„Um Himmels willen, Herr Baron, was ist das?“ Mit diesen Worten fuhr
Brehm entsetzt von seinem Schmerzenslager in einem schäbigen Hotel
Kairos empor und rüttelte den Baron wach, der matt und kraftlos in
halber Ohnmacht neben ihm lag. Beide hatten sich auf der Nilfahrt von
Alexandria nach Kairo einen heftigen Sonnenstich geholt und mußten
unter wahnsinnigen Kopfschmerzen und häufigen Ohnmachtsanfällen dessen
Folgen tragen. Entsetzliche Schwüle herrschte in der Luft. Plötzlich
vernahmen die sich mühsam aufrichtenden Kranken ein donnerähnliches
Rollen, Geschrei und Wehklagen auf der Straße, Gebrüll von Tieren und
eiliges Laufen auf den Korridoren; die Bettgestelle schwankten, die
Türen des Zimmers flogen auf und zu, klirrende Fensterscheiben und
zerbrechende Gläser stürzten auf den Fußboden herab, an einzelnen
Stellen des Zimmers löste sich der Mörtel von den Wänden und fiel
polternd herunter, aber die unerfahrenen Europäer wußten sich die
Erscheinung nicht zu erklären. Ein neuer, stärkerer Stoß folgte dem
ersten, man hörte das Einstürzen von Mauern in unmittelbarer Nähe
und fühlte, wie das Haus in seinen Grundfesten schwankte. Da wurde
den beiden Deutschen das Phänomen entsetzlich klar: ein Erdbeben
erschütterte die ägyptische Hauptstadt! Und ohne Hilfe lagen sie krank
und elend allein in ihren Betten, nicht imstande, gleich den anderen
Reisenden hinaus ins Freie zu flüchten. Ihre Lage war in der Tat
gräßlich. Die Naturerscheinung währte kaum eine Minute, und doch wurde
ihnen diese kurze Zeitspanne zu einer wahren Ewigkeit. Der geängstigte
Geist erging sich in den schauderhaftesten Vorstellungen, die Augen
folgten mit Todesangst den Rissen der zersprungenen Mauern, und
verzweiflungsvoll ergab sich die Seele dem bevorstehenden schrecklichen
Schicksal. Aber das von Europäern gebaute Haus hielt die starke
Erschütterung aus. Nach wenigen Minuten verkündigte ein herbeieilender
Diener, daß die Gefahr vorüber sei. In unmittelbarer Nähe des Gasthofes
waren jedoch 17 Menschen unter den Trümmern ihrer Behausungen begraben
worden.
[Illustration: Kairo von Norden aus gesehen
Eine Ansicht nach einer farbigen Darstellung von Carl Werner in seinem
großen Aquarell-Faksimile-Werk „Nilbilder“, zu dem Brehm mit Dr. J.
Dümichen den Text schrieb (1871)]
Nur langsam machte die Genesung unseres jungen Freundes Fortschritte,
zumal der griechische Quacksalber, der beide behandelte, ihn dreimal
zur Ader ließ und ihm durch 64 Blutegel so viel Blut abzapfte, daß
er ganz schwach wurde. Aber dann wuchsen mit steigenden Kräften auch
Lebensmut und Lebenslust wieder, und auf zahlreichen Eselritten lernte
nun Brehm die Märchenstadt Kairo, die ihn so ungastlich empfangen
hatte, mit ihrem bunten, echt orientalischen Leben und Treiben
kennen. Sie ist seitdem seine Lieblingsstadt geblieben, und keiner
hat das buntscheckige Gewühl ihrer Gassen und Märkte so meisterhaft
zu schildern gewußt wie er. Brehm besaß überhaupt in hervorragendem
Maße die Gabe, sich in fremde Verhältnisse einzuleben, sich den Sitten
und Gewohnheiten anderer Völker anzuschmiegen, ohne doch jemals
seiner Würde als Deutscher auch nur das Geringste zu vergeben. Er hat
dem deutschen Namen auch in fernen Ländern stets nur Ehre gemacht.
