„Was willst du eigentlich von mir, o Fremdling?“ frug sie in ihrer
kindlichen Unschuld.
„Reden will ich mit dir, du schlanke Gazelle. Meine Augen bedürfen
deines Lichtes, meine Seele bedarf deines Odems. Die Muscheln meiner
Ohren sind bereit, die Perlen deiner Worte in sich aufzunehmen.“
„Hast du Eltern?“
„Allah sei gelobt, ja!“
„Hast du Schwestern?“
„Ja, eine einzige. Aber sie ist weit, weit von hier und meine Eltern
auch und alle, die ich liebe. Ich bin ganz allein hier in der Fremde.“
„O du Armer, so will ich deine Schwester sein. Nenne mich Schwester,
und ich werde dich Bruder nennen.“
Es folgten berauschend schöne Tropenabende. Brehm lernte verstehen,
was das arabische Wort „Leila“ (Nacht) bedeutet. Noch in späteren
Jahren klang es ihm wie Musik. Manchmal durfte er Warde auch „Habihbti“
(Geliebte) nennen. Der alte Scheich, den er als Sprachlehrer
aufgenommen hatte, lehrte ihn Worte, wie sie in den Büchern standen,
Warde lehrte ihn solche, wie sie das frisch erblühende Leben bedurfte.
Die Rose duftete für ihn, doch die Tage flogen dahin, und die
Abschiedsstunde nahte.
„Die Betrübnis ist eingezogen bei uns,“ sagte Warde traurig, „und der
Schmerz ist zwischen uns getreten, mein Bruder, mein Freund, mein Herr!
Aber du kannst mich ja mit dir nehmen, o Lust meiner Seele!“
„Nein, Warde, das kann ich nicht.“
„Und warum nicht, mein Gebieter?“
„Seele meines Lebens, ich kann nicht, ich darf nicht. Es wäre Sünde an
dir und deinem Leben, Habihbti! Und dann, wie soll ich dich mit mir
nehmen, Warde?“
„Als dein Weib, Mann!“
„In meinem Lande heiratet man nicht so früh. Ich zähle noch zu wenig
Jahre, als daß ich mir eine Frau nehmen könnte. Das bedenke, o Gute!“
„So nimm mich mit dir als deine Dienerin, als deine Sklavin! Befiehl
mir, was ich sein soll, und ich werde dir gehorchen!“
„Es geht nicht, es ist unmöglich, Warde, es wäre eine Sünde an dir!
Aber denke an mich, wenn ich in der Ferne bin!“
„Oh, du wirst meiner gedenken, wenn das Unglück in dein Zelt tritt und
die Krankheit sich auf dein Lager legt.“
„Ich werde deiner immer gedenken, Warde!“
Sie antwortete nichts mehr: sie weinte.
„Allah behüte dich, und Issa (Jesus) sei mit dir, du lieber, böser,
fremder Mann!“
Das waren die letzten Worte, die Brehm von ihr vernahm.
Selten ist wohl ein Liebesverhältnis zwischen Europäer und Afrikanerin
mit duftigerer Zartheit geschildert worden als dieses. Brehm war
überhaupt ein Typ männlicher Keuschheit, so wie sie Gottfried August
Bürger so schön besungen hat. Er war ganz gewiß kein Philister oder
Spielverderber oder Lebensverächter, aber nie kam im Familienkreise ein
unanständiges Wort über seine Lippen, selbst nicht beim Becherklang
inmitten vertrauter Freunde.
* * * * *
Die Verhältnisse Brehms in Chartum hatten sich inzwischen immer
peinlicher und unangenehmer gestaltet. Um seine geradezu verzweifelte
Lage zu verstehen, müssen wir einiges nachholen. Nach der geschilderten
Überwindung der Stromschnellen von Wadi-Halfa waren Baron Müller
und Brehm noch gemeinsam nilabwärts nach Alexandria gereist, und
hier schiffte sich der Baron nach Europa ein und eilte der deutschen
Heimat zu, während Brehm allein im schwarzen Erdteil zurückblieb.
Der Baron wollte in Deutschland die nötige Ausrüstung beschaffen für
eine sehr großartig von ihm angekündigte Forschungsreise nach den
Nilquellen, die ja damals das große geographische Problem waren,
und wollte noch weitere Teilnehmer dazu anwerben, um dann sobald
als möglich zurückzukehren und an der Spitze der neuen Expedition
ins unerforschte Innere von Afrika zu ziehen. Brehm sollte derweil
auch seinerseits allerlei Vorbereitungen treffen und die übrigen
Teilnehmer in Unterägypten erwarten, die Zwischenzeit aber durch Jagen
und Sammeln an dem 45 Quadratmeilen großen, aber nur metertiefen
Menzaleh-See ausnutzen, in dem er eine großartige Winterherberge
und Durchzugsstation osteuropäischen und westasiatischen Sumpf- und
Wassergeflügels entdeckt hatte.
