„Ich kann nicht mehr weiter! Laßt mich doch ruhig hier liegen, wo ich
bin! Ich will ja nichts mehr als sterben. Aber vorher nur noch einen
Trunk Wasser! Einen einzigen, kleinen, winzigen Schluck Wasser!“
Der so erbärmlich jammerte, das war unser sonst so tapferer Alfred
Brehm. Das Fieber hatte ihn auf dem langen Karawanenmarsche durch das
glühend heiße Kordofan mit aller Macht gepackt, und täglich zehrte
das mörderische Klima dieses verrufenen Landes an seinen schon sehr
schwach gewordenen Kräften. Mit Gewalt mußte man ihn zum Weiterreiten
zwingen. Jeder Schaukeltritt des gemächlich dahinziehenden Kamels wurde
dann dem Kranken zu peinvoller Qual, hatte Erbrechen und Leibschmerzen
zur Folge, und nur durch krampfhaftes Anklammern an eine Kiste konnte
er sich vor dem Herabfallen bewahren. Es war ein Glück, daß Baron
Müller, der selbst schwer unter immer häufigeren Fieberanfällen zu
leiden hatte, sich schon bald nach Ankunft in der unerträglich öden und
langweiligen Sklavenhändlerstadt El Obeid zum Rückmarsch nach Chartum
entschloß, denn lange hätten beide sicher nicht mehr dem fürchterlichen
Klima standgehalten. Überdies trat während der Märsche öfters Mangel an
Lebensmitteln ein, und man mußte froh sein, wenn es gelang, einige von
den Kamelen aufgescheuchte Perlhühner oder Frankoline zu schießen. Der
Hunger hätte sich ja allenfalls noch ertragen lassen, aber zum Unglück
war das spärlich genug angetroffene Wasser meist nur eine ekelhafte
bräunliche Schleimbrühe, deren unvermeidbarer Genuß immer wieder neue
Fieberanfälle auslöste. Die Steppe selbst starrte von scharfschneidigen
Gräsern und lästigen Kletten, und so war der Marsch durch sie selbst
an fieberfreien Tagen nicht gerade ein Vergnügen. Häufig stand sie
jetzt am Ende der Trockenzeit weithin in Flammen, und dann sah man,
wie die Antilopenherden in langwiegendem Galopp vor dem rasenden
Element flüchteten oder wie die fluggewandten Gaukler (eine Adlerart)
und die langbeinigen Kranichgeier erfolgreiche Jagd machten auf das
massenhaft durch die Flammen aus seinen Schlupfwinkeln herausgejagte
Schlangengezücht. Die Eingeborenen dieser Gegend, die sich im
allgemeinen nicht unfreundlich zeigten, wohnten in runden Strohhütten
(Tokhuls) mit oben spitz zulaufendem Dach, das gewöhnlich von einem
Straußenei gekrönt wurde, bebauten magere Durrha-(Hirse-)Felder und
unterhielten große Viehherden. Oft sah man 5–600 Kamele zusammen weiden
und hatte auch Gelegenheit, ihre fette, etwas säuerliche Milch zu
kosten.
„Friede sei mit dir, o Scheich!“ kauderwelschte Brehm, der Negersprache
nur wenig kundig, mit dem herbeieilenden Schulzen eines solchen großen
Tokhul-Dorfes, das man eines Abends müde und hungrig erreicht hatte.
„Wir wollen von dir gegen gutes Geld einige Farchas kaufen.“ Mit
Farchas bezeichnete man nämlich in Oberägypten junge Hühner, und etwas
anderes wäre in dem elenden Neste ja doch nicht aufzutreiben gewesen.
Der Scheich schüttelte verwundert den Kopf. „Ihr zieht ja doch, wie ich
höre, ohnehin nach El Obeid, wo es viele Farchas gibt. Dann braucht
ihr doch hier keine zu kaufen. Ich habe zwar eine, aber sie ist alt
und häßlich.“ -- „Das schadet nichts, bringe sie uns nur her!“ Jener
ging, erschien wieder und brachte -- eine Sklavin, die der Beschreibung
des guten Mannes in der Tat vollkommen entsprach. Man lachte und
versicherte ihm, daß man diese Venus nicht brauchen könne, weil man die
„Farcha“ essen wolle. Darob entfloh der Scheich voller Entsetzen. Die
Europäer staunten ihm verwundert nach; erst einer der Diener löste das
Rätsel durch die Mitteilung, daß die Kordofanesen mit „Farcha“ junge
Sklavinnen bezeichnen, während sie für Hühner das Wort „Faruhdj“ haben.
