Durch Steppe, Wüste und Urwald

„Ich kann nicht mehr weiter! Laßt mich doch ruhig hier liegen, wo ich

bin! Ich will ja nichts mehr als sterben. Aber vorher nur noch einen

Trunk Wasser! Einen einzigen, kleinen, winzigen Schluck Wasser!“

Der so erbärmlich jammerte, das war unser sonst so tapferer Alfred

Brehm. Das Fieber hatte ihn auf dem langen Karawanenmarsche durch das

glühend heiße Kordofan mit aller Macht gepackt, und täglich zehrte

das mörderische Klima dieses verrufenen Landes an seinen schon sehr

schwach gewordenen Kräften. Mit Gewalt mußte man ihn zum Weiterreiten

zwingen. Jeder Schaukeltritt des gemächlich dahinziehenden Kamels wurde

dann dem Kranken zu peinvoller Qual, hatte Erbrechen und Leibschmerzen

zur Folge, und nur durch krampfhaftes Anklammern an eine Kiste konnte

er sich vor dem Herabfallen bewahren. Es war ein Glück, daß Baron

Müller, der selbst schwer unter immer häufigeren Fieberanfällen zu

leiden hatte, sich schon bald nach Ankunft in der unerträglich öden und

langweiligen Sklavenhändlerstadt El Obeid zum Rückmarsch nach Chartum

entschloß, denn lange hätten beide sicher nicht mehr dem fürchterlichen

Klima standgehalten. Überdies trat während der Märsche öfters Mangel an

Lebensmitteln ein, und man mußte froh sein, wenn es gelang, einige von

den Kamelen aufgescheuchte Perlhühner oder Frankoline zu schießen. Der

Hunger hätte sich ja allenfalls noch ertragen lassen, aber zum Unglück

war das spärlich genug angetroffene Wasser meist nur eine ekelhafte

bräunliche Schleimbrühe, deren unvermeidbarer Genuß immer wieder neue

Fieberanfälle auslöste. Die Steppe selbst starrte von scharfschneidigen

Gräsern und lästigen Kletten, und so war der Marsch durch sie selbst

an fieberfreien Tagen nicht gerade ein Vergnügen. Häufig stand sie

jetzt am Ende der Trockenzeit weithin in Flammen, und dann sah man,

wie die Antilopenherden in langwiegendem Galopp vor dem rasenden

Element flüchteten oder wie die fluggewandten Gaukler (eine Adlerart)

und die langbeinigen Kranichgeier erfolgreiche Jagd machten auf das

massenhaft durch die Flammen aus seinen Schlupfwinkeln herausgejagte

Schlangengezücht. Die Eingeborenen dieser Gegend, die sich im

allgemeinen nicht unfreundlich zeigten, wohnten in runden Strohhütten

(Tokhuls) mit oben spitz zulaufendem Dach, das gewöhnlich von einem

Straußenei gekrönt wurde, bebauten magere Durrha-(Hirse-)Felder und

unterhielten große Viehherden. Oft sah man 5–600 Kamele zusammen weiden

und hatte auch Gelegenheit, ihre fette, etwas säuerliche Milch zu

kosten.

„Friede sei mit dir, o Scheich!“ kauderwelschte Brehm, der Negersprache

nur wenig kundig, mit dem herbeieilenden Schulzen eines solchen großen

Tokhul-Dorfes, das man eines Abends müde und hungrig erreicht hatte.

„Wir wollen von dir gegen gutes Geld einige Farchas kaufen.“ Mit

Farchas bezeichnete man nämlich in Oberägypten junge Hühner, und etwas

anderes wäre in dem elenden Neste ja doch nicht aufzutreiben gewesen.

Der Scheich schüttelte verwundert den Kopf. „Ihr zieht ja doch, wie ich

höre, ohnehin nach El Obeid, wo es viele Farchas gibt. Dann braucht

ihr doch hier keine zu kaufen. Ich habe zwar eine, aber sie ist alt

und häßlich.“ -- „Das schadet nichts, bringe sie uns nur her!“ Jener

ging, erschien wieder und brachte -- eine Sklavin, die der Beschreibung

des guten Mannes in der Tat vollkommen entsprach. Man lachte und

versicherte ihm, daß man diese Venus nicht brauchen könne, weil man die

„Farcha“ essen wolle. Darob entfloh der Scheich voller Entsetzen. Die

Europäer staunten ihm verwundert nach; erst einer der Diener löste das

Rätsel durch die Mitteilung, daß die Kordofanesen mit „Farcha“ junge

Sklavinnen bezeichnen, während sie für Hühner das Wort „Faruhdj“ haben.

