Ja, jetzt hörte er’s.
„Ich will es schon weg kriegen, Vater!“ sagte er, ging rasch hinaus und
sah nach dem kleinen dreieckigen Loche oben über den Strohdocken des
Giebels, wo die Eule gern zu sitzen pflegte. Er konnte den dreieckigen
Umriß noch recht gut erkennen, strengte die Augen an und gewahrte auf
einmal einen seltsamen Feuerball, der vom Himmel jählings über den
First hinsauste. Es zuckte und flimmerte ihm vor den Augen, und als
er wieder hinaufsah, wirbelte es wie ein Feuerrad in dem Giebelloche
herum. Ein rieselndes Grausen im Nacken, riß er einen Splitter aus der
Holzfimme, die wie ein breiter Kegel vor der Giebelseite stand, und
warf ihn mit voller Kraft nach dem Eulenloche.
Das Gepolter wurde von einem hellen Mädchenlachen übertönt, und als der
Splitter zu Boden fiel, flogen dem Burschen ein paar rotbäckige Äpfel
um die Füße.
Hätte sie sich nicht durch ihr Lachen verraten, würde er’s doch alsbald
an den Äpfeln gemerkt haben, wer dort über der Despe hinter der
Haselhecke sich verborgen hielt, denn solche Äpfel gab es nur in Drewes
Garten.
Er las sie hurtig auf und lief an das Ufer: „Sollst auch recht bedankt
sein, Fieke, und hättest du mir auch ’n Loch in ’n Kopf geworfen.“
Wieder erscholl das helle Lachen. Dann raschelte es in der Hecke, die
nach der Despe hinabhängenden Weißellern und Erlenbüsche schlugen
auseinander, und ein schlankes Mädchen stand da, mit der Linken die
zusammengepreßten Zipfel der Schürze haltend, die schwer mit Äpfeln
gefüllt war.
„Bei dir ist’s wohl nicht ganz richtig heute abend, daß du euer Haus
mit Splittern wirfst?“ fragte sie in ihrem lachenden Tone.
„Ich wollte das Leichhuhn treffen,“ erklärte er.
Sie zuckte ein wenig zusammen. „I gitte! War denn eins da?“ rief sie in
einem zwischen Angst und Lachen steckenden Tone.
„O gewiß war eins da, ich glaube gar, eins mit hundert Augen!“
versicherte er eifrig.
Sie schüttelte sich; aber ihr Grauen hatte einen komischen Anstrich.
„Ein Leichhuhn mit hundert Augen? Hu, mir graut, ich mache, daß ich ins
Haus komme!“ Die Büsche raschelten.
„Bleib noch ’n Augenblick, Fieke,“ bat er, „dir kann’s doch nichts
anhaben.“
„Wer weiß!“ entgegnete sie und blieb unschlüssig in der Hecke stehen.
Horch, horch! Wieder kam durch die dämmerige Stille der klagende,
seufzende Ruf.
„Es ist gerade wieder wie damals, als unsere Mutter starb,“ sagte
Marten. „Das Leichhuhn hat gemerkt, daß es auch mit unserm Vater nicht
mehr recht gehen will. Aber ich werde jetzt alle Nacht aufbleiben und
es schon fortkriegen.“
Die Büsche schlugen wieder zusammen, das Mädchen stand wieder ganz vorn
am Uferrande und fragte bestürzt: „Steht’s wirklich so arg mit eurem
Vater?“
„Er wird alle Tage hinfälliger,“ sagte Marten traurig.
„Na, er wird sich schon wieder aufrappeln,“ meinte sie, merklich
bemüht, einen beruhigenden und ermunternden Ton zu treffen. „Euer Vater
ist eine zähe Natur, der hat schon viel ausgehalten; ich meine, da kann
die alte Eule noch lange schreien.“
Da schrie sie auch schon wieder. Doch die Rufe kamen jetzt aus den
Obsthöfen drüben überm Bach her, und es fragte sich nur, aus welchem
Hofe und von welchem Baume?
„Vielleicht sitzt sie gar in unserm Rötchenbaume,“ rief Fieke ängstlich
und sah sich mit Schaudern um.
„Warte, da soll sie sich aber verjagen!“ Und er wollte sogleich über
den Bach, als sie warnend den Finger erhob und lachend mahnte: Er hätte
ja nur Holzschuhe an und würde ganz nasse Füße kriegen.
„Besser nasse Füße als nasse Ohren!“ Da hatte er auch schon ein paar
große Steine aufeinander gelegt und sich im Nu hinüber balanciert.
Die Büsche schlugen wieder zusammen, und bald sah man die beiden drüben
unter dem Rötchenbaume, dessen breite Zweige unter der Fülle seiner
rotbäckigen Äpfel tief niederhingen.
Da kam unter den Zwetschenbäumen her, zwischen deren dichtem Gezweige
sich ein freundliches Haus erhob, ein mittelgroßer, kräftiger Mann
mit breiter Brust und einem gesunden, etwas vollbackigen Gesicht, das
von einer tief ausrasierten Bartkrause umrahmt war. Barhäuptig und
in bloßen Hemdärmeln, hatte er die eine Hand gemächlich hinter die
blauleinene Handwerkerschürze gesteckt, während er mit der anderen
die kurze, knorrige Pfeife hielt, der die paffenden Lippen einen
urkräftigen Knasterduft entlockten.
„No, Junge, wie geht’s denn?“ rief er in einem anheimelnd tiefen Tone,
„ist die Leber und alles andere noch frisch und gesund? He, ich denke
doch?“
„Bei mir wohl, Meister Drewes, aber beim Vater nicht!“
„Ach, der läßt sich so leicht nicht unterkriegen, Junge, dein Vater!
Der ist von Stahl, habe ich immer gesagt.“
„Aber, Drewes Vetter, wenn der Multworm[2] dicht am Hause wirft und ’s
Leichhuhn ruft, muß das doch etwas zu bedeuten haben.“
„Du solltest doch mal hinüber gehen, Vater,“ mahnte die Tochter und
berichtete voll Eifers, was sie von Marten gehört hatte.
Da ließ Drewes die beiden stehen und ging mit ordentlicher Hast nach
dem Hause zurück, um durch die Pforte auf die Straße zu gelangen,
die zwischen einer kleinen Gruppe alter Eichen hindurch über die
hölzerne Despebrücke und an der verfallenen Kirchhofsmauer vorbei dem
Oelkersschen Hofe zuführte.
[Illustration]
Zweites Kapitel.
Steffen, Martens älterer Bruder, hatte inzwischen dem Vater das Bett
zurechtgemacht, das in der Wohnstube an der getünchten Innenwand
aufgeschlagen war; er hatte das Stroh hochgelockert und einen mit
selbstgewirktem groben Leinen überzogenen Pfühl darauf gelegt, dann dem
leise ächzenden Vater sorglich hinaufgeholfen. Nun tastete er auf dem
Boden umher, um die hingefallenen Strohspiere aufzulesen.
Da die Mutter nicht mehr lebte und eine Magd nicht gehalten werden
konnte, hatte Steffen sich gewöhnen müssen, das innere Hauswesen zu
besorgen. Er war eine arbeitsame, ruhige und geduldige Natur, die sich
bei aller Schwerfälligkeit doch in jede Arbeit zu schicken wußte und
alle Mühe und Last als etwas durchaus Selbstverständliches auf sich
nahm. Er kochte und wusch, fegte und räumte, melkte und butterte beinah
so geschickt wie die Mutter selbst, der er schon in den letzten Jahren
ihres Lebens in den häuslichen Dingen ein treuer Gehilfe gewesen war.
Er verstand überdies tapfer zu flicken, sogar Schuhe mit neuen Riestern
und Sohlen zu versehen, und da die Einkünfte des Hofes größtenteils
für die Meiergefälle und für „sonstige Prästationen“ aufgewandt werden
mußten, waren diese kleinen Künste nicht gering zu veranschlagen.
Ein eigentümlicher „Krauter“, dieser Steffen! In seiner Gestalt von
gut hainbuchenartigem Gepräge, kurz, steif und steifhaarig, mit
eigentümlich blöde blickenden grauen Augen, hellborstigen Backen
und einer kurzen Sattelnase, machte er gewöhnlich auch in geistiger
Hinsicht den Eindruck etwas zu kurzen Wachstums. Doch war es in
Wirklichkeit gar nicht so kurz, was sich namentlich dann offenbarte,
wenn er einmal „einen Kleinen sitzen hatte“. Und das war gewöhnlich bei
den gesellschaftlichen Gemeindehantierungen der Fall, beim Streuen von
Maulwurfshaufen auf dem Pfingstanger, beim Heckenhauen, Weidenköpfen,
Angerhüten und dergleichen. Dann erwies sich stets, daß er manches
wußte, was andre eben zum ersten Male hörten, daß er z. B. nicht nur
den Wicken-Thies[3] gut kannte, sondern auch in der Bibel genau
Bescheid wußte. Die Leute pflegten daher zu sagen: „Der Steffen ist
’n Kujon und hat mehr Witz in der kleinen Zehe, als mancher Amman in
seinem großen Kopfe.“
Sobald aber der „Kleine“ verraucht war, schien es Steffen ähnlich zu
ergehen wie jener eigenartigen Blume in Drewes Garten, die ihren Kopf
zuschloß, sobald die Sonne hinter den Siebenbergen hinabrutschte. Er
war sich der Unzulänglichkeit seiner Natur auch selbst wohl bewußt,
pflegte sich darum am liebsten ganz abseits zu halten und die äußeren
Angelegenheiten des Hofes von seinem jüngeren Bruder besorgen zu
lassen, der weltsinniger als er geartet war, in seiner Gestalt auch
mehr der schlanken, glatten Rotbuche als der kurzen, struppigen
Hainbuche glich.