Es gab aber auch weniger lustige Mißverständnisse, namentlich als
man auf dem Rückmarsch aus Kordofan durch Gegenden kam, die erst
kürzlich von Sklavenjägern heimgesucht worden waren. Hier verhielten
sich die Eingeborenen erklärlicherweise sehr zugeknöpft, oft geradezu
unfreundlich oder feindselig. Mühsam quälten die Reisenden sich in
anstrengenden Märschen durch das ungastliche Land, denn die Hitze
hatte ihren Höhepunkt erreicht und stieg bei Südwind im Schatten der
Strohhütten bis auf 45° ~R~, während das der Sonne ausgesetzte
oder in den Sand gesteckte Thermometer nicht selten sogar 55°
~R~ zeigte. Der Körper troff Tag und Nacht von Schweiß, und
nur selten brachte ein kühlerer Nordwind allzu rasch vorübergehende
Linderung. Überdies ritt man oft in die Irre, denn es fehlte an
ortskundigen Führern. Es blieb manchmal nichts anderes übrig, als
solche mit Gewalt zu beschaffen, wenn sie nicht freiwillig mitgehen
wollten. Das brachte aber unsere Freunde bei den Schwarzen in den
Geruch von Sklavenhändlern, und dieser Umstand hätte um ein Haar
ihren Untergang herbeigeführt. Halb verdurstet, nur auf ein Restchen
brühwarmes Schlauchwasser angewiesen, lagen sie todmüde in einem
elenden, verlassenen Weiler, und der fieberkranke Brehm hatte
sich in der erstbesten Hütte auf einem Ankhareb (Bettgestell mit
elastischen Ledergurten) niedergelassen, während der Baron und Ali
(ein ausgedienter türkischer Unteroffizier, den man in Chartum als
Leibdiener aufgenommen hatte) weiter im Innern der Hütte auf dem
festgestampften Erdboden zum Schlummer sich niederlegten. Plötzlich
wurde Brehm durch ein wütendes Geheul aus seinem Halbschlafe
aufgeschreckt, und gleichzeitig erschien auch schon am Eingang die
herkulische Gestalt eines Negers, der mit gezücktem Schwert auf
ihn losstürzte und seinen tobenden Gefährten zurief: „Kommt! Hier
sind die Hunde! Kommt und schlagt sie tot!“ Mit einem gewaltigen
Kolbenschlage schmetterte Brehm den Wütenden zurück und rüttelte die
beiden anderen wach. Alle griffen zu den Waffen und drohten, jeden
Eindringling niederzuschießen. Da hörte der sprachenkundige Ali, wie
die Schwarzen sich verabredeten, die leicht Feuer fangende Strohhütte
anzuzünden, und so mußte man sich zu einem Ausfall entschließen. Aber
draußen waren die Europäer im Nu von einer großen Übermacht der Gegner
umringt, deren lange Stoßlanzen nur noch einen halben Fuß von ihrer
Brust entfernt waren. Der Baron hatte in jeder Hand eine Pistole und
wollte schießen, aber der trotz seiner Jugend viel besonnenere Brehm
beschwor ihn, dies nicht zu tun, und verlegte sich aufs Unterhandeln.
Freilich ging seine Stimme in dem wüsten Lärm unter, aber man gewann
doch so viel Zeit, sich wieder in die Hütte zurückziehen zu können.
Bewaffneter Widerstand wäre ja auch tatsächlich Wahnwitz gewesen, denn
wenn man auch einige Feinde unschädlich gemacht hätte, so wäre man
doch schließlich unzweifelhaft trotz größter Tapferkeit der gewaltigen
Übermacht unterlegen. Da kam im letzten Augenblick unerwartet Hilfe
in höchster Not. Ein Araber mit milchweißem Barte, den die Schwarzen
zu kennen und zu achten schienen, trieb die tobende Bande mit der
Nilpferdpeitsche zurück und schaffte erst einmal Ruhe. Bald klärte sich
nun das Mißverständnis auf, die ernüchterten Neger baten um Verzeihung,
und der landesübliche Bakschisch beendete zur allseitigen Zufriedenheit
das gefährliche Abenteuer.