Gerade die Länder des Islams hatten es ihm angetan, und in die Denk-,
Anschauungs- und Sprechweise ihrer Bewohner wußte er sich so zu
vertiefen, sie sich in so hohem Maße zu eigen zu machen, wie selten
einer. Niemals hat er es versäumt, neben der Tierwelt der von ihm
bereisten Länder mit gleichem Eifer auch ihre Menschen zu studieren und
den Einfluß von Klima, Landschaft und Geschichte auf die Entwicklung
ihrer Eigenart klarzulegen. Der mohammedanischen Religion brachte er
so viel Achtung und ein so weitgehendes Verständnis entgegen, daß er
in Europäerkreisen vielfach schon als Renegat galt. Aber bei Türken
und Arabern erfreute er sich trotz seiner Jugend großen Ansehens und
allgemeiner Beliebtheit. Viel schlechter als die Bekenner des Propheten
kommen in seinem Tagebuch die wenigen Europäer und Levantiner weg, die
sich schon damals im Sudan ansässig gemacht hatten und die allerdings
bis auf wenige Ausnahmen den Abschaum ihrer Länder darstellten. Für
das charakterlose Mischvolk der sog. Levantiner zum Beispiel hat er
nur unverhohlene Verachtung, so sehr er auch der Schönheit ihrer
Frauen Gerechtigkeit angedeihen läßt. Sein Herz gehörte den freien,
bettelarmen, aber stolzen Beduinenstämmen der Wüste, die er liebte, wie
er alles Unabhängige und wahrhaft Männliche liebte:
„Sie sind in der Freiheit der Wüste geboren und groß geworden, sie
leben und sterben dort; sie denken und handeln frei und edel wie
jeder Freigeborene. Noch haben sich bei ihnen die alten Sitten ihrer
Vorfahren erhalten, noch hegen sie dieselben Gefühle für Recht und
Unrecht, welche die Patriarchen hegten; noch sind sie wie jene mit Herz
und Hand bereit, ihr gutes Recht sich zu erhalten oder zu verschaffen.
Der Beduine, das Kind der hochhehren Wüste, ist noch der Sohn der alten
und für ihn ewig neuen Freiheit. Er ist der unverdorbene Nachkomme
seiner tapferen und edlen Ahnen. Der Beduine lügt nie, er bestiehlt
oder betrügt niemanden, wohl aber tritt er mit der Waffe in der Faust
als kühner Räuber hervor, um sich seinen Lebensunterhalt zu erringen.
Er beraubt den friedlich durch die Wüste pilgernden Kaufmann nicht
als ein nach unseren Begriffen verächtlicher Wegelagerer, sondern als
mutiger, streitbarer Mann; er wird ihn nie berauben, wenn dieser ihn,
den Herrn der unbegrenzten Wüste, erst um sicheres Geleit ersuchte,
sein Gebiet durchwandern zu dürfen. Treu dem Freunde das gegebene
Versprechen haltend, geht er für seine Schutzbefohlenen ohne Zögern in
den Tod, furchtbaren Kampf dem Feinde schwörend, hält er das Gesetz
der Blutrache für das hochheiligste seines Stammes. Er vergibt keine
Beleidigung, er vergißt keine Wohltat. Seinen letzten Bissen Brot
teilt er mit seinem Gastfreunde, den letzten Wassertrunk spendet er
dem Verschmachtenden. Er ist in seiner Treue groß, in seiner Rache