Es gab aber auch weniger lustige Mißverständnisse, namentlich als

man auf dem Rückmarsch aus Kordofan durch Gegenden kam, die erst

kürzlich von Sklavenjägern heimgesucht worden waren. Hier verhielten

sich die Eingeborenen erklärlicherweise sehr zugeknöpft, oft geradezu

unfreundlich oder feindselig. Mühsam quälten die Reisenden sich in

anstrengenden Märschen durch das ungastliche Land, denn die Hitze

hatte ihren Höhepunkt erreicht und stieg bei Südwind im Schatten der

Strohhütten bis auf 45° ~R~, während das der Sonne ausgesetzte

oder in den Sand gesteckte Thermometer nicht selten sogar 55°

~R~ zeigte. Der Körper troff Tag und Nacht von Schweiß, und

nur selten brachte ein kühlerer Nordwind allzu rasch vorübergehende

Linderung. Überdies ritt man oft in die Irre, denn es fehlte an

ortskundigen Führern. Es blieb manchmal nichts anderes übrig, als

solche mit Gewalt zu beschaffen, wenn sie nicht freiwillig mitgehen

wollten. Das brachte aber unsere Freunde bei den Schwarzen in den

Geruch von Sklavenhändlern, und dieser Umstand hätte um ein Haar

ihren Untergang herbeigeführt. Halb verdurstet, nur auf ein Restchen

brühwarmes Schlauchwasser angewiesen, lagen sie todmüde in einem

elenden, verlassenen Weiler, und der fieberkranke Brehm hatte

sich in der erstbesten Hütte auf einem Ankhareb (Bettgestell mit

elastischen Ledergurten) niedergelassen, während der Baron und Ali

(ein ausgedienter türkischer Unteroffizier, den man in Chartum als

Leibdiener aufgenommen hatte) weiter im Innern der Hütte auf dem

festgestampften Erdboden zum Schlummer sich niederlegten. Plötzlich

wurde Brehm durch ein wütendes Geheul aus seinem Halbschlafe

aufgeschreckt, und gleichzeitig erschien auch schon am Eingang die

herkulische Gestalt eines Negers, der mit gezücktem Schwert auf

ihn losstürzte und seinen tobenden Gefährten zurief: „Kommt! Hier

sind die Hunde! Kommt und schlagt sie tot!“ Mit einem gewaltigen

Kolbenschlage schmetterte Brehm den Wütenden zurück und rüttelte die

beiden anderen wach. Alle griffen zu den Waffen und drohten, jeden

Eindringling niederzuschießen. Da hörte der sprachenkundige Ali, wie

die Schwarzen sich verabredeten, die leicht Feuer fangende Strohhütte

anzuzünden, und so mußte man sich zu einem Ausfall entschließen. Aber

draußen waren die Europäer im Nu von einer großen Übermacht der Gegner

umringt, deren lange Stoßlanzen nur noch einen halben Fuß von ihrer

Brust entfernt waren. Der Baron hatte in jeder Hand eine Pistole und

wollte schießen, aber der trotz seiner Jugend viel besonnenere Brehm

beschwor ihn, dies nicht zu tun, und verlegte sich aufs Unterhandeln.

Freilich ging seine Stimme in dem wüsten Lärm unter, aber man gewann

doch so viel Zeit, sich wieder in die Hütte zurückziehen zu können.

Bewaffneter Widerstand wäre ja auch tatsächlich Wahnwitz gewesen, denn

wenn man auch einige Feinde unschädlich gemacht hätte, so wäre man

doch schließlich unzweifelhaft trotz größter Tapferkeit der gewaltigen

Übermacht unterlegen. Da kam im letzten Augenblick unerwartet Hilfe

in höchster Not. Ein Araber mit milchweißem Barte, den die Schwarzen

zu kennen und zu achten schienen, trieb die tobende Bande mit der

Nilpferdpeitsche zurück und schaffte erst einmal Ruhe. Bald klärte sich

nun das Mißverständnis auf, die ernüchterten Neger baten um Verzeihung,

und der landesübliche Bakschisch beendete zur allseitigen Zufriedenheit

das gefährliche Abenteuer.