Solange der Vater noch rüstig auf den Beinen stand, war es
ausschließlich seine Sorge gewesen, daß der Meierzins rechtzeitig zum
Hofherrn nach Bodenburg kam. Dreißig Jahre lang hatte er ihn selber
hingetragen; im letzten Jahre aber war ihm das Gehen bereits so schwer
gefallen, daß er die Gamaschen wieder abknöpfte und seinen Ältesten
mit dem Gange betraute. Es war ihm fast wie eine bittere Entsagung
vorgekommen; man konnte ihn gar seufzen hören: „Ein Gang, den der
Mensch seit dreißig Jahren ununterbrochen gemacht hat, wird einem
schließlich zur Natur, auch wenn einer auf diesem Gange aller Mühe
Preis von dannen tragen muß.“
Jetzt hatte Vater Oelkers sich darein gefunden und bereits angeordnet,
daß Steffen auch am kommenden Martinstage den Zins nach Bodenburg
tragen solle, um bei der Gelegenheit dann sogleich den Hof für sich zu
meiern.
Steffen hatte eben das aufgeraffte Stroh bei den Füßen des Vaters unter
den Unterpfühl gesteckt und ging mit sachtem, aber dennoch dröhnendem
Schritt nach der Tür, die auf die Küchentreppe hinausführte.
„Junge,“ rief der Alte, „steck erst den Krüsel an und dann setze dich
mal ’n Augenblick daher. Ich habe mit dir was zu reden; denn ich
glaube, ich werde den nächsten Martinstag nicht mehr erleben.“
Steffen ging ohne ein Wort in die Stube zurück, griff nach dem
Ölkrüsel an der Zahnstange, die in der Nähe des Lehmofens vom Balken
herabhing, nahm Zunder, Stahl und Stein vom Wandbrette über dem Ofen
und „pinkte“ so lange, bis der Zunder fing. Den brennenden Krüsel, der
ein bräunliches Dämmerlicht in der Stube verbreitete, hing er wieder
an die Stange; dann rückte er einen Holzschemel an das Bett und setzte
sich darauf.
Die blassen Knochenhände griffen wie in krampfartigem Schmerz in den
buntgestreiften Leinewandüberzug der Decke, und über das tief in den
Kissen liegende hohläugige Gesicht, dessen untere Hälfte von weißen
Haarstoppeln starrte, ging ein schmerzvolles Zerren und Ziehen.
„Es dauert nicht so lange mehr, als unser Heiland Jesus Christus in der
Erde lag -- dann liege ich auf dem Stroh,“ stöhnte der Alte.
Steffen klopfte sorglich über die Decke, um die Federwülste, die
sich hier und da unter den Windungen des Kranken gebildet hatten,
auszugleichen. „Vater, ich will Euch noch ’n ordentlichen Topf voll
Kamillentee kochen, der tut Euch gut für die Nacht,“ sagte er gutmütig,
aber in etwas leierndem Tone.
„Och, Junge, gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen. An mir hilft kein
Kamillentee mehr. Immerhin -- man weiß ja doch nicht, wie lange der
liebe Gott noch mit einem warten will. Da ist denn eine Hilfe weniger,
aber eine große Last mehr im Hause ...“
„Och, Vater!“ beschwichtigte Steffen ihn.
„Doch, Junge. Und darum, wollt’ ich sagen, muß eine junge Frau ins Haus
-- und zwar so bald wie möglich. Du mußt freien, Junge. Das mußt du.“
„Och, Vater!“ wehrte Steffen wieder und wickelte in seiner Verlegenheit
das heraushängende Bettlaken auf. Ein solches Thema hatte er mit ihm
niemals erörtert.
„Haste schon mal mit Nabers Fieke gesprochen?“ fragte der Alte und
stemmte sich auf die Hände.
Da ging Steffen hastig ans Fenster, als ob er den Vater jetzt nicht gut
ansehen könne.
„No?“
Steffen drückte mit den Fingern auf die Erde in dem Rosmarintopfe, der
auf dem schmalen Fensterbrette stand, und guckte auf die grünlichen
kleinen Fensterscheiben.
„Ja, versucht hab’ ich’s wohl schon,“ druckste er endlich heraus,
„aber“ ... Da steckte er wieder fest.
„Aber,“ fuhr der Alte nun mit einem vorüberhuschenden Lächeln fort,
„Frieen hät Meue,
Gift Bedden un Keue.“[4]
Steffen schob die flachen Hände auf den Knieen hin und her. „Ich habe
ja schon mal so um die Brenne[5] geschlagen, aber ich weiß immer nicht
recht, woran ich eigentlich bin,“ sagte er endlich, und ärgerlich fügte
er hinzu: „Sie hat so ’ne verflucht übermütige und so ’ne ... so ’ne
Art, -- sie kann einen ganz albern im Kopfe machen, und -- und -- ich
komme mir auch immer ganz albern bei ihr vor.“
„Hm,“ machte der Vater, und ein Lächeln huschte wieder über seine
schmerzhaften Züge, „dann ist’s aber Zeit, daß du ihr einmal gehörig
zu Leibe gehst. Mädchen, die einen albern machen, sind hernach schwer
zu kriegen. Die Fieke ist nun aber ’mal so ’n rechtes, so ’n festes
Mädchen. Die hat Arme und bringt ordentlich was ins Haus. Das ist ’ne
Art. Käp Nawers Rind, frigge Nawers Kind, sau werste nich bedragen.[6]
Darum mußt du die Brust ’raus drücken und ihr jetzt ’n Mann zeigen, der
stramm in der Hose steht. Verstehste, Junge?“
„Ja, Vater, die Fieke möchte ich auch gar zu gern,“ sagte Steffen und
rieb immer noch die Hände auf den Knieen. „Und der Herr Baron würde
gewiß auch einverstanden sein, daß ich sie nähme.“
„Ha, das meine ich aber auch, Junge!“ bekräftigte der Vater. „Eine
bessere kannste ihm nicht bringen. Was haste dann nicht auch für ’ne
tüchtige Stütze an ihrem Vater, Junge. Wenn er auch man ’n Stellmacher
ist! Wo der hinschlägt, da fliegen goldene Späne, Junge. Drewes kann
dir ’mal gehörig böhren helfen, dann hast du keine Not. Ach, und dann
-- dann könnt ihr ’n Steg machen über die Despe, wie ich’n schon lange
gesehen habe, wenn ich so nachts im Bette lag und nicht schlafen
konnte. Und ihr könnt hinüber und herüber gehn und seid immer auf
eurem Eigenen. Herrgott, da möchte ich mir noch so viel gesundes Leben
wünschen, daß ich auch noch ’mal über den Steg ’rüber gehen könnte,
wär’s auch nur noch ’n einzigen Sommer lang!“ Er hatte sich plötzlich
vom Kissen aufgerichtet, sank aber kraftlos zurück und seufzte: „Ach,
mit mir ist’s aus!“
Steffen rückte die Kissen zurecht und stob dabei zusammen, wie von
einem jähen Schrecken erfaßt. „Vater, wird der Herr Baron mir aber auch
den Hof wieder vermeiern?“
Der Alte machte eine energische Bewegung und rief in aufkochendem
Zorne: „Saß nicht unser Urgroßvater schon auf diesem Hofe? Ist der
Name Oelkers etwa so niedrig angeschrieben? Hat wohl einer von den
Steinberg’schen Meiersleuten seinen Hof besser im Stande gehalten,
pünktlicher seinen Meierzins bezahlt und sauberer das Korn gebracht als
wir? Hat einer dickere Mahlschweine und fettere Mahlschafe, festere
Martensgänse und Rauchhühner geliefert als ich? Herrgott! Hat nur
einer auf der Welt sich mehr geschindet und geplagt, mehr Frost und
Hitze ausgestanden für den Meierherrn als ich? Und bin ich trotz aller
schweren Sorge und Not, trotz aller schlechten Zeiten, trotz Mißwachs
und Hagelschlag mit dem Zins auch nur einmal um einen Tag im Rückstande
geblieben? Oder nur ein einziges Mal um einen Nachlaß kniefällig
geworden? Ho! Der gnädige Herr wird gern froh sein, Junge, hört er,
daß dem alten Oelkers wieder ein junger Oelkers folgen will.“ Völlig
erschöpft ließ der Alte den Kopf ins Kissen zurücksinken, sein Atem
ging schwer und stöhnend.
Da ertönten draußen klappende Tritte.
Steffen hakte den Krüsel von der Stange und leuchtete auf die
Stubentreppe hinaus.
„Ah, Meister Drewes!“
[Illustration]
Drittes Kapitel.
Ein Fähnlein Knasterdampf wehte herein, und nun stand er selbst auch
schon da, der breitbackige Meister Drewes. Er blieb einen Augenblick in
der Tür stehen, sah stutzend auf das Bett und rief, während Steffen den
Krüsel wieder an die Stange hakte: „Naber, ist das dein Ernst oder --
willste dir man bloß mal ’n bißchen ’n kleinen Spaß machen?“
„Och, Andreis, der Multworm[7] am Hause und ’s Leichhuhn unterm Dache
-- -- da muß man wohl dran denken.“
„I, Henderk!“ rief Drewes und zog den Schemel, den Steffen ihm sogleich
hingestellt hatte, ans Bett.
