andre schieben?“ fuhr Drewes ihn an.
Der Bursche hielt den Blick ruhig aus und entgegnete: „Wer hat denn
Eure Fieke gezwungen, sich meinem Bruder zu versprechen? War ich’s oder
wart Ihr’s und mein Vater?“
Das brachte den Meister vollends in Harnisch. „Mutter!“ rief er außer
sich, ratlos, „was sagste nun dazu? Was sagste bloß dazu?“
Aber die Frau blieb ruhig und sagte nichts.
Drewes steckte hastig beide Hände in die Hosentaschen, zog sie ebenso
hastig wieder heraus, schritt mächtig durchs Zimmer und schlug die
Hände zusammen. „Jetzt sind’s also wir, die den Steffen von seinem Hofe
gejagt haben! -- Natürlich! -- Potz Donner und Düwel!“ --
„No, das hat doch noch gar keiner gesagt, Vater!“ bemerkte jetzt die
Mutter in einem Tone, der für Marten gar nicht so unfreundlich klang.
Drewes überhörte den Einwurf, nahm eine neue Wagenrunge aus der Ecke
und warf sie wieder hin. „Wüßte man nur, wo der arme Junge steckt!
-- Morgen am Tage sollte die Hochzeit sein, das wollte ich ihr aber
wicken[31], der leichtfertigen Dirn der!“
Marten zuckte die Achseln. „Dann wolltet Ihr also Eure Tochter zum
zweitenmale zwingen, gegen ihre Natur zu handeln?“
„Junge, was verstehst du von Natur!“
„Fieke ist Euer einziges Kind, Drewesvetter ...“
„Jawohl! Aber lieber keins, als so eins ...“
„Vater, aber Vater!“ rief erschreckt die Frau, indem sie den Faden
reißen ließ und die Hände zusammenschlug.
Drewes’ Gesicht war erdfahl geworden. Er trat ans Fenster und sah nach
dem Himmel. „Gott im Himmel mag einem die Sünde vergeben, daß man so
’was sagen muß.“
Marten, der immer noch auf einem Flecke stand und an dem Hobelspane
knickte, wandte sich halb gegen die Frau und halb gegen den Alten und
sagte ganz unverfroren: „Ihr habt unserm Steffen Eure Fieke doch nur
geben wollen, weil er das nächste Anrecht auf den Hof hatte. Nun will
aber der Herr den Hof nicht ihm geben, sondern mir. Dagegen ist doch
nun ’mal nichts zu machen, -- und da Ihr wißt, daß ich Eure Tochter
gern habe und daß sie mich gern hat, so bin ich herüber gekommen, daß
Ihr sie mir geben solltet.“
Die Frau verharrte im Schweigen, aber das Schnurren ihres Rades wurde
flinker und stärker.
Drewes sah den Burschen von oben bis unten an und sagte in herbem Tone:
„Biste darum gekommen, Junge, dann geh nur wieder hin. Vielleicht kommt
’mal ’ne Zeit, wo wir wieder darüber reden können; wahrscheinlich
aber kommt sie nicht, es sei denn, daß dein Vater wieder aus ’m Grabe
auferstünde oder aus ’m Himmel winkte ...“
In seinem Gemüte schwer ergriffen, schritt Drewes nach dem Fenster,
vor dem die Blumen standen, setzte die hoch gewachsene Myrte auf den
Tisch und deutete hinaus: „Junge, kannste jene alten Eichen da mit Erde
bedecken, daß sie niemand sieht? Kannste machen, daß der Schnee schwarz
vom Himmel fällt? Kannste die Raben lehren, daß sie dir ’n Brief
nach ’m Himmel bringen? Kannste das? Nein, so kannste auch nicht das
Versprechen aus der Welt schaffen, das unsere Tochter deinem sterbenden
Vater gegeben hat ... Oder willst du, daß unsere Tochter hinunter
steigen soll zu den Toten und ... Geh, Junge, geh!“
Mit finsterer Stirn, mit wachsender Gestalt, den Arm nach der Tür
hingestreckt -- so stand Meister Drewes jetzt in der Stube.
Die Frau ließ das Rad sachte still werden und sah befremdet zu ihrem
Manne auf; sie räusperte sich, wagte aber nichts zu sagen.
Marten warf den zerknickten Span zu Boden, machte eine trotzige Wendung
und verließ das Haus, ohne Sophie gesehen zu haben.
