Alsbald reckte auch ein kleines Huhn den Hals und strengte sich
seltsamer Weise gar sehr an, um etwas ähnliches wie der Hahn heraus zu
bringen.
Nun ließ Steffen die Ringkoppel fallen, die er eben lösen wollte,
scheuchte das Huhn weg und rief: „Ich dreh’ dir ’n Hals um, wenn du
nicht still bist.“
Marten aber nickte dem Huhne, das sogleich wieder umkehrte, befriedigt
zu und sagte: „Krähe nur, krähe nur!“
Die Brüder wußten alle beide: Wenn ein Huhn wie ein Hahn kräht, so
gibt’s ein Unglück. Man soll ihm lieber den Hals umdrehen. --
Steffen überwand aber seinen Unmut, führte die Pferde in den Stall,
rief nach dem Bruder zurück, ob sie die Weidenbreite als Dreisch liegen
lassen oder doch lieber umpflügen sollten und fragte noch nach diesem
und jenem, ob er auch keine oder höchstens eine „quere“ Antwort erhielt.
So ging es nun die folgenden Tage ständig fort. Je unzugänglicher
Marten sich erwies, desto größer wurde Steffens Hingebung gegen ihn.
Er übersah und überhörte vieles und alles, was Martens immer größer
werdende Anmaßung ihm Ärgerliches bot, ertrug seine üblen Launen ohne
Mucken, ließ sogar Martens Willen in allen Dingen den Ausschlag geben.
Und da Marten sich diese Gutwilligkeit nicht nur gefallen ließ, sondern
sie als etwas durchaus Selbstverständliches anzusehen begann und das
Übergewicht seiner Stellung mit Fleiß zur Schau trug, so schien es in
der Tat, als wäre er der Herr und Steffen der Knecht.
Eines Morgens, als Sophie auf den Hof kam, sah sie zu ihrer
Verwunderung, daß Marten, den sie längst im Felde glaubte, gerade erst
die Gäule an den Pflug spannte. Er fuhr seinen Bruder, der den Pflug
erst hilfsbereit auf den „Stert“ stellte, mit herrischer Stimme an und
ließ ihn laufen wie einen kleinen Buben. Und Steffen lief ohne Unterlaß.
Das heiße Blut schoß ihr ins Gesicht, und es war ein zorniger, ja ein
fast böser Blick, den sie Steffen zuwarf.
Marten, dem ihre Erregung nicht entgangen war, sah sie herausfordernd
an. Die Blicke begegneten sich über Steffen, senkten sich ineinander;
es sprühte, es leuchtete -- und Marten ging mit hellem Pfeifen davon.
Ein großer Rabe kam mit schwerem Flügelschlage über das Haus
hergeflogen, setzte sich in den Wipfel des Walnußbaumes, zwischen
dessen vergilbten Blättern nur noch wenige Nüsse hingen, stieß einzelne
tieftönige, schaurige Rufe aus und flog in seinem schweren Fluge wieder
über das Haus zurück. Zu gleicher Zeit strich ein heftig krächzender
Rabe von den Ulmen am Bache her und kreuzte den Flug des ersten Raben
über dem Hofe.
Die schwarzen Gesellen flogen noch lange lärmend über dem Dorfe her und
hin, und manchmal hörte sich’s an, als schrieen sie um die Wette: „Ein
Kreuz! Kreuz! Kreuz!“
[Illustration]
Neuntes Kapitel.
Steffens Gedankenraum war sehr klein, und die Gedankendinge konnten
hier nicht nebeneinander, sondern nur nacheinander Platz finden. Da nun
Martini immer näher rückte und seine Gedanken fort und fort mit dem
Meierzins zu tun hatten, mußte Sophie immer mehr in den Winkel gedrängt
werden, bis zuletzt gar kein Platz mehr für sie blieb.
Marten aber guckte mit blitzenden Augen in die Welt und sorgte dafür,
daß Sophie unter dieser Zurücksetzung nicht zu leiden hatte. Sein
bisher so trotziges Verhalten gegen sie schlug plötzlich um: er war
lustig, lachte sie an und ging ihr, wenn sie zu der verabredeten
Dienstleistung herüber kam, eifrig zur Hand.
Die Despe schwoll und rauschte, als hätte sie etwas besonderes zu
sagen, vielleicht gar zu mahnen -- und Sophie richtete es bald immer
mehr so ein, daß sie gerade zu der Zeit auf den wüsten Hof kam, wenn
sie Marten zu Hause wußte.
Der geschwollene Bach riß ein Stück vom Ufer mit sich fort und
murmelte, daß man es deutlich auf dem wüsten Hofe vernehmen konnte.
Steffen hatte kein Arg daraus; er grübelte und rechnete, wie er den
Meierzins auf den Tag zusammenbringen sollte. Mindestens dreimal am
Tage lief er auf die Bodenkammer, um den Beutel mit dem Gelde aus der
alten Eichentruhe zu ziehen und den Inhalt zu überzählen.
Das Begräbnis des Vaters hatte einen guten Teil der Barschaft
verschlungen, der Sarg nicht einen, sondern drei Taler gekostet,
weil Marten es so wollte. Es waren auch nicht vier, sondern sieben
Kuchen gebacken, weil Marten es so wollte. Dann die Kosten für den
Leichenschmaus, den Branntwein und für so manches andere! Ja, er hatte
gehörig in die Beilade hineingreifen müssen, ganz gehörig, um nur
seinen Bruder zufrieden zu stellen. Manches hätte gewiß erspart werden
können, doch Marten hatte beharrlich gesagt: „Unserm Vater soll die
Ehre angetan werden, die ihm zukommt!“ --
Der Vater läge deshalb um nichts besser, er aber, des Vaters
Nachfolger, um so schlechter, dachte Steffen und rieb sich die Stirne,
auf der sich in dieser Zeit die ersten Falten bildeten. Er holte ein
frisches Brot aus dem Keller, schnitt es an und sah, daß es stark
verschimmelt war. Da freute er sich und aß so viel von dem Schimmligen
als er konnte; denn wer schimmliges Brot ißt, findet Geld.
Die Spätkartoffeln waren gerodet, die Rüben gezogen, und jetzt hatte
man nur noch eine halbe Woche bis zum Martinitage.
Steffen lief wieder einmal auf die Bodenkammer und überzählte, wie er
schon alle Tage getan, die vorhandene Barschaft; fand aber immer nur
elf Taler und vierundzwanzig Mariengroschen. Es war ein hartnäckiges
Geld und wollte sich von selbst durchaus nicht vermehren. Und gefunden
hatte er noch immer nichts, so viel schimmliges Brot er auch essen
mochte.
Sollte er am Ende doch dem Rate des Vaters folgen und einen von den
beiden „Läufern“ verkaufen?
Ja, wäre nur gleich ein Käufer zur Stelle gewesen, der ihm ein
annehmbares Gebot gemacht hätte. Er klappte in seinen „Holschen“ die
Treppe abwärts, ging in der Stube herum, holscherte die Küchentreppe
herab und ging bedachtsam über den Hof nach dem neuen Anbau, um die
kleine Tür aufzuriegeln. Zwei prächtige junge Schweine lagen da mollig
im Kaff und hoben bei seiner Annäherung gemütlich die Köpfe.
In einem zweiten Abteil, das von dem ersten durch eine Bretterwand
geschieden war, lag ein älteres, schon halbfettes Tier, das Steffen
mit einem höchst mißliebigen Blick ansah. „Das Aas frißt einen noch
ratzekahl,“ knurrte er.
Es war das Mahlschwein, das für den Meierherrn gefüttert werden mußte.
Mit Wohlgefallen hafteten dagegen seine Blicke auf den beiden Läufern.
Er sah sie wohl eine halbe Stunde lang an, krauete ihnen und sich
selbst den Kopf und seufzte: Es wäre doch schade, jetzt ein so junges
Vieh aus der Hand zu lassen. Wie wacker hatten sie sich nicht in der
letzten Zeit herausgemacht, seitdem Sophie sie regelmäßig fütterte.
Ja, es ginge doch nichts über eine Frauenhand, zumal wenn sie immer ein
wenig im Schroteimer rühren könnte. Ihm stand das prachtvolle Fressen
wieder vor Augen, das sie an jenem Tage, als er sich auf dem ersten
Freierbesuche befand, zurecht machte. Er schnalzte wieder mit der Zunge
wie damals und sagte zu den Läufern: „Ei weih, wenn die euch erst mal
als ordentliche Frau vom Hause besorgt, ei weih, dann werdet ihr ein
Leben kriegen ... Freilich wird dann auch mehr Schrot und Milch drauf
gehen,“ unterbrach er sich etwas bedenklich.
Marten trug in diesem Augenblicke zwei Eimer von der Despe her. Da
packte Steffen der Gedanke, ihn wegen des erwogenen Verkaufs um Rat
anzugehen. Sicher würde auch er dagegen sein, dann aber doch nicht
umhin können, ihm, ohne daß er darum bäte, das fehlende Geld zu leihen.