„Es ist gut, Andreisvetter,“ sagte Steffen freudig, „daß Ihr ’rüber
gekommen seid, Vater ist schon ganz trübselig geworden.“
„I, Steffen, konnteste denn nicht schon mal rum gekommen sein und uns
Bescheid gebracht haben?“
Steffen schnippte mit zwei Fingern den Butzkopf vom Krüseldochte, griff
ruhig in das Flämmchen und zog den Docht etwas höher heraus.
„Ich wäre morgen gewiß gekommen,“ antwortete er kleinlaut.
„Na, warum denn nicht schon heute, Junge? Machst dich ja verdammt rar
bei uns.“
„Och, Andreis,“ begann nun der alte Oelkers, „ihm liegt zu viel auf’m
Leibe, er kommt vor aller Arbeit nicht raus. Weißt doch, Naber, wo
keine Frau im Hause ist ...“
„Ich will nur eben mal nach ’n Kühen sehen,“ sagte Steffen hastig und
schob sich rasch zur Tür hinaus.
„Kannste auch ’s Schmöken vertragen?“ fragte Drewes, sich mitten in
einem kräftigen Zuge unterbrechend.
„Der Seele macht’s nichts, Andreis,“ versicherte Oelkers mit einer
beruhigenden Handbewegung.
„Willste denn nicht mal die Borstelmannsche kommen lassen? Das täte ich
doch.“
„Och, Andreis, weißte, der ihre Zimperteggen[8] können mir nicht mehr
helfen.“
„Oder doch ’n Doktor in Hilmesse[9] Bescheid sagen lassen?“
„Och, das sind große Kosten. Drei Stunden hin, drei her, weißte,
Andreis, ich will das alte Gebäude man ruhig einfallen lassen; es
ist doch nur noch ’n Gemökse. Ich nehme mich selbst nicht mal mehr
geschenkt.“
Drewes schüttelte unwillig den Kopf. „He, ich werde dir aber die
Borstelmannsche herschicken. Die hat doch schon so manchem geholfen. ’n
Topf, der ’n Riß hat, kann noch lange gebraucht werden -- natürlich,
wenn ne ordentliche Frau im Hause ist. Was ich darum noch sagen
wollte, Henderk,“ fuhr er fort, indem er mit dem Daumen auf die Asche
im Pfeifenkopfe drückte, „ne Frau müßt ihr wieder ins Haus haben, i
natürlich, das geht doch nicht anders, dann haste auch eher deine
gehörige Aufwartung -- i natürlich.“
„Ja, was sagste denn, Andreis,“ fragte Oelkers gleich gerade heraus,
indem er sich auf beide Ellbogen stemmte und den Kopf mit Anstrengung
erhob, „würdest du uns nicht deine Tochter geben?“
„No, warum denn nicht, Henderk! Aber bringen tue ich sie euch nicht,
wenn Steffen sie nicht holt!“ antwortete Drewes in seiner lauten und
lustigen Weise.
„Na, das ist doch ’n Wort, Andreis,“ rief Oelkers freudig gerührt
und hielt den Kopf mühsam aufrecht. „Ja, schicke mir doch man die
Borstelmannsche nochmal her; jetzt kriege ich doch auf einmal
ordentlich wieder ne Lust zu leben.“
Meister Drewes lachte, daß es durchs Haus dröhnte, schüttete etwas
Asche aus, kehrte die Pfeifendose um, daß der braune Saft herauslaufen
konnte und sagte: „Habe heute ’n Aßschemel und ’n Wenneschemel und zwei
Waugarme abgeliefert und soll in ’n nächsten Tagen sechs Pflugstürzen,
zwei Polterbretter und drei Sichtbäume, sowie ’n Pflugrump und ’n
Salrad fertig haben, und ’n neues Hintergestell und ’n neuer Pflug ist
auch schon wieder bestellt. Geht das so weiter, muß ich mir am Ende
noch ’n Gesellen nehmen.“ Dabei brach er abermals in sein behagliches
Lachen aus.
„Ja, Handwerk hat einen goldenen Boden,“ bemerkte der Kranke.
„He, es läßt sich an.“
„I, tu man nicht so, Andreis!“
„Naber, du weißt, wie ich angefangen habe: klein und kümmerlich genug.“
„Auch ’n Fuder Weizen fängt mit einer Forke voll an,“ erwiderte Oelkers
und lächelte.
Drewes wiegte den Kopf und schmunzelte. „Na, ja, heute habe ich doch ’n
eigenes Nest und auch noch ’n bißchen drum und dran.“
„Ei, Naber, das sage ich auch!“ rief Oelkers lebhaft, worauf Drewes mit
einer ihm wohl anstehenden Selbstgefälligkeit fortfuhr: „Und für ’n
paar Morgen Land langte es wohl auch noch, wenn ich ’n Jungen hätte.
Aber ich habe nur das Racker von Mädchen ...“
„’n Mädchen und ’n bißchen Bares ist immer was Rares,“ bemerkte Oelkers
und schnalzte förmlich mit der Zunge.
Drewes rieb sich die Hände und lachte mit strahlenden Augen.
Oelkers stützte sich wieder auf die Hände und sah den alten Freund
dankbar an.
„Andreis, du treibst mir alle Schmerzen aus ’n Knochen ’raus! Was freue
ich mich, daß uns der liebe Gott so nahe beisammen gebracht hat und
daß wir unser Leben lang so gute Freundschaft miteinander gehalten
haben. Sieh“ -- jetzt wurde seine Stimme etwas kleiner -- „ich habe ja
leider Gottes nichts zurücklegen können. Du weißt, man hatte immer
seine liebe Not mit all den Lasten und Abgaben, und daß man nur seinen
Hofherrn zufrieden stellte.“
Drewes ging hastig durch die Stube. „Düwel auch und Dunnerschlag,
es ist nur ein Glück, daß der Bauer nicht auch den Himmel zu meiern
braucht!“
Der Kranke nickte. „Mit dem Troste habe ich mich in meinem Leben oft
getröstet. Hatten wir schlechte Jahre, war das Korn ausgewachsen und
das letzte Schwein im Stalle krepiert, habe ich wohl manchmal gedacht,
wie schön es doch im Himmel sein müsse, wo man keine Meiergefälle und
keine ‚sonstige Prästationen‘ mehr auf sich zu nehmen braucht. Und
darum, Andreis, freue ich mich nun auch, daß es jetzt so weit mit mir
ist. -- Aber so lange man noch da ist, denkt man doch an die Kinder.
Man wünscht doch, daß sie ’s mal besser hätten.“
In plötzlicher Aufwallung schlug Drewes auf die Bettdecke, daß es
klatschte.
„Henderk, wir wohnen zu tief, zwischen den Bergen, daß wir nicht recht
um uns ’rum sehen können. ’ne halbe Stunde hüben, da sitzen wir mit der
Nase im Woole; ’ne Stunde drüben, rennen wir uns ’n Kopf an ’n Sieben
Brüdern ein. Da drunten gucken wir in die Haide rein und da droben
wohl auch mal, ist ’s klar Wetter, bis zum Blocksberge ’rauf. Aber da
drum herum geht die Welt erst an, und gegen die ist unser Tal nur wie
’n Schöttelkranz unterm Kaffeekessel. Heute morgen, als ich aufstand
und aus der Bodenklappe guckte, stieg ’n großer Rauch überm Woole und
über ’n Sieben Brüdern auf. Da dachte ich mir, das könnte der Rauch
sein, der jetzt in allen Ländern von den Aschenhaufen der Herrenrechte
aufsteigt, unter denen der Bauersmann seit so vielen Jahrhunderten zu
kratzen und zu keuchen gehabt hat. Das ist ’n Rauch, der keine Augen
beizt, das ist ’n Rauch, der die Dörfer hell und lustig macht, der die
neue Zeit bringt, die schon Wicken-Thies prophezeit hat, in der die
Bauern auch mal ’n Wort sagen dürfen und wenn sie wollen, auch mal
Kutschen fahren können. Hei, Naber, so ’n schöner Rauch muß auch hier
auf’m wüsten Hofe bald aufsteigen. Düwel noch mal! Haben wir nicht
endlich ’n aparten König für uns gekriegt? Haben wir nicht das neue
Gesetz, daß alles abgelöst werden kann? Donner, Naber, denkste denn
nicht daran?“
„Och, Andreis,“ seufzte Oelkers, „das Gesetz, ja das ist wohl da. Aber
-- das Geld, Andreis, das Geld, das ist man nicht da. Das ist ’n Fisch
für den, der ’n Regenwurm hat, Andreis.“
Drewes machte eine Handbewegung, als wollte er sagen: dieser bin ich.
Er ging noch einmal durch die Stube, setzte sich wieder an das Bett und
sagte mit einem Tone verhaltener Freude:
„Weißte, Henderk, mir kommt ’n Bauernhof unter dem alten Herrenjoch
immer so vor wie ’n häßlicher alter Frosch, der erst tapfer gebissen
werden muß, um in den wunderschönen Prinzen zurückverwandelt zu werden,
der er einstmals war. Du kennst doch das Märeken von dem Mullkönige?
