Sie lachte auf: „’n tüchtiges Kopfwurststück, wenn du das gern ißt.“

„Hui!“ machte er und kehrte sich rasch um, „aber ’s darf nicht

geräuchert sein, und -- und -- du mußt’s mir gleich auf der Stelle

geben!“ Indes tat er auch schon einen kühnen Satz gerade auf das

Mädchen los und ergriff es bei den Armen.

„He, Steffen!“ schrie sie überrascht auf, riß sich los und huschte wie

der Wind nach dem Hause hin. Auf dem breiten Steine vor der Hintertür

blieb sie stehen und rief lustig zurück: „Komm nur herein, Steffen, ich

schneide dir sogleich das Kopfwurststück.“

Er warf das Pflückelaken hin und eilte ihr nach.

Sie lachte und lief in die Stube, wo die Mutter noch am Spinnrade saß,

und nötigte ihn lustigen Gesichts von innen herein. „Er ist hungrig

geworden, der arme Steffen,“ erklärte sie der Mutter und schlüpfte

kichernd hinaus. Nach einer kleinen Weile, in der Steffen der gutmütig

bedauernden Frau immer wieder seine Unschuld beteuerte, trug die

Schelmin richtig eine mächtige Kopfwurst auf den Tisch. Natürlich war

auch ein strammer Trunk dabei, kein gebrauter diesmal, sondern ein

gebrannter.

Als sie dann aber zu nötigen beginnen wollte, mußte sie fast ersticken

vor innerem Lachen.

Steffen merkte es wohl und lachte aus vollem Halse mit. Die Mutter

lachte ebenfalls, ohne recht zu wissen, warum.

Angesichts des kostbaren Angebots konnte Steffen, trotz seiner

„Unschuld“, doch nicht länger widerstehen, und das „Ende vom Liede“ war

der Anfang der Wurst.

Über dem allen waren nun die Fledermäuse und die Abendsterne gekommen,

und das Apfelpflücken konnte für heute nicht mehr fortgesetzt werden.

Mit einem wonnevollen Behagen in Herz und Magen brach Steffen endlich

auf, nachdem er vorher noch versichert hatte, daß er am andern

Nachmittage wieder kommen werde und den Baum dann blank zu kriegen

hoffe. Leicht könne in den nächsten Tagen ein großer Sturm kommen, gab

er zu bedenken, und es wäre doch schade um jeden Apfel, der auf die

Erde fiele. „Puckäpfel“ hätten doch kaum den halben Wert.

Als er an die Eichengruppe kam, sah er sich um und atmete erleichtert

auf. Vom Felde tönte Rebhuhnkreischen, von der Straße, die über den

Roten Berg nach Hildesheim führt, hörte man die knirschenden Laute,

die das Anschrauben des abwärts laufenden Wagens begleiten. Steffen

sah nach dem leicht umwölkten Himmel und machte eine wichtige Miene.

„Die Welt ist so hellhörig vernabend, da wird’s gewiß bald ander Wetter

geben,“ sagte er für sich hin und ging wie einer, der etwas ist und

etwas bedeutet, fürbaß. Beim Kirchhofe wurden seine Augen auf einmal

ungewöhnlich groß. Eine kohlschwarze Katze, die ihn erwartet zu haben

schien, miaute ihn kläglich an und ging neben ihm auf der Mauer her. Er

hob einen Stein und warf nach dem Tiere, worauf es mit einem grausigen

Kinderschrei auf den Kirchhof hinabsprang und zwischen den Gräbern

verschwand.

Steffen fühlte, wie ihm die Haare steif wurden, und er würde den Rest

seines Weges vermutlich im Laufschritt zurückgelegt haben, hätte nicht

Marten mit einem Kameraden ganz nahe am Wege gestanden.

Kurz vor dem Hofe begegnete ihm Vater Drewes.

„Na, Junge, sind die Rötchen runter?“ rief er und legte die Hand auf

Steffens Schulter.