Beim Kirchhofe mußte er um einen Trupp junger Mädchen herumgehen, die,
ihre Spinnräder im Arm, horchend um die Totenkathrine herumstanden.
„Nehmt euch nur in acht vor dem schwarzen Geiste,“ warnte sie und
drohte mit der Nase und mit dem Finger.
„Och, Kathrine, macht uns nur nicht bange!“ rief ein Mädchen, das etwas
abseits stand, aber doch neugierig das Ohr nach der vermummelten Frau
hinhielt.
„Wie war das doch, Kathrine?“ forschte ein andres, das in der Mitte
stand und ihre nächste Nachbarin am Rocke festhielt.
„Ach, ihr glaubt’s ja doch nicht!“ rief die Alte in mahnendem Tone.
„Doch, Kathrine, doch!“
Da hob sie den Finger abermals und erzählte: „Es sind auch mal so
’n Stücker sieben Mädchen bei Palands am Steinbirnbaum gewesen. Und
dann sind auch so ’n Stücker sieben Knechte gekommen. Und dann ist’s
lustig geworden und immer lustiger und immer lustiger, daß ’s Haus
gewackelt hat. Und die Knechte haben die Mädchen auf ’n Knien gehabt
und die Mädchen die Knechte auf ’m Schoße. Und jeder hat sich genommen,
was er hat kriegen können. Es hat aber ’n kleines Kind in der Wiege
gelegen, das ist von dem tollen Jubel aufgewacht und hat nicht wieder
einschlafen können und hat alles gesehen. Und das Kind ist noch nicht
ein Jahr alt gewesen. Da, mit einem Male tut sich die Tür auf, und
herein kommt euch ein kohlschwarzer Mann und fragt drohend: ‚Was ist
das grünste?‘ Keiner konnte im Todesschrecken eine Antwort geben. Aber
auf einmal richtet sich das Kind in der Wiege auf und antwortet: ‚Der
Elsternschwanz!‘ Und weg war euch der Mann.“ --
Weg waren auch die Mädchen.
Da knüpfte sich die Totenkathrine das Kopftuch etwas fester, trappelte
hinter Marten her und rief: „Haste denn noch gar keinen Bescheid von
deinem Bruder, Junge? Haste nicht ’mal in der Nacht was gemerkt, ob er
wohl tot ist? Hat’s nicht ’mal mit den Ketten gerintschelt?“
„Laß mich in Frieden mit deinem dummen Aberglauben!“ fuhr Marten sie an.
Sie lächelte eigen und nickte und rief wieder: „Mußt nur ’mal
aufpassen, Junge. Von twelwe bet einen sind alle Geister te Beinen.“
Er machte eine abwehrende Geste und schritt hastig seinem Hofe zu, laut
begrüßt von einem Gänsepaare, das am Tore stand, als hätte es schon auf
ihn gewartet.
Mutterseelenallein hauste er den Winter hindurch auf seinem Anwesen.
Weder sah man Sophie ferner herüberkommen, noch ihn auch nur einmal
wieder hinüber gehen. Als wäre der Weg hinüber und herüber hundert
Meilen weit geworden.
Um den unbequemen Fragen nach dem verschwundenen Bruder auszuweichen,
mied er jeglichen Verkehr, ging er nur notgedrungen einmal ins Dorf.
Hielt er sich aber auch von Drewes’ Hause hinfort völlig fern, so
pflegte er doch gar manchesmal vom Dach aus, wo er eine Strohdocke hob,
durch die kahlen oder schneebedeckten Zweige des Rötchenapfelbaumes
hinüber zu spähen, ob sich nicht die Gestalt des Mädchens einmal
erblicken ließe. Ja, als ihn plötzlich die Furcht überfiel, daß Sophie
vielleicht gleichgültig gegen ihn geworden sei und die Spinnstuben
besuche, schlich er sich an dunklen Abenden nicht selten leisen Fußes
durch das Dorf, um dort, wo der Jubel herrschte, zu warten und zu
spähen. Einmal, als die Nacht ihren schwarzen Sturmmantel anhatte, ging
er sogar über die gefrorene Despe durch den Bauernhof bis unter das
Fenster des Drewesschen Hauses. Als er indes seine Befürchtung nicht
bestätigt fand, sondern Sophie mit hängendem Kopfe neben der Mutter
am Spinnrade sitzen sah, wurde es ihm nicht gar schwer, die in ihm
lodernde Leidenschaft mit Hilfe des Trotzes zu bändigen und weiterhin
den Grollenden zu spielen.