Der kroch aus dem Waldeslaube wie ein großer Frosch und hatte auf dem
Kopfe einen blutroten Kamm, der wie eine Krone aussah, und er sagte
zu der schönen Kaufmannstochter, die so arm geworden war, daß sie im
Holz Erdbeeren zum Verkauf pflücken mußte: ‚Ich will dich reich und
glücklich machen, ich will dir ein ganzes Königreich zu eigen geben,
wenn du mir den Kopf abbeißt.‘ Aber das Mädchen ekelte sich davor und
lief weg, so schnell es nur laufen konnte. Aber die große Not trieb
sie, daß sie dann doch wieder ins Holz ging und rief:
Mull, Mull, Mull,
Mien Harte is vull!
Da raschelte auch der Mullkönig wieder aus dem Laube, und sie packte
das häßliche, abscheuliche Tier herzhaft an, drückte die Augen fest zu
und biß ihm den Kopf ratsch ab. Da stand auf einmal ein wunderschöner
Jüngling in prachtvollen Kleidern vor ihr und hielt ihr eine funkelnde
Goldkrone hin und sagte:
De Kopp was miene,
De Krone is diene.
Und da tönten die Posaunen, und es kamen lange Züge von Rittern und
Damen an, und es kam das ganze Volk und rief: ‚Vivat hoch! Es lebe
unser König und seine Königin!‘
„Siehste, Henderk, und das bare Geld, das ich meinem Mädel mal mitgeben
kann, soll dem häßlichen alten Mullkönige den Kopf abbeißen, daß er
wieder ein wirklicher König werden und auch wieder eine wirkliche
Königin haben kann -- und wenn’s etwa noch nicht reicht,“ -- er
reckte die Arme, daß sie knackten -- „Dunnerschlag, dann wird noch
was gehobelt und gebohrt! Ha, ich freue mich auf den Augenblick, da
Steffen vor euern Herrn hintreten kann und kann sagen: Hier ist das
Geld für die Ablösung, und nun adjüs! Wir sind geschiedene Leute und
kopulieren lassen wir uns niemals wieder! Ich bin kein Bauer, aber ’n
Bauerskind und freue mich für meinen Vater, der in der Erde liegt, daß
nun allerwärts ein rechter Frühling werden kann für den Bauernstand.
Aber ich freue mich auch für mein Kind. Gebe ich deinem Jungen meine
einzige Tochter, -- he nun, so will ich natürlich auch, daß sie frei
vom Joch auf dem Hofe soll schalten und walten können, daß sie die
Schweine und Rinder, die Gänse und Hühner nicht aufziehen muß, bloß
damit sich der Meierherr das beste dazwischen ’raus suchen kann.“
Der Kranke stieß einen schluchzenden Laut aus. „Gott im Himmel soll
dir’s lohnen, Naber. Ha, das ist ein Zauberwort für’n verwünschten
Bauersmann! Aber ich komme mir vor wie Moses auf dem großen Berge: Ich
sehe das gelobte Land von ferne, doch hinein komme ich nicht mehr.“
Drewes warf den Kopf zurück. „He, warum denn nicht? Ich werde dich
schon reinbringen, Henderk. Und der liebe Gott wird schon nichts
dagegen haben. Moses war ’n alter jüdischer Racker und hatte
gesündigt, aber was hast denn du Böses getan, Henderk, daß du nicht
hineinkommen solltest? Doch nun laß uns mal weiter reden,“ sagte
Meister Drewes mit Bedacht und stülpte den Pfeifenkopf um, „wie denkste
denn aber deinen Zweiten abzufinden?“
„Och Gott, ich denke, der bleibt auf’m Hofe und verdient, was er
braucht.“
„Na ja, aber wie ich deinen Marten kenne, wird er sich auf die Dauer
mal nicht damit begnügen, seines Bruders Bruder zu sein; er wird
sagen: Bruders Bruder heißt Bruders Knecht und wird nach etwas anderem
trachten. Ihm steckt etwas im Kopf, der geht mal nach Hilmesse oder
Hannover, wird Kutscher oder so was. Sollst sehen, der bringt’s mal
weiter.“
„Den Kopf hat er ja dazu, der Junge. No, und will er dann mal durchaus
hinaus in die Welt, no, so soll ihm der Älteste achtzig Taler raus
geben, habe ich gedacht.“
Drewes fand das „recht und billig“, nickte und schloß: „So hätten wir
nun das Wichtigste besprochen, und denn laß Steffen morgen man gleich
’rüberkommen.“
Da strich ein scharfer Windhauch in die Stube, und ihm nach kam
Steffen, in der einen Hand einen schwarzrindigen Knust Brot, in der
andern den „Kraus“, einen irdenen Deckelkrug, die Tür mit Ellbogen und
Knie aufstoßend. Auf seinem Gesichte lag ein freudiger Glanz, in den
derben Zügen zitterte eine leise Erregung. Er legte das Brot auf den
Tisch, reichte Meister Drewes den Krug und sagte, indem er die Hand
übers Knie wischte: „Gesundheit, Meister Drewes!“
Der Meister dankte, nahm den Krug und setzte ihn ohne weiteres an.
„Hoffentlich schmeckt’s Euch noch, denn es ist schon ’n bißchen lange
her, daß wir gebraut haben,“ sagte Steffen und strich sich die fahlen
Haare, die etwas straff über die knorrige Stirn niederhingen, mehrmals
vergeblich zurück.
„’s ist das erste und einzige, was wir nach Mutters Tode gebraut
haben,“ fügte der alte Oelkers wehmütig hinzu.
„Ja, die Mutter verstand sich besser darauf,“ beteuerte Steffen.
Drewes setzte den Krug mit einem tiefen Atemzuge auf den Tisch, fuhr
sich mit der breiten Hand über die schmatzenden Lippen und beteuerte:
„Laßt gewähren, Kinder, das ist’n ganz guter Trunk. Meine beiden
Frauensleute brauen ihn auch nicht besser. -- Besuchst du uns morgen,
Steffen, soll dir meine Fieke auch ’n Kraus bringen. So, Junge, und nun
leuchte mir ’raus!“
Steffen nahm den schwelenden Krüsel von der Stange und ging voran. Von
der Schwelle der Stubentür ging eine schmale schwärzliche Holztreppe
an einem großen Rauchfange vorbei auf einen rußgeschwärzten Raum, der
Diele und Küche zugleich war. Die nächste und größere Tür linker Hand
führte auf den Hof; eine Tür in der Innenwand nach dem Pferdestalle,
auf dessen Nähe schon der eigentümliche Geruch deutete.
Es war sternenklare Nacht geworden; der Bach plätscherte, und eine
Fledermaus schwirrte durch die Luft. Von der Kirchhofsmauer fiel ein
Stein auf den Weg. Drewes dachte unwillkürlich an den Stein, der schon
seit langen Jahren aus der Mauer der Godehardikirche zu Hildesheim
hängt. Wie erzählt wurde, sollte Pappenheim ihn mit einer Kugel
getroffen haben. Würde er einmal ganz aus der Mauer fallen, so müsse
die Kirche an die Lutheraner kommen.
„Hoffentlich fällt er bald,“ sagte Drewes und sah nach dem kleinen
Zwiebelturme, in dem sich’s regte, als schlüge der Hahn auf dem
blinkenden Knaufe die Flügel zusammen.
„Das ist doch merkwürdig,“ murmelte er mit einem beinahe scheuen Blick
über den Kirchhof und ging rasch vorüber.
An seinem Hofe angekommen, bemerkte er zu seiner Verwunderung, daß
Marten und Sophie immer noch mit einander unter dem Rötchenbaume
standen und Sophie immer noch die gefüllte Schürze vor sich hielt.
„I na,“ rief er hinüber, „sitzt denn die Eule immer noch im
Rötchenbaume? Ich denke, Fieke, du kannst nun ’rein gehen. Es ist Zeit,
daß die Mäuse aufstehen.“
„Sie hat sich da in irgend einen Baum verkrochen, Drewes Vetter!“ rief
Marten hastig; er wolle aber die Nacht aufpassen.
„Ich glaube eher, sie sitzt im Kirchturm,“ meinte der Alte darauf und
deutete an, was er im Vorbeigehen bemerkt hatte. „Laßt sie sitzen, wo
sie sitzt, Kinder,“ schloß er, „ob im Rötchenbaume oder im Kirchturm,
-- der liebe Gott sitzt immer noch über ihr.“
Sophie schauderte und lief schnell ins Haus, während Martin sich nach
den Büschen an der Despe zurückzog.
Als Drewes die Haustür zugeriegelt hatte, hörte er, wie Sophie in der
Küchenkammer die Äpfel ausschüttete.
„Die Äpfel hättest du längst ’reingebracht haben können,“ sagte er
etwas unwillig.
„Es ist ja schon die fünfte Schürze voll,“ versicherte sie eifrig.
„Sieh doch nur her, Vater!“
Sie steckte einen Krüsel an, und der Vater sah nun das Apfellager in
der Küchenkammer fast gefüllt.
„Na ja, aber des Nachts braucht man doch gerade keine Äpfel zu
pflücken,“ meinte er und rollte, während der baumfrische Duft durch die
Kammer ging, die Äpfel behutsam auseinander. „So ’ne Eile hätt’s doch
gar nicht mit unsern Rötchen,“ brummte er noch.
„Na, Vater, der Baum ist doch hoch, und weil Marten auf das Leichhuhn
passen wollte und Langeweile hatte, konnte er mir doch gern ’n
bißchen pflücken helfen. Ist doch auch nichts dabei!“ Und sie lachte
dazwischen, daß es hell durchs Haus hinklang.