Über all die unsäglichen Widerwärtigkeiten und Mühseligkeiten halfen
aber doch immer wieder köstliche Forscherfreuden hinweg. Namentlich
bei längerem Verweilen an einem günstigen Platze gab es genußreiche
Tage und fast überreiche Beute. Da wurden erfolgreiche Adlerjagden
veranstaltet, Antilopen und Hasen für die Küche geschossen. Wenn man
nur auch eine geeignete Zukost dazu gehabt hätte! Aber weder Gemüse
noch Kartoffeln wollen in der Gluthitze Kordofans mehr gedeihen, und
die schlissigen, unappetitlichen Durrhakuchen, die die Negerweiber zu
bereiten verstanden, waren schließlich doch nur ein sehr unvollkommener
Ersatz für unser köstliches und wohlschmeckendes Brot. Ein wahres
Labsal war es dagegen, wenn es glückte, einmal einen Krug Meriesa
aufzutreiben, eine Art Hirsebier, das sehr erfrischend schmeckt und
ähnlich wie der russische Kwaß von jedem Stamme und jedem Dorfe in
anderer Weise zubereitet wird.
Köstlich waren die Tropenabende, wenn man innerhalb der mächtigen
Dornumwallung eines Dorfes saß und dem gemütlichen Schnurren der
langgeschwänzten Nachtschwalben lauschte oder den wehmütigen Rufen
der kleinen Eulen, die zutraulich auf den Spitzen der Tokhals saßen.
Blutdürstige Leoparden und feige Hyänen umschlichen nachts gierig
die Dornumwallung, wurden aber rasch von den zahlreichen und mutigen
Hunden zurückgetrieben. Nur wenn das aus tiefster Brust hervorgeholte
Donnergebrüll des Löwen erscholl, das Brehm hier klopfenden Herzens zum
erstenmal vernahm, verkrochen sich die edlen Hunde kläglich winselnd
bei ihren Herren, die aber ebensowenig wie ihre vierbeinigen Gehilfen
dem König der Tiere entgegenzutreten wagten, zumal die lange Stoßlanze
ihre einzige Waffe war. Zweimal holte sich in Anwesenheit Brehms der
„Herr mit dem dicken Kopfe“ durch gewaltigen Sprung, unwiderstehlichen
Prankenschlag und zermalmenden Nackenbiß sein Opfer aus der hohen
Dornumwallung (Serrieba), und um die Überbleibsel der königlichen Tafel
stritten sich dann am nächsten Tage Geier und Marabus und in der Nacht
Hyänen und Schakale.
[Illustration: Hyänenhunde („gemalte“ Hunde) auf der Antilopenjagd
Nach einer Originalzeichnung von H. Leutemann zu Brehms Arbeit „Neue
Charakterbilder aus der Tierwelt“ (1867)]
* * * * *
Wüstensturm! Lauschen wir Brehms eigenen Worten, denn keiner hat die
hehre Majestät der Wüste mit all ihren Schrecken und Schönheiten
so eindringlich und greifbar, so packend und gewaltig zu schildern
verstanden wie er:
„Schon mehrere Tage vorher ahnt und weissagt der Wüstensohn diesen
furchtbaren Wind, dem er geradezu tödliche Wirkungen zuschreibt. Die
Temperatur der Luft wird im höchsten Grade lästig: sie ist schwül
und abspannend wie vor einem Gewitter. Der Horizont ist mit einem
leichten, rötlich oder blau erscheinenden Dufte wie überhaucht -- es
ist der in der Atmosphäre kreisende Wüstensand, aber noch bemerkt man
keinen Hauch des Windes. Die Tiere jedoch fühlen seine Nähe wohl.