Über all die unsäglichen Widerwärtigkeiten und Mühseligkeiten halfen

aber doch immer wieder köstliche Forscherfreuden hinweg. Namentlich

bei längerem Verweilen an einem günstigen Platze gab es genußreiche

Tage und fast überreiche Beute. Da wurden erfolgreiche Adlerjagden

veranstaltet, Antilopen und Hasen für die Küche geschossen. Wenn man

nur auch eine geeignete Zukost dazu gehabt hätte! Aber weder Gemüse

noch Kartoffeln wollen in der Gluthitze Kordofans mehr gedeihen, und

die schlissigen, unappetitlichen Durrhakuchen, die die Negerweiber zu

bereiten verstanden, waren schließlich doch nur ein sehr unvollkommener

Ersatz für unser köstliches und wohlschmeckendes Brot. Ein wahres

Labsal war es dagegen, wenn es glückte, einmal einen Krug Meriesa

aufzutreiben, eine Art Hirsebier, das sehr erfrischend schmeckt und

ähnlich wie der russische Kwaß von jedem Stamme und jedem Dorfe in

anderer Weise zubereitet wird.

Köstlich waren die Tropenabende, wenn man innerhalb der mächtigen

Dornumwallung eines Dorfes saß und dem gemütlichen Schnurren der

langgeschwänzten Nachtschwalben lauschte oder den wehmütigen Rufen

der kleinen Eulen, die zutraulich auf den Spitzen der Tokhals saßen.

Blutdürstige Leoparden und feige Hyänen umschlichen nachts gierig

die Dornumwallung, wurden aber rasch von den zahlreichen und mutigen

Hunden zurückgetrieben. Nur wenn das aus tiefster Brust hervorgeholte

Donnergebrüll des Löwen erscholl, das Brehm hier klopfenden Herzens zum

erstenmal vernahm, verkrochen sich die edlen Hunde kläglich winselnd

bei ihren Herren, die aber ebensowenig wie ihre vierbeinigen Gehilfen

dem König der Tiere entgegenzutreten wagten, zumal die lange Stoßlanze

ihre einzige Waffe war. Zweimal holte sich in Anwesenheit Brehms der

„Herr mit dem dicken Kopfe“ durch gewaltigen Sprung, unwiderstehlichen

Prankenschlag und zermalmenden Nackenbiß sein Opfer aus der hohen

Dornumwallung (Serrieba), und um die Überbleibsel der königlichen Tafel

stritten sich dann am nächsten Tage Geier und Marabus und in der Nacht

Hyänen und Schakale.

[Illustration: Hyänenhunde („gemalte“ Hunde) auf der Antilopenjagd

Nach einer Originalzeichnung von H. Leutemann zu Brehms Arbeit „Neue

Charakterbilder aus der Tierwelt“ (1867)]

* * * * *

Wüstensturm! Lauschen wir Brehms eigenen Worten, denn keiner hat die

hehre Majestät der Wüste mit all ihren Schrecken und Schönheiten

so eindringlich und greifbar, so packend und gewaltig zu schildern

verstanden wie er:

„Schon mehrere Tage vorher ahnt und weissagt der Wüstensohn diesen

furchtbaren Wind, dem er geradezu tödliche Wirkungen zuschreibt. Die

Temperatur der Luft wird im höchsten Grade lästig: sie ist schwül

und abspannend wie vor einem Gewitter. Der Horizont ist mit einem

leichten, rötlich oder blau erscheinenden Dufte wie überhaucht -- es

ist der in der Atmosphäre kreisende Wüstensand, aber noch bemerkt man

keinen Hauch des Windes. Die Tiere jedoch fühlen seine Nähe wohl.