[Illustration]
Fünfzehntes Kapitel.
Ein linder Wind kommt das Tal entlang. Die ungeheueren, harten
Schneemassen, die viele Wochen hindurch die Armut geängstigt und den
Tieren im Walde eine bittere Todesnot bereitet haben, beginnen sich
zu lösen. Aus dem linden Winde wird ein brausender Sturm, der in den
Bergen hüben und drüben mächtige Gewässer aufjagt. Aschfarben rollen
sie aus den Wäldern daher, häufen in den kantigen Buchten gischtende
Schaumkronen, kreisen hier und dort in wogenden Stauungen.
Weiter dann im machtvollen Drange rasen die Gewässer die Senkungen
entlang, quer über die Wege, hinaus, hinaus in die breiten, blitzenden
Gefilde, wo die gelben Gewässer ihrer harren und sich zur Weiterreise
flugs mit ihnen vereinen. Gurgelnd, glucksend stürzen die schlammigen
Fluten, oft tiefe Löcher reißend, auf den Äckern hinab, zuletzt gar
durch die Höfe und Häuser dem Bache zu, der weit über seine Ufer
hinausgedrängt wird.
Der Himmel ist wie reingefegt und rundet sich in seiner tiefblauen
Unendlichkeit über der neu sich gestaltenden Welt. Ganz vereinzelt hat
der Sturm noch einige schmale Gewölkstreifen zurückgelassen. Man denkt
unwillkürlich an eine frisch gefegte Bauernstube, in der nach eiligem
Kehren gewöhnlich noch einige Sand- oder Staubstreifen zurückgeblieben
sind. Frisch und frei streift das Auge in die Weite. In lieblicher
Bläue und näher gerückt als gewöhnlich erscheinen die Berge des
Harzes; aber hoch über ihnen ragt noch das weiße bleiche Brockenhaupt
-- wie wenn ein Greis über seine dunkellockigen Enkel hinweg schaut.
Nordwärts, wo die Sonne zur Rüste geht, blitzen herrliche Silberbänder
auf: Es sind die kleinen Ströme, welche die jungen, schäumenden Wasser
aus den Wäldern und Feldern der Leine zutragen, es ist die Leine
selbst, die sich heute gegen ihre sonstige Natur im nachbarlichen Tale
gewaltig zu dehnen beginnt.
Einige Tage sind vergangen, die Erde ist frei, geschäftig trägt der
Wind die letzten Sickertropfen von den Äckern. Nur der Siebenbergschnee
hat sich nach alter Gewohnheit der jungen Himmelskönigin noch nicht
ganz ergeben; einige größere und kleinere Flächen schimmern noch von
den Abhängen her, als im Bereiche des Hildesheimer Waldes schon die
ersten Märzveilchen anzutreffen sind. Lächelnd sieht die erhabene
Siegerin über die kleinen Flicken des überwundenen Königs hinweg.
Auch in die Menschenherzen ist der Frühling eingezogen, und Groll und
Gram, Verstimmung und Erbitterung, Sorge und Not lösen sich auf wie die
letzten Reste des Schnees unter den Strahlen der Sonne.
Die sich mieden, nähern sich wieder, und wer etwas zu vergeben hat,
vergibt, ehe denn noch der andere ihn darum bittet. Was geschehen ist,
das ist geschehen. Das Tor des Frühlings ist aufgetan, ein neues Leben
und Lieben soll beginnen. Wer es nur ehrlich meint, findet schon Zeit
und Gelegenheit, alte Schuld zu sühnen und wie im Baumhof draußen,
so auch im Gärtlein da drinnen unter dem Brusttuche die schlechten
Gewächse auszurotten und durch gute zu ersetzen. Helf Gott! --
Als die Apfelbäume wieder ausschlugen und in den Höfen gegraben und
gehackt wurde, änderte sich das Verhältnis zwischen dieser und jener
Seite der Despe schier über Nacht. Marten erhielt, ohne daß er über
das Bächlein schreiten mußte, von Sophie freundliche Antworten aus
dem Baumhofe, und Meister Drewes stand in der Schummerstunde öfter und
öfter hinter der Haselhecke, die Augen auf die Despe gerichtet, als
suche er die Stelle, wo die kleine Brücke jetzt sein würde, wenn der
schöne Traum nicht so jählings zerrissen worden wäre. --
* * * * *
Auf dem Friedhofe lag silberglänzender Mondenschein und erdgrauer
Schatten, jener in unregelmäßigen, vielfach zerrissenen und zerstückten
Flächen, dieser in den scharf ausgeprägten Formen von Kreuzen und
Hügeln, Ringen und Pfeilern, Stämmen und Zweigen.