furchtbar. Keinen Herrn über sich erkennend als das selbstgewählte
Stammesoberhaupt, verteidigt er seine weite Heimat mutig und tapfer
gegen jeden Feind. Ohne Hoffnung auf Ersatz unterhält er den, der sich
hungernd und dürstend in seinem Zelte einfindet, ohne Dank zu fordern,
bringt er ihn in seine Heimat zurück. Sein Pferd ist ebenso edel und
treu wie er selbst, es ist sein ständiger Begleiter, er liebt es wie
Weib und Kind.“
Brehm hat sich wiederholt lange Zeit in Chartum aufgehalten, nicht
immer ganz freiwillig, sondern weil empfindlicher Geldmangel ihm
die Fortsetzung der Reise unmöglich machte. In solchem Falle wurde
dann ein eigenes Häuschen gemietet und in dessen Hof ein Tiergarten
eingerichtet. Der türkische Generalstatthalter des Sudan, der in
dem noch jungen Chartum seinen Sitz hatte, schickte als Grundlage
dazu gleich in den ersten Tagen geschenkweise zwei Strauße, denen
sich bald ein Paar junge Hyänen sowie etliche Affen und Gazellen
und ein sehr herrschsüchtiger Marabu beigesellten. Die Eingeborenen
brachten überhaupt, nachdem die Absichten der beiden Deutschen in den
Kaffeehäusern und auf den Suks sich herumgesprochen hatten, allerlei
lebendes und totes Getier angeschleppt, das gern aufgekauft und zur
Bereicherung der Sammlungen verwendet wurde. So entwickelte sich
bald eine förmliche Naturalienbörse, aber sonstige Unterhaltung bot
die volkreiche Hauptstadt des Sudan kaum. Immerhin konnte man hier
nach so langen Entbehrungen in der Wildnis doch auch mal wieder mit
halbwegs gebildeten und gesitteten Menschen zusammen sein, wenngleich
man in dieser Hinsicht in Chartum nur sehr bescheidene Ansprüche
stellen durfte und öfters beide Augen zudrücken mußte. Auch Briefe
und Zeitungen gab es dann und wann einmal, und mit Erstaunen erfuhr
Brehm nach der Rückkehr aus Kordofan aus ihnen, welch gewaltige
Umwälzungen sich im Frühjahr 1848 in Europa vollzogen hatten, während
er fieberkrank in den Wäldern und Steppen Kordofans weilte. Der völlige
Mangel an Lesestoff war ja bisher nicht die geringste der vielen
Entbehrungen gewesen. Gierig las man zu wiederholten Malen jeden mit
den geliebten Lauten der Muttersprache bedeckten Papierfetzen, und der
elendste Schundroman würde Hochgenuß gewährt haben. Nun aber erhielt
Brehm in Chartum von verständnisvoller, feinfühliger Mutterhand sogar
einige der von ihm so glühend geliebten Werke unserer Klassiker. Wie
durfte er da schwelgen! Erst in der weiten Ferne, in der geistlosen
Fremde halbkultivierter Länder, unter Vertretern krassester Selbstsucht
und Geldgier würdigt man so recht die heimische Dichtkunst, erst da
empfindet man ihre ganze Kraft. Wer die Gesänge unserer Dichter völlig
in sich aufnehmen will, der muß sie lesen, wo er sie keinem andern,
sondern nur seinem eigenen Selbst mitteilen kann. Dann wird sich ihr
Wert und ihre Wirkung verdoppeln.