Marten setzte seinen Weg nach dem Pferdestalle gemächlich fort und
antwortete über die linke Schulter: Der Vater würde in seinen gesunden
Tagen einen solchen Rat nicht gegeben, sondern sich gewiß in anderer
Weise zu helfen gewußt haben. Er riegelte die Tür auf, wobei die Eimer
überschwankten, und rief nur noch in seiner unbrüderlichen Weise: „Mich
geht’s aber gar nichts an; du willst ja der Bauer sein. Und ich kann,
wenn ich will, auch anderswo in der Welt Wurst und Schinken zu essen
kriegen.“ --
Steffen wußte nun, woran er war. Sollte er den Bruder dennoch um Geld
bitten?
Nein! Er machte eine energische Gebärde. Hernach würde er ihm noch
vorhalten, er hätte den Hof mit seinem Gelde gemeiert. Wie sollte er
dann vor Fieke dastehen!
Er sah in den Baum und ging nach dem Herde, um nach der
Petersiliensuppe zu sehen, die er vorhin aufs Feuer gesetzt hatte.
Sollte er, so fuhr er fort mit sich zu ratschlagen, vielleicht doch
Vater Drewes um Hilfe angehen?
Nein, auch dagegen sträubte sich alles in ihm. Das sähe gerade aus, als
könne er die Zeit nicht abwarten, als wär’s ihm durchaus um das Geld zu
tun; hatte doch auch der Vater nicht unbedingt dazu geraten.
Steffen ging umher und grübelte. Er hatte einmal sagen hören: Wer einen
Ackerschachtelhalm mit der ganzen Wurzel herausziehen könne, fände
darunter einen Goldklumpen. Es mußte aber wohl sehr schwer sein, denn
es hatte noch keiner einen Goldklumpen gefunden, soviel Schachtelhalme
auch in der Feldmark wuchsen.
Leider war’s jetzt aus der Zeit, sonst würde er sich schon zutrauen,
das Kraut mit der Wurzel heraus zu kriegen und damit der Sage auf den
Grund zu kommen. Ach, so ein Goldklumpen! Ach!
Steffen guckte ums Haus und grübelte. Er hatte den Vater auch sagen
hören: „Ja, wenn wir nur einen Alraun hätten, dann brauchten wir uns
nicht so zu plagen.“
Was mochte es nur damit für eine Bewandtnis haben? Der Vater hatte wohl
näheres darüber erzählt, wie er sich erinnerte, aber er hatte nicht
darauf zugeschlagen.
Da sah er die alte Annekathrine mit einer schweren Tracht Buchenreisig
auf dem Rücken um den Kirchhof herum kommen.
In seinen Augen leuchtete es auf. Die würde gewiß etwas genaueres
wissen, ihm vielleicht auch sagen können, wie sich’s mit dem
Goldschatze verhielte, der nach dem Leutesagen im Rotenkampe verborgen
sein solle.
Er sah sich um, ob ihn jemand beobachte, und ging der Annekathrine nach.
Die Alte ließ sich mit der Tracht auf den kleinen Reisighaufen fallen
und hockte nun tief atmend da, die Arme noch in den Strippen und das
quer über die Stirn gebundene graue Tuch fast ganz auf den Augen.
Steffen machte indes wieder kehrt und lief, als ob er etwas vergessen
hätte, auf den Hof zurück, guckte, wo Marten war, ging dann ins
Haus, öffnete rasch den Küchenschrank und ergriff den kleinen, noch
halbgefüllten Branntweinsbuddel, der in die Tasche gesteckt wurde,
wenn’s zum Pflügen hinausging. Er hielt den Buddel gegen das Licht,
zog den Papierpfropf ab und nahm einen Zug. Nun steckte er den Buddel
geschwind in die Hosentasche und ging wieder hinaus, erst ruhig und
gemächlich, dann, als er sich unbemerkt wußte, raschen Schrittes dem
Armenhause zu.
Die Annekathrine saß noch so, wie er sie vorhin gesehen hatte; nur den
rechten Arm hatte sie schon halb herausgezogen.
„Du hast aber ’ne mächtige Tracht gehabt, Annekathrine.“
„Ja,“ sagte sie und bückte den Kopf, damit der gefesselte Arm das Tuch
heraufschieben konnte.
„’ne mächtige Tracht,“ bewunderte Steffen noch.
„Eh’ de Esel tweimal geiht, dröchte, dat ne’t Lief weih deit,“[27]
antwortete sie mit einer eigentümlich groben Mannesstimme.
Steffen lachte und zog den Buddel aus der Hosentasche. „Prost,
Annekathrine!“ Er tat aber erst selber noch einen Zug.
Rasch hatte sie die Arme aus den Strippen. Ihre etwas verschwärten
Augen funkelten. „Das hat dir der liebe Gott eingegeben,“ meinte sie,
indem sie das Fläschchen hinnahm. „Denn grade, wie ich so dalag, dachte
ich: Wenn dir nur jemand ’n kleinen Schluck brächte.“ Mit langen,
röhrenartig zusammengepreßten Lippen tat sie einen ordentlichen Zug.
„Trink’n nur aus, Annekathrine,“ nötigte er.
Nicht zweimal ließ sie sich das sagen.
„Ja, wenn man so ’n Alraun im Hause hätte, wie manche Leute, dann
brauchte man sich so nicht zu plagen,“ sagte und seufzte Annekathrine,
indem sie mit knackenden Knochen mühsam aufstand und Steffen den leeren
Buddel zurück gab.
Steffen horchte freudig auf. Grade so hatte ja der Vater in der
Geplagtheit gesagt. Es bedurfte also keiner besonderen Einleitung mehr,
um von ihr näheres zu erfahren, ohne daß sie den Grund seiner Frage
merkte.
„Da war mal,“ begann sie schon ganz von selbst zu erzählen, „da war
mal in Hildesheim eine Frau, die hatte einen Alraun, den ließ sie ’n
Jahr lang in ihrer Lade liegen, da guckte sie nach, und da hatte er
’n Hecketaler bei sich. Den konnte sie nun nehmen und sie nahm ihn
auch und bezahlte alles, was sie kaufte, mit dem Hecketaler. Wenn sie
aber nach Hause kam, war der Hecketaler auch schon wieder da. Das ging
denn auch ’ne ganze Zeit gut; kein Mensch merkte, daß der Taler wieder
mit ihr wegging. Sie aß den schönsten Kuchen, den fettesten Braten,
trank den süßesten Wein, den stärksten Kaffee, konnte beim wärmsten
Ofen sitzen und wurde kugelrund. Kein Mensch merkte was. Aber einem
Schlächter kam es doch mit der Zeit kurios vor, denn er wollte reich
werden und merkte, daß er immer ärmer wurde, wenn diese Frau bei ihm
eingekauft hatte. Sollst doch mal ordentlich aufpassen, nahm er sich
vor. Und als die Frau wieder mal so ’n schönen Happen kaufte und wieder
mit dem schönen blanken Taler bezahlte, dachte er sich gleich, es müsse
wohl etwas mit dem Taler sein. Aber er ließ sich nichts aus, gab der
runden Frau auf den Taler heraus, legte ihn in den Kasten und paßte mit
beiden Augen auf. Und siehe dich da! Kaum ist die Frau zur Ladentür
’raus, wird auch der Taler im Kasten unruhig und will sich wieder auf
die Reise machen. Aber mein Schlächter nicht faul, packt dich den Taler
mit seiner dicken Faust, hält ihn mit seiner ganzen Schlächterkraft
fest umklammert, holt geschwind ’n Klopfhammer und nagelt dich den
Taler auf den Hackeklotz ...“
„Och, den Düwel!“ rief Steffen und schabte sich das Hosenbein, als wäre
da der Nagel durchgegangen.
... „nagelt dich den Taler auf den Hackeklotz,“ wiederholte
Annekathrine nochmals mit tönender Baßstimme, worauf sie fortfuhr: „Da
wurde dich dann aber der Hackeklotz auf einmal rattentoll, hüpfte und
sprang, daß es ganz schrecklich anzusehen und anzuhören war, und als
jemand die Tür aufmacht, was meinst du, da nimmt sich der Klotz auf und
tanzt holtedipolter hinter seiner lieben Frau her. Da war’s denn am
Tage, und da mußte sie zur Strafe all ihr Hab und Gut hergeben und den
Alraun mit dem Hecketaler natürlich auch. Sie behielt kein Hemd auf’m
Leibe und mußte nun Holz tragen und hungern und dursten wie unsereiner
auch.“
Steffen schabte sich und kratzte sich. Das wäre doch nicht das Rechte,
meinte er, so ’n Alraun nähme er nicht geschenkt, so gut er auch den
Hecketaler gebrauchen könne. „Ehrlich währt am längsten, hat mein Vater
gesagt, als er auf ’m Sterbebette lag.“
„Nicht immer,“ bemerkte Annekathrine kurz und lächelte etwas eigen
dabei. Dann lehnte sie sich gegen ihre Tracht und knüpfte das Traglaken
auf. „Wenn ich nur wüßte, wie man so ’n Alraun kriegt,“ murmelte
sie noch vor sich hin. Steffens Gedanken waren aber schon bei dem
Goldschatze im Rotenkampe, und nachdem er eine Weile vergeblich
gewartet hatte, ob sie vielleicht von selbst davon anfangen würde,
sagte er: „Es soll ja auch noch immer ’n großer Goldschatz im
Rotenkampe vergraben liegen.“
Annekathrine zuckte die Achseln und begann von dem Holze zu knappen.