Sie werden unruhig und ängstlich, wollen nicht mehr in gewohnter

Weise gehen, drängen sich aus dem Zuge heraus und geben noch andere

unverkennbare Beweise ihres Ahnungsvermögens. Dabei ermatten sie in

kurzer Zeit mehr als sonst durch tagelange Märsche, stürzen zuweilen

mit ihren Ladungen und können nur mit Mühe oder gar nicht wieder zum

Aufstehen gebracht werden. In der dem Sturm vorausgehenden Nacht nimmt

die Schwüle unverhältnismäßig zu, der Schweiß dringt aus allen Poren

hervor, nur die strengste geistige Überwachung vermag dem Körper die

ihm nötige Spannkraft zu erhalten. Die Karawane setzt ihre Reise mit

ängstlicher Eile fort, solange es gehen will, solange nicht Mensch

und Tier vor allzu großer Ermüdung zusammenbrechen, solange noch, dem

Führer zum Merkmal, ein Sternchen am Himmel flimmert. Auch das letzte

verschwindet, ein dicker, trockener, undurchsichtiger Nebel deckt die

Ebene. Die Nacht vergeht, die Sonne steigt im Osten auf, der Wanderer

sieht sie nicht. Der Nebel ist dichter, undurchsichtiger geworden, die

stark gerötete Luft nimmt allgemach eine grauere, düstere Färbung an.

Es herrscht fast Dämmerung. Das Auge durchdringt den Dunstschleier kaum

über 100 Fuß weit. Der Tageszeit nach muß es Mittag sein. Da erhebt

sich ein leiser, glühender Wind aus Süden oder Südwesten. Stärkere

Stöße folgen, abgerissen, einzeln. Jetzt braust der Wind, zum Orkan

gesteigert, daher. Hoch auf wirbelt der Sand, dicke Wolken verdunkeln

die Luft. Der Wind würde den Reiter, der sich ihm widersetzen wollte,

aus dem Sattel heben, aber kein Kamel ist zum Weitergehen zu bewegen.