„Bachida! Pfui! Du Teufelsvieh! Wirst du wohl auslassen! Wirst du wohl
artig sein! Bachida! Pfui!“ So erscholl Brehms zornige Stimme in einer
der staubumhüllten Gassen Chartums, und mit erhobener Peitsche eilte
er auf eine Löwin zu, die ein gerade friedlich vorübertrottendes Schaf
gepackt hatte, ergriff sie wie weiland Simson am Kopfe, riß ihr den
Rachen auf, erfaßte das arme Wolltier und schleuderte es mit einem
Fußtritt weit fort. Ein paar derbe Hiebe mit der Nilpferdpeitsche
klatschten auf das gelbe Löwenfell, aber die „Tochter Fathmes“, wie
die Sudanesen die weiblichen Löwen nennen, nahm die Züchtigung ruhig
hin, in dem Bewußtsein, für ihren Übergriff eine Strafe verdient
zu haben. Es war ja „Bachida“ (die Glückliche), die berühmte zahme
Löwin Brehms, die er als kaum pudelgroßes Jungtier von seinem Gönner
Latief Pascha zum Geschenk erhalten und auf das sorgfältigste erzogen
hatte. Innige Freundschaft verband beide. Bachida liebte ihren Herrn
zärtlich, folgte ihm in Haus und Hof, auf der Straße und im Freien
gehorsam wie ein Hund, liebkoste ihn bei jeder Gelegenheit und wurde
nur dadurch bisweilen lästig, daß sie nachts auf den Einfall kam, ihn
auf seinem Lager aufzusuchen und durch ihre Liebkosungen aufzuwecken.
Sie ersetzte zugleich den schärfsten Wachhund, denn lästiges Gesindel
wagte sich nicht auf das von einem Löwen behütete Gehöft, und sogar
die Kamele vorüberziehender Karawanen gingen unter dem Fluchen und
Schreien der Treiber oft durch, wenn sie durch eine Mauerlücke
das ihnen so furchtbare Tier erblickten. Zu den zahmen Antilopen
durfte die Löwin überhaupt nicht gelassen werden, obwohl sie ihnen
wahrscheinlich nichts zuleide getan hätte, da die Horntiere bei ihrem
Erscheinen verzweiflungsvoll gegen die Wände rannten und sich dabei
selbst verletzten. Im übrigen hatte sich Bachida natürlich bald zur
Beherrscherin und Tyrannin alles auf dem Hofe sich tummelnden Getiers
aufgeworfen. So liebenswürdig und gutmütig sie auch war, so war sie
doch ein wahrer Ausbund von Übermut und Necklust und liebte es sehr,
andere Lebewesen durch plötzliches Anspringen zu erschrecken, und
namentlich an den Affen und Raubvögeln kühlte sie gern ihr Lüstchen.
* * * * *
Anfangs, solange sie noch klein war, setzte ein alter, urdrolliger
Pavian ihrem Übermut gewisse Schranken. Auch er zitterte zwar bei
ihrem Erscheinen und verzog das Maul auf grauenvolle Weise, griff
sie dann aber ohne weiteres mutvoll mit den Händen und rieb ihr die
Ohren derartig um den Kopf herum, daß ihr Hören und Sehen vergehen
mochte und sie angstvoll das Weite suchte. Mit der Zeit jedoch wurde
die Löwin so stark, daß auch der Pavian ihrer nicht mehr Herr zu
werden vermochte. Doch an seine Stelle trat nun ein alter, mürrischer
Marabu. Bachida sah sich die barocke Philosophengestalt ganz starr
vor Neugierde an und gedachte dann nach ihrer Art den Langbeiner
durch plötzliches Anspringen zu erschrecken. Aber der verstand das
falsch, ging mit weiten Schritten und halbgelüfteten Schwingen
unerschrocken auf das Raubtier los, versetzte ihm rasch hintereinander
mit seinem gewaltigen Keilschnabel mehrere so nachdrückliche Püffe
und wiederholte diese Lektion mehrfach so gründlich, daß Bachida
unter Wutgebrüll das Hasenpanier ergreifen mußte, grimmig verfolgt
von dem schnabelklappernden Sieger. Seitdem ließ sie den wehrhaften
Storchenvogel achtungsvoll in Ruhe, aber mit den übrigen Tieren trieb
sie es nach wie vor.
Wirkliche Ausschreitungen kamen bei alledem nur äußerst selten vor.