„Der soll noch vom großen Kriege da liegen; aber er wird wohl schon
ganz tief, tief in der Erde stecken,“ meinte sie und erklärte dies
damit, daß vergrabenes Gold alle sieben Jahre einen Zoll tiefer rutsche.
In Steffens Gesicht kam etwas Begieriges. So tief läge es doch wohl
nicht, daß man’s nicht mit einer guten Schute und Hacke in einer Nacht
bloß graben könne, meinte er und sah sie forschend an.
Die Alte legte die kurz geknappten Reisigstücke neben sich und sagte:
„So leicht ist denn das man doch nicht, Junge. Sonst läg’s wohl längst
nicht mehr im Rotenkampe.“ Und darauf erzählte sie: „Da waren ’mal zwei
Nachbarsleute in Sibbesse, die hatten sich schon lange vorgenommen,
den Schatz auszugraben. Sie fasteten drei Tage lang und machten sich
eines Abends im Dunkeln mit Hacke und Schute auf den Weg. Sie kamen um
elf bei dem Baume an, unter dem sie den Schatz hatten brennen sehen,
warteten, bis die Glocke in den Dörfern zwölf schlug und fingen nun mit
aller Gewalt zu graben an. Es war eine rabenfinstre Nacht, aber auf
einmal wurde es feuerhell, und da kam ein Mann an dem Baume vorüber,
der hatte den Kopf unterm Arm und sagte: „Gun’ Abend, Bur!“ Die beiden
Sibbesser hüteten sich aber wohl, zu danken oder sonst etwas zu
antworten, denn sie wußten sehr gut, daß dann ihre Mühe eitel gewesen
wäre. Und sie gruben mit aller Gewalt weiter, so daß ihnen der Schweiß
man so von der Stirne pladderte. Und was meinste? Es dauerte nicht mehr
lange, da stießen sie dich auf eine eiserne Kiste. „Wollt ihr Silber
oder Gold?“ fragte es friedlich aus der Kiste. „Was drin ist,“ dachten
die Männer, hüteten sich aber gar wohl, es zu sagen. Und nun packten
sie die Kiste mit ihren Fäusten, mußten aber böhren, daß ihnen der
Rücken knackte, so schwer war dich die Kiste ...“
„Die wird ganz stoppenvoll gewesen sein,“ unterbrach Steffen in seinem
Eifer die Erzählerin.
„Stoppenvoll,“ bekräftigte sie und fuhr fort: „Sie packten nun immer
fester zu und merkten auch schon, daß sich die Kiste zu heben begann.
Jetzt aber kommt dich auf einmal etwas Wulkriges den Berg herauf
gewälzt, und als es nahe ist, sieht es aus wie ein Regiment Mohren.
„Platz da! Platz da! Oder wir schlagen euch die Köpfe runter!“ schreit
es wie aus tausend Kehlen. Die Sibbesser kriegen keinen kleinen
Schrecken, rühren sich aber nicht vom Fleck, sondern böhren mit aller
Gewalt weiter. Da geht das ganze Heer wie ein Nebel über ihren Köpfen
hinweg. Schon haben sie die schwere Kiste halb über der Erde, da denkt
der eine: jetzt haben wir sie, aber er denkt es nicht nur, sondern
schreit’s auch in seiner unbändigen Freude laut heraus. Aber da gibt’s
ein höhnisches Gelächter um sie ’rum und -- die Kiste rutscht in die
bodenlose Tiefe hinab.“
Steffen schlug sich auf die Kniee, daß es klatschte und rief: „So ’n
Dummerjan!“
„Ja, Steffen, das sag nur,“ erwiderte Annekathrine. „Hätte das
Menschenkind nur noch ’n paar Minuten geschwiegen, bis es eins schlug,
so wäre der Schatz ihr eigen gewesen; daran hätten tausend Teufel
nichts ändern können.“
Steffen ging ganz aufgeregt hin und her. Endlich blieb er dicht vor der
Alten stehen und fragte mit unsicherer Stimme, ob sie in dieser Nacht
’mal mit ihm hingehen würde!
Sie wurde ganz strack und wehrte mit beiden Händen ab: „Ne, ne,
Steffen, lieber hundert Tote waschen als in so ’n Teufelsspuk ’rein
gehen!“
Zudem wäre diese Nacht auch gar nicht geeignet. Man müsse den Schatz
erst wieder brennen sehen, und das könne noch Jahre dauern. --
Steffens Gesicht zeigte große Enttäuschung. Er steckte den Buddel in
die Tasche und schob sich nachdenklich auf den Hof zurück.
Als er unter den Walnußbaum kam, rauschte es so seltsam laut in seinen
Zweigen, als wollte er ihm etwas zurufen. Und wahrhaftig, er rief
etwas, und Steffen hörte, was er rief: Der Hofherr war gewohnt, daß ein
Oelkers seine Pflichten allezeit aufs pünktlichste erfüllte; sollte er
nicht ein Einsehen haben, wenn er vernähme, aus welchem Grunde diesmal
der Zins nicht vollständig sei; wenn er die Versicherung erhielte, daß
der Rest bis Neujahr getilgt werde? Ei gewiß, der gnädige Herr ist
doch auch ein Mensch, hat doch auch ein Herz im Leibe, und lieber ihm
zu Füßen fallen, als dem eigenen Bruder! Das rief der Walnußbaum, und
Steffen nickte, nickte immer lebhafter. Ein freudiges Vertrauen stieg
in ihm auf, und nachdem er rasch drei Teller voll Petersiliensuppe
gegessen hatte, eilte er auf die Scheuer, um die erste Lieferung
Zinskorn, die Probe, zurecht zu machen. O, er wollte dem Herrn schon
ein Korn eintun, wie er’s gewiß noch bei keinem seiner Meier gesehen
haben sollte, und müßte er das Korn auslesen wie Linsen.
Er siebte und sichtete den ganzen Nachmittag, verwandte auch noch den
ganzen folgenden Tag darauf. Er konnte es gar nicht rein genug kriegen,
das Korn; nicht eine Drespe oder Rade sollte dazwischen sein, gelobte
er sich.
Das war freilich ein schweres Stück Arbeit, zu der er schon die
dienstwilligen Tauben aus dem Märchen hätte gebrauchen können; denn
Drespen und Raden hatte es in diesem Jahre wieder mehr gegeben als
eigentliches Korn.
Marten ging durch die Scheune, sah mit seitlichem Blick auf den
unermüdlichen Eifer des Bruders, tat aber, als sähe er nichts. In
seinen Augen züngelte etwas, -- und fester kniff er seine schmalen
Lippen zusammen.
[Illustration]
Zehntes Kapitel.
Früh am Martinimorgen lud Steffen den Dreihimtensack, den er am Abend
vorher sorgfältig zugebunden und zurechtgestellt hatte, auf die
Schulter -- denn die Pferde wollte er dieser Kleinigkeit wegen und um
Martens willen nicht strapazieren -- und stapfte hoffnungsvoll zum
Dorfe hinaus, dem Laufe des Baches entgegen. In drittehalb Stunden
hoffte er am Ziel, gegen die Vesperpause wieder daheim zu sein.
Auf einem nahen Gehöft schrie ein Schwein in Todesnot, denn mit Martini
begann die Schlachtezeit. Aus den Scheunen hüben und drüben tönte das
muntere Geklapper der Dreschflegel. Da dachte er bei sich: „Wenn ich
meine Fieke erst habe, können wir auch zu dritt dreschen; ei weih, dann
wird’s auch munter gehen!“ Er schritt mit diesem Gedanken noch einmal
so kräftig aus und hatte das Dorf bald hinter sich.
Von dem Wegerich, der ihn auf beiden Seiten des Weges begleitete,
sprühte der Reif, wenn seine Füße ihn streiften. Hin und wieder
begegnete ihm ein Sperling oder eine Ammer; am Rotenberge erwartete ihn
ein Schwarm Distelfinken, -- aber er ließ sich auf kein Gespräch mit
ihnen ein. Die Berge glänzten in herrlicher Klarheit, in der Ferne hob
sich das riesige Brockenhaupt scharf wie selten aus dem Wolkenschleier.
Steffen sah nichts von alledem. Der Weg war hart und holprig, und
der Sack drückte je länger je mehr. Als er nach einer Stunde in öder
Feldmark keuchend aufsah, gewahrte er einen schwarzen Dohlenschwarm,
bald gespensterhaft im Nebel sich herumwirbelnd, bald dicht an ihm
vorüberstreifend, als wollte er ihm das Geleit geben. „Wenn diese
schwarzen Vögel nur nicht was bedeuten,“ dachte er, und es war ihm, als
hätten die Dohlen ihm Sack und Seele schwer gemacht.
Unterdessen pfiff Bruder Marten daheim ein lustig Lied nach dem
andern. Er striegelte die Pferde, trug frisches Stroh in die
Ställe und kletterte dann in den „Bansen“[28], um eine Lage Gerste
herunterzuwerfen. Aber einen großen Trieb zur Arbeit schien er heute
nicht zu haben, denn jedesmal wenn er ein Bund geworfen hatte, guckte
er eine Weile durch das kleine runde Wandloch nach Drewes Hause
hinüber. Seine Gedanken, die den Augen längst vorausgeeilt waren,
ließen sich nicht mehr bändigen. In seinem Gesichte begann es sachte
zu brennen, und als er wieder nach einem Gerstenbunde griff, zitterten
seine Hände wie im Fieber.