Die Karawane muß lagern. Den Hals platt auf den Boden gestreckt,

schnaubend und stöhnend legen sich die Kamele nieder; man hört die

unruhigen, regellosen Atemzüge der geängstigten Tiere. Geschäftig bauen

die Araber alle Wasserschläuche an der sie vor dem Winde schützenden

Seite eines lagernden Kamels auf einen Haufen, um die der trocknenden

Luft ausgesetzte Schlauchoberfläche zu verringern; sie selbst hüllen

sich in das sie bekleidende Tuch so dicht als möglich ein und suchen

ebenfalls hinter Kisten oder Warenballen Schutz. Die Karawane liegt

totenstill. In den Lüften rast der Orkan. Es kracht und dröhnt: die

Bretter der Kisten zerspringen mit gewaltigem Knallen. Der Staub dringt

durch alle Öffnungen, selbst durch die Tücher hindurch, peinigt und

quält den Menschen, auf dessen Haut er sich festsetzt. Man fühlt bald

heftige Kopfschmerzen, das Atmen wird schwer, die Brust ist beengt,

der Körper trieft von Schweiß, aber dieser näßt die dünnen Kleider

nicht, denn begierig saugt die glühende Atmosphäre alle Feuchtigkeit

auf. Wo die Wasserschläuche mit dem Winde in Berührung kommen, dörren

sie und werden brüchig, das Wasser verdunstet. Wehe dem armen Wanderer

in der Wüste, wenn der Samum lange währt! Er wird sein Verderber! Ein

lange anhaltender Samum ermattet Menschen und Tiere mehr als alle

übrigen Beschwerden einer Wüstenreise zusammen. Und dabei bringt er

neue, bisher nie gekannte Qualen über den Reisenden. Schon nach kurzer

Zeit springen ihm, weil die heiße Luft alle Feuchtigkeit entzieht,

die Lippen auf und fangen an zu bluten; die Zunge hängt trocken in

dem nach Wasser lechzenden Munde, der Atem wird übelriechend, alle

Glieder erschlaffen. Zu dem grenzenlosen Durste gesellt sich bald

ein unerträgliches Jucken und Brennen am ganzen Körper: die Haut ist

brüchig geworden, und in alle Risse dringt der feine Staub. Man hört

die lauten Klagen der so grausam Gemarterten; zuweilen arten sie in

förmliche Raserei aus -- der Gepeinigte ist wahnsinnig geworden; oder

sie verstummen zuletzt ganz, denn das mit fieberiger Hast durch die

Adern strömende Blut hat den Kopf so beschwert, daß Bewußtlosigkeit

eingetreten ist. Der Sturm ermattet, aber mancher Mensch erhebt sich

nicht mehr: ein Gehirnschlag hat seinem Leben ein Ende gemacht. Auch

mehrere Kamele liegen in den letzten Zügen.“

Schlanke Palmenwipfel am glasblauen Horizonte verkündigen die Nähe

einer Oase, also einer Menschensiedlung im Meere des Sandes, ermöglicht

durch das Vorhandensein von Wasser. Der Giftwind Samum haucht auch über

die Oase seinen verderbenbringenden Odem, ohne das Verderben wirklich

herbeizuführen, denn das Wasser lähmt seine verheerende Gewalt. Darum

sind Brunnen und Oasen Friedensorte in der Wüste. Ursprünglich war die

Oase nur von der schlanken Gazelle belebt, diesem Wunder der Wüste,

und von der anspruchslosen Mimose. Dann kam der Mensch und brachte ihr

die Königin der Pflanzenwelt, die Palme, und nun erst wurde die Oase

bewohnbar. Eine Oase ohne Palmen wäre keine Oase, wäre ein Gedicht ohne

Worte, ein Brunnen ohne Wasser, ein Haus ohne Bewohner. Auf solchen

reichen Inseln des Sandmeeres hat sich der Mensch bleibend ansiedeln

können, während er am bloßen Wüstenbrunnen nur tagelang zu verweilen

vermag und nach kurzer Rast mit seiner beweglichen Habe weiterziehen

muß. Der von Brunnen zu Brunnen wandernde Nomade gleicht einem von

Insel zu Insel steuernden Schiffer, der in einer größeren Oase Wohnende

dagegen einem Insulaner. Die Häuser der von Brehm besuchten Oasen in

der Landschaft Fessan bestanden nur aus luftgetrockneten Lehmziegeln

und hatten flache Dächer aus Palmstämmen. Gemütlich war’s in ihnen

nicht, denn das Ungeziefer hatte freien Zutritt. Fliegenschwärme,

unerhört zudringliche und bösartige Wespen peinigten den Menschen

entsetzlich, giftgeschwollene Skorpione und widerwärtige Spinnen

gehörten zu den regelmäßigen Hausbewohnern, selbst Vipern verirrten

sich gar nicht selten in die Wohnräume. Dagegen werden die zierlichen

Eidechsen und Geckos als Fliegenvertilger gerne gesehen. In einem

solchen Heim bei der Bruthitze zu arbeiten, etwa gar einen stinkenden

Riesengeier abzubalgen, war wahrhaftig kein Vergnügen, und Brehm

lernte einsehen, daß auch das Leben in den vielgepriesenen Oasen seine

Schattenseiten hat.

* * * * *

„Es ist doch eigenartig, wie am Weihnachtsabend die Gedanken immer

wieder in die Heimat eilen,“ sagte Baron Müller nachdenklich. „Ein

echt deutsches Weihnachtsfest ist doch das Schönste, was es gibt.

Die prächtigste Palme läßt mich kalt, aber der flittergeschmückte,

kerzenstrahlende Weihnachtsbaum greift mir ans Herz. O glückliche

Kinderzeit!“ -- „Ich habe Heimweh,“ versetzte Brehm nur schlicht.

„Jeder Gedanke zieht mich heute am Heiligen Abend nach meinem stillen,

lieben Renthendorf. Oh, unser liebes Pfarrhaus! Wieviel schöner sind

doch jetzt unsere verschneiten Thüringer Nadelwälder als all dieser

bunte Tropenzauber und als all diese bedrückende Urwaldpracht.“

Die beiden Deutschen saßen am Weihnachtsabend mit ihrem getreuen

Ali mitten im Urwalde unweit des Blauen Nil. Man hatte sich’s etwas

festlich gemacht, Punsch bereitet und die Pfeifen mit dem köstlichsten

Tabak der Erde, dem unvergleichlichen Djebeli, gestopft, aber die

Wolken der Schwermut wollten den Wolken des Rauches nicht weichen, und

so sehr auch die Tropennacht schmeichelte und liebkoste, es wollte

ihr nicht gelingen, des Herzens Sehnen zu beschwichtigen. Die Gläser

blieben ungeleert und die Herzen unbefriedigt. Der Türke sang seine

prächtigen Minnelieder in tonreichen Weisen, aber auch sie versagten

heute ihre Wirkung. Der Urwald selbst mußte sprechen, damit sich die

Deutschen nicht länger ihren trüben Heimwehgedanken überließen. Und er

sprach auch.

Plötzlich schmetterten helle, kräftige Trompetentöne durch die bisher

so stille Nacht. Das Geschwätz der Diener verstummte augenblicklich,

und alle lauschten atemlos. Von neuem schmetterten die Trompeten.