So wurde ihr schönes Freundschaftsverhältnis zu einem mutigen Widder,
mit dem sie besonders gern spielte, jäh zerrissen. Der Widder,
dessen Hornstöße sie sonst gutmütig ertrug, mochte einmal gar zu
grob zugestoßen haben, denn plötzlich geriet die Löwin in Zorn und
schmetterte ihn mit ein paar derben Tatzenschlägen zu Boden. Am
nächsten Morgen war der Spielgefährte tot. Schlimmer war der folgende
Fall, der zugleich eine harte Kraftprobe für das Verhältnis zwischen
Mensch und Raubtier bedeutete. Bachida hatte den Lieblingsaffen Brehms
erst mißhandelt, dann getötet und schließlich aufgefressen. Als Brehm
Kopf und Schwanz als die einzigen Überbleibsel des armen Opfers fand,
wurde er doch recht zornig, prügelte die Löwin tüchtig ab und verfolgte
die Flüchtende bis in den äußersten Winkel des Gehöfts. Als sie hier
nicht entrinnen konnte, nahm sie plötzlich eine andere Miene an als
früher und setzte sich kräftig zur Wehr. Wäre Brehm nur einen Schritt
zurückgewichen, so würde die im höchsten Grad erzürnte Löwin ihn
sicherlich angesprungen und wahrscheinlich erheblich verletzt haben.
Brehm war aber klug genug, fest stehen zu bleiben und unentwegt weiter
zu prügeln, zugleich aber auch eine Lücke freizulassen, durch die
Bachida entwischen konnte. Schon eine halbe Stunde später war ihr Zorn
verraucht, und schmeichelnd rieb sie sich nach Katzenart wieder an
ihrem Herrn, als wollte sie um Verzeihung bitten. Dies war der einzige
Streit, den beide jemals miteinander gehabt haben; nie erlaubte sich
Bachida sonst irgendwelche Unart, nie bekundete sie irgendwie Wildheit
und Blutdurst des Raubtieres.
Viel Spaß machte Brehm und seinen Freunden folgender Streich der
übermütigen Löwin. Im gleichen Hause wohnte ein fetter griechischer
Sklavenhändler und Wucherer. Dieser wollte einmal in der Regenzeit,
als der ganze Hof mehr einem Moraste glich, nach dem Stall gehen, um
seinen Reitesel zu besteigen. Da er dem Statthalter Latief Pascha
seine Aufwartung zu machen gedachte, war er in einen glänzend weißen,
neuen Seidenburnus gehüllt. Bachida lag gerade im dicksten Schmutz
und betrachtete verblüfft die weiße, ängstlich zwischen den Pfützen
sich durchwindende Gestalt. Dann duckte sie sich und sprang in einigen
furchtbaren Sätzen auf den Griechen zu, der vor Schreck stolpernd in
den Schmutz fiel und auch noch die Dummheit beging, laut zu schreien.
Die neckische Bachida faßte das als eine willkommene Aufforderung zur
Fortsetzung dieses unterhaltsamen Spieles auf, brachte durch einen
zweiten Satz den dicken Mann völlig zum Liegen, setzte sich ihm mit
Beifallsgebrüll auf den Schmerbauch, umarmte ihn sehr zärtlich, wälzte
ihn aber dabei derartig im Kote herum, daß von der strahlenden Kleidung
auch nicht ein Fleckchen mehr ohne Schlammkruste blieb. Lachend
befreite Brehm ihn, der nicht im geringsten verletzt war, aus den
Tatzen seines Peinigers. Der Grieche aber schwur Rache und beklagte
sich beim Statthalter. Da mußte er nun freilich die Erfahrung machen,
daß auch bei den Türken das Sprichwort gilt: „Wer den Schaden hat,
braucht für den Spott nicht zu sorgen.“
Ernster war ein Zwischenfall, der sich auf der Heimreise zutrug,
wo Bachida abends stets an Land gelassen wurde, um sich ein wenig