Das Bächlein dampfte, die Felder dunsteten, und auf den Steinen
lag helles Sonnenlicht. Als es gegen Mittag kam, lief Marten alle
Augenblicke an die Ecke des Hauses, wo man nach Drewes Garten
hinübersehen konnte.
Die Despe gluckste, der Hahn schlug gröhlend mit den Flügeln, und
hurtig liefen seine Hennen, die verdrossen unter dem Schuppen gekratzt
hatten, um das Haus herum in den hellen, warmen Sonnenschein hinein,
der sich noch einmal behaglich zwischen dem Hofe und dem Bache
ausbreitete -- vielleicht, daß auch einige Würmlein und Käferlein
wieder zum güldnen Lichte heraufkamen, denen die guten Hennen wieder
mal was vorgackeln konnten.
Gleich nach dem Elfuhrläuten kam Sophie herüber, die Schürze voller
Hobelspäne.
Marten hatte sie bereits von der Giebelklappe aus bemerkt, als sie
zwischen den Eichen herkam. Er strich sich über das Haar, schnäuzte
sich und trat glühenden Gesichts in die Haustür.
Nach kurzem Gruße, in dem heute eine große Befangenheit zitterte, eilte
sie an ihm vorüber nach dem Herde, wo sie die Späne ausschüttete und
alsbald ein Feuer anzumachen suchte.
Marten erwiderte den Gruß mit nicht minder großer Befangenheit und
stand einen Augenblick wie angewurzelt. Der dämmernde, schweigsame
Raum, das leise Brummen der Kühe hinter der nahen Tür, das Stampfen
der Pferde nebenan, ein pickendes Huhn auf der Treppe, dazu die tiefe,
menschenleere Ruhe auf dem Hofe ringsum, und der Gedanke, allein mit
ihr in der ungestörten Häuslichkeit zu sein, mit ihr, der sein ganzes
Trachten und Träumen galt -- alles das wirkte so eigen auf ihn, daß
es wie ein heißer Schauer durch seine Seele ging. Seine Blicke, voll
glühender, dürstender Leidenschaft, umspannten die frische, wonnige
Mädchengestalt, seine Seele schwankte wie in einem feurigen Rausche.
Draußen schrie der Gänserich. Im Stalle wieherte der Wallach.
Marten tat einen Schritt nach dem Herde hin, stockte aber wieder und
sagte mit bebender Stimme: „Ich will dir ’n Eimer frisches Wasser von
der Despe holen, Fieke!“
„Das kannste tun,“ hauchte sie kaum hörbar. Ihre Hand begann zu
zittern, das eben entzündete Streichholz fiel zu Boden.
„Fieke!“ stieß er mit keuchendem Atem heraus, und da sie den Kopf tief
herabsenkte, schlang er mit leidenschaftlicher Gewalt beide Arme um sie
und küßte ihr Gesicht mit heißem Ungestüm.
Sie ließ ihn gewähren, legte den Kopf an seine Brust und brach in
tiefes Schluchzen aus.
An der Despe herauf hörte man einen Schwarm laufender Kinder, die heute
einen lustigen Tag hatten.
Sophie zuckte zusammen. „Laß mich, laß mich! O Gott, was tu ich für ein
Unrecht!“
Er aber hielt sie fest umschlungen. „Fieke, du hast meinen Bruder ja
nicht gern ...“
Sie schwieg und weinte still.
„Du kannst ihn ja nicht gern haben,“ flüsterte er an ihrer Wange.
„Und dich darf ich nicht gern haben,“ schluchzte sie und machte
abermals einen vergeblichen Versuch, von ihm los zu kommen.
„Warum darfst du mich nicht gern haben, nicht lieb haben, Fieke?“ Und
in aufflammendem Zorn rief er: „Nur weil ich keinen erbärmlichen Hof
habe?“
„Ach Marten, was fragte ich nach dem Hofe!“ klagte sie. „Barfuß und
barhäuptig wollte ich gehen bis ans Ende der Welt, in einem nassen
Erdloch wollte ich wohnen, hätte dein Vater nicht mein Versprechen mit
sich hinabgenommen in die Erde. Denk’ an die Todesstunde deines Vaters,
Marten, und sag: konnte ich armes, schwaches Menschenkind denn anders
handeln?“
In dem Burschen wallte es mächtig auf. „O, was habe ich gezaudert!
Warum habe ich meinen Vater und meinen Bruder so ruhig gewähren lassen!
Weil ich keinen Hof hatte? Ha, hätte ich mir nicht einen verschaffen
können -- und -- und wär’s auch mit Teufels Hilfe gewesen! -- Aber ich
bin selber schuld daran,“ fuhr er in wilder Selbstanklage fort, „es
war ein unbändiger Trotz in mir, weil ich dachte, dir wär’s nur um
den Hof: Ich wollte mich nie wieder um dich kümmern, ich wollte fort,
in die Stadt oder in ein fremdes Land, ihr solltet nie wieder von mir
hören. Aber, als ich dich dann wieder in unserm Hause und hier am Herd
gesehen, als ich sah, wie glücklich mein Bruder war, ohne daß er’s
doch recht wußte, da behielt ich keine Macht mehr über mich, eine
heiße Hölle kam in meine Brust. Fieke, ich kann nicht fort, ich kann
dich nicht lassen; ich muß dich haben, es werde, wie es will -- und
müßte ich dich haben mit meinem Bruder zusammen -- ... Nein, Wahnwitz!
Er soll nichts von dir haben, ich ertrage es nicht.“ Sein heißer Atem
ging ihr durchs Gesicht, sein lauter Ton wandelte sich in ein leises,
schmeichelndes Flüstern: „Fieke, sei mein, sei’s gleich, küsse mich“ ...
Jetzt wirbelte die Kinderschar um das Haus herum, jetzt kam sie auf den
Hof, schon quoll sie zur Haustür herein, und aus lauten Kehlen erscholl
der uralte Singsang:
„Wir treten jetzt für
Eines Reichenmanns Tür
Zu diesem Martenabend.
Wer uns was schenkt,
Den Marten auch bedenkt.
Dem wünschen wir ’nen weißen Schimmel,
Damit er kann reiten bis an den Himmel.
Wir haben eine Jungfrau geschoren,
Von Gold und Silber eine Krone.
Die Krone, die reicht so weit und breit,
Bedecket die ganze Christenheit,
Bedecket das Laub und grüne Gras,
Das unser Herrgott geschaffen hat,
Zu diesem Martenabend.“
Marten rief, es wäre noch nicht Abend und wehrte sie unwillig zurück,
während Sophie sich mit feuerrotem Gesicht abgewandt hielt und an den
Töpfen herumwischte.
Die Kinder lachten, und in der Haustür herein- und herausdrängend,
sangen sie:
„Marten is en guet Mann,
Dei et woll vergellen kann.
Appel un de Beeren,
Nötte ät eck geren.
Dat Himmelrike is uppedahn,
Da will we alle herintergahn
Mit allen usen Gästen.
De leiwe Gott is de Beste.“
Sophie zupfte den ungeduldigen und unwirrschen Marten am Wams und
flüsterte ihm etwas zu. Da ging er in die Kammer und kam mit einer
Wanne voller Walnüsse zurück, streute sie unter dem Halloh der Jugend
vor der Haustür aus und zog die Tür wieder zu. Die Kinder balgten sich
um die Nüsse, und als sie dann weiter trabten, gröhlte ein rauhhaariger
Junge um die Hausecke zurück:
„Brut un Brödigam
Wollen seck waschen,
Fällen in de Aschen;
Wollen seck wischen,
Fällen in de Mischen.“
Aber Marten hörte kaum noch darauf. Er riß die Geliebte aufs neue an
sich, küßte sie leidenschaftlich und erdrückte sie fast.
„Marten, Marten!“ schluchzte sie, in seinem Arm sich windend, „hast du
mich wahrhaftig gern, so hüte dich und mich vor einer Schlechtigkeit.
Ich will keine Falschheit begehen hinter dem Rücken deines Bruders.“
„Was ist Schlechtigkeit, Mädchen, was Falschheit! Was ist Sturm und
Eis? Kann der Sturm was dazu, daß er da ist? Kann das Eis was dazu?
Kann das Feuer was dazu, daß es brennt? Kannst du was dazu, daß du
meinen Bruder nicht magst? Wär’s nicht eher eine Falschheit, wollten
wir ihn noch länger in seiner Meinung bestärken?“
„O Gott, o Gott!“ stöhnte sie.
„Kannst du die Sonne bedecken? Ist die Liebe in unserm Willen? Kann
ich was dazu, daß ich dich lieb habe wie nichts anderes auf der Welt,
daß ich wahnsinnig werden möchte, wenn ich dich aufgeben sollte?“ Er
breitete die Arme aus, umschlang sie aufs neue, hob sie mit wilder
Gewalt empor, trug sie durch den dämmernden Raum, ließ sie wieder an
seiner Brust herniedergleiten und küßte sie schier bis zur Betäubung.
Die Pferde stampften, als wollten sie mahnen: Marten, vergiß dich nicht
und vergiß uns nicht! Aber so aufmerksam er sonst auf die Pferde war,
-- heute hörte er sie nicht.
Da stapfte jemand am Hause her und näherte sich der Haustür.
Nun mußte er sie wohl lassen.