Er nahm ihr den Krüsel aus der Hand und leuchtete ihr ganz nahe ins
Gesicht. Die schwelende Flamme zog von dem weichen runden Kinn über
zwei volle rote Wangen und ein etwas aufgeworfenes keckes Näschen empor
zu zwei übermütig aufgerissenen blauen Augen, in denen das verhaltene
Lachen stand und die Lust am Apfelpflücken noch nachstrahlte.
Er hob den Finger: „Morgen Abend soll dir Steffen beim Apfelpflücken
helfen.“
„O, Vater!“ lachte sie und „gute Nacht, Vater!“ rief sie und sprang am
Herd vorbei nach der Stube, aus der die Mutter gerufen hatte.
[Illustration]
Viertes Kapitel.
Am andern Tage spannte Marten die beiden braunen Gäule an, um eine
Fuhre Klafterholz über den „roten Berg“ nach Hildesheim zu bringen.
Es fielen auf die Hofstelle drei Klafter Spalt- und Knüppelholz und
zwei Schock Wellen. Man behalf sich aber zumeist mit Raffholz. Das
Klafterholz wurde erspart und in Hildesheim gegen ein gutes Stück
Bargeld verkauft, das teils zur Erlangung notwendigster Bedarfsartikel,
größtenteils aber zur Bestreitung des Meierzinses diente.
Steffen war also allein auf dem Hofe und hatte alle Hände voll zu
tun. Er mußte die Kühe besorgen, für die Schweine kochen, mühselig
Futter schneiden, Wasser aus dem Bache heraufholen, eine Lage allein
dreschen, Saatkorn sichten, dazwischen dem Vater aufwarten und so fort
ohne Ende. Das wäre ihm alles nicht so glatt von der Hand gegangen,
wie er sich selbst versicherte, wäre in dem schwarzen Küchenschranke
nicht ein Tröster zu finden gewesen, der ihn immer wieder munter und
schließlich sogar ganz witzig machte, so daß selbst die Schweine zu
lachen schienen, wenn sie ihn sahen und hörten.
Als es gegen die Vesperzeit kam, mahnte Vater Oelkers: „Jetzt mach’ und
geh ’rüber, daß wir ins klare kommen!“
Steffen wischte sich mit dem Kittel über das schwitzende Gesicht und
guckte durchs Fenster nach dem Drewesschen Hofe, bis der Alte abermals
zu mahnen begann.
„Ja, Vater, denn will ich man gleich gehen,“ sagte er und wollte sich,
so wie er war, auf den Weg machen.
Der Alte kämpfte einen Krampfanfall nieder, schüttelte den Kopf und
keuchte: „Mach dich aber erst ’n bißchen zurecht, Junge! Zieh mein
rotes Brusttuch mit dem grünen Besatz und mein sammetmanchesternes
Kaput an; beides paßt dir gut, und ich brauche weder das eine noch
das andere mehr. Für so ’n Gang, wie du ’n vorhast, Junge, darf einem
nichts zu gut sein.“
„Ja, Vater!“ Steffen stieg eilends auf die „Böhne“ und tat, wie der
Alte gesagt hatte. Und als er erst in Eifer geraten war, tat er noch
ein Übriges, ging an den Bach und wusch sich Hände und Gesicht, so daß
auf seinen Backen ein ganz roter Glanz wurde, was aber zu einem guten
Teile auch von seiner außergewöhnlichen Erregung kommen mochte.
Als er an der Kirchhofsmauer vorüberging, wunderten sich die Leute, die
ihm hier begegneten, nicht wenig über sein schmuckes Aussehen.
Meister Drewes war gerade an der „Wipprauge“[10] beschäftigt, als
Steffen vor der Haustür erschien. Die Wipprauge, ein biegsamer Baum,
war unter dem Küchenbalken befestigt, ging hoch über den Querbalken
der Türe zwischen Küche und Diele auf die Diele hinaus und setzte hier
eine Drehbank, mit der ihr Ende durch einen Strick verbunden war, in
Betrieb, d. h. wenn des Meisters starker Fuß es wollte.
Als Drewes den glühenden, strahlenden Freiersmann gewahrte, setzte
er sofort den Fuß vom Tretbrette ab, stellte die Radnabe, an der er
gearbeitet hatte, an die Wand, wischte sich die Späne von der blauen
Schürze, begrüßte den Besuch mit einem kräftigen Händedrucke und führte
ihn über den rauchenden Küchenvorraum in die Stube. Wie Diele und
Küche, so war auch noch die halbe Stube zur Werkstatt eingerichtet.
Unter den beiden kleinen Schiebefenstern der Längswand stand die
Hobelbank. Zwischen den Fenstern und einer Holzleiste, die quer
unter den Fensterbrettern hinlief, hingen Bohrer, Feilen, Meißel,
Stemmeisen und was dergleichen mehr war. An der Giebelwand stand die
„Tögebank“[11]; ein Tögemesser lag darauf; Sägen in allen Größen hingen
an der Wand; in der Ecke richteten blanke Holzenden, und daß auf der
Hobelbank an diesem Tage fleißig gearbeitet war, bezeugten die krausen,
frischen, duftigen Hobelspäne, die den Boden bedeckten.
Um so sorgfältiger war die andere Hälfte der Stube gehalten, zu der
die trauliche Ofenecke, die Kammerwand und die halbe Giebelwand mit
dem einen Fenster gehörte. Vor dem Fenster mit den blitzblanken
„Ruten“ standen Blumentöpfe, soviel ihrer nur Platz hatten: Myrten,
Fuchsien, Rosmarin und Balsaminen. Blumentöpfe standen auch, in seltsam
eigenartiger und künstlerischer Weise gemalt, an den Türen der beiden
kleinen Schränke, die nebeneinander in der Innenwand lagen. Es waren
tulpenartige Gewächse, die aus den Töpfen in zierlichen Windungen
und Verschlingungen herauswuchsen. Auch die Kammertür hatte einen
Füllungsrahmen von anmutigem Blumengerank. Der Boden, mit Dielen
belegt, war weiß gescheuert und mit frischem Sand bestreut; nicht das
kleinste Holzspänchen hatte sich dazwischen gewagt, und als Steffen
mit seinen schürfenden Schuhen etliche der krausen Dinger bis nahe
an den Tisch schob, bückte sich der Meister hurtig danach und warf
sie zurück in sein Reich. „Wenn das Fieke sähe,“ bemerkte er leise
mit aufgezogenen Brauen und drolligem Mienenspiel, „gäb’s ein großes
Unwetter -- nicht wahr, Mutter?“
Die Meisterin, die mit etwas schiefer Schulter am Spinnrade saß und
Wolle spann, nickte ihnen lachend zu, legte den braunen Wollstrang, den
sie unterm Arm hielt, über das Rad, begrüßte Steffen herzlich, aber
doch mit einer gewissen Zurückhaltung und fragte nach dem Zustande des
Vaters.
„Hat ’n die Borstelmannsche gebötet?“[12] fiel Drewes schnell ein.
Steffen zuckte die Achseln. „Die Borstelmannsche ist freilich
dagewesen, hat auch ihre Baute getan; aber geholfen hat’s nicht. Vater
sagt selber, da hülfen keine Zimperteggen[13] mehr. Er wäre ein mürber
Apfel, der nur noch halb am Stengel hinge und beim ersten Windstoße ins
Gras fiele.“
Mutter Drewes, die in ihrem weiten Flausrock drall und rundlich aussah,
legte bedauernd die Hände zusammen, während der Meister nachdenklich
durchs Zimmer schritt. „Will’s Gott, Junge, so ist’s wohl nicht so
schlimm,“ sagte die Frau und wischte sich mit der Schürze über die
feuchtgewordenen Augen. „Wenn nur mal der alte Braunschweiger Schäfer
wieder käme, der den wunderbaren Bötesegen kann, der schon so vielen
geholfen haben soll,“ sagte sie und sah Drewes an, der an einer
Pflugzunge hobelte. Er legte den Hobel hin und meinte, von dem hätte
man schon so lange nichts mehr gehört, der würde wohl tot sein und den
Bötesegen mit in die Erde genommen haben.
Frau Drewes riet noch dies und jenes und mahnte: „Seid nur recht um ihn
herum und backt ihm öfters ’n Spiegelei, daß er nicht gleich zu sehr
von Kräften kommt.“
„Mutter, unsere Fieke soll ihm mal was ordentliches zurecht machen,“
sagte Drewes, klinkte die Tür auf und rief nach der Küche hin: „Fieke!
Fieke!“
„Wo brennt’s denn, Vater?“
„In der Kehle, dummes Ding! Steffen ist da. Mach geschwind und bring ’n
Kraus Trinken rein!“
„Ho, hopsa, ja, gleich, gleich!“ erscholl’s von der Küche her.
Der Alte rieb sich die Hände und sagte: „Nun sollste mal sagen, wie dir
unser Gebrautes schmeckt, Junge!“
Steffen hatte am Tische Platz genommen, die Meisterin wieder zu spinnen
begonnen, während der Meister, wie er gern zu tun pflegte, sich auf die
„Tögebank“ setzte.
„Der Kraus der kommt!“ ertönte es jetzt ganz nahe hinter der Tür.
„Was bringt er?“ rief Drewes, mit Lächeln den alten Spielspruch
aufnehmend.
„’ne witten und ’ne greunen,
eck will jöck drei Junggesellen neumen.“[14]
antwortete Sophie lustig hinter der Tür.