auszutollen und zu entleeren, was das reinliche Tier in dem engen
Schiffskäfig grundsätzlich nicht tat. So war die Löwin einmal an einer
der Säulen des Tempels von Luxor angefesselt und ringsum von einer
zudringlichen und neugierigen Menschenmenge umgeben. Plötzlich stob
alles unter entsetzlichem Geschrei und Geheul, Fluchen und Jammern
auseinander, und Brehm erfuhr von den zu ihm Eilenden, daß „das
Scheusal“ soeben einen kleinen Negerknaben gepackt habe und gerade im
Begriff sei, ihn zu verschlingen. Es sei zwar nur ein Sklave, aber
er habe immerhin einen Geldwert von 1000 Piastern, die der Herr des
gefräßigen Raubtieres bezahlen müsse. Schleunigst rannte Brehm zu der
Unglücksstätte, um den gefangenen Buben zu befreien. Bachida spielte
mit ihm wie die Katze mit der Maus, drehte ihn in ihren Pranken hin
und her, beroch ihn, zog ihn zu sich heran, ließ ihn wieder los, um
ihn augenblicklich von neuem zu halten, hatte ihm aber bis dahin
nicht das geringste Leid zugefügt und ihm nirgends auch nur die Haut
geritzt. Brehms Ankunft brachte ihr augenblicklich zur Besinnung, daß
der schwarze Schreihals kein Spielzeug für sie sei. Sie gab den Bengel
sofort freiwillig her.
Im bescheidenen Pfarrhause zu Renthendorf war natürlich kein Platz
für eine leibhaftige afrikanische Löwin, und so mußte Bachida in den
Berliner Tiergarten wandern. Brehms Abschied von dem treuen Tiere war
wahrhaft schmerzlich, und rührend das Wiedersehen zwischen beiden nach
zweijähriger Trennung. Bachida erkannte ihren früheren Herrn trotz der
völlig veränderten Kleidung sofort an der Stimme und war vor Freude
ganz außer sich.
* * * * *
„Warum, Herrin meiner Seele, erschrickst du? Und warum willst du mir
das Licht des Vollmondes, dein Antlitz, entziehen? Weißt du nicht, daß
ich ein Franke bin? In meiner Heimat verhüllen die Wolken wohl oft
die Sonne am Himmel, aber die Wolken des Schleiers nicht die Sonnen
auf Erden. Ich bin gewohnt, unseren lieblichen Töchtern der Erzmutter
Eva frei ins Angesicht zu schauen. Warum willst du, Sonne, dich mir
verbergen?“
„Dein Land ist nicht mein Land, deine Sitte ist nicht meine Sitte, o
Herr! Im Lande der Franken ist die Frau frei, hier ist sie Sklavin.
Bedenke das, du Guter! Möge deine Nacht glücklich sein!“
„Halt, Herrin, warum willst du davoneilen? Hast du mich noch nicht
gesehen?“
„Oh, schon sehr oft, gleich bei deiner Ankunft sah ich dich und seitdem
alle Tage.“
„Nun wohl, fürchtest du dich vor mir?“
„Nein, aber die Sitte gestattet mir nicht, mit dir zu reden. Glückliche
Nacht!“
„Warum entfliehst du, Licht meiner Augen? Bleibe, ich bitte dich!“
„Ich darf nicht!“
„So sage mir wenigstens deinen Namen, du liebliche Gazelle!“
„Ich heiße Warde“ (Rose).
„Wirst du wieder hierher kommen?“
„Ich darf nicht, gute Nacht, Herr!“
Die anmutige Mädchengestalt, die noch von dem ganzen Reize kindlicher
Lieblichkeit umflossen war, huschte davon. Aber sie kam doch wieder.
Jeden Abend erschien sie auf dem flachen Dache ihres elterlichen
Hauses, das mit dem Haus Brehms zusammenstieß und nur durch eine
niedrige Mauer von ihm getrennt war. So erblühte dem Zwanzigjährigen
die Rose des Morgenlandes.
[Illustration: Alfred Edmund Brehm