„Noch nicht ganz,“ erwiderte Steffen. Aber morgen wollten sie schon den

letzten Apfel herunterkriegen.

Marten drüben am Wege hustete, -- oder er tat wenigstens so.

„Na, dann kommste also morgen wieder,“ sagte Drewes.

„Versprochen ist versprochen,“ erwiderte der Glückliche und trennte

sich mit einem herzhaften Händedruck von dem Alten.

Steffen war in glückseligster Stimmung und trug all seine Freud und

Wonne zum Vater hinein. War er auch noch nicht zum endlichen Ziel

gekommen, so glaubte er sich doch sagen zu dürfen, daß er dicht davor

wäre und es nur noch eines einmaligen Apfelpflückens bedürfe, um auch

das letzte kleine Ende zu überwinden. Immerfort klang ihm ihr lustiges

Lachen vor den Ohren, sah er die hübsche, herrliche Gestalt vor seinen

Augen. Herrgott, gab’s denn auf der ganzen weiten Gotteswelt noch

solch ein liebes, lustiges, kräftiges und behendes Mädchen? Nein und

nochmals nein!

O, Fieke sollt’s aber auch gut haben bei ihm, gelobte er sich mit

Inbrunst, und müßte er auch alle Tage noch eine Stunde früher aufstehen

und eine Stunde später zu Bette gehen.

Hei, wie ging ihm jetzt schon die Arbeit von der Hand! Wozu er früher

eine Stunde brauchte, das brachte er jetzt gut in einer halben fertig,

und es wurde ihm nicht halb so sauer. Ja, es war ein Drang und Zwang

in ihm, noch immer mehr zu tun, sich namentlich auch Marten nach

Möglichkeit gefällig zu erweisen, um den alten dummen Hader, zu dem

nach seiner Meinung doch eigentlich gar kein Grund vorlag, vergessen zu

machen. Da Marten die Eimer an der „Despe“ hatte stehen lassen, lief er

in der Überwallung seines Herzens rasch hinaus, um für ihn das Wasser

hereinzutragen.

Doch kam er mit seiner Gutheit übel an.

Marten eilte herbei, schob ihn hart von den Eimern weg und sagte mit

kaltem Hohne: „Ich brauche keinen Bedienten. Steig du man wieder in den

Apfelbaum.“

„Dazu ist’s mir jetzt zu dunkel,“ gab Steffen ärgerlich zurück.

„Steig du man wieder in den Apfelbaum!“ wiederholte Marten und füllte

die Eimer, daß es rauschte und platschte, warf sich das Joch über die

Schulter und trug die „Reise“ mit häßlichem Auflachen ins Haus.

Steffen ging kopfschüttelnd hinterdrein und grübelte vergeblich darüber

nach, was er dem „Menschen“ nur getan haben könne.

„Mach du man, daß du in ’n Apfelbaum kömmst!“ rief Marten noch einmal

mit galliger Bosheit von den wasserschlürfenden Gäulen her.

„Kinder, vertragt euch!“ jammerte der Alte, als die Brüder dann

zusammen beim Abendbrote saßen und einander das Brot zustießen.

„Kinder, vertragt euch,“ wiederholte er, „ihr müßt doch miteinander

hausen, müßt doch miteinander auskommen! Soll über meinem Sarge die

Zwietracht anfangen, soll ich im Unfrieden sterben?“

Als Steffen danach den Tisch abtrug und Marten allein in der Stube war,

begann der Alte noch einmal und rief mit zitteriger Stimme: „Sieh, wie

lieblich ist’s und fein, wenn die Brüder einig sein!“

Marten antwortete nicht. Er saß unbeweglich am Tische und stützte den

Kopf in die Hand. Neben ihm stand die schwelende Zinklampe, deren

trübes Licht kaum bis in die Ecke reichte, wo das Bett stand.