„Ach, dumme Deer, was willste mit einem Weißen und einem Grünen?“
lachte Drewes, „nimm du dir einen Fahlen und laß die Schreiber und die
Jäger zum Teufel laufen.“
Nun ging die Tür auf, und Sophie trat mit dem Kruge herein. Er war von
kunstfertiger Töpferhand mit verschlungenem Blumengerank geziert, über
das ein leichter Schaum herabfloß.
„Gesundheit, Steffen!“ sagte sie und reichte ihm den Krug, worauf sie
sich die Schürze und der schwarzen Katze, die alsbald die hellen Kanten
ihres gewirkten Rockes umschmeichelte, den Rücken glatt strich.
Steffen hielt den Krug einen Augenblick ziemlich unbeholfen in der
Hand; dann sagte er mit verlegenem Lächeln: „Du mußt mir aber doch
zutrinken, Fieke.“ ...
„Ah, es ist kein Gift drin, Steffen!“ entgegnete sie und kniff die
Katze in den Schwanz, daß sie laut miauend nach dem Ofen lief.
„Nicht wahr, Drewes Vetter?“ wandte sich Steffen gleichzeitig mit
mühevoller Spaßhaftigkeit an den Alten.
„Natürlich muß sie das, aber natürlich!“ nickte der Alte gewichtig, und
die Mutter stimmte ebenfalls zu.
Das Mädchen drehte sich ein paarmal auf dem Absatz herum, daß die
weißen Kanten ihres Rockes wie schnurrende Reife um sie flogen, und
da der Bursch immer noch auf seinem Verlangen bestand, sagte sie mit
einer komisch-ernsten Miene: „Aber Kinder, solche Umständlichkeit!“
nahm den Krug zurück und hob ihn mit beiden Händen empor an ihre roten
schelmisch zuckenden Lippen.
Steffens Augen hingen an ihrer Gestalt. Er sah, als sie den Krug an
der Lippe hielt, wie sich die volle Brust in der leichten Kattunjacke
spannte und formte, wie das gesunde rote Blut durch die frischen,
runden Wangen schoß, -- und als er den Krug zurück erhielt und
dabei von ihrer weichen, warmen Hand berührt wurde, überlief es ihn
siedendheiß, und als er gar ihre lachenden Augen auf seinem Gesicht
fühlte, wurde er ganz verwirrt, seine kräftigen Backen glühten auf
einmal wie Eisen im Schmiedefeuer. Der Krug bebte in seiner Hand; es
schien, als schämte er sich zu trinken.
„Na, Junge, nun mußte aber auch trinken,“ mahnte Drewes.
„Ja, ja!“ rief Steffen, schier zusammenzuckend und setzte an,
verschluckte sich aber gleich beim ersten Zuge und mußte mit einem
fürchterlichen Husten kämpfen, also daß ihm beide Augen überliefen.
„Oh, oh, Steffen!“ rief das Mädchen mit komischem Bedauern, „ist dir
was in die Sonntagsstraße gekommen?“
„Ja, ja!“ stöhnte er, mit aller Kraft bemüht, den lächerlichen
Hustenausbruch niederzuwürgen.
Die Katze strich sich mit der Pfote über die Nase und prustete. Da
drohte ihr die Mutter und sagte: „Na, Kättchen, willste uns das Wetter
verderben?“
Aus der Kirchstraße ertönte in diesem Augenblick ein starkes
Wagengepolter. Meister Drewes trat ans Fenster, lachte und rief: „Der
Marten fährt doch immer drauf los wie ein heiliges Ungewitter, als
hätte er zwei Baronsfüchse vorm Wagen.“
Steffen wollte antworten, mußte aber immer noch husten.
Sophie stand ungeachtet der bannenden Miene des Vaters schon wieder
an der Tür, um ihren häuslichen Obliegenheiten nachzugehen, und als
Steffen sich endlich die Augen blank gewischt hatte, sah er das
Mädchen nicht mehr. Ganz erbärmlich wurde ihm zu Mute; ja, es däuchte
ihn, als wäre die Stube plötzlich ganz dunkel geworden. Er versuchte
noch einmal, vorsichtig zu trinken, lobte darauf das Gebräu über die
Maßen, legte dann beide Hände ausgestreckt auf die Knie, schielte alle
Augenblicke nach der Tür und wurde, trotzdem Meister Drewes immer für
neuen Gesprächsstoff sorgte, allmählich still und nachdenklich.
Der Alte warf der spinnenden Frau einen lächelnden Blick zu, stand auf
und sagte: „Wie ist’s, Junge, willste dir nicht mal unsern Viehstand
ansehen?“
„Ja, wenn’s Euch recht ist, Drewes Vetter!“ Da stand er auch schon bei
der Tür.
Drewes meinte, er sähe nach der Inschrift, die das obere, von
tulpenartigen Blumen umrahmte Fach der Tür enthielt, und sagte:
„Die Schrift rührt noch von meines Vaters Bruder her, der dies Haus
gebaut hat. Er hatte auch die Stellmacherei erlernt, konnte aber
eigentlich ebenso gut zimmern und mauern und vielleicht noch besser
malen. Die Tulpen, die du an der Tür siehst, hat er alle mit eigener
Hand gemacht.“ Drewes legte den Zeigefinger auf die Inschrift und las
laut: „Heinrich Friedrich Jürgen Drewes und Anna Katharina Dorothea
Ossenkopp. Anno 1782.“
„Und die Inschrift hat er auch selber gemacht,“ fügte der Meister
hinzu.
„Muß der aber ’n Kopf gehabt haben!“ bewunderte Steffen.
„Ja--a!“ machte Drewes in einem bedeutsamen Tone. „Das hat unser
ehemaliger Vizekönig auch gesagt, als der mal im Woole auf der Jagd
war.“ Hierauf schritt er voran nach der Küche, wo Sophie, beide Arme
hochaufgekrämpelt, tief über einen schweren Eicheneimer gebückt stand,
dessen Inhalt sie mit den Händen eifrig umrührte.
„Na, so fleißig, Fieke?“ fragte Steffen.
„Ein klein wenig,“ antwortete sie, und als sie sich erhob, waren die
roten Arme rund herum mit Kleienhülsen und Milchtröpflein besprenkelt,
während das hübsche Gesicht vom Eifer der Arbeit ganz feurig geworden
war.
Sie nahm aus dem in der Herdecke stehenden Sacke noch eine Göpsche[15]
voll Kleie, schüttete sie in den Eimer und bückte sich wieder, indem
sie wie vorhin hantierte.
„Eiweih, ’n schönes Schweinefutter!“ lobte Steffen und schnalzte
verständnisinnig mit der Zunge.
„Na, es geht an,“ meinte Drewes behäbig.
„Willste ’n bißchen?“ lachte Sophie und hielt ihm geschwind eine Hand
voll des weißbraunen Gemisches dicht vor den Mund, strich ihm dann ein
weniges an die Nase und hüpfte mit dem Eimer blitzschnell zur Hintertür
hinaus.
„Fieke!“ mahnte Drewes, „kannste dich wieder nicht bergen!“
Steffen aber strahlte vor Freude und meinte, indem er sich mit dem
Jackenärmel die Nase abwischte: „Da sollte man wahrhaftig Appetit auf
kriegen.“
Drewes lachte breit auf und strich sich wohlgefällig übers Kinn.
Sie folgten dem Mädchen über die Diele nach dem kleinen Anbau, wo es
grunzte und quiekte, sahen bewundernd zu, wie die saubern Borstentiere
über das leckere Mahl herfielen und sich mit behaglichem Grunzen ganz
lang streckten, als Sophie ihnen ein wenig den Rücken kraulte und ihnen
dabei freundlich zusprach.
Da -- wie ein Donner aus heiterem Himmel -- tönte drüben von der Despe
her Martens scharfe Stimme: „Schwerenot, Steffen, wo steckste denn so
lange? Der Vater liegt im Bette und kann sich nicht helfen, und du
gehst aus, als wenn’s Sonntag Nachmittag wäre!“
„I na, Marten!“ rief Drewes verwundert, während Sophie hastig ins Haus
ging.
Über Steffens Gesicht zogen tiefe Schatten. „Was ist denn dir
eingefallen? Was schreiste denn?“ rief er voll Verlegenheit und Zorn.
Marten antwortete nicht mehr, und Drewes ging mit Steffen nach der
Küche zurück.
Sophie stand am Herde und blies ins Feuer.
„Ich hätte gern gesehen,“ ließ der Alte sich im Eintreten vernehmen,
„daß du unsrer Tochter ’n bißchen beim Apfelabkriegen geholfen hättest,
Junge! Du weißt, unsereiner kann so hoch nicht mehr steigen, und die
Rötchen müssen sorgfältig gepflückt werden.“
„Aber Vater,“ fiel das Mädchen hastig ein, „das hat ja noch gar so ’ne
Eile nicht. Und übrigens ist mir der Baum auch gar nicht zu hoch!“
„So!“ machte Drewes und warf ihr einen verweisenden Blick zu, während
Steffen voll Eifers rief: „O, so ’n kleinen Gefallen tu ich euch
herzlich gern! Muß nur geschwind mal nach Hause laufen und sehen, was
der Gröhlhans will, dann bin ich gleich wieder da.“
Drewes trug dem Forthastenden noch einen Gruß für den Vater auf und
wandte sich wieder zu seiner Tochter, die jetzt ganz übermäßig laut in
der Küche herumwirtschaftete. „Du, Fieke,“ begann er in vorwurfsvollem
Tone, „gestern ist dir aber der Apfelbaum noch zu hoch gewesen?“
Da sie nicht zu hören schien, zupfte er sie am kurzen Ärmel: „Hör’,
Fieke, wenn Steffen zurückkommt, sei aber ’n bißchen anders gegen ihn,
hörste?“
Sie kehrte sich beharrlich ab, brach plötzlich in ein helles Lachen aus
und kehrte nun das lachende Gesicht dem Vater wieder zu. „Ja, Vater,
wie soll ich denn nur anders gegen ihn sein? Ich kann ihm doch nicht
auf n’ Rücken krauen, wie einem Ferkel.“
„Was ist das nur für ’n Vergleich, Kind!“
„No ja auch!“
„Fieke, sei verständig. Steffen ist ja ’n bißchen unbeholfen, aber du
wirst ihn schon akkurat kriegen.“
Bautz!