Sie werden unruhig und ängstlich, wollen nicht mehr in gewohnter
Weise gehen, drängen sich aus dem Zuge heraus und geben noch andere
unverkennbare Beweise ihres Ahnungsvermögens. Dabei ermatten sie in
kurzer Zeit mehr als sonst durch tagelange Märsche, stürzen zuweilen
mit ihren Ladungen und können nur mit Mühe oder gar nicht wieder zum
Aufstehen gebracht werden. In der dem Sturm vorausgehenden Nacht nimmt
die Schwüle unverhältnismäßig zu, der Schweiß dringt aus allen Poren
hervor, nur die strengste geistige Überwachung vermag dem Körper die
ihm nötige Spannkraft zu erhalten. Die Karawane setzt ihre Reise mit
ängstlicher Eile fort, solange es gehen will, solange nicht Mensch
und Tier vor allzu großer Ermüdung zusammenbrechen, solange noch, dem
Führer zum Merkmal, ein Sternchen am Himmel flimmert. Auch das letzte
verschwindet, ein dicker, trockener, undurchsichtiger Nebel deckt die
Ebene. Die Nacht vergeht, die Sonne steigt im Osten auf, der Wanderer
sieht sie nicht. Der Nebel ist dichter, undurchsichtiger geworden, die
stark gerötete Luft nimmt allgemach eine grauere, düstere Färbung an.
Es herrscht fast Dämmerung. Das Auge durchdringt den Dunstschleier kaum
über 100 Fuß weit. Der Tageszeit nach muß es Mittag sein. Da erhebt
sich ein leiser, glühender Wind aus Süden oder Südwesten. Stärkere
Stöße folgen, abgerissen, einzeln. Jetzt braust der Wind, zum Orkan
gesteigert, daher. Hoch auf wirbelt der Sand, dicke Wolken verdunkeln
die Luft. Der Wind würde den Reiter, der sich ihm widersetzen wollte,
aus dem Sattel heben, aber kein Kamel ist zum Weitergehen zu bewegen.
Die Karawane muß lagern. Den Hals platt auf den Boden gestreckt,
schnaubend und stöhnend legen sich die Kamele nieder; man hört die
unruhigen, regellosen Atemzüge der geängstigten Tiere. Geschäftig bauen
die Araber alle Wasserschläuche an der sie vor dem Winde schützenden
Seite eines lagernden Kamels auf einen Haufen, um die der trocknenden
Luft ausgesetzte Schlauchoberfläche zu verringern; sie selbst hüllen
sich in das sie bekleidende Tuch so dicht als möglich ein und suchen
ebenfalls hinter Kisten oder Warenballen Schutz. Die Karawane liegt
totenstill. In den Lüften rast der Orkan. Es kracht und dröhnt: die
Bretter der Kisten zerspringen mit gewaltigem Knallen. Der Staub dringt
durch alle Öffnungen, selbst durch die Tücher hindurch, peinigt und
quält den Menschen, auf dessen Haut er sich festsetzt. Man fühlt bald
heftige Kopfschmerzen, das Atmen wird schwer, die Brust ist beengt,
der Körper trieft von Schweiß, aber dieser näßt die dünnen Kleider
nicht, denn begierig saugt die glühende Atmosphäre alle Feuchtigkeit
auf. Wo die Wasserschläuche mit dem Winde in Berührung kommen, dörren
sie und werden brüchig, das Wasser verdunstet. Wehe dem armen Wanderer
in der Wüste, wenn der Samum lange währt! Er wird sein Verderber! Ein
lange anhaltender Samum ermattet Menschen und Tiere mehr als alle
übrigen Beschwerden einer Wüstenreise zusammen. Und dabei bringt er
neue, bisher nie gekannte Qualen über den Reisenden. Schon nach kurzer
Zeit springen ihm, weil die heiße Luft alle Feuchtigkeit entzieht,
die Lippen auf und fangen an zu bluten; die Zunge hängt trocken in
dem nach Wasser lechzenden Munde, der Atem wird übelriechend, alle
Glieder erschlaffen. Zu dem grenzenlosen Durste gesellt sich bald
ein unerträgliches Jucken und Brennen am ganzen Körper: die Haut ist
brüchig geworden, und in alle Risse dringt der feine Staub. Man hört
die lauten Klagen der so grausam Gemarterten; zuweilen arten sie in
förmliche Raserei aus -- der Gepeinigte ist wahnsinnig geworden; oder
sie verstummen zuletzt ganz, denn das mit fieberiger Hast durch die