Sophie schlüpfte in ihrer Verwirrung durch die Tür, die in den
Stallgang führte. Marten nahm eine Mulde aus der Ecke und tat, als wäre
er in eifrigster Arbeit.
Es war der Schäfer, der, mit einem teilweise gefüllten Sacke auf dem
Rücken, seinen „Marten“ einsammelte.
Marten log, er hätte gerade schon etwas für ihn holen wollen, und
holte eiligst, ohne den Spruch des Alten abzuwarten, eine Mulde
voll Steckrüben und Kohlköpfe aus dem Keller, schüttete sie in den
Schäfersack und eilte geschwind auf den Boden hinauf, um noch eine
Mulde voll Gerste zu holen, die er dann ebenfalls in den Sack leerte.
„Na, Marten, laß ’s man sachte gehen, ich habe ja Zeit,“ suchte der
Schäfer ihn zu beruhigen und sah ihn verwundert an, denn er war nicht
gewohnt, daß man um ihn so lief. Ich habe Zeit, Marten,“ wiederholte
er.
„Aber ich nicht, Wolter,“ erwiderte Marten hastig und erzählte, daß er
heute allein sei und alle Hände voll hätte. Und da die Pferde wieder
stampften, sagte er, es wäre auch kein Häcksel mehr geschnitten, drum
müsse er gleich auf den Boden, und Wolter möchte es nicht übel nehmen,
wenn er ihm heute keinen Stuhl böte.
Och, er hätte Zeit, und im Dorfe käme er schon noch herum, versicherte
der Schäfer nochmals in seiner Arglosigkeit und erbot sich gar, ihm
beim Häckselschneiden „’n Augenblick“ zu helfen.
Marten stieß unwillkürlich mit dem Fuße auf und schüttelte den Kopf.
Beim Häckselschneiden stände der eine dem andern nur im Wege; ihre
Schneidelade wäre auch von einer ganz besonderen Art, die müsse man
erst gewohnt sein, versicherte er immer hastiger und drängte den
Schäfer förmlich zur Haustür hinaus.
Aber die Klinke, die eben der Schäfer losgelassen hatte, drückte im
nächsten Augenblick bereits wieder der Kuhhirt, der gleichfalls mit
einem über die Schulter geschlagenen Sacke herein kam.
Marten sah ihn an, als ob er ihn erwürgen wollte. Der alte Hirte sah
aber nicht nach seinem Gesicht, sondern suchte sich gleich einen Platz
zum Ruhen aus. Es half nichts, Marten mußte abermals mit der Mulde in
den Keller und auf den Fruchtboden. Und da er wußte, daß der Kuhhirt
nicht fortginge, eh’ er nicht einen aus’m „Stammende“ bekommen hatte,
so nahm er schnell den Buddel aus dem Schranke und sagte: „Prost,
Chrischan! Aber dann nimm’s nicht weiter übel, -- ich muß auf ’n
Boden und geschwind ’n bißchen Häcksel schneiden; du hörst, die Gäule
scharren mir sonst ’n Loch in ’n Stall.“
Christian trank, nickte gutmütig, sah in den Sack, sagte „noch ’n
bißchen Linsen könnteste mir geben,“ trank wieder, während Marten
schnell nach den Linsen lief, warf sich dann den Sack gemächlich
über den Rücken, sagte, daß voriges Jahr um diese Zeit Vater Oelkers
noch gelebt hätte, seufzte, wischte sich über den eigentümlich
zusammengezogenen Mund und ging ganz wie ein Leidtragender hinaus.
Marten stieß einen Fluch der Erleichterung aus und wollte die Haustür
von innen abriegeln, als Sophie wieder auf die Diele schlüpfte und ihn
daran hinderte.
„Wer am Tage die Tür verriegelt, bringt die Menschen auf arge
Gedanken,“ sagte sie und stellte sich zwischen ihn und die Tür.
„Mögen die Leute denn ruhig sehen, wie’s zwischen uns steht!“ rief er
heftig und fing sie abermals in seinen Armen auf. „Fieke!“ jauchzte er
und trug sie mit stämmiger Kraft die Treppe hinauf in die Stube.
Und sie schlang beide Arme um seinen Hals, legte ihre Wange an sein
Gesicht und flüsterte: „Du lieber, schlimmer, lieber Mensch du ... Ach,
ich hab’ dich ja so gern, so gern ...“
Und er setzte sich und nahm sie wie ein Kind auf seinen Schoß und
konnte sich gar nicht sättigen an ihrem Anblick und ihrer beseligenden
Umarmung.
Da schlug die Uhr, die mit langstrippigen Sandgewichten an der Wand
hing, und als die Gewichte niedergingen, schlug Sophie das Gewissen,
und sie sprang auf.
„O Gott, was fange ich nun an?“ klagte sie. „Jetzt -- jetzt kann ich
Steffen nicht mehr nehmen! Nein, ich kann es nicht! Ach, der arme
Mensch! Wie er mich dauert. Aber es würde ein ewiges Unglück!“
Da fuhr ein Windstoß in die Stube und trug eine hallende Stimme herein.
„Da soll denn aber doch gleich ein heilig Ungewitter reinschlagen,“
kam’s breit und wuchtig von der Tür her.
Sophie flüchtete in die Ecke und barg ihr Gesicht in beide Hände,
während Marten ruhig an seinem Platze blieb und ganz gelassen zu
erscheinen suchte.
Da stand in seiner ganzen gedrungenen Leibhaftigkeit Meister Drewes,
Mund und Augen groß offen, und es war eine Weile nur das vergeblich
verhaltene aufgeregte Atmen der jungen Leute hörbar. „Habe ich’s doch
fast geahnt,“ grollte er nun, „und“ -- sein Ton wurde grimmig, „so ’ne
Dirn habe ich erzogen, so ’ne Dirn?“
Sophie ließ die Hände sinken, trat entschlossen vor den Vater und sagte
mit fester Stimme: „Es ist gut, Vater, daß du alles gesehen und gehört
hast; so brauche ich dir weiter nichts zu sagen, du weißt es nun. Ich
kann Steffen einmal nicht nehmen. Eher sterbe ich.“
„Nicht?“
Drewes erhob die Hand wie zum Schlage, ließ sie aber langsam sinken und
sagte mit kurzem Entschluß: „Du kannst Steffen nicht nehmen? Also gut,
dann haste hier jetzt nichts mehr zu suchen!“
Und er wies sie mit einer energischen Bewegung vor sich hinaus. „Ich
kann dich nicht zwingen, in die Erde zu kriechen, wo einer liegt, der
dein Wort hat; aber ich will es verhüten, daß meine Tochter aus den
Armen eines Bruders in die des andern läuft, daß die Leute mit Fingern
auf dich weisen und sagen: Seht, seht ...“
Als sie heftig schluchzend vor ihm hinging. zerschmolz aber sein Zorn
wie Eis im Feuer, und es blieb nur eine betrübte Mahnung übrig: „Fieke,
überlege es dir noch einmal; denke an den armen, ahnungslosen Steffen!
Wenn der nun nach Hause kommt ...“
Er schüttelte heftig den Kopf, sah Marten mit einem langen, ernsten
Blicke an und folgte ihr, kehrte sich indessen nochmals nach dem
Burschen um, der nun wie in keckem Trotze dastand und sich die Lippen
zerbiß: „Ha, du bist mir ein sauberer, du! Schande dir, so deinem
einzigen Bruder ’s Liebste abspenstig zu machen. Du bist ja ein -- du
bist ja ein -- ein -- richtiger Jakob biste ja!“
„Ach, Drewes Vetter, ich will Euch was sagen,“ antwortete der Bursche
mit gemächlichem Achselzucken, „die Geschichte von Jakob -- Ihr meint
den alten Erzvater, den Bruder von Esau? -- wie gesagt, die Geschichte
habe ich schon in meinem achten Jahre lernen müssen und seitdem in
Schule und Kirche so oft gehört, daß es Euch nicht wundern kann, wenn
mir etwas davon ins Blut übergegangen ist. Da solltet Ihr Euch lieber
beim Herrn Pastor beschweren ... Und übrigens war doch Jakob ein höchst
angesehener Mann vor Gott dem Herrn und in seinem Volke.“
„Ei, sieh einer diesen infamen Bengel!“ schalt Drewes und stampfte
mehrmals mit seinen Holzschuhen auf die Treppe, daß es durchs ganze
Haus dröhnte, „führt er noch pfiffige und gotteslästerliche Reden
obendrein. I, da sollte doch gleich ...“
Es schien aber eher, als wäre die Antwort wie ein riesiger Spaß in
seine Seele gefallen, und als hätte er Mühe, sich eines drängenden
Lachens zu erwehren. Er kehrte sich rasch um und guckte nach dem
rauchschwarzen Balken, als suche er etwas.
Als Drewes sein Gesicht wieder in Ordnung hatte, drehte er den Kopf
noch einmal zu dem Burschen herum und fragte, um ihm auch eins zu
versetzen: „Wohin wollteste denn eigentlich mit dem Mädchen, Junge?