Er mußte viele Monate warten, war schon in Geldverlegenheit und
deshalb sehr ungeduldig, aber endlich langten doch drei weitere
Reiseteilnehmer mit einer freilich sehr bescheidenen Ausrüstung an.
Der Klügste von ihnen trat sofort zurück, als er bemerkte, wie völlig
ungenügend die so großspurig angekündigte Expedition finanziert war.
Es blieben der ~Dr. med.~ Richard Vierthaler aus Cöthen, der auf
eigene Kosten reiste, und -- Brehms eigener, um sechs Jahre älterer
Stiefbruder Oskar. Die Freude des Wiedersehens war natürlich groß,
die Geldsumme aber, die Oskar dem jüngeren Bruder als dem vorläufigen
Expeditionsleiter aushändigte, war so gering, daß sie kaum zur
Bestreitung der Reisekosten bis Chartum ausreichte. Indessen hatte ja
der Baron fest versprochen, baldmöglichst nachzukommen und reichliche
Geldmittel mitzubringen oder auch nach Chartum vorauszusenden. Für
Alfred Brehm, der trotz aller schlimmen Erfahrungen dem Baron immer
noch rückhaltlos vertraute, gab es daher kein Zögern, und er entschied
sich für sofortigen Aufbruch; sehnte er sich doch mit allen Fasern
seines Herzens danach, endlich aus dem langweiligen Unterägypten
fortzukommen und wieder in wirklich wilde Länder mit urwüchsigem
Tierleben zu gelangen. War man doch jetzt zu dritt und konnte
vereint alle Hemmnisse mit gemeinsamer Kraft leichter überwinden als
allein. Aber weder Dr. Vierthaler noch Oskar Brehm haben die Heimat
wiedergesehen. Jener erlag dem mörderischen Klima, und dieser ertrank
am 8. Mai 1850 bei Dongola vor den Augen des verzweifelnden Bruders im
Nil, ohne daß ihm rechtzeitig Hilfe gebracht werden konnte. Es war ein
schwerer Schlag für Alfred Brehm, unsern jungen Freund. Unter einer
einsamen Palme in der Wüste, eine Viertelstunde vom Nil entfernt,
erhebt sich Oskar Brehms schmuckloser Grabhügel.
Nach beschwerlicher Reise kam Brehm ohne den geliebten Bruder abermals
in Chartum an, nahm seine Sammeltätigkeit wieder auf und wartete
geduldig auf den Baron oder doch wenigstens auf eine größere Geldsumme,
die die Weiterreise der „Expedition“ ins Innere ermöglichen würde. Aber
es kam nichts, höchstens dann und wann ein grober Brief mit Vorwürfen
darüber, daß die Expedition noch nicht zum Oberlauf des Blauen Flusses
vorgedrungen sei. Ja, wie hätte sie denn das ohne alle Geldmittel tun
sollen? Auch in Afrika ist das Reisen nicht umsonst, im Gegenteil um
das Vielfache teurer als in Europa. Trotzdem zog es auch Brehm mächtig
in die geheimnisvollen Urwälder am Blauen Nil, und er wollte wenigstens
einen Versuch unbedingt wagen, ehe das ungesunde Klima Chartums seine
körperlichen Kräfte wieder allzu sehr geschwächt haben würde. Er
hatte schon kleinere Schulden machen müssen und entschloß sich nun
zur Aufnahme eines größeren Darlehens, um seinen Plan durchführen zu
können. Er wandte sich an einen reichen Armenier, der mit schönen
Sklavinnen handelte und auch dafür bekannt war, daß er Wuchergeschäfte
machte. Der mochte den Deutschen wohl schon erwartet haben und empfing
ihn sehr freundlich:
„Sie wünschen von mir Geld zu haben, verehrtester Herr. Ich bin gerne
erbötig, Ihren Wunsch zu erfüllen. Aber ich bin Kaufmann, und Sie
werden sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß ich nur gegen
Zinsen ein Darlehen gewähren kann. Auch glaube ich, daß es für Sie am
zweckmäßigsten wäre, wenn Sie zu Ihrer bevorstehenden Reise meine Barke
benutzen würden, die ich Ihnen für die Mietsumme von monatlich 700
Piastern überlassen will. Wieviel Piaster haben Sie nötig?“
Brehm nannte die Summe von 3000 Piastern. Der Gauner forderte 60
Prozent Zinsen und für seine elende Barke das Doppelte des üblichen
Mietpreises. Das waren furchtbare Bedingungen, in deren Erfüllung