Adern strömende Blut hat den Kopf so beschwert, daß Bewußtlosigkeit
eingetreten ist. Der Sturm ermattet, aber mancher Mensch erhebt sich
nicht mehr: ein Gehirnschlag hat seinem Leben ein Ende gemacht. Auch
mehrere Kamele liegen in den letzten Zügen.“
Schlanke Palmenwipfel am glasblauen Horizonte verkündigen die Nähe
einer Oase, also einer Menschensiedlung im Meere des Sandes, ermöglicht
durch das Vorhandensein von Wasser. Der Giftwind Samum haucht auch über
die Oase seinen verderbenbringenden Odem, ohne das Verderben wirklich
herbeizuführen, denn das Wasser lähmt seine verheerende Gewalt. Darum
sind Brunnen und Oasen Friedensorte in der Wüste. Ursprünglich war die
Oase nur von der schlanken Gazelle belebt, diesem Wunder der Wüste,
und von der anspruchslosen Mimose. Dann kam der Mensch und brachte ihr
die Königin der Pflanzenwelt, die Palme, und nun erst wurde die Oase
bewohnbar. Eine Oase ohne Palmen wäre keine Oase, wäre ein Gedicht ohne
Worte, ein Brunnen ohne Wasser, ein Haus ohne Bewohner. Auf solchen
reichen Inseln des Sandmeeres hat sich der Mensch bleibend ansiedeln
können, während er am bloßen Wüstenbrunnen nur tagelang zu verweilen
vermag und nach kurzer Rast mit seiner beweglichen Habe weiterziehen
muß. Der von Brunnen zu Brunnen wandernde Nomade gleicht einem von
Insel zu Insel steuernden Schiffer, der in einer größeren Oase Wohnende
dagegen einem Insulaner. Die Häuser der von Brehm besuchten Oasen in
der Landschaft Fessan bestanden nur aus luftgetrockneten Lehmziegeln
und hatten flache Dächer aus Palmstämmen. Gemütlich war’s in ihnen
nicht, denn das Ungeziefer hatte freien Zutritt. Fliegenschwärme,
unerhört zudringliche und bösartige Wespen peinigten den Menschen
entsetzlich, giftgeschwollene Skorpione und widerwärtige Spinnen
gehörten zu den regelmäßigen Hausbewohnern, selbst Vipern verirrten
sich gar nicht selten in die Wohnräume. Dagegen werden die zierlichen
Eidechsen und Geckos als Fliegenvertilger gerne gesehen. In einem
solchen Heim bei der Bruthitze zu arbeiten, etwa gar einen stinkenden
Riesengeier abzubalgen, war wahrhaftig kein Vergnügen, und Brehm
lernte einsehen, daß auch das Leben in den vielgepriesenen Oasen seine
Schattenseiten hat.
* * * * *
„Es ist doch eigenartig, wie am Weihnachtsabend die Gedanken immer
wieder in die Heimat eilen,“ sagte Baron Müller nachdenklich. „Ein
echt deutsches Weihnachtsfest ist doch das Schönste, was es gibt.
Die prächtigste Palme läßt mich kalt, aber der flittergeschmückte,
kerzenstrahlende Weihnachtsbaum greift mir ans Herz. O glückliche
Kinderzeit!“ -- „Ich habe Heimweh,“ versetzte Brehm nur schlicht.
„Jeder Gedanke zieht mich heute am Heiligen Abend nach meinem stillen,
lieben Renthendorf. Oh, unser liebes Pfarrhaus! Wieviel schöner sind
doch jetzt unsere verschneiten Thüringer Nadelwälder als all dieser
bunte Tropenzauber und als all diese bedrückende Urwaldpracht.“
Die beiden Deutschen saßen am Weihnachtsabend mit ihrem getreuen
Ali mitten im Urwalde unweit des Blauen Nil. Man hatte sich’s etwas
festlich gemacht, Punsch bereitet und die Pfeifen mit dem köstlichsten
Tabak der Erde, dem unvergleichlichen Djebeli, gestopft, aber die
Wolken der Schwermut wollten den Wolken des Rauches nicht weichen, und
so sehr auch die Tropennacht schmeichelte und liebkoste, es wollte
ihr nicht gelingen, des Herzens Sehnen zu beschwichtigen. Die Gläser
blieben ungeleert und die Herzen unbefriedigt. Der Türke sang seine
prächtigen Minnelieder in tonreichen Weisen, aber auch sie versagten
heute ihre Wirkung. Der Urwald selbst mußte sprechen, damit sich die
Deutschen nicht länger ihren trüben Heimwehgedanken überließen. Und er
sprach auch.