Eine Milchbriwe[16], die Sophie gerade aus der Anrichte nahm, fiel zu
Boden und zerplatzte in lauter Scherben.
„Wieder ’n Mariengroschen hin!“ rief Drewes fast ärgerlich und half die
Scherben zusammenlesen.
Sophie war ganz still und bestürzt, ob infolge des Malheurs oder der
unverhofften Wendung, die das Gespräch genommen hatte, das läßt sich
genau nicht sagen.
„Na, die Pöttefrau wird wohl bald wiederkommen,“ tröstete Drewes und
strahlte wieder in seiner behaglichen Gutmütigkeit.
„Drüben bei Oelkers wird sie auch nötig sein,“ meinte er hernach und
setzte ihr eifrig auseinander, wie nötig bei „Oelkers Leuten“ überhaupt
eine Frau täte. Dann hob er hervor, wie fleißig und brav der Steffen
wäre, wie gut es ohne Zweifel ein Mädchen bei ihm kriege und was das
noch für ein Hof werden könne, wenn erst einmal das alte abscheuliche
Herrenrecht abgeschüttelt wäre und -- „wenn -- wenn -- he ja nun, wenn
unsre Fieke erst einmal darauf schaltet und waltet!“
Unbekümmert um den Eindruck, den seine Worte auf das gebückt am Herde
stehende Mädchen machten, sprach er sich noch in eine ordentliche
Begeisterung hinein: „Mutter und ich werden dann alle Tage ’rüber
kommen und nach dem Rechten sehen, aber nicht den umständlichen Weg
durchs Dorf, -- nein, Fieke, ich werde die Stämme und Bohlen nehmen,
die ich schon seit ’n paar Jahren zurecht gelegt habe, und werde uns
’n schönen Steg über die Despe bauen, so daß wir gleich aus unserm
Hofe in euern ’rein kommen können. -- Nun denke dir ’mal, Kind, wenn
ich so abends im Schummern mit meiner Pfeife über den Steg komme,
und dein Kleiner jauchzt: ‚Großvater, Großvater!‘ und kommt mir dann
schon entgegengewackelt ... Fieke, ’ne größere Freude kann ich mir
ja gar nicht ausmalen! Und dann der zweite Junge! der muß natürlich
Stellmacher werden und ...“
„Vater, nein aber, so’ne Anschläge!“ zürnte Sophie mit abgewandtem
feuerroten Gesicht. „Ich mag ja noch gar keinen.“
„Ein Mädchen wie du, das keinen Schatz hat, ist wie ’n Hund ohne
Schwanz,“ rief Drewes und fuhr mit lachendem Munde fort: „Was sollte
denn sonst ’mal aus unserm Hause werden und aus meinem schönen
Werkzeuge? Das muß doch in der Familie bleiben. Es hat mir Mühe genug
gekostet, darüber weg zu denken, daß du kein Junge geworden bist,
Fieke, dem ich meine Werkstelle ’mal hätte übergeben können.“
Nachdem er noch eine Weile in Scherz und Ernst auf sie eingeredet
hatte, sah sie an ihrer Schürze herunter auf den Pantoffel, den sie mit
dem Fuße hin und her stieß und sagte: „Freien muß ich ja am Ende wohl
’mal, aber, Vater, muß ich denn gerade Steffen nehmen?“
Sie betonte den Namen so stark und eigentümlich, daß der Vater sie
forschend ansah.
„Marten wäre dir am Ende wohl lieber?“
„Ach, bewahre Vater! Den ich lieber habe, der hängt ja noch am
Löffelbrett!“ entgegnete sie sehr schnell und machte erst eine lebhaft
abwehrende Gebärde, worauf sie flink einen derben Holzlöffel von der
Wand nahm und vor den Augen des Vaters schwenkte; aber das Lachen,
das sie dabei anhob, klang ganz ungewöhnlich gepreßt, und auf dem
schelmischen Gesicht brannte ein ganz neues Feuer.
„An Marten kann ja auch ganz und gar kein Gedanke sein,“ erklärte
Vater Drewes mit aller Bestimmtheit, begründete diesen Entscheid aufs
umständlichste und schloß: „Es ist nun ’mal so eingerichtet auf der
Welt, der Älteste geht vor, und es kann eben nicht jeder ’n Hof haben.“
Damit betrachtete er die Sache für abgemacht. Ein Liedlein summend,
begab er sich wohlgemut in die Werkstatt zurück.
Über Sophie aber war von dieser Stunde an eine ganz eigene Stille
gekommen.
[Illustration]
Fünftes Kapitel.
Als Steffen auf den väterlichen Hof zurückkam, gab es eine heftige
Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Bruder. Marten, der unterm
Walnußbaume am Wagen hantierte, schien ordentlich zu rauchen vor Zorn
und Unwillen; wie züngelnde Flammen schossen seine Blicke auf das
Sonntagskaput des Bruders und die Sonntagsgamaschen des Vaters.
Steffen blieb erst ganz gelassen, warf nur hin und wieder einen Brocken
hin, und als er endlich auch zu kochen begann, klopfte der Vater mit
zitternder Hand ans Fenster.
Da wurden die Brüder still.
Steffen eilte in die Stube und sah den Vater ächzend auf der Erde
liegen. Er half ihm wieder ins Bett und klagte: „Ich weiß gar nicht,
was Marten in ’n Kopf gekommen ist.“
„Laß ’n, Junge!“ hauchte der Alte, „du mußt der Klügste sein: ein Brand
brennt nicht lange. -- Also, laß ’n! Du weißt, er steigt immer rasch in
’n Turm, ist aber auch bald wieder unten. Vertragt euch! Was soll denn
werden, wenn ich erst zwischen euch raus bin?“ Er atmete eine Weile
tief und begann wieder: „Was haste denn drüben ausgerichtet, Junge?“
Steffen erzählte, wie es stand. Nun wollte er doch lieber zu Hause
bleiben; sonst gäb’s hernach gewiß noch mehr Spektakel.
„Gleich gehste wieder rum!“ befahl der Alte und machte eine energische
Bewegung. „Ich habe keine Zeit zu verlieren und will doch die Sache
noch in Ordnung gebracht sehen. Rufe mir Marten herein, daß ich mit ihm
sprechen kann. -- Und nun geh!“
Marten begegnete ihm bereits auf der kleinen Treppe, die zur Stube
hinauf führte. Wie es schien, hatte er gehorcht.
Steffen ging in die Küche, sah nach der Eimerbank und holte noch
geschwind eine „Reise“ Wasser vom Bache herein. Dabei kriegte er
plötzlich das Grübeln. Eine eigentümliche Empfindung sagte ihm, daß
er bei dem Besuche in Drewes Hause doch eine ziemlich klägliche Rolle
gespielt hätte; eine heiße Welle schoß ihm ins Gesicht, und er duckte
den Kopf, um die Empfindung zu verbergen. Er blieb im Wirrwar der
Gedanken hängen und geriet allmählich in eine fiebernde Aufregung. Das
fühlte er: So „stoffelig“ durfte er dem Mädchen nicht noch einmal
kommen, sollte das Apfelpflücken ihm etwas anderes einbringen als einen
freundlichen Dank. „Wenn ich nur nicht so einen abscheulichen Holzkopf
hätte,“ seufzte er gar und machte zwei komische Fäuste gegen seine
Stirne.
Plötzlich gab’s ihm einen Ruck, er machte einen hastigen Schritt
nach dem schwarzen Schranke, der in der Herdecke stand, öffnete die
schief hängende Tür mit einiger Behutsamkeit und nahm einen verkorkten
schmalen Krug heraus, der bei der Bewegung ein eigentümliches
„Schülpen“[17] hören ließ. Er tat einen raschen Zug, setzte den Krug
hin, sah sich wieder um, trank abermals und flüsterte, während zwischen
den fahlen Lidern ein heller Strahl herausschoß: „Du mußt mir ’s Herze
kuragierter machen!“
Bald danach stand Steffen bei Sophie unter dem Rötchenbaume. Sie meinte
etwas kleinlaut, er könne doch die Äpfel bald nicht mehr sehen.
„Oh, was ich nicht sehe, das fühle ich,“ erwiderte er eifrig, band sich
ein weißes Laken um und stieg rasch hinauf. Sophie trat auf eine der
unteren Sprossen und suchte von den nächsten Zweigen abzupflücken.
Meister Drewes ging eben mit einem Pflugrade am Zaune vorüber. „Na, das
ist recht, Steffen!“ nickte er befriedigt und setzte seinen Weg fort,
blieb jedoch nach einer kurzen Zeit wieder stehen und rief zurück:
„Laßt aber ’n paar Äpfel sitzen, sonst trägt der Baum im nächsten Jahre
nicht.“ --
Steffen pflückte behende Apfel um Apfel, wobei die Zungenspitze immer
mitpflückte und um so länger herauskam, je schwieriger ein Zweig zu
erreichen war.