Etwa ins Spritzenhaus? Hm?“
„Wenn man sich’s gut einrichtet, Drewes Vetter,“ antwortete er, „ist
auch im Spritzenhause ganz gut wohnen.“
„Oder kannste ein Handwerk, daß du dir hättest ’n Haus erwerben können
wie andere Leute, hm?“ fragte Drewes wieder. Er wartete aber die neue
Antwort nicht mehr ab, sondern machte sich rasch fort und schüttelte
nur noch immerfort den Kopf, so daß die Leute, die ihm begegneten, ganz
verwundert hinter ihm hersahen.
[Illustration]
Elftes Kapitel.
Die Hühner waren bereits ihre kleine Leiter hinter der Kuhstalltür
hinaufgeklettert. Marten trug Brot und Käse auf den Tisch und wollte
sich gerade zum „Halbabendbrote“ niedersetzen, als er draußen ein
schweres „Gratscheln“ vernahm. Er wandte sich gegen das Fenster und sah
seinen Bruder, den gefüllten Sack auf der Schulter, schweren, müden
Schrittes auf den Hof wanken.
„Ha, er bringt das Korn wieder mit!“ sagte er leise und trat hastig
nach der Mitte der Stube zurück, während ein seltsames böses Leuchten
aus seinen Augen ging und die Nasenflügel zu beben anfingen. „Er bringt
das Korn wieder mit; jetzt möchte ich wissen, ob er den Meierbrief
bekommen hat.“ Er setzte sich an den Tisch und begann zu essen, aber
der Bissen lag ihm wie Lehm im Munde, er bemühte sich vergeblich, ihn
hinunter zu bringen.
Da stampfte es die Treppe herauf, und Steffen trat in die Stube, noch
keuchend von der Last, die er getragen hatte. Sein Kopf, von dem die
fahlen Haare unordentlich herabhingen, dampfte, der ganze Körper bebte,
und das von Schweißlinien durchzogene Gesicht glühte in dunkler Röte.
Er grüßte nicht, er sagte auch sonst kein Wort, sondern ging, den Kopf
ein wenig nach der rechten Seite geneigt, dreimal im Bogen neben dem
Tische hin.
„Na, Steffen,“ begann Marten ganz unbefangen, „nun haste hoffentlich
den neuen Meierbrief in der Tasche, und ich gratuliere dir auch zum
Hofe.“
„Unserer Katze kannste gratulieren oder unserer Kuh, wenn’s dir um ’s
Gratulieren ist, du -- Hund du!“ schrie Steffen.
„Hoho, sachte an!“ rief Marten mit scheinbar staunendem Gesicht; „haste
weiter nichts mitgebracht von Bodenburg, als den Hund?“
Steffen stieß einen schnarchenden Laut aus, schlug auf den Tisch und
schrie: „Wer hat mir das Hinterkorn in den Sack getan, du Hund du?“
Marten sah auf den Tisch und schnitt sein Brot in Würfeln. „Was habe
ich mich um deinen Sack gekümmert! Als ob nicht noch andere Leute
genug vorübergegangen wären, die dein vieles Sichten und Lesen zum
Schabernack gereizt haben könnte.“
„Du hast’s getan -- du, du Hund du! ’n Streich haste mir spielen
wollen, weil du Wut auf mich hast, daß du den Hof und das Mädchen nicht
kriegen kannst. Dich kenn’ ich jetzt, dich!“
Marten zuckte verächtlich die Achseln, führte einen neuen Bissen zum
Munde, kaute und antwortete: „Du bist heute morgen wohl mit ’m linken
Fuße zuerst aufgestanden?“
„Halt’ den Atem an, du, und schäme dich vor unserm Herrgott!“ ächzte
Steffen.
Marten stand auf, sah forschend von der Seite und sagte in
gleichgültigem Tone: „Der gnädige Herr muß dir ja einen sehr bösen
Willkomm bereitet haben, daß du auf einmal so außer dir bist.“
Die Uhr hob aus und kündete mit blechernen Schlägen die Stunde.
Steffen schritt verzweifelt durch die Stube. „Wie habe ich’s gesichtet
und wie säuberlich ausgelesen, das Korn!“ keuchte er und rang die
Hände. „Daß auch nicht eine Drespe oder Rade dazwischen bleiben sollte!
Jedes Korn, möchte ich sagen, habe ich beinah einzeln durch meine Hand
laufen lassen, und ich habe zuletzt noch alles auf der flachen Hand
gehabt und unter meinem Atem, daß auch nicht ein Stäubchen dazwischen
bleiben sollte. Zwei Tage fast habe ich daran gearbeitet, dann hatte
ich’s aber auch blank wie’s Gold, das in den Schlössern liegt. Und dann
habe ich den Sack zugebunden und ihn so, wie ich meine, heute morgen
auf die Schulter genommen. Und der Herr ist gar nicht ungnädig gewesen.
‚Guten Tag, Oelkers!‘ rief er schon von weitem, ‚und wie geht’s denn
jetzt auf dem wüsten Hofe?‘ fragte er und nickte mir ordentlich
freundlich zu, der Herr. Als ich ihm nun meine Sache vorbringe und ihm
klage, daß ich den Meierzins noch nicht ganz hätte zusammenkriegen
können, daß ich aber ’s Korn mitgebracht hätte, da ist er ganz gnädig
gewesen, der Herr und hat mir bis Neujahr Frist geben, aber erst das
Korn sehen wollen, denn am Korn erkenne er den Charakter -- sagte er.
‚Herr Baron‘ sage ich, ‚das Korn soll gewiß nicht schlecht für mich
sprechen‘, sage ich und knüpfe den Sack auf“ -- -- Er machte eine Pause
und schüttelte die geballten Fäuste. „Ich denke, ich kriege ’n Schlag,
wie ich das Korn sehe. Der Herr guckt mir ins Gesicht, guckt in den
Sack, greift hinein und hat gleich die Hand voll Drespen und Raden, hat
er. Er tut einen Fluch, der Herr, und wirft mir die Handvoll wütend ins
Gesicht. ‚Deine Väter,‘ ruft er, ‚waren brave Leute; aber du bist ein
Hallunke -- bist du! Und gehörst an den Schandpfahl -- gehörste!‘
So einer aber kriegte den Hof nicht, und ich solle mich auf der Stelle
zum Tore hinauspacken, oder er würde die Hunde auf mich hetzen, die
Hunde, sagt er, der Herr.
Da bin ich vor ihm auf die Knie gefallen wie vor unserm Herrgott beim
heiligen Abendmahl. Aber es ist alles umsonst gewesen. Es antworteten
nur noch die Hunde, und ich habe den Meierbrief nicht bekommen.“
Marten zog die Uhr auf, obwohl die Gewichte noch in der Mitte hingen.
„O je, o je, das ist aber eine schöne Bescherung!“ heuchelte er und
verbarg die tief in ihm siedende freudige Erregung in bedauernden
Gebärden. „O je, o je, da müssen wir ja beide vom Hofe ’runter! Ei, das
wird ’was für die Leute sein!“
„Ja, das haste dir wohl nicht gedacht, daß dein schlechter Streich so
’ne schlimme Folge haben könnte, dein schlechter Streich.“
Marten machte eine abweisende Bewegung und lachte, als lohne es gar
nicht der Mühe, sich auf den erneuten Vorwurf zu verantworten.
Steffen sah durchs Fenster. Drüben ging Sophie mit einem Eimer durch
den Baumhof. Er atmete keuchend und ließ sich schwer auf den Stuhl
fallen, sprang aber wieder auf und rief: „Noch gebe ich ihn nicht
verloren, den Hof. Noch nicht! Auch der Herr Rentmeister meinte, daß
man den Brei nicht so heiß äße, wie er aufgetan wäre, wenn es mir
gelänge, ’nen glaubhaften Zeugen zu bringen, der mir bezeugte, daß ich
unschuldig wäre an dem schlechten Korn -- sagte der Rentmeister. Denn
so würde ich den Meierbrief ganz gewiß noch bekommen. Und der Zeuge
kannst nur du sein, Marten, ja! Und ich will dir auch gewiß den Streich
nicht weiter nachtragen, wenn du dich jetzt als ’n ordentlicher Bruder
zeigst, gleich morgen am Tage zum Herrn hingehst und ihm sagst, wie ich
ohne mein Wissen zu dem schlechten Korn gekommen wäre. Und du hättest
mir ’n Schabernack gespielt, brauchste nur zu sagen und daß du alle
Schuld auf dich nähmest ...“
Martens Gesicht wurde lang und starr, während Steffen in dringendem und
flehendem Tone fortfuhr: „Du wolltest ja im vorigen Jahre schon so gern
für ’n Vater gehen. Also wirst du jetzt auch für deinen Bruder gehen
können, Marten. Ich werde es dir gewiß immer gedenken.“
Marten tat ganz entrüstet. „Ich soll also zum gnädigen Herrn gehen und
mich schlecht machen bei ihm, daß er seine Hunde auf mich hetzt, wo ich
doch ganz unschuldig an der Sache bin.“
Steffen schluchzte.
„Bruder, es steht unser Hof auf’m Spiel, das Erbe unserer Väter,“
klagte er und klammerte sich wie in Todesangst an die auf Marten
gesetzte Hoffnung. „Ich will ja auch gar nicht mehr sagen, daß du’s
gewesen bist. ’s kann ja auch irgend ein anderer boshafter Mensch
gewesen sein, ’s haben mich ja freilich genug gesehen bei der Arbeit,
die vielleicht ihren Spott darüber gehabt haben. Aber wenn du auch
unschuldig bist -- tu eine Brudertat und nimm die Schuld auf dich.