Plötzlich schmetterten helle, kräftige Trompetentöne durch die bisher
so stille Nacht. Das Geschwätz der Diener verstummte augenblicklich,
und alle lauschten atemlos. Von neuem schmetterten die Trompeten.
„El Fiuhl! El Fiuhl! Elefanten, Elefanten!“ jubelten die mit den
Tönen der Wildnis Vertrauten. Wahrhaftig, es waren Elefanten, die
zum Flusse gingen. Und ihr Trompeten war anscheinend das Zeichen zum
Beginn eines fast schaurigen und doch wahrhaft großartigen nächtlichen
Urwaldkonzertes. Der König des Waldes donnerte durch sein Reich, und
seine Königin antwortete. Ein Nilpferd hob seinen Kopf und brummte,
als wolle es versuchen, es der Löwenstimme gleichzutun, ein Panther
grunzte, aufgescheuchte Affen gurgelten und kreischten, erschreckte
Papageien flatterten und schrien, Eulen spektakelten dazwischen, Hyänen
und Schakale übernahmen den Chorgesang, auf einer Sandbank klagte
der Wogenpflüger der Nacht, der Scherenschnabel, und wie läutende
Silberglöckchen klang dazwischen das Gezirp der Zikaden, dumpfer und
tiefer der volle Chor der Waldfrösche. Es war ein wunderbares Tonstück,
und wunderliche Künstler führten es auf, aber die Deutschen söhnte es
aus mit der Fremde, die trübe gewordenen Augen glänzten wieder, und das
Herz schlug hoch vor Freude. Zum erstenmal hörte Brehm das Trompeten
wilder Elefanten. Und so hatte auch er sein Weihnachtsgeschenk! --
Brehm feierte seinen 20. Geburtstag. Aber wie? Er hatte ohne den in
Chartum zurückgebliebenen Baron einen selbständigen Abstecher nach
dem Blauen Nil gemacht, ins Land des durch körperliche Schönheit,
auffallend helle Hautfarbe und die aufdringliche Sittenlosigkeit
seiner Weiber bekannten Negerstammes der Hassanies. Er konnte hier nur
immer wieder staunen über den unerschöpflichen und überwältigenden
Reichtum des tropischen Tierlebens. Die Vogelwelt war großartig
vertreten und die Ausbeute entsprechend, aber leider machten Malaria
und Brechdurchfall dem jungen Forscher wieder sehr viel zu schaffen.
Nun lag er an seinem Ehrentage, von schweren Fieberschauern geschüttelt
und halb bewußtlos, mutterseelenallein mitten im Urwald unter seinem
dürftigen Zelt, ohne liebevolle Pflege, ohne Arzneien, selbst ohne
das unentbehrliche Chinin. Wenn das die Lieben im fernen Vaterlande
hätten ahnen können! Soweit es sein jämmerlicher Zustand erlaubte,
jagte er trotzdem im undurchdringlichen Dorngestrüpp der Urwälder und
in den fieberschwangeren Sümpfen oder balgte mit zitternden Händen
zähneklappernd die geschossenen Vögel ab. Als er schließlich mit
einer Ausbeute von 130 Vogelbälgen auf seinem Eselchen nach Chartum
zurückkehrte, runzelte der Baron, der vom Tropenkoller geplagt sein
mochte oder vielleicht auch damals schon mit Geldsorgen zu kämpfen
hatte, beim Betrachten der kleinen Sammlung die Stirn. „Das ist doch
viel zu wenig für eine so lange Abwesenheit,“ polterte er. „Wie soll
ich denn da auf meine Kosten kommen, wenn Sie derartig faulenzen?“
Mit Recht war Brehm, der dieser Vogelbälge wegen Leben und Gesundheit
aufs Spiel gesetzt hatte, empört und erbittert über solch schreiende
Undankbarkeit. „Damals habe ich zum erstenmal gefühlt, daß die
Bemühungen eines Sammlers oder Naturforschers nur selten anerkannt
werden.“ Ein Wort gab das andere, und es kam zwischen den beiden
Reisegefährten zu einer heftigen Auseinandersetzung, die beinahe zum
völligen Bruch geführt hätte. Zwar versöhnte man sich schon am nächsten
Tage, aber das alte innige Freundschafts- und Vertrauensverhältnis
zwischen beiden wollte sich doch nie wieder so recht einstellen, obwohl
äußerlich der Friede künftig gewahrt blieb.