Brehm seinen völligen Untergang voraussah. Er kochte innerlich vor
Wut, aber er biß die Zähne zusammen und fügte sich, weil er sich eben
fügen mußte, weil der Ertrinkende in seiner Verzweiflung auch nach
einem Strohhalm greift. Als aber bei Ausstellung des Schuldscheins und
Berechnung der Geldsorten der Armenier den bedauernswerten Forscher um
weitere 20 Prozent zu betrügen versuchte, blieb der Deutsche seiner
Entrüstung nicht länger Herr. Mit starker Hand hielt er den Schurken an
seinem langen Barte fest und prügelte ihn mit der Nilpferdpeitsche, so
lange er seinen rechten Arm rühren konnte, und das dauerte sehr lange,
denn dieser Arm war jung und kräftig. Der getreue Ali hütete derweil
mit gespannter Pistole die Tür des Diwan[2], so daß die Dienerschaft
ihrem jämmerlich um Hilfe rufenden Herrn keine Unterstützung bringen
konnte. Endlich entwand sich der Gauner Brehms ermattenden Händen,
flüchtete in seinen Harem und schrie: „Maladetto, jetzt sieh, wo du
Geld herbekommst!“ Ohne ein weiteres Wort verließ Brehm den Diwan des
bestraften Wucherers.
[2] Empfangszimmer für Männer
Der gestrenge Oberstatthalter des Sudan, Latief Pascha, soll herzlich
gelacht haben, als ihm dies Geschichtchen zugetragen wurde, denn der
echte Türke mag ja den Armenier nicht ausstehen. Darauf fußend, wagte
es der verzweifelnde Brehm, den Pascha selbst in einer Bittschrift um
ein Darlehen von 5000 Piastern auf vier Monate anzugehen; bis dahin
würde er sicherlich Geld durch Baron Müller erhalten haben. Schon am
nächsten Tage hielt er eine Anweisung auf das Schatzamt in Händen:
„Wir haben das Gesuch des Deutschen Chalil Effendi[3] zu genehmigen
beschlossen und befehlen euch, ihm 5000 Piaster ohne Zinsen auf
vier Monate vorzustrecken. Laßt euch von ihm einen Empfangsschein
geben. Sollte der Herr aber nach Verlauf von vier Monaten noch nicht
imstande sein, das ihm geliehene Geld an die Kasse der Regierung
zurückzuzahlen, so sendet uns seinen Empfangsschein zu und rechnet uns
die Summe von 5000 Piastern auf unsere Apanagen.“
[3] So wurde Brehm von Arabern und Türken genannt
So großmütig, wahrhaft königlich handelte der Türke. Als Brehm seinem
Gönner einen Dankbesuch abstattete, wurde er mit Worten empfangen,
die fast wie ein Vorwurf klangen: „Es war unrecht von dir, Chalil
Effendi, daß du mir deine Verlegenheit nicht schon früher angezeigt
hast. Ich würde sie längst beendigt haben. Wie konntest du aber auch
erst zu einem dieser schurkischen Christen gehen, statt gleich zu einem
Mohammedaner?“
Die Reise nach dem Oberlauf des Blauen Flusses konnte also
angetreten werden. Sie gestaltete sich zu einer der glücklichsten
und erfolgreichsten, die Brehm je gemacht hat, zumal er dabei von
den tückischen Fieberanfällen so ziemlich verschont blieb. Er konnte
diesmal weit tiefer ins Innere vordringen als früher mit Baron Müller.
Erst als der Schießbedarf zu Ende ging und sich die Ausbeute zu stark
anhäufte, kehrte er um. Jetzt lernte er überdies die überwältigende
Formen- und Farbenfülle der Tropen erst in ihrem ganzen Umfang kennen
und wurde mit den sagenhaftesten Gestalten der Urwälder und Sümpfe
innig vertraut. Hier lebt auch der riesenhafte, vorsintflutlich
anmutende Watvogel, den die Araber Abu Markub nennen, d. h. Vater des
Schuhs, denn in der Tat hat sein absonderlicher Schnabel die größte
Ähnlichkeit mit den plumpen Schuhen, wie sie die ägyptischen Bauern
tragen. Aufregende jagdliche Abenteuer gab es in Hülle und Fülle, und
einmal wäre Brehm um Haaresbreite von einem wütenden Nilpferd getötet
worden; nur seine Schwimmkunst rettete ihm das Leben. Mit einer
Ausbeute von nicht weniger als 1400 seltenen und wertvollen Vogelbälgen
kehrte der Forscher glücklich nach Chartum zurück.