Steffen ging noch geschäftig ein und aus, und wenn er durch die Stube

nach dem Bette hinschritt, wandelte an den Wänden jedesmal eine

gespenstige Schattenfigur von riesenhaften Formen.

Draußen erhob sich der Wind und rüttelte an den Fenstern.

Marten ging hinaus und sah über den Bach. Vom Oberdorfe ertönte helles

Hundegebell. Unter dem Himmel zogen schwere Wolken. Zuweilen fielen

dicke Tropfen nieder; ein leises Klatschen tönte dann vom nahen Wasser

her.

Er ging langsam auf den Bach zu; erst allmählich konnte er in der

schweren Finsternis, die zwischen den Ufern lag, die blinkenden Wellen

erkennen. Einen Augenblick zögerte er, dann stieß er den Fuß vor sich

hin und ging mitten durchs Wasser. Ein Klatschen und Knacken -- und

Marten war wie ein Stück Finsternis in der Finsternis verschwunden.

Wenn der Wind sich hob, rauschend durch die Bäume dahinfuhr, entstand

unter den Apfelbäumen allemal ein heftiges Gepucke.

„So ist’s recht, Wind!“ ertönte da eine heisere Menschenstimme

neben Drewes Rötchenbaume, „nun braucht sie keine andere Hilfe zum

Apfelpflücken.“

Und von der finsteren Gestalt, die sich da um den Baum schlich, reckte

sich etwas empor nach den Zweigen, -- ein noch stärkeres Schütteln

entstand, und ein vieltöniges „Pucken“ ging abermals über den Rasen hin.

Als die Söhne das Abendbrot -- vom Mittag übrig gebliebene Linsensuppe

-- verzehrt hatten, ohne daß dabei ein Wort im Guten oder im Bösen

gefallen war, rief der Alte beide an, hieß sie sich neben das Bett

setzen und sagte:

„Wenn ihr mal von Föhrste über ’n Nattenberg nach Imsen gehen solltet,

findet ihr dicht am Wege einen Denkstein, bei dem ihr ’n Augenblick

stehen bleiben müßt. Das ist der Kirkstein, und der erzählt eine

Geschichte und gibt zu denken, nämlich, daß Kain seinen Bruder Abel

nicht nur einmal, sondern tausendmal tot geschlagen hat.“ Darauf

erzählte der Alte diese Geschichte:

„In Imsen drüben über’n Bergen lebte um die Zeit, als Napoleon ins Land

kam, ’n Bauer, der hieß Kirk. Er hatte zwei Söhne. Und der älteste

mußte mit Napoleon nach Rußland und hatte nichts wieder von sich hören

lassen. Man glaubte, daß er mit den vielen andern -- ihr wißt ja, mein

Bruder ist auch nicht wieder gekommen -- im russischen Schnee liegen

geblieben sei, man wußte es jedoch nicht genau. Als nun der alte Kirk

starb, -- ’s mag in dem Jahre gewesen sein, als unsre dem französischen

Schustersohn bei Waterloo ’s Fell gerbten -- da verschrieb er seinem

Zweiten den Hof, machte aber die Bedingung: Sollte der Älteste wieder

kommen, dann gehört der Hof ihm, und du bekommst in dem Falle 200

Taler. Das wurde geschrieben und besiegelt. -- Ja und der Älteste

kam wieder, zwei Jahre fast nach dem russischen Feldzuge. Er war in

Gefangenschaft gefallen, krank und elend geworden und hatte den ganzen

Weg von Rußland bis nach Alfeld zu Fuß gemacht. Als nun der junge Kirk,

der sich unterdessen schon ’ne Frau genommen hatte, die Botschaft

kriegte, daß sein Bruder noch unter den Lebenden und sogar schon auf

dem Wege nach Imsen sei, packte ihn der Satan und machte in seinem

Busen ’n Schwefelfeuer an. Kirk beredete sich mit seinem Tagelöhner

Ruhmann und wurde mit ihm eins, daß sie dem Heimkehrenden entgegengehen

und ihn schon unterwegs willkommen heißen wollten. Und sie nahmen

Rübenhacke und Grabschute und gingen, als es so gegen Abend kam, hinter

den Höfen herum ins Feld. An dem Wege, der von Alfeld herführte, stand

ein dicker Hagedornbusch, da setzten sie sich hin und lauerten, ob

er wohl käme. Es dauerte auch nicht lange -- der Düwel lauert selten

vergebens -- da kam der ältere Kirk an, in abgerissenem, kunterbuntem

Zeuge, angegriffen und wund, aber voll großer Freude, daß er nach all

der langen und unsäglichen Trübsal nun die liebe Heimat wieder vor sich

hatte. Und als er gar die beiden Männer am Busche sitzen sah, schwenkte

er die Mütze und konnte sich in seiner Freude nicht lassen. Da ging der

Tagelöhner Ruhmann hin und schlug ihn mit der Hacke.“ ...

„So ’n falscher Hund, so ’ne Kanaille!“ rief Steffen und sprang mit

geballter Faust auf, während Marten ruhig sitzen blieb und, ohne eine

Miene zu verziehen, auf den weiteren Verlauf der Erzählung wartete.

Der Alte atmete tief und setzte wieder ein: „Ja und schlug’n mit der

Hacke. Das war der Willkomm. Der arme Kriegsmann, der weiß Gott in wie

viel Schlachten tapfer zugehauen hatte und immer heil davon gekommen

war, dachte jetzt gar nicht daran, sich zu wehren, so ungeheuerlich

mochte ihm dieser Empfang vorgekommen sein. Stand denn da nicht auch

der einzige Bruder, den er hatte? „Brauer, help!“[19] schrie der

Angefallene, und nun sprang der auch hinzu. „Teuf, eck will deck

helpen!“[20] antwortete er und schlug seinen Bruder mit der Grabschute

vor den Kopf, daß er hinfiel und starb.“ ...

„Daß Gott so ’ne Schändlichkeit zugeben konnte!“ rief Steffen.

„Gott saß eben nicht hinter’m Busche,“ erwiderte Marten achselzuckend.

„Gott ist doch überall,“ warf der Ältere aufgeregt ein.

„Aber nicht als Gendarm,“ gab Marten überlegen zurück.

Da nahm der Alte das Wort wieder auf. „Gott war dennoch da. Vor den

Busch stieß ein Kleeacker, der Kirk gehörte. Und der Klee stand

hoch und schön und blühte weiß und rot und konnte jeden Tag gemäht

werden. Da nahmen sie den Toten und scharrten ihn in den Kleeacker.