Der Wind hatte, gleich der Drossel im Busch, den Kopf zwischen die
Flügel gesteckt, und unter dem wolkenlosen, strahlenden Sternenhimmel
lagen Licht und Schatten, obgleich von Natur wider einander, in
regungslos friedlichem Verein, wie sie alle da unter den grünen
Hügeln, die Viertelhufner, die Halb- und Vollhufner, die Kotsassen und
Häuslinge, die Tagelöhner und Knechte, mit ihren Frauen, Mägden und
Kindern.
Der Nachtwächter, der mit gebeugtem Rücken und einem kurzen Fuße -- es
war der Swän Oppermann -- am Kirchhofe vorüberstapfte, blies dreimal
ins Horn, rief: „Die Glocke hat zwölf geschlagen -- zwölf ist die
Glock’!“ und sang mit eintöniger Stimme die althergebrachten Reime von
den zwölf Jüngern des Herrn.
Als Oppermann hinter dem nächsten Gehöfte verschwunden war, lösten sich
aus dem Schatten der Kirchhofsmauer zwei Gestalten. Die Pforte knarrte,
und Meister Drewes, an der Hand seine Tochter, trat sachten Schrittes
auf den hügelreichen Gottesacker.
In langen und kurzen Reihen, in großen und kleinen, hohen und
eingefallenen Hügeln lagen sie da rund um die Kirche her, an der das
Mondenlicht leise hinunterglitt, -- die Bauern mit ihren Angehörigen
für sich auf der Sommerseite, die Häuslinge, Tagelöhner, Knechte und
Mägde mit ihren Angehörigen auf der Winterseite.
Mochte auch die Bedeutung der Standesunterschiede im Dorfe nicht
gar so groß sein, so gebot doch die Sitte ein ordnungsmäßiges
Auseinanderhalten der Schranken, wie im Leben, so auch im Tode. Der Tod
war für die Woldhäuser noch nicht der Allerweltsgleichmacher, eben weil
er für sie nicht Tod, sondern Fortleben bedeutete.
In dieser Nacht aber lag der größere Teil des Lichts auf der
Winterseite und der größere Teil des Schattens über den Bauerngräbern,
denn das Licht fragte ebensowenig wie der Schatten, welches Standes die
waren, die unter diesen Gräbern schliefen.
Die beiden Lebenden gingen, von ihren Schatten begleitet, ein
paar Schritte auf dem Kirchhofspfade hin und bogen rechts bei den
Bauerngräbern, wo der breite, wilde Hagedorn stand, vom Wege ab.
Ein zarter Veilchenduft stieg wie ein Atemholen aus dem jungen
Hügelgrase auf.
Sophie empfand den feinen Duft in dem Schauer der Nacht wie einen
heimlich freundlichen Trost, während der Vater kaum darauf achtete.
Licht und Schatten über den Toten! -- Licht und Schatten über den
Lebenden! --
Drewes dachte, während er seiner Tochter voran mit hochgehobenen
Beinen über die Gräber hinweg schritt, an den einen und an den andern.
Er hatte sie ja alle gekannt, als sie noch in den Stürmen des Lebens
standen, als noch Licht und Schatten in ihre offenen Augen fielen.
Allerlei Stimmen zogen vor seinem Ohre hin, helle und grobe, lustige
und zornige, bittende und drohende, betende und fluchende. Wie Licht
und Schatten von einander abhängig, an einander gebunden, hatten sie
miteinander gelebt, in Lieben und Hassen, in Dulden und Widerstreiten,
in Empfangen und Entsagen, in Hoffen und Verzweifeln, in Jauchzen und
in Stöhnen, -- bis jählings die Nacht hereinbrach und sie so still, so
still wurden wie dieses Mondlicht und dieser Kreuzesschatten. -- -- --
Sie waren an eine noch unvollendete Reihe gekommen und blieben vor
einem noch fast unbewachsenen, aber bereits halb eingefallenen Grabe
stehen.
„’s hat nicht lange Stand gehalten, das kleine Bretterhaus,“ murmelte
Drewes. Er trat an das Kopfende des Grabes, nahm die Mütze ab und
betete mit leiser, dumpfer Stimme das Vaterunser.