„El Fiuhl! El Fiuhl! Elefanten, Elefanten!“ jubelten die mit den

Tönen der Wildnis Vertrauten. Wahrhaftig, es waren Elefanten, die

zum Flusse gingen. Und ihr Trompeten war anscheinend das Zeichen zum

Beginn eines fast schaurigen und doch wahrhaft großartigen nächtlichen

Urwaldkonzertes. Der König des Waldes donnerte durch sein Reich, und

seine Königin antwortete. Ein Nilpferd hob seinen Kopf und brummte,

als wolle es versuchen, es der Löwenstimme gleichzutun, ein Panther

grunzte, aufgescheuchte Affen gurgelten und kreischten, erschreckte

Papageien flatterten und schrien, Eulen spektakelten dazwischen, Hyänen

und Schakale übernahmen den Chorgesang, auf einer Sandbank klagte

der Wogenpflüger der Nacht, der Scherenschnabel, und wie läutende

Silberglöckchen klang dazwischen das Gezirp der Zikaden, dumpfer und

tiefer der volle Chor der Waldfrösche. Es war ein wunderbares Tonstück,

und wunderliche Künstler führten es auf, aber die Deutschen söhnte es

aus mit der Fremde, die trübe gewordenen Augen glänzten wieder, und das

Herz schlug hoch vor Freude. Zum erstenmal hörte Brehm das Trompeten

wilder Elefanten. Und so hatte auch er sein Weihnachtsgeschenk! --

Brehm feierte seinen 20. Geburtstag. Aber wie? Er hatte ohne den in

Chartum zurückgebliebenen Baron einen selbständigen Abstecher nach

dem Blauen Nil gemacht, ins Land des durch körperliche Schönheit,

auffallend helle Hautfarbe und die aufdringliche Sittenlosigkeit

seiner Weiber bekannten Negerstammes der Hassanies. Er konnte hier nur

immer wieder staunen über den unerschöpflichen und überwältigenden

Reichtum des tropischen Tierlebens. Die Vogelwelt war großartig

vertreten und die Ausbeute entsprechend, aber leider machten Malaria

und Brechdurchfall dem jungen Forscher wieder sehr viel zu schaffen.

Nun lag er an seinem Ehrentage, von schweren Fieberschauern geschüttelt

und halb bewußtlos, mutterseelenallein mitten im Urwald unter seinem

dürftigen Zelt, ohne liebevolle Pflege, ohne Arzneien, selbst ohne

das unentbehrliche Chinin. Wenn das die Lieben im fernen Vaterlande

hätten ahnen können! Soweit es sein jämmerlicher Zustand erlaubte,

jagte er trotzdem im undurchdringlichen Dorngestrüpp der Urwälder und

in den fieberschwangeren Sümpfen oder balgte mit zitternden Händen

zähneklappernd die geschossenen Vögel ab. Als er schließlich mit

einer Ausbeute von 130 Vogelbälgen auf seinem Eselchen nach Chartum

zurückkehrte, runzelte der Baron, der vom Tropenkoller geplagt sein

mochte oder vielleicht auch damals schon mit Geldsorgen zu kämpfen

hatte, beim Betrachten der kleinen Sammlung die Stirn. „Das ist doch

viel zu wenig für eine so lange Abwesenheit,“ polterte er. „Wie soll

ich denn da auf meine Kosten kommen, wenn Sie derartig faulenzen?“

Mit Recht war Brehm, der dieser Vogelbälge wegen Leben und Gesundheit

aufs Spiel gesetzt hatte, empört und erbittert über solch schreiende

Undankbarkeit. „Damals habe ich zum erstenmal gefühlt, daß die

Bemühungen eines Sammlers oder Naturforschers nur selten anerkannt

werden.“ Ein Wort gab das andere, und es kam zwischen den beiden

Reisegefährten zu einer heftigen Auseinandersetzung, die beinahe zum

völligen Bruch geführt hätte. Zwar versöhnte man sich schon am nächsten

Tage, aber das alte innige Freundschafts- und Vertrauensverhältnis

zwischen beiden wollte sich doch nie wieder so recht einstellen, obwohl

äußerlich der Friede künftig gewahrt blieb.

Tiervater Brehm · 第 25 / 43 题