Gott saß nicht hinterm Busche, aber er stand da, wo man die ganze

Welt übersehen konnte, das Große und das Kleine, den Berg und den

Multhucken[21], den Adler in den Lüften und die Biene im Klee. --

Kirk und Ruhmann dachten daran nicht, sie wußten, es hatte sie keiner

gesehen; und am andern Morgen in aller Herrgottsfrühe zog Kirk mit dem

Pfluge nach dem Busche und pflügte, so rasch die Pferde gehen konnten,

den Kleeacker um. Darüber verwunderten sich alle Leute, die vorüber

kamen und bedauerten den schönen Klee und fragten Kirk, warum er denn

so ’n schönen Klee umpflüge? Da sagte Kirk, er hätte gehört, daß grüner

Klee so kolossal dünge, und darum hätte er’s getan, man müsse doch so

etwas mal erproben. No ja. Die Leute schüttelten die Köpfe und gingen

weiter. An dem gleichen Tage aber kam von dem benachbarten Wispenstein

ein Förster mit seinem Hunde des Wegs, und der Förster wunderte sich

ebenfalls über den umgepflügten Klee, denn die schönen weißen und roten

Köpfe guckten noch frisch und schön unter allen Schollen heraus. Der

Hund aber fing auf einmal mitten auf dem Acker heftig zu scharren an

und guckte zwischendurch so eigentümlich und mit so seltsamem Winseln

nach seinem Herrn, daß dieser ihm nachging und den Hund fragte, was er

denn da hätte. Der Hund winselte und scharrte und scharrte -- -- und

siehe da, ein Menschenarm reckte sich aus der Erde. Der Förster holte

sofort den Bauermeister herbei, und nun dauerte es nicht lange, da war

alles am Tage, und da wußten es bald alle Leute, warum Kirk den schönen

Klee umgepflügt hatte. -- Die beiden Mörder aber wurden auf einer

Kuhhaut nach derselben Stelle geschleift, wo sie den Heimkehrenden

ermordet hatten; sie wurden mit der Henkerskeule langsam totgeschlagen

und dann aufs Rad geflochten. Und der Kirkstein, der an derselben

Stelle errichtet wurde, wo der Bruder den Bruder erschlug, erzählt die

Geschichte allen, die vorüber kommen -- geht einmal hin, Jungens, es

schadet euch nicht, wenn ihr euch den Stein auch mal anhört.“

[Illustration]

Sechstes Kapitel.

Es waren einige Tage vergangen, und es war von den Leuten im Dorfe

und solchen, die zufällig hereinkamen, mancherlei Rat erteilt worden,

wie man dem Kranken die Krankheit nehmen könne. Steffen hatte das

Hemd, das der Vater trug, hinterm Hause in die Erde vergraben, um die

Krankheit zu begraben. Marten hatte einen Nagel in die alte Linde am

Tie geschlagen, um die Krankheit festzunageln; Mutter Drewes hatte dem

Kranken den Saft vom „Dickkoppskrut“[22] eingegeben, um das Fieber zu

beseitigen. -- Es hatte aber alles nichts geholfen.

Die Borstelmannsche kam noch alle Tage, schüttelte über die zunehmende

Geschwulst den Kopf und meinte, es wäre vielleicht der „Anschöt“,

eine Art Rose. Sie ließ ihre Finger erneut über den Kranken gehen und

flüsterte und flüsterte.

Es wollte aber alles nichts helfen, und Vater Oelkers sagte wie schon

einmal, als ihn so ein eigentümlicher Frostschauder überfiel: „Der Tod

läuft über die Stelle, da ich begraben werden soll, und der Tod läuft

nicht umsonst.“

Da kam am Abend ein alter Schäfer aus dem Braunschweigischen, der

in Woldhausen einige Schafe zur Zucht aufkaufen wollte. Es war aber

derselbige Schäfer, der den alten merkwürdigen und geheimnisvollen

Bautespruch kannte, mit dem ums Jahr 1663 Adelheid Neddermeyer aus

Engelstedt bei Salder ihren Vetter Kurt Neddermeyer von einer schweren

Krankheit geheilt hatte, wie man erzählte. Die Wirkung des Spruches

hatte damals so großes Aufsehen gemacht, daß Adelheid der Hexerei

angeschuldigt wurde, ums Haar auch verbrannt worden wäre, wenn ihr die

„Argen und die Zwargen“ nicht geholfen hätten.

Der Braunschweiger Schäfer war bereit, den Spruch an Vater Oelkers zu

versuchen und zog sich sogleich den langen Schäfermantel aus. Es hätte

aber keinen Zweck, wenn der Kranke nicht fest daran glaube, bemerkte er

nachdrücklich, als er sah, daß Oelkers ungläubig den Kopf schüttelte.

„Wenn glauben hilft, so will ich ja gerne glauben,“ beruhigte ihn der

Kranke.

Nun strich der alte Braunschweiger wohl eine Viertelstunde lang mit

flachen Händen über den ganzen Körper des Kranken und sprach dazu den

Spruch, aber, gleich der Borstelmannschen, in so leisem Flüstertone,

daß man nicht verstehen konnte, was er sprach. Indes glaubte Steffen

doch die beiden Worte „Winnemus“ und „Spinnemus“ verstanden zu haben.