[Illustration: Schuhschnabel oder walköpfiger Storch (~Balaeniceps
rex~) aus dem Weißen Nilgebiet. Das ist der Vogel „Abu Markub“ --
eine Vogelart, die Brehm auf seinen Nilfahrten beobachtete. Unserer
Abbildung liegt eine Photographie aus dem Jahre 1928 zugrunde.
(Nach einer Aufnahme von Carl Hagenbeck, Stellingen)]
Hier erwarteten ihn wohl Nachrichten aus dem Elternhause, aber
von Baron Müller waren weder Briefe noch Wechsel noch sonst ein
Lebenszeichen eingetroffen. Es kam auch künftig nichts mehr. Damit
begann die alte Geldverlegenheit mit all ihrem aufreibenden Elend von
neuem. Brehm mußte sich aufs äußerste einschränken, aber er arbeitete
unverdrossen weiter an der Vervollständigung seiner Sammlungen, weil
nur durch Arbeit seine entsetzliche Lage erträglicher wurde, weil nur
die Natur Genüsse bot, die ihn das Elend seiner häuslichen Umstände
vergessen ließen. Schließlich erfuhr er durch den österreichischen
Konsul von Kairo auf Anfrage, daß Baron Müller bankerott sei. Damit
war der letzte Hoffnungsstrahl geschwunden! Verlassen und verraten
im Innern Afrikas! Ohne Mittel zur Heimkehr! Nur wer selbst gleich
dem Schreiber dieser Zeilen eine ähnliche Lage durchgemacht hat, wird
ermessen können, was sie bedeutet. Dazu stellte sich das „Geschenk
des Teufels“, die Malaria, wieder ein und steigerte sich zu immer
heftigeren und in immer kürzeren Zwischenräumen wiederkehrenden
Anfällen. Aber die wissenschaftliche Ausbeute durfte trotzdem
nicht notleiden, alles Entbehrliche wurde für sie verwendet. Brehm
vertauschte seine silberne Uhr gegen acht Pfund Schießpulver, er
verkaufte Kleider, Waffen, Bücher, Kisten, Wäsche, den wenigen Schmuck,
den er besaß, kurz alles, was sich irgend verkaufen ließ. Er bat in
seiner Not den Pascha um etwas Schießpulver. „Gebt dem Herrn 6000 Stück
Militärpatronen zum Einkaufspreise der Regierung!“ lautete die an den
Aufseher des Pulvermagazins zu überbringende Antwort. Das Pulver war
freilich schlecht, aber das Pfund kostete auf diese Weise auch nur
fünf Piaster, und die Bleikugeln waren umsonst. Brehm goß Schrote aus
ihnen. Natürlich konnte er dem Pascha auch die entliehenen 5000 Piaster
vorläufig nicht zurückzahlen und bat deshalb brieflich um Verlängerung
der Frist. „Zwischen dir und mir gibt es keine beschwerlichen Dinge“,
schrieb der Türke einfach zurück.
Ich kannte früher ein rührendes Gedicht Brehms aus dieser Leidenszeit,
betitelt „Meine letzten drei Freunde“[4], unter denen er seine
vielerprobte Büchse, seinen treuen Diener Ali und seine zahme Löwin
Bachida verstand. Und wurde unserem Freunde das Herz einmal gar zu
kummerschwer, und war der Dämon des Fiebers einmal auf Stunden von ihm
gewichen, dann schulterte er sein Gewehr und zog hinaus in die freie
Natur, sich neu zu kräftigen und zu stärken. Wer in der Natur Trost zu
finden weiß, der kann ja niemals ganz unglücklich werden!
[4] Alle meine Bemühungen, es wieder aufzutreiben, sind leider
vergeblich gewesen
Um diese kritische Zeit kam ein deutscher Großkaufmann aus Petersburg,
namens Bauerhorst, nach Chartum, um dort Handelsbeziehungen
anzuknüpfen. Er war ein anständiger Mensch, befreundete sich bald mit
Brehm und erbot sich, ihn nach Abwicklung seiner Geschäfte bis nach
Kairo mitzunehmen. Ein Ausweg? Es fragte sich, ob der Pascha als Brehms
Hauptgläubiger die Erlaubnis zu dessen Abreise vor Bezahlung der Schuld
geben würde. Beide gingen deshalb zu ihm, Bauerhorst, um Abschied
zu nehmen, Brehm, um zu bitten, seine Schuld von Kairo aus zahlen zu
dürfen.