Sophie kicherte, sagte aber nichts.
Ebensowenig sagte er etwas, denn er wußte nichts; er hoffte, daß ihm
beim nächsten Apfel etwas Gescheites einfallen würde. Zu seinem nicht
geringen Verdrusse fiel ihm jedoch gar nichts ein, und so hörte man
außer dem Knicken und Knacken der Zweige und dem Rascheln der Blätter
lange keinen Ton zwischen den beiden. Plötzlich klang es ihm im Ohr, so
daß er im Pflücken innehielt, die Hand vor’s Ohr legte und das Mädchen
witzig fragte, ob sie’s auch gehört hätte.
Lachend schüttelte sie den Kopf. Ob’s das linke oder das rechte Ohr
wäre?
Das rechte wäre es.
Da zog sie die Brauen hoch und sagte:
„Recht Ohr, flecht Ohr;
Link Ohr, klink Ohr!“
Es wäre also ein unglücklicher Klang gewesen.
Dann hoffe er, daß es ihm bald auch im linken Ohr klänge, erwiderte er
und pflückte weiter.
Da tauchte bei der Grandkuhle drüben auf dem Felde die Spitze der
Schafherde auf. Die Lämmer mä--ähten, die Mütter bläkten, der Hund
bellte und zog plötzlich eine scharfe Schnur um sie her. Auf dem Rande
der Grandkuhle stand der langbemäntelte Schäfer und schlickerte mit
seinem langen Haken ein Grübchen Erde unter die Herde.
Steffen hielt inne, guckte nach der Grandkuhle hinüber und lachte.
Neugierig sah Fieke ebenfalls dorthin.
„Kennst du die Geschichte, Fieke?“ fragte er.
„Welche denn?“ fragte sie.
Er legte den Finger an die Nase, stieg einen Ast abwärts und erzählte:
„Es war mal ’n Schäfer, der mochte sich nicht gern rühren. Und er lag
am liebsten unterm Baume im Schatten. Und einmal lag er unter einem
wilden Feldbirnbaume, der Schäfer, und hatte seinen Holster, der voll
gestopft war mit Wurst und Schinken, an einen Zweig gehängt, seinen
Holster, der Schäfer. Ja, und wie er so ’ne Weile dagelegen hatte, da
fing er auf ’nmal an zu heulen und heulte immer zu, der Schäfer. Und
sein Hund heulte zuletzt auch mit, dem Schäfer sein Hund. Ja. Und da
kamen Leute vorbei und wunderten sich, die Leute, daß der Schäfer und
sein Hund so heulten, der Schäfer und sein Hund. ‚Ach Gott,‘ riefen
sie mitleidig und blieben stehen, ‚ach Gott, Schäfer, was heulst du
denn so!‘ riefen sie, die Leute. ‚Ach,‘ antwortete er da und schnuckte
ordentlich wie ’n Kind, der Schäfer, ‚och, ich habe ja so ’n großen
Hunger.‘ ‚Och lieber Gott,‘ sagen da die Leute und legen die Taschen ab
und nötigen: ‚Dann komm’ doch nur erst gleich her, wir wollen dir was
zu essen geben,‘ sagen die Leute. Aber da räkelt sich der Schäfer auf
der Birnbaumwurzel und antwortet: ‚Och, wenn ich erst aufstehen wollte,
dann brauchte ich ja nur nach meinem Holster zu langen, da ist noch
genug Brot und Schinken drinne, in meinem Holster,‘ sagt der Schäfer.“
Das Mädchen lachte hell auf. „Nein, Steffen, so ’ne Geschichte! Die
paßt aber auf unsern Schäfer gar nicht. Nein, der räkelt sich nicht
auf der Birnbaumwurzel. Vorige Woche hat er uns ’n wunderschönen
Schöttelkranz[18] gemacht, gerade so, wie ich ’n schon lange haben
wollte; und diese Woche schnitzt er uns ’ne neue Krüselstange, mit
Sternen und Kränzen daran und einem Engel, der unterm Himmel hinfliegt!
Nein, Steffen, der ist nicht so ’n Faullax wie dein Schäfer.“ Und
hinterdrein sang sie:
„Ein Schäfer fährt morgens mit Sorgen schon früh
Seine Schafe zur Weide, hat niemals keine Ruh.
Des Abends spät schlafen, des Morgens früh auf,
Die Sorgen am Morgen, die wecken ihn auf.
Keine Rose ...“
Hier brach sie ab, als hätte sie sich auf die Zunge gebissen.
„Es geht aber noch weiter,“ drängte Steffen.
„Ach nein, das ist dumm, das gehört gar nicht dazu,“ lachte sie. Dann
sang sie doch weiter:
„Keine Rose, keine Nelke kann blühen so schön,
Als wenn zwei Verliebte beisammen tun stehn.
Keine Distel, keine Dorn kann stechen so sehr,
Als wenn zwei Verliebte von einander tun gehn.
Setz du dir ’nen Spiegel ins Herz tief hinein,
Dann kannst du ja sehen, wie gut ich es mein!“
Da Steffen sie mit leuchtenden Augen ansah, lachte sie wieder und
sagte: „Das ist wirklich ganz albern.“ ...
In diesem Augenblicke machte der Hahn, der noch mit zwei Hühnern in der
Nähe war, während die übrigen schon die kleine Leiter an Drewes Hause
hinaufkletterten, einen hohen stracken Hals und schrie etwas, wobei er
die Augen zudrückte.
„Weißt du, Fieke,“ fragte Steffen sogleich mit erneuter Pfiffigkeit,
„warum euer Hahn beim Krähen immer die Augen zumacht?“
„Nein, das hat er mir noch nicht erklärt!“
„Nun, weil er seinen Text schon lange auswendig kann.“
„O, du Kujon!“
Eine Weile hörte man nun nichts als das Rascheln und Rupfen, Brechen
und Knacken.
Steffen blinzelte aber immerfort zwischen den Zweigen hinab, und da er
gewahrte, daß Sophie einen Apfel liebevoll betrachtete und plötzlich
zwischen die prächtigen, weißen Zähne schob, rief er ganz entsetzt:
„Fieke, Fieke, Mädchen, in aller Welt!“
Erschrocken sah sie zu ihm empor.
Da erhob er mahnend den Finger, über sein gerötetes Gesicht ging ein
Strahlen und Zucken, und er sagte: „Weißt du nicht, was im ersten Buch
Moses im zweiten Kapitel im sechzehnten und siebzehnten Verse steht?
Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten, aber von dem Baume des
Erkenntnisses Gutes und Böses sollst du nicht essen; denn welches Tages
du davon issest, wirst du des Todes sterben.“
„Aber Steffen!“ rief sie nach kurzem Stocken, und dann kam ein helles
Lachen; und dann biß sie erst recht in den Apfel und lachte mit
kauendem Munde noch lange fort.
Steffen kicherte für sich hin. Auf einmal begann er wieder: „Weißte
was, Fieke?“
Sie schielte hinauf und fragte mit einem Apfelstück in der Backe: „Na,
Steffen, welche Bibelstelle kommt jetzt?“
„Jetzt kommt keine, aber jetzt kommt etwas anderes,“ antwortete er
mit wichtigem Tone. „Ich wollte nur sagen, es wäre eigentlich schön,
wollte ich sagen, ja, Fieke, mußt aber nicht lachen -- es wäre schön,
wollte ich nur sagen: Könnten wir diese Äpfel nun alle Jahre mit’nander
pflücken.“
„Aber das können wir ja, wenn dir’s so viel Vergnügen macht,“ erwiderte
sie ruhig und ohne Lachen.
Jetzt ist’s Zeit, jetzt werde ich’s richtig machen; aber dazu muß ich
festen Boden unter den Füßen haben, dachte er und sagte mit einem
Ächzer: „Ho, ich muß ausschütten!“
Flugs sprang sie von der Sprosse ins Gras.
„Nicht wahr, so ein Rötchenapfel hat sein Gewicht?“ rief sie und rückte
den Korb näher an die Leiter.
„Ei den Donner!“ stimmte er im Herabsteigen zu, und Sophie rückte den
Korb zurecht und half ihm das Laken in korbgerechte Richtung bringen.
Als die letzten Äpfel hineinrollten, drängte er seinen Arm gegen ihr
Mieder und sagte mit glühendem Gesicht: „Das sind wunderschöne Äpfel,
Fieke, -- aber ich weiß was, was noch schöner ist ...“
„Du, Steffen,“ fiel sie anscheinend ganz arglos ein, „ihr könntet
uns eigentlich ’n Gefallen tun und uns ’n Korb voll Rötchen mit nach
Hilmesse nehmen!“
„Ei, Fieke, hundert für einen!“ entgegnete er freudig, machte aber im
nächsten Augenblick ein unmutiges Gesicht und lenkte ein: „Ja, weißt
du, Fieke, die Fuhren besorgt Marten!“
„Und der tut’s natürlich nicht gern!“ rief sie, mit den Augen
blinzelnd.
Steffen zuckte die Achseln und brachte nichts weiter heraus, schickte
sich deshalb an, wieder hinaufzusteigen, machte aber auf der ersten
Sprosse wieder Halt und sagte mit zwinkernden Augen: „Fieke, was kriege
ich denn für das Apfelpflücken?“