Zuletzt machte er drei Kreuze, genau so wie die Borstelmannsche tat.

„Ich glaube, es hilft!“ rief Vater Oelkers nach dieser Baute ganz

lebhaften und hellen Tones und hob den Kopf und reckte die Arme

und streckte die Beine und fühlte in allen Gliedern eine solche

Erleichterung, als ob die Krankheit wirklich im Abziehen sei.

„Wenn du’s nur glaubst,“ erwiderte der Schäfer und nickte

zuversichtlich, „der Segen, den ich spreche, geht über alles, über die

Kraft des Frühlings, über die Macht des Sommers, über den Reichtum

des Herbstes, sofern nur der feste Glaube dazu kommt. Der Heiland

hat gesagt: So ihr Glauben habt, sollt ihr Berge versetzen können.

Selbst der Herrgott vermochte und vermag mit all seiner Macht und

Kraft nichts, wenn der Mensch ihm nicht mit seinem festen Glauben

entgegenkommt. Der Glaube ist alles und ist doch wieder nichts, wenn

nicht das Mittel da ist. Ich will meinen Segen morgen früh, eh’ ich

mich auf die Rückreise mache, noch einmal sprechen. Dann wird es wohl

noch besser helfen.“

Also sprach der Schäfer aus dem Braunschweigischen und erzählte, ehe er

auf den Schafhandel ging, noch von einigen schweren Krankheitsfällen,

aus denen Vater Oelkers neue Hoffnung schöpfen konnte.

Unterdessen war Steffen schon nach Drewes hinübergelaufen und hatte

erzählt, daß der Schäfer aus dem Braunschweigischen da sei, der den

großen Segen der Adelheid Neddermeyer aus Engelstedt könne.

Mutter Drewes namentlich war über die Maßen verwundert, hatte keine

Ruhe mehr auf der Stelle und nötigte ihren Mann, daß er schnell mit

hinüber ging.

Und sie saßen lange mit dem wackern Braunschweiger zusammen, und Mutter

Drewes redete ihm immer dringender zu, daß er ihnen den Segen lassen

möchte, da er doch vielleicht niemals in ihr Dorf zurückkäme.

Der Schäfer sträubte sich erst; da er aber eine gutmütige Seele und

nicht allein auf sich bedacht war, so willigte er zuletzt ein. Er

könne ihn jedoch nur auf eine Frau oder ein Mädchen übertragen.

Freilich, das wußte man, und da in Oelkers Hause kein weibliches Wesen

war, so schlug Mutter Drewes vor, daß er den Spruch ihre Tochter

lehre, die „leichtlernig“ sei und ihn wieder auf Steffen oder Marten

übertragen könne.

Der Schäfer war einverstanden und ging auch sogleich mit hinüber.

Meister Drewes machte ein ordentliches Abendbrot zurecht, um ihn

gut zu bewirten, und bis es fertig auf dem Tische stand, lehrte der

Schäfer das Mädchen in der verschlossenen Stube den Bautespruch. Sophie

war erst ganz verwundert und scheute sich wegen der eigentümlichen

Heimlichkeit, den Spruch zu lernen. Doch als ihr der Schäfer in seiner

gutmütigen Art zuredete und ihr sagte, daß sie einen Vorzug vor vielen

hätte, gab sie sich willig darein. Der Schäfer sah sie feierlich an und

sagte: „Nun höre zu, meine Tochter. Erst sage ich ihn ganz und dann

nehmen wir eine Reihe nach der andern. Und was wir tun, das tun wir

alles im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.“

Dann sagte er diesen Spruch:

„Unsere liebe Frau und Sankt Johannes

Die gingen zu Hauf über einen Barg,

Da mötten[23] ihnen da ein Zwarg und ein Arg,

Ein Arg und Zwarg, ein Zwarg und ein Arg.