Der Pascha war schlechter Laune und anfangs sehr kalt. Brehm übersetzte
zuerst Bauerhorsts Abschiedsworte und kam dann zu seiner Bitte:
„Herrlichkeit, ich muß zugrunde gehen, wenn ich noch länger hier
verweile. Nach Aussage der Ärzte ist mein geschwächter Körper nicht
mehr fähig, neuen Fieberanfällen Widerstand zu leisten. Ich muß eilen,
ein gesundes Klima zu erreichen; auch möchte ich gerne die Lieben im
Vaterlande wiedersehen, von denen ich so lange getrennt gewesen bin.“
„Aber wer hält dich denn hier zurück, Chalil Effendi? So ziehe doch in
Frieden deiner Heimat zu!“
„Herrlichkeit, mich hält einzig und allein mein gegebenes Wort zurück.
Ich bin dein Schuldner und freue mich, es zu sein, weil ich dadurch
deine Großmut erkennen lernte. Es ist mir aber unmöglich, mein Wort
hier zu lösen, wie ich es versprochen habe. Ich kann es nur in Kairo.
Willst du mir erlauben, daß ich dahin abreisen darf, so wirst du das
Maß deiner gegen den Fremdling reichlich bewiesenen Güte übervoll
machen.“
„Zum Teufel! Was denkst du von mir, Chalil Effendi? Bezahle zwei Monate
nach deiner Ankunft an deinen Konsul in Kairo; ich werde das Geld dort
erheben lassen. Aber wie willst du nach Kairo gelangen? Das ist ein Weg
von mehreren hundert Meilen. Wo willst du die Reisekosten hernehmen?“
„Mein Freund Bauerhorst hat versprochen, sie bis nach Kairo auszulegen.“
„Ganz gut, Chalil Effendi, aber ich will dir noch eine Lehre geben. Du
bist noch jung und kannst noch nicht die Menschenkenntnis besitzen,
die ich mir durch lange Erfahrung im Geschäftsleben erworben habe.
Glaube mir, der beste Freund verwandelt sich allgemach in einen Feind,
wenn man ihn fortwährend um Geld anzusprechen gezwungen ist. Ich kann
verhüten, daß auch du diese Erfahrung machst, und ich will es. Ich
werde verfügen, daß man dir noch 5000 Piaster aus der Schatzkammer
ausbezahlt. Du bist dann 10000 Piaster schuldig. Zahle sie an deinen
Konsul in Kairo zurück!“
Brehm, für den diese Worte eine glänzende Erlösung aus seinem Elend
und die endliche Rückkehr in die Heimat bedeuteten, fand anfangs kaum
Worte, seinen Dank auszudrücken. Endlich stammelte er: „Herrlichkeit,
deine Gnade drückt mich zu Boden. Ich werde deinen Edelmut nie
vergessen.“ In dem feuchten Blick des beglückten Deutschen mochte
der Pascha wohl lesen, daß er seine Großmut an keinen Unwürdigen
verschwendet habe. Freundlich entließ er ihn[5].
[5] Brehm hat mit Hilfe seiner Verwandten die Schuld pünktlich
zurückgezahlt. Der Pascha schrieb später dem alten Brehm noch
einen sehr netten Brief, worin er ihn zu diesem Sohn
beglückwünscht
Nun ging es also wirklich an die Zurüstungen zu der langwierigen
Heimfahrt, die bei der Menge der angesammelten wissenschaftlichen
Ausbeute und der großen Anzahl Tiere, die lebendig mitgeführt werden
mußten, recht umständlich waren. In Kairo traf Brehm zufällig mit
seinem berühmten Landsmann Theodor von Heuglin zusammen, und beide
machten gemeinsam noch einen Abstecher nach dem Sinai. Es ist
bezeichnend für Brehm, daß er, obwohl es ihn begreiflicherweise mit
allen Fasern seines Herzens nach der trauten Heimat zog, doch diese
Gelegenheit nicht versäumen wollte, nun auch noch die zwar spärliche,
aber sehr eigenartige Tierwelt des Sinai kennenzulernen, um sie mit
der ägyptischen vergleichen zu können. Am 16. Juli 1852 drückte Alfred
Brehm nach mehr als fünfjähriger Abwesenheit seine treuen Eltern wieder
ans Herz. Ein unreifer Jüngling war nach Afrika hinausgezogen, ein weit
über seine Jahre gereifter, ernster, ganzer Mann kehrte zurück.