Sophie, eng an den Vater gedrückt, hielt die Hände fest ineinander
geschlungen und betete aus tiefster Seele mit, vermochte aber, im
Grausen fast erstarrend, die aufeinandergepreßten Lippen nicht zu
rühren.
„Amen!“ sagte Drewes und sah um sich und über sich. Bei der Kirchentür
glaubte er eine dunkle Gestalt wahrzunehmen, und es drängte sich ihm
das alte Sagenwort in den Sinn: „Von twölwen bet einen sind alle
Geister te Beinen.“ Er faßte die regungslose Tochter fest bei der
Hand, erkannte aber bald, daß es nur der Schattenwurf des alten runden
Grabsteines war, der eine Urne trug.
Der Mond sah ruhig auf den Kirchhof herab, der Sterne Heer schimmerte
aus der Unendlichkeit, und in Silberstrahlen flutete das Licht durch
die Nacht um die alten Kirchturmsmauern. Kein Laut regte sich, kein
Schatten bewegte sich.
Vater Drewes beugte sich zum andernmale über das Grab und betete ein
zweites Vaterunser. -- Und wieder sah er um sich und über sich. Nicht
ein Hauch war zu verspüren, nur der eigene Atem zu vernehmen. Der
Bergwald, zu dem die Blicke schweiften, war wie ein Sarg, auf dem die
ruhig brennenden Lichter stehen -- regungslos, ohne Atem.
Da neigte sich Drewes zum drittenmale und rief mit leiser, tiefer
Stimme: „Henderk, ich stehe mit meiner Tochter hier an deinem Grabe,
wie wir an deinem Sterbebette standen. Siehst du uns, wie Gott hoch
über den Sternen uns sieht, so sag’ uns an: Ist Steffen, dein Sohn,
bei den Toten oder ist er noch unter den Lebenden? -- Die Frauen, die
an jenem frühen Ostermorgen zum Grabe des Heilandes gingen, gingen
mit der großen Sorge: Wer wälzet uns den Stein von des Grabes Tür? Mit
solch einer Sorge stehen wir auch an deinem Grabe. Eine große Schuld
liegt zwischen uns. Du weißt es wohl, und ich muß fragen: wer wälzet
sie ab von uns? Henderk Oelkers, der du durch das Grab in den Himmel
gingest, siehst du uns, wie Gott über den Sternen uns sieht und kannste
meine Tochter um deines zweiten Sohnes willen von ihrem Versprechen
entbinden, die Schuld unserer Kinder vergeben, wie wir auch unsern
Schuldigern vergeben, so gib uns nach unserm dritten Vaterunser ein
Zeichen, sei’s hoch am Himmel, oder sei’s unten auf der Erde.“ Und er
betete das heilige Vaterunser zum drittenmale -- langsam und feierlich.
Grabesstille war nach wie vor, aber als die Betenden nun über sich
sahen, schoß ein glänzender Strahl vom Himmel -- mitten zwischen dem
Oelkerschen und dem Drewesschen Gehöfte -- herab.
„Vater!“ flüsterte das Mädchen.
„Komm, Kind!“ -- sagte Drewes -- und Sophie ging rasch voran vom
Kirchhofe hinweg.
Bei den fünf Eichen blieb Drewes aufatmend stehen, sah über sein
Gehöft hin und murmelte zufrieden: „Der Stern muß dorthin gefallen
sein, wo der Steg sein soll.“
„Ja, Vater, ich glaub’s,“ flüsterte sie und tat einen Atemzug, der wie
ein tiefes Aufschluchzen war.
Sie gingen leise auf dem grasigen Wegrain weiter. Plötzlich blieb das
Mädchen wieder stehen, sah nach dem wüsten Hofe, der sich so scharf von
dem Silber der Nacht abhob und sagte: „Ich meine, Vater, wir müßten den
Stern finden, wenn wir ihn suchten, so deutlich habe ich ihn fallen
sehen.“
Drewes schüttelte den Kopf und lächelte. „Sterne, Kind, findet man
nicht, Sterne sieht man nur. Sie zeigen nur an, wo wir einst hinkommen
sollen.“
Als sie vor ihrer Haustür standen, huppelte Oppermann die Straße
herauf. In der Annahme, daß er sie schon gesehen haben könnte, warteten
sie, bis er vorüber kam.