Es kann dir zuletzt doch ganz einerlei sein, wenn der gnädige Herr
schlecht von dir denkt; du hast ja weiter gar nichts mit ihm zu
schaffen, mit ihm. Übrigens wird er ’n Schabernack auch noch nicht
gleich für ’ne Schlechtigkeit anzusehen brauchen, der Herr.“
Marten stand erregt auf, sah an dem Bruder vorüber durchs Fenster und
stieß plötzlich wie nach einer heftigen Selbstüberwindung heraus: „Gut
denn, ich will das Opfer für dich bringen und will gleich morgen gehn!“
„Marten, ich danke dir auch recht vielmals,“ erwiderte Steffen mit
einem tiefen Atemzuge der Erleichterung, „und nimm’s mir nicht verübel,
daß ich vorhin so heftig gegen dich war -- ’s war mir ja auch zu
schlimm zu Mute, zu schlimm. Unsern Herrgott im Himmel hätte ich
anklagen können, daß er mir das antun ließ.“ Er griff nach dem Brote
und sah den Bruder an. „Willste nicht noch was essen, Bruder? Wollen
wir nicht mal die Kopfwurst anschneiden?“ redete er eifrig und gerührt
auf ihn ein.
Marten schüttelte den Kopf und sagte, ohne den Bruder anzusehen:
„Verbürgen kann ich den Erfolg natürlich nicht ...“
„Nein, das kannste freilich nicht,“ gab Steffen sogleich zu, „aber
ich denke, wenn du’s richtig machst und ich dann gleich am andern
Tage selbst wieder hingehe, den vollen Meierzins und das lautere Korn
mitbringe, wird schon alles in Ordnung kommen. Und da hätte ich gleich
noch ’ne kleine -- nein, ’ne große Bitte an dich,“ fügte er zögernd
hinzu und rückte verlegen an dem Stuhle herum, „ob du wohl möchtest
so gut sein und möchtest mir bis Neujahr den fehlenden Meierzins
vorstrecken, damit ich doch nicht gleich ’m Schwiegervater zu kommen
brauche.“
Marten schien dies Anliegen schon erwartet zu haben, er antwortete:
„Habe mir freilich ’ne Kleinigkeit erspart, und hättest du mir gestern
schon ’n Wort gegönnt, könntest du jetzt den Meierhof sicher in Händen
haben, denn das Geld war doch die Hauptsache. Aber anbieten wollte ich
es dir nicht, da du so geheimnisvoll gegen mich tatest.“ Während er
dieses sagte, besah er die gelben Knöpfe an seinen Gamaschen; seinem
Tone nach dachte er offenbar auch mehr an die Gamaschen, als daran, was
er sagte.
Steffen merkte nichts, er dachte nur an das Geld, sah und hörte nur die
ganz unerwartete brüderliche Bereitwilligkeit und fühlte es wieder froh
heraufziehen in seiner schwer gepreßten Brust.
„O, ich Hans Dummerjan, der ich war,“ rief er voll witziger Freude,
„’n reichen Bruder so nahe zu haben und sich mit so schweren Sorgen zu
plagen!“
Er spähte wieder durchs Fenster, ohne zu bemerken, daß Martens Blicke
ganz den gleichen Weg gingen. Er schob das Fenster auf und schob den
Kopf her und hin, um an der besten Stelle durch das kahle Despegebüsch
zu sehen.
Unter den Bäumen drüben, wo Sophie vorhin gegangen war, küselten dürre
Blätter. Hie und da hing noch ein Apfel am kahlen Gezweige. Gleichsam
als ein Pfand für’s kommende Jahr. Diesseits der Despe standen ein paar
Graugänse, jede auf einem Beine, sahen schläfrig vor sich hin oder
steckten den Kopf zwischen die Federn.
„Aufs Jahr muß’s ’n dicker Tropp werden,“ versicherte Steffen mit
aufleuchtenden Augen, schob das Fenster wieder zu und rief in
frohem Tone: „Nun bin ich aber hungrig, daß ich gleich ’n ganzen
Kirchturmsknauf verzehren könnte!“ Und er schnitt mit dem stumpfen
Messer durch das harte Brot, daß es ordentlich knirschte. Den Schimmel
aß er heute aber nicht mit, der hatte ihn doch zu arg betrogen. Sein
Glaube an das Goldfinden war überhaupt stark erschüttert, und er wollte
nichts mehr glauben, was er nicht gedruckt in der Bibel vor sich hätte.
Mit dem Essen wurde er trotz seines Hungers heute rascher fertig als
sonst, er strich mit dem Messer über das Hosenbein, daß es wieder
blank wurde, stand auf und guckte durchs Fenster. Ein Glücksgefühl
quoll in ihm auf, und des Argwohns gegen seinen Bruder ganz vergessend,
begann er nun von seiner Fieke zu sprechen. Was sie nur dächte, daß er
sich in der großen Sorge der letzten Zeit gar so wenig um sie gekümmert
hätte. Gewiß würde sie schon ganz böse auf ihn sein; darum wollte er
nun doch gleich den kleinen „Katzensprung“ tun und ihr zeigen, daß er
noch lebe, und wieder bei Sinnen sei, und wollte ihr sagen, was für
einen hilfsbereiten Bruder er habe. „Wie ’n Jakob im alten Testamente
nicht gehabt hat!“ rief er in seiner pfiffigen Weise und lachte aus
vollem Halse, daß er diesen Witz gemacht hatte.
Marten schmierte seine Sonntagsstiefel mit Tran ein, wobei er dem
Bruder nicht ins Gesicht zu sehen brauchte, und sagte: Mädchen wären
Dinger, die erst am Feierabend kämen. Jetzt gäb’s noch an was anderes
zu denken, an ganz was anderes. Das Beste und Richtigste wäre es,
seiner Meinung nach, träte er dem Herrn gleich mit dem gereinigten Korn
unter die Augen; darum möchte Steffen lieber ein anderes Mal zu seiner
Fieke gehen und ihm jetzt das Korn sichten helfen. Dann wollten sie
auch sehen, ob sie in den Giebeldocken nicht noch ’n paar Sperlinge
erwischen könnten, daß das Schock womöglich noch voll würde.
Natürlich war Steffen sofort auf der Seite des Bruders. „Dann muß sich
Fieke eben noch ’n Tag gedulden,“ sagte er und biß in seinen schwarzen,
kräftigen Knust, daß es nur so „mülmte“, wie Meister Drewes gesagt
haben würde.
Da krächzte einer auf der Küchendiele: „Habt ihr noch ’n Marten für ’n
Swän?“
„Für ’n Swän ist immer noch was da!“ rief Marten, und da holscherte
es schon die Treppe herauf. Ein kurzer und ein langer Tritt, und dazu
dieser Gesang aus heiserer Kehle:
„Dat miene Fru nich danzen kann,
Dat makt dat lahme Been,
Un wenn se mit mi danzen sall,
Denn fangt se an to ween’.
Et ward all wedder, et ward all wedder
Et ward all wedder gahn, --
Da danz’t dat Minsche, da danz’t dat Minsche
Up öhren lahmen Been.“
Da tanzte er herein, nämlich der Schweinehirt, so gut es eben gehen
wollte, denn das lahme Bein, von dem er sang, hatte er selbst. Er
holte geräuschvoll Atem, denn das Tanzen und Singen die Treppe herauf
hatte ihn angestrengt, warf den Sack mitten in die Stube und sich
selbst auf den nächsten Stuhl.
Steffen lachte und rief: „Willkommen, Oppermann.“ Auch Marten hieß ihn
willkommen, nicht lachend, aber auch nicht unfreundlich.
„Danke,“ erwiderte Oppermann und sagte: „Du lachst und du nicht. No ja,
du hast die Braut und du hast sie nicht.“
„Ja freilich, so ist’s, Oppermann,“ sagte Marten und stellte die
Stiefel unter die Bank.
„Manchmal ist’s auch anders,“ sagte Oppermann und wischte sich mit
einem karierten Taschentuche, das er an festlichen Tagen trug, über das
schwitzende Gesicht, unter dessen buschigen Brauen zwei ebenso listige
Augen hervorguckten. Dann hob er den Finger und sang, indem er mit dem
gesunden Beine den Takt dazu trat:
„Schätzchen, so du mich heiraten willst,
So warte noch ein Jahr,
Bis daß der Birnbaum Kirschen trägt,
Ja, ja, Kirschen trägt,
Dann nehm’ ich dich fürwahr.
Der Birnbaum trägt keine Kirschen mehr,
Auf Dornen wächst kein Klee;
So kriegen wir uns beide,
Ja, ja, uns beide
Ja nun und nimmermehr.
Du glaubst, ich hätt’ es nicht gesehn,
Daß du bei einem andern stehst?
Sollte mich denn das nicht kränken?
Habe dich so treu geliebt.“
Steffen lachte herzhaft, Marten aber, der das Lied von der Spinnstube
kannte, nahm noch vor dem letzten Verse den Sack auf und ging mit ihm
die Bodentreppe hinauf.