Da sprach sich unsre liebe Frauen:

‚Wo wollt ihr hin, ihr Zwargen und ihr Argen?‘

Da sprachen die Zwargen und die Argen:

‚Wir wollen hinziehn zu Henderk Oelkers und

Wollen ihm benehmen sein Gehend und

Stehend, sein Liegend und sein Sitzend, sein

Wachend und sein Schlafend, sein Essend und

Sein Drinkend und all seine Wahrheit. Sein

Fleisch wollen wir essen und sein Blot wollen wir drinken.‘

Da sprach sich unsre liebe Frau:

‚Ich verbiete dir bei dem Wachse und bei dem Flachse,

Bei der Taufe und bei dem heiligen Weihwort,

Daß du Henderk Oelkers Fleisch nicht essest

Und sein Blot nicht drinkest,

Und wesest heimlich und stille

Als unserer lieben Frauen ihr Atem im Munde,

So lange, daß Marie einen lieben Sohn gewonnen.

Das hab’ dir der Wind angeweiset,

Oder Regen angespreiet,

Oder ein gut Wichte angeleiet:

Das tun dir eine Winnemus und eine Spinnemus:

Das heißt der Gott und der heilige Christ,

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.‘“

Nun ging es Reihe für Reihe. Fieke hatte einen hellen Kopf und hielt

die Wortfolge überraschend schnell fest, so daß sie zum Erlernen

des ganzen Spruches nicht mehr Zeit gebrauchte, als die Mutter zum

Anrühren und Backen des Speckpfannkuchen. Sie bewahrte auch bei dem

allen einen großen Ernst; nur als die Worte „Winnemus“ und „Spinnemus“

kamen, mußte sie unwillkürlich lachen.

Da richtete der Schäfer den Finger hoch und sagte: „Das sind die

Geheimnisse, die wir nicht verstehen und nicht zu verstehen brauchen.

Es kommt zuletzt auch nicht, gar nicht auf die Worte an, sondern auf

den Glauben. Der Gesunde muß seinen Glauben auf den Kranken übertragen,

und der Kranke muß die Gesundheit im Glauben hinnehmen.“ Dann stand er

auf und machte drei Kreuze und sagte: „Nun geb ich’s dir, nun bewahre

es und gib es nur an einen Mann weiter, der würdig ist. Geh’ hin, meine

Tochter und tu, wie du gelernt hast.“

Es war ein feierlicher Augenblick, als er so sprach und Fieke ihm mit

etwas zaghafter Stimme ihren Dank sagte.

Am andern Morgen in aller Frühe trat der Schäfer noch einmal an das

Krankenlager und wiederholte die Baute.

Aber es war, als hätte sie ihre Wirkung schon verloren, als der Alte

die Gemarkung des Dorfes verließ. Bereits um die zehnte Morgenstunde

mußte Fieke herüber kommen und die Baute wiederholen. Es kostete sie

eine große Überwindung, denn es ging ihr stark gegen die Natur, und

gern wäre sie dem Rufe ausgewichen. Doch ließ sie deshalb nicht einen

Augenblick länger auf sich warten.

Als sie dann an Vater Oelkers Bette stand, hatte sie einen ganz roten

Kopf, und als sie ihre Hände über den Kranken ausstreckte und den

Spruch dazu flüsterte, zitterte sie trotz ihrer nervigen Festigkeit am

ganzen Leibe.

Vater Oelkers sah sie dankbar an, und als sie zu Ende war, fiel er in

einen erquickenden Schlaf.

Sophie durfte daraus schließen, daß ihre Baute ihm gut getan hatte; sie

freute sich darüber, wünschte aber doch, daß Steffen oder Marten den

Spruch sogleich von ihr lerne. Da Marten sich mit den Pferden im Felde

befand, fragte sie Steffen, ob er es lernen wolle.

„Ja, Fieke, wenn du’s willst, so will ich’s auch,“ erwiderte er. Nun

gingen sie leise hinaus und setzten sich auf die Küchentreppe, Fieke

auf die unterste Stufe, Steffen zwei Bretter höher.