Steffen bot dem Marteneinsammler ein Vesper an. Der wehrte aber: „Nur
nichts Hartes! Der größte Teil der Welt, habe ich gehört, soll aus
Flüssigkeit bestehen. Das hat Wickenthies schon geprophezeit, und mein
Kollege der Kuhfeldmarschall ist durchaus auch dieser Meinung.“
Steffen freute sich herzlich über den witzigen Gast und freute sich
wohl auch, daß er nun den Buddel aus dem Küchenschranke holen konnte,
was er vorhin mit Rücksicht auf den Bruder unterlassen hatte.
Als Steffen mit dem Buddel die Treppe herauf und Marten gleichzeitig
mit dem angefüllten Sacke die Treppe herab kam, schlug sich Oppermann
auf das gesunde Bein und sagte: „Wenn’s immer so ginge, daß mir’s Glück
von oben und von unten käme, könnte ich all meine Lebetage so auf ’m
Stuhle sitzen bleiben, was ich mir wohl manchmal gewünscht habe. Aber
dann möchte ich nur wissen, ob man’s auch sein Lebelang so auf dem
Stuhle aushielte.“
Steffen rieb sich’s Hosenbein und lachte. Marten lächelte ein wenig und
meinte: „No, beim Schweinehüten hättest du doch Zeit und Gelegenheit
genug, die Sache auszuprobieren.“
Die listigen Augen unter den fahlen Büschen blinzelten. „Doch wohl
kaum,“ erwiderte Oppermann, „denn beim Schweinehüten wird einem kein
Stuhl hingestellt. Da muß man schon lang auf der Erde liegen. Aber
auch das hat mir immer recht gut gefallen, was ich allemal dann am
deutlichsten merkte, wenn ich wieder aufstehen mußte. Nur weiß ich auch
da nicht, ob es mir so gut bekommen würde, wenn ich mein Lebtag so lang
auf der Erde liegen könnte, ohne daß ich von den Schweinen des Lebens
zum Aufstehen genötigt würde.“
Er nahm den Sack, guckte hinein, hob den Zeigefinger und sagte: „Wir
hatten doch früher ’n Vizekönig?“ Als die Brüder darauf nickten,
krächzte er: „Dann könntet ihr auch noch ’n paar Fizebohnen eintun.“
„Unsre Fizebohnen taugen dies Jahr nichts,“ wehrte Marten auflachend ab.
„Das war mit dem Vizekönige auch nicht anders, aber wir haben ihn doch
verdauen müssen,“ stichelte Oppermann und drückte das linke Auge zu,
während er mit dem rechten die beiden ansah.
Steffen bot ihm den Buddel noch einmal, und nachdem er noch einen guten
Zug getan hatte, holscherte er vergnügt wieder treppab, gefolgt von den
Brüdern, die nun eilends auf die Scheune gingen, um beim Scheine der
vierscheibigen Leuchte das Korn zu sichten.
[Illustration]
Zwölftes Kapitel.
Nach Mitternacht war ein leichter Schnee gefallen, gegen Morgen ein
scharfer Frost gekommen. Eine herbe Kälte strich durchs Tal, von
den Bäumen stoben die feinen glänzenden Krystalle, daß es wie ein
ordentliches Klirren tönte, als Marten mit dem Einspänner vom Hofe fuhr.
Steffen mußte, als er Wasser holen ging, mit den Eimern schon
ordentlich auf die junge Eisdecke stoßen, um ein Fülloch zu bekommen.
Er wunderte sich aber erst eine Weile hinterher darüber, denn seine
Gedanken waren heute bei allem, was er vornahm, weit weg. Sie waren mit
dem Bruder gegangen, begleiteten ihn auf Schritt und Tritt, ermunterten
und stärkten ihn.
Von Zeit zu Zeit sprach er leise vor sich hin: „Es ist nur gut, daß er
den Wagen genommen hat, denn so ’ne Tracht Zinskorn kann verteufelt
drücken.“ -- „Jetzt wird er bei dem Hagedorn sein, wo der Vater mal
den dreibeinigen Hasen sah, der ihn so grausig groß anguckte.“ --
„Jetzt ist er gewiß in der kalten Grund, wo die drei Bäume stehen.“ Und
dazwischen dachte er: „Es ist doch ’n guter Mensch, mein Bruder, werde
es ihm nie vergessen, und Fieke soll auch gut mit ihm sein, ja, das
soll sie.“ --
Nun spähte er wieder nach den kahlen Bäumen über dem Bache aus; aber es
zeigte sich kein Rock und kein Schuh.
„Werde gegen Mittag ’mal ’rüber gehen,“ beruhigte er sich, „gewiß ist
sie böse, daß ich mich in dieser Zeit so wenig um sie gekümmert habe.“
Als die Turmuhr zehn schlug, quoll es auf einmal ganz heiß in ihm auf;
er rannte über den Hof, atmete schwer und rief vor sich hin: „Jetzt
wird er am Schlosse sein. -- Jetzt ist er gewiß schon beim Herrn.“
Es wurde ihm siedendheiß im Gesicht, er bückte sich, schloß mehrmals
die Augen und hielt sich die Hände an die Ohren, um nicht zu sehen und
zu hören, was nun vorging. Er lief nach der Küche zurück, jagte die
Hühner vom Herde, stieß einen Eimer um und polterte aufgeregt umher,
daß die Hühner mit wildem Geschrei durcheinander flogen, in die Eimer
und Töpfe „bliesterten“ und einen fürchterlichen Wirrwar machten. Ein
Topf flog in Scherben auf dem Boden herum, und um ein Kleines wäre
dem geheimnisvollen Kruge, den Steffen aus dem wackelnden schwarzen
Schranke nahm und zu einem geräuschvollen Zuge an die Lippen setzte,
das gleiche Schicksal passiert.
Er kratzte sich den Kopf, schlug sich angesichts der Scherben mit der
Faust auf die Stirn und sagte in einer Art Verzweiflung: „Wieder so ’n
schöner, schöner Pott hin! Und sechs Dreier hat der gekostet!“
Ja, freilich! Und sechs Dreier waren keine Kleinigkeit.
Er trug die Scherben hinaus an den Bach, guckte nach Drewes Hause,
kehrte geschwind wieder um, sprang die Treppe zur Stube hinauf, nahm
den zerbrochenen kleinen Spiegel vom Schranke, guckte hinein, scheuerte
sich mit dem hinter der Stubentür hängenden graulichen Handtuche das
Gesicht, strich sich das lange, wirre Haar zurecht, hastete wieder
hinaus und tauchte nach wenigen Minuten drüben zwischen den Eichen
auf. Er betrat aber nicht den Pfad, der durch den Baumhof nach der
Haustür führte, sondern blieb auf dem links abbiegenden Fahrwege, dem
das Haus gegen die sonstige Gewohnheit der Bauernhäuser die Rückenwand
zukehrte. Durch die kleine zweiklappige Hintertür gelangte man sogleich
in die Küche.
Steffen spähte und horchte und guckte dann wieder ins Feld hinaus, als
käme er nur so von ungefähr vorbei.
Die Tür war geschlossen; aber neben der Obertür befand sich eine
schmale Klappe, die offen stand. Er ging sachte über den knirschenden
Schnee, guckte hinein und zog eine krause Stirn, denn Meister Drewes
hatte mal wieder den ganzen Küchenraum inne, und da blieb gewöhnlich
für die Frauen kein Platz.
Steffens Herz pochte, er spähte in dem dämmerigen Raume vergeblich
nach der schlanken Mädchengestalt. Da der Meister, der sich gerade
am „Radestock“ beschäftigte, ihn nicht bemerkte, blieb er eine Weile
unmutig stehen.
Der Radestock, der gerade durch das Klappenlicht beleuchtet wurde, war
ein schmales, mit Feldsteinen ausgemauertes und von einem schweren
Eichenrahmen umgebenes Loch, das zum Radaufspeichen diente.
Meister Drewes stand mit gespreizten Beinen über dem Loche und suchte
mit einer „Zapfenlehre“, einem Holzstücke, in dem sich das Normalloch
befand, die Dicke der Speichenenden zu bestimmen.
„No, immer so fleißig, Andreisvetter?“ rief Steffen endlich hinein.
„Wie du siehst, Junge!“ antwortete Drewes, ohne sich sogleich in seinem
Eifer stören zu lassen. Er zirkelte noch drei Speichen ab, ehe er die
„Zapfenlehre“ an die Wand hängte und den Türriegel zurückschob.
„No, Steffen, läßte dich auch ’mal wieder sehen?“ begrüßte Drewes ihn
und sah über ihn hin ins Feld, als ob der dort kreisende Krähenschwarm
ihn interessiere.
„Ja seht, Andreisvetter,“ erwiderte Steffen und schabte sich das Bein,
„ich hatte die ganze Zeit den Kopf so voll, daß ich bald gar nicht
mehr wußte, wo er stand. Es ist doch keine Kleinigkeit, wenn der Vater
gestorben ist, und man muß nun auf einmal für alles Rat schaffen.“
„No gewiß! Ja, Junge!“ sagte Drewes in etwas verlegener Weise und
deutete auf einen neben der Bohrbank stehenden Hauklotz. „Mußt
schon ’mal mit dem Sitze vorlieb nehmen. Ich wollte gern das Salrad
noch zurecht haben. Soll heute abend abgeholt werden, und was man
verspricht, das muß man halten. Sonst -- er stockte etwas, eh’ er
endete -- sonst kann man ’n Menschen hernach nicht gerade ins Gesicht
gucken.“