Sein Eifer zu lernen war groß, und nicht minder groß war ihre

Unermüdlichkeit und Geduld, die sie bei dem seltsamen Unterrichte

an den Tag legte. Aber als der Unterricht schon eine volle Stunde

gedauert hatte, wußte Steffen nur erst die beiden Worte „Spinnemus“ und

„Winnemus“ auswendig.

Sophie trat unwillkürlich mit dem Fuße auf und wollte eben von vorn

anfangen, als Marten herein kam, beide mit scharfem Blick ansah, das

Mädchen kühl grüßte und Steffen fragte, ob er Sperlinge gefangen hätte.

Er dächte wohl nicht daran, daß sie bis Martini sechzig Sperlinge an

den Hofherrn zu liefern und noch mehr als die Hälfte zu fangen hätten,

und daß sie für jeden Sperling, der an dem Schock fehle, vier Pfennige

zahlen müßten.

„No, störge[24] man nicht so, Marten, der Vater schläft,“ erwiderte

Steffen unwillig und doch wie erleichtert. Er stand auf, trocknete sich

den Schweiß von der Stirn, denn der Unterricht hatte ihm den Kopf sehr

heiß gemacht, und sagte: „Ich will dreimal lieber Sperlinge fangen,

als so ’n ... so ’n ...“ er verschluckte einiges und endigte: „so ’n

gewitterschen Vers lernen.“

In Sophies Gesicht zuckte etwas Schelmisches und Lustiges, sie zwang

es aber nieder und fragte Marten, indem sie halb an ihm vorbei sah,

ob nicht lieber er den Bautespruch von ihr lernen wolle? Denn Steffen

kriege ihn aller Wahrscheinlichkeit so leicht nicht in den Kopf.

In Martens Gesichte wurde es wieder heller. „Wenn du es gern willst,

Fieke, und nicht schlägst, so will ich sehen, ob ich die Luke an meinem

Dache aufkriegen kann,“ sagte er und setzte sich an die Stelle seines

Bruders, der ihm gern Platz machte und sichtlich froh war, daß er

draußen Sperlinge fangen konnte.

Mit großer Energie hörte Marten nun dem Mädchen zu; mit einer

Leichtigkeit und Sicherheit, als hätte er von ihr aufgereichte

Korngarben auf dem Wagen oder im Scheunenfach zurecht zu legen, prägte

er sich die Worte in ihrer Aufeinanderfolge ein, legte er wie im

Garbenfache eine Reihe zu der andern.

Es dauerte keine Stunde, da konnte er den Bautespruch so glatt und gut

wie seine Lehrmeisterin, deren Ton übrigens zuletzt immer freundlicher

und, man möchte sagen, immer hingebender geworden war.

Als er den Spruch nocheinmal ohne zu stocken „hergesagt“ hatte, wollte

sie ihm auch die eigentliche Anwendungsform zeigen und ihn lehren, wie

er die Hände halten und führen müsse, wenn er die Baute täte. Sie

stand auf, während er mit feurigen Blicken an ihrem Gesichte hing, und

sagte mit ein wenig verhaltener Stimme: „Siehst du, so muß es sein, und

du mußt all deine zwingbare Kraft und Macht durch die Hände auf den

Kranken ausströmen lassen. Mit ganzer Seele mußt du es tun. Siehst du,

so!“ Und sie strich erst mit den flachen Händen über ihn hin; plötzlich

aber strich sie ihm lang und lieb über beide Backen.

„Fieke!“ flüsterte er und wollte nach ihr greifen.

Aber sie war flink wie ein Vogel, hüpfte auf die Küchendiele herab,

klinkte die Hoftür auf, guckte herum, lachte und fragte Steffen, der

mit einem netzartigen Gewebe in den Händen auf dem Strohboden des

kleinen Anbaues hockte und nach Sperlingen auslugte, wie viel er schon

gefangen hätte?

Der Bruderhof · 第 4 / 11 题